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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 45
Quellenangabe
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Buch

San Juan der Aufgeblasene und der Grobian Pero Trujillo rauchten und zechten in der Marketenderlaube, die im Ballspielhaus der Sammelnden Biene aufgeschlagen war. Sie hockten auf niedrigen Sitzschemeln. Ein über mehrere Schemel gelegtes Brett diente als Tisch, auf welchem zwei mit Pulque gefüllte Zinnbecher standen. Denn spanischen Wein bot die Feuerlilie längst nicht mehr feil.

Der schweigsame, immer griesgrämige Trujillo war ein Meister im Spucken. Auf zehn Schritt Entfernung konnte er eine Fliege an der Wand treffen. Er war imstande, eine Schwalbe im Fluge zu besudeln. Leute, die es gesehen hatten, versicherten, er habe einmal aus ziemlicher Entfernung durch ein Schlüsselloch gespuckt, so zielsicher und elegant, daß der Metallrand des Schlüsselloches nicht einmal feucht wurde.

Zuweilen war sein Spucken chaotisch, zuweilen methodisch. In letzterem Falle lag stets eine Idee – eine platonische Idee – zugrunde. Figuren entstanden um ihn herum. An die Wand oder auf den Fußboden zeichnete er, bedächtig ein Häuflein Speichel neben das andere schleudernd, geometrische Gebilde, aber auch Organisches: Pflanzen, Insekten und Wirbeltiere. Mit unleugbar malerischer Begabung konnte er zum Beispiel die Konturen eines Ferkels mit geringeltem Schwänzchen spucken.

Heute hatte er seinen chaotischen Tag. Überraschend, geräuschlos spie er im Bogen über die aufrecht stehende Feuerlilie hinweg, spie gelegentlich wie zum Scherz durch den Henkel eines Kruges. Der ganze Raum zeugte von seiner Anwesenheit. Doch es fehlte die Idee. Er war mißgelaunt, weil er mit Pulque vorliebnehmen mußte.

»Diese süßliche Jauche hat einen Nachgeschmack wie verwestes Fleisch!« schimpfte er.

Nichtsdestoweniger trank er den fünften Becher aus und ließ sich den sechsten füllen.

Die Hauptleute Olid, Avila und Lugo traten in die Marketenderlaube. Geradeswegs kamen sie von der Sitzung des Hohen Rates und wollten sich den Staub aus den Kehlen spülen. Sie erzählten das Neueste: Kriegserklärung an Cholula.

»Frohlockt nicht zu früh!« bemerkte Avila. »Dem Frater traue ich zu, daß er's hintertreibt!«

»Der Frater ist ein Heiliger – daß Ihr's wißt, Senor!« schrie Olid und schlug mit der Faust auf das Brett, daß die Zinnbecher taumelten.

Um das Gespräch abzulenken – denn schon auf dem Heimweg hatten Olid und Avila über Aguilar gestritten –, wandte sich Lugo an San Juan den Aufgeblasenen:

»Nun endlich werdet Ihr der Welt dartun können, Señor, was Euer Zweihänder vermag!« sagte er lachend.

Der Aufgeblasene besaß ein Landsknechtsschwert von ungewöhnlicher Größe, das seines Gewichtes wegen nur mit beiden Händen geschwungen werden konnte. Beim Aufbruch von Sempoalla hatte er die unhandliche Waffe mit anderen Gepäckstücken den totonakischen Lastträgern übergeben. Mochte es Zufall, mochte es Absicht sein – bei den Kämpfen vor Tlascala war das Schwert verschwunden, und erst nach dem Einzug fand es sich wieder.

Nicht zum erstenmal erlebte er es, daß spöttisch auf sein Schwert angespielt wurde. Aber immer hatte er sich so erhaben über seine Kameraden gedünkt, daß es außer dem Bereich der Möglichkeit für ihn lag, die an ihn gerichteten Fragen könnten anders als ernst gemeint sein. Er selbst hatte ja durch Renommisterei dafür gesorgt, daß sein Schwert im Heere als Wunderschwert gerühmt war.

Diesmal aber höhnte ein Hauptmann – und das schnitt sogar durch den Panzer der Eitelkeit.

Der Aufgeblasene sagte in seiner hölzernen Weise: »Mein Schwert vermag einen Mann vom Scheitel bis zum Nabel zu spalten!«

Lugo brach in ein helles Gelächter aus. Es war ansteckend, auch Avila und Olid vergaßen des Streites und lachten.

»Ich schlage Euch eine Wette vor!« rief Avila. »Nicht auf die Waffe, nicht auf die Sehnen und Muskeln kommt es an, sondern auf die Eleganz des Hiebes. Ich vermag, wenn ich auch nur ein kurzes Schwert habe, mit einem einzigen Streich einen Kopf vom Hals zu trennen.«

»Ihr meint, das sei wunder was?« unterbrach ihn der bärenstarke Olid.

»Könnt Ihr das auch, Señor? Gut, also laßt uns beide nächster Tage im Krieg gegen Cholula die Köpfe zählen, die wir mit einem Hieb abschlagen. Wohlverstanden, bloß die Köpfe, die glatt abfliegen, sollen gelten. Und San Juan mag zählen, wie viele er bis zum Nabel spaltet. Ich gehe die Wette ein, daß ich mehr Köpfe einsammle als Ihr, Olid – von den Nabeln San Juans ganz zu schweigen.«

»Was stellt Ihr zur Wette?« fragte Olid ernsthaft und sachlich.

»Fünf indianische Jungfrauen aus Cholula!«

»Nein«, lachte Lugo. »Wer die Wette verliert, soll an der Wand stehen wie Sankt Sebastian am Pfahl und sich von Trujillo rundherum spucken lassen ...«

»Auch ich will wetten«, rief der Narr Madrid, der schon seit einer Weile zugehört hatte. »Ich wette, daß der Hauptmann Lugo die fünf indianischen Jungfrauen wird in Obhut nehmen müssen, weil der Held, dem sie zufallen werden, vom jus primae noctis keinen Gebrauch machen kann.«

»Warum? ... Von wem sprichst du, Narr?« fragte Lugo stutzend.

»Von Eurem Hetzhund, dem Becerrico, dem Hundehelden!« grinste Madrid. »Er wird mehr Indianer zerfleischen und zerreißen, als Ihr mit eleganten Hieben köpfen könnt. Wollt Ihr Euch mit ihm messen, ihm den Rang ablaufen? Gebt's auf! Denn Becerrico ist ein Bluthund. Das seid Ihr doch nicht!«

Der Pulque rettete dem Narren das Leben, denn die Trinker verstanden ihn nicht.

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