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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 23
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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Juristen und ähnliche Erhalter antiker Psychologie stellen die durch Jahrtausende geehrte Behauptung auf, daß die Männer arbeiten und große Industrien ins Leben rufen, um ›eine Familie zu gründen‹. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie jemand selbst mit der schwächlichsten Beobachtungsgabe eine so alberne Behauptung wiederholen kann. Ich bezweifle, daß irgend ein großer Geschäftsmann oder irgend ein bedeutender Finanzmann des letzten Jahrhunderts seine Arbeit um der Familie willen verrichtet hat. Er tat es um des Geschäftes willen. In früheren Zeiten der Unsicherheit mag man sich wohl bemüht haben, die Söhne und die angeheirateten Verwandten bei dem Stab zu halten, den man gegründet hatte. Aber selbst da, dünkt mich, geschah es um des Geschäftes willen. Und heutzutage sieht ein unternehmender Geschäftsmann weit eher nach einem talentierten Fremden aus als nach einem unbefähigten Sohn. Die späteren Caesaren taten das auch. Sie nahmen immer gleichwertige Kollegen zu Nachfolgern. Die unheilvollsten Caesaren waren die, die in Purpur geboren wurden. Und seht euch nur einmal die Familien an, die von den ersten amerikanischen Millionären gegründet wurden!

Kein wirklich starkes, führendes Volk hegt Sympathien für das Erbschaftsgesetz. Es beschwerte die Welt mit unmaßgebenden Aktionären und verschwenderischen Nichtstuern, die alle Wege durch ihre schlenderhafte und ziellose Lebensführung versperren; es ist nichts als krankhafte Entartung des Besitzes. Wenn Romer, Steinhart, Crest & Co. Lady Steinhart und die Crests abschütteln könnten, so wären wir alle nur zu froh.

Wenige von uns ahnen, wie schnell das Familienleben, das Familienleben einer kleinen Gruppe von Verwandten und Kindern, aus unserem modernen Leben verschwindet. Das Königtum macht aus dem Familienleben eine eindrucksvolle Parade, weil das ihr Metier ist; aber die große Mehrheit der einflußreichen Leute der Welt schart sich nicht mehr um das Heim, wenngleich sie sich hier und dort ihre Wohnungen hält. Lambs Court ist wohl eine Art Heim für die Clissolds, aber heute wohnt nur die Dienerschaft dauernd dort. Dickon, der für einen modernen Geschäftsmann ganz außergewöhnlich häuslich ist, kommt fast niemals hin; mindestens die Hälfte seines Lebens war er ebenso heimatlos wie ich während meines ganzen Lebens. Familiensitze sind traditionelle Dinge; sie mögen angenehm sein, um darin einige wenige glückliche Jahre zu verbringen, aber sie sind für das menschliche Leben heute ebenso wenig notwendig wie Hauptstädte. Die Hälfte der großen Landhäuser in England stehen zum Verkauf. Ebenso wie die Zukunftswelt eines Tages keines Regierungssitzes mehr bedürfen wird, ebenso mag die allgemeine Sicherheit und der allgemeine Wohlstand eines Tages die Mauern und die Abgeschlossenheit der Familien aufheben.

Ich meine nicht, daß die Einschränkung des Miteinanderwohnens und der Erbschaftsrechte die Bande der Blutsverwandtschaft zerreißen wird. Der Mann wird zu seiner Familie kommen und sich um sie kümmern, umso lieber, als er sich dann von ihr nicht mehr bedrängt fühlen wird. Ein Sohn, der seinen Vater nicht mehr als Tyrannen, nicht mehr als eine Art Gefangenenwärter betrachten wird, dürfte darauf kommen, in ihm einen Freund zu sehen, der ihm durch ähnliche Lebenserfahrung beistehen kann. Je schwächer die Gewohnheit des Beieinanderlebens, desto stärker wirkt vielleicht der Zauber der Blutsverwandtschaft. Wo es eine natürliche, besondere Sympathie gibt, wird diese zum Anschluß und zur Mitarbeiterschaft drängen; wo diese aber nicht vorhanden ist, gewinnen weder Vater noch Kind noch die Welt durch erzwungene Nachfolgegesetze. Wenn der Sohn zu einem fähigen Direktor wird – schön und gut, aber wir wollen nicht einen müßigen Aktienträger aus ihm machen. Laßt den Sohn erst die Berechtigung seines Sohnestitels erwerben. Laßt die Witwen und weiblichen Abhängigen bloß Behagen und Sicherheit, Haushalt und Einrichtung haben, nicht mehr. Ein Mann, der das Privilegium hatte, ein großes Geschäft zu leiten, hat kein Recht, sein Direktorium mit Verwandten zu Übervölkern und sein Vermögen durch seine häuslichen Anhängsel zu verschwenden.

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