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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 46
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der jüngst verstorbene Priesterkönig von Cholula hatte (ebenso wie das Alte Raubtier) den Ratschlag des Tempel-Fegers seinerzeit gutgeheißen und sich einverstanden erklärt, die weißen Götter durch einen Hinterhalt zu vernichten. Darum hatte er seinen neunzehnjährigen Sohn Totoantzin, den Vogelsteller, in das Weiße Mondgefilde mit dem Auftrag entsandt, die Sonnensöhne zu Festgelagen, Federballspielen und Tänzen in die heilige Stadt zu laden. Nach der Rückkehr des Königssohnes war aber ein Wandel eingetreten. Sei es, daß der erkrankte willensschwache Vater sich vom Vogelsteller bereden ließ, Malintzin für die Göttin der Blumen und Cortes für die leibhaftige Grüngefiederte Schlange zu halten, sei es, daß die Beschreibung der Singenden Nachtigall den Ausgang des blutigen Festes zweifelhaft erscheinen ließ. Der Plan wurde fallengelassen, und das Alte Raubtier hatte nicht die Macht, ihn gegen den Einspruch seines Mitregenten durchzusetzen.

Dies war der Stand der Dinge, als der Tempel-Feger – kurz vor dem Opfertode Julianillos und Melchorejos – nach Tenuchtitlan zurückgekehrt war.

Inzwischen war der Priesterkönig in Cholula gestorben, wo nun bis zur Thronbesteigung seines Sohnes das Alte Raubtier, unumschränkt herrschend, die Gegner der mexikanischen Politik unterdrückte. Auch war inzwischen eine neue Weisung von Montezuma ergangen, der damals, beeinflußt durch die Aussagen Julianillos, an die Unschädlichkeit der weißen Götter glaubte und sogar nicht abgeneigt war, ihnen die Tore Mexicos zu öffnen, damit die blaue Scheibe – der Erdkreis – erfahre, daß er dies Häuflein Krüppel und Stelzfüße nicht fürchte. Der Wind hatte sich gedreht. Ihnen solle freundlich begegnet werden, wurde gewünscht. Und der Überbringer dieser Weisung erzählte dann auch, in welche Wut Montezuma geraten war über die Verbrüderung der Götter und der Tlascalteken.

Das Bestreben, den Mexikanern gefällig zu sein, hatte dem Alten Raubtier, nachdem er vom Zorn Montezumas erfahren, den Gedanken eingegeben, Tlascala zu beschimpfen. Und eine Gelegenheit hierzu hatte sich bald daraufgefunden, als ein tlascaltekischer Bote den bevorstehenden Besuch der weißen Götter anzumelden kam. Nicht nur eingekerkert wurde er, das Alte Raubtier ließ ihm auch die Haut beider Hände abschinden. Doch diese Grausamkeit wurde erst später bekannt, die Gesandten aus Yuquane wußten hiervon noch nichts, als sie Cortes und die Tlascalteken vom Völkerrechtsbruch in Kenntnis setzten.

In der Stadt Quetzalcoatls und der Großen Pyramide waren von jeher die Erträgnisse des Friedens höher eingeschätzt worden als die des Krieges. Priester, Kaufherren und Dirnen bevölkerten die Gassen. Habsüchtig und genußsüchtig, verurteilten die unkriegerischen Bewohner die Handlungsweise des Priesterkönigs – nicht weil sie ihnen als ein Rechtsbruch, sondern weil sie ihnen als eine Unklugheit erschien. Die schroffe Herausforderung der Nachbarrepublik konnte den Handel und den Fremdenbesuch der heiligen Stadt beeinträchtigen oder sonst unliebsame Folgen nach sich ziehen. Die Adligen und die hohen Würdenträger freilich fürchteten Tlascala nicht und vertrauten auf Mexicos Beistand. Cholulas Hoher Rat war ein williges Werkzeug des Alten Raubtieres. Die wenigen Widersacher, welche es gewagt hatten, warnend die Stimme zu erheben, schmachteten in Holzkäfigen.

Um so lebhafter war der Meinungsstreit außerhalb des königlichen Tecpans auf Gassen, Straßen und Plätzen. Das Volk ließ sich nicht mundtot machen wie jene Ratsherren. Die Erregung ließ sich nicht eindämmen, solange ungewiß blieb, welche Gegenmaßregeln Tlascala ergreifen werde.

