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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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Viertes Buch.
Die Geschichte der Clissolds.
Wirrsal der Wünsche

1

Nun aber muß ich meine eigene Geschichte beginnen, die ich, vielleicht mit Unrecht, so lange hinausschob. Ich muß von meiner Heirat berichten, muß erzählen, wie ich von der Wissenschaft zur angewandten Chemie überschwenkte, wie ich gleich Dickon reich wurde und gleich ihm empfand, daß schöpferische Kraft in greifbarer Nähe vor uns lag und uns doch immer wieder entwich. Um meinen Werdegang klar darzulegen, muß ich noch einmal bis auf unsere Studentenzeit zurückgreifen.

Es gehört zu der allgemein verbreiteten romantischen Verschleierung der Wirklichkeit, die Jugend als eine glückliche, unbekümmert heitere Zeit hinzustellen. Die Kindheit kann glücklich gemacht werden und wird heute auch für eine zunehmende Menge von Kindern glücklich gemacht, aber ich bezweifle, daß viele heranwachsende junge Menschen wahrhaft glücklich genannt werden können. Für die meisten menschlichen Wesen ist die Jugend seit der Zeit, da die Menschheit ein soziales Leben zu entwickeln begann, angstvoll und verworren. Der Mensch ist im Grunde immer noch das Kind des »Urmenschen« aus dem rauhen Steinzeitalter, halb Mensch, halb Affe und durchwegs Egoist; seine Anpassung ist unvollkommen, und wenn er heranwächst, entspinnt sich in ihm ein Kampf zwischen den Notwendigkeiten, die ihn zahm und gesellig machen, und den tiefer sitzenden Begierden aus der Vergangenheit. Wenn der instinktive Gehorsam und das Vertrauen der Kindheit schwinden, zeigt sich im normalen Menschen, einerlei ob Knabe oder Mädchen, die Persönlichkeit; er wird selbstherrlich, schwierig, widerspenstig und zweifelsüchtig. ›Weshalb sollte ich?‹ ist die typische Frage der Jugend, und gewöhnlich liegt ihr bewußter Vorwurf und Auflehnung zugrunde.

Die Eltern und Lehrer früherer Zeit machten sich in dieser Hinsicht nichts vor. Sie erkannten die Fehler der menschlichen Natur im Kinde und meinten infolgedessen, mit der Rute nicht sparen zu dürfen. Die Jugend war damals eine tränenreiche Zeit, Hosenböden wurden tüchtig geklopft, große Mädchen wurden gezüchtigt und verprügelt, aber trotz alledem wurde der alte Adam nie gründlich ausgetrieben. Und noch heutzutage sind Ohrfeigen, Schläge, Prügel, Eingesperrtwerden, Nahrungsentziehung und Drohungen etwas Selbstverständliches für neunundneunzig von hundert jungen Leuten. Sobald sie der Obhut der Eltern entwachsen sind – und selbst diese drohen oft genug mit Hand und Pantoffel –, beginnt der Sturm.

Leute, die gescheit genug sind, ein Buch wie dieses zu lesen, sind wahrscheinlich auch gescheit genug, nicht zu viele Kinder zu haben, und jene, die sie in die Welt setzen, liebevoll und vernünftig aufzuziehen; ihnen wird meine Schilderung der Jugendzeit übertrieben erscheinen. Aber sie sollen doch einmal nicht an ihre eigene saubere Kinderstube denken, sondern an die ganze Welt von China bis Südafrika und bis Peru und an alle Klassen von Menschen. Wir sind stets geneigt, das Leben aus dem Gesichtswinkel der kultivierten Heime in unseren atlantischen Ländern zu betrachten. Wenn wir die ganze Welt ins Auge fassen, stirbt die Hälfte der geborenen Kinder, ehe sie einundzwanzig Jahre alt sind, und die meisten der Überlebenden haben furchtbar schwer gelitten. Dieser Stand der Dinge wäre unter den heutigen Verhältnissen wohl zu vermeiden, aber er wird vorläufig nicht vermieden.

