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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 51
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Cortes hatte allen Grund, dem Teufel – el Demonio – dankbar zu sein. Hier in Cholula, in der Stadt des Dulderkönigs, kam es ihm erst voll zum Bewußtsein, durch welch eine Kette von unerhörten Fügungen ihm der Weg geebnet worden war. Ohne ein Mystiker zu sein, fühlte er sich doch als Werkzeug Gottes, als Strafer und Beglücker, ja sogar als Heilbringer – wie jener rätselhafte Mensch, der in Tula keine Opfer außer Schmetterlingen und Blumen geduldet hatte.

»Ich will mein Ebenbild sehen!« sagte er plötzlich halb im Scherz zu Velazquez. »Kommt, laßt uns die Treppe hinaufsteigen. Ich will mich im Spiegel sehen. Ich will wissen, wer ich bin.«

Marina teilte dem Vogelsteller den Wunsch des General-Kapitäns mit. Der junge Priesterkönig warf einen scheuen Blick auf die große Volksmenge, die neugierig und wenig respektvoll die Fremden umlagerte. Da Marina erriet, was ihn zögern machte, erbat sie sich seine Führung und seinen Schutz. Ihr die Bitte abzuschlagen, brachte er nicht über sich.

Keuchend kletterten sie die hundertundzwanzig ellenhohen Stufen hinauf und wurden, auf dem Menschenwürgeplatz angelangt, durch den herrlichen Blick auf die Stadt, auf die Ebene, auf die den Horizont umgürtenden Berge belohnt. Im Osten wölbten sich die Schneehäupter des Sternberges und des Viereckigen Berges, im Norden wurden die düsteren Syenitfelsen der Berge Tlascalas von der Maid-mit-dem-blauen-Hüfttuch schneeweiß überragt, im Westen blinkten sonnenbestrahlt die Gletscher der Weißen Frau und des Rauchenden Berges, dessen abgeschmolzene Schneekappe durch eine neue ersetzt war. An einer großen basaltenen Opferblutschale vorbei führte der Vogelsteller die Christen in die Gotteshütte.

Das Betreten des Heiligtums war Fremdlingen verboten, ein Blick des jungen Priesterkönigs indes bewirkte, daß die vor dem karminrot bemalten Balkenportal des Sanktuars aufgestellten Priester den Eingang freigaben.

Mit einem Scherzwort auf den Lippen war Cortes in den halbdunklen Raum getreten. Noch während er über den Menschenwürgeplatz schritt, hatte er lachend zu Velazquez geäußert: »Ich wette, daß er mir ähnlich sieht, der weiße Gott! Und wenn nicht – auch in einer Fratze kann man sich wiedererkennen ...«

Jetzt stand er vor seinem Ebenbild und sah das Omen, das er mit kecker Lustigkeit dem Schicksal abgefordert hatte.

»Tod und Teufel!« kam es von seinen Lippen.

Das überlebensgroße, mit Juwelen behängte Götzenbild aus dunkelgrauem Basalt stellte ein Doppelwesen dar. Zwei Köpfe trug es auf nur einem Rumpf. Nach rechts blickte der Löffelreiherkopf Quetzalcoatls, des Gottes des Lebens und des Atmens, nach links blickte mit kreisrundem Augapfel und weit vorzüngelnder Zunge der Totenschädelkopf Mictlan-Tecutlis, des Totengottes. Der nach rechts ausgestreckte Arm trug ein mannshohes Zepter mit einer gebogenen Schlangenkopfkrücke. Der nach links ausgestreckte Arm, der eine Knochenrassel hielt, war von Geschwüren zerfressen, wie ebenfalls das linke Bein.

Und mit Blut – mit verharschtem und auch frischem Blut – bespritzt waren der Fußboden und die Wände des Heiligtums, mit Blut beschmiert war der Doppelkopf. Erst vor wenigen Stunden waren Menschenopfer gefallen ...

Schweigend gingen Cortes, Marina und Velazquez hinaus, schweigend stiegen sie die Treppe der Pyramide hinab.

