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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 47
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Kriegsmaske war ihm in den Garten entgegengekommen, während seine Begleiter im Tecpan warteten.

Aufgeregt flüsternd schritten sie in einem Baumgang auf und ab. Der Prinz hatte Vorwürfe erwartet, nicht aber die verletzende Kühle, mit welcher ihm begegnet wurde. Er setzte sich zur Wehr, ohne angegriffen zu werden, und da der andere zurückhaltend war, wurde er ausfallend und erhob den Vorwurf: Fichtenzweig habe ihn voreilig verurteilt und verworfen, ohne seine Gründe zu kennen. Mit einer Geflissenheit, die sein nicht ganz lauteres Gewissen verriet, suchte er sich vom Verdacht des Abfalls reinzuwaschen, indem er von der weißen Schlange, vom Tod der christlichen Jungfrau und dem ihm abgedrungenen Eid erzählte, durch welchen er gezwungen worden sei, gegen seine Überzeugung zu handeln.

Fichtenzweig sehnte sich nach Aussöhnung, darum söhnte er sich aus – obgleich die Rechtfertigung keine Rechtfertigung war.

Darauf erklärte der Prinz, was ihn zu so später Stunde hergeführt habe. Seine Begleiter waren nicht Lastträger, sondern jene Priester, die man Teomamas – »Götterträger« – nannte. Und nicht Warenballen hatten sie in den Tecpan gebracht, sondern einige der wertvollsten und ehrwürdigsten Götterbilder aus den Teocallis der Stadt. Sie zu retten gelte es, damit es ihnen nicht ergehe, wie es den Götterbildern in Sempoalla kurz vor der Taufe des Totonakenvolkes ergangen war. Er selbst habe der Priesterschaft den Vorschlag gemacht, sei aber außerstande, die Heiligtümer in seinem eigenen Tecpan in Sicherheit zu bringen, da dort noch immer eine Wache der weißen Götter die Ausgänge besetzt hielte.

Fichtenzweig war sofort bereit. Und sie gingen zum Haupttor des Palastes, den Götterträgern die Zusage mitzuteilen. Zwei Haus-Erleuchter leuchteten ihnen mit flackernden Kienspanbündeln voran, während sie durch den nachtschwarzen Tecpan schritten. An der Tür des Saales, wo die Teomamas warteten, gewahrte Fichtenzweig eine schmächtige Knabengestalt, nackt, offenbar eben dem Bette entstiegen, und erkannte seinen Sohn, den Kleinen Pfeil, der scheu wie ein erschrecktes mondsüchtiges Kind davonzuhusehen versuchte. Er hieß ihn stehenbleiben, rief ihn herbei, schalt ihn und fragte ihn, was er da tue. Der Knabe log nicht, und was er vorbrachte, war glaubhaft: er sei durch lautes Gepoch aus dem Schlaf geweckt worden, habe das Umherlaufen der Diener und fremde Stimmen vernommen und sei aufgestanden, nachzusehen, wer die Gäste seien.

Aus der Antwort war zu ersehen, daß der Knabe den Zweck des späten Besuches nicht kannte. Fichtenzweig befahl ihm, in ein entlegenes Gemach zu gehen und dort auf ihn zu warten.

Der Haushofmeister des Tecpans – der Ordner der Teppiche –, ein kleiner fetter Mann mit wackelnden Hängebacken und vorquellendem Bonzenbauch, hatte inzwischen die wartenden Priester unterhalten und durch seine gutartige Wichtigtuerei, die nicht ohne Selbstbespöttelung war, zum Lachen gebracht.

Die adligen Herren, meinte er, pflegten sich zwar Blumentöpfe als Geschenk zuzusenden, aber doch nicht so schwere Blumen und nicht um die Zeit, wenn die Teponaztli-Trommel die Nacht in zwei Hälften teile ...

