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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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Der riesenhafte Konzern Romer, Steinhart, Crest & Co. ist in weniger als sieben Jahrzehnten emporgewachsen. Im Jahre 1858 besuchte der erste Steinhart, ein schwedischer Chemiker jüdischer Abstammung, England und machte zufällig die Bekanntschaft des ersten Romer, der für seinen Onkel in Mohairstoffen reiste. Sie trafen einander in einem Zug zwischen Sheffield und London und Steinhart sprach über die Schwerfälligkeit der Engländer und über die besonderen Möglichkeiten, die seiner Meinung nach in den Kohlen- und Eisenbergwerken der Familie Crest steckten und ungenützt blieben. Romer, der ein Jüngling von neunzehn Jahren war, verabscheute Mohairstoffe und seinen Onkel, stürzte sich auf die Möglichkeit unabhängiger Betätigung, die dieses Gespräch vor ihm eröffnete, und verstand es, erst Steinhart für sich zu gewinnen und dann Lord Crest (den Vater des heutigen) so zu belästigen und zu bedrängen, daß dieser sich zur Gründung einer Gesellschaft herbeiließ. Diese, Crests Slag Works genannt, wurde zur Muttergesellschaft des heutigen weitverzweigten Unternehmens. Romer, der mit einer wirklich kraftvollen Intelligenz ausgestattet war, ging nach Deutschland, um zwei Jahre lang metallurgische Chemie zu studieren, was seine Befähigung zum Leiter des Geschäftes, das er ins Leben gerufen hatte, erhöhte.

Im Jahre 1879 gelang es ihm die Hauptwerkstätten der Firma von Crest'schem Grund und Boden weg nach Downs-Peabody zu verlegen, wodurch sie den Gruben von Brampsheet und Hinton-Peabody nähergerückt wurden. Das Unternehmen wurde umgestaltet und hieß nun Romer, Steinhart, Crest & Co. Der neue Namen der Gesellschaft zeigt unter anderem, daß die Crests nicht mehr das Rückgrat des Konzerns waren, sondern nur mehr mitliefen, was sie leider bis auf den heutigen Tag tun.

Ich glaube nicht, daß der erste Steinhart auch nur im entferntesten ahnte, welch ein Ei er in das Nest der konservativen Crests gelegt hatte. Der erste Romer besaß eine kühnere Einbildungskraft und mag sogar ein gut Teil dessen, was noch kommen wird, vorausgesehen haben. Doch keiner von uns hat je klar erkannt, was wir als Ganzes bedeuten. Wenn es einem je geschehen sein sollte, so ist ihm die Vision gleich wieder entschwunden. Ich sitze nunmehr hier in der Provence, um einen Überblick darüber zu gewinnen. Möglicherweise hat Roderick einen umfassenderen Begriff als sonst irgendeiner unter uns von der Rolle, die wir in der Entwicklung der Welt spielen. Er hat etwas von einem Staatsmann. Es war ein Fehler, daß er den Peerstitel annahm. Er taugt nicht zum Lord Brampsheet. Er hat sich durch diese glanzvolle Würde aus dem ›House of Commons‹ verbannt und zu spät entdeckt, daß er recht gute politische Reden zu halten vermag. Vielleicht ist das aber für ihn wie für uns nur nützlich. Er liebt es zu diskutieren, das Laster der Streitsucht wäre vielleicht gewachsen, und er hätte schließlich dem Parteidienst gegeben, was er besser dem Welthandel widmet.