Velazquez de Leon befreite sich mit dem Ausruf:

»Welche Scheußlichkeit! Ich wünschte, wir könnten heute schon diesen Götzen zertrümmern!«

»Wer Götzen zertrümmert, bringt der Welt den Tod, ist der Tod! Das habe ich heute gelernt!« sagte Cortes tief verstimmt. Und dann den Kopf in den Nacken werfend, fügte er fest hinzu: »Gegen Drachen kämpft man aus Erbarmen erbarmungslos! ...«

Marina sagte nichts. Sie schielte nach dem verdüsterten Gesicht des Geliebten. Seine Pein zerpeinte sie. Und sie fand das rechte Wort nicht. Mehrmals hatte sie das Schweigen brechen, Tröstendes sagen, ihm zuflüstern wollen: »Sei Heilbringer und kümmere dich nicht darum, ob hernach die Menschen dein Bild mit Blut besudeln! ...« Sie selbst wollte ja durch ihn ihrem Heimatland Erlösung bringen – gewiß nicht den Tod, sondern ein neues besseres Leben. Wäre er der Würgengel ihres Volkes – eine wieviel fluchwürdigere Verwüsterin wäre sie, die geborene Aztekin! ... Das durfte nicht sein. Sie wies den Gedanken von der Schwelle ihrer Seele. Doch das auszusprechen vermochte sie nicht. Sie fühlte, daß in dieser Stunde jedes Wort einen falschen Ton hatte, daß jedes Wort als beschönigende Abwehr erscheinen, als Bestätigung des bösen Omens kränkend sein würde.

Und so schwieg sie, zerfressen von Selbstvorwürfen, weil sie schwieg.


Die Nacht und der darauffolgende Vormittag vergingen ohne Zwischenfall. Kein gutes Zeichen war es allerdings, daß die vom Alten Raubtier in Aussicht gestellten Lebensmittel dem Heer nicht gebracht wurden, statt dessen nur Holz zum Feuern und Wasser zum Kochen. Als Cortes, um Klage zu führen, sich den Besuch des Alten Raubtiers erbat, ließ dieser ihm antworten: er sei erkrankt und könne daher nicht kommen. Und auch der Vogelsteller brauchte, als Cortes nach ihm gesandt, die gleiche Ausrede. Der dem Kaiser geleistete Lehnseid war allzubald vergessen.

Hatten sich die Cholulteken am ersten Tage zu Tausenden eingefunden, so mieden sie jetzt in weitem Umfange das Quartier der Götter. Die wenigen, die sich in die Nähe der Schildwachen wagten, grinsten frech und herausfordernd.

Am Nachmittage trafen drei Boten, Schnelläufer – keine Gesandten –, aus Tenuchtitlan ein. Sie suchten die zwanzig Hofbeamten aus dem Roten Berg – welche der Rollende Stein den Christen als Begleiter mitgegeben hatte – auf und besprachen sich lange Zeit mit ihnen. Eine Mißachtung des General-Kapitäns war es, daß sie sich nicht zuerst zu ihm hatten führen lassen. Cortes ließ sie vor sich kommen und stellte sie zur Rede. In ungebührlichem Ton erwiderten sie: ihr erster Auftrag habe den Leuten aus dem Roten Berg gegolten, ihr zweiter aber laute so: der Zornige Herr rate den weißen Göttern, Tenuchtitlan zu meiden, denn nicht genug Mais enthielten die Kornkammern der Inselstadt, ein so großes Heer zu ernähren.

Mit faszinierender Liebenswürdigkeit stellte darauf Cortes die Frage: wie es möglich sei, daß ein so hochgestellter Herr tagtäglich seine Absicht ändere? Übrigens hofften die Christen, sich selbst beköstigen zu können. Und er zöge ja aus keinem anderen Grunde nach Mexico, als bloß um Montezuma die Hände zu küssen ...

Für diesen grimmen Humor hatten die Boten kein Verständnis. Schroff forderten sie einen sofortigen Bescheid, da sie ohne Verweilen zum Herrn der Welt zurückkehren müßten.

Doch Cortes ließ sich nicht verleiten, ihre Schroffheit mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Er beschenkte sie mit kleinen Spiegeln und Taschenmessern, und höflich erbat er sich eine Frist, um die Antwort an Montezuma mit seinen Feldobristen beraten zu können.

Die Boten versprachen, bis zum nächsten Morgen zu warten.

Doch einige Stunden darauf wurde Cortes gemeldet, daß sowohl die Boten als auch alle zwanzig Mexikaner aus dem Roten Berg spurlos verschwunden seien.

