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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
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12

Sie starb im Jahre 1905, als ich gerade vierzig Jahre alt war. Ihr Tod hinterließ eine große Lücke in meinem Leben. Solange unsere Beziehung dauerte, war mein Leben reicher, der Hunger meines Herzens gelinder. Jemand bedurfte meiner, ich war jemandem notwendig, und wenn ich auch nicht ganz zufrieden war, so war ich doch voll beschäftigt. Seither habe ich das Gefühl nie wieder verloren, daß Einsamkeit an und für sich etwas Schmerzliches ist. Ich hatte mich daran gewöhnt, daß jemand mir Liebe entgegenbrachte. Ich sehnte mich nach einem Menschen, der mich freundlich angelächelt hätte, wenn ich heimkam. Das war ein neues Bedürfnis.

Während der Jahre, die ich mit ihr verbrachte, hatte ich eine rauhere Form meines Ichs abgeworfen und war der duldsamere und weniger heftige Mensch geworden, der ich nunmehr bin. Ich glaube, daß ich in jungen Jahren viel wortkarger war als heute. Mein Wesen war Selbstgenügen, gemildert durch sinnliche Lust. Nur von Begierde getrieben, war ich in jungen Jahren bemüht, mich meinen Mitmenschen angenehm zu machen. Denn alles andere schien mir ohne solches Bemühen erreichbar. Das hatte sich nunmehr geändert. Teilweise mag diese Veränderung eine natürliche Folge des Reiferwerdens gewesen sein, hauptsächlich aber war sie, glaube ich, durch meine Beziehung zu Sirrie herbeigeführt worden. Ihre Freundschaft, ihr Zauber und in der letzten Zeit auch ihre Schwäche, die Notwendigkeit, sie liebevoll zu betreuen, schenkten mir in wenigen Jahren alles, was einem Menschen sonst durch Ehe und Vaterschaft zuteil wird. Es war mir zur Gewohnheit geworden, mein Leben den Bedürfnissen eines anderen Wesens anzupassen. Von ihr zumindest nahm ich nicht nur. Durch sie lernte ich die Sorge um ein Geschöpf kennen, das man beschützen möchte und doch nicht immer beschützen kann. Ihr Tod fiel überdies in eine Zeit, da eine Phase meiner Beziehungen zu Romer und Steinhart endete. Der anregende Kampf um Zutritt zur innersten Festung der Firma war vorbei. Meine Stellung war anerkannt, mein Anteil festgelegt. Ich war Rodericks vertrautester Mitarbeiter und es stand mir frei, mit unserem großen Geschäft selbst etwas zu unternehmen.

Ich weiß noch genau, wie mir im letzten Jahrzehnt vor dem großen Krieg, diesem Jahrzehnt üppigen, aber geistlosen Lebens, zu Mute war: öde und leer fühlte ich mich, da ich die Sorge um Sirrie nicht mehr hatte, bewußt einsam war ich und unzufrieden wie eh und je ob der zusammenhanglosen Menge meiner Eindrücke. Als die Welt aufhörte, mir ein Kampfplatz zu sein, wurde sie mir zum Rätsel. Der Kampf ums Dasein war gewonnen, nun kam die weniger selbstverständliche Frage, was mit diesem Dasein anzufangen sei; auf welche Frage die Natur, von der Fortpflanzung abgesehen, keine instinktmäßige Antwort gibt. So spielen wir mit der Fortpflanzung und pflanzen uns nicht einmal fort. Ich sage nicht, daß solche Unzufriedenheit mich dauernd quälte, aber sie war stets bereit, in mir aufzusteigen, wenn ich nicht angestrengt arbeitete. Sie hinderte mich keineswegs daran, eine führende Rolle in der sich über die ganze Welt ausbreitenden Firma Romer, Steinhart, Crest & Co. zu spielen.

Üppig und geistlos – damit scheint mir das Leben jener Zeit treffend bezeichnet. Das Automobil kam immer mehr in Gebrauch, eine immer größere Zahl wohlhabender Leute benutzte es, um darin ihrem langweiligen Ich zu entfliehen. Das leere Antlitz der Allgemeinheit schauspielerte fürchterlichen Kummer beim Tod des dicken alten Eduard VII. und zeigte den Ausdruck feierlicher Erwartung bei der Thronbesteigung seines braven, gewissenhaften, aber gänzlich unbedeutenden und uninteressanten Sohnes. Von einigen unehrerbietigen Versen Max Beerbohms abgesehen, wurde diese würdevolle Haltung kaum durchbrochen. Diese nichtssagenden königlichen Persönlichkeiten, deren zwecklose Fahrten durch Stadt und Land, von der spalierstehenden Menge gaffend verfolgt, den Straßenverkehr unterbanden, die Zeitungen füllten und jede vernünftige Tätigkeit hemmten, waren mir verhaßt; das allgemeine Interesse an ihnen ließ mich die ungeheure Trivialität der menschlichen Gesellschaft in aller Deutlichkeit erkennen. Sie stahlen in meinen Augen der Wissenschaft alle Würde, spotteten jeglichen Fortschrittes und schändeten das ganze Leben. Wenn sie in öffentlicher Prozession einherschritten, um dem Gott des Himmels und der Erde für die Abwendung einer Krankheit oder für einen neuen Sprößling ihrer Familie zu danken, wenn sie irgendetwas eröffneten oder einweihten oder von einer Reise ins Ausland heimkehrten, die sie unter großen Kosten zwecklos unternommen hatten, konnten mich die abgesperrten Straßen und die albern gaffenden Zuschauer in wilde Wut versetzen.

