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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
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11

Dieses Buch jedoch soll nicht von meinen sozialen und wirtschaftlichen Ideen und Wünschen erzählen, sondern von dem Aufruhr der Triebe, der mir neben meinem offiziellen Leben arg zu schaffen machte. Ich schreibe über die verborgenen Triebkräfte in mir nicht deswegen, weil ich mir einbilde, daß sie an und für sich besonders bedeutsam wären, sondern weil sie für meine Klasse charakteristisch sind. Ich versuche, an mir die Seele eines erfolgreichen Geschäftsmannes zu enthüllen. Eine große Anzahl tätiger Männer von heutzutage befindet sich in derselben Lage wie ich. Ich bin ein gutes Beispiel für eine neue Gemütsverfassung, die bald hier, bald dort auftaucht und immer allgemeiner wird.

Ich arbeitete. Ich hatte Erfolg. Ich beruhigte meine Sinne mit Frauen. Das ist in kurzen Worten meine Geschichte. Ich führte das Programm aus, das ich in meinem leeren Haushalt geplant hatte. Aber ich war nicht zufrieden. Immer war ich ruhelos. Und da mein Intellekt zu maßvoller Bedächtigkeit neigt, wirkte sich die Unrast meines Geistes viele Jahre hindurch hauptsächlich auf sexuellem Gebiet aus. Ich vermute, daß alle Lebenskraft sublimierte Sexualkraft ist. Die Wasser streben nach dem Ozean zurück, aus dem sie aufgestiegen sind.

Ich war das, was man einen Lebemann nennt. Begreiflicherweise finde ich, daß ein solcher auch seine sympathischen Seiten hat: sein Äußeres muß sauber und ordentlich sein, er muß Phantasie und Verständnis für andere besitzen. Ich möchte auch noch hinzufügen, daß nicht allein die körperlichen Wünsche einen Lebemann ausmachen. Ein roher Mensch wird keinen Wunsch nach Veränderung und neuen Abenteuern haben. Der Wolllüstling kann heutzutage seine Wesensart sehr wohl verbergen. Das verrufene Haus ist die natürliche Zuflucht eines Mannes von gutem Ruf; mir ist es immer schmachvoll und abscheulich erschienen, es aufzusuchen. Der körperliche Wunsch war mir nie der stärkste Antrieb zu einem Liebesabenteuer. Was immer ich sonst gewünscht haben mag, der persönliche Widerhall ist mir allezeit das Wesentlichste gewesen. Und das Nächstwichtigste war etwas schwer Auszudrückendes, etwas Heiteres, Strahlendes, etwas, was mit Schönheit zu tun hat.

Und noch etwas anderes kam hinzu. Es dünkt mich heute, daß ich ein Opfer der übertriebenen Versprechungen wurde, die die alte Mutter Natur uns zu machen niemals zögert. Ich habe in meinen reiferen Jahren stets den zuversichtlichen Glauben in mir verspürt – ein Gefühl, das zu analysieren ich weder den Willen noch die Macht hatte –, daß es irgendwo unter den Frauen eine gebe, die mir Hilfe und Erfüllung bringen könne. Wie soll ich es nur ausdrücken? Ich hoffte, die andere, die verlorene Hälfte meines androgynen Ich wiederzufinden. Der Leser erinnere sich an die Fabel, die Aristophanes im ›Symposion‹ erzählt.

Ich habe diese meine Ergänzung nie gefunden. Für mich zumindest ist das Versprechen nicht mehr als eine lebenerhaltende Illusion gewesen. Aber ich bereue meine Liebeserfahrungen nicht. Ich bin froh darüber, daß die alte Mutter Natur mir dieses Irrlicht in Sinn und Nerven zauberte, um mich zu dem Tanz zu verlocken, in den ich mich stürzte. All meine Erlebnisse waren von Phantasie berührt und gaben mir neue Anregung. Ich habe nichts getan, was ich mir vorwerfen könnte: niemals habe ich das Menschenwesen in der Frau prostituiert, niemals geschwindelt, niemals betrogen, niemals unehrliche Versprechungen gemacht oder absichtliche Demütigungen zugefügt. Wenn ich jemals gelogen habe, so geschah es in Kleinigkeiten, um ein Übel abzuschwächen oder jemanden aufzurichten; wesentliche tiefgehende Lügen habe ich vermieden. Ich schäme mich nicht, ein Lebemann gewesen zu sein, und bereue es nicht.

Ich stelle all dies nicht fest, um mich zu entschuldigen; es interessiert mich als Tatsache. Es wird so oft behauptet, daß ein Lebemann unbedingt ein Verführer sei, ein Dieb an den Gefühlen; er breche den reizenden Tempel der Tugend nieder trotz jammervoller Abwehr und heftiger Widerstände, plündere ihn, zerstöre ihn und entferne sich mit triumphierendem Spott. Dergleichen kommt aber nur in Romanen vor. Es gibt ebenso viele Frauen, zum mindesten in der modernen Welt, die ebenso bereit zur Liebe sind und ebenso reuelos und ebenso wenig bekümmert wie Männer.

Wenn ich nach einer Entschuldigung für meine Lebensweise suchte, so könnte ich großes Wesen aus der Tatsache machen, daß ich rechtlich an Clara gebunden blieb und daher nicht wieder heiraten konnte, um ein ordentliches geregeltes Leben zu führen. Ich bedaure das. Denn ich hätte gerne Töchter und Söhne gehabt; ich beneide Dickon um seine Kinder, diese liebevollen, organisch mit uns verbundenen Fortsetzungen unseres eigenen Ich. Aber ich muß gegen den Leser ebenso ehrlich sein wie gegen mich selbst und ihm gestehen, daß ich nicht weiß, ob ich als der Gatte irgendeiner der Frauen, die mir nahestanden, ein anderes Leben geführt hätte. Ich begreife wohl, daß zwischen Ehefrau und Ehemann ein starkes Band des Vertrauens bestehen mag; die Liebe jedoch braucht prickelnde Erregung, braucht eine Art von Zauber und Abenteuer. Wie schwer muß es sein, Erregung, Zauber und Abenteuer Jahr für Jahr aufrecht zu erhalten im Zusammenleben mit einem, dessen Bewegungen und Tonfall man auswendig kennt. Trennung und Rückkehr zu Altvertrautem? Das ist etwas anderes.

Das Leben, das ich als junger Mann führte, war ein Ausnahmeleben, heute jedoch lebt eine große und stetig zunehmende Menge von jungen Leuten in derselben Weise. Ich erlaubte mir große Freiheiten; heute sind es keine Freiheiten mehr, sondern allerorts geübte Gepflogenheiten. Von den Tagen meiner Trennung von Clara angefangen bis zu meinem zweiunddreißigsten Lebensjahre bestand das Beruhigungsmittel für meinen immer wiederkehrenden Herzenshunger in einer Reihe von Liebesabenteuern; manchmal ging eines sehr schnell in ein anderes über, manchmal spielten zwei oder drei gleichzeitig. Das Tatsächliche dieser Beziehungen war so gewöhnlich, so alltäglich, daß es wirklich schwierig ist, dem Leser klar zu machen, welche Freude, welches Entzücken sie mir brachten und wie sehr sie mein Selbstgefühl stärkten.