Seine Neugier über den Inhalt der geheimnisvollen Ballen wurde gestillt, als sein Herr mit dem Prinzen eintrat und sogleich von den Götterbildern zu reden anfing. Es handelte sich vor allem um ein uraltes Bildnis des Totengottes Mictlan-Tecutli, zusammengefügt aus selten großen Stücken »Göttertürkis«. Nur den Götterbildern, aber keinem lebenden Menschen war es erlaubt, Göttertürkis als Schmuck zu tragen – für so heilig und unantastbar galt diese Abart des Türkises. Und die Skelettfigur bestand vom Scheitel bis zur Sohle aus dem unschätzbaren Edelstein. Unausdenkbar der Frevel, wenn die Christen des Totengottes habhaft werden sollten! ...

Im Tecpan befand sich ein Hausheiligtum, eine Götterkammer, wo auf einem Altar kleine tönerne, aber auch steinerne Götter standen und saßen, denen an Feiertagen mit Maiskuchen und Wachtelblut geopfert wurde. Fürst Fichtenzweig befahl dem Ordner der Teppiche, Kriegsmaske und die Priester dorthin zu führen und Sklaven zu rufen, damit sie beim Auspacken und Aufstellen der Götterbilder behilflich seien. Er selbst werde bald nachkommen und den Eingang ins Heiligtum durch eine steinerne Türplatte – wie ein Grabgewölbe – schließen.

Und während die schweren Ballen hinausgeschleppt wurden, ging Fichtenzweig in die Kammer, wo sein Sohn auf ihn wartete.


Im Dunkeln sprach er mit dem Kinde. Er sprach leise und weich, wie es sonst seine Art nicht war.

Schuldig seien nicht die Verführten, sagte er, sondern die Verführer. Am meisten schuldig sei wohl er als Vater, weil er nicht rechtzeitig die Liebe zum Kriegsgott und zu kühnen Taten ins Herz seines Sohnes gesenkt habe, weil er ihn aus den Augen gelassen und verloren habe.

»Ich liebe kühne Taten!« murmelte das Kind.

Fichtenzweig spürte den fanatischen Trotz, obgleich die Worte schlicht gesprochen waren. Erst wollte er aufbrausen, bezwang sich aber. Gewiß, edles Blut verleugne sich nicht, der Sohn schlage dem Vater nach. Um so schmerzlicher sei es für einen Vater, wenn er entdecke, daß Diebe ihm das Herz des Sohnes stehlen wollten. Bekannt sei ihm, wo das Herz seines Sohnes sei. Nicht schelten, nicht drohen, nicht bitten wolle er, doch wolle er ihm ein Märchen erzählen.

Und dies war das Märchen, das ihm selbst von den Ahnen seines Geschlechts überkommen war:

Einst, als der Stamm der Teochichimeken, der Götterjäger, bevor er in Tlascala seßhaft wurde, durch die dichten Wälder in der Gegend des Totengottes – fern im Norden – wanderte, wurde eine schwangere Frau von Geburtswehen überrascht. Und ihretwegen blieben ihr Mann, ihr Sohn und ihre Tochter bei ihr zurück, während die Teochichimeken weiterzogen. Sie genas eines Knäbleins und starb bald hernach. Nun lebte der Mann mit seinen drei Kindern dort im Walde, denn wo sich der Stamm der Teochichimeken hingewendet hatte, wußte er nicht. Und nachdem zehn Jahre vergangen, fühlte auch er seinen Tod herannahen, und er ließ sich von seinen beiden älteren, jetzt schon erwachsenen Kindern das Versprechen geben, daß sie ihren jüngeren Bruder nicht im Stich lassen würden. Kaum aber war der Vater tot, wurde das Mädchen von Sehnsucht ergriffen nach den Gefährtinnen, mit welchen sie ihre Kindheit verbracht hatte, und sie entfernte sich, den wandernden Teochichimekenstamm zu suchen. Und als ein Jahr vergangen und sie nicht zurückgekehrt war, entfernte sich auch der ältere Bruder, die Schwester zu suchen. Nach meilenweiten Wegen aus der Waldwildnis auf eine Grasebene gelangend, fand er die Schwester, welche inzwischen das Weib eines Götterjägers geworden war, denn ebenda an einem Flußufer in der Grasebene hatten die Teochichimeken ihre Zelte aufgeschlagen. Und auch er blieb dort, nahm sich ein junges Weib und jagte mit den Stammesangehörigen, uneingedenk seines dem sterbenden Vater gegebenen Versprechens.