Solch blödsinniger Kram war die formelle Krone meines Daseins! Das war das Britische Weltreich, der gesetzliche Ausdruck meiner Welt. Dafür, so überlegte ich, arbeitete unsere große Organisation angeblich; dafür gewannen wir der hartnäckigen Erde unsere schönen Metalle ab, kämpften wir mit der Natur und der menschlichen Unlenksamkeit; dafür mehrten wir Reichtum und Macht der Menschheit. Die deutschen und die russischen Vettern in ihren noch prunkhafteren Uniformen kamen und gingen; neidische reiche Amerikanerinnen erschienen in London und neigten sich in Ehrfurcht.

Es schien mir, als ob all dies bis in die Unendlichkeit weitergehen würde. Das Leben war in jenen Tagen nicht einmal tragisch; es war weder tragisch noch komisch, es war über alle Maßen albern und anscheinend kaum gefährdet. Flaggen, Armeen und Nationalhymnen schmückten die damalige Welt wie Stroh und papierener Tand den Kopf eines Narren. Ich glaubte nicht daran, daß dieser Narr sich in einen wirklichen Krieg stürzen würde.

Das Festhalten an politischen Formen, die unter der menschlichen Würde stehen, und an religiösen Lehren, die nicht mehr geglaubt werden, hat zur Folge, daß eine große Menge von Menschen, die unter anderen Umständen ein reiches und starkes Leben geführt hätten, in Zynismus verfallen. Die fieberhafte Hingabe an Spiele aller Art, das Aufkommen wüster Tänze, das Entstehen von Nachtklubs in jeder Stadt der Welt, die Jagd nach flüchtigen Vergnügungen, die schon vor dem Krieg in vollstem Gange war, all das steht meiner Meinung nach in engstem Zusammenhange mit der Aufrechterhaltung überlebter Ideale und Glaubenssätze, die das Gemüt der Allgemeinheit jeglicher lebendigen Vision verschließen und jeglicher Hoffnung berauben. Wie hätten inmitten der Rhythmen der Jazzmusik und des durchdringenden Geschmetters der Nationalhymnen andere Stimmen vernehmlich werden können? Unter der Arbeiterschaft gab es Auflehnung; es gab Streiks. Aber das waren nur gelinde Schatten der heutigen Unzufriedenheit. Mir brachten sie keine Hoffnung.

Der Leser mag sagen, daß meine unglückliche Verfassung in den Vorkriegsjahren hauptsächlich durch Schmerz um Sirrie verursacht war und durch die Einsamkeit, in der sie mich gelassen hatte. Das stimmt aber nicht ganz. Daß ich nun nicht mehr mit Sirrie beschäftigt war, nicht mehr für sie zu sorgen hatte, ließ mich allerdings die laute Oberflächlichkeit der Zeit umso deutlicher erkennen. Aber es war die Zeit, die mich quälte, die Zeit und wohl auch ein gewisses Wachstum meines Geistes, meiner Kräfte und meines Verantwortungsgefühles. Ich verlangte nicht nur für mich nach einem besseren Leben, sondern nach einem besseren Leben im allgemeinen. Tausende von Menschen wußten ebenso gut wie ich, daß die tönende Hohlheit jener Jahre sie langweilte und zur Verzweiflung brachte. Und Millionen von Menschen waren von Langeweile und fieberhafter Rastlosigkeit erfüllt, ohne sich der Ursache ihres Unbehagens bewußt zu werden.

Eine Zeit lang interessierte ich mich für die neue Erfindung des Fliegens. Im Hinblick auf die Ausschaltung des Holzes aus dem Gerüste der Aeroplane arbeitete ich an verschiedenen leichten Metall-Legierungen und hielt mich während der Jahre 1911 und 1912 recht oft in Eastchurch auf. Die Kunst des Fliegens steckte damals noch in den Kinderschuhen. Ich unternahm Vergnügungsfahrten in Aeroplanen von fünfunddreißig PS; Shortt wurde als ein sehr kühner Pionier angesehen, als er eine Maschine von achtzig PS in sein Flugzeug einbaute. Doch nach einigen Flügen schien es mir nicht mehr wunderbar, wenn wir uns nach wenigen Minuten ratternder Fahrt auf dem holperigen Erdboden über die Kühe auf den Wiesen emporhoben und in mühsamen Spiralen immer höher stiegen, bis wir uns schließlich über dem Medway befanden und auf die Themse und die Küste von Essex herniederschauten.

›Das also können wir‹, sagte ich mir, indem ich hoch in den Lüften schwebte und über der Themsemündung schwankend hin- und herschaukelte. ›Das heißt, dies können wir verbessern. Es ist vorläufig nur ein Anfang ... ‹

Und dann: ›Wozu wird es gut sein?‹ Die ziel- und planlos erworbene Errungenschaft des Fliegens brachte mir zum erstenmal zu Bewußtsein, wie doch alle Erfindungen an die Menschen verschwendet sind. Die gute freigebige, alte Wissenschaft überschüttet ihre Kinder mit allzu vielem mechanischen Spielzeug. Eine Ahnung stieg in mir auf, daß sie Unfug damit treiben, einander verletzen oder überhaupt nichts damit anzufangen wissen würden.

Ich glaube, ich hatte in jenen leeren Tagen eine beträchtliche Anzahl von Liebesabenteuern. Nichts, womit ich prahlen könnte, aber auch nichts, was ich verheimlichen müßte. Lange Zeit hindurch fand ich niemanden, den ich wirklich lieben konnte. Fast zog ich Frauen vor, die mir keine Leidenschaft entgegenbrachten und auch keine vorschützten. Ich war durchaus bereit, zuzugeben, daß sie liebe und reizende Geschöpfe seien; aber sie waren mir nicht unentbehrlich; zu keiner zog mich angstvolle Sehnsucht und ich hielt keiner Treue. Ich begann gegen käufliche Liebe duldsamer zu werden, so abstoßend sie mir früher erschienen war. Doch kam ich selten mit wirklich käuflicher Liebe in Berührung. Wenn ich ein armer Mann oder geizig gewesen wäre, so hätte ich gewiß auf einige meiner Liebesabenteuer verzichten müssen: viele waren recht kostspielig; aber das ist immer noch etwas anderes als Käuflichkeit.

