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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 18
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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Wie verhält sich diese offene Verschwörung zu den Regierungen, den Gesetzessystemen und der Politik von heute? Diese Regierungen verkörpern die verdunstenden Ideen von gestern. Sie halten den Grund besetzt, den wir brauchen. Sie sind nun größtenteils Hemmungen und Hindernisse, sie erscheinen uns wie altes Eisen angesichts der revolutionären Erfindungen. Sie haben einen gewissen Wert dadurch, daß sie Ordnung aufrecht erhalten und örtliche Gewalttätigkeiten unterdrücken, aber sie schleppen die vergifteten Traditionen mit sich, sie funktionieren schlecht, sind gefährlich und sie kommen uns teuer zu stehen; sie wirken verhetzend, sie verschwenden Kräfte auf unnütze Rivalitäten und sie sind imstande, die Entwicklung neuer Methoden zu verhindern.

Der größte Teil der Störungen unserer heutigen Zeit, die unverminderte Kriegsgefahr, die immer wiederkehrenden Wellen finanzieller und ökonomischer Unordnung sind fast gänzlich auf die starre Unveränderlichkeit der Methoden des Rechts und des Gesetzes zurückzuführen, die immer im gleichen verharren, während überall ein Prozeß der Veränderung vor sich geht. Schiffstypen, Eisenbahnen, Straßen, Maschinen jeglicher Art, Herstellungsmethoden, Kreditmethoden, all das wird geändert, verbessert, durch Neues ersetzt; das Ausmaß und der Umfang der Geschäfte ändern sich, ihr Wirkungsbereich erweitert sich, Produktionssysteme, Verkaufsgesellschaften gehen ineinander auf, verquicken sich miteinander, vermengen sich, arbeiten Hand in Hand, und sie tun das trotz aller Reibungen, trotz aller Hemmnisse, trotz manchmal unüberwindlich scheinender Hemmnisse. Die Könige, die Parlamente, die Kongresse, die Gerichtshöfe, die Flaggen und Grenzen andererseits verharren weiter in ihrer törichten Unfähigkeit, sich anzupassen, gleich seelenlosen Puppen.

Ihre Starrheit ist ungeheuerlich. Im allgemeinen werden sie gar nicht als Methoden angesehen; man nimmt sie als geheiligte Traditionen hin, denen die menschliche Gesellschaft sich anpassen muß. Und man unterstützt sie. Sie unterstützen sich selbst durch eine ungeheure Propaganda für das Konservative. Das Hauptproblem des fortschrittlichen Revolutionärs muß, nachdem er seine ersten Bedürfnisse erfüllt sieht – nämlich Freiheit der Sprache und der Diskussion –, darin bestehen, die politischen Einrichtungen der heutigen Zeit zu biegen oder zu brechen, um sie herum oder durch sie hindurch zu kommen. Die politische Geschichte der Welt berichtet von Konferenzen, von nichts als von Konferenzen. Washington, Genf, Locarno und so weiter, sie drücken in einer recht blinden Art das edlere Bestreben der Menschheit aus, uns von den albernen und gefährlichen Hemmungen zu befreien und zu einer größeren Wohlfahrt zu gelangen.

Das Ziel unserer offenen Verschwörung, in die wir nicht einmal freiwillig eingetreten sind, sondern in die wir uns unversehens mit hineinverstrickt haben, ist die Errichtung eines Weltstaates, eines einzigen Systems des ganzen Erdballs für Wirtschaftsproduktion und soziales Gemeinwirken. Wir beginnen ihn nicht auf einem leeren Gebiet, sondern auf einer Welt, deren Landkarte auf äußerst unpraktische und sinnlose Weise eingeteilt wird in souveräne Staaten, Kaiser- und Königreiche und Republiken, die sich mit ungeheurer Mühe abgegrenzt haben und ihre Grenzen mit aller Macht verteidigen. Jeder souveräne Staat ist ein Widerspruch für unsere Zwecke. Wie muß unser Feldzugsplan gegen diese Opposition geartet sein?