Wenn sie elf oder zwölf Jahre alt sind, werden die meisten jungen Menschen der Welt – das heißt, weniger als zwei Drittel der geborenen Kinder, denn mehr als ein Drittel ist in diesem Alter bereits tot – zu Arbeit verhalten. Mit Arbeit meine ich hier Leistungen, zu denen sie keine Neigung verspüren und die ihnen statt freier Betätigung aufgezwungen werden, Beschäftigungen, die jeder von uns gerne meidet. Einige wenige fortgeschrittene Länder schieben den Fluch Adams etwas weiter hinaus, bis zum Alter von dreizehn oder vierzehn Jahren. Manche bemühen sich ernstlich darum, junge Menschen bis zum sechzehnten Jahre bei erzieherischer Arbeit zu fesseln und diese anziehend, ja sogar fröhlich zu gestalten. Die übrige Jugend wird weder danach gefragt, ob sie die Arbeit, die man ihr zuweist, tun wolle, noch wird sie davon überzeugt, daß sie sie tun müsse. Kaum einer hat die Wahl zwischen dieser oder jener Beschäftigung. Die meisten jungen Leute werden in einen zufällig sich bietenden Beruf gezwängt, und damit ist die Sache erledigt.

Das gewöhnliche Menschenleben ist ein Gewebe aus Erwartungen, die sich nie verwirklichen, aus Hoffnungen, die sich nie erfüllen, aus Arbeit mit unzufriedenstellendem Erfolg, aus unaufhörlicher Sorge, aus tobenden, quälenden Wünschen, aus Fieber und Müdigkeit, aus Zorn und Reue, Unbehagen und Tod.

Ich stelle diese Tatsachen so roh wie nur möglich hin, weil ich glaube, daß die Kunst, die Literatur und das Denken der wohlhabenden, gebildeten Menschen sie ungebührlich außeracht lassen und maßlos unterschätzen. Vielleicht war es früher notwendig, sie zu übersehen, denn man hatte kaum die Macht, sie zu ändern. Nun aber kann man sie ändern und die Literatur darf es wagen, von der Poesie einen Schritt zur Wahrheit zu machen. Wir können der Tatsache ins Auge sehen, daß ein großer Teil der Menschheit mit den Abfällen vom Tische des Lebens abgespeist wird, weil wir zu begreifen beginnen, daß Abhilfe möglich ist. Es ist nicht mehr notwendig, vorzugeben, daß die Jugend und das tägliche Leben von Vergnügen, Spaß und Glück erfüllt seien.

Es ist heute möglich, die Menschen so zu leiten und zu behüten, daß ihr Leben ausgeglichen und heiter, voll und schöpferisch, ereignisreich und glücklich ist, von Anfang bis zu Ende. Das menschliche Dasein kann so gestaltet werden, daß der Tod nicht mehr wie eine Niederlage erscheinen wird. Das Leben des einzelnen wird sich ausbreiten und in einen allgemeinen Strom der Erkenntnis und des Bemühens überfließen, und sein Tod wird nichts Tragisches, nichts Endgültiges mehr haben. Wir leben in einer Phase der grundlegenden Veränderung des bewußten und gewollten Seins. Es ist möglich, daß im Geschehen des Raumes und der Zeit zum ersten Male aus den traumhaft zusammenhanglosen Leiden des tierischen Lebens ein Stern bewußten und unsterblichen Entschlusses in die Nacht der Materie hinein geboren worden ist.

Aber immer noch werden wir gedankenlos gezeugt und auf die verkehrteste Weise fürs Leben vorbereitet.