Er hat Phantasie, er hat Ideen, er ist angriffslustig. Er ist nicht zufrieden, wenn er bloß das tut, was schon vor ihm getan wurde. Mitunter spricht er wie ein Revolutionär. Er achtet Crest mehr als ich, aber er haßt ihn ebenso sehr. Er achtet Crest mehr als ich, weil infolge eines Jahrtausends der Pogrome in seinem Blut immer noch das instinktive Gefühl lebt, daß pferdeähnliche Typen günstig gestimmt werden müssen. Er wagt es noch nicht gleich mir zu glauben, daß die moderne Wissenschaft und Mechanik die Pferdezucht, die Kunst des Reitens und den Landadel überflüssig gemacht haben. Von dieser Schwäche abgesehen, ist Lord Brampsheet ebenso fortschrittlich wie ich und weit energischer. Ihm verdanken wir die fortschreitende Ausdehnung unserer Interessen über die industrielle Produktion hinaus auf die internationale Finanz. Durch seine Fähigkeit, überallhin Fühler auszustrecken ist es uns – unter Mithilfe von Bankleuten – gelungen, mit deutschen, französischen und schwedischen Konkurrenzgesellschaften in wohlwollende Geschäftsverbindung zu treten anstatt in halsabschneiderischen Wettbewerb; ferner haben wir mit Bergwerksinteressenten der ganzen Welt Beziehungen angeknüpft, ja sogar auch mit Baumwoll-Leuten und Gold- und Diamantengewinnern, deren Tätigkeit uns ursprünglich so ferne lag, wie die Angelegenheiten eines anderen Planeten.

Roderick ist physisch ein viel kräftigerer Mann als mein Julian und seine Umgangsformen sind weniger einschmeichelnd, aber familiärer. Er interessiert mich am meisten unter allen Leuten unserer Gruppe; ich beobachte ihn vielleicht noch schärfer als die anderen. Was bedeuten ihm wohl alles in allem die Anwandlungen von politisch-sozialer Erkenntnis, die ihn überkommen? Vorläufig wahrscheinlich nicht viel. Mir bedeuten Ideen dieser Art mehr, aber sie sind auch in mir keine treibende Kraft, sondern nur eine Anregung. Ihm scheinen sie fast unerlaubt. Wenn wir darüber sprechen und ich dem Glauben Ausdruck gebe, daß unser Gespräch von lebenswichtiger Bedeutung sei, wird er sichtlich verlegen. »Ja, um aber auf das Geschäft zurückzukommen, mein Junge«, sagte er dann. »Um auf das Geschäft zurückzukommen –«

Er ist nicht aus sich selbst heraus das geworden, was er ist. Die Umstände haben ihn dazu gemacht. Seine Beweggründe, die Firma Romer, Steinhart, Crest & Co. zu dem heutigen großen Unternehmen auszubauen, waren von ganz derselben Art wie die meinen. Er wollte leben, wollte zu Macht gelangen und hatte Glück. Ich glaube, trotz der Wesensunterschiede, die uns körperlich zu Gegensätzen machen, ist sein geistiges und moralisches Leben dem meinen doch sehr ähnlich.

In keinem meiner übrigen Mitarbeiter kann ich eine Triebkraft entdecken, die der Größe des Unternehmens angemessen wäre, dieses Unternehmens, das angeblich uns gehört – in Wahrheit gehören wir ihm. Manche leisten ausgezeichnete Forschungsarbeit und beuten deren Ergebnisse vortrefflich aus, doch von dem Unternehmen als Ganzen und in Bezug auf die große Welt haben sie kaum einen Begriff. Es ist ihnen um schöne Häuser und schöne Frauen zu tun und um Adelstitel und Ehren; oder sie interessieren sich für die Welt der Künstler und Schauspieler, und indessen verrinnt ihr Leben.

Keiner von uns ist ein großer Sportsmann; das würde uns zu viel Zeit kosten. Lord Crest lebt immer noch in dem Gefühl, daß er ein großer englischer Landadeliger sei, den das Geschäft ein wenig entwürdigt hat und der daher einer festen moralischen Stütze bedarf. Im Carlton Club wird er sehr geehrt, und seine beiden Söhne haben bei der Garde gedient. Everard vertritt Offerton im Interesse der Konservativen und wird wohl eines Tages an Stelle seines Vaters der Hemmschuh an unseren Rädern werden. Söhne und Vater gehören verschiedenen Vereinigungen an, die sich die Schaffung streikgegnerischer, quasi-faschistischer Organisationen und die Bekämpfung der Labour Party im allgemeinen zum Ziele gesetzt haben. Vor kurzem ließ sich Crest als Lord Lieutenant von Oreshire porträtieren, ganz in Scharlach und prächtig. Selbst der Hintergrund des Bildes ist romantisch. Man sieht keinen Fabrikschlot. Lady Crest hat in London einen schönen, mit Pferden bespannten Wagen und mehrere Automobile zu ihrer Verfügung. Sie ist mit der allerhöchsten Familie befreundet.