Der vergessene Knabe in der Waldhütte konnte eine Weile von den Vorräten leben, welche seine Geschwister zu seinem Unterhalt zurückgelassen hatten. Dann aber trieb ihn der Hunger hinaus, und er nährte sich von Wurzeln und Beeren im Freien wie ein kleines Tier. So vertraut wurde er mit den Tieren, Bäumen, Gräsern und allen stummen Dingen, daß er ihre Sprache verstand, und er verstand, was nachts die Sterne sangen:

Wir sind die Sterne, die singen,
Wir singen mit unserem Licht,
Wir sind die Feuer-Vögel,
Wir fliegen über den Himmel.
Und Licht ist eine Stimme,
Wir machen für Geister den Pfad,
Den Pfad, auf dem sie wandeln.
Doch als der Winter kam, mußte er in hohlen Baumstämmen Schutz suchen und fand nichts zu essen als nur Knochen – Überreste der Mahlzeit der Wölfe. Darum schloß er sich den Wölfen an. Und sie gewöhnten sich an seinen Geruch und ließen ihn in ihrer Mitte weilen.

Zu Beginn des Frühlings ruderte der ältere Bruder in einem Boot dem Walde zu, da sah er am Flußufer Wölfe stehen und unter ihnen einen Knaben, der sang:

Mein Bruder, mein Bruder!
Ich werde ein Wolf,
Ich werde ein Wolf!

Und jener erkannte ihn, obgleich der Knabe graubehaarte spitze Wolfsohren hatte und vom Nabel abwärts ein Tier war, mit Wolfsbeinen und Wolfskrallen und einem langen buschigen Schweif. Da sprang der ältere Bruder ans Ufer und schrie: Kleiner Bruder, komm zu mir!

Doch der Knabe floh mit den Wölfen und entschwand im Walddickicht. –

Als Fichtenzweig die Erzählung beendet hatte, schwieg er längere Zeit, und als er dann die Rede wieder aufnahm, klang es wie die Fortsetzung seines Selbstgesprächs.

»Ja, ja«, sagte er, »schon bist du zur Hälfte ein Wolf geworden! Der Fluch der sechs Himmelswanderer trifft mich, weil ich dich, meinen Edelstein, meine Edelfeder, vergessen hatte! Nun ruft mein Herz: Kleiner Bruder, komm zu mir!«

Und wieder schwieg er. Ein beklommenes Schweigen. Der Knabe blieb stumm.

»Wird mein Herz vergebens rufen?« sagte Fichtenzweig.

Er erhielt keine Antwort und erzwang auch keine Antwort, hatte wohl auch keine erwartet. Er schickte den Knaben schlafen.


Der Kleine Pfeil ging in seine Schlafkammer, die er mit den beiden jüngeren Söhnen der Als-Schlange-Lebenden teilte. Diese hatten in tiefem Schlummer gelegen, als er weggeschlichen war, jetzt aber fand er sie wach und äußerst aufgeregt über die nächtlichen Ereignisse, von denen sie mehr wußten als er. Denn nachdem er sich vorhin entfernt hatte, waren auch sie durch Geräusche geweckt worden und hatten sich hinausgetastet in den dunklen Tecpan. Es war ihnen geglückt, unbemerkt herannahend und hinter Wandpfeilern verborgen alles zu beobachten. Von ihnen erfuhr jetzt der Kleine Pfeil, was ihm selbst bis dahin unaufgeklärt geblieben war: daß die vermeintlichen Lastträger Priester waren und daß sie im Hausheiligtum Götterbilder aufstellten, um sie vor den Christen zu schützen.

Einer der Brüder erzählte auch, er habe gehört, wie sein Vater dem Ordner der Teppiche befohlen, viele Pulqueschalen in das Gartenhaus zu tragen, denn er habe vor, mit den Gästen ein Nachtgelage zu veranstalten.

