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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 16
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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Fünftes Buch.
Die nächste Phase

1

Nun, da ich meine Geschichte erzählt habe, kann ich zum Kern meiner Materie vordringen, zu den neuen Lebenswegen, die, wie ich glaube, die Menschheit beschreiten wird. Zuerst will ich meine Ideen nur in breiten Linien zeichnen. Wenn ich dieses Buch geschrieben haben werde, hoffe ich, zu den verschiedenen Fragen, die ich hier aufwerfe, zurückkehren und das, was ich hier nur als Skelett gebe, mit Einzelheiten ausfüllen zu können.

Ich will so klar wie möglich schreiben, aber ich muß den Leser bitten, Geduld zu haben, wenn ich mich in diesem Buche an manchen Stellen etwas schwerfälliger ausdrücke und mich mitunter wiederhole. Ich bin kein Berufsschriftsteller; mir kam es stets mehr auf Tatsachen und praktische Ideen an als auf einen feinen, anmutigen Stil, und mein höchster Ehrgeiz ist, klar und eindringlich zu sein. Wenn es mir möglich wäre, das, was ich zu sagen habe, bezaubernd und glänzend vorzubringen, ich wäre gewiß froh darüber. Aber ich schreibe um der Materie und nicht um des Stiles willen.

Schon habe ich eine Skizze der Entwicklung des Lebens gegeben, habe die treibenden Kräfte und die Zufälle geschildert, die aus den halbentwickelten Urmenschen – weitverstreut lebenden Einsiedlern, gering an Zahl – allmählich die menschliche Gesellschaft geschaffen haben. In wenigen hunderttausend Jahren ist diese grundlegende Veränderung vor sich gegangen. Aus einem raubenden Tier wurde der Mann zu einem Jäger, der in Rudeln umherstreifte und erst in den letzten Jahrtausenden ging er zum Ackerbau über, entwickelte sich zum obersten der Säugetiere in ökonomischer sowohl wie in sozialer Hinsicht und bildete ein geselliges Leben auf so hoher Grundlage aus, wie sie sonst nirgends auf der Welt vorkommt, nicht einmal bei den Termiten, Ameisen und Bienen. Dieser Prozeß schreitet noch immer mit zunehmender Geschwindigkeit vorwärts. Keine lebende Tierspezies, außer jenen, welche durch Katastrophen in Gefahr kamen auszusterben, war je so heftigen Veränderungen unterworfen wie der Mensch.

Die rasende Geschwindigkeit dieses Veränderungsprozesses wird nur umso auffallender, wenn wir sie an dem Maßstab eines Menschenlebens messen. In der Zeit meines eigenen Lebens hat sich fast alles verändert: seine tägliche Nahrung, der Wirkungsbereich seiner Tätigkeiten, die Art seiner Arbeit und der Geist, in welchem er arbeitet, die Durchschnittsdauer seines Lebens, seine vorherrschenden Krankheiten, seine Wohnungen und seine Kleider. Keine Tierspezies hat je so schnelle und auffallende Veränderungen mitgemacht.

Ich habe eine kurze historische Darstellung von den Anfängen der Arbeit entworfen, von dem Netzwerk des Geld- und Schuldenwesens, das uns alle voneinander abhängig macht, und von der rapiden Vergrößerung des Maßstabes, die alle unsere Unternehmungen in den letzten zwei Jahrhunderten am stärksten beeinflußt hat. Ich habe an meinem eigenen Leben und an dem meines Vaters und meines Bruders gezeigt, wie wir von diesem wirtschaftlichen Zuge, von diesem Drang nach Vergrößerung mitgerissen wurden. Mein Vater, der sein Leben viel zu früh durch Gift beenden mußte, mein Bruder, der sich nicht entblödete, die Baronie anzunehmen, ich mit der todkranken Sirrie Evans in den Armen, Minnie und meine Mutter, Helen und Clementina, Roderick und Julia, wir alle sind nur kleine Atome in dem großen Körper der Gesellschaft, dessen synthetische Evolution nun am Werke ist.

Ich möchte das, was in der Menschenspezies geschieht, mit der vollkommenen Metamorphose eines Insekts vergleichen. Der Mensch war eine Spezies, die entweder einsam oder in getrennten Gruppen lebte, nun hat sie sich zu einem Gemeinwesen gesammelt. Als solches fügt sich der Mensch in ein einziges kooperatives Lebenssystem, das nun die Einförmigkeit individueller Variationen ablöst. Er verändert sich in jeglicher sozialer Beziehung und entwickelt eine Welt neuer Ideen, neuer geistiger Reaktionen, neuer Gesinnungen und eine neue Art zu fühlen und zu handeln, als Antwort auf die ihm neu gestellten Bedingungen. Die Natur, so nehme ich an, ist unparteiisch und unerbittlich. Der Mensch ist keineswegs ihr besonders begünstigtes Kind. Wenn er sich anpaßt, so tritt er in eine neue Phase der Lebensgeschichte; wenn er jedoch nicht imstande ist, die Rätsel zu lösen, denen er jetzt gegenübersteht, so kann ihm geschehen, daß er aus dem Geleise kommt, daß er entartet, daß er völlig ausstirbt. Das einzige, was die Natur ihm nicht gestatten wird, ist, daß er so bleibe, wie er ist.