Der größte Teil dieses Glücks war reinste Illusion. Ich muß gestehen, daß ich, als Mann betrachtet, so uninteressant wie nur möglich bin; in meinem Paß werde ich durchwegs als ›normal‹ geschildert – besondere Kennzeichen: keine, Augen: grau, Haare: braun. Wenn ich einen neuen Hut aufsetze, erkennen mich meine besten Bekannten oft nicht. Ich glaube, daß mein lebhaftes Interesse für die Menschen meine anziehendste Eigenschaft ist. Trotz dieses Mangels an persönlichem Zauber ist es mir gelungen, der Liebhaber einer Anzahl reizender und interessanter Frauen zu werden. Ich kann nur annehmen, daß sie auf Liebe ebenso erpicht waren wie ich. Ich bewunderte sie, ich war dankbar, ich war entzückt, und als Mann war ich immerhin gut genug, um hingenommen zu werden. Wir fanden einander wunderbar und entzückend. Was sie mir gaben, war just dasselbe wie das, was ich ihnen gab: das beglückende Gefühl persönlicher Geltung, erhöhte Lebensfreude und Besänftigung jenes quälenden Herzenhungers, der uns in Zeiten der Muße und der Sicherheit überfällt.

Ich glaube nicht, daß die modernen Frauen die Männer sehr notwendig brauchen; sie brauchen Liebe. Der Ehemann ist aber sehr oft herrisch und hart oder nachlässig und langweilig. Herr Smith oder Herr Brown bringt unserer Dame zu deutlich zum Bewußtsein, daß sie eben nur Frau Smith oder Frau Brown ist. Er denkt nicht mehr daran, aus ihr die Göttin seiner Bewunderung zu machen. In einem Leben schaler Eintönigkeit wird auch die Liebe schal. Der Gattin fehlt die Freude des Sich-Verschenkens, das Gefühl des Sich-Selbst-Entrinnens. Doch wenn sie sich zu ihrem Liebhaber stiehlt, ist alles mit einem Schlage anders. Man kann sie kaum eine treulose Frau nennen, denn wenn sie fort ist, ist sie keine Ehefrau mehr. Sie hört auf, Frau Smith oder Frau Brown zu sein. Das ist das Wesentliche der ganzen Sache. Auch ihr Liebhaber hört auf, Herr Jones zu sein. Sie entfernen sich aus der Wirklichkeit. Sie entfliehen der Welt. Sie wird eine Göttin, wird Diana, die zu Endymion herabsteigt. Als Frau Brown betrügt sie Herrn Brown ohne Zweifel, aber als Diana im geheimen Versteck ist sie dem Alltag so fern, daß sie niemanden betrügt. Mit wieder aufgerichtetem Selbstgefühl und neuem Glauben an ihre Reize kann sie zu ihrem nachlässigen Gatten wieder zurückkehren.

Es wird nach einer romantischen Lebensauffassung allgemein angenommen, daß eine Frau, die sich einen Liebhaber nimmt, diesen Liebhaber ihrem Mann vorziehe. Für die meisten außergesetzlichen Liebesangelegenheiten der großen Städte New-York, London oder Paris, trifft das nicht zu. Es trifft wahrscheinlich noch seltener zu als die gleichlautende Behauptung in Bezug auf den Mann. Wenn man diesen moralischen Lebedamen vorschlüge, sie sollten ihren Mann verlassen und in glücklicher Vereinigung mit ihrem Liebhaber leben, so würde bei den meisten der Vorschlag allein schon genügen, um der Liebesgeschichte ein Ende zu bereiten. Ich gebe mich in Bezug auf mein Verhältnis zu den Göttinnen, die ich angebetet habe, keinerlei Illusionen hin, so liebe Freundinnen sie mir auch gewesen sind. Nur einer einzigen bedeutete ich den Trumpf gegen den Gatten. Die meisten anderen hätten mich, falls das Leben, das Vermögen oder der Stolz ihres Mannes bedroht gewesen wäre, mit etwa so viel Bedauern geopfert wie ein Abendkleid, das ihm nicht kleidsam erschienen war, oder ein Schoßhündchen, das er nicht leiden mochte.

Trotzdem nahmen wir in unserem geheimen Versteck unsere Beziehung sehr ernst und alles war schön und gut zwischen uns. Jedes jener Abenteuer hatte seine bestimmte Eigenart, seinen besonderen Reiz. Inmitten dieser Erinnerungen ragt die hohe schlanke Gestalt von Sirrie Evans empor, mit ihren fieberhaft geröteten Wangen, ihrem scharfen Profil und ihren brennenden, tiefliegenden Augen. Sie trat kaum anders in mein Leben als sonst ein Abenteuer – ein wenig verheißungsvoller vielleicht. Nichts verriet mir, daß sie dazu bestimmt war, fast sieben Jahre mit mir zu leben, um schließlich erschöpft in meinen Armen zu sterben.

Ich traf sie das erstemal bei einer Abendgesellschaft in London – ich glaube im Hause Rudham; in einem großen weißen Speisesaal war es, mit grauen Marmorsäulen –; wir saßen beim Diner nicht nebeneinander, sondern einander gegenüber. Wir sahen uns an und fanden Gefallen aneinander. Beide waren wir von unseren Tischnachbarn in Anspruch genommen. Ich erinnere mich, daß meine Dame mich mit Fragen quälte, wie man sie seinerzeit in den Fragealbums gestellt bekam, um ein gemeinsames Gesprächsthema herauszufinden; und Sirrie dürfte recht eindringliche Komplimente zu hören bekommen haben. Unsere Augen trafen sich in Ratlosigkeit, die sich alsbald in einen Hilferuf verwandelte. Wir erkannten einander als verwandt. ›Wir wollen uns da irgendwie herausretten‹, telepathierten wir einander.

Das Paar am Ende des Tisches sprach verhältnismäßig laut; der Mann gehörte jenem herausfordernden Typus an, der Behauptungen aufstellt, damit man ihm widerspreche. »Der russische Muschik«, sagte er eben, »wird der Retter Europas werden. Er ist einfach, fleißig, tief fromm und er betet den Zaren als den Vertreter Gottes an.« Das sagte man vor dem Kriege allgemein.

Eine Frage an meiner Linken verhallte unbeantwortet. »Ich bin nicht Ihrer Meinung«, sagte ich. »Sind Sie denn in Rußland gewesen?«

»Sie haben reizende Bärte«, sagte Sirrie, die die Lage erfaßte und sich entschloß, direkt mit mir zu sprechen.

»Sie sind rührend gütig zu den Tieren«, bemerkte die Dame am Ende des Tisches.

»Ich urteile nach der russischen Literatur«, antwortete der Mann, dem ich widersprochen hatte. »Nach Dostojewski insbesondere.«

Wir hielten das Gespräch an unserem Tischende allgemein, bis die Damen aufstanden. Wir hatten die russische Literatur und die charakteristischen Eigenschaften der Russen besprochen, hatten uns über Bauern und primitive Völker unterhalten und erwogen, ob Bauernkunst und Bauernkostüme nicht in Europa und Ostasien sehr ähnlich seien, und ob das Leben des Bauern sich seit dem Mittelalter wesentlich verändert habe. So ergab es sich ganz natürlich, daß ich, als die Gesellschaft sich im Salon vereinte, auf Sirrie zutrat und das Gespräch fortsetzte.

