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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 24
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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Die menschliche Gesellschaft beruht auf physischer Kraft. Gesetz ist in erster Linie systematische gewaltsame Unterdrückung instinktiver und sinnloser Gewalttätigkeit zwecks allgemeiner Sicherung von Besitz und Leben. Das Gesetz mag zu Zeiten nicht viel mehr gewesen sein als der Wille eines Herrschers oder der Druck irgend einer Stammesansicht; immer aber hat es einen Bruchteil System in sich geborgen, zum mindesten eine bestimmte Forderung in sich getragen, irgend welche Bedingungen zu schützen, irgend welche Regeln zu befolgen. Bis jetzt war das Gesetz jedoch immer nur örtlich, den Untertanen eines bestimmten Staates angepaßt gewesen. Das Gesetz wechselt noch heute ungeheuer von Land zu Land.

Es würde ein ungewöhnlich interessantes Buch geben, wenn jemand uns eine Geschichte der Ausbreitung des Gesetzschutzes auf den Fremden schriebe und das Anwachsen der Idee herausarbeitete, daß ein Mensch Rechte nicht nur als Bürger, nicht nur als Schützling eines genügend mächtigen fremden Staates habe, der sein Unrecht zu ahnden hat, sondern einfach als Mensch. Er würde einige unterhaltende, recht schwierige Kapitel über Exterritorialbräuche und diplomatische Privilegien zu schreiben haben. Es dürfte nicht lange her sein, daß die Auffassung eines weltumspannenden Schutzes für jedermann aufgetaucht ist. Mit der Erweiterung des geistigen Horizontes im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert ist dieser Gedanke gewachsen. In Verbindung damit stehen gewisse soziale Entwicklungsformen, die vielversprechend sind.

Das bezeichnendste Beispiel hiefür ist der moderne Polizist. Wenn man einen talentvollen Beamten des alten Rom in das heutige London, Paris oder New York bringen könnte, so würde er, nachdem er sein Erstaunen über die Ungeheuerlichkeit des Verkehrs, über die Breite der Straßen, über die Glasscheiben der Läden, die künstliche Beleuchtung und ähnliche auffallende materielle Unterschiede überwunden hätte, seine Aufmerksamkeit auf jene seltsamen unbewegten Personen lenken, die den verwirrenden Verkehr sänftigen, ordnen, sichern und erleichtern. Denn der moderne Polizist ist etwas Neues in der Welt. Er erscheint in der Geschichte später noch als die moderne Presse. Er ist etwas sehr Wesentliches und etwas sehr Bedeutsames in der neuen Phase menschlichen Gemeinlebens. Er verkörpert neue Ideen. In ihm stecken neue Entwicklungsmöglichkeiten.

Ich vermute, der Kulturhistoriker könnte uns über die Entwicklung der Konstabler, Wach- und Schutzleute in alten Zeiten viel erzählen. Ich denke, daß es im alten Babylon und im alten Rom schon Wachen gegeben hat. Sie aber waren nicht so sehr Erhalter der Ordnung als bedrohliche Erscheinungen, wie es in dunklen und gefährlichen Orten zuweilen eine gewisse Andeutung von Ordnung gibt. Selten haben jene alten Schutzeinrichtungen soviel Vertrauen erweckt, daß die Bürger dadurch des Tragens von Waffen enthoben worden wären. Seit wie kurzer Zeit ist diese Entwaffnung der Privatpersonen doch erst möglich und wie allgemein ist sie schon! Ich habe fast die ganze Welt bereist und habe viele einsame Orte in der Wüste und in der Wildnis besucht. Ich bin Tausende von Meilen geflogen, bin unter dem Meer mit Unterseebooten gefahren, habe meinen Teil an persönlichen Gefahren überstanden, aber ich habe niemals – außer im Krieg als Formalität – eine Waffe bei mir getragen. Wie erstaunlich wäre das meinen Ahnen aus der Tudor- oder Plantagenet-Zeit erschienen! Welch neue geistige Atmosphäre bedingt dies! Zur Zeit der Tudors gingen die Clissolds nachts nicht aus, wenn sie sich nicht vorher versichert hatten, daß ihr sehr dekorativer Dolch leicht aus seiner noch dekorativeren Scheide fuhr. An jeder Straßenecke faßte man ängstlich an seinen Griff.

Ganz unauffällig, so daß in den Geschichten kaum etwas von ihnen zu lesen steht, entstanden diese neuen Polizeiorganisationen und breiteten sich gleichzeitig mit den geteerten Straßen, den Gaslampen und den Zeitungen über eine veränderte Welt aus. Alle diese Neuerungen erscheinen heutzutage selbstverständlich, ja geradezu gewöhnlich. Trotzdem veränderten sie die Richtung des sozialen Lebens. Sehr schnell konnte der gewöhnliche Mensch mit Hilfe der Druckerei und des Telegramms die Welt als ein Ganzes übersehen. Ohne große Anstrengungen verbreitete sich die Auffassung, daß Leben und Besitz gesichert werden können, und so verlangte man begreiflicherweise ähnliche Sicherungen auch auf anderen Gebieten. Freiheit der Bewegung und Freiheit des Handelns wurden, wo immer in der Welt einer danach verlangte, als das selbstverständliche Recht eines jeden gefordert.