»Und wenn er betrunken ist, wird er morgen früh unsere Mutter schlagen«, bemerkte sachlich und nachdenksam der jüngste der Brüder. Er war neun Jahre alt.

Der Kleine Pfeil sagte nichts. Und bald darauf hörte er den regelmäßigen Atemzug der eingeschlummerten Geschwister. Nur er lag wach da und lauschte, ob die Stimmen im Hause noch nicht erloschen.


Nachdem die Bilder geborgen und die Tür der Götterkammer durch eine Steinplatte verschlossen war, forderte Fichtenzweig den Prinzen Kriegsmaske und die Götterträger auf, ihm in den Garten zu folgen, wo im Lusthaus ein Nachtmahl und Getränke für sie bereitständen. Die Götterträger lehnten die Einladung mit zeremoniösen Dankesworten ab und verließen den Tecpan, vom Hausherrn bis ans Tor begleitet. Kriegsmaske aber blieb, da er ebenso wie Fichtenzweig das Bedürfnis empfand, seine Trauer mit Reden zu ersticken und im Rausch die Befreiung von den zehrenden Besorgnissen zu suchen.

Die Dienerschaft erhielt die Erlaubnis, sich zurückzuziehen, – nur ein Haus-Erleuchter mußte im Garten bleiben, um von Zeit zu Zeit neue Pulquegefaße aus der Vorratskammer zu holen und abgebrannte Harzfackeln zu ersetzen.

Auf der Terrasse mit dem rot bemalten Holzgeländer redeten und zechten die beiden Freunde die ganze Nacht hindurch. Kriegsmaske sprach vom Gebäude, das er den Christen auszuliefern verpflichtet war und das künftig dem Zwecke dienen sollte, ein Knabenkloster zu sein, ein von weißen Göttern geleitetes Calmecac. Er hielt die Klostergründung für eine größere Gefahr als die Taufe des gesamten Volkes. Denn Wasser hinterließe keine Spuren, führte er aus, wohl aber hinterließen Worte Spuren, wenn sie junger Kinder Herzen vergifteten. Sei zwar Montezuma immer der Feind Tlascalas gewesen, so müsse doch jetzt jeder Tlascalteke, wenn er den Freistaat und die Freiheit liebe, seine heimliche Hoffnung auf die Tücke, auf den Verrat des Tyrannen Montezuma setzen. Und falls auf ihn nicht, so auf sein Volk. Schicksalergeben alle Kränkungen hinnehmen würden die überstolzen Mexikaner keinesfalls, wie es die verblendeten Tlascalteken täten – nicht ohne seine eigene Schuld, wie er zugeben müsse. Würden erst die weißen Götter in Tenuchtitlan sich herausnehmen, Käfige der Opfersklaven zu öffnen, Kreuze zu errichten und Erziehungshäuser für die Söhne des Adels zu gründen, so würden sie weggefegt, ausgetilgt werden bis auf den letzten Mann. Dann komme auch die Zeit der Rache und Befreiung für Tlascala, – vom Zwang des Kreuzes und der Taufe sich entledigend, werde es seine Kinder wieder lehren können, daß Menschenblut die Erde befruchte und den Himmel erfreue.

Bis dahin werde Tlascala tot sein, meinte Fichtenzweig. So lange dürfe man nicht warten. Schon jetzt müsse der Adel Tlascalas sich weigern, die Kinder ins Erziehungshaus der Gelbhaarigen zu schicken. Und er schwor einen Eid: er werde nicht zugeben, daß seine Söhne getauft würden, und er werde sie nie herausgeben, sollten auch die weißen Götter sie mit Gewalt zu rauben kommen.

Man könne ja Sklavenkinder auf dem Markte kaufen, schlug Kriegsmaske vor. Man könne Sklavenkinder für die Adelskinder unterschieben. Die Gelbhaarigen würden das nicht durchschauen, so klug sie auch seien.

