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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 48
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
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Zwei Stunden später trug die Als-Schlange-Lebende ihren sterbenden, aus zwanzig tiefen Wunden blutenden Sohn auf ihren Armen durch den Tecpan, ihrem Schlafgemach zu, wo sie mit schluchzenden Dienstfrauen das Kind auf ihrem Lager bettete. Vergebens mühte sie sich ab, die Wunden zu verbinden, mit Balsam zu kühlen. Verzweifelnd mußte sie es aufgeben. Das Kind verblutete.

Zwei Stunden hatte das Martyrium des Knaben gedauert, bis endlich es der Mutter gelungen war, ihn dem Rasenden zu entreißen.

Der Fürst hatte, nachdem er den Haufen Göttertürkis erblickt, alle, sogar auch Smaragd-Puppe durch eine Zorngebärde hinweggejagt und war wortlos mit dem Knaben in ein angrenzendes Gemach gegangen. Zuerst war es seine Absicht gewesen, den Knaben nur streng und gerecht zu züchtigen und auch das erst nach einer Aussprache und väterlichen Ermahnung. Doch die Aussprache, bei welcher das Kind die Tat nicht leugnete, sich der Tat sogar rühmte, wurde zur Niederlage des Vaters, allzu offensichtlich war die überlegene Hoheit des Kindes. Nicht der Vater, sondern der Sohn wurde zum Ermahner und Warner und Strafer. Der Knabe, der in Gegenwart des Vaters nie zu reden verstanden hatte, sprach wie ein Erwachsener, liebevoll und bei weitem geschickter als der durch den Rausch Befangene. Da ließ sich Fichtenzweig hinreißen, ihn erbarmungslos zu schlagen – immer noch in der Hoffnung, er werde um Verzeihung betteln. Doch die Mißhandlung hob den Knaben über sich selbst hinaus, machte ihn zum Schmerzverächter. In flackernder Schmerzenswollust reizte er den Kriegshäuptling, indem er vom Erlöser der Welt Xesu Quilisto und der Gnadenmutter Malia predigte und glühend empfundene, wenn auch barbarisch entstellte und mißverstandene Phrasen aus dem eben genossenen Religionsunterricht in einer Art trunkener Seligkeit vorbrachte. Da schlug der Vater mit seinem ausgezackten eichenen Rasselstab auf ihn ein, bis sein Arm lahm wurde, bis er selbst vor Ermattung zusammenbrach und sich in einen Sessel fallen ließ, tief atmend und triefend von Schweiß. Vor ihm am Boden ausgestreckt lag das nackte Kind, rot besudelt am ganzen Körper, mit klaffenden Wunden übersät. Und jählings wich der Nebel von den Augen des Rasenden, er sah die Wunden, sah, was er angerichtet hatte. Da fing er an laut aufzuheulen wie ein Tier, hielt sich die Hände vors Gesicht, geschüttelt von Schluchzen, zerrissen von Mitleid mit sich selbst und dem Kinde, das er liebte. Und als das Kind trotz des Blutverlustes Kraft genug noch hatte, sich zu erheben, um sich hinauszuschleppen, ließ er es zu, hinderte es nicht. Doch nur bis zur Tür kam der Knabe. Dort stand Smaragd-Puppe mit ihren Frauen und versperrte ihm den Weg. Und sie hetzte ihren Mann auf: Ob er ein solcher Feigling sei, daß er den Mut nicht aufbrächte, den Göttern Genugtuung zu verschaffen? Ob er die Rache des Himmels auf sich und sein Haus ablenken wolle – denn das werde er gewiß, falls er mit dem Frevler Erbarmen fühle! Ob er sich mit der halben Tat zu begnügen gedenke und dem Knaben gestatten wolle, sein Angeber zu werden bei den weißen Göttern?

Während sie noch sprach, erscholl ein Gekreisch hinter ihr. Die Als-Schlange-Lebende hatte durch eine Schar von Sklaven, welche beauftragt waren, sie fernzuhalten, sich soeben durchgerungen, beißend, kratzend, um sich schlagend sich einen Weg gebahnt und stand schreiend an der Tür neben der Feindin – einer Wahnsinnigen gleich, das Kleid zerfetzt, das Haar zerwühlt, die Lippen fahlblau.

