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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
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14

Ich bezog zwei Zimmer im obersten Stockwerk des Hotels Meurice, mit der Aussicht auf die Gärten; ich hatte dieselben Räume schon früher einmal bewohnt. Merkwürdigerweise tröstete mich der Gedanke an ein kleines, weißes Haus hoch oben auf einem Hügel, in dem ich die Leidenschaften des Lebens würde abschütteln oder vergessen können, während einiger Tage dermaßen, daß ich fast zur Ruhe kam. Dann aber begann mich die Frage zu quälen, wo ich dieses Haus finden und wie ich in seinen Besitz gelangen mochte. Überdies blätterte ich in der Halle des Hotels in einer Nummer des »Bystander« und stieß auf ein Porträt Helens, das ich bis dahin noch nicht gesehen hatte; das brachte mich neuerdings aus der Fassung. Es war nicht die Helen, die ich liebte, sondern eine erfolgreiche, prächtige, triumphierende Helen, prunkender und herausfordernder denn je.

Es ist merkwürdig, welche Grenzen den Fähigkeiten eines jeden Menschen gesetzt sind. Man kennt mich im allgemeinen als einen recht tüchtigen und umsichtigen Mann; ich habe große Arbeiten entworfen und große geschäftliche Unternehmungen durchgeführt; in jenem Augenblick aber fühlte ich mich vollkommen außerstande, ein Haus, so wie ich es mir erträumte, zu finden. Ich habe keinen Spürsinn für dergleichen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie man dergleichen anpackt; ich wußte nicht einmal, ob ich das Haus in Italien, in Griechenland, in Österreich oder in Frankreich suchen sollte. Ich fühlte, daß ich es weder erwerben noch einrichten noch etwas wie einen Haushalt darin in Gang setzen können würde. All das lag als eine verwirrende und mühsame Aufgabe vor mir. Teils entsprang diese Unfähigkeit meinem neurasthenischen Zustand, der mir eine Zeit lang jede Tatkraft nahm, teils aber dem Umstände, daß ich nie im Leben derartiges getan hatte; immer hatte ich jemanden gefunden, der es für mich tat. Ich dachte flüchtig daran, mir den alten Deland von Dickon auszuborgen.

Ich blieb einige Tage im Hotel Meurice und tat überhaupt nichts. Dann aber kam ein warmer, heiterer, strahlender Tag, ein besonders herrlicher Oktobertag, der selbst das schwerste Herz ein wenig erleichtern mußte, und ich unternahm am Nachmittag, als die Sonne sank, einen Spaziergang; ich überquerte die Place de la Concorde und blickte gegen den Triumphbogen.

Ganz in der Ferne hoben sich die Umrisse des großen, bläulichen Bogens gegen einen Himmel von glänzendem Blaßgold ab. Die obersten Linien der hohen Häuser rechts und links waren schwach, aber klar, die nahestehenden Bäume wirkten sehr scharf und hart und schwarz auf diesem sanften Hintergrund. Einige Lichter erschienen in fernen Läden und Fenstern, auch manche der eilig dahinsausenden Autos waren bereits beleuchtet. Welch ein anmutiges und prächtiges Straßenbild bieten doch die auf die Champs Elysées, das schönste, denke ich, auf der ganzen Welt. Sogar die Spaziergänger erschienen mir groß und würdig, als sie an mir vorüberschlenderten.

Eine Zeit lang erfüllte mich die goldene Schönheit des Anblicks, der sich mir bot, dann aber beschlich mich jene leise Traurigkeit, die einen so leicht inmitten eines rein ästhetischen Genusses befällt. Es fiel mir wieder ein, daß ich allein war und nicht mehr jung; ohne zwingenden Grund hatte ich mich einsam gemacht, unter Aufgebot meiner ganzen Willenskraft hatte ich es getan, so daß ich nun nichts zu leisten imstande war, was meine Auflehnung gegen Helen gerechtfertigt hätte. Solches ging mir durch den Sinn. Mein ganzes Leben hatte ich dafür eingesetzt, um einer der führenden Sklaven der industriellen Maschine zu werden, einer Maschine, die ebenso willenlos war wie ich. Und das war alles, was ich aus meinem Leben zu machen vermocht hatte.

Es ist meine Gewohnheit – vermutlich teile ich sie mit den meisten Männern –, vorübergehende Frauen zu betrachten. Ich tue es nahezu unbewußt und selten nur bleibt ein Erinnerungsbild in meinem Gedächtnisse haften. Es gab in meinem Leben wenig Gelegenheit für zufällige Begegnungen. In manchen Teilen von Paris und London empfindet man als Spaziergänger zu gewissen Stunden etwas wie ein Spinnwebennetz von Aufforderungen zu Abenteuern: leise Verlockungen, zarte Andeutungen des Wohlgefallens. Die Spinnwebfäden werden umso deutlicher spürbar, je weniger man mit Gedanken beschäftigt ist. ›Wende dich von deinen Grübeleien ab‹, scheinen sie zu sagen. ›Wenn die Gedanken auch morgen wiederkommen, heute sollst du dich zerstreuen.‹

So begann ich mich in den Champs Elysées für eine anmutige Frau mit schlankem Hals und gegen den hellen Abendhimmel rotbraun schimmernden Haaren zu interessieren, die in derselben Richtung ging wie ich. Sie ging gleichen Schrittes mit mir, so daß ich mein Tempo beschleunigen mußte, um sie zu überholen. Leicht und ungezwungen schritt sie dahin, jedoch war etwas Unbestimmbares in ihrer Haltung, eine schwach angedeutete Ziellosigkeit muß es wohl gewesen sein, und etwas Nachlässiges in ihrer hübschen Kleidung, das mich vermuten ließ, sie sei eine von jenen, die auf den Zufall einer Begegnung warten. Sie hatte sich nicht für sich selbst noch für irgendjemand Bestimmten angezogen. Als sie noch ziemlich weit von mir war, sah ich, wie sie sich zweimal mit der unverkennbar gezwungenen Aufforderung der Frauen ihrer Art einem Manne zuwendete und weiterging. Dann hörte sie auf, die Vorübergehenden zu betrachten.