In vielen Kreisen herrscht die Neigung, das Stückwerk der politischen Aufteilung mit Mitteln der alten Politik umzustürzen. Bedeutende Staatsmänner souveräner Staaten, die nicht gewöhnt sind, etwas anderes zu sehen als sich selbst und den blauen Himmel, werden gezwungen sein, bedeutende Einschränkungen an ihrer Souveränität vorzunehmen; sie werden sich und ihre nationalen Regierungen dazu bringen müssen, sich einem Richterspruch höherer Tribunale zu unterwerfen, Maßnahmen der Entwaffnung und der gegenseitigen Hilfe gutzuheißen und im guten Glauben an des anderen Loyalität selbst loyal zu sein. Das ist ohne Zweifel der einzig gesetzliche Weg, jedoch immer noch ein recht unsicherer Aufstieg. Im besten Falle kann er der Welt eine Art Super-Washington schenken, einen obersten Gerichtshof internationaler Gesetzgebung, eine Weltbundesregierung mit der beschränkten Befugnis, nationale Heere und Flotten zu seiner Unterstützung anzurufen. Wenngleich dies der einzige gesetzliche Weg ist, so bezweifle ich doch, ob es der wirksame und wünschenswerte Weg ist, und ich bezweifle noch mehr, ob der Weltbundkongreß, den er hervorbringen soll, mit seinen delegierten und gebändigten Mächten und seiner Konstitution, die die anerkannten Formen der konstitutionellen Regierungen trägt, imstande sein wird, die wesentlichen Funktionen einer angemessenen Weltkontrolle durchzuführen.

Es folgt daraus, daß der Weg, den wir zu begehen haben – wie soll ich es nur ausdrücken? –, unter- oder übergesetzlich sein muß. Das heißt also revolutionär.

Die Menschen sind zu sehr bereit anzunehmen, daß eine Weltdiktatur, eine Weltrepublik dieselbe Regierungsform haben müsse, wie heute irgend ein typischer souveräner Staat, bloß zum Weltumfang erweitert und vergrößert – eine Art Parlament der Menschheit mit einem Weltpräsidenten oder einem Weltkaiser in irgend einem passend gelegenen Palast. Sie stellen sich etwa vor, man würde eine Weltflagge hissen unter Begleitung militärischer Kapellen und dem Glitzern der Weltuniformen. Ich halte dies für eine vollkommen irreführende Vorstellung. All die heute bestehenden Regierungen sind im Grunde streitbare; eine Weltdiktatur andererseits müßte im Grunde eine Regierung zur Erhaltung des Friedens sein. Der alte Regierungstypus, aus dem unsere heutigen entsprungen sind, betrachtete den Krieg als grundlegende Sache, nahm die kleinen bunten Wirtschaftsangelegenheiten in ihrer Begrenztheit als ewig bestehende Tatsache hin. Die Weltregierung, die wir wünschen, muß sich vor allem mit dem Sozialen und Ökonomischen beschäftigen. Sie wird Hände haben anstatt der Zähne und Krallen; sie wird sich nicht aus irgend einer anderen Regierung entwickeln, sie wird sich nach neuen, grundverschiedenen Plänen aufbauen.

