Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Herbert George Wells >

Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 25
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
Schließen

Navigation:

10

In der letzten Zeit ist die Mode aufgekommen, der Jugend zu schmeicheln. Man hat den jungen Leuten erzählt, sie seien die Hoffnung der Erde und ihre kindlichen Instinkte weit besser als all die schmerzvoll erworbenen Weisheiten des Menschengeschlechtes. Doch jung sein heißt nicht notwendig auch neu sein. Jede Unreife ist ihrer Natur nach schon eine Hemmung. Die Kiemenbogen des menschlichen Embryo weisen auf die cambrische Periode zurück und stellen den Umweg der Natur zu einem Kinnbacken dar, über den man viel froher wäre, wenn er sich etwas unvermittelter entwickelt hätte, und zu Ohrknochen, von denen man verlangen könnte, daß sie eine vorteilhaftere Gestalt zeigten. Ein kindlicher Geist wiederholt die aufeinanderfolgende Unterdrückung, die ihm als Affen und als Wilden widerfahren ist. Der heranwachsende Jüngling oder die Jungfrau sind von Natur aus Barbaren, bereit, ja begierig, den ganzen geschmacklosen Romantizismus, den wir Erwachsene zu überwinden suchen, von neuem ins Leben zu rufen. Junge Leute sind vielleicht nicht konservativ, sicherlich aber instinktiv reaktionär.

Seit dem Kriege macht uns die heranwachsende Generation, die ihn nicht kennengelernt hat, viel zu schaffen. Sie wuchs auf, während ihre Väter und älteren Brüder im Felde waren, und für manchen kehrte die strafende Hand, die mahnende Stimme niemals zurück. Vielen aus dieser rauhen Schichte schien es ihre Aufgabe zu sein, von der Welt Besitz zu nehmen. Doch ihre eigentliche Aufgabe wäre es gewesen, von der Welt etwas zu lernen.

Die Geistesart der heranwachsenden Jugend hat seit dem Kriege eine so günstige Gelegenheit gehabt, sich zu entfalten, wie es nie zuvor in der ganzen Menschheitsgeschichte der Fall gewesen war, und überall hat sich dasselbe gezeigt, daß sie nämlich heftig, intolerant, leidenschaftlich, theaterhaft, dumm und blind gegen all die bedeutenderen Anzeichen der bevorstehenden Katastrophe ist. Überall hat sie sich hinreißen lassen, ultraradikalen Führern zu folgen, ihnen in blinder Hingabe zu folgen. Die kommunistische Partei in Moskau besteht hauptsächlich aus Jugendlichen und ihre Anhänger in Europa und Amerika sind selten über dreißig. Der faschistische Unfug ist ihr natürliches Gegenteil.

Der Geist der Jugend ist ein mittelalterlicher Geist. Er führt uns in das Zeitalter der Inquisition zurück, in das Zeitalter der Theologie und heißer Furcht. Das Leben drängt auf die Jugend mit heftiger Ungeduld ein; alle Entscheidungen, die die Jugend trifft, scheinen ihrer Unerfahrenheit endgültig zu sein. Sie stürzt sich auf leitende Prinzipien und verteidigt sie dogmatisch. Wie eine undisziplinierte Armee darf sie es aus Furcht vor einer Panik nicht wagen, zu manövrieren oder den Rückzug anzutreten. Sie sucht jede Kritik zum Schweigen zu bringen oder auszurotten – nicht weil sie intensiv glaubt, sondern weil sie fürchtet, ihren Glauben zu verlieren. Ihre Heftigkeit verbirgt eine tiefe intellektuelle Feigheit, die Angst vor einem Zustand der Unentschiedenheit, die Furcht davor, sich auf der Welt allein zu sehen.

Wenige Geister sind vor dreißig Jahren reif und kräftig genug, eine selbständige Originalität zu erzielen. Die Originalität der Jugend ist meistenteils bloß eine kindliche Verdrehung der bestehenden Welt. Ihre Unabhängigkeit ist im allgemeinen nichts weiter als ein primitives Sträuben gegen Belehrung. Der jugendliche Revolutionär ist hauptsächlich ungehorsam und sein Ultra-Radikalismus ein Versuch zum Urzustand, zur Natürlichkeit, Undiszipliniertheit, zu Schmutz und Verwüstung zurückzukehren. Der jugendliche Anti-Revolutionär greift auf mystische Loyalität und Romantik zurück.

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.