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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 17
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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Ich will nicht behaupten, daß eine höhere Reife unserer Rasse notwendigerweise und unter allen Umständen kommen wird, eine Reife, welche die bisherigen Kennzeichen einer erwachsenen Menschheit zu einer vorübergehenden Entwicklungsphase stempeln würde. Der Versuch mag mißlingen. Die Menschheit mag versagen und erlöschen, es gibt keine Gewähr dagegen. Es gibt keinen weitgespannten Regenbogen der Verheißung in den Räumen unseres heutigen Firmaments. Die Metamorphose der Menschheit ruft gebieterisch nach einer Willensanstrengung aller, die ihre Bedeutung begreifen. Sie wird scheitern, findet der Ruf kein Gehör.

Und so frage ich: Wie kommt die offene Verschwörung zustande, durch welche die Gesetze, Gebräuche, Regeln und Einrichtungen dieser Welt geändert werden sollen? Welche Klassen werden die Revolutionäre stellen? Welche Typen werden es sein? Wie werden sie sich zu gemeinsamer Tätigkeit finden? Welche werden ihre Methoden sein? Was werden sie gemeinsam haben müssen?

Eine schöpferische Revolution kann offenbar nicht zum Ziele führen, sofern ihre Träger nicht die Macht in Händen haben. Die Hauptfaktoren schöpferischer Macht in unserer Welt sind einerseits die moderne Industrie, verbündet mit der Wissenschaft, und andererseits die Weltfinanz. Die Leute, welche diese Gebiete beherrschen, können die Bedingungen des menschlichen Lebens konstruktiv verändern. Niemand sonst kann das in solchem Maße.

Alle anderen Machtfaktoren in der Welt sind entweder nur sekundär oder einschränkend oder behindernd oder zerstörend. Die Macht des altbegründeten und passiven Besitzes zum Beispiel ist nichts weiter als die Macht, sich um einen gewissen Preis aufrecht zu erhalten. Die Macht der Massen ist der Streik, verkörpert in einem Mob, der Maschinen zerstört und Experten verjagt. Über Wischnu und Siwa habe ich schon geschrieben. Was ich aber hier klar zu machen wünsche, ist, daß nur durch ein bewußtes, aufrichtiges und weltumfassendes Zusammenarbeiten der Wissenschaftler, der geistigen Arbeiter, der führenden Männer in der produktiven Industrie, der Männer, die den Geld- und Kreditumlauf beherrschen, der Zeitungsleiter und der Politiker, das große System der Veränderungen, das fast gegen ihren Willen schon in Gang kam, zu erfolgreicher Entwicklung gelangen kann.

Solche Männer sind, ob sie es nun wollen oder nicht, die wirklichen Revolutionäre unserer Welt. Unter ihnen und nirgends anders müssen wir das erste Auftauchen des voll ausgereiften Geistes suchen, der einen wirkenden Zusammenschluß herbeiführt. Wenn sie nicht imstande sind, die Menschheit zu einer gesicherten Stellung vorwärts zu führen, zu einem neuen, reicheren Leben, dann weiß ich nicht, wie der notwendige Schritt vorwärts je gemacht werden soll. Wohl kann die Menschheit – wenn sie sich als unfähig erweisen sollte – einige Jahrzehnte, einige Jahrhunderte lang sich in Versuchen ergehen, zu einer Welteinigkeit zu gelangen, große Gedanken entwickeln, edle Gefühle zeigen, schöne Dinge schaffen, aber nur um schließlich zu entarten, dekadent zu werden, die Kraft zu verlieren, zurückzugleiten und zu stürzen.