Das waren böse Anzeichen. Voreilig war das Hauptheer der Tlascalteken entlassen worden, befand sich bereits jenseits der Großen Mauer. Cortes sandte heimlich einen der totonakischen Tlamamas (welche die Geschütze in die Stadt geschafft hatten) nach Tlascala ab und ließ den Prinzen Kriegsmaske auffordern, unverzüglich in die Nähe Cholulas zurückzukehren.


Am späten Nachmittage schlenderte der schöne Namenlose mit seiner kleinen Sklavin durch die Straßen Cholulas. Seit der Nacht an der torre de la victoria, wo er unter den dreihundert verschenkten Opfermädchen sich dies schüchterne Kind ausgewählt hatte, war Tlauan-Xochitl, die Berauschende Blume, sein Schatten, wich nicht von seiner Seite – fähig, für ihn in den Tod zu gehen aus schrankenloser Dankbarkeit dafür, daß er ihr das Mädchentum gelassen und sie menschlich, brüderlich, gütig behandelte. Eine Cholultekin war sie. Schon den Tag zuvor, gleich nach dem Einzug, hatte er sie durch Doña Elvira fragen lassen, ob sie Verwandte in der Stadt habe. Sie hatte bejaht und ihn vor ein stattliches, vornehm aussehendes Haus geführt. Doch als sie eingetreten waren, hatte sich's gezeigt, daß fremde Leute jetzt das Haus bewohnten. Sie war nicht sonderlich enttäuscht gewesen.

Hätte er es ihr freigestellt, ihn zu verlassen – sie wäre bei ihm geblieben. Glücklich war sie, daß er ihr erlaubte, ihm eine Schwester zu sein, ihm die tiefen Kummerfalten zu glätten mit ihrem kindlichen Geplauder. Sie sprach aztekisch, und er sprach spanisch – nach mehr Verständigung sehnten sich beide nicht.

Einen Widerschein der anderen, die ihm allzu lieb gewesen war, sah er in ihrer kindlichen Gestalt, ihren orchideenhaft geschweiften Lippen. Tödliches Gift waren seine Küsse jenen anderen Lippen gewesen, Todsünde seine Blicke jenen feuchten Augeni ein grünes Feuer seine Sehnsucht, das jener anderen Herz zu Asche gebrannt hatte. Nie wieder wollte er das Feuer entzünden. Die Liebe, die er für dies Kind empfand, war nicht Liebe, war ein Licht ohne Feuer. Nicht minder hell und um so reiner darum.

Sie waren über einen kleinen Marktplatz gegangen, wo ausschließlich Töpferwaren verkauft wurden – die in Anahuac so geschätzten, schöngemusterten Majoliken Cholulas. Feindliche Augen sah der Namenlose auf sich gerichtet. Früh am Morgen war Ordas durch die Stadt geritten, seine Grauschimmelstute hatte gescheut, war über den Töpfermarkt gerast und hatte viele Stände in Scherbenhaufen verwandelt.

Der Namenlose und die Berauschende Blume bogen in eine menschenleere Gasse ein. Zwei ältere, beleibte Männer mit roten Sonnenschirmen kamen ihnen entgegen. Plötzlich faßte die Berauschende Blume nach dem Handgelenk des Namenlosen, krampfte sich an ihn. Sie zitterte vor Erregung.

»Mein Vater!« rief sie aus.

Und dann stürzte sie auf den einen der beiden Cholulteken zu, hing schluchzend und lachend an seinem Halse. Er gleichfalls lachte, liebkoste, streichelte, küßte sie, während ihm Tränen über die Backen liefen. Und sein Begleiter bückte sich lachend, den zu Boden gefallenen roten Sonnenschirm aufzuheben, und wischte sich verstohlen die Augenwinkel trocken.

Der Vater der Berauschenden Blume hatte selbst sein einziges Kind an Sklavenhändler verkauft. Das war vor einem Jahr gewesen, als er die Nachricht erhalten, daß eine große von ihm nach Michuacan ausgesandte Handelskarawane von Räubern überfallen und geplündert worden sei. Umsonst war sein Papieropfer vor Jacatecutli, dem Herrn der Nase, dem Händlergotte, gewesen. Der reiche Kaufherr war über Nacht zum Bettler geworden. Die Gläubiger setzten ihm zu. Seine Kleinode veräußerte er, doch sie genügten nicht, seine Schuld zu decken. Ein Kleinod, das vierzig Mäntel wert war, besaß er noch – sein Kind. Er liebte es über alle Maßen, aber seinen ehrlichen Händlernamen liebte er noch mehr. Er war ein Lump, trotz seines ehrlichen Namens.