Solcher Art war mein Leben um die Mitte der Vierzigerjahre. Einer so scharfen Prüfung unterzogen, war es freudlos, lieblos und ziellos. Damit soll aber jenem Abschnitt meines Lebens keineswegs alles Gute abgesprochen werden: ich hatte meine stetige, großzügige und interessante Arbeit, erfreute mich herzlicher Kameradschaft, pflog freundschaftlichen Umgang mit netten Männern und Frauen, hatte ästhetische Freuden, viel Spaß, Anregungen und des flüchtigen Glückes genug. Immer aber lauerte die Unzufriedenheit im Dunkeln, um mich in unbeschäftigten Augenblicken zu überfallen. Das Dasein genügte mir nicht. Es ging vorüber. Und ich nützte meine volle Kraft nicht.

Dann kam die ungeheure, erschütternde, betäubende Aufregung des Krieges, die Not und die Qual, die himmelstürmenden Hoffnungen auf ein Zeitalter des Wiederaufbaues, die ich mit Dickon teilte, und unsere grenzenlose Enttäuschung. Ich begreife heute, daß diese Enttäuschung notwendig war und daß sie aus großen und tragischen Ereignissen entspringen mußte. Wenn es nicht grausam und undankbar gegen die tapferen Toten wäre und jene, die immer noch an Körper und Seele unter der gewaltigen Katastrophe leiden, so würde ich den Mut finden, zu sagen, der Krieg sei für die Welt gut gewesen. Nicht in dem, was er zerstörte, noch in dem, was er bewirkte, sondern in dem, was er ins Rollen gebracht hat. Ich habe in meinem Bericht über Dickon von den Rückwirkungen des Krieges auf uns gesprochen. Ich habe geschildert, wie wir uns unserer Hast und Oberflächlichkeit bewußt wurden und uns schließlich zur Erkenntnis des wahren Wiederaufbaues der Welt durchrangen, den die nichtigen Erneuerungspläne der ersten Nachkriegsjahre jämmerlich karikiert hatten. Von meinen verfehlten Versuchen, mich politisch zu betätigen, will ich schweigen. Sie waren mühsam, demütigend, kostspielig und töricht. Wir mußten uns entschließen – das erkannten wir klar –, einer Sache zu dienen, deren Sieg wir nicht erleben würden, die uns jedoch als gebieterische Notwendigkeit vor Augen stand und als äußerst bedeutsam, weil mit den Grundkräften des Daseins identifizierbar.

Diese Aufgabe forderte ernstestes Bemühen, forderte das Zusammenraffen meiner ganzen geistigen Kraft, forderte eine Überprüfung, eine Neuorientierung aller meiner Gedanken. Ohne diese Anstrengung wäre ich, das wußte ich, in den unzufriedenen Zynismus der Vorkriegszeit zurückverfallen. Aber mein Bemühen, mich für den letzten Abschnitt meines Lebens zusammenzuraffen, wurde durch ein Herzenserlebnis verwirrt und behindert, in das ich mich, die große Macht, die es auf mich ausüben würde, nicht ahnend, verstrickt hatte. Ich liebte. Ich liebte in einer Art, die mir neu war, und liebte eine Frau, die von meinen inneren Nöten und meinem Streben nichts ahnte und kein Interesse dafür hatte.

Noch einmal, ganz wie in den Tagen jener frühen Leidenschaft, die zu meiner Heirat führte, quälte mich meine Doppelnatur. Ich hatte mir in dem leeren Hause am Edenbridge Square geschworen, daß niemals wieder eine Frau mich aus der vorgezeichneten Bahn reißen sollte. Ich wollte mich der Frauen erfreuen, ohne ihnen zu unterliegen. Und trotz all meiner Abenteuer und Liebeserlebnisse hatte ich im wesentlichen an diesem Entschlusse festgehalten. Nun aber befand ich mich plötzlich wieder im Joch. Ich hatte eine Geliebte, ohne die ich, wie es mir schien, nicht leben konnte. Aber auch mit ihr konnte ich nicht leben, wenn ich mir selbst treu bleiben wollte.

Die Geschichte – ihre Heldin heißt Helen –, die ich nunmehr erzählen will, ist durchaus anders geartet als irgendeines meiner übrigen Liebeserlebnisse. Sie liegt auch noch nicht so weit zurück, daß ich sie vollkommen objektiv erzählen könnte. In gewisser Beziehung habe ich mir Helen erst hier in der Provence aus dem Herzen gerissen; ich kann nicht sagen, auf welche Weise, die Wunde ist kaum vernarbt. Das Wesentliche einer großen Leidenschaft ist unerzählbar. Wir können unser Liebesgefühl niemandem mitteilen, können bestenfalls schildern, wie es sich äußert. Nur ein Leser, der Helen gleich mir geliebt hätte, könnte sie so sehen, wie ich sie sah. Für alle anderen Menschen war sie eine bedeutende, kluge, ehrgeizige Schauspielerin, mit einem reizenden Lächeln und einer berückenden Stimme. Sie stand in dem Rufe, ein heftiges Temperament zu besitzen, und war berüchtigt wegen der unfreundlichen Art, mit der sie zudringlichen Anbetern zu begegnen pflegte. Viele Menschen fanden sie schön, doch keiner nannte sie hübsch. Sie war eine Geliebte, auf die man stolz sein konnte, aber nur ein mutiger Mann würde es wagen, sie zu rauben.