Es ging uns nicht um Hofmachen; wir fühlten uns ehrlich zueinander hingezogen. Wir vereinbarten, daß wir uns am nächsten Tag im South Kensington Museum treffen wollten, um uns über Bauernkunst zu informieren, und zwar in einem Ton, als ob dieser Museumsbesuch die selbstverständlichste Sache der Welt gewesen wäre. Dann erfuhr ich ihren Namen – ich hatte ihn zuerst überhört – und entdeckte nun, daß ein kräftiger, dunkelhaariger, gedrungener Mann mit einem Ausdruck herausfordernder Selbstzufriedenheit ihr Gatte war. Ich merkte, daß er uns beobachtete; als ich zu ihm hinüberblickte, drehte er sich weg. Sie übersah ihn. Sie übersah ihn immer.

Es ist mir unmöglich, den besonderen Zauber Sirries zu jener Zeit zu schildern. Ein tapferes Ding war sie. Außerordentlich tapfer. Nicht was sie sagte oder tat, war das Wesentliche an ihr, sondern ihr Stil und ihre Haltung. Unbekümmertheit und Schwung zeichneten sie aus. Sie hatte lebhafte dunkelblaue Augen und sehr fein gezogene Brauen; ihre Wangen waren ein wenig hohl und ihre Stimme wohlklingend. Sie war schön. Eine reizende Abenteuerlust erfüllte sie; stets schien sie dem Leben immer Spaß und Anregung abgewinnen zu wollen. Sie hatte eine heftige Lust, zu reisen, sich eine neue Umgebung zu schaffen, Neues kennen zu lernen. Ihre Wißbegier war groß.

Unsere ersten Ausflüge waren durchaus unschuldig. Sie liebte es, in den äußeren Bezirken Londons herumzubummeln, sich sonderbare Geschäfte anzusehen, die Kontraste des Lebens zu beobachten. Sie brauchte einen gleichgesinnten Mann, der sie dabei begleitete. Wir verbrachten Tage mit der Erforschung von Whitechapel, Shoreditch und Clapham. Wenn man Dinge mit ihr betrachtete, so war es, als sähe man ganz vertraute Gartenblumen durch ein Teleskop im Sonnenlicht. Wir stahlen uns den einen oder andern Tag von unserem äußeren zu unserem inneren Leben weg, unternahmen Spaziergänge oder machten Bootfahrten auf den blumenumrahmten Flüssen und Kanälen von Surrey und Sussex. Es waren nicht so sehr Stunden der Leidenschaft als vielmehr solche der Fröhlichkeit, die wir in jener Zeit miteinander verbrachten. Nie zuvor hatte ich Feiertagen so viel Freude abgewonnen.

Nur ganz allmählich kam ich darauf, daß die treibende Kraft ihres Lebens ein heftiger Haß gegen ihren Gatten war, und daß sie unter ihren lebhaften oberflächlichen Interessen und ihrer Fröhlichkeit die Wunden tiefer Verzweiflung verbarg. Sie war eine von vier reizenden Schwestern gewesen, und er hatte sie geheiratet, ehe sie volle achtzehn Jahre zählte. Ich weiß nicht, was sich zwischen den beiden Eheleuten abgespielt hatte; sie sprach niemals mit mir darüber, und ich befragte sie nicht. Aber sie war so außer sich darüber, daß sie sich zu jener Zeit selbst in ihren glücklichsten Augenblicken von Rachsucht nicht völlig zu befreien vermochte. Ich bin keineswegs sicher, daß sie unbedingt im Recht war. Vielleicht war ihr Haß ungerecht und unbegründet. Sie konnte plötzlich unerklärliche Abneigungen haben. Abgesehen von ihren ästhetischen Wertungen kannte sie weder Gerechtigkeit noch Moral. Niemals bezeichnete sie eine Handlung als unrecht oder schlecht. Sie verdammte sie als unschön. Sie schätzte Vornehmheit, Schönheit, Ritterlichkeit.

Evans war damals schon reich; er wurde immer reicher und zwar auf jene langsame, unproduktive, schleichende Art, die zum Reichtum der Welt nichts hinzufügt. Eine Frau dürfte für ihn nichts anderes als eine Besitzvermehrung bedeutet haben. Von seinem Standpunkte aus hatte er sie gekauft. Die vier reizenden Schwestern aber waren der Ansicht, daß sie ein Geschenk für die Welt seien. Er hatte dreimal um Sirrie anhalten müssen. Als er sie heiratete, dürfte ihn Zorn darüber erfüllt haben, daß sie seinem Werben so langen Widerstand geleistet und fröhlich mit anderen geflirtet hatte. Und sie andererseits mag ihn von Anfang an dafür gehaßt haben, daß sie ihm schließlich nachgegeben hatte. Er war der Typus eines Mannes, den der Gedanke, daß er nicht das anziehendste und unwiderstehlichste männliche Wesen der Welt sei, mit dumpfer Wut erfüllt. Sobald Sirrie gesetzlich die seine war, scheint er versucht zu haben, sie niederzuzwingen und zu unterwerfen. Sie nahm die Sache zunächst scherzhaft, er aber verstand keinen Scherz.

Aber ich weiß ja nicht, was sich ereignete. Ich weiß es nicht und will es auch garnicht wissen. Vielleicht ereignete sich sehr wenig. Vielleicht wurde sie sich nur bewußt, daß Evans Evans, und sie untrennbar mit ihm verbunden war. Sie hatte etwas um einen zu niedrigen Preis verkauft, etwas von grundlegendem Wert, etwas, ohne das sie das Leben nicht lebenswert dünkte, und der Käufer war erbarmungslos. Auf jeden Fall begann die kaum dem Kindesalter entwachsene Frau wenige Monate nach der Eheschließung erbittert und erfolgreich um ihre Freiheit zu kämpfen. Und ihre Auffassung von Freiheit ging außerordentlich weit.

Die Schwäche, die sie zuerst angriff, war seine maßlos empfindliche Eitelkeit, seine Angst vor dem Urteil der Welt. Sie gab ihm zu verstehen, daß sie ihn jederzeit bei Freunden, Dienstboten, Vorübergehenden in ein schlechtes Licht setzen könne. Die mißbilligende Verblüffung der Leute war ihr einerlei; er sollte keine Ruhe haben, ehe er sie nicht ihre eigenen Wege gehen ließ. Ich weiß, daß sie ihm gleich zu Anfang der Ehe einmal durchging, zwei Tage wegblieb und mit ihm von einer unbekannten Adresse aus telephonisch verhandelte. »Laß mich in Ruhe,« sagte sie, »dann will ich vor der Welt weiterhin deine Frau bleiben. Andernfalls gehe ich – koste es mich, was es wolle.«

Aber selbst als er sie dann wirklich bis zu einem gewissen Maße tun ließ, was sie wollte, achtete sie seiner Ehre nicht; sie verabscheute und haßte ihn zu sehr. Sie brach den Vertrag, nicht er. Ich verteidige sie nicht. Ich stelle nur Tatsachen fest. Sie kam aus dieser häßlichen Vergangenheit zu mir, und es war nicht meine Sache, sie zu richten.