Ich gebe zu, daß das Material für diese schöpferische Verschwörung heute noch recht ärmlich ist. In den vorherigen Büchern habe ich den Wirkungskreis und die Triebkräfte der besitzenden führenden Menschen in der Welt zu erforschen versucht und ich habe im besonderen Wert darauf gelegt, Menschen wie mich und meinen Bruder in unserer Wesensart zu enthüllen. Ich meine, daß wir beide Durchschnittsbeispiele sind für Menschen weiteren Horizonts und schöpferischen Triebs. Ich habe zu zeigen versucht, wie auch wir nur tastend vorwärtsschreiten und wie wir an jeder Biegung unseres Weges durch – wie soll ich es nur nennen – Zusammenstöße mit ›Crests‹ abgelenkt und behindert werden. Die Crestsche Tradition! Ich habe mich bemüht, die Verwirrung meiner eigenen Begierden zu schildern, zum mindesten darauf hinzuweisen, wie sehr ich mit meinen Trieben, Lüsten und Begierden im Kampfe lag. Jedoch wie Dickon sagte: schwach, wie wir sind, andere sind noch schwächer. Aus unseren Kreisen, aus Menschen unserer Art, aus der Gruppe geistiger Arbeiter, die sich uns anschließen können, muß die große Revolution geboren werden. Es gibt keine Art von Menschen, die befähigter wäre, sie durchzuführen. Wenn wir nicht durch Wischnu als Partner von Crest begonnen hätten, so hätten wir als Beamte Siwas beginnen müssen, als Büttel der Doktrinäre, nach einer kommunistischen Revolution.

Gebt mir lieber die Crests mit ihren Ahnen und ihren Adelsprädikaten! Lieber Herzöge als Doktrinäre! Ich hege keinen Zweifel – nachdem ich einen Einblick in die bolschewistische Industrie gewonnen habe –, daß unser Beginnen hoffnungsvoller ist.

Ich kenne einige bedeutende Männer, die darin anders denken. Aber das sind eher Forscher als Führer. Was mich betrifft, werde ich mich eher rechts halten und der Linken aus dem Wege gehen. Keiner der beiden Wege führt gerade zum Ziel, das wir erreichen wollen, zu einer wissenschaftlich organisierten Weltwirtschaftseinheit, aber wenn auch der Weg der rechten felsig und gewunden sein mag, so halte ich es doch für wahrscheinlich, daß wir eher ans Ziel kommen als die Linke. Ich mag durch meine eigene ökonomische Lage beeinflußt sein – einem jeden Kommunisten ist diese Erklärung geläufig –, und wenn ich im Unrecht bin, nun dann ›Glückauf!‹ der Linken. Ich werde bis zum Ende meiner Tage mit dem Luxuszug reisen. Ich werde mir die Grundpfeiler meiner Revolution eher in Amerika als in Moskau suchen.

Wohlverstanden, wir und unsere Generation unternehmender und nach Macht strebender Männer sind nur ein Anfang – ungetrockneter Ton. Eine Masse unerschöpfter Möglichkeiten. So wie Dickon von Northcliffe einmal sagte: Von der eigenen Macht wurden wir überrascht. Wir sind nicht vollkommene Beispiele für die neue Menschensorte, wir sind nur Rohmaterial. Wir wurden nicht belehrt, wir wurden nicht erzogen, wir wußten nichts von der Menschheit. Wir mußten uns erst aus einem Welt-Dschungel irreführender Vorstellungen herausarbeiten. Es ist gar nicht notwendig, daß jene, die uns folgen, ebenso unvorteilhaft beginnen.

Ich glaube, daß Dickon und ich keine abnormalen Typen sind. Ich glaube, daß wir Industriellen und Finanzleute eben anfangen, uns zu erziehen, um unseren Horizont zu erweitern, während unsere Unternehmungen wachsen und ineinandergreifen. Wenn wir das Bewußtsein für die Aufgabe unserer Zeit genügend entwickeln können, wenn wir Wissenschaftler und andere begabte Männer zu kritischer Mitarbeit heranziehen, so können wir ein Weltsystem des Geldwesens und der Wirtschaft anstaunen, während die Politiker, Diplomaten und Soldaten noch immer viel zu sehr mit ihren althergebrachten Grotesken beschäftigt sind, als daß sie unser Tun begreifen würden. Wir können so stark werden, daß wir imstande sind, ihre Einmischung nicht nur abzuschwächen, sondern sie völlig zu unterdrücken. Wir können ein Geld- und Wirtschaftssystem aufbauen für eine Weltrepublik, in vollem Tageslicht und vor den Augen jener, die das alte System repräsentieren. Ich glaube, sie werden größtenteils mit uns gehen, wenn sie uns nur verstehen, und daß wir keinerlei Vorteil damit aufgeben und keinerlei Gefahr laufen, wenn wir unsere Pläne und Methoden ganz öffentlich durchführen.