Mir erschien sie wunderbar und geheimnisvoll, schöner und lieblicher als irgend ein anderes menschliches Wesen. In meinen Augen hatte sie einen besonderen, persönlichen Zauber, der ganz ebenso und unzertrennlich zu ihr gehörte, wie die Linie ihres Halses und der Klang ihrer Stimme. Eine bestimmte Art, herausfordernd über die Schulter zu blicken, ein gewisser Tonfall ihrer Stimme, eine gewisse weiche Rundung ihres Profils, wenn sie das Gesicht halb abwendete, erweckten in mir ein unbeschreibliches Entzücken. Aus derlei war meine Leidenschaft zusammengesetzt. Wenn damit nichts erklärt ist, dann kann hier eben nichts erklärt werden.

Wir lernten uns gegen das Ende des Krieges kennen. Sie war damals noch ziemlich unbekannt, sehr mutig und durchaus bereit, einem Mann meines Ranges und meines Rufes Beachtung zu schenken. Sie verliebte sich in mich, ich verliebte mich in sie, und bald gab es keine andere Frau mehr für mich auf der Welt. Unsere Liebe war romantisch. Wir trugen sie offen zur Schau. Bis dahin hatte sie alle ihre Anbeter verachtet. Wir waren Liebesleute, Freunde, Verbündete, Gefährten. Eine Zeit lang war ich wieder sehr glücklich. Ich lebte neu auf. Ich stürzte mich in die Wiederaufbau-Bewegung und widmete Helen alle meine freie Zeit. Auch sie war in ihrem Beruf eifrig tätig; sie leistete Vortreffliches und ihr Ruf mehrte sich. Von allem Anfang an kostete es uns einige Mühe, unsere Tageseinteilung so zu treffen, daß wir viel Zeit miteinander verbringen konnten. Doch das störte uns zunächst nicht.

Welch ein reizendes Geschöpf war und ist Helen doch! Nicht nur, daß sie durch ihre Erscheinung mein Schönheitsbedürfnis befriedigte, sie besaß auch die Fähigkeit, ihrer Umgebung eine sieghafte Schönheit zu verleihen. Sie verwandelte die Dinge, indem sie sie sah, der Zauber ihrer Persönlichkeit breitete sich auf alles rings um sie aus. Wir hatten die Gewohnheit, uns einen oder zwei Tage von meinem Geschäft und ihrem Berufe wegzustehlen, und ich weiß mich unter all den Orten, die wir besuchten, keines einzigen zu entsinnen, der nicht durch sie die beglückendsten und wunderbarsten Eigenschaften entfaltet hätte. Es war, als ob die Landschaft ihr Feiertagskleid angelegt hätte, um sie zu begrüßen.

Wir besuchten das Themsetal miteinander; niemals wieder werde ich dorthin fahren, denn ich fürchte, ich würde die sanften Morgennebel über dem braunen Wasserspiegel, die tiefen Schatten der Bäume, die schlanke Würde der hohen Pappelbäume und die schmucke Sauberkeit der kleinen Gasthäuser entzaubert finden.

Unter manchen anderen erinnere ich mich eines Gasthauses – ich kann kaum glauben, daß es der Wirklichkeit angehört. Es ist das Gasthaus bei Virginia Water. Man fährt südwärts auf einer breiten geteerten Straße, die von roten Omnibussen, Charabancs, Lastwagen, tutenden Autos, Motorrädern und Rädern erfüllt ist, von staubigen Fahrzeugen aller Art, die voll Hast einer Unzahl verschiedener Orte zustreben. Es ist eine Autostraße, so modern, so prosaisch wie nur irgendeine. An einer ihrer Senkungen liegt das Gasthaus, an das ich denke. Es ist recht hübsch; den ganzen Tag lang erfüllt es das lärmende Treiben von Ausflüglern; nach Sonnenuntergang aber wird es leer und ruhig. Des Nachts streifen die Scheinwerfer der vorüberrasenden Autos seine stille Front.

Wenn man absteigt, wird man von einem gewandten Kellner freundlich empfangen. Zuerst meint man, daß sich das kleine Hotel durch nichts von anderen gleichen Ranges unterscheidet. Hinter dem Hause aber liegt, durch die hohen Bäume, die es umgeben, zunächst verborgen, ein großer, gewundener, künstlicher See, den Georg IV. anlegen ließ. Er erstreckt sich, von grünen Inseln unterbrochen und von bewaldeten Ufern umsäumt, sechs oder sieben Meilen in den großen Windsor Park hinein; man nennt ihn Virginia Water. Bei Tageslicht enthüllt er allerlei Geschmacklosigkeiten. Da gibt es zum Beispiel einen künstlichen Wasserfall in der Nähe des Gasthofes und etwas weiter weg klassische Ruinen, aus polierten Säulen und marmornen Kapitalen zusammengestellt, die in den großen Tagen des Lord Elgin in Griechenland gestohlen und auf dem Wege zum britischen Museum vom König beschlagnahmt wurden. Am Tage schwärmen Ausflügler die Ufer entlang, staunen die Ruinen an und entfernen sich wieder, um anderen Platz zu machen. Am Abend aber wird alles anders. Die schwarzen Knäuel der Ausflügler verflüchtigen sich, ehe der Tag sinkt. Der Lärm der Landstraße klingt fern. Die gestohlenen Ruinen hüllen sich in einen blauen Schleier und verschwinden. Vielleicht trägt man sie weg, vielleicht fliegen sie in ihre Heimat zurück und erscheinen geisterhaft an dem Orte Griechenlands, an den sie gehören. Die Schönheit triumphiert. Das stille Wasser, das die schlummernden Bäume und den Himmel im Abendglühen widerspiegelt, wird zu einem zauberhaften See inmitten einer Welt unendlichen Friedens.