»Gebt mir mein Kind!« schrie sie.

Smaragd-Puppe sah die Erschütterung im Gesicht Fichtenzweigs, und sie spielte ihren letzten Trumpf aus.

»Du weißt noch nicht alles, was er getan hat!« rief sie Fichtenzweig zu. »Alle Pulquegefäße hat er vernichtet!«

Das Gesicht des Fürsten verdüsterte sich von neuem. Aber die Wirkung ihrer Worte war eine andere, als sie erhofft hatte. Sein Unmut richtete sich jetzt gegen sie. Mit barschen Worten herrschte er sie an: Sie solle nicht wagen, sich zwischen ihn und seinen liebsten Sohn zu stellen. An allem Unglück sei nur sie mit ihren bösen Ratschlägen schuld.

Smaragd-Puppe, im Vertrauen auf ihre Stellung als bevorzugte Gattin, ließ sich nicht einschüchtern und antwortete hochfahrend. Da schnellte er empor, riß ein Obsidanmesser aus dem Gurtgehenk. Und er hätte sie erdolcht, hemmungslos wie er war, wäre sie nicht entsetzt geflohen.

Jetzt endlich durfte die Als-Schlange-Lebende ihr Kind bergen.


Im Bette seiner Mutter, gestreichelt von der tränenlos Weinenden, umringt von den verschüchterten Geschwistern, mußte sich der Knabe noch mehrere Stunden lang quälen, ehe der Tod ihn erlöste. Kurz vor dem Ende bat er, man möge seinen Vater rufen.

Fichtenzweig kam sofort ans Lager des Sterbenden. Scheu, wie unter einer Last sich krümmend, trat er ins Gemach. Er wollte die Wirklichkeit nicht anerkennen, wollte sie trotzig verneinen. Doch sie war da, die furchtbare Wirklichkeit, und ließ sich nicht auslöschen. Mochte er es auch nicht glauben wollen, daß er sein liebstes Kind getötet – was half's, der Augenschein strafte seinen Selbstbetrug Lügen. Wie sehr er sich sträubte, erwachen mußte er doch aus dem künstlichen Traumzustand, in welchen er sich seit einigen Stunden versetzt hatte, um sich vor der eigenen Verzweiflung zu schützen.

Mühselig hauchte der blutleere Knabenmund Worte der Verzeihung, ermahnte, der Vater solle nicht weinen.

»Bald werde ich beim Herrn des Himmels sein, und die Angelotin werden singen«, sprach das Kind langsam, kaum hörbar, mit jenseitigen verklärten Augen.

Die Mutter und die Geschwister wimmerten schluchzend. Sie wußten, daß die Angelotin – die Engel – nur den Abgeschiedenen wahrnehmbar waren.

Nach der Hand des Vaters greifend, flehte das Kind, er möge der Mutter und den Brüdern die Taufe nicht verwehren. Der Fürst versprach es.

Als das Kind tot war, brüllte er so laut, daß es in den entferntesten Kammern des Tecpans zu hören war.

Bis gegen Mittag sang er die Totenklage und legte dem Kinde den Totenschmuck an. Dann trug er die Leiche in die Götterkammer, und eigenhändig vergrub er sie unterhalb des Hausaltars.

Und als er hiemach seine Weiber, Kinder, Hausbeamte, Diener und Sklaven zusammengerufen hatte, war wieder alle Weichheit von ihm gewichen. Er befahl, das Geschehene streng geheimzuhalten, und drohte, für den, Fall es verraten werden sollte, die qualvollsten Folterstrafen an.


Daß Piltecatl und Aguilar heil zurückkehren könnten, wurde von keinem Tlascalteken angenommen. Die Kriegsansage zu überbringen, hatten sie ihr Leben preisgegeben und wurden als freiwillige Opfer beklagt und bewundert. Der Krieg war beschlossen, eifrig wurde gerüstet. War zwar seit den Kämpfen mit den weißen Göttern nicht abgerüstet worden, so mußte doch viel zerstörtes Kriegsmaterial erneuert werden. Pfeile und Lanzen mußten mit Feuersteinspitzen versehen, Schilde mußten geflickt, frisch bemalt und gefirnißt, fehlende Waffen durch neue aus dem Speerhause ersetzt werden.