Evans, der infolge seiner Eitelkeit die Tatsache übersah, daß selbst die lebenslustigste Frau immerhin doch viele Männer uninteressant finden kann, versuchte ihre Eifersucht zu erwecken. Sie sollte seine Werbungen entbehren, ihren Geldverbrauch einschränken müssen, sich verlassen und gedemütigt fühlen. Sie antwortete durch eine kaum zweideutige Freundschaft mit einem jungen Gardeleutnant, Lord Hadendower, von dem ich nichts weiteres weiß. Ich habe ihn nie gesehen; er fiel bei Soissons. Daraufhin brach Evans die eheliche Treue ganz offen und gab ihr überhaupt kein Geld mehr. Sie nahm etwas voreilig an, daß eine Scheidungsklage seinerseits infolge seines Treubruches unmöglich sei, zeigte sich ebenfalls öffentlich mit ihrem Liebhaber und begegnete ihrer Geldnot, indem sie Schulden machte. Alle Welt begann über die beiden zu reden. Da er es vermeiden wollte, ihren Kredit durch eine öffentliche Bekanntmachung einzuschränken, setzte er ihr aufs neue ein Taschengeld aus. Eine Zeit lang hatte sie die Oberhand und er fügte sich.

Der üble Kampf entwickelte sich weiter. Fünf oder sechs Jahre lang scheute er den öffentlichen Skandal einer Scheidung. Hadendower langweilte sie bald und sie stieß ihn von sich. Das bedeutete aber durchaus nicht Nachgiebigkeit gegen Evans. Sie war keine sehr leidenschaftliche Frau, doch ist gerade geringe Leidenschaftlichkeit sehr oft mit einem Mangel an Schamgefühl verbunden. Sie war von lebhafter Phantasie, war wild und ungezähmt in ihrer Rede und ihren Briefen und vollkommen gleichgültig in Bezug auf den äußeren Anschein. Irgendwo muß einmal ein Wort an ihr Ohr gedrungen sein, ein gefährliches Wort, zu wilden Taten anspornend, das Wort: Orgie. Sie war in der Gesellschaft sehr begehrt, denn sie verstand es zu plaudern, sie hatte ein lebhaftes Mienenspiel, es war ihr leicht, komisch zu wirken, und sie sprach oft in ruhigem Ton recht gewagte Dinge aus, so daß die Leute verblüfft und entzückt zugleich waren; und Evans war sich wohl bewußt, daß sie infolge ihrer Beliebtheit in einem öffentlichen Kampfe gegen ihn Unterstützung finden würde, solange er nicht ganz im Rechte war. So wartete er also, bis er völlig im Rechte war. Eine Zeit lang beging er keinen Ehebruch. Er legte den glühenden Wunsch an den Tag, sie wieder zu gewinnen; er versuchte sie sich zurückzukaufen, versuchte sie durch Drohungen zu erweichen. Was immer er aber tat, nichts konnte ihren Abscheu verändern. Sie gab sich immer mehr Vergnügungen hin, heimste immer mehr gesellschaftliche Erfolge ein, hatte ein skandalöses Abenteuer um das andere und trotzte dem Gatten, an den sie gekettet war, wie sie nur konnte. Seine Liebe – denn auf seine Art hatte er sie wohl einst geliebt – verwandelte sich endlich in tiefen, rachsüchtigen Haß. So standen die Dinge zur Zeit, da ich ihr begegnete.

Ich meinte, ein besonders reizvolles Erlebnis genießen zu dürfen.

Als ich Sirrie kaum vier Monate kannte, entzündete Evans unter ihren Füßen die lang vorbereiteten Zündstoffe und begann die Scheidung einzuleiten. Seine liebenswürdige Absicht war, den Prozeß so skandalös wie möglich zu gestalten, um sie vollkommen zu ruinieren. Wenn er die Sache schon der Öffentlichkeit übergab, dann war es ihm offenbar je häßlicher desto lieber. Sirrie sollte sich verstecken müssen, er wollte sie in die Verbannung treiben, damit ihre sichtbare Erscheinung ihn nicht stören könne. Sie sollte wissen, was Armut sei; sie sollte begreifen, welche seltene und kostbare Vorteile sie dadurch verloren hatte, daß sie ihn verachtete. Jeder Mann, der nur im geringsten in Betracht kam, sollte als Mitschuldiger vor Gericht gefordert werden, auf daß sie mit Schmach bedeckt dastehe, alle ihre Liebhaber sich voll Abscheu von ihr wendeten und ihr jegliche Stütze in der Welt genommen sei. Es war ein schöner Fall für die Zeitungen.

Keiner ihrer Liebhaber hielt zu ihr, als die Sache begann. Kein einziger. Ich war anfänglich ebenso schlecht wie die anderen, eifersüchtig und beschämt. Nicht ein Drittel der Dinge, die da ans Licht gezogen wurden, war mir bekannt. Mein erstes Gefühl war Zorn darüber, daß es ihr so gleichgültig gewesen sei, mich da auch mit hinein zu verwickeln. Sie mußte den drohenden Sturm doch geahnt haben.

Was mich anbetrifft, war ich sehr geschickt beobachtet worden; man hatte alle Einzelheiten festgelegt. Die Gegenpartei hatte mir einen üblen kleinen Beamten geschickt, um mir Mitteilung davon zu machen. Die Krise kam so schnell, daß Sirrie keine Gelegenheit mehr gehabt hatte, mich auf das Kommende vorzubereiten. Ich richtete es so ein, daß ich mich außerhalb Londons befand, als der Prozeß begann. Ich las die Verhandlungen des ersten Tages in der Morgenzeitung.

»Verdammt«, rief ich an meinem Frühstückstisch in Downs-Peadoby.

»Verdammt« wurde sozusagen das Motto des ganzen Tages.

Ich setzte mich in mein kleines Auto und fuhr ins Blaue hinein, nordwärts, ehe Julian meiner habhaft werden konnte.

Um es ehrlich zu sagen: ich fuhr auf und davon. Ich fuhr drei Viertel des Tages mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von fünfunddreißig Meilen die Stunde und ließ meine leichtsinnige, schamlose und reizende Mitsünderin die Folgen ihrer Taten allein erleiden.

Am Morgen war ich blindwütend auf sie, nichts weiter als blindwütend. Ich nannte mich – ich entsinne mich des einen Satzes unter zahlreichen Selbstvorwürfen genau – ›einen aus einer Reihe verdammter Narren‹. Meine Ansichten über die Reize der freien Liebe wurden arg erschüttert: erst als der Tag vorrückte, wurde Sirrie wieder etwas anderes für mich als ein Gegenstand der Wut. Indem der Nebel meines Zornes sich lichtete, wurde sie allmählich aus einem Weibsteufel, aus Eva, der man verfallen ist, wieder sie selbst.

Ich begann ihr Gesicht wieder zu sehen und ihre Stimme wieder zu hören. Und – trotz der bösen Umstände, war ihre Gestalt immer noch schlank, ihr Gesicht immer noch schön.