Keine heutige Regierung scheint ohne eine Flagge bestehen zu können. Jedoch eine Flagge hat keine Bedeutung, keine wirkliche Bedeutung im Friedensbetrieb. Der Kopf des heutigen Staates ist traditionell eine Kampffigur. Vor dem Kriege trugen viele königliche Familien Europas Uniform. Sie waren bereit, allzu bereit. Die heute noch existierenden zeigen keinerlei Neigung, diesen Brauch abzulegen. Wo immer Monarchen heute gehen, stehen die Soldaten stramm und salutieren und jeder loyale Engländer hört auf, ein vernünftiges Wesen zu werden, wird steif wie ein Ladestock, wenn er einen Takt der Nationalhymne hört. Kein König denkt im entferntesten daran, einmal etwas anderes zu tun, zum Beispiel sich nach den Elektrikern oder nach den Sanitätsbeamten zu erkundigen. Er ist von Natur aus Soldat, ebenso wie seine weiblichen Partner. Da gibt es keine alte Dame in diesen königlichen Familien, die nicht ein- oder zweimal zum Obersten ernannt wurde. Sogar die Tanten und Großmütter der Monarchen werden mit kanonengezierten Wagen zu Grabe geführt und mit militärischen Ehren bestattet. Bei dem geringsten Anlaß, der das Nationalbewußtsein heben könnte, bei einer Reichsausstellung zum Beispiel oder irgend einem patriotischen Zapfenstreich erscheinen der Prinz von Wales und der Herzog von York in Purpuruniform mit Pelzkragen, um recht prächtige Figuren abzugeben.

Ohne Zweifel glaubt die Menge in ihrer Angst vor ausländischen Feinden, daß diese durch das kindische Gepränge beeindruckt werden können; sie liebt es, sich diese lieben alten Damen als Brunhilde und Bellona vorzustellen und die reizenden jungen Männer als Kriegsgötter, aber dieser ganze Geist des königlichen Geschäftes ist absolut unvereinbar mit dem Gedanken einer Welteinheit.

Eine Weltregierung wird keine streitbare Regierung sein; sie wird keinen Gegner haben, den sie bekämpfen kann. Die Weltrepublik wird mit niemand anderem im Kampfe stehen als mit der Zeit, dem Raum und dem Tod. Sie wird keinen Minister des Äußeren haben, kein Heer und keine Flotte. Ihre prinzipielle Sanftmut wird nur in einem Punkte zur Härte werden, und zwar in ihrer Intoleranz gegen Rüstungen und gegen das Herstellen von Mordwaffen. Ganz notwendigerweise; sie wird kein Bedürfnis haben, sich selbst durch die neutralste Flagge, durch die uniformste Weltuniform, durch die schlichtesten Orden, die harmlosesten Schwerter und Sporen auszuzeichnen. Sie wird die heutigen Regierungen weder erobern noch unterwerfen noch aufsaugen noch eine von ihnen zur Weltregierung ausdehnen; sie wird sie überflüssig machen.

Wenn das kommende Weltdirektoriat vieles von dem ausschalten wird, was wir heute als die wichtigsten Merkmale einer Regierung ansehen, so wird es andererseits weitaus tiefer in des Menschen Leben eingreifen als heute. Es wird die Weltproduktion tätig organisieren und die Verteilung der Stapelprodukte auf sich nehmen; es wird Stahltruste, mineralogische und chemische Industrien, Kraftproduktion und -Verteilung, Landwirtschaftsproduktion und -Verteilung, Mühlenwerke, Wasserversorgung, die Transportunternehmungen der Welt und die Hauptverkaufskonzerne in ein einziges System einreihen. Es wird die ganze Wind- und Wasserkraft der Welt ausbeuten. Es wird wie ein großer Weltbaum sein, für den Romer, Steinhart, Crest und Co. und ihre Filialen und Assoziierten der Keim waren. Es wird weder ein Welt-Königreich noch ein Welt-Kaiserreich sein noch ein Welt-Staat, sondern eine Weltgeschäfts-Organisation.

Seine Verfassung wird mit seiner Entwicklung wachsen; ohne Zweifel muß die Konstitution auf sehr komplizierten Grundlagen aufgebaut sein, aber in praktischer Harmonie mit ihren Funktionen. Die Forschungsabteilungen, die es errichten wird, werden die verschiedenen Methoden nach ihrer Wirksamkeit ganz leicht und natürlich verändern und verbessern. Seine Machenschaften werden stets aufgezeichnet und der freien Kritik überlassen werden. Es wird ebenso wie Romer und Steinharts Gründer von technischen Schulen, Bibliotheken und Theatern werden, Erbauer industrieller Bezirke, lebhaft interessierte Statistiker und Fürsorger für die Gesundheit der Arbeiter.