Doch Fichtenzweig schüttelte den Kopf. Nicht betrügen wolle er, sondern ehrlich trotzen und ehrlich hassen. Tlascala sei im Blumenkriege einzig groß gewesen, dem Ansturm der Heerscharen der ganzen Welt habe es standgehalten, und nur sich selbst, seiner Friedenssehnsucht, sei es unterlegen, verführt durch den Traum von Quetzalcoatls Friedensreich, den zu verwirklichen die weißen Götter sich anmaßten. An welchen Abgrund dies Friedensreich führe, sehe man jetzt schon. Er sei entschlossen, diesem Wahnsinn entgegenzutreten – und müßte er allein kämpfen als der letzte Tlascalteke. Er hoffe, daß sein Beispiel Tlascala auferwecken werde. Ließe es sich aber nicht auferwecken, sei es und bleibe es eine Leiche, so werde das Leben unerträglich sein und der Tod eine Befreiung ...


Zwei Stunden mochten seit Mitternacht vergangen sein. Noch immer lag der Kleine Pfeil wachend auf seinem Lager und lauschte hinaus. Die Sklaven waren zur Ruhe gegangen. Im Tecpan war es still jetzt. Wenn das Holz einer Truhe knarrte, scholl das Echo einsam durch die steinernen Säle. Mäuse tanzten, schlürften und pfiffen irgendwo auf Marmorfliesen, die hellfleckig vom silbrig fließenden, aus den Dachluken herabrinnenden Mondlicht gefärbt waren. Mehrmals war von den Edelweiden des Gartens her der Ruf eines Nachtkäuzchens herübergeklungen, doch dann war der Vogel verstummt, wohl verscheucht durch den Lärm der beiden nächtlichen Trinker. Der Pulque hatte ihre ernsten Gespräche allgemach in Gelach und Gegröl verwandelt. Und dies ferne Getöse war es, worauf der Knabe gewartet hatte. Die Stimmen der Berauschten durchdrangen die Quadermauern des Tecpans, deutlich vernahm der Knabe die Worte eines wilden Kriegsliedes, das sein Vater sang:

Entsinnt euch desen, ihr Tlascalteken, ihr unsre Neffen,
Wie wir es vollbrachten, das Ohrendurchbohren,
Als man die Mexikaner und ihre Frauen röstete,
Als man die Sklavenhalter auswählte für den Opferstein.

Der Knabe tastete an der Wand, wo über seinem Lager eine kupferne Axt hing. Er holte sie herab und suchte unter dem Kissen ein winziges aus Buchsbaum geschnitztes Kruzifix hervor, ein Geschenk Pater Olmedos. Darauf schlich er aus der Schlaf kammer hinaus, schlich durch die Säle, stehenbleibend zuweilen und gespannt horchend, schlich so dem Hausheiligtum zu. Doch als er schon dicht davor war, zögerte er, schien zu überlegen, sich eines anderen zu besinnen. Er begab sich in den Garten und von dort aus zur Vorratskammer. Er fand die Tür offen. Einige Stufen führten hinab in den kühlen, kellerartigen Raum.

Er war eben hinabgestiegen, als er Schritte hörte. Der Sklave kam, ein neues Pulquegefäß für die Trinkenden zu holen. Der Knabe stellte sich hinter einen mannshohen, mit Mais gefüllten Sack und wartete, bis der Sklave sich wieder entfernt, bis das Klappen der Hirschledersandalen sich im Garten verloren hatte. Zwischen Säcken und Körben, die mit Fischen, Krabben, Wildbret, Hülsenfrüchten und Obst gefüllt waren, tastete sich der Knabe voran, bis er zu den auf hölzerne Dreifüße gestellten, mit Bastschnüren netzartig umsponnenen Gefäßen und Krügen aus porösem, Feuchtigkeit ausschwitzendem Ton kam, in welchen berauschende Getränke – Zypressenzapfenwein, Nopalfruchtwein, Honigwein, Yauhtli (eine Art Wermut) und Pulque – aufbewahrt und gekühlt wurden. Mit seiner kupfernen Axt schlug er in den Boden eines jeden der Gefäße und Krüge ein kleines Loch, durch das der Saft herausrieselte.