Da trafen Piltecatl und Aguilar in Cholula ein. Die Kunde hiervon wurde bestritten, verlacht, als eine lügnerische Erfindung abgetan. Niemand hielt es für denkbar, daß ein Tlascalteke sich vor den Priesterkönig wagen könne. Als es sich dennoch als wahr erwies, überstieg die Bewunderung für die Waghalsigen alle Grenzen und glich einer Anbetung.

Wie ein Meer umtoste die Volksmenge den Königspalast, in welchen Piltecatl und Aguilar geführt worden waren.


Unter einem Baldachin aus purpurnen Tangarefedern saß der Priesterkönig auf dem mit Jaguarfellen bedeckten Silbersessel. Ein anderer Thron stand leer daneben, der noch ungekrönte Vogelsteller hockte auf einem niedrigen Sitzschemel wie alle Würdenträger des Hohen Rates. Außerdem füllten einige hundert Bewaffnete in glanzstrahlender Kriegertracht den großen Beratungssaal. Die Wände waren dunkelrot getüncht, und ein in schreienden Farben gemalter Fries, der einander mordende affenähnliche Götterwesen und Reptile darstellte, lief unterhalb des Dachgebälks und der Lichtöffnungen rings um den Saal.

Das Alte Raubtier war verhältnismäßig jung, noch nicht vierzig Jahre alt. In seinem knochigen, flachen Gesicht fiel besonders die gestutzte Nase und die vorgeschobene, mißvergnügt herabhängende Unterlippe auf. Halb Priester, halb Fürst, trug er die mit Juwelen besäten Embleme und Insignien seines Doppelranges. Die hohe Mitra auf seinem Kopf, einem kleinen Bienenkorb ähnlich, bestand aus aneinandergelöteten fingerdicken Goldringen. An seiner Halskette hing die goldene Trommel, das Bestechungsgeschenk Montezumas.

Er saß wie ein Steinbild da, hatte die Arme auf die Schenkel und die Hände auf die Kniescheibe gelegt.

»O edler König, Herr der goldenen Standarte«, sagte Piltecatl, »der Hohe Rat von Tlascala grüßt dich. Der Hohe Rat hat mir dies Büchschen voll weißer Kreide mitgegeben als ein Geschenk für dich und auch diese weißen Daunen, diese Streifen weißen Rindenpapiers, diese Handfahne, diesen Schild und diese Federkrone – schneeblank, wie sie die Toten tragen – als ein Zeichen dafür, daß wir Krieg führen werden und du von uns erschlagen wirst. Befehl erging an mich, dich zu schmücken, wie man die Toten schmückt. Und weil du ein Toter bist, wünscht Tlascala, daß ich auch dein Antlitz und deinen Leib weiß bemale, wie man die der Adlerschale Geweihten bemalt.«

Piltecatl verstummte. Und stumm, gleichsam erfroren, war das Menschenmeer um ihn. Bis auf die Straße draußen pflanzte sich die Stummheit fort. Wie ein laut zirpendes Ohrensausen schrillte die tonlose, wortlose Erwartung.

Doch das Alte Raubtier tötete den Kühnen nicht, antwortete nicht, wies das Geschenk nicht zurück – selbst er gelähmt von ergrausender Bewunderung.

Da ging Piltecatl auf den Priesterkönig zu, ihn zu schminken und zu schmücken. Der aber saß noch immer regungslos da, die Hände auf die Kniescheiben gedrückt.

Und das Wunder vollendete sich. Willig ließ das Alte Raubtier sich entkleiden. Der Tlascalteke nahm ihm die Mitra vom Haupt, den Mantel von den Schultern, die Goldtrommel und die Embleme von der Brust, die Schambinde von den Lenden, wickelte ihm die Bänder aus Goldblech von den Waden, löste die Sandalen von den Füßen. Nackt stand der Priesterkönig vor seinem Volke da und ließ zu, daß der Feind ihn schlohweiß von der Stirne bis zu den Zehen schminkte.Und als das Unerhörte geschehen war, ließ er sich auch die Totenkrone aufs Haupt setzen, das Totenfähnchen und den Totenschild in die Hand geben.