Ich betrachte die Organisation der ganzen Menschheit zu einem einzigen weltgroßen Ameisenhaufen, zu einer Kosmopolis, zu einem großen Athen, Rom, Paris oder London, ausgebreitet über den Erdball, keineswegs als einen utopischen Traum, als ein bloßes Gebilde der Phantasie; vielmehr als etwas Notwendiges, als die einzig mögliche Fortsetzung der Menschheitsgeschichte. Hier den Anschluß zu versäumen heißt, daß diese Geschichte zu Ende geht, bedeutet eine Rückkehr durch Barbarentum zur Vertiertheit, zu den Gefahren der niederen Kreatur, die zu schlecht ausgerüstet und schon zu ausgelebt ist, um sich neu anzupassen, so daß es mit aller Sicherheit dem Aussterben entgegengeht.

Diese Behauptungen sind nicht leere Theorien, sondern die Feststellung einer harten und offenkundigen Wahrheit. Daß es außer diesen zwei Möglichkeiten nichts anderes gibt, dies ist eine so feststehende Tatsache wie die, daß die Menschheit längst verhungert wäre, wenn nicht ein großer Teil derselben sich entschlossen hätte, die Erde zu bepflügen und zu bebauen.

In diesem Werke habe ich auch bereits einen anderen Ausblick auf die menschliche Entwicklung gegeben und darauf will ich hier wieder zurückgreifen: genau so wie die ersten Entwicklungsstadien des Individuums in seiner embryonalen Periode, in seinen Kindheits- und Jugendjahren nichts anderes sind als verstümmelte Spuren und unvollkommene Wiederholungen ehemaliger erwachsener Lebensstufen – eines Fisches, Reptils, des ersten Säugetiers, des Affen und des Wilden –, so müssen auch alle Gefühle und Antriebe, die in der eben vergangenen Geschichtsperiode noch der erwachsenen Lebensstufe zukamen, nunmehr aus dieser ausscheiden und in die Stufe der Kindheit und Jugend vorrücken; nur so kann die Rasse die ihr unerläßliche Anpassungsfähigkeit erlangen und weiter bestehen. Eine neue Phase umfassenderen, weniger persönlichen Fühlens und Denkens wird kommen und die Hauptjahre des individuellen Lebens erfüllen, jene Spanne von Jahren, die mit der zunehmenden Lebensdauer der kommenden Generationen beständig wachsen wird. Der Mensch muß sich wie jedes andere Lebewesen je nach den neuen Bedingungen verändern. Das kommende Stadium menschlicher Erfahrung verlangt nach dem, was ich bereits als neues ›Mannesalter‹ geschildert habe, und voraussichtlich noch dazu nach einem neuen ›späten Mannesalter‹, das auf breiteren und gesünderen Gedanken aufgebaut ist, in neuen Worten und neuen Kunstformen seinen Ausdruck findet, wohl auch von tiefgehenden geistigen und physiologischen Veränderungen begleitet sein wird. Von des Menschen Seele angefangen bis zu seiner Chemie muß diese Veränderung vor sich gehen.

Es bedarf völlig neuer politischer Gebräuche, neuer moralischer und religiöser Ideen, einer neuen Auffassung und Methode der Erziehung. Die religiösen Lehren der Vergangenheit, die Ehr- und Rechtsbegriffe, die Heldenauffassung, die die Geschichte ziert, die Wissenschaft, die Philosophie, die Kunstwerke werden, von dem neuen Standpunkt aus betrachtet, recht kindisch und unvollkommen aussehen, ja sie beginnen schon kindisch, unecht sentimental und albern jugendlich auszusehen. Die großen Könige und Eroberer der Vergangenheit werden schon und werden immer mehr als naive und kurzsichtige Menschen aufgefaßt; wir begreifen, wie egoistisch und eitel sie waren, egoistisch und eitel wie kluge Kinder, die sich aufspielen. Wir sehen sie in all ihrem Glanz recht kläglich, beschränkt und geschmacklos und in aller Unschuld verschwenderisch und grausam. Wir sehen den Krieg nicht mehr als eine tragische Notwendigkeit des Menschenlebens, sondern als ein furchtbares Hindernis der Entwicklung. Eroberungen erscheinen uns nun wie grausamer Raub und Patriotismus wie das Kläffen eines Dorfhundes.