Als ich näher kam, entdeckte ich, daß ihre Brauen und die Linien ihrer Wangen und ihres Kinnes sehr fein gezeichnet waren. Eine unbestimmte Neugierde, die blöde und instinktive Neugierde des wandernden Männchens, trieb mich weiter: nun war ich neben ihr und konnte ihr Profil betrachten.

So geschah es, daß ich zum ersten Mal in Clems zerstreutes Gesicht blickte; zart und nachdenklich, kindlich und weise war es. Das nunmehr eintönig gelbliche Abendlicht enthüllte mir die berufsmäßige Maske ihres Antlitzes und nahm ihm jegliche persönliche Note. Man sah, daß diese Farben- und Puderflecke eigentlich nichts mit ihr zu tun hatten; sie waren etwas Fremdes auf ihrem Gesicht. Ich konnte merken, daß sie unter der Schminke blaß war. Sie blickte nach dem Triumphbogen und dem strahlenden Himmel und vergaß einen Augenblick lang den Zweck ihres Spazierganges, so daß sie dem ganz möglichen Monsieur, der mit erwachendem Interesse neben ihr herging, zunächst keine Aufmerksamkeit schenkte.

Ich sehe nicht ein, warum man sich einer Frau aufdrängen soll, selbst wenn – um es roh zu sagen – ihr Beruf einen dazu einlädt. Sie schenkte mir keinerlei Beachtung. Ich ging an ihr vorüber und vor ihr her. Aber der Eindruck ihrer Erscheinung blieb in mir haften.

Die alte Natur – ich stelle sie mir manchmal mit einem sichtbaren Körper und einem spöttischen Geiste vor – muß Spaß an diesem neuen Interesse ihres rebellischen Sohnes gehabt haben. Da hatte er sich mit ungeheurer Anstrengung vom Weibe losgesagt und war der alten Verlockung bereits wieder verfallen.

Clementina schien von der Schönheit rings um uns entzückt. Das stimmte zu mir. Es war etwas Trauriges und Müdes in ihrem zerstreuten Antlitz. Das rührte mich. Und sie war anmutig. Wirklich eine außerordentlich interessante junge Frau, sagte ich mir.

›Bildest du dir aber nicht vielleicht das alles nur ein?‹ fragte der alte Lebemann in mir.

So oft schon hatte ich mir dergleichen eingebildet. Ich wollte mich nicht auffällig nach ihr umwenden. Also verlangsamte ich meinen Schritt wieder, um sie zu sehen, ob sie immer noch in Betrachtung des Abendhimmels versunken sei.

Sie war es; dann aber wurde sie sich meiner Gegenwart bewußt. Sofort veränderte sich ihr Ausdruck, ihr Gesicht wurde zu einer Maske, abwehrend, aber verführerisch. Mit einem Schlage war sie die Frau ihres Berufes im Augenblick des Angriffes. Ihre Persönlichkeit und ihre Eigenart verschwanden. ›Achtung, ein Mann!‹ Welche Art von Mann mochte es diesmal sein? Gehörte er zu der unmöglichen Sorte, die man sofort abschütteln muß? Oder war er in Betracht zu ziehen? Zwei außerordentlich kluge, hellbraune Augen begegneten meinem Blick, geschäftsmäßig und prüfend, unter langen, schräg abfallenden Brauen.

Ich sah, daß das Ergebnis der Musterung nicht ungünstig für mich war. Sie entschloß sich, fragend zu lächeln, ihre Augen blieben jedoch auf der Hut.

Mein Entschluß war sofort gefaßt. Für einige Stunden würde ich meinen Kummer vergessen können.

»Ich bin ganz allein in Paris«, sagte ich. »Würden Sie mit mir zu Abend essen?«

»Die Einladung kommt etwas plötzlich«, antwortete sie auf Englisch, mit einem leichten Akzent, dessen Art ich nicht sofort erkannte.

»Haben Sie Lust, sie anzunehmen?« sagte ich, ebenfalls Englisch.

»Es ist noch zu früh, um zu Abend zu essen.«

»Wir könnten einen Spaziergang bis zum Arc de Triomphe und dann wieder zurück machen.«

»Warum nicht«, antwortete sie, ohne Freude an meinem Vorschlag zu heucheln.

»Beim Rond Point gibt es ein angenehmes Restaurant, das franco-italienische. Dort könnten wir essen.«

Sie entschloß sich, interessiert zu scheinen.

»Das wäre reizend«, sagte sie.

»Ich möchte nur Gesellschaft haben«, fuhr ich fort, und sie blickte mich an, um die Bedeutung dieser Worte zu erforschen. »Lassen Sie sich einen Abend lang von mir unterhalten.«

»Wie Sie wollen«, sagte sie, und rüstete sich sozusagen dafür, unterhalten zu werden. Ich fühlte: wenn sie unabhängig gewesen wäre, so hätte sie diesen Abend allein verbracht.

»Gehen Sie gern spazieren?« fragte sie.

