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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 43
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
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Der Saal der Dämonen, wo sich der Hohe Rat versammelte, war ein deckenloser Palasthof, an dessen niedrigen Jaspiswänden gemeißelte Götter und doppelköpfige Dämonen mit Schlangenleibern einander befehdeten, erwürgten und fraßen. Um die Beratenden vor der Sonne und dem noch immer niederrieselnden Aschenstaub zu schirmen, war ein buntgewebtes Segeltuch über den weiten Raum gespannt, der mehr als tausend Menschen fassen konnte. Heute hatten sich hier einige hundert Berater eingefunden, in Mänteln, durchwirkt mit farbigen Stammesabzeichen, am Nacken Quasten und grelle Federbüsche tragend, die Gesichter bemalt und mit Edelsteinnasenstäben geschmückt, hockten sie, einen Halbkreis um den König bildend, auf niedrigen Schemeln. Die Verpflichtung, in Gegenwart des Herrn der Herren einen grauen Hanfmantel überzuwerfen, waren sie an diesem Tage entbunden.

Ein Fächerhalter scheuchte die Fliegen vom Antlitz des Zornigen Herrn. Und aufrecht neben dem schwersilbernen, vom Adlerfittichbaldachin überdachten Thronsessel standen zwei Axtträger und des Königs Günstling, der Tempel-Feger. Sein Amt war es, die Reden des Königs laut in den Saal zu rufen. Denn althergebrachte Sitte heischte, daß der König Mexicos nur flüsternd leise sprach – als unvereinbar mit seiner hehren Würde wäre es empfunden worden, hätte er seine gottähnliche Stimme angestrengt ...

Der zahnlose Schwarze Amber – der Weibliche Zwilling – erhob sich.

»Mein Alter berechtigt mich, zuerst zu reden!« sagte er wie entschuldigend zu den Anwesenden.

Und er setzte auseinander, warum der König die Väter des mexikanischen Volkes hergerufen hatte. Schon standen die Gelbhaarigen in Tlascala. Es galt jetzt zu entscheiden, ob man sie mit Waffengewalt vertreiben, ob man sie als Gäste in der Wasserstadt aufnehmen solle. Die geringe Zahl der weißen Götter lasse es unglaubwürdig erscheinen, daß das tapfere Tlascaltekenvolk sich von ihnen besiegen ließ. Eher sei anzunehmen, daß die Niederlage eine Scheinniederlage war und der Friedensschluß eine Hinterlist, ersonnen von der Schwarzen Blume, dessen Ziel es wohl sei, Mexico zu zertrümmern – nicht durch die Waffen eines Häufleins Fremder, sondern durch den lähmenden Schrecken, den die Ankunft weißer und bärtiger Männer verursachte. Wie ein Fadenknüpfer sich der Zauberfäden, so wolle die Schwarze Blume sich der Söhne der Sonne bedienen. Zum Glück habe durch die Aussagen von zwei aufgegriffenen Sklaven sein Zauber den Schrecken eingebüßt.

Den Worten des Weiblichen Zwillings folgte ein längeres Schweigen. Niemand wagte zu reden, solange die Könige von Tezcuco und Tlacopan nicht geredet hatten. Aber der Durch-Zauber-Verführende schüttelte, als fragende Blicke ihn trafen, abweisend und verlegen den Kopf. Und auch der Edle Traurige verzichtete diesmal bescheiden auf sein Vorrecht zugunsten seines älteren Oheims, des Fürsten von Iztapalapan, des Bruders des Zornigen Herrn. Höflich aufgefordert durch Cacama, erhob sich der Überwältiger und sagte:

»O ihr hochmächtigen Herren, erlaubt mir zu sagen, was mein Herz mir eingibt. Diese Fremdlinge sind wie die furchtbare Schlange, die ›der gelbe Fürst‹ genannt wird und die ihr tödliches Gift auf große Entfernungen hinausschleudert. Unbedacht handelt, wer einem so schädlichen Gezücht an seinem Hausherd eine Wohnstätte zuweist ...«

Und in langer, eindringlicher Rede fuhr der Überwältiger fort, vor den Fremden zu warnen. Man solle ihnen Geschenke schicken und Freundschaft antragen, aber sie ersuchen, den Rückweg über das Ostmeer anzutreten. Möge auch jeder ihrer Wünsche erfüllt werden, so doch der eine nicht, daß sie die Dammwege der Wasserstadt betreten. Und ließen sie sich gutwillig nicht abhalten, so müßten die Adler und Jaguare Mexicos sie abhalten.

Die Aufnahme der Rede war zwiespältig, fast kühl. Auf allen Herzen lastete die Sorge – aber eben darum erhoffte man von den Rednern eine Selbstberauschung, eine großzügige Selbstbelügung, überhebliche, aufstachelnde, die Sorge bannende Worte. Und Klugheit ernüchterte, Voraussicht bedrückte, Vorsicht kränkte den mexikanischen Stolz. Da erhob sich der Edle Traurige und sprach leidenschaftlich, sich am Widerspruch und am Beifall, den er bald spürte, erhitzend.