Wegen des grundlegenden Unterschiedes zwischen der alten Ordnung und der neuen glaube ich nicht daran, daß irgend eine politische Methode den Umschwung herbeiführen könnte. Die Verschiedenheit ist so groß, daß in mancher Beziehung die beiden Ordnungen gleichzeitig bestehen können. Während fast eines Jahrhunderts ist die neue imstande gewesen, sich trotz des Bestehens der alten bedeutend zu entwickeln. Die beiden Systeme sind aber notwendig miteinander verwickelt; früher oder später müssen sie ineinander eingreifen und zum Streite kommen.

Die Menschen, die die Zivilisation erneuern, müssen vielleicht politisch tätig sein, aber ihre politische Tätigkeit wird selbst dann noch sekundär bleiben. Die Menschen vom neuen Typus werden vielleicht gebieterisch vor die Wahl gestellt sein, ob sie mit Wischnu oder mit Siwa das oberste Gebot der freien Diskussion und der persönlichen Freiheit erreichen. Wenn auch der alte Herrschertyp und der alte Politiker meist zum Feind, zuweilen zum Verbündeten werden kann, so kann er doch nie zum Instrument werden. Je ferner man ihn von der ökonomischen und biologischen Administration hält, desto besser für die Welt. Nicht ihn muß man beachten. Schöpferische Menschen haben einige Jahrhunderte lang ihre Zeit damit verschwendet, ihm Aufmerksamkeit zu schenken.

Nicht nur, daß er die für die ganze Welt bestimmten Pläne auf die engen Grenzen seines nationalen oder kaiserlichen Reiches beschränken muß, er ist durch die Bedingungen, die ihn zur Macht erhoben haben, entweder streng traditionell oder jeden Augenblick versucht, vernünftiges Planen persönlichen Sicherungswerten zu opfern. Und ob nun seine vergängliche Macht ihm durch Erbschaft, durch Wahl oder durch Volksentscheid zuerkannt wurde, so ist er doch auf jeden Fall ganz unerfahren im Beherrschen des komplizierten und verwirrenden Wirtschaftslebens.

Der Sozialismus begab sich auf einen Irrweg, als er die kraftvollen Anregungen des genialen Industriellen Robert Owen außer acht ließ und sich der Politik zuwendete; seinen politischen Bestrebungen verdanken wir in fast jedem Lande unter der Sonne das bedauerliche Schauspiel einer großen belanglosen Arbeiter-Sozialisten-Partei, die, solange sie in der Opposition ist, stürmisch nach Nationalisierung und allgemeiner Sozialisierung schreit, sobald sie sich aber in der Macht sieht, bloß einen sinnlosen Administrationsterror ausübt. Die öffentlichen Versammlungen, bei denen jeder Atemzug ungeheuer eindrucksvoll aufgebauscht wird, die Parteikomitéräume sind die allerschlechtesten Vorbereitungsschulen für praktische Geschäftsführung. Die einzig tauglichen Leute, die wir kennen, sind Leute, die den Transport beherrschen und die Ausbeutung der Natur- und Industrieprodukte berufsmäßig betreiben.

Das ist eine unangenehme Wahrheit für viele Menschen, aber sie muß geschluckt werden. Was wir zu tun haben, ist, das Gefühl der Gemeinsamkeit in diesen führenden Menschen zu wecken und sie von der Überlieferung der Vergangenheit zu befreien. Wir wünschen, daß sie sich der moralischen und biologischen Folgen ihres Handelns bewußt werden. Es wäre ebenso sinnlos, sie unter Lenins fürchterliche ›bewaffnete Arbeiter‹ zu stellen, wie unter die herkömmlichen Herrscher der westlichen Welt. Sie selbst sollen herrschen.