Fieberhaft trafen ebenfalls die Kastilier Vorbereitungen. Auf den Tag vor dem Abmarsch ins Feld war die Taufe und die Hochzeit festgesetzt worden. Inzwischen aber hatte Kriegsmaske den Hohen Rat bewogen, in die Bekehrung der gesamten Stadtbevölkerung zu willigen – und das machte die Vollziehung der Taufe an einem Tage unausführbar. Die Taufhandlung mußte gegliedert werden. Cortes überwies dem Pater Olmedo die Adligen und dem Lizentiaten das Volk. Tagelang nahmen die beiden Priester ununterbrochen die heilige Handlung vor. Da es aber ebenso schwer gewesen wäre, hunderttausend Namen zu finden wie sich zu merken – für die Christen schwer und für die Indianer erst recht schwer –, entschloß man sich, der drohenden Verwirrung durch ein radikales Mittel abzuhelfen, indem man den Täuflingen am ersten Tage samt und sonders den Namen Juan gab, am folgenden Tage den Namen Pedro, am dritten wurden lauter Annas getauft, am vierten lauter Marias.

Sich den Umständen anzupassen, hat la santa madre iglesia stets verstanden.

Mit mehr Liebe und Sorgfalt waren den fünf Fürstentöchtern und ihren hochadligen Sippen Taufnamen ausgewählt worden. Und man hatte für den Morgen des Hochzeitsfestes die Taufe der Bräute angesetzt wie ebenfalls die Einweihung des Klosters.

Am Vorabend des Festes traf ein Otomi in der Stadt Tlascala ein. Er kam vom südwestlichen Segment der Großen Mauer, wo diese die Grenze gegen Cholula bildete, und überbrachte einen auf Agavepapier gemalten Botenbrief, der ihm von einem cholultekischen Schnelläufer für Malintzin übergeben worden war. Marina hatte in ihrer Jugend die Erziehung einer Fürstentochter genossen und war daher imstande, ohne Beihilfe die Hieroglyphen zu entziffern. Der kurze Brief enthielt eine Warnung, die Aguilar betraf: er befinde sich – ebenso wie Piltecatl – auf dem Rückweg; werde aber dem Anschlag gedungener Mörder nicht entgehen, es sei denn, daß Hirschmenschen sofort ihm Beistand leisteten. Aus dem Brief ging nicht hervor, wer der Schreiber war, wohl aber, daß er Marinas wegen warnte und ihren Dank zu verdienen hoffte – wohl weil er den Frater seines Dolmetscherberufes wegen für ihren Gefährten und Freund hielt.

Marina zeigte Cortes den Brief und äußerte die Befürchtung, es könnte sich um eine Kriegslist handeln. Sie wies darauf hin, wie unglaubwürdig es klinge, daß Piltecatl und Aguilar noch lebten, daß ihnen gestattet sein sollte, den Heimweg anzutreten. Wären sie aber wirklich freigelassen worden – wie widersinnig sei es dann, daß man sie ermorden wolle. Der Zweck des Briefes sei es wohl, kastilische Reiter ins Verderben zu locken.

Cortes teilte diese Ansicht nicht. Er gab den Widersinn zu – der darin besonders bestünde, meinte er, daß Leute hinterrücks getötet werden sollten, deren öffentliche Hinrichtung nach der Überbringung der weißen Schminke niemand gewundert hätte. Dennoch halte er die Warnung für ehrlich. Und niemand anders könne den Brief abgesandt haben als Marinas Liebhaber, der Vogelsteller, der junge König von Cholula. Sei dies der Fall – und kaum ließe sich's bezweifeln –, so dürfe der gutgemeinte Rat nicht in den Wind geschlagen werden.

Trotz der vorgerückter Stunde bat Cortes Diego de Ordas, mit Lugo, Tapia und dem jüngst zum Feldobristen beförderten Luis Marin nach Cholula aufzubrechen. Er wählte diese Hauptleute, denn tags darauf sollten die Verlobten der fünf Fürstentöchter – Alvarado, Velazquez de Leon, Sandoval, Olid und Avila – Hochzeit halten. Am liebsten wäre Ordas allein auf die Suche Aguilars ausgezogen, weil in seinen Augen ein Abenteuer, wenn er es mit Gefährten teilte, an Abenteuerlichkeit verlor. Doch mußte er sich drein fügen, daß auf Wunsch von Cortes sich auch noch Dominguez und Lares anschlossen.

