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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 28
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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13

Ich habe jetzt in großen Zügen ein Bild von meinen Hoffnungen und Sympathien gegeben, die ich bezüglich der ökonomischen, sozialen und politischen Vorgänge meiner Zeit hege. Dieses Buch soll in erster Linie autobiographisch sein, nicht eine politische Dissertation, und ich spreche ohne Zurückhaltung von allen diesen Dingen, weil sie ein Stück von mir sind, weil sie Gegenstand eines großen Teiles meiner wachen Gedanken sind und meine Handlungen, die Einteilung meiner Tage mehr und mehr bestimmen. Jene Vorstellung von einer offenen Verschwörung, um die ›Weltrepublik‹ herbeizuführen, ist der Grundzug, dem ich den Großteil meiner sozialen Tätigkeit anzupassen suche. Das gehört ebenso zu mir, wie mein Augenlicht oder mein Gewicht. Ich habe versucht, nicht nur die Merkmale dieses Grundzuges zu umreißen, sondern auch zu schildern, wie er in meinem Geist entstanden ist.

Dieses fünfte Buch, welches sich jetzt seinem Ende nähert, – obwohl ich schon fühle, daß viele von meinen Aufzeichnungen einer ausführlichen Erklärung bedürften – soll man, schlage ich vor, als Manifest des Liberalismus im zwanzigsten Jahrhundert nehmen. Die Auslegungen des Liberalismus, die in den letzten Jahren gegeben wurden, sind infolge seiner Verwicklung mit politischen Parteien und deren wechselnder Anpassung formlos und rhetorisch gewesen, doch ist Liberalismus eine ganz definierbare Sache und ich gehöre nach jeder möglichen Definition zum liberalen Typ. Ich bin ebensosehr ein Liberaler, wie ich Londoner bin oder Industrieller oder Mitglied der ›Royal Society‹. Dies muß in jeder Beschreibung von mir eine grundlegende Rolle spielen.

Liberalismus ist im wesentlichen ein Produkt der letzten zwei Jahrhunderte und hauptsächlich der letzten hundert Jahre. Er ist ein Versuch, im Denken und in der sozialen und politischen Tätigkeit die Überzeugung zum Ausdruck zu bringen, daß, hervorgerufen durch die Veränderung im Maßstab, dringende Verbesserungen nötig sind. Aus diesem Grunde nahm er seinen Anfang hauptsächlich damit, daß man an allen Enden verneinte, die bestehende Autorität, Privilegien, Dogmen, Traditionen nicht anerkannte. Das erste, wozu er sich bekannte, war Freiheit; das erste, was er erntete, Auflehnung. Seine natürlichen Anhänger fand er unten den neuen gesellschaftlichen Typen, Geschäftsleuten, Rechtsanwälten, Handelsleuten und den westlichen Industriellen. Er sprach von Republiken. Er suchte Hilfe gegen das Bestehende unter den Ausgestoßenen; er emanzipierte, er befreite. Er gewann sich unterworfene Völker, da er ›ihre Ansprüche für berechtigt hielt‹. Von allem Anfang an stand er mit den nationalen sowohl als den sozialen Beschränkungen in Konflikt. Er verbündete sich mit der Internationale der jüdischen Finanz. Und er brachte den Gedanken des Freihandels auf.

Im Zusammenhang mit politischen Dingen verlor er hie und da seinen Weg. In Großbritannien wurde er von dem torystisch gesinnten Gladstone ausgebeutet, in Frankreich durch Napoleon III. Vor den Handelsunionen stand er sprachlos da. Er wußte nicht, was damit anzufangen, und hätte doch viel mit diesen in seiner Richtung arbeitenden, aufbauenden Vereinigungen, die an Stelle einer chaotischen Balgerei um Arbeit den kollektiven Geschäftsbetrieb einführten, anfangen können. Seine Anwaltschaft für unzufriedene Völker machte ihn bald zum Helden der Nationalitäten, und das war es auch, was den pseudoliberalen Nationalismus in Deutschland und Italien entfachte. Dieser pseudo-liberale Nationalismus hat Wälder von Schwertern und Bajonetten und bittere, abstoßende Früchte gezeitigt. Dazu wurde noch der Liberalismus Großbritanniens gegen das Ende seines Zuges durch die Welt merkwürdig imperialistisch, obwohl er sogar in Indien eine Zeit lang zu erziehen und zu modernisieren suchte und Befreiung versprach. Er fühlte sich in der Welt recht wohl zu Hause und schloß Kompromisse mit den Crests.