Deshalb spreche ich von einer offenen Verschwörung. Es ist ein Projekt, das die bestehenden Regierungen keineswegs durch Aufstände und Angriffe umstürzen will, es soll sie bloß durch Nichtachtung beiseite schieben und überflüssig machen. Es hat nicht die Absicht, sie zu zerstören oder ihre Formen zu ändern, es soll sie nur unwichtig machen dadurch, daß es ihnen den größten Teil ihrer Tätigkeit abnimmt. Soweit es nötig ist, wird es sie respektieren. Was nützlich an ihnen ist, wird benutzt werden. Was nutzlos ist, soll durch stärkere Wirklichkeit übertönt werden. Nur das, was wirklich feindselig ist und tatsächlich hinderlich, wird bekämpft werden. Die Verschwörung versucht die lebenden Kräfte der heutigen Welt zu festigen, zu beleben und zu entwickeln, und zwar durch Belehrung, Propaganda, Literatur, Bildungsarbeit, Erziehung und ein bewußt geschaffenes Zukunftsbild der neuen Gesellschaft.

Es ist nun natürlich, daß sich zwischen uns allen, die wir mit den Wirklichkeiten der Welt zu tun haben, ein gemeinsames Interesse und ein gegenseitiges Verständnis entwickelt, da unsere Unternehmungen sich immer weiter ausbreiten und immer mehr ineinander eingreifen. Die nationalistischen Gruppen und Cliquen, die uns heute noch trennen, Kleinkriege und Rivalitäten, sind weiter nichts als Erbschaften aus der vergangenen Ordnung, von der wir uns schon loszulösen beginnen. Sie können sich nur mehr aufrecht erhalten, weil wir noch zu unwissend und unerfahren sind. Unsere wahre Stärke liegt im Kosmopolitischen. Wir werden zur wahren Internationale, weil unser Wirken die ganze Welt umspannt. Unsere internationalen Ideen sind vielfältig, greifbar und echt. Wenn wir aufhören, uns für britisch, amerikanisch, deutsch oder französisch zu halten, so werden wir nicht nur schwach und beiläufig kosmopolitisch, sondern wir werden zu Weltstahl, Weltschiffahrt, Weltwolle, Weltnahrungsmittel – zur Weltwirtschaft.

Die Internationale der Arbeiter ist trotz ihrer ausgesprochenen Organisation sogar jetzt schon weniger schwerwiegend als die Handels-Internationale. Aus diesem Grunde war sie leichter zu organisieren. Man stößt den Arbeiter zu jung zur Arbeit; sein Horizont ist beschränkt, er ist schlecht unterrichtet und wird leicht auf Abwege gebracht. Er hat Gefühle an Stelle von Ideen. Seine Internationale ist nichts weiter als eine Gemeinschaft von Menschen mit Haßgefühlen, die sich gegen die allgemeine Ordnung der Welt und gegen uns Arbeitgeber wenden. Doch geschieht dies weniger um unser selbst willen, als weil wir uns mit der Crestschen Tradition und ihrer Mißachtung der menschlichen Bedürfnisse verbündet haben, und wegen der aufreizenden verschwenderischen Extravaganzen, die wir unseren Kreditgebern und unseren Lady Steinharts – und sogar uns selbst in manchen schwachen Augenblicken – gestatten. Wenn die europäischen Geschäftsleute das Gehaben der Crests zur Schau tragen, so scheinen mir die amerikanischen durch so viele nichtstuende Frauen und Erben das Gefühl der Allgemeinheit zu beleidigen. Dies alles bedarf einer Besserung. Es mag eine Zeit kommen, wo sich das Betragen des Arbeitgebers und sein Verständnis gebessert haben und die Führung der Arbeiter weniger stumpfsinnig ist, so daß die beiden feindseligen Internationalen sich gegenseitig begreifen und zusammenwirken.