Und nun tanzte Piltecatl einen feierlichen Tanz und sang das Tlascaltekenlied. Eine Herausforderung war der Tanz, eine Herausforderung das Lied, das der Kriegsgesang seiner Heimat war:

»Was grämt ihr euch, ihr unsere Freunde, ihr Otomis?
Jammert ihr, weil ihr trunken wurdet vom Octlitrank?
Weil das Trinkschalenlied euch berauschte?
Kommt her und singt – liegt nicht ausgestreckt da!
Erhebt euch, ihr Freunde! Kommt in unsere Wohnstätten im Lande des Frühlings –
Die Schildblumen und Pfeilblumen überblühen das fruchtbare Land!

Ist es möglich, o Freunde, daß ihr uns nicht hört?
Kommt, den weißen Octlitrank ausströmen lassen, den Trank der Schlacht!
Kommt trinken, wo uns der Octlitrank, süß wie der Tau der Rosen, eingeschenkt wird!
Wir werden – bereichert, in Beglückung getaucht – das Wasser der Blumen einschlürfen,
Wandernd ins Land der Blumen, das fruchtbare Land!«

Als Piltecatl Tanz und Lied beendet hatte und schwieg, wurde die Stummheit des Saales vernehmlich. An allen Seelen zerrte die Spannung.

Da sprach der geschminkte König. Auf seinem kalkigen Antlitz zuckte und huschte Neid – um der Bewunderung willen, die er in tausend Augen las. Übertrumpfen wollte er den Tollkühnen, von ihm ab die Bewunderung auf sich lenken.

»O mutiger Krieger«, sprach er ungelenk, steif, ausdruckslos wie eine große Puppe, »mit weißer Erde hast du meine Gliedmaßen bemalt, und alle Tlascalteken jubeln: ›Nun ist das Alte Raubtier ein Toter!‹ Doch noch stehe ich nicht am Kreuzweg der Unterwelt! Geh heim zu den Tlascalteken und melde es ihnen: Noch schloß das Alte Raubtier seine Augen nicht! Geh heim, ich erlaube dir, heimzukehren, weil du ein Tapferer bist. Aber ob mein Volk es dir erlauben wird und ob du die Speerträger der Grenzwacht zwingen kannst, daß sie dich durchlassen in deine Berge und Schluchten – das weiß ich nicht und glaube es nicht.«

Piltecatl wandte sich und schritt hinaus aus dem Tecpan. Ehrfurcht bahnte ihm den Weg. Die Menschenwogen teilten sich, unbehelligt konnte er durch die feindliche Menge hindurchschreiten, ungehindert die Stadt verlassen.


Aguilar war im Tecpan zurückgeblieben. Ihm war kein freier Abzug zugestanden worden. Und selbst hätte er die Erlaubnis gehabt, er hätte den Heimweg nicht angetreten, solange sein Ziel nicht erreicht war. Zum Ziel gesetzt hatte er sich, durch die Macht seines Wortes, durch herzliche Ermahnungen, Warnungen und Bitten, den Frieden zu retten.

Beim Anblick des kreideweißen Königs wäre wohl jeder andere zur Einsicht gelangt, daß das Unterfangen ein aussichtsloses war. Von mönchischem Eifer beseelt, gab er indes die Hoffnung nicht auf. Er kniete vor dem Alten Raubtier nieder, küßte ihm die geweißte Rechte und begann seine Ansprache.

Aufmerksam lauschten die Versammelten. Es war ja der erste Gott von Fleisch und Blut, den die heilige Stadt sich bewegen und sprechen sah. Sein ausgemergeltes, hohläugiges Asketengesicht machte Eindruck.

Doch er war ein schlechter Redner, und zudem beherrschte er die Sprache der Völker Anahuacs nur mangelhaft.

Eine Enttäuschung, wenn nicht Schlimmeres – den Holzkäfig, ja die Opferblutschale vielleicht – ersparte ihm sein gütiges Schicksal. Denn nach wenigen einleitenden Sätzen wurde er unterbrochen und am Weiterreden gehindert. Der Tempel-Feger war unerwartet aus Tenuchtitlan angelangt, und über die Wünsche Montezumas, deren Übermittler er war, mußte sofort beraten und Beschluß gefaßt werden. Ein Fremder durfte dabei nicht zugegen sein. Darum ließ der Priesterkönig Aguilar hinausführen.

Der Tempel-Feger trat gerade ein, als Aguilar den Saal verließ. Flüchtig und dennoch einprägsam berührten sich aufeinanderprallend ihre Blicke.