Wenn ich in meine Vergangenheit zurückschaue, so erinnere ich mich, allerdings nur undeutlich, an tiefe Konflikte. Die Erinnerung daran ist undeutlich, weil das Gemüt in Selbstschutz dergleichen Bilder zu verwischen strebt. Säuglings- und Kinderzeit sind für die Menschen in der Regel qualvoll. Keinesfalls sind sie so glücklich wie die entsprechenden Phasen im Leben eines Kätzchens oder eines jungen Hundes. Auch mein späteres Leben ist, obwohl erfüllt von Tätigkeit, Erfolg und interessantem Geschehen, oft durchaus nicht glücklich gewesen. Ich erlebte lange Phasen andauernder Qual und Unzufriedenheit. Und trotzdem bin ich einer der wenigen vom Glücke Bevorzugten gewesen. Ich besitze einen gesunden Körper, ich hatte Erfolg in der Welt und bin verhältnismäßig reich; ich habe mich zu Freiheit und finanzieller Unabhängigkeit durchgerungen; aber gerade mein eigenes Leben ist mir ein Maßstab des allgemeinen Loses. Was mich gequält hat, muß die meisten Menschen ebenso sehr oder noch ärger quälen. Wenn das Leben für mich schon nicht ganz beglückend war, wenn es mich verwirrt und verstört hat, so muß es den Menschen rings um mich noch schlechter ergehen.

Wenn ich die halb verblaßten und unterdrückten unangenehmen Erinnerungen an meine Jugend überprüfe, so finde ich Spuren eines instinktiven Kampfes gegen Belehrung und Führung. Schon als kleines Kind war ich von lebhafter Wißbegier erfüllt. Ich wünschte wohl zu lernen, jedoch auf meine eigene Art und zu meinen eigenen Zwecken. Dies aber wurde mir nicht gestattet. Ich scheine ganz früh schon mein Ich gegen fremde Übergriffe beschützt zu haben, und das ganz ebenso nachdrücklich, wie ich es zu bezeichnen und zu kräftigen bestrebt war. Instinktiv zweifelte ich an dem guten Willen meiner Lehrer.

Meine Stunden mit Gouvernanten und Hauslehrern waren von kleinlichen, bösartigen Willenskonflikten erfüllt. Dies wiederholte sich mit den meisten meiner Schullehrer. Nur an Gilkes in Dulwich glaubte ich und an Wallas und vielleicht noch an einige andere. Aber selbst diesen vorbildlichen Lehrern gegenüber litt ich unter dem Gefühle auferlegten Zwanges.

Diesen Kampf des Selbstschutzes führte ich auch gegen Gepflogenheiten und Bräuche außerhalb des Schullebens. Warum wollte man mir gute Manieren aufzwängen? Meine widerspenstige Seele lehnte sich unklar, aber merklich dagegen auf. Warum behauptete man so fest, daß es zu meinem Besten sei, wenn ich mich an all die hergebrachten Sitten hielt? Und an neue Kleider, Zeug, das einem Unbehagen verursachte und das eigene Spiegelbild ungemütlich machte! Waren diese Veränderungen wirklich für mein Wohl notwendig? Waren es nicht etwa feindliche Unterwerfungsversuche von Seite irgend einer äußeren Macht? Immerfort gab es Szenen, Überredungsversuche, Widerstände, Kläpse und Geschimpfe. Bis zum Alter von zehn oder zwölf Jahren oder sogar noch länger blieb ich mißtrauisch gegen jedes neue Kleidungsstück.

Die Religion jagte mir anfänglich Schrecken ein; später, noch lange bevor ich zu einem klar durchdachten Skeptizismus gelangte, wurde ich ungläubig und begann die Leute zu hassen, die mir religiöse Unterweisungen aufzwangen. Niemals dürfte ich in meiner Knabenzeit geglaubt haben, daß ein Geistlicher sein Geschäft in ehrlicher Überzeugung übte. Es war eben sein Geschäft, und zwar ein recht minderwertiges, dachte ich.

Als ich heranwuchs, begann ich die wirre Gefährlichkeit des Lebens zu begreifen; ich begann zu erkennen, daß ich auf jeden Fall in die allgemeine Keilerei hineingerissen werden würde und daß meine Mutter und mein Stiefvater zwar so taten, als läge ihnen mein Wohl am Herzen, im Grunde jedoch wenig danach fragten, was für Schläge, wie viel Beschämung, Erniedrigung und Quälereien meiner warteten.