Indes niemand verstand die Landessprache, und da Cortes Marina nicht entbehren konnte, wurde Dona Elvira – die eine der beiden Ehefrauen des weißhändigen Farfan – veranlaßt, als Dolmetscherin mitzureiten. Seit der nächtlichen Tlascaltekenschlacht fortdauernd geplackt und bemitleidet, angeschrien und übergütig behandelt von ihrer Mitgattin Maria de Estrada, hatte sie – zuerst um sich erkenntlich zu erweisen, und später, weil es ihr Freude machte – das Pferd der Amazone versorgt, ihr die Waffen geputzt und hatte es bald gelernt, wie ein Mann im Sattel zu sitzen und die Lanze zu schwingen. Für den Ritt nach Cholula lieh ihr der Bergmann und Tanzmeister Ortiz seinen Rotfuchs, den Pegasus. Und der Einarm von Villanueva nahm sich seine rostige Sturmhaube vorn Kopfe und stülpte sie ihr auf die spärlichen eisgrauen Locken.


Nachdem Aguilar Cholula verlassen hatte, war er erst eine größere Strecke nach Nordosten, der tlascaltekischen Mauer zu, gewandert. Die ihm auf der Landstraße begegnenden Bauern und Händler musterten ihn zwar verstohlen mit schreckhaften oder finsteren Blicken, ließen ihn aber doch unbehelligt seines Weges ziehen. Kam er durch Dörfer, so taten die erwachsenen Bewohner, als sähen sie ihn nicht, und nur kleine Kinder sammelten sich neugierig um ihn, warfen ihm auch Steine nach. Als der Anstieg begann – denn längs einer Gebirgsfalte schlängelte sich jener Streifen der Großen Mauer hin, dem er zustrebte –, wurde er von zwei wandernden mexikanischen Kaufleuten überholt und ins Gespräch gezogen. Ihre Ware – Felle wilder Tiere und mancherlei Schlangenhäute – trugen sie in schweren Kisten auf dem Rücken, gingen aber so leichten Schrittes dahin, daß Aguilar kaum folgen konnte. Sie hätten heute den Rückweg nach Tlatelolco angetreten, erzählten sie, weil das Tageszeichen »Eins Affe« besonders günstig für eine Reise sei. Dann fragten sie ihn über sein Ziel aus und rieten ihm, er möge sich lieber ihnen anschließen und einen Umweg über mexikanisches Gebiet machen, da die cholultekischen Grenzwächter ihn niemals durchlassen würden, die nordwestliche Grenze aber sei unbewacht.

Aguilar ließ sich überreden. Eigentlich bereute er es sogleich schon, nachdem er eingewilligt hatte, fand aber den Mut nicht mehr, dann noch umzukehren. Warum er ein Mißtrauen fühlte, konnte er selbst nicht sagen. Seine Begleiter behandelten ihn mit äußerster Zuvorkommenheit.


Das Benehmen der beiden Kaufleute änderte sich, als sie gegen Abend mexikanisches Gebiet betraten. Sie fingen an, leise und erregt miteinander zu streiten. Wie sehr Aguilar auch hinhorchte, war er doch nicht fähig, dem geschwinden Wortwechsel zu folgen. Eine ganze Weile ging er schweigsam und sehr beunruhigt neben ihnen her.

Sie befanden sich in einer länglichen, baumlosen, grasbewachsenen Talmulde, die beiderseits von niedrigen Hügeln eingefaßt war. Ein kühler unfreundlicher Bergwind wehte, ruckweise mit zwecklosem Eigensinn immer wieder die Grashalme zur Erde beugend. Der Himmel hatte sich häßlich, aschfarben bewölkt, und eben begann ein trüber Herbstregen herabzurieseln.

Da vernahm Aguilar einige Worte, die ihm keinen Zweifel ließen, daß seine Ermordung beschlossene Sache war. Nicht ob, sondern wo sie erfolgen solle, wurde von den beiden Händlern erörtert. Der eine hatte einen nahe gelegenen Wald in Vorschlag gebracht, der andere aber wollte die Tat sofort ausführen, da in der Talmulde kein Mensch war, der sie stören konnte.