»Mein Junge,« sagte Roderick eines Tages zu mir, als ich mich über die Kostspieligkeit und geschäftliche Untauglichkeit Crests ausließ, »haben Sie je bedacht, welchen Wert er als Unterhändler für uns besitzt?«

»Die Larve!« sagte ich verächtlich.

»Die Larve!« rief Roderick in einem plötzlichen Ausbruch von Selbstverspottung. »Sie haben das richtige Wort gefunden! Er kann hingehen, wo ich meine Nase nicht zeigen dürfte ...«

Ich sitze hier und denke über unser Unternehmen nach; ich denke an Roderick und Julian und die übrigen Mitarbeiter, an ihre Frauen und ihre Häuser, ihre Diners und ihre Wochenend-Gesellschaften; ich lasse die glänzende Schar unserer Aktionäre an mir vorüberziehen und all die Leute, die an unserem Gewinne zehren, und vergesse dabei auch meine kleine Nachbarin Lady Steinhart, die ich schon geschildert habe, nicht; ich rufe mir die verschiedenen Phasen meiner eigenen Geschichte, meine ungeduldige Begehrlichkeit und den oft kleinlichen Kampf meines Aufstiegs ins Gedächtnis zurück, und dann wandert mein Geist zu unseren Fabriken, zu unseren wunderbaren Werkstätten, die in jedem Trog und jedem Wasserhahn, in jedem Schmelzofen und jeder Gußform Wissen und Scharfsinn verraten, zu unserem Stabe von geschulten Arbeitern, zu den uns verbündeten Unternehmungen, die Bergwerke aller Art in den verschiedensten Gegenden der Welt besitzen, zu den weiten Landstrichen, in denen wir nach Erzen graben, und zu den Landwirten, deren Produkte wir aufkaufen. Wenn ich dieses weltumspannende System überschaue und die Tätigkeiten bedenke, die es umfaßt –: Entdeckung, Gewinnung, Aufschließung und Sortierung der Rohstoffe, Schmelzen, Sublimieren, Kondensieren, Feinen und Verbinden, Übertragung der fertigen Substanzen an zehntausenderlei Arbeiter und Verwertung der Nebenprodukte zur Bodenbefruchtung; wenn ich an die Myriaden von Arbeitern denke, die wir beschäftigen, an die Hunderte Myriaden, die in all den uns verbündeten Konzernen tätig sind, und an die noch größere Menge derer, denen wir indirekt Arbeitsmöglichkeiten schaffen; wenn ich mir vor Augen rücke, wie die in ihrer Gesamtheit riesenhaften Leistungen unseres Unternehmens über die ganze Erde hin verzweigt sind, und diese unaufhörlich wirksame Tätigkeit sodann dem an die Seite stelle, was uns, die angeblichen Leiter des Ganzen, bewegt, so will mir scheinen, daß nicht wir, aus eigenem Antrieb, all dies dem Schoße der Erde entrissen, sondern daß vielmehr die Schätze des Bodens uns gerufen und uns gezwungen haben, sie an das Licht zu fördern.

Sie haben uns dazu gezwungen, so wie der Erdboden allüberall die Bäume auswählt, die in ihm wachsen sollen, und sie verkümmern läßt oder zu machtvoller Entfaltung bringt. Romer und Steinhart, die ein einziger Schößling waren, sind zu einem großen Baume herangewachsen, der, dem heiligen Feigenbaum, dem Marktbaum der Inder vergleichbar, sich zu einem Haine erweitert, sich mit Bruderbäumen vereint, eine große Menschenmenge beschattet und schließlich zu einem riesenhaften, das gesamte Wirtschaftsleben der Erde umspannenden Gebilde werden mag.

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