Der Wind hatte sich wieder einmal gedreht. Nachdem vor kurzem erst Montezuma die Weisung erteilt hatte, den Sonnensöhnen den Weg nach Tenuchtitlan nicht zu verlegen, wünschte er jetzt die Ausführung des früheren, zeitweise fallengelassenen Hinterhaltplanes. Der Herr der Welt fragte nicht einmal nach dem Einverständnis Cholulas, innerhalb dessen Mauern der Überfall stattfinden sollte, für ihn war es beschlossene Sache. Hatte er doch – so berichtete der Tempel-Feger – beim letzten Kronrat die Worte gesprochen: »Die Cholulteken wollen die Tore der heiligen Stadt öffnen und ein Fest den weißen Göttern rüsten und sie auf ihre Tempel hinaufführen, während Mexicos Adler und Jaguare in den Schluchten lauern.«

Diesmal nahm das Alte Raubtier den Wunsch des Lehnsherrn nicht so ergeben hin wie sonst, äußerte vielmehr Zweifel an seiner Ausführbarkeit. Der Tempel-Feger sehe ja, daß Tlascala ihn mit weißer Schminke beschenkt, ihm den Tod angesagt habe. Der bevorstehende und unvermeidliche Krieg mache die Einladung der Götter zur Unmöglichkeit.

Bisher hatte der Tempel-Feger keine Frage gestellt. Das zu tun wäre für einen der Herrlichkeit des Königs gegenübertretenden Gesandten unpassend gewesen. Wie groß auch seine Erregung war, als er, in den Saal kommend, den Priesterkönig wie eine Leiche geschmückt auf dem Thron gewahrte – er hatte sich zu beherrschen gewußt, hatte die Begrüßungsformeln gleichmütig gesprochen und sich seines Auftrages entledigt.

Jetzt, da der König selbst von seiner kreidigen Bemalung sprach, stellte der Tempel-Feger die bislang zurückgehaltene Frage: was dieser Leichenaufputz bedeute?

Ihm wurde mitgeteilt, welch eine frevelkühne Tat Piltecatl vollbracht habe.

Daraufhin erhob er im Namen Montezumas die Forderung: die Kriegsansage müsse sofort rückgängig gemacht, der Krieg müsse bis nach der Ausrottung der weißen Götter verschoben werden.

Das Alte Raubtier saß stumm und gläsern da. Erniedrigung war, was Mexico verlangte, Verzicht auf Rache für die weiße Schminke ...

Da erkühnte sich der junge, noch ungekrönte Priesterkönig unaufgefordert, seine Meinung zu äußern.

»Bevor mein Vater ein Gott wurde, widersetzte er sich der Ausrottung der weißen Götter. Sterbend sagte er: Wehe über Cholula, wenn es das blutige Fest feiert! ...«

Es war ein Glaube der chichimekischen Völker, daß die Toten zu Göttern wurden.

Der Tempel-Feger lächelte verlegen-spöttisch und blickte das Alte Raubtier an. Der kreidige Mann auf dem Throne kochte vor unterdrückter Wut. Grotesk sah er aus, schattenhaft, unwirklich und zugleich traurig und finster. Ein Stäbchen aus schwarzem Achat, das in der durchbohrten Nasenscheidewand steckte, erzitterte und glitzerte.

Der Vogelsteller wurde keiner Antwort gewürdigt.

»Sprich weiter!« sagte das Alte Raubtier zum Tempel-Feger.

Doch da meldete sich der schwarzgrün geschminkte Oberpriester der Großen Pyramide und bat um die Vergünstigung, reden zu dürfen.

»In den alten Götterbüchern ist es geweissagt« – sprach der Oberpriester –, »daß Cholula nicht untergehen kann, selbst wenn die Feinde in die Paläste der heiligen Stadt gedrungen sind. Und sollten die Feinde versuchen, Blut hier zu vergießen, so wird eine Wasserflut sie daran hindern und sie verschlingen. Wir Priester aber können die Wasserflut jederzeit hervorrufen, indem wir die Schindeln vom Dachfirst des Quetzalcoatl-Tempels brechen und die Kalkbekleidung des heiligen Turmes abschaben – so ist es in den alten Götterbüchern geweissagt.«

Der Mehrzahl der Anwesenden war die Prophezeiung nicht unbekannt, doch war sie dem Gedächtnis entrückt gewesen, während die Sorge – der Hinterhalt könne mißlingend Cholula zum Verderben werden – im Mittelpunkt aller Erwägungen stand. Daher wirkten die Worte des Oberpriesters wie eine Erlösung. Die beiden Sorgenfalten um den wulstigen Mund des Alten Raubtieres glätteten sich. Man konnte also dem Befehl des Zornigen Herrn gehorchen und ein den Himmelsgöttern wohlgefälliges Werk vollbringen, ohne daß ein Blutbad für Cholula zu befürchten war.