»Und Sie? Sie schreiten so leichtfüßig und anmutig, daß Ihnen ein Spaziergang gewiß Freude bereitet.«

Sie lächelte etwas weniger gezwungen. »Ich könnte meilenweit laufen ... manchmal schlendere ich ganz zweck- und ziellos in Paris herum.«

»Es läßt sich auch in keiner Welt so gut umherschlendern wie in Paris.«

»Ja, Paris hat etwas Fröhliches. Bis der Winter kommt.«

»Auch im Winter.«

»Auch im Winter. Wenn man nicht friert.«

»Eine harte, klare Belebtheit liegt über der Stadt, auch an den kältesten Tagen.«

»Wenn es nicht regnet. Aber es gibt im Winter oft Tage ... Wenn die Dachrinnen überquellen und der Fluß anschwillt, ist Paris naß und widerlich. Solche Tage werden nun bald kommen. Irgendwie fühle ich die Kälte schon.«

Ich hatte, der Eingebung eines Augenblickes folgend, diese Begegnung herbeigeführt. Ich hatte nicht die Absicht, mich ihr in einer Weise aufzudrängen, die ihr unangenehm hätte werden können. Ich kaufte mir für einen Abend ihre Gesellschaft. Das war meine Auffassung von der Sache. Ich mußte sie behandeln wie irgendeine hübsche Dame, die ich zufällig kennen gelernt hatte, nur daß ich ihr meine Bewunderung nicht so deutlich zeigen durfte wie einer mir unabhängig gegenüberstehenden Frau. Der Gedanke, daß man mich mit ihr sehen könnte, störte mich nicht. Dergleichen Bedenken hatten mich überhaupt nie befallen. Ich begann mit ihr von Paris zu sprechen, hob seine Vorzüge hervor, lobte seine fröhlichen Umgangsformen, seine Anmut, seine Lichter, seine Freiheit, seine strahlende Freundlichkeit gegen Fremde. Ich dachte, sie sei Pariserin, und meine Worte würden ihr infolgedessen schmeicheln.

Doch sie gab mir zu verstehen, daß sie Paris nicht liebe. »Überfüllt ist es; voll Lärm. Man spricht von dem Getöse Londons: es kann nicht ärger sein als hier. Möglich, daß London brüllt – Paris bellt. Alles denkt nur an sich und alles fordert Beachtung. Dabei ist aber jedermann achtlos. Man wird umgestoßen, von Menschen und Dingen. Immer wieder entgehe ich mit knapper Not der Gefahr, von einem Auto überfahren zu werden.«

Sie sprach wie jemand, der müde und niedergeschlagen ist.

»Aber heute abend fanden Sie Paris doch schön?«

»Wann?«

»Eben als ich Sie überholte.«

»Nein, der Sonnenuntergang flößte mir Sehnsucht nach dem Süden ein. Ich träumte vom warmen Sonnenschein der Provence. Ich war dort einmal – es scheint Ewigkeiten her.«

Ich bemühte mich, sie zum Sprechen zu bringen. Mein Interesse für sie erstaunte mich. Jedenfalls tat es mir gut, eine Weile nicht an mich selbst und an Helen zu denken. Daß diese rothaarige, blasse junge Frau neben mir ebenfalls bekümmert und ratlos sein mochte, kam mir anfänglich kaum in den Sinn.

Seither habe ich mehr erfahren. Heute bin ich geradezu ein Spezialist auf dem Gebiet Clementina. Sie ist die Tochter eines schottischen Ingenieurs, der in Athen und Kleinasien Straßenbahnen baute. Ihre Mutter war Griechin. Ihre Erziehung war ungleichmäßig und vielsprachig gewesen. Liebe zu Großbritannien und Griechenland war ihr eingeflößt worden und sie hatte eine doppelte religiöse Schulung genossen, die des presbyterianischen und die des griechischen Glaubensbekenntnisses. Ihre sozialen Erfahrungen waren mannigfach und verworren, denn ihr schottischer Vater, einst ein ehrbarer Ingenieur in guter Stellung, war allmählich zu einem beharrlichen, aber stets noch würdigen Trunkenbold herabgesunken. Da der Vater sein Einkommen verlor, mußte die Familie von den Ersparnissen der Mutter leben. In der von Not erfüllten Zeit zu Ende des Krieges verliebte sich Clementina, die damals einundzwanzig Jahre zählte und vaterlos war, in einen schwärmerischen und schönen jungen Franzosen aus aristokratischer Familie, den der Militärdienst nach Athen geführt hatte. Sie folgte ihm nach Paris und wendete ihre patriotische Leidenschaft Frankreich und ihre schwindende, aber doch noch bedeutende Frömmigkeit der katholischen Kirche zu. Das verliebte Paar lebte recht glücklich in Paris, bis die Zeit gekommen war, da sich der brave junge Aristokrat mit einer wenig hübschen, aber sehr heiratenswerten Dame verloben mußte. Die Trennung ging in korrektester Weise vor sich. Er weinte aufrichtig und oftmals und erwog die Möglichkeit eines Selbstmordes von ferne, fand aber, daß ein solcher sich mit dem katholischen Glauben nicht vereinen lasse; er erklärte, er würde nie eine andere Frau lieben; er versprach, ihren Rat und ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen, wann immer er sich in Schwierigkeiten befinden sollte, und schenkte ihr einen Ring, der, abgesehen davon, daß er seiner Mutter gehört hatte, geringen Wert besaß, sowie eine erstaunlich kleine Summe Geldes. Er erklärte, daß er fürderhin nicht auf ihrer Treue bestehe, denn er habe dazu kein Recht mehr, doch versetzte ihn der Gedanke an einen Nachfolger in solche leidenschaftliche Verzweiflung, daß er sich die Haare raufte, die Fäuste ballte und einige wertvolle Gegenstände in ihrer Wohnung zerbrach – Gegenstände, die sie unter den gegebenen Umständen besser versetzt oder verkauft hätte. Daraufhin zog er sich würdevoll in sein aristokratisches Milieu zurück. Der Abschied war so schnell vor sich gegangen, daß sie keine Zeit gefunden hatte, die Größe der zurückgelassenen Summe zu ermessen. Die griechische Mutter war bereits gestorben und hatte der Tochter ein kleines Haus in Smyrna hinterlassen, dessen Vorhandensein aber niemals einwandfrei festgestellt werden konnte. So ausgestattet, stand Clementina nunmehr der Welt allein gegenüber.

