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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 19
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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Da die neue Ordnung darum kämpft, sich gegen eine Wiederholung des Unglücks von neunzehnhundertvierzehn zu sichern, wird ihre besondere Charakteristik deutlicher. Die Weltrepublik soll sich von dem früheren Staat ungefähr so unterscheiden, wie etwa ein Automobil von einem Bauernwagen. Ihre Pferdekraft wird in ihrem Körper sein. Es ist gar nicht notwendig, daß irgend ein sichtbares Tier daran zieht, ein Kaiser oder ein Präsident, und es bedarf keines Parlamentes der Menschheit.

Es ist eine anthropomorphische Einbildung, daß ein Staat einen Kopf haben muß. Eine Weltrepublik bedarf ebensowenig eines Kopfes, wie das Gehirn eines Hauptganglienknotens. Ein Gehirn denkt als ganzes Gehirn. Und was Versammlungen und Beratungen betrifft, weshalb sollten Menschen heute miteinander sprechen – besonders in so vielen Sprachen miteinander sprechen –, wenn sie ihre Gedanken in weitaus wirksamerer Weise austauschen können? Schrift und Druckerei sind nun seit Jahrhunderten ausgeprobt worden und sind recht verläßliche Mittel. Sie gestatten kernige Ausdrucksweise, klare Feststellung und genaue Übersetzung. Warum die menschliche Stimme so sehr überanstrengen? Polyglotte Diskussionen sind ein Wahn, eine Ungeheuerlichkeit voll leerem Lärm und lächerlichen Gebärden.

Und die Langeweile dieser überflüssigen Diskussionen! Niemand beantwortet die Fragen des anderen und ein flinkes Eingreifen ist unmöglich! Zweimal, in Washington und in Genf, habe ich solche vielsprachige Debatten mitangehört und Gott behüte mich vor einer dritten! Wenn der Dolmetscher, ein Holländer von außerordentlicher Flinkheit und ungeheurer Befähigung für diese Aufgabe, sich erhob, um sein unglaubliches Talent zum besten zu geben und um all das zu sagen, was eben gesagt wurde, dann hörte man deutlich ein Murren durch die ganze Versammlung. Seine Stimme hob und senkte sich nachahmend, seine Arme bewegten sich in denselben Gesten, wenn er versuchte, den eben gehörten Redner zu imitieren. Manchmal machte er drei Übersetzungen, wenn der Sprechende weder Französisch noch Englisch gesprochen hatte. Und wieder mit denselben Gebärden und Betonungen. Einige wenige Pedanten auf den Galerien folgten seinen Paraphrasen und notierten sich Mängel, Unterschiede und Fehler mit lebhaftem Interesse. Die übrigen Zuhörer bewunderten die Gaben des Dolmetschers, flüsterten miteinander und litten. Nach der Zwischenpause der Übersetzung holperte die Sache eine Zeit lang weiter, um dann wieder unterbrochen zu werden.

Diese Vorgänge spotten wirklich der menschlichen Vernunft. Die wichtigen Entschlüsse für die Menschheit wachsen in aller Stille und unbehelligt in den Geistern derer, die am besten geeignet sind, und werden nicht dadurch zur Reife gebracht – oder unterdrückt –, daß sie in dramatischen Szenen auftauchen, im Rednerschwall von Senaten und Versammlungen.

In der Weltrepublik werden wir vielmehr kleine Besprechungssäle brauchen für informierende Konferenzen – nicht Parlamentshäuser für aufgeregte Debatten – und große Bibliotheken mit modernen Statistiken, maßgebende Nachschlagebücher für komplizierte Angelegenheiten, Verwaltungszentralen, passend für intime Gespräche und Abmachungen. Diese Einrichtungen müssen nicht alle an einem Ort sein. Es bedarf keiner Weltkapitale. Je schneller und sicherer unser Lufttransport, je leichter die Übermittlung von Rede und Schrift wird, desto weniger wird eine solche Hauptstadt notwendig sein. Die Menschen können ihr Geschäft nun erledigen, ohne wie Bienen zu schwärmen. Heute noch könnte man Washington stehlen und für Wochen verstecken, und wenn die Zeitungen nichts davon erwähnten, würde der Durchschnittsbürger der Vereinigten Staaten diesen Verlust nicht bemerken. Eine moderne Regierung der Welt darf niemals besondere Tagungen haben und muß immer in Tätigkeit sein. Die bedeutendsten Männer müssen kommen und gehen, wie die Caesaren es taten, wohin immer und wann immer die Gelegenheit es fordert. Die Hauptstruktur, die Konstitution, das Direktoriat der Republik, wenn ihr es so ausdrücken wollt, kann schon längst in Existenz treten, ehe man es noch klar erkennt und ehe es als solches anerkannt wird.

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