Vieles, was heute noch hoffnungslos im Kampf miteinander liegt, z. B. der Kommunismus und die internationale Finanz, können sich im nächsten halben Jahrhundert so gut entwickeln, daß sie nebeneinander arbeiten, um sich gemeinsam dem Fortschritt zu widmen. Heute stehen große Verkaufsunternehmungen in scharfem Gegensatz zu Konsumgemeinschaften. Einige dieser Groß-Verkaufsunternehmungen haben schon wichtige Verträge mit den Konsumgenossenschaften der Linken abgeschlossen. Beide Teile arbeiten noch auf Grundlage sehr primitiver Kenntnisse von Sozialpsychologie und von sozialer Gerechtigkeit. Beide Teile versuchen unter denselben materiellen Schwierigkeiten international zu werden.

Ich glaube ernstlich an die Unvermeidlichkeit einer durchgreifenden Verbesserung der Wesensart und der geistigen Solidarität jener, die das große Weltgeschäft im nächsten Jahrhundert zu leiten haben werden, an die Vertiefung und die Ausarbeitung ihres Zielstrebens, an eine großzügigere und wertvollere Moral. Möglicherweise neigt mein Temperament dazu, das für möglich zu halten, was sein muß. Aber ich kann nicht annehmen, daß Menschen, wie sie heute unser Bankwesen beherrschen, beschränkte, der Tradition ergebene Menschen, die entweder oberflächlich oder doktrinär sind, schon der höchstentwickelte Typus des Bankiers sein sollen. Das erscheint mir ebenso unsinnig wie etwa die Annahme, daß halbgebildete, unvorbereitete Abenteurer wie Dickon, ich, unsere Partner und Zeitgenossen etwas anderes sind als vorkämpfende Industrieführer, und daß nichts Besseres nach uns kommen soll. Dickon und ich sind höchstens erste Modelle, Jahrgang 1865 und 1867. Der Geist des Geldmarktes und des Geschäftswesens ist heute schon viel feiner als der zu meines Vaters Tagen.

Ebenso absurd ist es zu vermuten, daß die modernen Zeitungen mehr sind als ein vergängliches Mittel der Verständigung und der Diskussion. Bald werden Menschen kommen, die die Presse und die anderen neuen Kräfte der Volksbeeinflussung und Erziehung wie das Kino und das Radio mit einem schöpferischen Verstand handhaben, der unsere heutigen Unternehmungen weit, weit überragt. In wenigen Jahrzehnten können das wirtschaftliche Leben, die Erziehung und der Geist auf eine weit höhere Stufe gehoben werden.

Auch der Arbeiterführer, den wir heute kennen, sinnlos aufgebracht und von ungesunden Forderungen geschwellt, ist selbstverständlich nichts weiter als ein vergänglicher Typus. Die jüngeren Männer sind schon anders, klarer, härter, weniger geneigt, uns die Hände zu schütteln, aber befähigter, auf unseren Geist einzugehen und zu einem praktischen Verständnis zu kommen.

Die meisten großen Geschäftsleute, die ich heute kenne, haben kein herausforderndes Auftreten und sind gemäßigt in ihren Ausgaben. Sie hassen Protzerei und meiden die ›Gesellschaft‹; ihre Umgangsformen im Privatleben sind höflich. Sie scheinen ungebildet und philisterhaft, weil die zeitgenössische Literatur sich noch mit Phantasterei, Nachahmung und Nachbeterei beschäftigt und weil die Kunst nichts als Afterkunst ist. Die Unzulänglichkeit liegt mehr in der Kunst und der Literatur, die sie mißachten, als in ihnen selbst. Die Kunst des achtzehnten Jahrhunderts entfaltete sich zum Vergnügen einer Aristokratie, die des neunzehnten Jahrhunderts zum Vergnügen der Bourgeoisie. Zu dem heutigen modernen, schaffenden Menschen wird sie erst eine Beziehung herstellen müssen.