In wenigen Jahren war sie eine Frau von bedeutender Erfahrung geworden – von Erfahrung mehr denn von Weisheit. Die schottische und die griechische Abstammung vertrugen sich nicht miteinander. Sie ergeben eine Art Mazedonien im Gemüt, ein Gemengsel verschiedener Seelendistrikte, die einander feindlich sind und sich nicht vereinigen lassen wollen. Clementina ist streckenweise logisch und klardenkend; auf manchen Gebieten aber kommt eine zusammenhanglose und sehr unbeherrschte Leidenschaftlichkeit zutage. Sie ist tief künstlerisch veranlagt, dabei aber oft sehr philiströs. Über diese buntgewürfelte Basis sind die drei großen Bekenntnisse der Christenheit gebreitet, und zwar nicht den Grenzen der Rassenveranlagung folgend, sondern sie durchquerend. Es finden sich Klümpchen katholischen, griechisch-orthodoxen und calvinistischen Gefühls in Clementina, doch scheint ihr religiöses Empfinden in letzter Zeit immer stärker von Ernüchterung und Skeptizismus durchsetzt.

Ihre sozialen Ideen sind ebenfalls von verworrenem Ursprung. Sie stammen zu einem Teil aus der Häuslichkeit des hochgesinnten und angesehenen schottischen Ingenieurs, dessen würdevolle Haltung durch die Trunkenheit nicht beeinträchtigt wurde; zum zweiten der snobistischen englischen Schule in Athen, in die er seine Tochter schickte, und zum dritten der redseligen und zahlreichen Familie der griechischen Mutter, Tanten, Vettern, Onkel und deren Mitläufer, die sich in dem wankenden Heime kritisch und gefräßig breit machten, bis es zusammenbrach. Clementina gerät infolge der verwirrten gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Kindheit noch jetzt leicht in Verteidigungsstellung; sie ist empfindlich, wittert da und dort Nichtachtung oder Kränkung und schiebt Nachlässigkeiten eine böse Absicht unter.

Zu diesem widerspruchsvollen geistigen Besitz kommen noch die Eindrücke, die Clementina aus zwei oder drei europäischen Literaturen gewonnen hat. Sie ist eine aufnahmefähige und emsige Leserin. Und just in einem sehr verfänglichen Alter geriet sie unter den Einfluß der würdevollen und verlogenen Traditionen des katholischen Frankreich: man darf nur Leute aus guter Familie kennen; man muß sich selbst in den widerlichsten Lagen mit kühler Erhabenheit benehmen; man muß seine Frau und seine Geliebte getrennt halten; je gemeiner die Handlungsweise, desto schöner die Geste – und so weiter. Also gab es und gibt es leider immer noch reichlich viel Disharmonie in Clementinas Gemüt. Durch all dies zieht sich jedoch ein Faden von reinem Golde, den ich schon bei der ersten Begegnung entdeckte und für die wahre Clementina halte. Dieser ihr Wesenskern ist entzückend und um seinetwillen bin ich bereit, alles andere hinzunehmen und zu verzeihen.

Ich will nicht festzustellen versuchen, welchen Platz im Leben Clementina ihrer ursprünglichen Veranlagung nach am besten ausgefüllt hätte. Auf keinen Fall war sie dafür geeignet, im Alter von dreiundzwanzig Jahren eine glänzende Abenteurerin ohne gesellschaftliche Stellung in Paris zu werden. Wohl mag ihre griechische Abstammung ihr allerhand Verführungsgelüste ins Blut gelegt haben, aber so oft sie sich in eine Liebesgeschichte einließ, die keine ernste Sache des Herzens und der Seele war, erhob sich der schottische Ingenieur in ihr wankend und entschlossen und verdammte die Angelegenheit. Sie hatte von dem reizenden, jungen Aristokraten wunderbar tanzen gelernt – sein Name war, nebenbei bemerkt, René, aber sie nannte ihn stets Doudou; sie tat, was sie konnte, um aus ihrer Beziehung zu einer Reihe junger Leute, die sie in Tanzlokalen kennengelernt hatte, etwas mehr zu machen als ein rein sexuelles Verhältnis. Ich vermeide mit größter Vorsicht, diesem Teile ihres Lebens gegenüber Neugierde an den Tag zu legen; diese Dinge haben mit mir nichts zu tun. Ich vermute, daß sie einige Male ausgestattet wurde und eine Wohnung bekam, aber jedes Mal dürfte der presbyterische Vater, der katholische Puritanismus oder ihre unumwundene Aufrichtigkeit das Geschäft verdorben haben. Sie ist ein mutiges Geschöpf, aber es muß Zeiten gegeben haben, da sie die erstaunliche Welt mit Bestürzung betrachtete und sich fragte, wohin ihre Lebensfreude wohl führen werde und wann das Ende kommen mochte.

Kurz ehe ich mit ihr zusammentraf, hatte es irgendeine recht böse Sache gegeben. Weder Clementina noch ich haben Lust zu einem ausführlichen Gespräche darüber. Doch soviel ich weiß, war der Held der Geschichte ein reicher und angenehmer Mann aus Argentinien, der zu viel Vertrauen in seinen persönlichen Reiz setzte und sich das Recht anmaßte, mit seinem Eigentum zu tun, was ihm beliebte – so daß es schließlich notwendig wurde, ihn zu ohrfeigen, ihm etliche seiner Geschenke vor die Füße zu werfen, ihm eine Anzahl nie wieder gutzumachender Dinge zu sagen und die Wohnung, die er gemietet hatte, zu verlassen. Es war eine arge Szene gewesen und es gab kein Zurück mehr.