Schon in den Tagen des deutsch-französischen Krieges von 1870 hatte er etwas von der jetzigen losen, liebenswürdigen, unbestimmbaren Färbung angenommen; er bekam sein Asquith-Gesicht. Doch hielt er noch immer tapfer am Freihandel fest, an Volkserziehung, Redefreiheit, Gewissensfreiheit in Religionssachen. Unglücklicherweise hatte er sich etwas voreilig auf eine äußerste Freiheit des Privatbesitzes, auf die Philosophie des Individualismus festgenagelt und geriet aus der Fassung, als die Sozialisten mit ihrer Idee einer großangelegten, konkurrenzlosen Geschäftsorganisation der Gesellschaft auftraten. Sie waren auf einer anderen Route zu Vorkämpfern eines neuen Aufbaues geworden. In den daraus entstehenden Kontroversen gelang es weder dem Liberalismus noch dem Sozialismus, mehr als einen einseitigen Einfluß auf die Vorgänge in der ökonomischen und sozialen Entwicklung zu erringen. Ich habe schon erzählt, wie sehr Dickon und ich, als typische Abenteurer der neuen Art, typische Jüngste nach dem neuen Maßstab, in unseren Studententagen durch diese einander widerstreitenden Auffassungen beirrt wurden. Die Geschichte unserer Erfahrungen und Ideen, wie ich sie vor dem Leser ausgebreitet habe, ist nicht bloß die Geschichte der inneren Kämpfe, die wir zwei zu bestehen hatten, sondern, in uns beiden als Beispielen, die Geschichte der allgemeinen Einstellung unserer Generation, die praktisch darauf gerichtet war, einen zusammenfassenden Begriff von den Hauptfragen unserer Zeit zu bekommen.

Dieses neue Manifest des Liberalismus, wie ich es hier gebe, ist der Erfolg. Viele andere Männer im öffentlichen und Geschäftsleben fangen an, genau so zu denken, wie wir denken. Wie ich es schon in einem früheren Abschnitt sagte, haben Individualismus und Sozialismus eine Phase der Verschmelzung und neuen Begriffsbildung erreicht. Der politische Liberalismus stirbt, um in festerer Gestalt, mit klarerem Willen wiedergeboren zu werden.

Es ist merkwürdig, wieviel von dem Liberalismus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in einer reicheren und etwas geordneteren Form noch in unseren Ansichten lebt. Wir zwei wenigstens sind wieder auf seine republikanische und kosmopolitische Weltanschauung zurückgekommen. Wir verstehen jetzt die grundlegende Bedeutung von Redefreiheit, Glaubensfreiheit, Freiheit von Schranken, die uns durch Privilegien und ungünstige Vorurteile aufgelegt werden, viel voller zu würdigen. Wir vermögen jetzt als Kosmopoliten viel kühner hervorzutreten, weil wir eine ganze Reihe erfolgreicher internationaler Experimente vor Augen haben und einen festeren Begriff von den Mitteln und Methoden, durch welche die allmähliche Umwandlung der menschlichen Gesellschaft in eine ›Weltrepublik‹ erreicht werden kann. Unser Glaube an den Fortschritt ist durch siebzig Jahre neuer Rechtfertigung gefestigt worden.