Im Grunde erfuhr Aguilar nichts Neues, schon seit mehreren Stunden hatte er das Verhängnis herannahen gefühlt. Obgleich er voll Lebensüberdruß und Lebens Verachtung vor dem Priesterkönig in Cholula gestanden hatte, zitierte er jetzt an allen Gliedern.

Der zermürbenden Ungewißheit ein Ende zu machen, stellte er seine Mörder zur Rede, fragte sie, warum sie ihn töten wollten. Der jüngere, ein kleiner, stämmiger Mann, blickte achselzuckend verlegen zur Erde. Der andere – groß, schlank, mit auffallend breiten Nüstern und wulstigen, vorstehenden Lippen – machte nicht einmal den Versuch, es abzuleugnen, und gab grinsend zu, daß er vom mexikanischen Gesandten, dem Tempel-Feger, gedungen worden sei. Er und sein Gefährte würden für die Tat hundertundzwanzig Mäntel erhalten – was ein angemessener Preis sei. Als Bedingung sei ausgemacht, daß der Mord auf mexikanischem Boden geschehe, da Cholula schuldlos sein müsse, um mit Tlascala Frieden zu schließen.

Während er dies sprach, hatte er seine Warenkiste vom Rücken sachte zur Erde gleiten lassen und geöffnet. Weder Felle wilder Tiere enthielt sie noch Schlangenhäute – nur einige Waffen und ein getrocknetes Jaguarherz, wie es die Leute, deren Beruf der Meuchelmord war, stets bei sich zu tragen pflegten. Er wählte ein Sägeschwert, und, gewissermaßen sich entschuldigend, teilte er Aguilar mit, die Köpfung könne nicht länger verschoben werden.

Dennoch erbat sich der Frater einen Aufschub, um ein letztes Gebet zu sprechen. Es wurde ihm bewilligt. Die Mörder entfernten sich einige Schritte von ihm. Er kriete nieder, und die Hände gefaltet emporstreckend, betete er lange und inbrünstig.

Doch wie vertieft er in sein Gebet auch war – seine zum Himmel gerichteten, tränengefüllten Augen wurden abgelenkt durch eine unerwartete Erscheinung. Auf dem Kamme des nahen Hügels hoben sich die Silhouetten dreier Indianer gegen den regenweißen Himmel ab. Die Indianer – in Jägerkleidung, mit Jaguarfellmützen auf den ungepflegten Haarsträhnen, – schienen zu beraten, und plötzlich eilten zwei von ihnen in die Talmulde herunter und sprachen mit den Mördern.

Aguilar betete nicht mehr, obgleich er in betender Stellung blieb – er tat jetzt nichts als schauen. Und er sah, wie die Indianer, die eben noch mit freundlichen Mienen gesprochen hatten, jählings über seine Mörder herfielen und sie mit Dolchstößen niedermachten.

Der eine Indianer kam danach eilig auf ihn zu. Aguilar bekreuzigte sich und senkte den Kopf, in sein Schicksal ergeben – er war überzeugt, nun sei die Reihe an ihn gekommen.

»Ihr habt nichts mehr zu fürchten!« rief der Indianer auf spanisch. »Doch wart Ihr in verteufelt schlechter Lage, Aguilar, und hätte der Zufall nicht ausgerechnet mich hergeführt ...«

»Gonzalo Guerrero!« schrie Aguilar erschüttert, mit erstickter, von Freudentränen gewürgter Stimme. Jetzt wußte er, daß er gerettet war. Jetzt erst hatte er seinen Leidensgenossen aus Yucatan wiedererkannt – und auch nur am Tonfall und am hellblauen Auge, denn sonst war er ganz unkenntlich. Der rote Bart war abrasiert, das rote Haar unter schwarzer Perücke versteckt, das Gesicht streifig bemalt. Der Rote Jaguar hatte mit der Bart- und Haartracht auch die Sklavenfeder und den metallenen Halsring der Sklaven abgelegt und trug jetzt – wie gleichfalls seine beiden Gefährten – die Kleidung mexikanischer Jäger.