Clementina war in ein kleines Zimmer in einer dunklen Gasse gezogen und haderte mit sich und ihrem Gott. Eine große Sehnsucht nach der Provence stieg in ihr auf. Sie war zu Doudous Zeiten dort gewesen. Doudou hatte die Provence zwar eigentlich nicht elegant genug gefunden, aber er hatte gelacht – und dabei seine schönen Zähne blinken lassen. Auf jeden Fall war der Aufenthalt in der Provence billig, und dann konnte man gelegentlich an die Riviera hinunterfahren und dort mit den Reizen der Geliebten vor Freunden prunken, die ihrerseits ebenfalls entzückende Maitressen vorzuführen hatten. Diese Einzelheiten hatte Clementina zum größten Teil schon vergessen. Der Eindruck aber, den das liebliche, warme Hügelland auf sie gemacht hatte, war ihr tief im Gedächtnis haften geblieben.

Je besser ich Clementine kenne, desto klarer wird mir, wie schwierig sie es infolge ihrer Veranlagungen im Leben haben muß. Sie kann Schönheit außerordentlich gut erfühlen und verstehen, sie hat die feinste Empfindung für geistige und moralische Werte, aber ein ungezügeltes Feuer brennt in ihr, das sie nicht zur Ruhe kommen läßt.

Enttäuscht von Paris und allem, was sie in dieser Stadt erlebt hatte, idealisierte sie nun die provenzalische Landschaft und sehnte sich dahin zurück. Sie träumte davon, daß sie sich dort in irgendeiner außerordentlich billigen Pension einmieten, spazieren gehen, grübeln und nur sich selbst gehören werde. Dann werde sie über ihr Leben und dessen Rätsel nachdenken können und Entscheidungen treffen. In Paris komme man nicht zur Ruhe. Die Ereignisse drängten sich einem dort auf, man sei ihrer nicht Herr. Als wir miteinander beim Diner saßen, sprach sie von diesem Traum mit bewunderungswürdiger Offenheit und lebhaftem Gefühl. Ihr Plan kam meinem eigenen Wunsch entgegen.

Sie hätte vor ungefähr einem Monat in die Provence fahren können, erzählte sie. Da habe sie ein paar tausend Francs besessen. Aber sie sei nicht ein Mensch der schnellen Entschlüsse, sie habe zu lange gezögert und inzwischen sei ihr das Geld ausgegangen.

Sie sprach leicht und ohne Geziertheit in ihrem schottischen Englisch, das sie mit französischen Wörtern und Sätzen verbrämte. Sowohl ihre Stimme als auch ihre Bewegungen, vor allem aber ihre Denkweise waren ungewöhnlich. Ihr Denken glich feingesponnener Seide, in ihm verriet sich kaum die unausgeglichene Mischung ihrer Abstammung. Ihre Äußerungen waren aufrichtig und vernünftig, sehr offen zum Teil, aber nicht im geringsten anstößig. Ihr guter Instinkt sagte ihr, daß ich gleich ihr zu aufrichtiger Unumwundenheit neigte. Sie sprach mit mir darüber, daß für eine Frau wie sie die Prostitution in irgend einer Form unvermeidlich sei. Sie besitze keinerlei Fertigkeiten, erklärte sie mir; nicht einmal schwere körperliche Arbeit könne sie leisten. Sie passe nirgends hin. Sie gehöre keiner Rasse, keinem Volk, keiner Klasse an. Sie sei einer jener Vögel, auf den alle anderen Vögel lospicken. Ihr Benehmen sei nach den verschiedensten Vorbildern geformt und ihre gesellschaftlichen Ansichten seien bunt zusammengewürfelt. Sie habe es mit Maschinenschreiben versucht, aber ihre Orthographie sei mangelhaft; die Arbeit sei ihr langweilig gewesen und sie habe sie als zu schwer und gleichzeitig zu öde aufgegeben. Für Schneider- oder Modistenarbeit sei sie nicht aufmerksam und nicht geduldig genug. Als Gouvernante und als Gesellschafterin sei sie abgelehnt worden, denn sie sei zu elegant in ihrer Erscheinung für den ersteren Beruf und zu unehrerbietig für den letzteren. Auf eine halbwegs annehmbare Heirat habe sie wohl keinerlei Aussichten. Die Bühne sei nichts für sie, denn sie habe nicht das geringste schauspielerische Talent.

»Also bleibt mir nichts anderes übrig als die Straße von Paris.«

»Danken Sie dem Himmel, daß es nicht die Straße von London ist«, sagte ich. »Haben Sie nie daran gedacht, Verkäuferin in einem Laden zu werden?«

»Verkäuferin? Da verkaufe ich mich lieber selbst, anstatt mich als Trinkgeld meinen Chefs hinzuwerfen ..«

»Es gibt zu viele Frauen auf der Welt«, sagte Clementina.

»Zu viele hübsche Frauen«, sagte ich.

