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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 11
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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Unsere Hauptfabriken, unsere wichtigsten Gesellschaften, stellen einen ganz neuen ökonomischen Typus dar. Ich glaube nicht, daß viele Menschen wissen, wie neuartig sie sind. Unsere Unternehmungen sind nicht nur, was ihren Umfang und ihre Wechselbeziehung zu anderen betrifft, neu, sie sind es auch in ihrem inneren Aufbau. Es besteht in ihnen nicht mehr die früher unvermeidliche Gegnerschaft zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, denn sie sind weder ausschließlich noch vorwiegend Organisationen, die dem Zwecke der Arbeitsabwälzung dienen. Es gibt in unseren Betrieben kaum irgendwelche stumpfsinnige, rein mechanische Arbeit. Wir verwenden fast nur geschulte oder zum mindesten halbgeschulte Arbeiter. Mehr als dreitausend unserer Leute haben ein Jahreseinkommen von über tausend Pfund, und ihre Zahl wächst rascher als die Gesamtzahl unserer Arbeiterschaft. Keiner hat einen so dürftigen Verdienst, daß er gerade nur sein Leben fristen könnte, kein einziger. Da die Errichtung unserer Fabriken sehr kostspielig war und sie innerhalb einer bestimmten Zeit verbesserten Anlagen Platz machen sollen, und da überdies viele von ihnen bei längerer Betriebsunterbrechung zugrunde gehen würden, ist es von allem Anfange an die Politik der Firma gewesen, die Arbeiter zufrieden zu erhalten und ihr Interesse am Gedeihen des Ganzen zu wecken, so daß die Produktion niemals unterbrochen werden mußte. Die Geschichte unseres Unternehmens weiß von keinem einzigen Streik zu erzählen und niemals haben wir irgend eine unserer Fabriken gesperrt, weil der Markt schwankte. Wir haben die Zahl unserer Arbeiter niemals vermindert und unsere Betriebe allezeit gleichmäßig weiterlaufen lassen, wenn vielleicht manchmal auch nur um der Maschinen willen. Geschäftsklugheit ebenso wie ein gewisses Ausmaß von Wohlwollen waren bestimmend für diese Politik. Der alte Steinhart war ein Schüler Robert Owens und behandelte seine Angestellten mit menschenfreundlicher Großmut. Er vertrat die Ansicht – die heute noch Tradition in der Firma ist –, daß alle jene, die eine Zeit lang in dem Unternehmen arbeiten, sich etwas wie eine moralische Teilhaberschaft erwerben. Solche Tugend hat uns keineswegs in Konflikt mit unseren Interessen gebracht, im Gegenteil, die guten Absichten des alten Steinhart haben sich als die für uns günstigste Politik erwiesen.

Wo immer wir eine genügend große Zahl von Arbeitern beschäftigen, unterstützen wir in den Grund- und Fortbildungsschulen des betreffenden Ortes den wissenschaftlichen Unterricht so weit, als nur irgend möglich; in Downs-Peabody besteht neben unseren Forschungslaboratorien eine große technische Lehranstalt, die zahlreiche Freiplätze besitzt. Wir zahlen neun Professoren ein weit höheres Gehalt als die Universitäten. Spink und Gedge sind beide Söhne von Männern, die bei unserer Muttergesellschaft für Wochenlohn arbeiteten. Wir haben eine eigene Sparkassenorganisation; es gibt Arbeiter bei uns, die bis zu zweitausend Pfund unserer Aktien besitzen. Wir zahlen überhaupt keinen Taglohn und bemühen uns, unsere Wochenlohnarbeiter auf Monats- oder Vierteljahrsgehalte umzustellen. Gemeinsam mit unseren Arbeitern gehören wir Wohnbaugesellschaften an; wir haben Spielplätze, Cricketclubs, Schwimmbäder, zwei Museen und eine Anzahl von geselligen Vereinen. Wir lassen zwei Wochenzeitungen drucken und erklären darin, was in unserem Unternehmen vor sich geht und was mit unseren Produkten geschieht.