Eigenhändig kleidete er die Vierzehnjährige, putzte sie heraus wie eine Prinzessin. Weiße Drachen waren in das dunkelgelbe, rockartige Hüfttuch gewebt» ein reich verziertes rotes Schmetterlingsmuster schmückte das befranste, mit Glöckchen versehene dreieckige Schultergewand. Er selbst färbte ihr das schwarze Haar mit »Blaukraut«, kämmte ihr das Haar nach Art des Haarputzes der jungen Dirnen –: gescheitelt auf der linken Seite und in kleinen Zöpfen dicht über dem linken Ohr als Knoten aufgesteckt, fiel es nach rechts hin offen auf die rechte Schulter herab.

Und er war zufrieden wie ein Künstler mit seinem Kunstwerk. Er verschluckte Tränen, während er sein Kind so verschönte. Mit Mühe gelang es ihm, den Kummer vor der stolz Lächelnden zu verbergen. Wohin er sie führe, ihr zu sagen, fand er den Mut nicht. Er war sich bewußt, daß er ein Lump sei, und weinte mehr über sich als über sie. Und dann strahlte er wieder, weil sie so liebreizend war und als Gutgewaschene gewiß bald einen Käufer finden werde.

Nachdem er sie dem Sklavenhändler übergeben, lag er drei Wochen krank zu Bett.

Ein halbes Jahr darauf kehrte seine Handelskarawane unversehrt und mit großem Gewinst nach Cholula zurück. Falsch war die Nachricht gewesen, daß die Tlamamas ermordet und die Waren geraubt worden seien. Er war reicher als vordem. Doch alle Nachforschungen nach der kleinen Gutgewaschenen blieben ergebnislos.

Jetzt endlich hatte er sein Kind wiedergefunden.


Abseits stand der Namenlose und wartete, daß der Rausch der Freude und Rührung sich austobte. Schließlich ermatteten Weinen und Lachen, die Ausrufe wurden seltener, häufiger die Fragen. Das Mädchen zählte ihre Erlebnisse auf und sprach von ihm, ihrem Herrn und Retter. Das Unwahrscheinliche, kaum Glaubliche berichtete sie –: daß er sie geschont, sie nicht zu seiner Beischläferin gemacht habe. Betroffen sahen sich der Vater und der Oheim an, blickten scheu nach dem schönen weißen Mann mit dem vergoldeten Bronzehelm – einen ähnlichen Helm hatte Quetzalcoatl getragen, im Schatzhaus Montezumas wurde das Waffenstück aufbewahrt ... Und auch keusch war der weiße Gott gewesen ... Es mußte wohl wahr sein – das Kind beteuerte es ja ...

Die beiden dicken Händler gingen auf den Namenlosen zu und umarmten ihn, küßten ihm die Hände, knieten inmitten der Gasse nieder, küßten ihm die Füße. Sie sprachen allerlei, und so viel verstand er aus ihren Gebärden, daß sie ihn in ihr Haus einluden. Er lehnte nicht ab. Unweit in derselben Gasse stand das Haus.

Über eine Stunde lang – nachdem sie zuerst am Herdfeuer ein Wachtelopfer dargebracht – bewirteten sie den Namenlosen mit Ananas, Kaktusfeigen, Haselnüssen und tranken ihm mit Octli und mit Kräutertränken zu. Er mochte den etwas fauligen Geruch des Pulque nicht, dafür kostete er Honigwein – der aus zerquetschten pflaumengroßen Honigameisen bereitet wurde – und Tannenzapfenwein, Nopalfruchtwein, Palmensirup sowie Yauhtli – eine Art Wermut – und fünferlei aus berauschenden Giftpilzen gebraute Getränke. Doch er nippte nur, um zu kosten, bloß aus Wißbegier.

Seine Gastgeber aber tranken und tranken, bis ihnen die Augen verglasten.