»Ich sehe auch für die häßlichen nicht viele Möglichkeiten.«

Ich dachte nach. »Erzählen Sie mir mehr von Ihrer Provence, das interessiert mich. Gibt es da kleine weiße Häuschen, kleine einzelstehende weiße Häuschen, der Sonne zugewandt, ganz einfach und ruhig?«

»Weiß?« fragte Clementina. »Nein. Die Einwohner der Provence bemalen ihre Häuser rosa oder gelb. Aber es gibt sehr viele hübsche kleine Häuser unter den grauen Oliven, ein wenig kahl und ernst, aber immer eine Terrasse mit Blumen und Bäumen davor, auf der die Bauern zu essen pflegen. So ein provenzalisches ›Mas‹ kann in seiner einfachen Art ganz entzückend sein.«

»Ich brauche ein kleines Haus«, sagte ich. »Gestatten Sie mir, daß ich ein wenig über mich selber spreche. Sie haben genug von Paris, ich aber habe genug von der ganzen Welt. Ich möchte von ihr weg und denken können. Ich bedarf einer Zufluchtsstätte, um denken zu können. Einer Zufluchtsstätte, die ich von Zeit zu Zeit aufsuchen möchte – so oft meine Geschäfte es mir erlauben. Ich dachte an ein kleines, weißes Haus in der Sonne, sehr ruhig und sehr einfach. Ein weißes Häuschen, in dem ich meine Gedanken zu Ende denken und meinen erlahmten Willen stärken kann. Aber ich weiß nicht, wo ich solch ein Häuschen suchen soll. In Frankreich, in Spanien, in Italien, in Griechenland? Ich weiß nicht, wo.«

»Sie könnten es in der Provence wohl finden«, meinte sie. »Ich entsinne mich eines kleinen Ortes, in welchem wir eines Tages frühstückten, er hieß Châteauneuf und war das reizendste aller Dörfer. Vielleicht würden Sie dort ruhig und glücklich sein.«

Seit einigen Minuten keimte ein Gedanke in meinem Hirn. Alsbald war er ausgereift. Ich hob an: »Ich glaube, ich könnte Sie für eine Weile von Paris befreien. Ich weiß ein Geschäft für Sie, das Sie auf einige Zeit in die Provence zurückführen würde.«

Sie betrachtete mein Gesicht prüfend und wartete.

»Wie wäre es, wenn ich Sie zu meinem Hausmakler machte und Sie in die Provence schickte, damit Sie mir dort ein weißes Häuschen ausfindig machen?«

»Rosafarben ist wahrscheinlicher.«

»Auf jeden Fall ein hübsches Haus, recht weit weg von aller Welt. Mit einem hübschen hellen Zimmer und einem Tisch darin, auf dem ich schreiben kann. Ein Haus, in das ich jederzeit kommen kann. Und wenn Sie mir auch ein Dienstmädchen finden wollten, das für mich kocht und meine Sachen in Ordnung hält, kurz, wenn Sie mich dort einrichten wollten. Könnten Sie eine solche Arbeit leisten? Sind Sie praktisch genug für dergleichen?

»Ich würde es versuchen«, sagte sie. »Warum nicht?«

»Ich muß in den nächsten Tagen meiner Geschäfte halber wieder nach England zurück, und muß vierzehn Tage oder drei Wochen dort bleiben. Ich würde Ihnen meine Adresse geben. Sie könnten sofort in die Provence fahren und zu suchen beginnen, und wenn Sie ein wenig Umschau gehalten haben, schicken Sie mir einen Bericht. Hm?«

»Warum sind denn Sie der Welt müde?« fragte sie. »Sie sind doch nicht gezwungen, durch die Straßen zu wandern und Leute anzusprechen?«

»Ach, man wird müde. Aber ich kann Ihnen meine Geschichte jetzt nicht erzählen. Es wäre zwecklos und auch zu kompliziert. Ich wünsche so sehr, daß mir jemand solch ein Haus fände, und Sie könnten das.«

Sie hatte gegessen und war durch mein Wohlwollen wärmer geworden. Ihr Gesicht, das welk ausgesehen hatte, schien nun zehn Jahre jünger und war sehr belebt und hübsch.

»Ich glaube, es würde mir Freude machen, etwas für Sie zu tun«, sagte sie.

»Nun, dann schlagen Sie ein.«

»Sie wären ein netter Arbeitgeber.«

»Und Sie brauchen sich diesmal nicht zu verkaufen. Es ist eine richtige Arbeit.«

Wir sahen einander in die Augen. Es war nichts in ihrem Blick, was mich an den Schotten erinnert hätte.

»Sagen Sie mir mehr von dem Haus, das Sie wünschen.«

Ich schilderte ihr das Haus, das mir vorschwebte.

»Das soll ich also für Sie finden und einrichten?«

»Ja, so daß ich jederzeit hinkommen kann.«

»Wie sollen wir es machen?«

»Ich gebe Ihnen zehntausend Francs für Ihre Mühe – Sie holen sich die Summe morgen bei mir im Hotel. Nachher werden Sie mir sagen, was für Auslagen Sie hatten, diese vergüte ich Ihnen.«

»Sie wollen mir zehntausend Francs gleich in die Hand geben?«

»Warum nicht?«

»Fürchten Sie nicht, ich könnte damit in Paris verschwinden und nie wieder auftauchen? Das Geld allein oder in Gesellschaft vertun? Wofür halten Sie mich eigentlich?«

»Ich glaube nicht, daß Sie damit verschwinden werden. Wenn Sie verschwinden wollen, so kann Sie selbstverständlich niemand daran hindern. Dann habe ich mich eben in Ihnen getäuscht und den Einsatz im Spiel verloren. Ich werde gewiß nicht die Polizei hinter Ihnen herhetzen, das verspreche ich Ihnen; es steht Ihnen völlig frei, die Summe zu stehlen. Und ich muß mein Haus dann eben auf andere Weise suchen.«

»Ich übernehme Ihren Auftrag«, sagte Clementina. »Sie sind nicht der Mann, aus dessen Augen man zu verschwinden wünscht.«

Mit Hilfe eines Likörs gelang es ihr, eine heikle Frage vorzubringen. »Soll ich auch in jenem Haus leben?« sagte sie und errötete unter ihrer Schminke. Sie konnte also trotz ihrer mondänen Gewandtheit erröten.