Wenn wir die politischen Methoden als hoffnungslos beiseite schieben, wenn wir von ihnen nicht erhoffen können, daß sie die zerstückte Welt mit ihren streitbaren Regierungen unter eine vernünftige Weltherrschaft bringen, dann müssen wir andere Wege gehen, um die Revolution herbeizuführen. Es bedarf nicht einmal einer tiefgehenden Analyse, um einzusehen, wie diese Wege geartet sein müssen. Die erste zu entwickelnde Gruppe liegt auf geistigem Gebiet. Wir müssen klarstellen und überzeugen. Die neue Phase der Weltangelegenheiten ist an einem Punkt der Entwicklung angelangt, bei dem Aufklärung nicht nur möglich, sondern geradezu gebieterisch ist. Die Weltrepublik muß beginnen, sich selbst zu erklären, die herrschenden Traditionen, die sich ihrem vollen Aufblühen entgegensetzen, herausfordern und eine Propaganda für bewußten Anschluß aller Männer und Frauen schaffen. Sie muß ihre eigene Literatur fordern und die Presse benützen, die sie schon so reichlich unterstützt, und zwar für ihre eigenen, schöpferischen Endzwecke. Ich weiß, daß große Finanz- und Geschäftsleute Angst vor der Öffentlichkeit haben, aber diese Angst müssen sie überwinden. Sie fürchten Siwa zu sehr und dulden Wischnu zu leichtmütig. Es ist hohe Zeit, dieser Ängstlichkeit ein Ende zu setzen. Wir müssen uns erinnern, daß die einzige Stärke der politischen und sozialen Institutionen, inmitten deren wir leben und die unsere Existenz so mühselig machen, so verschwenderisch und so gefährlich, einzig in der Tatsache liegt, daß sie überliefert und festgelegt sind. Wenn wir mit der Menschheit frisch beginnen könnten, das Vergangene aus ihrem Gedächtnis auslöschten und sie nur vor das Material, den Apparat und die Probleme der Vergangenheit und der Zukunft stellten, so würde keiner im entferntesten daran denken, den Nationalismus und Partikularismus und die Privilegien neu einzurichten, die unser Leben heute so sehr verwirren. Ihre einzige Rechtfertigung liegt in ihrer Vergangenheit.

Wenn die alte Ordnung in ihre Fanfaren stößt und ihre Flaggen schwingt, uns ihre abgenützten Bräuche aufdrängt, die Pracht der Vergangenheit übertreibt und darum kämpft, die verblichenen Halluzinationen aufrecht zu erhalten, so muß ihr die neue mit ihrer Geschichte aufwarten, mit großen Brücken, Kanälen und Flußbauten, mit mächtigen Schiffen und schönen Maschinen, mit den feinen Triumphen des Laboratoriums und mit den tiefen Wundern der Wissenschaft. Sie muß von neuen Lebensführungen berichten, aufgeklärterem, hellerem Leben, von kräftigem Leben, von neuen Freiheiten und von gesichertem Glück. Die neue Welt, die wir errichten, ist offenkundig größer und edler als die alte; sie befreit die Sklaven, verabscheut Liebedienerei und zieht jeden Menschen zu Hilfe und Dienstleistung heran. Sie schafft schöneren Stoff für die Poesie und bessere Neuigkeiten für die Presse. Das alte Zeug langweilt. Es ist nicht nur eine nebensächliche Einzelheit, sondern eine recht hoffnungsvolle Tatsache, daß das alte Zeug langweilt trotz all seines romantischen Getues. Patrioten sind langweilig; Nationalisten sind langweilig; Könige und Fürsten sind ex-officio entsetzlich langweilig. Langeweile ist eine große treibende Kraft. Ich selbst bin Revolutionär hauptsächlich deswegen, weil die formell eingebürgerten Dinge, die normalen Unterhaltungen eines erfolgreichen Mannes mich über alle Maßen gelangweilt haben. Und ich bin überzeugt, daß eine große Anzahl von Menschen sich ebenso langweilt.