Über die Ermordung der Mörder verlor Guerrero nicht viel Worte. Sie hatten ihr Los verdient. Von seinen Begleitern sei der auf dem Hügel stehende sein Herr, der Herabstoßende Adler, dessen Anwartschaft auf den Thron Mexicos neuerdings in Frage gestellt sei, da er in Ungnade gefallen und von Montezuma verbannt wurde. Der andere sei Prinz Ohrring-Schlange, ein Bruder der beiden feindlichen Könige von Tezcuco.

Sowohl Aguilar wie Guerrero hätten Stunden dazu gebraucht, aufzuzählen, was ihnen, seit ihrer Trennung vor bald einem Jahr, an Wundersamem zugestoßen. Doch Guerrero durfte seinen Gebieter nicht lange warten lassen. Er begnügte sich daher anzudeuten, weshalb – für die nächste Zeit wenigstens – ihr sicheres Asyl, die unterirdische Grabkammer im Schilfsee, verlassen worden war. Abgeschlossen wie Tote in der Unterwelt, hatten sie nur wenige Tage dort verbracht. Eine Nachricht über Cholula war der Anlaß, daß der Herabstoßende Adler, die Gefahr mißachtend, hierher aufgebrochen war, um den Ereignissen nahe zu sein und wenn möglich die Schmach feiger Heimtücke von Mexico abzuwenden. Prinz Ohrring-Schlange hatte sich ihm angeschlossen, weil die Ausartung des Bürgerkrieges in Tezcuco ihn beunruhigte und er nach einer Gelegenheit suchte, mit seinem jüngeren Bruder, der Schwarzen Blume, zusammenzutreffen. Da er mit seinem älteren Bruder gebrochen und vor Montezuma des Edlen Traurigen wegen sich verborgen halten mußte, durfte er erwarten, daß die Schwarze Blume ihm freundlich begegnen werde. Ja, er machte sich Hoffnung, die Schwarze Blume dazu überreden zu können, daß er gleichzeitig mit dem Edlen Traurigen auf den Doppelthron zugunsten ihrer Mutter, der Herrin von Tula, verzichte, wie es das Volk von Tezcuco verlangte. Nur nachts wandernd, hatten sie in drei Nächten den weiten Weg hierher zurückgelegt, waren auch mehrmals trotz der ärmlichen Jägerkleidung erkannt worden. Doch so beliebt war der Herabstoßende Adler bei allen Mexikanern, daß jedesmal die Entdeckung keine anderen Folgen hatte, als daß ihm Speisen, Getränke und Blütenzweige überreicht und Zufluchtsstätten angeboten wurden. Ein mexikanischer Beamter schickte ihm sogar Sänften und warnte ihn vor einer Straße, auf welcher er Spähern Montezumas begegnen konnte.

Während Guerrero dies berichtete, war Guatemoc den Hügel herabgestiegen und hatte eine Weile mit Ohrring-Schlange gesprochen. Jetzt kamen beide Prinzen auf Aguilar zu. Guatemoc kannte ihn von Sempoalla her, wo er ihn als Dolmetscher neben Marina gesehen hatte. Mit herablassender, etwas verächtlicher Gebärde begrüßte er ihn.

Er war zufrieden mit der Rettung Aguilars, weil dadurch eine Absicht seines Widersachers, des Tempel-Fegers, durchkreuzt wurde. Zur Genüge war ihm bekannt, daß bei allen trüben Geschehnissen der letzten Zeit der Ehebrecher aus Huexotzinco den Zornigen Herrn, als wäre er dessen böser Geist, gelenkt hatte. Ohne im einzelnen Fall die dunklen Beweggründe zu kennen, konnte er mit Recht annehmen, daß jeder Plan dieses selbstsüchtigen Ränkeschmiedes seinen Plänen zuwiderlief.