Doch da unsere mannigfachen Beziehungen unsere Interessen über das ursprüngliche Gebiet der metallurgischen Operationen hinaus verbreitet haben, stehen wir mit Arbeits- und Produktionsorganisationen in Verbindung, die sich weit weniger glücklich entwickelt haben als die unsere. In manchen Fällen ist uns eine schwierige Verantwortung aufgebürdet. Es ist das die am wenigsten erfreuliche Seite unseres Unternehmens. Zum Beispiel hat sich die Firma in früheren Tagen die ganze Ausbeute der Crestschen Kohlengruben gesichert, und zwar wurde das Abkommen auf Grundlage der beweglichen Lohnskala geschlossen; die Behandlung der Grubenarbeiter blieb Crest dem Vater, der Gewerkschaft und Gott überlassen. Heute decken wir unseren Bedarf an Kohlen zum größten Teil auf dem offenen Markt, haben aber die teuflischen Kohlengruben der Crests auf dem Halse, denn wir besitzen alle Aktien, müssen uns laut Vertrag an bestimmte Richtlinien halten und sind indirekt durch verschiedene Ankäufe, Arbeitsabkommen und Verschmelzungen Bergleute, Kohlenverkäufer und -Verbraucher in einer Person geworden; doch besitzen wir keinerlei Einfluß auf die Leitung noch auf die Arbeitsorganisation.

Die Anfänge des Bergbaues reichen in die Zeit der ersten Pharaonen zurück. Er war immer eine Form der Massenarbeit, und wie alle Arbeit, die ihre Traditionen aus einer Zeit herleitet, da es noch keine Maschinen gab, hat er mühselige, unmenschliche und besonders verschwenderische Methoden. Diese Seite unserer großen Maschine empfinde ich als außerordentlich unzufriedenstellend. Die Sache läuft wohl, aber es gibt Hindernisse und Zusammenstöße, und Material ebenso wie Menschenleben werden vergeudet. Der typische britische Bergwerksbesitzer gehört gewöhnlich noch der pferdeköpfigen Klasse an; er wird von der Reitertradition beherrscht. Ökonomisch betrachtet, ist er ein altmodischer Schädling. Da er für seine Kohle und seine Erze nichts gezahlt hat, ist es ihm ganz gleichgültig, wie viel davon verschwendet wird, solange die Bergwerksabgaben einlaufen. Diese Abgaben an die Bodenbesitzer sind eine schwere Besteuerung jeder kohlenverbrauchenden Industrie. Billige Kohle ist für das industrielle Leben des Britischen Reichs ebenso wichtig wie gute Straßen. Die Kohlengewinnung ist von allgemeinem Interesse, und wir Industriellen sind töricht genug, sie als einen Privathandel gelten zu lassen.

Ich gehöre dem leitenden Vorstand der Crest'schen Kohlengruben nicht an und kann daher kaum mehr tun, als über die Adelstraditionen schimpfen. Wir sind an Bergwerken in den verschiedensten Ländern der Erde interessiert; die Bedingungen der uns verbündeten hiesigen wie ausländischen Gruben hängen naturgemäß mit denen anderer zusammen, auf die unser Einfluß sich nicht erstreckt, und es ist unmöglich, in Bezug auf eine einzelne Gruppe allein Neuerungen durchzuführen. Ehe wir mit Wischnu zu kämpfen beginnen, müssen wir leidlich sicher sein, daß Siwa sich nicht gegen uns beide erheben wird. So ziemlich dasselbe gilt von unseren Transportinteressen. Wir sind groß genug, um unter den Zuständen auf diesem Gebiete zu leiden, aber noch nicht groß genug, um eine wirksame Kontrolle auszuüben. Ich wünschte, unsere Fühler wüchsen, würden immer stärker, bis schließlich alle Bergwerke der Welt unter einer einheitlichen Leitung stünden. Das scheint jedoch ein Traum zu sein, dessen Erfüllung noch in weiter Ferne liegt. Ehe er verwirklicht werden und der schöpferische Brahma an die Arbeit gehen kann, mag Siwa – mit anderen Worten die leidenschaftliche Zerstörungswut der Arbeiter, die erkennen, daß ihr Dasein heute nicht mehr beschränkt und entbehrungsreich sein müßte, – Brahmas Werk unmöglich machen. Ich würde sogar die Verstaatlichung befürworten, wenn ich – was nicht der Fall ist – an die Möglichkeit einer vernünftigen Leitung der Industrie durch die Politiker glaubte.