Man kann den noch kaum bewußten Konflikt zwischen dem Neuen und dem Alten schon in den charakterlosen, ausführlichen und nachlässigen Zeitungen von heute entdecken. Man findet darin noch ziemlich unwissend, aber doch immerhin auffallend den Hinweis auf irgend eine neue Entdeckung, auf irgend eine mechanische Verbesserung, auf das Martyrium eines Mannes der Wissenschaft als klare statistische Feststellung. Daneben die langweilige Photographie von einer Reihe von Politikern, zum Beispiel die des letzten Kabinetts von Briand oder die noch weitaus uninteressantere von königlichen Hoheiten im Hochzeitskleid oder in schottischen Kostümen, jedenfalls in Nichtstuer-Posen. Am bedeutsamsten von allen sind die Photographien von irgend einem ungeheuren Dock oder einer neuen Maschine, irgend einem mächtigen Werk mechanischer Meisterschaft, das von dem Präsidenten X oder dem Fürsten Y feierlich eröffnet wird und der sein Bestes tut, um so auszusehen, als wäre er in irgend einer Beziehung dafür verantwortlich und nicht etwa nur ein Fetisch, zufällig und sinnlos wie eine schwarze Katze auf der Bühne eines Schauspielhauses.

Während diese Vorbereitung für die Revolution ihre Kräfte sammelt, gibt es schon eine Menge Wege und es wird ihrer noch mehr geben, auf denen sich die neuen Ideen durch die alten hindurch Bahn brechen. Und das muß die zweite Kraftanstrengung der offenen Verschwörung sein. Eine ungeheure Menge von Macht liegt schon in den Händen der neuen Männer und Tag für Tag wächst das Ausmaß dieser Macht. Erst jetzt beginnen die Männer der Finanz und der Industrie zusammenzukommen und sich auszusprechen; erst jetzt beginnen wir zu bemerken, wie sehr vieles von der alten Ordnung nur mehr besteht, weil wir es dulden. Es liegt in der Macht der Bankleute der Welt, das Wachstum und die Aufrechterhaltung der Rüstungen zu verbieten. Sie können das Bauen von Schlachtschiffen verbieten und darauf bestehen, daß man das Geld für Erziehung verwende; sie können die Ausgaben von unproduktiven in produktive Kanäle leiten. Wenn sie das nicht tun, so geschieht es, weil sie ungeeint sind oder unaufgeklärt oder ihrer Macht unsicher.

Das gilt noch mehr für die großen Industrieorganisationen. Wenn die Romer- und Steinhart-Gruppe mit allen Firmen und verbündeten Konzernen sich dazu entschlösse, ihre Produkte und Munitionen einer einzigen Macht zuzuschanzen, so würde diese damit eine ungeheure militärische Übermacht bekommen. Kein lebender Soldat kann etwas gegen den geeinten Willen der Chemiker und Metallurgen der Erde unternehmen. Von seinem untergebildeten Gehirn bis zu seiner überdekorierten Brust ist er veraltet, ein machtloses Nichts ohne unsere Hilfe. Wenn er den Wucherer und Kreditgeber schon auf seiner Seite hätte, so wäre er doch nicht imstande, die Waffen zu verfertigen, die er nun ohne unser Zutun fordert. Früher oder später werden Leute wie Dickon die Popularität des Soldaten erwürgen und die Hände des Kreditgebers fesseln.