Durch Dickon unterstützt, von einen oder zwei Lehrern ermutigt, durch mein erstaunliches Glück vorwärts getrieben, gelang es mir, schon ehe ich neunzehn Jahre alt war, gründliche, mir angemessene Arbeit zu leisten. Aber ich erlebte Kampf, Aufregung und Angst genug, um die dunkle Tragödie in der Seele eines Jungen begreifen zu können, der, ohne besondere Gaben oder Vorteile, zur Arbeit in irgend einem Geschäft, einem Amt oder einem Bergwerk gezwungen wird, und das gerade dann, wenn sein Geist zu Interesse am großen Leben erwacht. Das ist das allgemeine Los. Das geschieht neunundneunzig von hundert Jünglingen in einem zivilisierten Gemeinwesen der heutigen Zeit. Man treibt sie zu einer Arbeit, die sie sich nicht wünschen und die sie verkrampft und verkrüppelt. Es ist niederträchtige Heuchelei, zu behaupten, daß wir, die wir Erfolg gehabt haben, irgendwie anders geartet seien als die große Menge, daß die Durchschnittsmenschen nicht so fühlen wie wir, daß sie ein Los der Unterwerfung, der einförmigen Arbeit und der harten Pflicht gerne auf sich nähmen, während es uns, die wir von feinerer Art sind, zu Tode langweilen würde. Arbeiten zu müssen ist für die Mehrzahl von Jungen und Mädchen ein Unglück, eine Tragödie. Mit einem Male müssen sie erkennen, daß ihnen ein beschränktes und minderwertiges Dasein beschieden ist. Das ist eine so große Erniedrigung, daß sie nicht einmal imstande sind, der verborgenen Bitterkeit ihrer Seele Ausdruck zu geben.

Aber die Bitterkeit ist da. Und sie verrät sich in Spott. Ich glaube nicht, daß unser zeitgenössisches Wirtschaftsleben weiterbestehen könnte, wenn es den Trost des Spottes nicht gäbe. Fast alle Bedienten und Angestellten machen sich über ihre Arbeitgeber im geheimen lustig. Sie schmähen ihre Vorgesetzten, geben ihnen unwürdige Spitznamen, decken ihre verborgenen Schwächen auf, und nach einem erleichternden Hahaha! wird das Leben wieder erträglich.

Dickon und ich waren in unseren Jugendtagen große Lacher. Wir zeigten der Mühsal des Lebens rings um uns die Zähne; spottend wehrten wir uns gegen religiöse Furcht, gegen Pomp und Prunk der Monarchie und der Gesetze und gegen die Anmaßung der wohlhabenden Leute. Von unseren Lieblingsscherzen über ›Mr. G.‹ und die ›Boops‹ habe ich schon erzählt, habe auch geschildert, wie wir oft tagelang in keinem anderen als diesem witzelnden Tone miteinander sprachen. Unsere Lektüre bestand, abgesehen von wissenschaftlichen Werken, die unseren Spezialinteressen dienten, fast ausschließlich aus humoristischen Büchern, und im Theater interessierten uns nur komische Darbietungen. Wir lasen Mark Twain, Jerome K. Jerome stieg an unserem Himmel auf und erschien uns als Stern erster Größe. Wir wollten immer mehr und mehr lachen. Wie meiner Meinung nach in allen versklavten Menschen, war auch in uns eine unersättliche Lachlust lebendig. Spott konnte unser Leben verdaulich machen, ohne ihn war es unerträglich. Nur eines gab es, worüber wir beide nicht lachen konnten, worüber wir nicht sprechen konnten, worüber wir nicht einmal zu sprechen versuchten, und das war die ungeheure Not, die uns der Geschlechtstrieb bereitete.

Es ist mir bisher möglich gewesen, die äußere Form und Beschaffenheit meiner Welt zu schildern, ohne von sexuellen Dingen mehr als andeutungsweise zu sprechen. Nun aber muß ich diesen so wichtigen und schwierigen Teil des Lebens zu erörtern beginnen. Von meinen späteren Schultagen an wurde ich von sexueller Begierde gequält. Sie äußerte sich nicht als Verlangen nach einer bestimmten Person, sondern war ein allgemeines unfixiertes Gelüst; und die Spannung wuchs mit jedem weiteren Lebensjahr. Eng verwachsen damit war eine Regung, die gleichzeitig in mir entstand und, wie ich glaube, mit Erziehung und äußeren Einwirkungen wenig zu tun hatte: das Gefühl heftiger Scham und der Trieb, die quälende Gier zu verbergen.