Der Namenlose gab zu verstehen, daß er aufbrechen müsse. Sie ließen sich's nicht nehmen, ihn nach Hause zu begleiten. Überzärtlich, in trunkener Dankbarkeit hielten sie seine Schultern umfaßt, schritten rechts und links von ihm, schwankten und stolperten. Die Berauschende Blume ging sittsam und verlegen hinterdrein.

Am Yuccabaum vor dem Skorpionentor des Ixcoçauhqui-Tempels, wo das kastilische Heer lagerte, verabschiedeten sie sich nicht. Sie wollten sehen, ob ihr Kind gut untergebracht sei. Der Namenlose erwirkte ihnen trotz der späten Stunde die Erlaubnis, das Lager zu besichtigen. Nachdem er sie herumgeführt, setzte er sich mit ihnen in die Marketenderstube. Die Feuerlilie regalierte sie mit Pulque.

Zufällig trat die Gattin des Weißhändigen, Doña Elvira, ein und vernahm die Unterhaltung der beiden Kaufherren, die diese ganz unbefangen führten, im Glauben, niemand der Anwesenden könne sie verstehen. Erst allmählich begriff Doña Elvira, wie ungeheuerlich das war, was sie da erlauschte. Die beiden Trunkenen entwarfen einen Plan, die Berauschende Blume in Sicherheit zu bringen, damit sie beim Christengemetzel, welches am folgenden Tage stattfinden sollte, nicht in Gefahr komme ...

Doña Elvira schlich hinaus und eilte zu Marina.


Cortes, von Marina sofort in Kenntnis gesetzt, ließ sich die beiden Kaufherren vorführen. Überaus geschmeichelt fühlten sich die Trunkenen, daß der Oberste der weißen Götter sie empfing, sich mit ihnen in ein Gespräch einließ. Er gewann ihr Herz durch seine Güte und Leutseligkeit, er beschenkte sie mit Glasperlen, die sie für fremdartige, jenseits des Himmelswassers gewachsene Edelsteine hielten. Zuerst ließ er durch Marina keine Fragen an sie stellen – das hätte sie nur kopfscheu gemacht. Er lobte den Namenlosen, daß er so edel an seiner Sklavin gehandelt habe, jetzt sei er sogar bereit, die Berauschende Blume dem Vater zurückzugeben. Mit dieser Ankündigung schürte Cortes ein helles Geloder von Dankbarkeit an und goß dann Öl ins Feuer, indem er zwei große Grünsteine verschenkte – Symbole seiner Herrlichkeit, war ihm doch in Tlascala der Ehrenname Chalchihuitl, der Grünstein, verliehen worden, der auch Quetzalcoatls Beiname war. Wenig geschätzt in Europa, wurde der grüne Nephrit oder Jade von den Völkern Anahuacs kaum minder hoch geachtet als der Quetzaliztli, Grünfederstein, genannte und oft mit Chalchihuitl verwechselte Smaragd. Wie Wachs schmolzen die Herzen der beiden Berauschten. Da begann Cortes Falsches und Erdichtetes vorzubringen. Man habe ihm gesagt, es seien dreißigtausend mexikanische Krieger in den Häusern Cholulas untergebracht, um über die Christen herzufallen. Zum Widerspruch gereizt, erklärten darauf die beiden Kaufherren, es befänden sich bloß fünftausend Mexikaner in der heiligen Stadt, und die wenigsten seien in den Häusern versteckt, die meisten vielmehr in den unterirdischen Kammern der großen Pyramide. Auf ähnliche Weise lockte Cortes allmählich aus ihnen erschreckende Einzelheiten über den beschlossenen und von langer Hand vorbereiteten Hinterhalt heraus. Er erfuhr, daß außer den im Künstlichen Berg verborgenen Kriegern ein mexikanisches Heer von zehntausend Mann südlich von Cholula in Bergschluchten auf der Lauer lag, um, wenn nötig, den Kämpfern in den Straßen zu Hilfe zu kommen und die Flucht der Christen zu verhindern, daß die Vornehmen ihre Frauen und Kinder in der vergangenen Nacht heimlich aus der Stadt gebracht hatten, daß viele Gassen durch Balken verrammelt, andere durch Gräben und Wolfsgruben und eingerammte Pflöcke ungangbar gemacht waren, daß Häuser in Festungen verwandelt waren, daß auf den Hausdächern Steine und Pfeile und Wurfspieße aufgehäuft lagen, daß Montezuma, ermutigt durch seine Götter Tezcatlipoca und Huitzilopochtli, angeordnet hatte, möglichst alle weißen Götter lebend und gefesselt nach Tenuchtitlan zu schaffen und bloß zwanzig von ihnen in Cholula auf der Adlerschale zu schlachten, und daß mehrere leerstehende Häuser bis zum Dach angefüllt waren mit Stricken, Riemen und Stangen, um die große Zahl christlicher Opfersklaven aneinanderzubinden, an den Oberarmen zusammenzuschnüren.