Wie mochte sie die Sache wohl aufnehmen? Heiter konnte das Ganze wohl nicht für sie sein. Sie durchlebte ohne Zweifel böse Stunden, indes ich da nordwärts fuhr, sehr böse Stunden. Sie stand gewiß in Person vor den Schranken. Das war eine Vorstellung, die sich wie ein Dorn in mein Hirn eingrub und meine Gedankengänge allmählich veränderte. Noch versuchte ich sie eine schamlose Frau zu nennen, die bloßgestellt wird und alle ihre Freunde bloßstellt. Aber ich konnte es nicht mehr. Ich hörte auf darüber nachzudenken, welche Strafe sie dafür verdiene, daß sie mich lächerlich gemacht hatte, und fragte mich anstatt dessen, was sie nun fühlen mochte und wie sie es ertragen würde.

Ich stellte mir vor, wie sie da nun wohl stand, indes der ganze Gerichtssaal sie anstarrte und die Geschickten sie zeichneten. Schlank, mit erregtem Antlitz und zurückgeworfenem Kopf, sah ich sie vor mir. Ich wußte, sie würde den Kopf hoch halten. Was immer Sirrie geschehen mochte, den Kopf würde sie hoch halten. So war sie nämlich geartet. Jammern oder zusammenbrechen würde sie nicht. Ich hatte einmal im Theater gesehen, daß ihr die Augen voll Tränen standen, und diese Erinnerung gab dem Bilde, das ich mir nun schuf, seine besondere Note. Tränen waren möglich bei ihr, Schluchzen niemals. ›Wenn ich all das getan habe, so habe ich es eben getan‹, würde sie sagen. ›Aber ich habe es nicht auf solche Art getan.‹ Und damit würde sie völlig recht haben. Je unlogischer sie ihre Behauptungen formulierte, desto stichhaltiger waren sie stets.

In der schmutzigsten Weise, so überlegte ich weiter, würde man sie nun um die intimsten Dinge fragen. Der alte Richter und die Beisitzenden würden sie gierig mit den Augen verschlingen. Der Gerichtssaal würde überfüllt sein. Im Hintergrund würden Scharen junger Rechtsanwälte sitzen, in atemloser Spannung, um nur ja keine zweideutige Einzelheit zu überhören. Evans würde schon dafür gesorgt haben, daß gründliche Arbeit getan wird und alles Schlüpfrige recht zutage kommt. Sie hatte sicher recht deutliche, übertriebene Briefe geschrieben; sie gebrauchte gern unpassende Ausdrücke, wendete sie gleich einem Kinde an, um die Leute zu entsetzen. Sie hatte das in Briefen an mich getan, und ich zweifelte nicht daran, daß sie sich bei anderen auch nicht mehr Zwang auferlegt hatte. Und diese Briefe, das wußte ich, würden nicht so vorgelesen werden, daß man sie als Ganzes entschuldbar finden konnte; gerade nur ein paar Stellen würden herausgegriffen werden. Diese Herren mit den weißen Perücken und den schwarzen Talaren, die reinen Seelen, würden bei den stärksten Ausdrücken leises Entsetzen heucheln, der ganze Gerichtshof würde bis über die angespannt lauschenden Ohren erröten. ›Ich fürchte, ich muß diese Stelle ein wenig umschreiben‹, würde der Vorlesende stammeln. Wild und phantastisch war sie gewesen. Verhältnismäßig leidenschaftslose Frauen können zuweilen die unerhörtesten Dinge sagen und tun – aus einer Art Empfindungslosigkeit heraus. ›Warum nicht?‹ lautet ihre Formel.

›Wie alt ist sie wohl?‹ fragte ich mich und rechnete nach. Mit siebzehn Jahren hatte sie geheiratet. Nun war sie vier- oder fünfundzwanzig.

Ich kann mich nur sehr undeutlich erinnern, welch ein Durcheinander in mir gewesen sein mag. Den größten Teil davon muß ich erraten, als wäre es im Gemüt eines Fremden vor sich gegangen. Die ganze Sache muß mich mit großem Ekel erfüllt haben. Ich muß empört gewesen sein über sie und sie verdammt haben, denn warum wäre ich sonst Stunde um Stunde weiter nordwärts gefahren?

Später muß diese Empörung geschwunden sein. Mein Versuch, sie mir heute ins Gedächtnis zurückzurufen, gleicht dem Bemühen, die Stückchen alter, zerrissener Briefe aus dem Papierkorb zusammenzulesen und wieder aneinander zu fügen. Vielleicht hielt mich nur eine Art Beharrungsvermögen am Steuerrad fest.

›Wenn ich zu ihr zurückkehre,‹ sagte ich mir, ›so ist es eine Rückkehr für immer.‹

Dieser Entschluß glomm den ganzen Tag in mir, schließlich fing er Feuer. Mit einem Male wußte ich, was ich tun würde – als ob ich es die ganze Zeit gewußt hätte. Ich fuhr mit dem letzten Abendzuge nach London. Der Zug hatte Verspätung und ich kam erst nach Mitternacht an. Sirrie wohnte in Berridges Hotel; sie war allein, nur eine ihrer Schwestern war bei ihr. Ich telephonierte an, ihre Schwester teilte mir mit, daß sie im Bett sei und schlafe; sie sei übermüdet gewesen. Am nächsten Morgen ging ich zu ihr.

»Ich bin gekommen, um dir beizustehen«, sagte ich.

»Du wirst eine Menge neuer Dinge über mich erfahren«, sagte sie und blickte mir in die Augen. »Keine sehr hübschen Dinge.«

»Ich habe die Morgenzeitungen gelesen.«

»Du wirst mir kaum helfen können. Es ist keine sehr hübsche Sache, was?«

»Unangenehm für uns beide«, erwiderte ich. »Ich gebe auch meine Überraschung zu. Trotzdem will ich dir beistehen.«

»Du mußt wissen – wenn auch alles in der widerlichsten Weise vorgebracht wird –, im Wesentlichen ist es doch wahr.«

»Ich bin nicht in der Meinung hergekommen, daß du eine unschuldige Heldin aus dem Drury Lane Theater seist. Ich sehe vollkommen klar.«

»Was soll das bedeuten? Was willst du tun?«

»Zu dir halten.«

Sie stand vor mir, ohne Bewegung zu verraten, fast wie eine Frau, die einen geschäftlichen Vorschlag zu erwägen hat. Dann wendete sie sich mit demselben Ausdruck vollkommen beherrschter Vernunft zu mir.

