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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 20
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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5

Ich habe von meinem flüchtigen Besuch in Genf im verflossenen Sommer berichtet, doch habe ich ihn von dem Gesichtspunkt meines bewegten Gemütszustandes betrachtet und hauptsächlich ausgeführt, welchen Gemütszustand ich mitbrachte, um dieses Erlebnis zu ertragen. Es war mir darum zu tun, meine eigenen Erfahrungen aufzuzeichnen, meinen Konflikt mit meinen eigenen Begierden, auf den ich später noch zurückkommen werde. Aber ich sah und hörte weit mehr von Genf, als ich damals selbst wußte.

Das Vorgehen dieser Versammlung enttäuschte und langweilte mich, wie ich schon gestand. Aber ich war darauf vorbereitet, gelangweilt und enttäuscht zu sein. Ich konnte mich nie für die Idee einer Weltliga begeistern, einer Weltliga mit einer festgelegten Konstitution, mit zwei Kammern und einer vollkommenen Ausstattung, die uns aus Amerika fertig geliefert wurde – und zwar nicht von dem praktischen Geist Amerikas, anfangs hatte sie kaum eine Unterstützung durch die großen Geschäftsleute. Professoren hatten sie gezeugt, sehr pedantische Professoren. Ihr Geist war strikt gesetzlich und sie waren viel zu selbstzufrieden, als daß sie eine Kritik geduldet hätten, die von einem nicht legalen Standpunkt ausging. Wilson war die Quintessenz eines amerikanischen Rechtsprofessors, dessen historische Perspektiven kaum weiter zurückreichten als bis zum Unabhängigkeitskrieg. Er hatte keine geistige und moralische Demut; andererseits erfaßte er keineswegs die Größe der Gelegenheit. Das sonderbare Parlament, auf veralteten Souveränitätsideen basierend, das er geschaffen hatte, war von allem Anfang an recht reizlos. Ein jeder, im Rat ebenso wie in der Versammlung, stand da als Kämpfer seiner Nation, keiner als Repräsentant der Menschheit. Früher oder später mußte Genf zu einer Streitarena der Nationen werden mit einem Apparat, der die aufgeregten Diskussionen über die ganze Erde hin verbreitet. Der Bürgerkrieg, der die amerikanische Republik fast zerrissen hätte, wurde hervorgerufen durch einen Streit über die Repräsentation der Staaten im Kongreß und durch die Bemühung jedes Teiles, mehr Vorteile zu erringen als der andere. Der Völkerbund scheint so aufgebaut, daß er einen ähnlichen Streit hervorrufen kann. Sein Rat und seine Versammlung sind eine größere Gefahr für den Frieden Europas als selbst Italien.

Es gibt jedoch in Genf gewisse kosmopolitische Möglichkeiten, die ich zuerst übersah; es keimen da Dinge, die wachsen und blühen können als Instrumente der Weltrepublik und noch am Leben sein können, wenn Rat und Versammlung längst in Stücke gegangen sind oder zum mindesten ihre Anerkennung verloren haben und ihrer gefährlichen Wirkung beraubt sind.

Ich habe von meinem Gespräch mit Mansard schon berichtet, von meinem Gespräch an einem sonnigen Morgen, beim Mittagessen, am Seeufer, während meine Aufmerksamkeit sich von dem, was er sagte, abwendete. Mansard gehörte zu einer kleinen Gruppe von Leuten, die sich zur Aufgabe gestellt hatten, Genf sonderbaren Besuchern, wie ich ihm einer zu sein schien, zu erklären. Eine Menge von dem, was Mansard mir zu sagen hatte, hörte ich damals kaum; trotzdem muß ich es gehört haben, nachher fand ich es in meinem Gehirn wieder. Seine Einschätzung von der Versammlung und dem Rat war nicht höher als die meine, aber was er die ganze Zeit hervorhob, war die Möglichkeit, durch die Liga ein internationales Sekretariat für eine große Reihe von Weltfunktionen zu schaffen. Er betonte die Wichtigkeit von Albert Thomas' ›Labour Bureau‹, seine unabhängige Wichtigkeit. Er sagte, daß viele Beamte aus ihren Ländern mit nationalem Geist ankamen und daß die erste Wirkung des Ortes oft zu anregenden Vergleichen zwischen Nation und Nation führte und ihren Patriotismus noch verschärfte; daß jedoch bald das Interesse an ihrer Arbeit sie allmählich zu Kosmopoliten machte. Er glaubte, daß in Genf ein wahrhaft kosmopolitischer Esprit de Corps entstand.

Das war Mansards bestrickendes Thema: das Wachstum einer von ihm entdeckten kosmopolitischen Mentalität, eines ›internationalen Geistes‹, wie er es nannte, unter den dauernd angestellten Beamten Genfs. Wenn man ihm aufmerksam zuhörte und ihn ein wenig ermutigte, so wuchsen diese Keime unter seiner Schilderung mit ungeheurer Geschwindigkeit zu einer riesigen Pflanze aus, die sich immer mehr ausbreitete und verzweigte, bis sie die ganze Welt überschattete. Er zitierte Sir Mark Sykes, der die Miliz des Völkerbundes befürwortete, als er in Paris im Jahre neunzehnhundertneunzehn starb; und zwar befürwortete er sie für dasselbe Ziel, zur Erreichung eines kosmopolitischen Esprit de Corps. Mansard zog die Kirche im Mittelalter zum Beweise heran, ihre religiösen Bruderschaften und Orden, besonders die der Tempelritter, um auch in der Vergangenheit ein Vorbild für kosmopolitische Loyalität aufzuzeichnen. Seine Phantasie ging so weit, sich die britische Flotte von ihrer Nationalbestimmung losgelöst vorzustellen, als autonome Flotte, die die Seepolizei für die Menschheit werden konnte.

›Und wie könnte man Luftwege einrichten zum Dienst der ganzen Welt, ohne diesen kosmopolitischen Esprit de Corps zu entwickeln?‹ fragte Mansard.

So Mansard. Ich zitiere ihn, weil er mich hier in meinen Ansichten bestärkt, aber ich will seine Ideen nicht kommentieren.

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