»So wird der Tod sein«, sagte Helen, die weiß und schattenhaft neben mir stand. »Die große Landstraße, die wir verlassen haben, ganz nahe und doch – mit einem Male – unendlich fern. Vielleicht kommen wir eines Tages an solch einen Ort und wissen kaum, daß wir tot sind.«

»Die Landstraße gibt es nicht mehr«, sagte ich und glaubte, was ich sagte.

Ich hatte ein neues, schönes Auto, das mir viel Spaß machte, in der nahen Garage; sein Vorhandensein kam mir flüchtig in den Sinn, doch schwand der Gedanke in der schattenhaften Ruhe rings um uns.

Unsere Hände berührten sich.

»Heute wollen wir nicht mehr auf die große Landstraße zurück«, sagte ich. »Ich wünschte, wir müßten nie wieder auf sie zurück.«

Wie lebhaft erinnere ich mich jenes ruhigen Augenblicks, da wir so nebeneinander standen, und wie leidenschaftlich sehnte ich mich später danach, ihn nochmals zu durchleben. Trotzdem war er so unwirklich wie eine Glasmalerei; er war wie ein Gemälde, das man kauft, um es an die Wand zu hängen, aber alsbald vergißt. Er war das reizendste aller Trugbilder.

Schweigend standen wir nebeneinander.

»Welch eine Szene würde das geben«, sagte Helen mit einer Stimme, die fast nur ein Seufzer war ...

Wie lebhaft erinnere ich mich auch ihres beschatteten Gesichtes, als sie eines Abends auf der Themse beobachtete, wie die Reflexe des Wellenspiels über die Ziegelsteine eines Brückenpfeilers tanzten.

Sie hatte entdeckt, daß eine bestimmte Form von Lichtreflexen immer wieder kam.

»Wie Gedanken«, sagte sie, »in einer gewissen Ordnung, in einer logischen Ordnung.« Und als sie es sagte, war mir, als sei es das Weiseste, was ich je gehört.

Wie konnte sie nur zuweilen so reizende Dinge sagen? Sie sagte sie.

Ich tauchte meine Ruder in das Wasser und wandelte seine Gedanken in zitternde Ekstase. Die Lichtreflexe tanzten auf Helens Gesicht. Und auch ich zitterte vor Liebe zu ihr ...

Aber dergleichen Erinnerungen können dem Leser nur wenig sagen. Nur für mich sind sie von Schönheit erfüllt. Sie haben die überstarke, vernunftwidrige Deutlichkeit mancher meiner Kindheitserinnerungen. Ich erlebte Augenblicke, viele Augenblicke mit Helen, die mir wertvoller erschienen als mein ganzes übriges Leben: unerklärlich und nicht zu schildern.

Wir entzweiten und trennten uns. Wir entzweiten und trennten uns, weil, auf die Probe gestellt, keiner von uns beiden jene Augenblicke so hoch einschätzte, daß er um ihretwillen seine Arbeit und sein Streben unterbrochen hätte. Sie galten uns im Grunde nicht als etwas Wirkliches. Wir konnten wohl miteinander fühlen, aber wir konnten diesem Gefühl keine Opfer bringen. Unsere Beziehung war leidenschaftlich, dabei aber von Selbstsucht erfüllt. Wir stellten Forderungen aneinander und bestanden grollend darauf.

Ich gestehe, daß ich sehr wenig Respekt vor Helens Arbeit hatte, und sie betrachtete meine mit ebenso kalter Ablehnung. Was war das eigentlich, worauf ich so viel Zeit verschwendete? Was bedeutete mir die Herstellung neuen und unerprobten Materials, dem tausenderlei schöne Erfindungen abgerungen, das zu den verschiedensten Zwecken verwendet werden konnte? Sie konnte und wollte es nicht verstehen. Sie dachte, man beschäftige sich mit dergleichen nur, um Geld zu verdienen. Sobald man Geld verdient habe, suche man sich die herrliche Königin, die den Stolz zu befriedigen und das Herz zu beglücken vermag. Ihre Phantasie lebte in einer Welt tapferer Männer und schöner Frauen, von einer anderen wollte sie nichts wissen.

Ich konnte ihren Ehrgeiz ebensowenig verstehen. Daß jemand die Reize seiner Persönlichkeit, seines Körpers und seines Wesens vor einer Schar fremder Menschen entfalten mag, blieb mir unbegreiflich. Sie andererseits fühlte sich als die Priesterin ihrer göttlichen Eigenschaften, ihrer Anmut, ihrer Würde, ihrer wundervollen Stimme und ihrer Macht, das Publikum hinzureißen. Und für mich konnte sie sich keine bessere Rolle denken, als die des Herolds und des Dieners ihrer lieblichen Selbstgefälligkeit.

Ich stelle hier den Widerstreit zwischen uns genau fest, muß aber betonen, daß er in der ersten Zeit unserer Beziehung nicht zu bemerken war. Erst ganz allmählich trat er zutage, und wir waren erstaunt und entsetzt, als wir seiner gewahr wurden. Anfänglich waren wir sehr ineinander verliebt; jeder von uns war von Sehnsucht nach des anderen Gegenwart erfüllt. Der erste von uns beiden, der einer trennenden Neigung nachgab, war ich. Wenn ich einige Zeit mit ihr verbracht hatte, ihrer sicher war und mich glücklich, froh und tatkräftig fühlte, dann wurde das Verlangen nach meiner Arbeit und nach politischer Tätigkeit als ein Ruf nach Selbstvollendung in mir laut. Alle anderen Frauen, mit denen ich zu tun gehabt hatte, seit ich ein wohlhabender Mann war, hatten solche Abkehr von ihnen und mein zeitweiliges Verschwinden als selbstverständlich hingenommen. Ich war es gewohnt, meine Liebste allein zu lassen, um zu meinem wirklichen Leben zurückzukehren. Helen aber muß die Abkehr von ihr, die mir alsbald zur Gewohnheit wurde, als eine ungeheure Beleidigung empfunden haben. Denn ich ließ sie ja nicht allein, um einer mühseligen und notwendigen Beschäftigung nachzugehen; das wäre verzeihlich gewesen. Ich wendete mich Dingen zu, die mir wichtiger waren als sie, die Geliebte. Sie war mir das Nebensächliche, die Arbeit das Wesentliche! Das war unerhört. Konnte es etwas Wichtigeres auf der Welt geben als die Hingabe an einen Menschen, als die Liebe?