Im wesentlichen ist das, was der moderne Liberalismus will, ungeheure Vereinfachung. Ein Jahrhundert lang glich der Liberalismus dem Geist eines jungen Riesen, der sich gegen beinahe unerträgliche Fesseln wehrt, Fesseln, in denen er geboren war und die sein Wachstum, seine Existenz verunstalten und bedrohen. Sein Hauptzweck ist, eine Unzahl von Komplikationen, die das Leben stören und verwüsten, wegzuräumen. Er ist, wie der Meißel eines Bildhauers, durch Abhauen schöpferisch. Er kehrt sein Antlitz gegen Grenzen, Flaggen und die aufgezwungenen und übertriebenen Trennungen, die die Menschen von einer gesunden und brüderlichen Zusammenarbeit rund um die Welt abhalten, und wird diese im Laufe der Zeit auch überwinden und vertilgen. Er möchte gerne jede Ritze und jede dunkle Ecke, in der jetzt Habsucht, Verdacht, Grausamkeit und Übelwollen ihr Versteck finden, ihr Geschäft betreiben und dem menschlichen Gemeinwohl Schaden antun, rein ausfegen. Zu diesem Zwecke möchte er alle die Zollstationen, Paßämter, kurz alle die Schranken, die weit über die Grenzen der Natur hinaus die menschliche Tätigkeit und den menschlichen Handel auf diesem kleinen Planeten fesseln und beengen, einfach über den Haufen werfen. Er will das Geld- und Kreditsystem der Welt vereinheitlichen; will den Transport zu Lande und zu Wasser auf der ganzen Welt unter eine Kontrolle stellen; will die Erzeugung und Verteilung der notwendigen Lebensbedürfnisse überall überwachen. Er möchte den Besitz-Geld-Komplex, unter dem wir alle leiden, durch wissenschaftliche Analyse und im Zusammenhang damit durch systematische Gesetzgebung vernünftig ordnen. Alle Menschen würde er unter ein gemeinsames Gesetz bringen und das politische Leben der Welt auf ein einziges ökonomisches und polizeiliches Direktoriat zurückführen. Er würde Kronen, Höfe und den ganzen veralteten Kram kriegführender Staaten entfernen, wie ein vorsichtiger Arzt Auswüchse entfernt, weil in diesen Dingen Unheil seinen Sitz hat. Und an Stelle unserer kleinen, alten, abgeschlossenen Lehrstätten, an Stelle von beinahe verstohlen weitergegebener Wissenschaft würde es eine unbelastete Erziehung geben, eine große, gemeinsame Literatur, eine der ganzen Welt zugängliche Belehrungsmöglichkeit, die die ganze Menschheit zu gegenseitigem Verständnis und einer weitherzigen Einmütigkeit des Willens führen würde.

Ich habe erzählt, wie sich die Vorstellung von dieser Vereinfachung des menschlichen Lebens in meinem Sinn immer mehr befestigte und welche Kräfte mir darauf hinzuarbeiten scheinen. Ich habe mein eigenes geistiges und sittliches Porträt gegen den ihm einzig angemessenen Hintergrund gemalt, welcher durch zweihundert Jahre Maßstabveränderung und das Heraufdämmern menschlicher Einigkeit dargestellt wird. Da ich an diese zunehmende Vereinfachung und an den Fortschritt des menschlichen Geistes, der sie begleiten wird, glaube, kann ich das Leben heiter nehmen, kann in meiner Tätigkeit nach außen hin einen Zweck finden. Diese Vereinfachung, diese Reinigung des Bodens für einen neuen Anfang im Menschengeschehen, läßt jede Anstrengung der Mühe wert erscheinen. Verlöre ich aber jetzt den Glauben an die fortdauernde Macht dieser aufbauenden und schöpferischen Vorgänge, der in mir mit meiner Entwicklung gewachsen ist, so, gestehe ich, würde für mich wenig Würze im Leben übrigbleiben. Ohne den Entwicklungsgedanken ist das Leben eine versumpfte Marsch. Ist dieses gegenwärtige Zeitalter nicht eine Kräftesammlung zu großen Anfängen, noch immer in wirrem Durcheinander zwar, aber doch langsam sich ordnend, dann ist es ein rechter Narrenrummel, lärmend, torkelnd, unsicher, ehrlos und ansteckend. Trotz des sonderbaren Strahles von Schönheit, der zuzeiten darauf fällt, trotz gelegentlicher heroischer Taten und erleichternder Spässe, trotz der Lust, sich zum ersten Male einen Weg darin zu bahnen, ist es ein Narrenfest, rasch ermüdend und zuletzt abstoßend. Die kleinen, unsicheren Anhäufungen von Wissenschaft, die vollkommene Kunst, die man so selten in einigen Winkeln findet, sind, wenn man sie nicht als bloße Vorzeichen zu größeren Dingen, die da noch kommen sollen, ansieht, absolut ungenügend, um eine so ungeheure Verkommenheit vor der Verdammnis zu retten. Ich würde nur froh sein, dem Geflimmer und Geflatter eines so unsinnigen Spektakels zu entgehen, und würde wahrhaftig nicht wählerisch darin sein, welchen Weg ich ins Nichts und in den Frieden zurücknähme.