Alle diese neuen Kräfte entwickeln immer mehr ihre Eigenart, schaffen neue Ausblicke und die dazugehörigen Bewegungen und werden, während sich die neue Welt der Jugend bildet, automatisch neue Typen literarischer und künstlerischer Arbeit hervorbringen in Harmonie mit ihrem Schaffen; sie werden immer entschlossener die abgegriffenen Gesellschaftsformen abwerfen, denen sie sich vorläufig noch anpassen – wenngleich recht unwillig.

Die große Revolution, die nun schon sichtbar geworden ist, muß immer öffentlich bleiben, öffentlich und eindringlich, um immer neue Typen hervorzubringen, und ihren Geist und ihr Verständnis in das Leben einer immer größeren Zahl von Menschen hineintragen. Sie kann einem Fehlschlagen in keiner anderen Weise vorbeugen. In der unbedingten Offenheit unterscheidet sie sich von allen vorhergegangenen erfolgreichen Umsturzbestrebungen. Die Geschichte ist erfüllt von Berichten über aufsteigende und stürzende Klassen, Priesterschaften, Dynastien, Aristokratien. Jede Klasse, die in der Geschichte zur Herrschaft gelangt, richtet sich so ein, als ob sie für ewig regieren sollte; sie macht Gesetze, bestimmt neue Formen, prägt ihre Eigenart in ganz bestimmter Weise, jegliche Möglichkeit einer Veränderung mißachtend. Sie herrscht, sie tyrannisiert, sie verliert an Kraft und Biegsamkeit; mit immer weniger frischen Zuflußquellen verharrt sie in verhängnisvollem Eigensinn bei dem Willen, der die Formen geschaffen hat und sie wieder zerstören wird.

Das ist ganz allgemein die Geschichte aller vorübergehenden Vorherrschaften. Solche Versuche einer Fixierung waren möglich, weil die Veränderungen noch nicht so schnell vor sich gingen, als daß man ihre Hoffnung auf Dauer als Wahn hätte erkennen können. Der moderne wertschaffende Mensch kommt jedoch nie zu einer Atempause, so daß er sich solch trügerischen Hoffnungen nicht hingeben kann. Die Anpassungsarbeit in einem modernen Unternehmen hört niemals auf. Jeder Sieg ist nichts weiter als ein Sprungbrett für die nächste Phase. Erfolg ist nicht eine Thronbesteigung, sondern immer wieder nur ein neuer Beginn. Wir von Romer & Steinhart wagen es nicht, neue Anregungen zu mißachten oder befähigten Männern ihren Anteil an der Führerschaft zu entziehen. Alle unsere Monopole sind nur bedingte Monopole; unsere Patente entwinden sich unseren Händen, wenn wir sie nicht sofort wirksam verwenden. Wir können nur bestehen, wenn wir uns immerfort lebendig erhalten.