Mit freundlichen Dankworten und einem Geschenk von zwanzig totonakischen Mänteln entließ Cortes die Kaufherren. Gleich darauf versammelte er seine Hauptleute, Fähnriche wie auch die verläßlichsten unter seinen Soldaten zu einem nächtlichen Kriegsrat in dem geräumigsten der Tempelsäle.

Sein Entschluß stand fest, doch er wollte nicht allein die Verantwortung tragen.


Die Beratung hatte kaum erst begonnen, als sie wegen der Ankunft von drei als Bauern verkleideten Totonaken aus Olids Lager unterbrochen werden mußte. Mehrere Stunden lang hatten sich diese Totonaken in dunklen Gassen umhergetrieben, um auszukundschaften, ob und welche Vorbereitungen für einen Überfall von den Cholulteken getroffen seien. Sie hatten in einigen Straßen frisch aufgeworfene, mit lockerer Erde aufgefüllte Gräben entdeckt, die offenbar den Zweck hatten, die Reiter zu Fall zu bringen. Und sie hatten zwanzig dreijährige Kinder den Passionsweg der Großen Pyramide hinaufschreiten sehen, hatten aus der Ferne mit angeschaut, wie die zwanzig Kinder geschlachtet wurden. Solch ein nächtliches Kinderopferfest pflegte sonst nur am Vorabend großer Ereignisse, vor allem bei Kriegsausbruch, auf Bergspitzen veranstaltet zu werden. Die Große Pyramide galt als Berg, als der künstliche Berg.

Während Alvarado und die meisten Hauptleute der Ansicht waren, die Aussagen der beiden Kaufleute seien durch die Beobachtungen der Totonaken voll bestätigt, widersprach Diego de Ordas. Sein Idealismus sträubte sich, an die Tücke eines Volkes zu glauben, das den Überbringer der weißen Schminke auf so ritterliche Weise unversehrt gelassen und eben erst sich freiwillig durch einen Lehnseid zur Treue verpflichtet hatte. Wegen ihrer Trunkenheit, meinte er, könne man die Händler nicht als einwandfreie Zeugen gelten lassen; und falls die Totonaken nicht aus Furcht Gespenster gesehen, so bewiesen einige aufgewühlte Straßen nichts, und erst recht nichts die Prozession der zwanzig Kinder – in einer Stadt, wo alljährlich sechzigtausend Kinderherzen dargebracht wurden.

Sandoval, Velazquez de Leon und Luis Marin stimmten ihm zu, daß es geraten sei, sich vorerst mehr Gewißheit zu verschaffen, ehe man folgenschwere Entschlüsse fasse. Dagegen wollte Alonso de Avila unverzüglich – es war Mitternacht – losschlagen und dem Überfall durch einen Überfall zuvorkommen.