Ich wußte, daß ich sie weinen machte, aber ich wußte nicht, wie sehr ich sie verletzte und reizte. Sie war sich ihres Wertes zu stolz bewußt, um eifersüchtig zu sein. Aber sie war leidenschaftlich erzürnt. Erstaunt und verwundet wandte sie sich intensiver denn je ihrer eigenen Arbeit zu. Sie hatte mir ihre Liebe geschenkt, mich zu ihrem Geliebten gemacht, ich aber war nur ein halber Liebhaber. Stolz und zuversichtlich war sie ins Leben getreten; ihr Anrecht auf einen vollkommenen Liebhaber schien ihr selbstverständlich. Ich war dieser vollkommene Liebhaber nicht.

Ich schildere all dies so gedrängt wie möglich. Denn wenn ich von jedem Kommen und Gehen berichtete, von unterdrücktem Groll und Ausbrüchen des Gefühls, von unmerklichen Veränderungen unserer Beziehung, so würde diese Geschichte übermäßig lang und kompliziert werden. Auch bezweifle ich, daß ich mir alle meine Schritte durch jenen Irrgarten ins Gedächtnis zurückrufen könnte. Anfänglich war ich in diesem Kampfe überlegen. Ich war hochfahrend mit ihr, war gedankenlos und grausam. Ihr aber war infolge ihrer Jugend die Fähigkeit, sich zu wandeln und zu erneuern, in größerem Maße eigen, und bald kam eine Zeit, da sie stärker war als ich.

Das Leben einer Schauspielerin ist voll Unsicherheit. Manchmal bleibt aller Erfolg aus, ein Gefühl der Erniedrigung ergreift die Ärmste, sie ist über alle Maßen unglücklich. Dann ist der Augenblick für den Liebhaber gekommen, da er trösten und aufrichten und das Leben lebenswert machen kann. Mit einem Male aber verschwören sich die Umstände, um die Schauspielerin zu einer Königin der Welt zu machen. Sie schreitet von Erfolg zu Erfolg, ihre Persönlichkeit wird von jedem Gesichtspunkt aus beleuchtet und bewundert, man spricht über sie, man wirbt um sie, und sie blüht strahlend auf. Dann muß der Liebhaber im Schatten stehen, muß ihr den Mantel tragen und geduldig auf den Augenblick warten, da sie aus all der strahlenden Wärme wieder in die kalte Dunkelheit treten wird.

Heute sehe ich ein, daß es mir auf jeden Fall unmöglich gewesen wäre, Helen ein würdiger Liebhaber zu sein. In Paris oder zumindest auf den Pariser Bühnen gibt es die Sorte Liebhaber, wie ich einer hätte sein sollen. Es gibt ohne Zweifel in Wirklichkeit solche Männer. Ich gehöre nicht zu ihnen. Irgendetwas in mir, ich weiß nicht, ob etwas Angeborenes oder etwas Anerzogenes, verbot mir, so unerträglich schön und begehrenswert ich Helen auch fand, ihren Mantel über dem Arm, im Dunklen auf sie zu warten. In ihr andererseits war etwas ebenso Starkes lebendig, das sie zwang, sich trotz aller Liebe und Freude an dem Zusammensein mit mir nicht im geringsten um mich zu kümmern, solange sie sich an der Glut des Beifalls und der Begeisterung wärmte, die ihre Kunst entfacht hatte. Es gab eine Menge Arme, die bereit waren, ihr den Mantel zu halten, und auch für mich gab es allerlei Möglichkeiten des Trostes während der Zeiten der Vernachlässigung.

Ich war mit der Welt der Theaterleute kaum in Berührung gekommen, ehe mich Helen in sie einführte. Ich fand diese Menschen von übertriebenem Selbstbewußtsein und einer Gier nach starken, unechten Wirkungen erfüllt; ihr Mangel an geistiger Rechtschaffenheit setzte mich immer wieder in Erstaunen. Die dramatische Kunst hatte mir nie viel bedeutet; ich war gelegentlich ins Theater gegangen, am liebsten, um ein lustiges Stück zu sehen.

Infolge meiner Beziehung zu Helen versuchte ich dem ernsten Drama näher zu kommen. Ich bemühte mich, zu glauben, daß hinter dem Drama etwas zu finden sei, was mit meiner Weltanschauung in Zusammenhang gebracht werden konnte, gerade so wie ich annahm, daß in Helen selbst etwas Schönes und Unsterbliches sei, was ebenfalls mit meinem Weltbild in Einklang stand. Ich versuchte die unausgesprochene Überzeugung meines Unterbewußtseins, daß ein Spiel eben nur ein Spiel und die Bühne für das wirkliche Leben von äußerst geringer Bedeutung sei, zu unterdrücken und den Ereignissen der Theaterwelt ernsteste Aufmerksamkeit zu schenken. So gut es mir gelang, zeigte ich die Miene eines Mannes, der das Theater für eine große menschliche Einrichtung hält.