Ich weiß nicht, wie weit ich abnormal war oder ob es das allgemeine Los ist, in der Jugendzeit derartig besessen zu sein. Ich kann nur meine eigene Geschichte erzählen. Ich finde, daß Dickon und ich zurückhaltender und beherrschter waren als der Durchschnitt; die Umstände unterstützten unsere natürliche Charakterveranlagung und entwickelten in uns schon sehr früh Mißtrauen gegen unsere Nebenmenschen. Ich weiß, daß ich mein glühendes Geheimnis keinem lebenden Menschen verriet und daß meine Wünsche keiner bestimmten Person galten. Nur ganz vorübergehend versuchte ich, mir irgend ein Menschenwesen zu ihrer Befriedigung auszusuchen. Ich küßte das Stubenmädchen unserer Quartierfrau in einem Anfall plötzlicher Verwirrung und war sofort angewidert und beschämt. Ich fühlte zu deutlich, daß das arme Mädchen mit seinem zerzausten Haar und seiner schmutzigen Schürze nur ein Ersatz für jemanden anderen war. Meine Begierde hatte sich an Aktbildern und Statuen entzündet, ungeheuerliche Träume fachten sie weiter an, und glühende Phantasien, die unaufgefordert in mir aufloderten, lenkten sie. Da ich aber überzeugt war, daß diese Begierden nervenschädigend seien, hielt ich mich, abgesehen von meist zufälligen Zwischenfällen, scharf im Zaum.

Die romantische Auffassung des Lebens, auf der unsere üblichen moralischen Urteile basieren, übersieht vollkommen, daß die sexuelle Begierde in jungen Menschen schon ganz früh erwacht, daß sie etwas ganz anderes ist als persönliche Liebe und daß sie möglicherweise nie mit dieser zusammentrifft. Nach der landläufigen Ansicht verhält sich die Sache folgendermaßen: Edwin, in einem Zustand fleckenloser Reinheit, begegnet der lieblichen und wennmöglich noch reineren Angelina. Harmlose Spiele führen zur naiven Entdeckung der Leidenschaft. Diese brennt ohne Hitze und Rauch in instinktiver Mäßigkeit und Edwin und Angelina sind fortan glücklich. Eine Generation folgt der anderen, in ihrem Blute toben sonderbare, heiße, erschreckende, verzweiflungsvolle und erniedrigende Kämpfe, und alle behaupten, niemals etwas dergleichen verspürt zu haben.

Nur ein außerordentlich guter Beobachter hätte in jenen bedrückten Jahren vor meiner Heirat aus meinem äußeren Gehaben die qualvolle Verzweiflung in meinem Innern erraten können. Meine Arbeit litt unter periodischer Zerstreutheit, und ich hatte Anfälle von manchmal dumpfem, manchmal flammendem Zorn. Mitunter zauberten mir meine Nerven Visionen süßer, lieblicher, verlassener Frauen vor; ich zählte mein spärliches Geld, verließ meine Arbeit und schlenderte durch die trüben Straßen Londons, um eine Prostituierte aufzuspüren; doch wenn ich mich einer näherte, ihre armen geschminkten Reize und ihre kläglichen Anlockungsversuche sah, erschien sie mir so abstoßend, daß ich meine Schritte beschleunigte und, zwischen Gier und Ekel schwankend, an ihr vorüberging. Auf diese Weise konnte ich Stunden umherirren und dann müde und erschöpft nach Hause kommen, immer noch nicht imstande, ruhig zu schlafen.