Auch sonst war ihm die Begegnung lieb. In Sempoalla gefangengesetzt von den Totonaken, war er durch Cortes vor dem Opfertode bewahrt worden – und jetzt fand er eine Gelegenheit, die lästige Schuld des Dankes gegen einen Feind zu begleichen. Freilich war Aguilar nicht Cortes, die Rettung des Dolmetschers wog die Rettung des künftigen Herrn der Welt nicht auf. Doch durch Aguilar konnte er den weißen Göttern Nachricht senden vom Einmarsch der Adler und Jaguare Montezumas in Cholula, deren Versteck er und Ohrring-Schlange ausgekundschaftet hatten, und Cortes wissen lassen, daß die von Cholula zum Paß zwischen dem Rauchenden Berg und der Weißen Frau führende Straße unterhöhlt und mit Pfählen versehen sei, um die heranziehenden Hirschungeheuer aufzuspießen. Dies durch einen mexikanischen Boten sagen zu lassen, wäre unmöglich gewesen. Unmöglich, weil kein Mexikaner nach Tlascala eindringen konnte, und unmöglich, weil die Botschaft wie ein Verrat an Anahuac erscheinen mußte und trotz Guatemocs Beliebtheit wohl von keinem Mexikaner überbracht worden wäre. Dennoch lag es Guatemoc fern, einen Verrat an seinem Lande zu begehen. Den offenen Vernichtungskrieg gegen die Fremdlinge hatte er stets gefordert, so noch beim letzten Kronrat in Tenuchtitlan. Und heute dachte er nicht anders. Sein Gewissen sagte ihm, daß er sein Land nicht nur nicht verriet, indem er die hinterhältigen Pläne des Oheims aufdeckte – daß er vielmehr dadurch sein Land vor dem Makel des Verrates bewahrte.

Nach seinen kühlen Begrüßungsworten hatte er mit regungslosem Gesicht die überschwengliche Dankrede des Fraters angehört und sich dann kurz mit Ohrring-Schlange beraten. Es wurde Aguilar eröffnet, daß man ihn durch mexikanisches Gebiet bis an ein nordwestliches Tor der Großen Mauer bringen werde.


Am Morgen des Hochzeitstages war der Himmel grau verhängt. Die ganze Nacht hatten Regenschauer über die Stadt Tlascala hingefegt. Während aber die ersten Gäste sich im Tecpan der Sammelnden Biene einfanden, durchbrach die Sonne strahlend das Gewölk. Christen und Heiden begrüßten es als ein Sinnbild.

Reich war die Festordnung des Tages. Auf die Taufe in der Frühe sollte die Einweihung des Klosters folgen, auf die Einsegnung der Brautpaare am Nachmittage öffentliche Lustbarkeiten; und schließlich am Abend das Hochzeitsmahl.

Dem hohen Rang der Bräute entsprechend waren ihre Verlobten ausschließlich Feldobristen. Zwei von diesen – Olid und Avila – waren brutale, rohe Gesellen, hatten Seelen wie Henkersknechte, wenn auch besser gewaschene Hände, waren Verbrechernaturen, obwohl sie sich für Kavaliere hielten. Freilich unterschieden sich auch die Besten unter ihren Kameraden nicht allzusehr von ihnen. Wie meist bei politischen Verlöbnissen, war nur der Rang ausschlaggebend – nach menschlichen Eigenschaften wurde nicht gefragt. Niemand nahm Anstoß daran, daß die liebreizende Erbtochter des Rauchenden Schildes – eine Prinzessin – des einstigen Galeerensträflings Olid Gattin wurde.

Das Offene Gesicht hatte zwei Töchter, von denen die jüngere mit Sandoval verlobt war. Die ältere, nächst Rabenblume die schönste der fünf Bräute, war von ihrem Vater Cortes zugedacht gewesen. Cortes aber bestimmte Velazquez de Leon, sie zu heiraten – vielleicht um ihn von der Schwärmerei für Marina zu heilen, vielleicht auch, weil er der bösen Prophezeiung seines Astrologen Botello Glauben schenkte und für den vom Geschick gezeichneten Jüngling ein ephemeres Glück erhoffte. Großer Überredungskunst bedurfte es, seinem Freunde – der sich den Mord an seinem Weibe und ihrem Liebhaber nicht verzieh – den Einwand auszureden, er dürfe nie wieder ein Weib an sein unseliges Dasein ketten. Allzuviel südländisches Pathos war in den Worten Leons, daher wies Cortes, ein wenig verstimmt, ihn mit durchsichtigem Sarkasmus darauf hin, daß in letzter Zeit sein Dasein nicht so unselig gewesen sei, wie er es hinstelle. Wenn auch beide vermieden, den Namen Marinas auszusprechen, so wußten doch beide, als Velazquez de Leon endlich einwilligte, daß es Marinas wegen geschah.