Da nun ein Zeitalter bewußter Veränderungen beginnt, sind viele Menschen schon bereit, das Wesentliche in der Geschichte anderswo als bisher zu sehen. Hat man so die Vergangenheit als Vorstufe der Gegenwart erkannt, so gelangt man auch zur richtigen Einschätzung der heutigen Zeit als Vorbereitung in Form und Struktur. Die meisten gebildeten und denkenden Menschen von heute müssen diesen geistigen Schritt erst machen, sie müssen den Grundsatz des ›Παντα ῥει‹ ‹ (alles fließt) auf ihre eigenen Angelegenheiten anwenden, auf ihr Tun von heute und auf ihre Pläne für morgen. Das ist nicht so leicht, weil es eine Revision aller Lebensgewohnheiten mit sich bringt; viele machen schon bei der theoretischen Erkenntnis halt und fast alle bei der praktischen Erkenntnis, daß die Traditionen, die Moral, die politischen und wirtschaftlichen Gebräuche unserer Zeit in Auflösung begriffen sind, keine gebieterische Geltung mehr haben und Jahr um Jahr kraftloser werden. Sie fühlen zuweilen wohl, wie die Zeit sie vorwärts stößt und drängt, aber sie sind nicht darauf vorbereitet, sich zu wehren, die Veränderungen zu überblicken oder gar sie zu beherrschen.

Wir befinden uns in einem Übergangszustand. Die jetzige Metamorphose der Gesellschaft und der menschlichen Beziehungen ist erst vor kurzem begriffen worden. Zur Zeit, da mein Vater ein junger Mann war, begann es. Was ich hier auf den letzten Seiten darüber geschrieben habe, ist von jedem belesenen, gebildeten Menschen als Tatsache erkannt worden. Die Feststellung wird hier scharf umrissen und aggressiv vorgebracht; aber es ist nichts wirklich Neues daran. Jedem Menschen, der vor hundert Jahren geboren wurde, wäre sie über alles phantastisch erschienen, geradezu empörend phantastisch. Damals war noch keiner imstande, zu begreifen, was schon vor sich ging. Kein Wunder, daß diese eben erst geborene Anschauung die aus ihr folgenden Veränderungen unserer Lebensweise hervorbringen muß.

In meiner Einleitung habe ich schon darauf hingewiesen, daß es in der Natur des Kindes liegt, zu glauben, so wie die Welt sei, würde sie ewig bleiben. Früher ist kaum ein Mensch in dieser Beziehung über den kindlichen Zustand hinausgelangt. Man dachte, daß Veränderungen bloß ein Zwischenfall seien auf der Oberfläche unwandelbarer Grundeinrichtungen. Erst jetzt beginnen einzelne von uns zu begreifen, daß die Veränderung das Grundlegende ist und die Dauer nur scheinbar und zufällig. Die erstere Denkweise ist uns naturgemäß geläufiger, die letztere ergibt sich als Resultat der Erfahrung und des Denkens. Und so kommt es, daß die Menschen überall in alten, oft schädlichen Rechts- und Ehrbegriffen weiterleben, in alten wirtschaftlichen Gewohnheiten und gesellschaftlichen Ansprüchen, die längst nicht mehr gültig sind, daß es ihnen nicht gelingt, der kommenden, unter ihrer Obhut heranwachsenden Generation verständlich zu machen, in welcher Unsicherheit sie lebt, und daß die Metamorphose der menschlichen Gesellschaft gegen zunehmende Widerstände in steigendem Maße zu kämpfen hat, wodurch der Entwicklungsprozeß in der Tat aufgehalten werden könnte; dies aber würde ein Versagen und Aussterben der Menschenspezies bedeuten.

Die heutige Opposition gegen eine Neuordnung der menschlichen Angelegenheiten kommt ebenso sehr von der unbelehrten Jugend als von dem unbekehrten Alter. Konservatismus ist nicht nur der mangelnden Anpassungsfähigkeit der alten, im Aussterben befindlichen Generation zuzuschreiben. Die Jungen sind zwar revolutionär, insofern sie sich ganz natürlich gegen die feststehende Autorität empören, aber sie sind auch reaktionär in dem Maße als sie die geistigen Phasen der Vergangenheit wieder durchleben müssen. Wir aber tun wenig oder gar nichts, um diese ihnen innewohnende Veranlagung richtig zu leiten. Unsere Erziehungsmethoden verabsäumen es, die Jugend auf die ungeheuren Anforderungen hinzuweisen, die das Leben an sie stellt, ja, sie verbergen diese geradezu. Die Menschheit steht vor der zwingenden, vor der günstigen Notwendigkeit einer großen Metamorphose, aber unser Wille und unsere Phantasie versagen und es gelingt uns nicht, uns selbst aufzuraffen, und schon gar nicht, unsere Nachfolger für die großen Aufgaben, die wir ihnen überlassen, vorzubereiten.

Die offene Verschwörung, die ich im folgenden erläutern will, ist ein Versuch, den Begriff dieser Metamorphose zu einem grundlegenden und leitenden Faktor im menschlichen Leben zu machen, ein Versuch, das Leben mit dieser Metamorphose in Harmonie zu bringen und die Widerstände zu untergraben und abzuschaffen, die ihre Kräfte zur Vernichtung führen könnten.

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