Ich weiß nicht, ob Dickon Ähnliches erlebte. Ich kann es nur vermuten. Niemals verrieten wir einander etwas von unserem sexuellen Leben. Wir waren zu nahe beieinander, hatten zu wenig Möglichkeit, einander auszuweichen, als daß wir auch nur den Anfang eines Geständnisses gewagt hätten. Bis heute habe ich niemals mit meinem Bruder über geschlechtliche Dinge gesprochen.

Ich möchte die Tatsache besonders betonen, daß der wölfische Trieb, der mich hinauszog in die dämmerigen Straßen, mich nicht dazu brachte, mich in jemanden zu verlieben; er hinderte mich vielmehr daran. Er war tiefer, tierischer, elementarer, vormenschlicher als Verliebtheit. Unter den studierenden Mädchen meines College gab es einige sehr kluge und anziehende, auch in der nahen Kunstschule studierten reizende junge Dinger; sie schienen fern von aller Leidenschaft zu sein und von harmloseren Interessen erfüllt. Ich konnte sie mit meinen heißen Wünschen nicht in Zusammenhang bringen. Sie hatten eine unglaubliche Vorliebe für Besuche von Museen, für Teekochen und Konversation nach dem Tee. Derartige Unterhaltungen boten meiner fieberhaften Gier wenig Kühlung. Nun kann ich wohl erraten, daß auch sie nicht so heiter und klar waren, wie sie schienen; auch ich dürfte ihnen kühl und unbeirrt vorgekommen sein, ein selbstbeherrschter junger Mann, der als tüchtiger Physiker bekannt war.

Seit jener Zeit sind Gespräch und Unterhaltung in England weitaus offenherziger geworden, jedoch ich bezweifle, daß die zunehmende Ehrlichkeit so viel, wie manche Menschen behaupten, dazu beigetragen hat, die Qual des Geschlechtstriebes von der Jugend zu nehmen. Gewiß, damals herrschten Unterdrückung und Verheimlichung, und dergleichen Dinge ans Licht zu bringen, ist schon ein Schritt auf dem Wege zu ihrer richtigen Behandlung; aber Aufrichtigkeit und Aufdeckung allein werden jene Störungen ebenso wenig wie ein gebrochenes Bein heilen. Die Deutlichkeit und Freiheit in unseren Gesprächen, insbesondere in den Gesprächen mancher kluger junger Damen, lassen nichts mehr unausgesprochen und nichts zu wünschen übrig. Aber das verlangende Tier flieht nicht, sobald es seiner selbst gewahr wird. Lustwünsche verflüchtigen sich nicht unter dem Einfluß freier Gespräche. Lust bleibt Lust und wird für uns Menschen immer verwirrend sein, ob wir sie nun verbergen und nie von ihr sprechen, nie ihren Namen nennen und nie an sie denken, oder ob wir unsere Kinderzimmer und Volksschulen mit nichts anderem dekorieren als mit unverhüllten Marmorstatuen und ohne Unterlaß sexuelle Gespräche führen. Fast vierzig Jahre von meinen neunundfünfzig habe ich diese Dinge, und zwar nicht nur theoretisch, studiert und ich bin zu der Ansicht gekommen, daß es nicht viel Unterschied macht, ob man bis zum äußersten offen ist oder streng verschwiegen. Das ist bloß Sache der Gewohnheit.

Es gibt Leute, die etwas weiter gehen als die Schule, die Offenheit predigt; diese sind moralische Homöopathen, die den Trieb durch Befriedigung lindern wollen. Ihre Doktrine hat etwas für sich. Sie schafft die krankhafte Zurückhaltung ab und treibt die Qual aus der Tiefe in eine höhere Schicht des Gemütes. Trotzdem setzt sie der Verwirrung kein Ende. Ich bin für Mäßigung, für mäßige Befriedigung, aber es ist nicht immer leicht, sich an diesen Grundsatz zu halten. Maßlosigkeit liegt in der Natur der sexuellen Begierde. Das ist das Schlimmste an dieser jahrtausendealten Pein des Menschengeschlechtes. Und es ist die Rechtfertigung für Moral und Zucht.