Die Zeit der Verteilung der Bräute und der Verlobungsfeiern lag mehr als acht Tage zurück. Damals erfolgte auch eine Brautwerbung, die viel belacht wurde, wenngleich es den feinen Sinnen des Cortes nicht entging, daß der Anlaß zu dem Gelächter wenig harmlos war. Durch den Narren Madrid nämlich war Ribadeo, der Weinschlauch, auf den phantastischen Einfall gebracht worden, sich als Bräutigam für eine der fünf Fürstentöchter anzubieten.

»Wenn man Euch abweist«, hatte ihm Madrid gesagt, »so wird das Heer endlich zur Einsicht kommen, daß die Tapferkeit der einfachen Soldaten elend belohnt wird. Aber so geschieht es immer: Reichtümer fallen nur dem Reichen und das Glück fällt nur dem Glücklichen zu.«

Nicht daß der Weinschlauch sich vom Gift Madrids vergiften ließ– er hatte einen Straußenmagen. Doch allzu gern gefiel er sich stets in der Rolle eines Tölpels. Nichts bereitete ihm mehr Vergnügen, als wenn er durch eine scheinbar unfreiwillige Komik die Aufmerksamkeit auf seine mißachtete Person lenken konnte.

Sein Anliegen brachte er vor, als Cortes und die Feldobristen sich eben zum Mittagsmahl vereinigt hatten. Eine Weile noch, nachdem er geredet hatte, herrschte ein verdutztes Schweigen ob solcher Dreistigkeit.

»Ihr sollt eine Fürstentochter haben!« rief Lugo, ergriff eine leere Weinflasche, legte sie dem Brautwerber in den Arm und schob ihn mit einem Glückwunsche, der wie ien Fluch klang, zur Tür hinaus. Die Freunde des Weinschlauchs draußen grölten.


Kurz vor Beginn der Taufe, gegen acht Uhr morgens, trat Pater Olmedo in das von Cortes bewohnte Gemach, wo dieser eben sein Frühstück beendete. Olmedo äußerte seine Besorgnis wegen seines Lieblingsschülers, des Kleinen Pfeils. Während in dem für die Taufhandlung hergerichteten Tecpansaale bereits sämtliche Täuflinge versammelt seien, fehle noch immer die Als-Schlange-Lebende, und auch keins ihrer Kinder sei erschienen. Das an sich würde ihn nicht bekümmern, sie könnten sich verspätet haben, könnten nachträglich noch kommen. Mehr Sorge mache es ihm, daß der Kleine Pfeil, der früher bei keiner Religionsstunde und Andachtsübung gefehlt, sich seit zwei Tagen nicht habe blicken lassen, wie übrigens auch seine Mutter und Geschwister nicht.

Cortes fragte, ob der Pater einen bestimmten Verdacht habe.

Die knochigen Finger Olmedos wühlten nervös in seinem grauen Wildermannsbart, der ihm bis zum Gürtel reichte.

Daß der Kazike Fichtenzweig, meinte er, das Christentum hasse und von der Taufe nichts wissen wolle, sei ja bekannt. Sollte er von der Bekehrung seiner Frau und Kinder erfahren haben, so sei es wohl schon denkbar, daß er sie eingesperrt habe, daß er sie hindere, zur Taufe zu kommen.

»Padre, wollt Ihr, daß ich sie holen lasse?« fragte Cortes verdrossen.

»Nein, Euer Gnaden, das könnte nur mit Gewalt geschehen – und dazu würde ich nie raten. Übrigens nehme ich an, daß der Kazike mit Weib und Kindern die Stadt verlassen und auf seinem Landgute Atlihuetza oder in einem seiner Bergschlösser sie in Sicherheit gebracht hat, wenn nicht der Taufe wegen, so vor allem, um seine Kinder nicht in unser Kloster geben zu müssen ... Ich glaube, es hat keinen Zweck, die im Saal dort Versammelten länger warten zu lassen – es würde doch vergebens sein.«

»Padre, das glaube ich auch«, sagte Cortes. »Und ich fürchte, Padre, Ihr werdet Euch damit abfinden müssen, daß Ihr die Frau und ihre Kinder nie mehr zu Gesicht bekommt.«

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