Dem Tempel-Feger entging der Umschwung nicht, und er nahm den günstigen Augenblick wahr, um eine Nachricht bekanntzugeben, die auch die Ängstlichsten beschwichtigen mußte. Montezuma habe seine Adler und Jaguare entsandt, sie seien auf dem Wege nach Cholula. In Schluchten unweit der heiligen Stadt werde der größere Teil des Heeres kampfbereit verborgen liegen, eine kleinere Heeresabteilung aber müsse – noch vor der Ankunft der Feinde – in den unterirdischen Räumen der Großen Pyramide untergebracht werden, um sogleich nach Beginn des Überfalles zur Hand zu sein und an der Seite der cholultekischen Krieger fechten zu können.

Zeugte der angebotene Beistand auch von wenig Vertrauen zu den Cholulteken und ihren kriegerischen Eigenschaften, so wurde er doch dankbar angenommen.

Aber Zweifel wurden laut, ob es gelingen könne, die weißen Götter in die Stadt zu locken. Das habe doch zur Voraussetzung, daß sich der Friede mit Tlascala wiederherstellen lasse. Und um so unwahrscheinlicher sei dies, als Piltecatl, wenn ihm auch gestattet worden sei, ungestraft von hier zu entweichen, sicherlich durch die Krieger der Grenzwacht den Tod erleiden werde.

Dem müsse man unverzüglich Einhalt tun, erklärte der Tempel-Feger erregt. Unverzüglich müsse der Priesterkönig Schnelläufer an die Mannschaft der Grenzwacht abschicken, um solches Unglück zu verhüten. Und ratsam wäre es, ebenfalls ohne Verzug eine Gesandtschaft nach Tlascala abgehen zu lassen, um mit Entgegenkommen und Zugeständnissen den Frieden zu erkaufen und gleichzeitig die Einladung an die weißen Götter zu erneuern. Wenn Piltecatl lebend zurückkehre, so werde der Frieden nicht schwer zu erhalten sein.

Es war, als stünde statt des Tempel-Fegers der Zornige Herr selber im Beratungssaal – so geschwind und widerstandslos wurden seine Wünsche erfüllt. Einige halbgeflüsterte Anordnungen des Alten Raubtiers, einiges Hinundherhuschen von Sklaven – dann trat wieder Ruhe ein. Und schon waren Schnelläufer auf dem Wege zur Grenzwacht und eine Gesandtschaft auf dem Wege nach Tlascala.

Nun erbat sich der Priesterkönig vom Tempel-Feger Rat: was mit dem Priester der weißen Götter – er meinte Aguilar – geschehen solle. Seine Rede sei vorhin unterbrochen worden. Ob man ihn weiterreden lassen solle? Ob man ihm einen Begleiter mitgeben solle, der ihn nach Tlascala zurückführe? – denn allein, getrennt von Piltecatl, werde er nicht imstande sein zurückzufinden.

Das Gesicht des Tempel-Fegers legte sich in Falten.

»Sein Auge hat mein Antlitz gesehen, und niemals wird sein Auge mein Antlitz vergessen ...«, sagte er sinnend. »Es darf aber keiner der Sonnensöhne mein Antlitz kennen ...«

»Warum nicht?« fragte das Alte Raubtier lauernd.