Immer mehr glich ich einem Dramatiker, der der großen Schauspielerin ein reizloses und untaugliches Stück aufschwätzen will. Mein Schauspiel, an dem ich mein ganzes Leben gearbeitet habe, war das Drama unseres Weltalls, das Drama der Menschenseele, die inmitten der schweigenden Sterne aus dem Nichts emporgewachsen und zu Bewußtsein und Wollen erwacht ist. Ich wollte, daß Helen mit ihrer ernsten Schönheit, ihrem Ausdruck zarter Weisheit eine Heldin in diesem ewigen Spiele sei. Sie aber hatte keine Ahnung von der Existenz dieses Dramas, konnte keine Anspielung darauf verstehen. Ihrer Auffassung nach bestand ein Drama aus einer Reihe von Gefühlsäußerungen und einer krönenden Szene, die ihre schöne Stimme, ihr erhobenes Antlitz und die unnachahmlichen Bewegungen ihrer Arme und Hände zur Geltung brachte.

Es ist absurd, daß zwei Menschen, so grundverschieden in ihrer Wesensart, sich fast sechs Jahre hindurch unter Hader und Streit, Entzweiung und Wiedervereinigung aneinander klammerten. Meine Besessenheit kann ich ja noch verstehen; was jedoch sie an mich fesselte, ist mir unbegreiflich. Vielleicht war sie sich bewußt, wie sehr sie mich in der Hand hatte, und fühlte, daß ihr vielleicht nie wieder derartige Macht über einen Mann gegeben sein würde.

Je größer meine Liebe zu ihr wurde, desto heftiger wurde auch meine Eifersucht. Nicht auf einen Nebenbuhler war ich eifersüchtig, sondern auf die bunte Menge, die sie mir wegnahm. Aus anfänglicher Gleichgültigkeit verfiel ich allmählich in gereizten Abscheu gegen all die Leute, die sich um sie versammelten – dienstbeflissene junge Männer, wie der reizende Bobby X. und der liebenswürdige Fredy Y., die immer Zeit hatten, sie abzuholen oder sie zu begleiten, weil sie ja nichts Wichtiges auf dieser Welt zu tun hatten, übermäßig familiär tuende Journalisten, die ihr mit einer Art kriechender Gönnerhaftigkeit immer wieder zu verstehen gaben, wie wichtig ihre Tätigkeit für den Erfolg einer Schauspielerin sei, kleine Agenten, die sie zu ärgerlichen Verträgen überredeten, ein Kometenschweif von Freundinnen, die ihr mit Einladungen und Vertraulichkeiten Zeit stahlen, reiche Nichtstuer, die sich in verlockenden Andeutungen ergingen, sie würden ihr ein Theater mieten, Schriftsteller, die ihren Ruf in höheren Regionen der Kultur zu verbreiten versprachen, Gastgeberinnen, die sie mit einer Miene rührender Hilfsbereitschaft ausnützten, zudringliche Amerikaner, deren Erscheinen keinen anderen Zweck hatte, als ihr laute und endlose Lobeshymnen zu singen – es war eine unerschöpfliche Reihe. In diesem Morast von Menschen mußte ich waten, mußte bis an die Knöchel, bis an die Knie, bis an die Hüften darin versinken, wenn ich überhaupt mit ihr Zusammensein wollte. Unglaubliche Turnübungen der Höflichkeit mußte ich vollführen.

Jahr um Jahr, Monat um Monat mußte ich mit ansehen, wie sie sich von dieser Schar immer stärker in Anspruch nehmen ließ, der bewundernden Anbetung dieser Leute immer sicherer wurde und für ihr Eigenleben immer weniger Zeit erübrigte. Wenn ich sie anfänglich allzu viel allein gelassen hatte, so wurde sie später, als ihre Erfolge sich mehrten, immer schwerer erreichbar für mich. Trotzdem blieb die Anziehung, die wir auf einander ausübten, hartnäckig bestehen. Oft hielt ich mich ihr viele Tage hindurch zornerfüllt fern, doch wenn wir wieder einige Stunden miteinander verbrachten, schwieg aller Hader. Durch Taten und durch Briefe konnten wir einander schwer verletzen, wenn wir jedoch einander gegenüberstanden, war es unmöglich, den Streit fortzusetzen. Ihr Lächeln entzückte mich und sie empfand für mich eine gewohnheitsmäßige Zärtlichkeit.

Manchmal gerieten wir allerdings recht scharf aneinander.

»Dieses verdammte Telephon«, sagte ich in ihrer Wohnung.

»Ach, du brauchtest eine Haremssklavin ...«

»Du solltest deine Privatsekretärin zu deiner Geliebten machen«, sagte sie, als das Telephongespräch zu Ende war. »Die wäre dann immer zu deiner Verfügung.«

»Und du wirst schließlich deinen Impresario heiraten.«

»Möglich wäre das schon. Wenn ich ihn auf keine andere Art bestricken kann.«

Ich geriet in Zorn.

»Er würde wissen, wie man mich zu behandeln hat. Er würde mich nicht weinen machen. Warum ertrage ich dich eigentlich? Warum lasse ich mich immer von dir quälen? Niemand hat mich je zum Weinen gebracht, nur du.«

Es war ein lächerlicher und erbärmlicher Zustand. Unsere verschiedenen Berufe, unsere verschiedene Auffassung davon, was wichtig im Leben sei, eine verstockte Hartnäckigkeit in uns beiden, all das trennte uns unabwendlich. Und trotzdem hatten wir ein ganz ursprüngliches und sehr starkes Gefühl für einander. Dem Leser mag all das als eine lächerliche Komödie gelten, doch das ändert nichts an der Tatsache, daß dieser Hader mich entsetzlich zermürbte und sie sehr tief verletzte. Wir litten und waren obendrein ratlos. Jener Streit in ihrer Wohnung erinnert mich an eine andere alberne Szene. Wir waren für einige Tage aufs Land gefahren, und sie hatte ein neues Stück von Lawrence Lath mit sich genommen, ein hohles Machwerk, aus zwanzigtausend wohlklingenden Worten bestehend; es hieß ›The Golden Woman‹. Sie lernte ihre Rolle und war erfüllt von lächerlichen kleinen Problemen: wie diese blödsinnige Zeile herauszuarbeiten sei und welche Bewegung den Reiz jener anderen erhöhen könnte. Ich wurde zu Rate gezogen. Eine Auslegung von Lawrence Lath!