»Nein,« sagte ich, »das ist gerade das, was Sie nicht sollen; ich will ganz allein in jenem Haus leben. Sie müssen den Auftrag als ein Geschäft auffassen. Verzeihen Sie mir, wenn ich so deutlich mit Ihnen spreche. Ich bin der Liebesgeschichten müde, der ernsten wie der heiteren. Auch bin ich fast schon ein alter Mann. Ich will nicht Liebe von Ihnen. Ich ... Mir ist vor kurzem das Herz gebrochen. Ich glaube, es ist gut, wenn ich Ihnen das sage. Warum sollte ich es auch nicht. Wenn mein Herz sich wieder erholt hat, möchte ich es fürderhin vor jeder Gefährdung bewahren. Und Sie sind ja, wie Sie sagten, der Liebe ebenfalls müde. Sie sollen mir eine Art Sekretärin sein, die auszieht, um mir ein Haus und eine Dienstmagd zu suchen. Es ist ein reines Geschäftsübereinkommen!«

»Ich kann's nicht recht glauben«, sagte Clementina.

»Es ist ein reines Geschäft«, sagte ich. »Sie behalten Ihre Freiheit.«

»Ich kann's nicht recht glauben.«

»Doch«, sagte ich sehr fest und wir lächelten einander an. »Scheint es Ihnen zu schön, um wahr zu sein?«

»Ich werde das Haus für Sie finden, und wenn ich es selbst bauen muß«, sagte Clementina in einem Ausbruch fröhlichster Zustimmung.

Sie stützte das Kinn in die Hände und blickte mich an. Süden und Osten leuchteten in ihren Augen; es waren sehr reizende Augen, von Schottland keine Spur.

»Es wird aber vielleicht mit der Zeit anders werden zwischen uns«, sagte sie.

»Nein.«

Sie zupfte an einer Traube, die auf ihrem Teller lag. »Wie Sie wollen«, sagte sie bescheiden. »Ich werde versuchen, eine gute Sekretärin zu sein.«

Wir fühlten uns nunmehr wie gute Freunde. Wir waren fröhlich und ein wenig belustigt über die Festlegung unserer Beziehungen. Es schien, als ob sie gerne noch länger in dem Restaurant verblieben wäre, ich aber schlug vor, daß wir gehen, und brachte sie in einem Taxi heim in ihre dunkle Straße. Wir blieben nicht beim Tore stehen; ich verbeugte mich mit ehrerbietiger Entschlossenheit und stieg rasch wieder in das Taxi. Am nächsten Tag sollte sie mit mir im Hotel Meurice zu Mittag essen und ihre zehntausend Francs in Empfang nehmen. Sie kam, sehr entschlossen und geschäftsmäßig. Ein ganz klein wenig Verführung spielte noch in ihrem Wesen. Jedoch wir schieden mit einem herzlichen Händedruck, und fort war sie mit ihrem Geld.

Aber die Sache muß Clementina doch noch nicht ganz in Ordnung oder zu unwahrscheinlich gedünkt haben. Ihr Vater war Schotte gewesen und ein gewissenhafter Mann, ihre Mutter hingegen eine Mittelmeerländerin und sehr weiblich. Ausnahmsweise wirkten die beiden Wesensarten in gleicher Richtung. Es waren keine zwei Stunden vergangen – ich saß in meinem Zimmer und schrieb Briefe –, als ich eine Rohrpostkarte von ihr bekam.

›Sie haben mich gedemütigt ziehen lassen‹, schrieb sie. ›Bitte, besuchen Sie mich, ehe ich nach dem Süden fahre. Ich habe Ihnen noch etwas Wichtiges mitzuteilen.‹

Es war aber nicht von Wichtigkeit für diese Geschichte. Sie fuhr nach dem Süden und ich kehrte nach England zurück.

Das Erstaunlichste an der Sache ist, daß sie mir in weniger als einer Woche die reizende Villa ›Jasmin‹ gefunden und überdies meine brave Jeanne entdeckt hat – was ganz das oder sogar noch mehr ist, als ich je zu hoffen wagte. Zuweilen bin ich versucht zu glauben, daß es doch eine Vorsehung gibt; aber sie ist weniger streng und weit wohlwollender, als das neunzehnte Jahrhundert annahm. Clementina schrieb mir mehrere lange, reizende Briefe in einem Gemisch aus schottischem Englisch und Französisch, schilderte mir darin ihre Erfolge und verlangte weitere Weisungen; und ich erstaunte sie dadurch, daß ich ihr noch mehr Geld schickte, damit sie den Garten und die Möbel des Hauses in Ordnung bringen lasse. Sobald es anging, reiste ich ihr nach und ließ mich in dem von ihr so klug wie trefflich eingerichteten Häuschen nieder.

Nun aber zeigte sich eine ernstliche Schwierigkeit, die auch jetzt noch unsere Ruhe hier stört. Tief in Clementinas Natur liegt ein heftiger Wunsch zu lieben, auf besitzerische, tätige und zärtliche Art zu lieben. Sie hat diese Liebe an den jungen katholischen Offizier verschwendet und späterhin, versuchsweise zumindest, auf die Reihe seiner Nachfolger. Sie erklärte mir deutlich und offen und mit aller Entschlossenheit, daß ich das richtige, das ihr vom Himmel gesendete Objekt dieser Liebe sei. Sie forderte es als ihr Recht, mich für den Rest ihrer Tage hegen und pflegen zu dürfen.