»Montezuma weiß es, und ich, sein Knecht, weiß es und schweige ...«

»Willst du, daß ich den Sohn der Sonne töte? ...«

»Nein!« erwiderte der Tempel-Feger. »Du sollst ihn weder töten noch retten. Laß die Bewohner Cholulas Zeugen dessen sein, daß er unversehrt blieb. Doch schicke ihn ohne Begleiter heim nach Tlascala!«


Die blinkende Mondsichel hob sich über der Schneekuppe der Maid-mit-dem-blauen-Hüfttuch. Finster waren eben erst Gewitterwolken über die Stadt Tlascala hinweggezogen und entluden sich wetterleuchtend in entlegenen südwestlichen Gebirgsschluchten. Wie ein unterirdisches Rollen ließ sich das Nebelrasselbrett des Regengottes Tlaloc vernehmen. Die Dunkelheit wich, Sternbilder erglitzerten, schleierig schimmerte die Nachtluft, matt gebleicht vom Mond im ersten Viertel.

Vor einem Lusthaus seines Palastgartens, auf einem terrassenartigen Vorbau mit rot bemaltem Geländer, der vom weit ausschweifenden Dach überdeckt war, saß Fürst Fichtenzweig, der Freund des Prinzen Kriegsmaske, und trank Pulque mit seiner Lieblingsgattin Smaragd-Puppe. Ein unmäßiger Zecher war er, wie die meisten Kriegshäuptlinge Tlascalas. Aber heute nacht leerte er schneller als sonst eine Trinkschale nach der anderen. Sein Durst war gehitzt von Verzweiflung und Ingrimm. Der Freistaat hatte plötzlich die Taufe, die Bekehrung des ganzen Volkes beschlossen, und der Anstifter, der Verräter, der Frevler an den sechzehnhundert Göttern und Göttinnen in den dreizehn Himmeln war kein Geringerer als Prinz Kriegsmaske, obwohl er bisher nicht minder erbittert als Fichtenzweig die Christen verabscheut hatte. Rätselhaft wie die Tatsache selbst waren auch die Umstände, das eilige Einverständnis der Tetrarchen und der schwächliche Widerspruch gewesen, den der Vorschlag des Prinzen beim Volke gefunden hatte. Außer Fichtenzweig hatten nur wenige von den Geschlechterfürsten den Mut aufgebracht, sich für die alten Götter zu entscheiden.

Was seinen Freund zum Verräter gemacht hatte, wußte Fichtenzweig noch nicht, doch blindlings verdammte er ihn. Mit ätzenden Vorwürfen überschüttete er den Abwesenden und trank und trank, seinen Kummer zu besänftigen.

Wie sehr er sich auch gesträubt hätte, vor einer seiner sechzig Frauen Kummer und Betrübnis zu zeigen – vor Smaragd-Puppe sträubte er sich nicht, ließ sich gehen, ließ ungehemmt seinen Schmerz in der Maske des Zorns sich austoben. Er fluchte, weil er nicht jammern wollte.

Von üppiger Gestalt, untersetzt, breithüftig, vollbusig und mit regelmäßigen, wenn auch etwas gewöhnlichen, von dichtem Flaum gedunkelten Gesichtszügen, hatte Smaragd-Puppe sich erst vor kurzem ins Herz des Fichtenzweiges geschmeichelt und ihre schmächtige, strahlenäugige Rivalin – die Als-Schlange-Lebende – ausgestochen. Allen seinen Frauen hatte Fichtenzweig stets die Als-Schlange-Lebende vorgezogen und ein Jahrzehnt lang ihrer Hinneigung zum Glauben an den Kreuzträger Quetzalcoatl kein Gewicht beigelegt. Erst seit der Ankunft der Enkel des weißen Gottes war seine Liebe zu ihr erkaltet. Und Smaragd-Puppe, ihres Vorteils gewahr werdend, hatte nicht unterlassen, zwischen den beiden Unfrieden zu stiften. Nachdem ihm hinterbracht worden war, sein Weib sei im Gespräch mit Mönchen des Quaquile-Ordens gesehen worden, hatte er sie zur Rede gestellt und grausam gezüchtigt. Es blieb nicht das einzige Mal, er mißhandelte sie fast täglich, gereizt durch ihre schüchterne Demut. Sie aber entschuldigte es vor ihren weinenden Kindern mit seiner Trunkenheit, die ihn der Sinne beraube.

Die sechzig Frauen des Fürsten waren auf seinem Landgute Atlihuetza und in verschiedenen Bergschlössern untergebracht. In der Stadt Tlascala wohnten nur die beiden rechtmäßigen Gattinnen mit ihren Sklavinnen. Und da der Tecpan verhältnismäßig eng war, kam man sich nicht leicht aus den Augen.