»Aber du wußtest doch nichts von den anderen Sachen. Du bist später und ganz ahnungslos zu mir gekommen. Ich habe dich nicht gewarnt. Ich hätte wenigstens so klug sein müssen – . Es ist nicht der geringste Grund dafür vorhanden, warum du in diesen schmutzigen Handel mit hineingezogen werden solltest. Das Ganze ist allein meine Angelegenheit. Mein Spielchen mit Jim. Idiotisch, so viel an Jim gedacht zu haben, sich so zu schaden, um einen Kerl wie ihn zu ärgern. Ich habe Jim rasend gemacht, und nun hat er mich in der Hand. Ich habe ... Einige üble Männer sind mit im Spiel. Ich habe fürchterliche Dummheiten begangen. Niemand kann dich tadeln, wenn du dich jetzt von mir abwendest.«

»Auch die anderen Beteiligten wird niemand tadeln, wenn sie das tun. Das weiß ich. Aber du brauchst jemanden in dieser Sache. Immerhin bin ich der letzte auf der Liste. Verzeih, daß ich so unsentimental bin; ich gebe nicht einmal vor, jetzt in dich verliebt zu sein. Aber ich würde eher zusehen, wie ein kleines Kind ertrinkt, als dich jetzt allein lassen.«

»Und nachher?«

»Ich habe auch daran gedacht.«

»Was meinst du?«

»Ich meine, daß ich dich lieb habe. Mehr als ich je geträumt hätte.«

»Was meinst du?«

»Ich halte zu dir, jetzt und später. Ich bin kein grüner Junge mehr. Ich habe dir ja erzählt, wie es mit mir steht. Du wirst nicht Vorteil aus meiner Unschuld schlagen können. Ich kenne mich mit Frauen recht gut aus. Es ist leicht, dich zu lieben. Aber ich achte dich auch – trotz allem. Ich bin nicht entsetzt. Es ist mir vollkommen gleichgültig, was für Beweise man gegen dich hat. Nichts kann meine Meinung über dich ändern. Du hast – eine tolle Seite. Ich weiß zwar nicht alles, was du angestellt hast, aber ich habe eine gute Vorstellung davon, wie du sein kannst. Für mich hast du begonnen, als wir uns trafen. Weiß ich etwa nichts von dir? Alle Beweise der Welt können mir keine andere Überzeugung beibringen als die, daß deine Seele – wenn ich mich so ausdrücken darf – ebenso gerade ist wie dein Körper.«

Sie antwortete nicht sofort. Bei meinem letzten Satz zuckte sie mit den Achseln. Sie schien sich erst in die neue Lage finden zu müssen.

»Du wirst in den Gerichtssaal kommen?«

»Jeden Tag. Als dein Bruder. Als dein Freund.«

»Wie jemand, der einen tröstend bei der Hand hält! Oh! ... Billy, wenn du sehen wirst, wie es dort ist –«

Sie mußte innehalten; einen Augenblick lang standen Tränen in ihren Augen.

»Freundschaft«, sagte ich.

»Freundschaft«, wiederholte sie und ihre Augen blickten mich fragend an. Leise begann sie zu lächeln, als sie sah, was in meinem Gesicht zu lesen stand. »Du guter Kerl«, sagte sie, und einen Augenblick zuckte es um ihren Mund, ehe sie ihr Lächeln wieder zuwege brachte. Sie streckte die Hand aus. »Also gut.«

Wir schüttelten einander die Hand, und der Händedruck war besser als eine Umarmung.

»Ich habe ein recht gemeines Spiel getrieben«, begann sie wieder ... »Ich habe verdient, was mir geschieht ...«

Sie biß sich auf die Lippen und sah hilflos drein.

»Setz dir einen Hut auf«, sagte ich, und es wurde mir unerklärlich froh zu Mute. »Mach schnell, der Gerichtshof kann nicht warten.«

Auf diese Weise verheiratete ich mich, wenn auch nicht dem Gesetze nach, so doch was das tatsächliche Leben betrifft, in der Halle von Berridges Hotel mit der übel beleumundeten Mrs. Sirrie Evans und erwog zum ersten und zum letzten Male die gesetzlichen Folgen meines Ehebruchs. Zwei Tage lang saß ich im Gerichtssaal zum großen Interesse der eleganten Damen, die ihn bevölkerten, und war auffallend eifrig, die Angeklagte zu stützen und zu trösten. Als alles überstanden war, nahm ich sie mit mir fort, richtete ihr eine Wohnung ein und behandelte sie in jeder Beziehung als meine Ehefrau.

Ein ursprünglich belangloser Zwischenfall sollte auf solche Art Bedeutung für mein Leben erhalten. Ich war aus einem Gefühl der Verpflichtung zu Sirrie gekommen und mit ihr vor Gericht gegangen. Ich hatte gefunden, daß ich die Folgen meines Tuns auf mich zu nehmen hätte. Ganz unmerklich jedoch und sehr schnell veränderte sich meine Haltung: ich verfiel in die Rolle eines streitbaren Ritters. Das war unvernünftig, ich gebe es heute zu; es war triebhaft. Ich fühlte, daß Sirrie einen ebenso verständigen Charakter besaß wie ich, und noch dazu mehr Geist; fühlte, daß ihr Geschlecht einen ungeheuren Nachteil für sie bedeutete, sie für Taten mit fürchterlichen Strafen bedrohte, die ich so viele Male straflos begangen hatte. Indem ich mich an ihre Seite stellte, machte ich mich zum Vorkämpfer des sogenannten freien Lebenswandels im allgemeinen. Ich verteidigte in ihrer Person die ganze Reihe meiner Geliebten. Wir waren Kameraden auf dem Gebiete unregelmäßiger und verbotener Abenteuer. Aber aus Ritterlichkeit und Kameradschaft wurde sehr bald zärtliches Gefühl und Mitleid für ein Geschöpf, das von der Gesellschaft, die es hervorgebracht hatte, mißbraucht worden war.

Die Angelegenheit eröffnete eine neue Phase in meinem Leben. Bis dahin war ich außerordentlich einsam gewesen. Nun wurde ich durch die Sorge um ein anderes Menschenwesen vollkommen von mir selbst abgewendet; ich tat, leider ziemlich erfolglos, was ich konnte, um Sirrie wieder eine gesellschaftliche Stellung zu geben und die Strafe für ihre Sünden, die ich so gut verstehen konnte, abzuschwächen. Ich versetzte sie in die Lage, sich ein hübsches kleines Haus einzurichten; versah sie mit guter Dienerschaft und verkehrte außer mit meinen Geschäftsfreunden nur mit Menschen, die sie als meine Frau behandelten. Wir reisten und machten Besuche nur miteinander. Wir waren einander treu, und jeden Augenblick, den ich mir von meiner geschäftlichen Tätigkeit abringen konnte, verbrachte ich mit ihr.

Wenn ich diese Phase meines Daseins heute betrachte, so fällt mir vor allem die Tatsache auf, daß unser Zusammenleben nicht die Folge einer leidenschaftlichen Krise war, nicht das Ergebnis einer großen Leidenschaft; keine Erklärungen waren vorhergegangen, keine unwiderstehliche Anziehung hatte bestanden. Ich weiß mich nicht zu erinnern, daß ich, ehe wir miteinander lebten, ein heftiges Verlangen gehabt hätte, sie zu besitzen oder mit ihr zusammen zu sein. Keinerlei zwingende Begierde war in mir gewesen. Unsere Vereinigung war uns durch Evans' Übelwollen aufgezwungen worden. Ich bin nicht einmal sicher, ob man mich ihr zur Seite gestellt hätte, wenn ich in der Scheidungssache nicht zitiert worden wäre. Vor der Scheidung hatten wir einander gern gehabt, waren nett miteinander gewesen, hatten eine Liebelei miteinander gehabt. Meine Stimmung bei der Gerichtsverhandlung läßt sich am besten durch das Wort ›empörte Zärtlichkeit‹ kennzeichnen. Daß so ein feines Geschöpf so gemein behandelt werden sollte! Ein so feines Geschöpf!