Da langten acht Tlascalteken an, die ebenso wie die Totonaken bald nach Sonnenuntergang, als Feldarbeiter verkleidet, sich in die Stadt geschlichen und gekundschaftet hatten. Sie trugen in den Beratungssaal einen Mann herein, der einer Leiche mehr glich als einem lebenden Menschen. Es war jener erste Bote Tlascalas, welcher mit dem Auftrag abgeschickt worden war, den Besuch der weißen Götter anzukündigen. Das Alte Raubtier hatte ihn einkerkern, ihm die Haut von den Händen abschinden lassen. Von den grauenvollen Qualen hatte kein schneller Tod ihn erlöst, langsam siechte er hin, abgefault war das Fleisch der Hände, eingetrocknet das braune Sehnengeflecht um die weißen Fingerknochen. Nachdem der Tempel-Feger den Friedensschluß mit Tlascala, die Heimsendung Aguilars und Schutz für den von Grenzwächtem bedrohten Piltecatl gefordert und erwirkt hatte, war auch der Bote aus seinem Holzkäfig entlassen worden. Doch von der Erlaubnis, nach Tlascala zurückzukehren, hatte er keinen Gebrauch machen können. Ein schwerkranker Mann, hatte er sich fortgeschleppt, war durch die Straßen der fremden Stadt geirrt und war schließlich in einer Gasse, wo fast nur Bettler wohnten, zusammengebrochen. Seiner erbarmt hatte sich eine alte Frau, die als Wäscherin sich kümmerlich ernährte. In ihr Haus hatte sie ihn aufgenommen und ihn gepflegt, dann aber als Entgelt verlangt, daß er aus seiner Verkrüppelung Nutzen ziehe. Am Eingang eines der Opfertempel hatte er seitdem unter Bettlern als Bettler gelebt.

Während die Tlascalteken dies berichteten, wurde Marina vom Knaben Santa Clara, ihrem Pagen, abberufen. Geheimnisvoll flüsternd teilte er ihr mit, daß in ihrem Gemach eine verschleierte cholultekische Edelfrau auf sie warte und sie unter vier Augen zu sprechen wünsche.


Das Erstaunen Marinas war nicht gering, als sie, allein geblieben mit ihrem Gast, an der dunklen Stimme und den männlichen Bewegungen erkannte, daß ihre verschleierte nächtliche Besucherin niemand anders war als die Mutter des Vogelstellers, die Königin-Witwe von Cholula.

»Mein Täubchen«, fing die Königin an, »du weißt es: die Göttin, die Weberin, hat sich an den Webstuhl gesetzt und meinem Sohn, dem Fürsten der Priester, das Herz umgarnt. Wenn du stirbst, so stirbt auch er. Darum komme ich, dich zu retten, dich vor der fürchterlichen Gefahr zu bewahren. Ich habe dich liebgewonnen, Täubchen, du tust mir leid, und ich will nicht, daß du stirbst. Im Haus der Silberreiher, meinem Palast, sollst du Schutz finden.«

»O meine Mutter«, fragte Marina, »von welcher Gefahr sprichst du? Wovor willst du mich bewahren? Ich weiß von keiner Gefahr. Bin ich hier nicht vollkommen sicher in dieser gastfreundlichen Stadt, wo du und dein Sohn und lauter Freunde der weißen Götter wohnen?«

Da erzählte ihr die Königin, daß Montezuma und das Alte Raubtier beschlossen hätten, alle Christen – sowohl die weißen wie die schwarzen Götter, sowohl Männer wie Frauen – umzubringen. Nichts von den Vorbereitungen für den Hinterhalt verschwieg sie. Und alle Einzelheiten, die Marina durch geschickt gestellte Fragen aus ihr herausholte, bestätigten die Aussagen des Vaters und des Oheims der Berauschenden Blume.

»O meine Mutter«, sagte Marina, »ich will das Weib deines Sohnes werden. Die Göttin, die Weberin, hat auch mich umsponnen. Beschütze mich im Hause der Silberreiher, deinem Tecpan, nimm mich mit, gute Mutter. Ich bin bereit, dir zu folgen.«

Und mit vielen Dankesbezeigungen küßte sie die Hände der Königin.

»Deine Worte sind süßester Honig für mein Herz, mein Täubchen. Ich habe eine Sänfte und Sesselträger für dich mitgebracht!« sagte die Königin.

»Noch trage ich die Sklavenfeder im Haar und den Sklavenstrick um den Leib, Mutter! Klug muß ich zu Werke gehen, damit die weißen Götter meine Flucht nicht merken. Ich besitze viele Mäntel und viel kostbares Geschmeide, Halsketten und Armringe. Die Mäntel kann ich nicht fortschaffen – aber arm und dürftig will ich nicht die Frau des Fürsten der Priester werden. Darum warte hier auf mich – und ich will gehen, meine Edelsteine und Edelfedern holen.«

Aus dem Gemach tretend, befahl Marina ihrem Haushofmeister, die Tür durch zwei Posten bewachen zu lassen. Darauf lief sie in den Tempelsaal, wo der Kriegsrat abgehalten wurde.

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