In der Absicht, sich der Nebenbuhlerin ganz zu entledigen, bestach Smaragd-Puppe deren Dienerinnen, und viel Belastendes hatte sie bereits in Erfahrung gebracht. Mit Anklagen war sie bis jetzt nicht hervorgetreten, weil sie mehr und mehr sammeln wollte, um die möglichen Zweifel ihres Gatten durch die Fülle des Beweises zu erdrücken. Auch hatte sie auf einen günstigen Augenblick gewartet. Der schien ihr heute nacht gekommen, da Fürst Fichtenzweig in machtloser Wut wie ein Kettenhund das den Tlascalteken aufgedrängte Christentum ankläffte.

Nun erzählte ihm Smaragd-Puppe alles, was sie über die geheimen Wege der Als-Schlange-Lebenden wußte. Vor dem Quaquilekloster habe sie mit ihren drei Söhnen gestanden, als Cortes mit Wachtelblut gesalbt und übergossen wurde, habe sofort nach christlicher Taufe verlangt, was indes zunächst abgeschlagen worden sei. Seit dem Einzug der Kastilier aber nehme sie mit ihren Kindern heimlich teil am Religionsunterricht des Paters Olmedo.

Erstummend, unheimlich still hatte Fichtenzweig zugehört. Die Berauschung durch das Getränk wich einem Rausch von Haß und Angst. Es handelte sich nicht mehr um sein Weib, das ihm längst entfremdet war, es handelte sich um sein Fleisch und Blut, um seine Söhne, und vor allem um seinen vergötterten Sohn, den dreizehnjährigen Mito, den Kleinen Pfeil. Ihm dämmerte auf, daß er unterliegen könnte im Kampf um das Herz des Knaben. Und ein nie gekanntes Angstgefühl verriet ihm die Macht des Kreuzes, dem zu trotzen er mehr denn je entschlossen war.

Noch hatte er aus dem Wirbel seiner Gedanken mit keinem Wort herausgefunden, als unglaubhaftig wie eine Traumerscheinung die Als-Schlange-Lebende hinter Fuchsiasträuchern auftauchend eben jetzt an den bedeckten Hausflur des Lusthäuschens herantrat. Wohl hätte er sie von ihrem Schlaflager weg an den Haaren zerren und durch die Säle des Tecpans schleifen können, nicht gerührt durch ihr Wehgeschrei, im Gefühl, ihr Richter zu sein. So aber, da sie ungerufen vor ihm stand, entwaffnete ihn – wenn auch nur im ersten Augenblick – ihre rührende Erscheinung.

Warum sie nicht schlafe? fuhr er sie an. Ob sie hergeschlichen sei, zu lauschen?

Sie war es gewohnt, von ihm so behandelt zu werden. Daher fiel ihr sein Grimm nicht auf.

Prinz Kriegsmaske sei gekommen, gab sie zur Antwort. Mit mehreren Tlamamas sei er gekommen, die schwere Warenballen trügen.

Es sei Mitternacht. Wer den Prinzen eingelassen habe? fragte Fichtenzweig scheinbar noch ruhig.

Sie habe es getan, entgegnete sie unbefangen. Die Diener seien, als es pochte, unschlüssig gewesen, sie aber habe geglaubt, Kriegsmaske einlassen zu dürfen, da er doch sein Freund sei.

Das sei Lüge! Sein Feind sei er! Nicht sehen wolle er ihn, in seinem Palast ihn nicht dulden! brüllte der Häuptling.

Das habe Kriegsmaske vorausgewußt, fuhr die Als-Schlange-Lebende fort. Deshalb habe er gebeten, daß nicht einer der Torhüter, sondern sie selbst seinen nächtlichen Besuch anmelden gehe. Und sie solle ihm sagen: nicht seinetwegen, sondern Tezcatlipocas wegen müsse er ihn sprechen.

Es war der heimlichen Christin schwergefallen, die letzten Worte wiederzugeben. Sie war sich bewußt, daß sie damit einen Verrat an ihrem Heiligsten beging. Doch im Widerstreit der Pflichten hatte in ihr die treue Gattin über die Adeptin gesiegt.

Die Worte wirkten wie ein Zauber auf Fichtenzweig. Er erhob sich rasch und ging durch den Garten dem Tecpan zu, um mit seinem Freunde abzurechnen.

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