Erst als wir eine Zeit lang miteinander gelebt hatten, entwickelten wir inniges Gefühl für einander. Nur ganz allmählich und unmerklich wuchsen wir ineinander hinein.

Mein impulsiver Wunsch, Sirrie zu verteidigen und zu schützen, überraschte mich selbst und Sirrie ebenfalls. Sie hatte mich von allem Anfang an sehr gern gehabt, doch nach ihrer Scheidung faßte sie lebhaftes Interesse für mich. Eine Zeit lang stellte sie mir unaufhörlich Fragen über mein eigenes Ich, die außerordentlich schwierig zu beantworten waren. Ich war nicht daran gewöhnt, Fragen, die mein Selbst betrafen, zu beantworten. Ich war in ihrem Leben etwas Neues und Unerwartetes, und wie es ihr schien, etwas unerwartet Gutes. Sie hatte mit Männern viel Mißgeschick gehabt. Die Einbildung, daß sie eine schlechte Frau sei, und einen gewissen damit verbundenen Trotz gab sie alsbald auf. Sie äußerte diesen Gedanken nie wieder.

Sie wollte mein Wesen verstehen lernen, die Triebkräfte in mir, mein Streben und meine Arbeit. Wie weit es ihr gelungen ist, meine Ideen zu begreifen, weiß ich nicht. Soziale Probleme lagen ihr ursprünglich sehr fern. Daß ich einen so großen Teil meiner Zeit meiner geschäftlichen Tätigkeit widmete, nahm sie als etwas Erstaunliches, aber durchaus Verzeihliches hin. Da diese Tätigkeit mir so viel bedeutete, galt sie auch ihr als wichtig. Aber ich hätte mich ebenso gut für den Rennplatz oder für die Jagd interessieren können.

Wenn sie auch meine Ideen nicht erfaßt haben mag, so verstand sie doch viele Züge meines Charakters, die mir selbst noch verborgen sind. Sie lenkte mich unmerklich, beeinflußte mich – zu meinem eigenen Glück. Sie schenkte mir selbst aufopfernde Freundschaft, was etwas weitaus Größeres ist als geschlechtliche Liebe. So lange sie lebte, war meine Unzufriedenheit mit dem Leben fast vollkommen behoben. Niemals arbeitete ich so gut wie in jenen Jahren.

Als ich ihr ein Heim gründete, war ein gut Teil Selbstgefälligkeit in mir; ich hatte das Gefühl, etwas Schönes und Großmütiges getan zu haben. In Wahrheit aber bekam ich zum ersten Male die köstlichsten Gaben des Lebens: Liebe, Treue, Verständnis, Kameradschaft und ein wirkliches Heim. Alles Gute einer Ehe wurde mir zuteil, nur Kinder nicht. Sirrie war lungenkrank. Wir wußten von allem Anfang an, daß ihre Lunge nicht ›in Ordnung‹ sei, und so hatten wir nicht den Mut, Kinder in die Welt zu setzen.

Freundschaft, Kameradschaft verband uns vor allem und am innigsten. Wir waren wohl auch Liebende; wir erlebten Zeiten starken Liebesglückes, aber das Wesentliche war unsere Freundschaft, die auf einem unerschütterlichen Glauben an einander beruhte, auf dem gegenseitigen Glauben an des anderen Rechtlichkeit, des anderen guten Willen; überdies verband uns die gemeinsame Verachtung der landläufigen Moral, die uns aus der Gesellschaft ausgestoßen hatte. Ich glaube nicht, daß wir sehr eifersüchtig gewesen wären, wenn sich eine Gelegenheit dazu geboten hätte, aber es bot sich keine. Ich war in jenen Tagen zu sehr beschäftigt, als daß ich irgendeiner Verlockung gefolgt wäre, und sie war der Männer zu müde, als daß sie noch weiter mit ihnen hätte experimentieren wollen. Eifersucht ist die Reaktion auf ein Gefühl von Unsicherheit, wir beide aber waren einer des anderen sehr sicher.

Unser erstes Heim war ein kleines, verstecktes Häuschen in Richmond Hill, mit einem eisernen Balkon an der Vorderfront und einem dreieckigen Gärtchen dahinter. Sirrie konnte dort ihre erfinderische Kunst an die Einrichtung wenden und Hausfrauenstolz entwickeln. Später mußten wir ihrer Gesundheit wegen nach Bournemouth ziehen. Mein Reichtum wuchs, und ich konnte ihr ein schönes neues Haus schenken; es war gut entworfen und sie ließ sich auf einem Abhang angesichts des Meeres, zwischen Felsen und Föhren einen hübschen Garten anlegen. Ich fuhr fast täglich mit dem Nachmittags-Expreß hinaus, wie irgendein brav verheirateter und wohlgesitteter Geschäftsmann, und sie holte mich in ihrem Auto an der Bahn ab. Wie gut entsinne ich mich ihrer schlanken Gestalt und ihres feinen, zarten, strahlenden Antlitzes, das noch heller zu leuchten begann, sobald sie meiner ansichtig wurde. Jedesmal, wenn ich mich neben sie in das Auto setzte, um mit ihr nach Hause, nach meinem Zuhause, zu fahren, stieg derselbe Gedanke in mir auf, der Wunsch, daß sie wirklich meine Frau sein und dieses wunderbare Geborgensein vor Leidenschaft und Rastlosigkeit ewig währen könnte.

Ich genoß den Besitz jener beiden Heimstätten. Wir freuten uns des Zusammenseins, so oft ich kam; sie verstand es wunderbar, mich glücklich zu machen. Was aber tat sie, wenn ich fort war? Die gute Gesellschaft hielt sich ihr in Richmond ebenso wie in Bournemouth fern, beobachtete aber nichtsdestoweniger ihr Tun und Treiben voll Neugier; Leute von weniger tadellosem Ruf, die einen Verkehr gewünscht hätten, waren in der Regel taktlos, langweilig oder verletzend in ihrer Art, sich Freiheiten herauszunehmen und vertraulich zu tun. Sie führte den Namen Clissold; in den Augen des Schlächters und des Bäckers war sie meine Frau, aber jeder, an dem ihr lag, wußte von unseren besonderen Umständen und erinnerte sich ihrer Geschichte. Sie war so recht der Gegenstand für leise gemurmelte Anekdoten.

Sie las außerordentlich viel. Immer gab es neue Romane in unserem Haus. Die Probleme der Moral, die darin aufgerollt wurden, unterzog sie einer scharfen Kritik. Wir hatten darüber lange Diskussionen. Sie veranlaßte mich, zeitgenössische Romane zu lesen, was selten eines Geschäftsmannes Sache ist. Auch unterhielt sie sich ungezählte Stunden mit ihrem Garten; aber sie war eine etwas zu ungeduldige Gärtnerin. Einige wenige Bekannte pflegten sie zu besuchen. Um der Langweile alberner Gespräche mit ihnen aus dem Wege zu gehen, spielte sie stundenlang das damals eben in Mode gekommene Bridge mit ihnen. Wenn diese Besuche ihr auch recht öde sein mochten, so machte es ihr immerhin nachträglich Spaß, mir von den lächerlichen Eigenschaften der Leute zu berichten. Sie konnte dabei außerordentlich komisch sein, mitunter aber mischte sich Bitterkeit in ihr Lachen. Flüchtige Annäherungsversuche von schüchternen, eitlen, oberflächlichen Männern oder die Posen und Verlogenheiten romantischer, vertrauensseliger Frauen konnte sie besonders scharf karikieren.