Ich habe tiefe Gemütsdepressionen und Zweifel durchgemacht und bin noch immer nicht ganz dagegen gefeit. Diese Depressionen jedoch kamen stets in Perioden der Ermüdung oder wenn der Lärm um mich zu groß wurde und ich den Dingen zu nahe stand. Manchmal treibt es einen zur Verzweiflung, zuviel in Zeitungen zu lesen. Durch sie erscheint das Leben nichts als ein oberflächlicher Lärm zu sein; es scheint geradezu unmöglich, daß irgendein Mensch im Hinblick auf die öffentlichen Angelegenheiten jemals mehr als eine oder zwei Wochen vorausdenken könnte. Es gibt nur eine Zeitung, die meiner Seele Trost ist, und das ist die Natur. Diese Stelle hier oben ist gut, um sich zurückzuziehen und nachzudenken, aber die Gesichter und das Gehaben aller dieser meiner vornehmen Landsleute, die Cannes und den Strand von Nizza bevölkern, stecken einen mit ihrer Leerheit ganz gefährlich an. Wenn mich meine Geschäfte oder irgendein seltenes gesellschaftliches Ereignis dort hinunterführen, muß ich gegen die Vorstellung ankämpfen, ich sei, in meinem Kopfe, ein wilder, phantastischer, ja skandalöser Rebell, ein ›Narr‹, ein Wechselbalg, und es würde mir, als einem Engländer von Stand, besser bekommen, Clementina und alle diese Sorgen um die Menschheitsrepublik insgeheim beiseite zu stellen und nach Cannes hinunter zu gehen, ein meiner Stellung angemessenes Quartier aufzunehmen, mich steif und abgemessen zu betragen, über Suzanne und Miß Wills und Polo, über den Sturz des Francs und die schwerwiegende Bedeutung der Steuer in hergebrachten Ausdrücken Unterhaltungen zu führen, mir beim Bridgespiel Erholung zu gönnen und beim Golfspiel und Tennis Bewegung zu verschaffen, bis meine Zeit zu Ende läuft – anstatt diese Tage des Sonnenscheins, diese Nächte der Schönheit mit geistiger Arbeit, mit Nachdenken, Plänemachen, Schreiben und Ausbessern zu verbringen. Denn, lagt der Teufel dieser verzagenden Stimmung, wie hart ich auch nachdenke, wie gut ich auch arbeite, diese Leute werden mich niemals verstehen, können mich nicht verstehen; sie werden, ein Heer gegen solche einsam sich plagenden Sonderlinge, wie ich es bin, leben und sterben und dabei alles, was ich verdamme, fest aufrecht erhalten, alles, was ich prophezeie, Lügen strafen.

Vor einigen Tagen fuhr ich nach Marseille hinunter, und als ich mit Clementina nach dem Mittagessen in einem großen Café in der Cannebière beim Mokka saß und die geschäftige, vielfältige Menge um mich betrachtete, jeder einzelne fröhlicher als ich, jeder seine volle Aufmerksamkeit auf Kleinigkeiten richtend, die sie alle um soviel besser verrichten konnten als ich, da kam es mit überwältigender Macht über mich, daß es ebenso vernünftig war, von solchen Wesen auf einen Weltenwillen zu schließen, als von einer Kanne voll kleiner Frösche im Sommer. Ich hielt eine französische Zeitung in der Hand, aus der ich erfuhr, daß die Bemühungen der kleinlichen, starrköpfigen politischen Gruppen in Paris, ein mögliches Budget durchzubringen, zum achten oder neunten Male fehlgeschlagen seien, und daß der Friede von Locarno, erst so jung und hoffnungsreich, in Wirklichkeit bereits dem Tode geweiht war, vergiftet durch die kleinlichen Auseinandersetzungen betreffs der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund. Das brachte meine Gedanken auf die Kernfrage.

»Erreichen!« sagte ich. »Sie wünschen es nicht einmal. Die Menschheitsrepublik ist ein Traum.«

Doch hier an diesem einsamen, friedlichen Orte, und besonders zur Nachtzeit, wenn alles still ist, kann man die Dinge von höheren Gesichtspunkten aus ansehen, kann sie am Lauf der Weltgeschichte messen, kann den weitschwingenden Radius des Schicksals erkennen, wie es sich seinen Weg vorwärts durch die Himmel bahnt. Dann sieht aller Wechsel so aus, als ob er Bestimmung sei, die Weltrepublik scheint wie die Sonne greifbar nahe zu sein, dann ist es die gemachte Pose und Geschäftigkeit, sind es die vielfältigen Ziele und Kämpfe der rennenden, wirbelnden Menge, die sich wie Nebel im Morgengrauen auflösen und Traumgestalt annehmen.

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