Ich hinwieder hatte mich in den Gedanken verrannt, daß ich mit Liebe und Liebesgeschichten nichts mehr zu schaffen haben wolle. Ich war freundlich, aber hart mit Clementina. Ich bestand und bestehe immer noch darauf, daß mein Arbeitszimmer und meine Arbeitszeit mir allein gehören. Ich habe nichts dagegen, wenn sie die offizielle und wohlentlohnte Leiterin meines Hauses ist, aber ich verlange, daß sie in der kleinen Pension an der Landstraße oben auf dem Hügel wohnen bleibt, allein mit ihrem muffartigen Hündchen, das aus den Doudou-Tagen stammt. Ihre Wohnung ist übrigens keine zehn Minuten von hier entfernt. Wenn es dunkel wird, wandere ich mit ihr durch die Olivenhaine hinauf. Wir nehmen die Mahlzeiten miteinander ein, wir machen Spaziergänge und Ausflüge miteinander, sonst aber lasse ich mich in meiner Lebensweise nicht beirren. Clementina hat in diese Bedingungen eingewilligt, aber mit jener gewissen weiblichen Unaufrichtigkeit, die sich immer wieder Übergriffe gestattet.

Und so leben wir nun. Sie ist immer noch hier, und trotz einiger sehr gefährlicher Kämpfe ist es mir gelungen, die Oberhand zu behalten. Wir sind gute Freunde, und im allgemeinen respektiert sie meine Freiheit.

Wir leben nicht immer in Harmonie. Clementina kann zuweilen erstaunliche Launen an den Tag legen. Der schottische Ingenieur muß ein teuflisches Temperament gehabt haben und in den Adern der griechischen Mutter dürfte ziemlich viel heidnisches Blut geflossen sein. Überdies mag die Mutter des schottischen Ingenieurs, von der ich nichts Bestimmtes weiß, auch einen recht eigenartigen Charakter gehabt haben. Mir ahnt, daß sie streitsüchtig war und wortreich dabei. Heftig und wild in ihren Ansichten. Clementina ist stets heftig und wild in ihren Ansichten, mag nun diese oder jene Seite ihres Wesens die Oberhand haben. Manchmal beurteilt sie die Dinge vom Standpunkt eines Schloßbesitzers in einem entlegenen Teile Frankreichs (Doudou), manchmal wie ein eleganter Pariser (verschiedene Einflüsse), dann wieder wie ein Bewohner von Piräus (Mutter und Verwandte) und manchmal nach den Lehren des orthodoxen Katechismus. Diese Vielfältigkeit ist verwirrend, aber für einen wissenschaftlich geschulten Geist keineswegs abstoßend. Und schließlich spricht in der Regel Clementinas eigenstes Selbst das letzte Wort. Durch alle diese Launen und Verwirrungen fließt – manchmal im Sonnenschein und manchmal unterirdisch – ein Strom von Zärtlichkeit, Frohsinn und Edelmut, der der wesentlichste und ausschlaggebende Teil Clementinas ist.

Es gibt wohl Augenblicke, da ich wünsche, sie würde weniger Fragen über das Buch stellen, das ich hier schreibe, und meine Antworten einer gründlicheren Betrachtung unterziehen. Es wäre mir auch lieber, wenn sie im allgemeinen ihren Äußerungen nicht ganz so oft die Frageform gäbe. Aber das ist ein nebensächliches Übel.

Ich weiß nur zu genau, wie sehr Clementina mit ihren eigensinnigen und stürmischen Launen meine philosophische Ruhe zu stören imstande ist; doch fürchte ich, daß ich noch lange nicht voll einzuschätzen vermag, wie viel ich ihr zu verdanken habe, welch Glück ihre Ergebenheit für mich ist und wie meine Behaglichkeit hier ganz und gar von ihr abhängt. Ich kann hierher kommen und wieder gehen, wie es mir beliebt, und kann hier die letzte Phase meines Lebens sinnvoll gestalten. Hier habe ich endlich Sammlung und Lebensfrieden gefunden. Ich führe hier ein ganzes, volles Leben, trotzdem aber bleibt mir mein Wirkungskreis in London und Downs-Peabody ungeschmälert erhalten.

Mein Leben ist in der Tat verdoppelt worden. Wenn mein Geist in der Provence ermattet, so finde ich in England neue Anregung und kehre nach kurzer Frist gerne hieher zurück. Und jedesmal freut es mich ein wenig mehr, Clementina meiner harrend wiederzufinden. Ich kann die Befriedigung, die mir dieses Haus hier gewährt, schwer erklären. Die Abgeschlossenheit hat mir eine neue und besondere Freiheit geschenkt. Ich kann hier ohne Hast oder Störung nachdenken. Wir sind auf diese Welt gekommen, um zu denken. Es erstaunt mich heute, wie wenig ich in fortlaufendem Zusammenhange gedacht habe, bis ich hieher kam. Nun kann ich Tage um Tage verbringen, ohne durch Ruhelosigkeit, Obliegenheiten, Besuche und Zerstreuungen gestört zu werden; fern von der Welt und doch im Sonnenscheine des Lebens.

Dieses Haus, dieses Zimmer geben mir just die Isoliertheit, die ich mir gewünscht hatte, und Clementina versteht es, dieses von der Welt losgelöste Dasein so belebt und gehaltvoll zu gestalten, daß es mich weder langweilt noch bedrückt. Niemals fühle ich mich hier einsam.

Hier werde ich, wie ich hoffe, imstande sein, meine Welt als ein Ganzes zu überschauen, Widersprüche gegeneinander abzuwägen und die Form der Revolution festzulegen, die sich im Leben und im Geiste des Menschen vollziehen will. Hier kann ich endlich die Offene Verschwörung definieren, die im Willen der Menschen emporkeimt, um den formenden Kräften des Weltalls zu begegnen und mit ihnen zu ringen, jene Offene Verschwörung mit der ich am Ende, wie ich glaube, mein ganzes bewußtes Sein zu verknüpfen imstande sein werde.

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