Die Jahre, die wir miteinander verbrachten, scheinen mir, wenn ich heute darauf zurückblicke, besonders schnell verflogen zu sein. Unser Zusammensein wurde durch lange Reisen, die mich durch den Ural, durch Sibirien und die kanadischen Gebirge führten, unterbrochen. Es war unmöglich, sie auf diese Expeditionen mitzunehmen. Wohin immer ich sie aber mitnehmen konnte, begleitete sie mich gerne, denn ihre Reiselust war unersättlich. Sie war mit mir in Argentinien und in Schweden. Viel zu langsam und viel zu spät erkannte ich, wie rasch sie dahinsiechte; von dem letzten drei Jahren ihres Lebens verbrachten wir eines in Norditalien und zwei in der Schweiz. Sie starb in einem Schweizer Sanatorium.

Ich weiß nicht mehr, wann sie zu husten begann, das Leiden selbst aber ist ein wesentlicher Teil meiner Erinnerung an sie. Sie wurde schlanker, ihre Wangen hohler und geröteter, ihr Blick glänzender. Mit zunehmender Schwäche wuchs ihr Wagemut. Eine Sehnsucht nach schneller Bewegung brannte in ihr. Das Autofahren entwickelte sich zu jener Zeit, und ich kaufte ihr einen großen italienischen Wagen, der im flachen Land achtzig Meilen die Stunde durchsausen konnte. Sie saß in Pelze gewickelt an meiner Seite, ihre Augen funkelten über dem Schal, der ihren Mund verhüllte; schweigend saß sie in Ekstase. »Schneller, schneller«, flüsterte sie zuweilen.

Einige Male lenkte sie auch selbst. Das waren qualvolle Stunden für mich. Ich hielt mich still neben ihr, beherrschte aber nur mit Mühe den Wunsch, ihr das Steuerrad aus den armen, müden Händen zu nehmen.

Als ich mir ihrer Schwäche und ihrer Leiden voll bewußt wurde, verwandelte sich das Gefühl der Kameradschaftlichkeit in Fürsorge. Im letzten Jahre mußte ihre Bewegungsfreiheit immer mehr eingeschränkt werden; bei Regen und nach Sonnenuntergang mußte sie im Hause bleiben; die Zimmer, die sie bewohnte, mußten eine gemäßigte Temperatur haben; irgend welcher Anstrengung durfte sie sich nicht mehr aussetzen. Ihre Ruhelosigkeit nahm dauernd zu. Kein Ort war ihr recht, denn sie fühlte sich nirgends wohl; immer wollte sie weiter dorthin, wo die Sonne noch wärmer, die Luft noch leichter zu atmen sein würde. Sie hatte Tage heftiger Verzweiflung, doch die Hoffnung richtete sie immer wieder auf. Unsere gesellschaftliche Ächtung lag wie ein Schatten auf ihr, der sie frieren machte; auch das trieb sie in immer weitere Ferne. Sie litt darunter; ein unbestimmtes verschämtes Verlangen nach gesellschaftlicher Anerkennung, nach Rechtfertigung war in ihr lebendig. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ihr an dergleichen gelegen hätte, wenn es leicht zu haben gewesen wäre. Sie fühlte sich als eine Ausgestoßene. Je weiter weg von daheim man ist, desto weniger kommt solches Ausgeschlossensein zu Geltung. In einer gewissen Entfernung von London bilden alle Engländer eine einzige Gesellschaft. Sie wollte dieser Gesellschaft angehören. Es war kindisch von ihr, etwas Wertloses nur darum zu erstreben, weil es ihr unerreichbar bleiben mußte; aber sind wir nicht alle kindisch, wenn es um gesellschaftliche Ehren geht?

Als sie starb, planten wir eben eine Reise nach den Südsee-Inseln und für später eine Reise um die Welt. Ich konnte mich auf solche Pläne einlassen, ohne meine geschäftliche Tätigkeit völlig zu unterbrechen, denn es gibt überall Minerale und Möglichkeiten für Romer & Steinhart. Eine leichten spanischen Schal um die Schultern pflegte sie, das gebrechlichste und zarteste aller Geschöpfe, auf ihrem Ruhebett zu sitzen, ein Dutzend Reisebücher neben sich und auf dem nahen Tischchen. »Ich muß Easter Island sehen«, sagte sie. »Easter Island kann doch kein großer Umweg für uns sein.«

Ich holte einen Atlas und setzte mich neben sie auf ihr Ruhebett. »Sehen wie einmal, wo es liegt. Ja, ja, ich denke, wir können auch Easter Island mitnehmen.«

Sie streichelte mir den Kopf.

»Lieber Billy Cook, lieber Welttouren-Organisator. Wirst du mir wirklich all die Zeit opfern können?«

»Ich will doch selbst die Welt kennen lernen«, antwortete ich.

»Ich bin eine rechte Last auf Reisen. Aber dort unten werde ich wieder gesund werden. Vorige Woche habe ich – wenn die Wage stimmt – ein halbes Pfund zugenommen. Und wir können in dem warmen, warmen Meer schwimmen.«

»Ich werde mit einem Dolch zwischen den Zähnen schwimmen, um deine Zehen vor Haifischen zu beschützen.«

»Mutiger Billy, ja, das mußt du tun. Gib mir einen Kuß, Billy, mein Lieber.«

Sie hoffte und sehnte sich nach der Südsee bis zu ihrem letzten Lebenstage. Sie hoffte bis zum letzten Augenblick. Am Morgen des Tages, an dem sie starb, erklärte sie mir, wie günstig doch der Bluthusten sei.

»Ich glaube, ich habe die Krankheit nun überstanden«, flüsterte sie. »Man hustet ... das kranke Gewebe heraus ... all das schlechte Blut ... und dann, siehst du, dann heilt man aus.«

»Sei still, Liebste,« sagte ich, »das Sprechen ist nicht gut für dich. Du mußt schnell gesund werden, wenn wir nächsten Monat auf die Reise gehen wollen.«

Nachmittags war sie sehr müde. Sie hatte einen so fürchterlichen Hustenanfall gehabt, daß ich in Angst geriet; sie war fast an ihrem Blute erstickt. Schließlich ließ der Husten nach, der Arzt gab ihr ein Beruhigungsmittel und sie schlief in meinen Armen ein. »Bleiben Sie bei ihr,« sagte der Arzt, »es ist besser, wenn Sie bei ihr bleiben. Sie könnte wieder einen Hustenanfall bekommen, wenn sie aufwacht; sie ist jetzt sehr schwach.«

Sie bekam keinen Hustenanfall mehr. Ein müdes, kleines, jammervolles Körperchen war sie geworden, etwas, das man nur ganz sanft anfassen konnte, ungeheuer behutsam halten durfte; ihre bewegungslosen Augenwimpern berührten meine Wange, indes sie sanft entschlief; erst als ich mit plötzlichem Schrecken ihre Kälte verspürte, begriff ich, daß sie tot war.

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