Wie die Geschichte der Tanks und eine Menge ähnliche Erfahrungen beweisen, können die Generale weder einen neuen Apparat ersinnen noch ihn benützen, ohne daß Nichtsoldaten sie ihnen erklären; sie können sie nicht einmal verstehen. »Tanks«, sagte Kitchener, der britische Kriegsherr, »sind mechanische Spielzeuge.« Professionelle Soldaten lieben es, Menschenmaterial anstatt mechanischer Spielzeuge zu benützen. Die Kriegsgeschichte verzeichnet ununterbrochen die hartnäckige blutrünstige Unbelehrbarkeit des professionellen Soldaten. Bis zum Ende des Krieges hielten britische Militärautoritäten trotz der ihnen zur Verfügung stehenden elektrischen Seilbahnen Tausende von Menschenleben unter Qualen und Gefahr dazu an, schwere Lasten zu den Schützengräben hinauszutragen. Die Männer quälten sich bis zur Erschöpfung mit den Lasten, viele sanken um und erstickten im Schlamm, aber da es für die militärischen Herren notwendig gewesen wäre, ein elektrisches Seilbahnsystem auszudenken, so geschah nichts zu deren Erleichterung. Das war ihnen zu mühsam. Langsam, nur sehr langsam, um einen ungeheuren Preis von Menschenleben, begannen sie etwas von Gasangriffen zu lernen, etwas von modernem Transport, etwas vom Gebrauch der Aeroplane. Aber bis zum Ende des Krieges überfüllten sie ihre Linien mit einer Menge von Kavallerie und einer Unmenge von Futter und bis zum heutigen Tage klirren sie in Sporen daher. Der Krieg hatte keinen militärischen Abschluß, er war nichts weiter als ein moralischer Zusammenbruch.

Des Generals älterer Bruder, der Admiral, ist nicht besser als er. Vor einem Menschenalter nahmen wir ihm seine Säbel und seine Holzwände, setzten ihm Maschinen ein, hüllten seine Schiffe in Stahlplatten trotz seines äußersten Widerstandes, und bis zu dem heutigen Tage besteht er auf Kriegsschiffen und wird weiter auf ihnen bestehen, wenn wir nicht ihn und seine goldenen Tressen zu allen Teufeln jagen. Niemand hat bis jetzt seine privaten Gedanken über die Machenschaften der britischen Flotte im großen Kriege geschrieben. Man hörte einige Warnungsrufe von Admiral Fisher, aber dieser starb. Bei Jütland waren die Kanonen, die Minensucher, die Unterseeboote, Torpedos und die Aeroplane dieser verschwenderischen Wehrmacht weit hinter der Zeit zurück. Trotz der Proteste von Weir, Parsons, Thornycroft und unserer Leute blieb der Flotteningenieur ein Zivilbeamter unter der Herrschaft dieser Streiter in Blau und Gold. Das ist ein leuchtendes Beispiel für den allgemeinen Zustand der Dinge. Und – ist es nicht wunderbar? – es gibt dabei eine Menge befähigter Flotteningenieure.

Im Jahre neunzehnhundertvierzehn wurden die Finanzleute und Industrieführer überrascht und die Herren in Uniform gingen durch. Es ist unser Fehler, es ist Mangel an Phantasie, wenn sie uns je wieder auf dieselbe Weise durchgehen. Jahr für Jahr wird es weniger notwendig, sie überhaupt frei zu lassen oder die Last und die Gefahr ihrer Machenschaften weiter zu ertragen. Der Kampf der Finanz- und Geschäftsleute in der ganzen Welt gegen die professionellen Militaristen aller europäischen Staaten, das Bestreben, sie nach dem Krieg wieder festzubinden und dadurch nationalistische Extravaganzen zu beschneiden oder ganz auszuschalten – obwohl dieses Bestreben mehr instinktiv als wohlüberlegt war –, ist ungeheuer interessant gewesen. Ungeeint und unorganisiert, wie wir alle noch sind, sind die Angelegenheiten doch unseren Weg gegangen. Da ich dieses schreibe, unterzeichnet man den Vertrag von Locarno in London. Eine böse Nachricht für die Händler mit Nationalflaggen. Die ›Compagnie Internationale des Wagons-Lits‹ denkt, angeregt durch diesen Triumph des kosmopolitischen Geschäftes, allen Träumen nationaler Rache und allen Revanchegedanken zum Trotz daran, wie ich eben aus der Zeitung entnehme, einen neuen Typus blauer Schlafwagenzüge zu bauen, die binnen kurzem die Hauptlinien des Kontinents von Calais bis Cadiz und von Moskau bis Konstantinopel befahren sollen.

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