Das Ideal der Zivilpolizei wurde während des achtzehnten und zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts geschaffen. Obwohl ich glaube, daß Frankreich zuerst damit begann, entwickelte es sich in England doch schneller und vollkommener als irgendwo anders. Es war, wie der englische Geist begriff, eine neue Kraftorganisation zu neuen Zwecken. Der Polizist sollte der Diener aller sein; er sollte fern von aller Politik gehalten werden; die Anwendung seiner Macht sollte scharf begrenzt, er sollte unbewaffnet oder nur leicht bewaffnet sein, mit einem Schläger oder irgend einem anderen stumpfen Werkzeug, und er sollte die private Freiheit schützen, ohne sie zu belästigen. Er sollte aufgeweckt sein, ohne herumzuschnüffeln, mehr warnen als befehlen. Wenn er nicht heftig zuschlagen durfte, so mußte er doch sicher sein zu treffen, und anstatt einer krampfhaften, rachsüchtigen Alleinherrschaft sollte er eine sanfte, unvermeidliche, stets anwesende Kraft verkörpern.

In England und Amerika und in jedem europäischen Land fand ein Kampf zwischen diesen wahrhaft modernen Idealen mit den Stellvertretern ihrer älteren und niedrigeren Verkörperungen statt. Jeder britische Innenminister hat die Versuchung gefühlt, aus dem Polizeimann einen politischen Büttel zu machen, aber fast immer wurde dieser Versuchung widerstanden. Die Vereinigten Staaten ebenso wie England haben sich bemüßigt gefühlt, ihm schwierige und unpassende Aufgaben zu stellen, wie zum Beispiel die Überwachung der sexuellen Moral, der nächtlichen Sperrstunde und gewisser Einschränkungen im Trinken und Essen. Aber bei jedem dieser Versuche fand man, daß diese ihn moralisch überanstrengten und einen unangenehmen Kerl aus ihm machten.

Die Polizeimacht und die militärische Macht kann man in ihrer typischen und gegensätzlichen Form als Beispiele nehmen, um die neue und die alte Ordnung zu symbolisieren: die eine sanft, universell, beschützend und helfend, die andere parteiisch, streitsüchtig, geheimtuerisch und abstoßend. In den französischen und englischen Zeitungen konnte ich letzte Woche diese beiden Machtgruppen in ihren eigenartigen Wirkungen verfolgen. Eine Gruppe von Verbrechern mit romantisch politischen Prätentionen hat in Ungarn französisches Papiergeld fabriziert; sie wurden in ehrlichem Zusammenarbeiten der französischen mit der ungarischen Polizei gefangen. Ein Raubanfall in England wurde in Paris festgestellt durch ebenso ehrliches und offenes Zusammenarbeiten der französischen mit der englischen Polizei. Dadurch, daß man sie von nationaler Politik fernhielt, konnte die europäische Polizei eine Art internationale Wache bilden zugunsten der Allgemeinheit. Hier sieht man die Fäden der neuen Ordnung zwischen dem Gewebe der alten hindurchschimmern. Gleichzeitig aber kam in Toulon eine andere, ziemlich üble Angelegenheit ans Licht: Irgendwelche geheimnisvollen Engländer scheinen im dunklen Viertel dieser Stadt arme, kleine Dirnen dazu angetrieben zu haben, französischen Matrosen und Arsenalarbeitern Geheimnisse zu entlocken. Geheimnisse, auf diese Weise entlockt, sind den Gestank nicht wert, der durch ihr Aufrühren emporsteigt. Aber da habt ihr die alte Ordnung am Werk und unseren heutigen Nationalismus in seiner logischen Weiterentwicklung. Mein Intellekt ist kosmopolitisch, mein Stolz und mein Instinkt sind patriotisch, aber die Bemerkung der französischen Zeitung, daß man unsere Admiralität unter den Betten der Touloner Bordelle aufgestöbert hat, hat mich gefreut.

Eine Zivilpolizei ist die passende Form der Macht in einem modernen Staat, ebenso wie eine regenerierte Presse eine passende Form für den geistigen Verkehr ist. Und so muß die Zivilisierung, die Internationalisierung des Polizeigeistes das zweite Arbeitsziel der schöpferischen Revolution sein. Die Entwicklung einer großen Weltpresse mit gemeinsamen Ideen und gemeinsamen Zielen, die Entwicklung eines dichtgeflochtenen Netzwerkes von Polizeikräften über die ganze Welt, belebt von einer gemeinsamen Auffassung für Lebens-, Besitzes-, Bewegungs- und Gedankenschutz, sind die zwei wesentlichen Aufgaben, denen wir unsere Kraft, unseren Ehrgeiz und unsere Hilfsmittel zuwenden sollen. Ein internationaler Gerichtshof zwischen den Nationen ist an und für sich auch etwas Gutes, aber weitaus durchdringender und bedeutsamer wäre die Organisation von Genf, wenn sie zu einem Polizeibüro würde, das den Schutz von Leben, Besitz und Freiheit auf der ganzen Welt sicherte, ohne parteiische Unterscheidung von Personen, nach einem von der ganzen Welt anerkannten Code.

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