Und heimlich, wie er gekommen, ging er wieder durch den Garten und die Säle, bis er vor dem Teocalco, dem Hausheiligtum, stand. Der Eingang war durch eine steinerne Platte verschlossen. Doch nur angelehnt war sie, erst tags darauf sollte sie mit Kalk und Mörtel in die Türumrahmung eingemauert werden. Mochte ihr Gewicht auch schwer sein – es gelang ihm, sie ein wenig wegzuschieben, so daß er sich hindurchzwängen konnte.

Jetzt befand er sich in der Götterkammer, atmete ihren süßlichen Kopalduft ein. Aus einer Lichtöffnung an der Decke schnitt ein breiter Mondstrahl, wie ein blauer Balken scharf umrissen, durch die graue Dämmerfinsternis und endete als glitzerig flammendes Gefunkel auf dem türkisenen Skelettgesicht des Totengottes. Rechts und links von diesem standen, allzu nahe zusammengerückt und einander in ihrer einsamen Majestät störend, große Steinbilder der Wassergöttin Matlalcueye (der Maid-mit-dem-blauen-Hüfttuch), des Regengottes Tlaloc und des Camaxtli, des tlascaltekischen Jagd- und Kriegsgottes. Außer den neuen Insassen sah der Knabe auf dem dreimal gestuften Altar inmitten des Gemaches die seit seiner Kindheit ihm vertrauten Mißgestalten der kleinen fußhohen Hausgötter.

Er begann sein Zerstörungswerk mit den Hausgöttern. Je ein Hieb seiner Axt genügte, sie in Scherben zu schlagen. Sie zerfielen wie Töpfergeschirr, fast lautlos, sie schrien nicht, erhoben keine Anklage und keinen Lärm über ihren Tod.

Dann versuchte er die großen Götter zu vernichten. Hatte er sie und ihresgleichen früher als die Herren über Leben und Tod gefürchtet, so stand er ihnen auch jetzt nicht furchtlos gegenüber. War er doch von Pater Olmedo aufgeklärt worden, daß sie Demonios – böse Teufel – seien, und nicht viel anders hatten die Quaquiles ihr Unwesen verurteilt. Aber gerade weil ihm der kalte Schweiß über die Stirn rann, war er sich bewußt, wie ungeheuerlich und wie tapfer die Tat war, die er beging. Ein Gefühl des Stolzes und der Selbstbewunderung stärkte ihm den Mut und half ihm die Angst besiegen. Mochten die bösen Teufel aus den Steinen hervorspringen und ihn erwürgen – was lag an seinem Tod! Doch sie würden es wohl nicht wagen, da er ja das Kreuz aus Buchsbaumholz bei sich trug. Und unmöglich war es nicht, daß es ihm gelingen könnte, seinem Vater die Machtlosigkeit der Götzen zu beweisen. Der Mutter wegen hatte er die berauschenden Getränke ausfließen lassen, denn nur wenn der Vater betrunken war, wurde sie geschlagen. Was er aber jetzt tat, tat er um des Vaters willen. Nicht minder als die Mutter liebte er ja den Vater trotz allem, trotzdem es unerträglich war, daß er auf die Einflüsterungen der Demonios und auf die der argen Smaragd-Puppe hörte und die Mutter mißhandelte. Ja, trotz alledem hing er an ihm und wollte ihn retten, ihn heilen, obgleich er mit ihm nicht zu sprechen verstand und nie das rechte Wort fand, sobald er von ihm angeredet wurde. Als der Vater gesagt hatte: »Kleiner Bruder, komm zu mir – auch du bist schon halb ein Wolf«, hatte er vieles entgegnen wollen und hatte doch scheinbar trotzig geschwiegen. Nun wagte er eine Antwort, die den Vater vielleicht schmerzen, vielleicht zur Raserei bringen, vielleicht aber auch vom Bann der bösen Teufel lösen konnte.

Mit aller Gewalt hieb er auf die Götzen ein. Die Schneide seiner Axt stumpfte ab, wurde schartig, verbog sich. Die Bildnisse aber aus Granit hielten stand, grinsten ihr höllisches Grinsen. Kaum daß sie Schrammen aufwiesen. Dem Regengott war ein Stück seiner brillenartigen Augenumrahmung weggebrochen, dem Kriegsgott einige Perlen seines Saphirhalsbandes –: zu schwach war der Knabenarm, Steinklötze zu spalten.