Mit dieser Tatsache der Maßlosigkeit habe ich, wie ich nun sehe, in meiner Jugend instinktiv gerechnet; sie ist allen Jünglingen gegenwärtig. Der geschlechtliche Wunsch wächst mit dem Erfolg. Er fordert immer mehr. Gib ihm einen Zoll breit und er verlangt eine Elle. Gestatte, daß Pan sein Lied singt, und gar bald wirst du es mit Variationen zu hören wünschen. Nichts kompliziert sich so leicht und so schnell. Nichts ist so andauernd aggressiv. Nichts so bereit, sich mit ungesunden Phantasien zu vermengen. Nichts ist so sehr fähig, unterdrückt, auf andere Interessengebiete überzugehen, um sie zu verheeren und zu verwandeln, und Ersatz und Nachahmungen noch lieber hinzunehmen als völlige Enthaltsamkeit. Ich kann es wohl verstehen, daß Kirchen und Religionen die sexuelle Begierde von allem Anfang an niederhalten, sie lieber schon auf der Schwelle töten, als erst dann bekämpfen, wenn sie bereits vom halben Hause Besitz ergriffen hat.

Sehr wichtig für ein besseres Verständnis des Geschlechtslebens erscheint mir die Tatsache, daß ich meine Lustbegier in früherer Zeit niemals mit mir selbst identifizierte. So weit ich beurteilen kann, wie die Sache bei anderen jungen Leuten steht, ist das der normale Fall. Es war mir, als sei etwas Fremdes, Teuflisches in mich geraten – damit wird, glaube ich, mein damaliger Gemütszustand am besten geschildert.

Das Übermaß unserer Geschlechtlichkeit bestätigt mehr als irgendetwas anderes die Lehren der Naturforscher über den Ursprung des Menschen. Kein planender Geist, kein Geist, der auch nur einen Funken menschlicher Vernunft in sich hat, würde ein Leben ersonnen haben, das derartig von sexueller Begierde beherrscht und überschwemmt wird, oder gestatten, daß diese Begierde so leicht von Fruchtbarkeit zu fruchtloser Befriedigung abschweift. Ein mechanischer Prozeß aber, dessen verschiedene Methoden keinen anderen Zweck verfolgten als die Erhaltung der Art, kann sehr wohl den heutigen Zustand hervorgebracht haben. Nur ein solcher Prozeß kann ein unbedingtes Hängen am Leben, Hunger und eine sinnlose Ableitung jedes Kräfteüberschusses auf den Weg der Fortpflanzung, selbst wenn dieser Weg fast sicher ins Nichts führt, zu den Grundlagen des Daseins gemacht haben. Die Billionen verschwendeter Staubpollen der Zedernbäume sind nicht erstaunlicher als die flüchtigen Begierden, Liebesspiele und Begattungen, das ganze geschlechtliche Toben des Menschen. ›Was kümmert mich die Verschwendung,‹ sagt die alte Mutter Natur, ›wenn nur ein einziger Samen das Ei erreicht? Wozu seid ihr sonst da? Weshalb sollte ich sparen? Was ist Sparsamkeit? Ich bedarf eurer nicht, noch hasse ich euch. Nehmet eure Gelegenheit wahr. Mehrt euch. Mehrt euch, um zu leben oder zu sterben. Was kümmert es mich?‹

Zum Zwecke des Zeugens und Gebärens von drei oder vier Kindern – eine Angelegenheit von wenigen Minuten im Leben des Mannes und von wenigen Monaten in dem der Frau – wird unserem ganzen Dasein der Stempel der Geschlechtlichkeit aufgedrückt. Wir werden von Hirngespinsten getrieben, von fieberhaften Wünschen, von Rivalität, Feindseligkeit, Haß und Rachsucht, die alle aus der Geschlechtlichkeit entspringen; um der Geschlechtlichkeit willen kleiden wir uns, an ihr finden wir Ergötzen, sie erfüllt unsere Kunst, unsere Musik, unsere Träume. Und wären wir nicht von ihr besessen, so würde der Mehrzahl der Menschen jedweder Antrieb zum Leben fehlen.

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