Ich fürchte die hartnäckige Ungerechtigkeit der veralteten Arbeitsmethoden im Bergbau sowie im Schiffs- und Transportwesen. In ihnen lebt die Tradition der Sklaverei der antiken Welt bis heute fort. Es will sich keine Möglichkeit zeigen, wie man sie abändern, ihnen einen neuen Geist einblasen könnte. Wenn aber auf den genannten Gebieten die heutigen Richtlinien weiter verfolgt werden, so bedeutet dies Unheil für das gesamte Wirtschaftssystem. Die Vergeudung von Menschenleben durch diese Industrien ist entsetzlich. Es gibt heute keinen vernünftigen Grund mehr dafür, daß die Kohle von zusammengekrümmten, in Finsternis, Schmutz und stickiger Luft arbeitenden Menschen Stück für Stück aus der Erde gehackt wird; ganz ebenso überflüssig ist es, daß Schiffsmaschinen von schwitzenden Heizern bedient und die Ernten der Welt durch die Menschenhand eingebracht werden.

Vielleicht werde ich eines Tages klarer als heute erkennen, wie man unsere streng wissenschaftlichen Methoden auf jene alten Industrien ausbreiten könnte, welche unserem verhältnismäßig sauberen ursprünglichen Unternehmen anzugliedern, Erfordernisse der Finanz und des Marktes uns gezwungen haben. Ich würde gerne einen ganzen Kohlendistrikt einheitlich bearbeiten, ihn gründlich in Ordnung bringen, Wohnstätten und Kulturen konzentrieren, die Grubenschächte mit Luftschläuchen versehen und mit Teer ausgießen, ordentliche Straßen anlegen, in sämtlichen Häusern und Fabriken Dampfheizungen und elektrische Beleuchtung anbringen und dann das ganze Gebiet ausbeuten, bis nichts Verbrennbares mehr in seinem Erdboden zu finden ist. Das mag etwa ein Jahrhundert dauern. Dann könnte die Bevölkerung fröhlich nach einem andern Distrikt auswandern, um dort eine neue Phase der Ausbeutung von Naturschätzen zu beginnen, und das alte schwarze Land könnte allmählich zu Ackerbau und Gartenkultur zurückkehren. Und was die Grubenarbeiter betrifft, so würde ich ihnen keinen Taglohn, sondern ein Monatsgehalt zahlen, sie höchstens fünf Tage in der Woche und zehn Monate im Jahr arbeiten lassen, wobei sie während der zweimonatlichen Ferien ihr Gehalt weiterzubeziehen hätten, und ihnen eine gute Pension gewähren, sobald sie dreißigtausend Stunden gearbeitet haben, einerlei, ob sie sich beeilt haben, also dann noch jung sind oder nicht. Auf diese Weise würde sich ihre Arbeitsleistung und damit die Ausbeute um etwa ein Zwanzigfaches erhöhen. Das ist kein Traum, sondern eine vollkommen durchführbare Möglichkeit. Nur Crest und Leute seines Schlages und die allgemeine Dummheit, die seinesgleichen duldet oder gar unterstützt, steht der Verwirklichung dieses Planes im Wege.

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