»Ich kann diesen Kitsch nicht ertragen«, sagte ich. »Es ist minderwertige Mache, gemein, Rue de Rivoli. Warum befaßt du dich mit solchem Zeug?«

»Wie soll ich denn meine Rolle lernen, wenn du so mit mir sprichst?«

»Warum hast du eine solche Rolle zu lernen?«

»Es ist eben eine Rolle. Was willst du eigentlich? Ich werde sie schon bezwingen.«

»Und was hast du davon, wenn du sie bezwingst?«

»Fängst du schon wieder an?«

»Und was soll ich inzwischen tun? Diesem hohlen Wortgeklingel lauschen? Meinst du, ich habe nichts Besseres zu tun?«

Helen wurde zu einer empörten Königin; sie schwang die Rolle der ›Golden Woman‹ wie ein Zepter. »Kehre zurück zu deinen geliebten Geldgeschäften.«

»Das werde ich.«

»Geh!«

Und dann, den Blick zum Himmel gewendet, als ob sie dessen Gerechtigkeit anflehte: »Und ich soll für morgen nachmittag zur Probe bereit sein! Wie kann ich denken? Wie kann ich ordentliche Arbeit leisten?«

Wir trennten uns, bereuten es, kehrten unter Tränen und Zärtlichkeiten zueinander zurück und stritten alsbald aufs neue. Der Plan einer Tournee durch Südafrika tauchte auf, einer Tournee, die möglicherweise auf die Vereinigten Staaten ausgedehnt werden sollte, für Helen die Eroberung der gesamten angelsächsischen Welt bedeuten konnte. Nach solch einer Tournee würde sie kein gewöhnliches Menschenwesen mehr sein, sagte sie sich; über den ganzen Erdkreis hin würde ihr Ruhm erstrahlen. Egoistisch und wild erhob ich Einspruch gegen die lange Trennung.

»Deine Frau ist gestorben«, sagte sie unvermittelt. »Du könntest mich nun heiraten.«

»Was für einen Unterschied würde das machen?«

»Wir könnten vor aller Welt zusammen sein. Wir könnten miteinander reisen.«

»Du meinst, daß du deinen Beruf aufgeben würdest?«

»Was würde von mir überbleiben, wenn ich das täte?« erwiderte sie.

»Du meinst, ich soll mich mit dem Theater verheiraten und dir gehorsam überallhin folgen?«

»Du drückst immer alles so häßlich aus. Ich schlage dir vor, mich zu heiraten ...«

Der Gedanke, daß ich sie heiraten müsse, ließ sie nicht ruhen. Dann würde alles ganz anders werden.

Mir war es leider nur zu klar, daß dadurch nichts anders werden würde. Wir trennten uns aufs neue in Zorn und Bitterkeit und schlossen ein zweites Mal halben Frieden. Niemals hatte ich eine Frau mit Bitten bestürmt – im Falle Helens tat ich es. Worum aber bat ich sie? Daß sie von Grund auf anders sei, als sie war; daß sie ihr Ich aufgebe, damit ich an meinem festhalten könne. Was in aller Welt wollte ich eigentlich von ihr?

Manchmal benahm ich mich wie ein trotziges Kind. Sie war mir zu einer Gewohnheit des Herzens geworden. Ich rannte mir den Kopf an ihr ein: ich dachte an nichts anderes mehr als an sie. Ich vernachlässigte meine Arbeit. Sie hatte meine Phantasie so sehr gefangen genommen, daß diese mir nicht mehr zu meinen eigenen Zwecken dienen wollte. Ich war nahe an einer völligen Übergabe, an der Einwilligung in eine Heirat, die nichts gebessert hätte. Dann aber, erfüllt von Zorn – Zorn nicht so sehr gegen sie als gegen mich selbst –, machte ich mich finster und entschlossen daran, die unerträglichen und demütigenden Bande zu lösen.

Ich teilte ihr mit, daß unsere Beziehung zu Ende sei.

Wir trennten uns in Grimm und Empörung, und sie begab sich auf ihre Tournee zur Unterwerfung Südafrikas.

Wie war doch diese harte, ehrgeizige junge Frau so völlig anders als das dunkelhaarige, schlanke Mädchen, das ich geliebt hatte! Und wie schnell verwandelte sie sich mir, kaum abgereist, wieder in jenes über alle Maßen liebenswerte Mädchen! Wie sehnte ich mich danach, ihre Stimme wieder zu hören, sie wieder vor mir zu sehen! Gleich nachdem sie fort war, fragte ich mich, warum ich sie hatte ziehen lassen. Ich vergaß, daß sie während dreier Jahre sich weit mehr von mir entfernt hatte als ich von ihr, und es schien mir, als hätte ich sie von mir gewiesen. Ich entsann mich nur mehr der Liebe, der Streit war vergessen. Warum hatte ich sie fortziehen lassen?

Gleichzeitig aber blieb kalt und klar, und des Aufruhrs in meinem Herzen nicht achtend, die Überzeugung in mir bestehen, daß wir uns trennen mußten.

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