Das, was ich eine Verschwörung zum Zweck des Wiederaufbaues nenne, ist ganz notgedrungen öffentlich und zugänglich, weil alle jene, die damit zu tun haben, genau wissen, daß ihre letzte Wahrheit nur provisorisch ist und die höchste Vollendung ihrer Arbeit nichts weiter als ein Experiment. Es gibt keinen Teil der Welt, keine Rasse, keinen Ort, der nicht in kurzem imstande wäre, etwas Wesentliches dazu beizutragen. Die offene Verschwörung ist tatsächlich die Anwendung der wissenschaftlichen Methode auf das ganze Leben. Da die wissenschaftliche Forschung aufgehört hat, Geheimwissenschaft zu sein, da ihre große Ausbreitung vor drei Jahrhunderten begann, als freie Veröffentlichung und unbeschränkte Diskussion gestattet wurde, haben Bergarbeiter, Schuster, Steinklopfer, Krämergehilfen, bäurische Priester (und diese nicht zum wenigsten) Seite an Seite mit Adeligen wie Cavendish oder großen Professoren wie Huxley unendlich wertvolle Dinge dazu beigetragen. Die bei uns liegende soziale und politische Revolution muß ihre Netze weit auswerfen. Notwendigerweise beginnt sie in der Praxis bei den Führern der großen Finanz- und Industrieunternehmen, weil diese die lebenswichtigen Zentren des Wirtschaftslebens sind. Hier ist es wahrscheinlich, die energischesten Menschen beisammen zu finden. Je größer die Unternehmungen werden, desto weniger werden diese Menschen Besitzer sein, desto weniger können sie ihre Schachzüge geheimhalten, desto weniger können sie den Outsider ausschalten, der begabt ist und die Absicht hat, an ihrer Führerschaft teilzunehmen, den ausschließen, der imstande und willens ist, zu kritisieren oder neue Anregungen zu bieten.

Ausschließen! Wir laden ein! Crest mißachtend, sind wir beständig auf der Jagd nach befähigten und energischen Menschen, die wir in unser Unternehmen unterbringen können. Ebenso bemühen sich große Firmen wie der American Steel Trust, J. P. Morgan, Rockefeller, Brunner Mond, Schneider-Creusot, Krupp, Tata, die deutschen elektrischen und chemischen Gesellschaften, die Ruhr-Stahl-Gruppe, die wunderbare Zeiß-Firma, Kodak und Ford usw. usw. hinunter und herauf in dem Gewirr moderner Geschäftsunternehmungen. Es ist eine weitaus einfachere, ehrlichere und sicherere Karriere für einen armen und talentvollen jungen Mann, wenn er sich zum Ziele setzt, bei Romer & Steinhart Direktor zu werden, als ein Politiker zu werden. Die Arbeit ist sauberer, die Bezahlung besser, die Stellung gesicherter.

Die Neigung, Geschäftssitzungen öffentlich abzuhalten, ist in den letzten Jahrzehnten immer stärker geworden und wird auch immer noch stärker werden. Wir Industriellen haben unsere Angelegenheiten auf eine Stufe gebracht, auf der wir das Bedürfnis empfinden, uns kritisiert und abgeschätzt zu hören und uns jeder neuen Anregung zugänglich zu machen. Wir alle begreifen, wie notwendig es ist, verstanden zu sein. Wir kennen die Gefahr, die uns, unseren Konzern und der ganzen Welt droht, wenn wir im geheimen operieren. Wir fürchten unseren eigenen Schatten mehr als irgend etwas anderes. Wir wünschen Licht von allen Seiten. Wir wollen keine Schatten werfen, weil diese so groß sind, daß zerstörendes Unheil, Verwirrung unserer Zwecke, Schmarotzer an unserer Kraft sich darin verbergen und groß werden können.

Ich denke, daß ich vollkommen klar gemacht habe, was ich unter offener Verschwörung verstehe. Sie bedeutet eine Vereinfachung durch Konzentration großer Organisationen des materiellen Lebens der ganzen Menschheit in einer Atmosphäre unbedingter Ehrlichkeit. Sie ist Erklärung und Einladung für jeden intelligenten Menschen, zu verstehen und mitzuhelfen; sie bedeutet ein Aufgeben jeglicher Eigenbrötelei in der Wirtschaftsarbeit der Welt; die Errichtung eines wirtschaftlichen Weltstaates, ausführliche Diskussion durch bedachte Einladung, durch Kooperation der am Wirtschaftsleben meistinteressierten Männer, der Männer, die sich durch ihre Arbeit hervorgetan, die eine natürliche Veranlagung zu ihrer Arbeit mit sich bringen, die sich der Bedeutung ihres Wirkens bewußt sind, die unterstützt von dem allgemeinen Verständnis arbeiten.

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