Da wandte sich der Kleine Pfeil zum mondbeschienenen Totengott. Der bestand nicht aus einem Steinblock, der war mosaikartig aus vielen kleinen Stücken Göttertürkis zusammengesetzt. Die Axt traf den blauen Totenkopf am Scheitel und zersplitterte den Schädel. Ein zweiter wuchtiger Hieb traf das Schlüsselbein – und der Brustkorb klaffte auseinander. Ein Knistern, ein Geriesel, ein Krachen – der Götze brach in sich zusammen.


Der Hochtriumph in der Seele des Knaben währte nur einen Augenblick. Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter. Der fette Ordner der Teppiche stand vor ihm. Seine verquollenen Augen traten weit aus den Höhlen heraus wie glasige Fischaugen.

»Mein kleiner Herr«, flüsterte er fassungslos. »Fort, fort – sonst rächt sich der Totengott an dir! ...«

Er war gutmütig und sah voll Mitleid, daß das Kind in Todesgefahr schwebte. Nicht ihn erboste der Gottesfrevel, aber er sah voraus, daß die Entdeckung der Tat Fichtenzweig zur Tollheit reizen mußte. Er selbst hatte zwar stets geredet, wie sich's für den Oberhofmeister des fürstlichen Hauses geziemte und wie es den Gästen des grimmigsten Feindes der weißen Götter zu hören lieb war. In seinen heimlichsten Gedanken jedoch hatte er den Weltumschwung willkommen geheißen. Von freigelassenen Sklaven abstammend, seit seiner Kindheit in dienender Stellung, war er kein Freund des Kriegsgottes und verdammte allen blutigen Opferkult. Daß der Hohe Rat die Taufe des Volkes beschlossen hatte, fand er recht, wenn er auch aus Rücksicht auf das Fürstenhaus, dem er diente, dem alten Glauben treu blieb. Er hing an seinem Gebieter und liebte dessen Sohn – und nun zitterte er für beide.

»Mein kleiner Herr, fort, fort!« wiederholte er. »Man darf dich nicht sehen ... Ich selbst will die Tür vor Sonnenaufgang mit Mörtel und weißer Erde vermauern ... Wenn man den Lärm gehört hat, werde ich sagen, der Gott sei von selbst zusammengestürzt ...«

Und da der Knabe nicht floh, faßte er ihn an der Hand, ihn fortzuziehen. Doch der Rache des Totengottes konnte das Kind nicht mehr entgehen. Der Ordner der Teppiche stieß einen leisen Schrei des Schreckens aus. Am Eingang zum Heiligtum stand Smaragd-Puppe mit drei Sandalenbinderinnen. Sie hatten gehört. Smaragd-Puppe lächelte schlangenhaft. Einen Sohn von drei Jahren besaß sie, für dessen Erbberechtigung sie hoffte und kämpfte. Jetzt sah sie ihre Hoffnung der Erfüllung nahe. Plötzlich wandte sie den Kopf, lauschte und spähte hinaus.

Und fast zu gleicher Zeit erscholl der trunkene Gesang Fichtenzweigs, näher schon – nicht mehr vom Garten her –

Als wir die Mexikaner und ihre Frauen rösteten,
Als wir die Sklavenhalter auswählten für den Opferstein ...

Kriegsmaske war aufgebrochen. Durch eine Flucht von Sälen hüpfte rötlicher Lichtschein, der Haus-Erleuchter trug das Fackelbündel voran. Schwankend begleitete der Fürst den Prinzen bis ans Haupttor des Tecpans. Frührot begann eben den Himmel zu bleichen.

Smaragd-Puppe flüsterte der einen der Sandalenbinderinnen einige Worte zu, und eilig entfernte sich die Sklavin.

»Bleibe!« sagte Smaragd-Puppe zum Knaben. »Unser Herr der Kriegshauptmann Fichtenzweig kommt gleich – er kommt, weil ich ihn rief. Er wird dein Richter sein, und seine Strafe wird scharfschneidig sein!«

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