Er sei anderer Meinung als der König von Iztapalapan, erklärte er. Feige wäre es, wollte man den Söhnen der Sonne, nachdem man sie fast bis vor die Tore der Stadt gelassen, den Eintritt wehren, und unklug wäre es, da alle Völker daraus schließen müßten, daß das große Mexico vor so wenigen Fremden bange. Edler und der ruhmvollen Vergangenheit würdiger würde es sein, wenn Mexico seine Statthalter und Beamten beauftragte, die weißen Götter auf ihren Wegen und Straßen so zu empfangen, als wären sie Chichimekenkönige, und sie über den Schilfsee zu geleiten, damit sie die unvergleichliche Macht und Herrlichkeit Tenuchtitlans und Montezumas sehen und erschaudernd erkennen, wie unvergleichlich und unvernichtbar sie sei, und, heimgekehrt nach Tlillan-Tlapallan, ihrem Fürsten das Geschaute beschreiben könnten. Sollten sie eine Botschaft zu sagen haben, so sei sein Oheim Montezuma ein Zederbaum, stark genug, den Wind, der ihn umsäuselt, anzuhören. Sollten sie sich aber anmaßend betragen, so werde es an Tapferen nicht fehlen, und er selbst werde der erste sein, sie mit Schimpf dafür zu züchtigen.

Als Cacama seine Rede beendet hatte, wurde er durch ein zustimmendes Gemurmel gelohnt. Auch Montezuma, der bis dahin regungslos mit wächsern fahlem Gesicht wie eine Puppe dagesessen hatte, nickte sinnend. Für manche noch Unschlüssige war dies ein Wink, wohin ihre umherirrende Meinung sich wenden müsse.

Die nun folgenden Reden bewiesen, daß der Edle Traurige die meisten der Anwesenden für seinen ritterlichen Vorschlag gewonnen hatte.

Da erhob sich der Herabstoßende Adler. Ein scheuer scharfer Blick Montezumas verletzte ihn wie ein Pfeil. Und der Jüngling wunderte sich, daß seine Rede Haß erweckte, noch ehe sie gesprochen war. Doch er ließ sich nicht abhalten, zu sagen, was er sagen mußte.

»O ihr hochmächtigen Väter« – rief er –, »öffnet eure Augen! Blickt die Wahrheit an, blickt nicht an ihr vorbei! Seht ihr nicht, daß Mexico sich in einen Abgrund werfen will – wie es Tula einst tat, die versunkene Toltekenstadt? In alten Büchern ist es gemalt, daß ›Er, dessen Sklaven wir sind‹ in Bettlerverkleidung den Toren Tulas nahte und Einlaß begehrte ... Ich will den König sehen und ihn sprechen!‹ sagte er zu den Torhütern. ›Hebe dich fort!‹ wurde ihm geantwortet, ›entferne dich, Alter! Der König ist krank und läßt sich nicht sprechen!‹ Darauf wiederholte der Bettler immer wieder: ›Ich muß ihn sehen!‹ Da gingen die Torwächter, es dem Könige zu melden, daß ein Bettler vor den Toren stehe ... Wir haben ihn vom Tor gewiesen, wir haben ihn fortgejagt, aber er will sich nicht entfernen, und er sagt, dringend notwendig sei es, daß er dich spreche!‹ Großmütig befahl der König, ihn einzulassen: denn die Armen seien Abbilder der Götter, sprach er. Nicht lange aber, nachdem ›Er, dessen Sklaven wir sind‹ die Stadt betreten hatte, floh der König und flohen die Tolteken aus dem verlorenen Tula ...«

Und der Herabstoßende Adler beschwor die Väter Mexicos, den törichten Edelmut der Tolteken nicht nachzuahmen und die Tore dem verschlingenden Meer nicht zu öffnen, damit es Mexico nicht so ergehe wie Tula, damit man den Eindringling nicht einst benenne: »Er, dessen Sklaven wir sind!« ... Aber auch durch Geschenke sich loszukaufen, wie der Fürst von Iztapalapan vorgeschlagen, sei der Größe Mexicos unwürdig. Und da die Gelbhaarigen sich an Gold noch immer nicht ersättigt hätten, sollte man ihnen die Goldstandarte der Wasserstadt senden, umringt von jungen Kriegern in Jaguarrüstung und Pfeilschützen, die vierhundert Feuersteinspitzen versenden. Das wäre das Geschenk, das die Nimmersatten verdienten. Noch sei es Zeit dazu. Bald aber werde es zu spät sein, wiedergutzumachen, was nicht mehr gutzumachen sei.

Die Rede übte eine noch tiefere Wirkung aus als die des Edlen Traurigen und machte großes Aufsehen. Es war bekannt, daß Guatemoc und Cacama sich nicht liebten, entzweit seit der Verlobung der Prinzessin Maisblüte. Man hatte einen Meinungsgegensatz und einen Wortkampf der beiden Prinzen erwartet. Nun war das Unerwartete geschehen, daß sich keine Feindseligkeit gegen den Rivalen in den Worten des Herabstoßenden Adlers hatte spüren lassen. Er hatte die Vorschläge des Königs von Tezcuco bekämpft, doch nicht ihn selbst, da die Besorgnis um Mexico zu groß und der Augenblick ihm zu ernst erschienen war, an kleinlichen Zwist zu denken. Ja, er hatte die vornehme Gesinnung Cacamas gewürdigt, wenn er sie auch für unheilvoll hielt. Und wenn seine Ermahnung eine heimliche Spitze hatte, so richtete sich diese nur gegen den Zornigen Herrn und die würdelose Beschenkung der weißen Götter.

Der Tempel-Feger, mit welchem Montezuma längere Zeit geflüstert hatte, wollte eben die Entgegnung des Königs in die Versammlung rufen, als ein Sklave, vor dem Zornigen Herrn niederkniend, meldete, aus Tlascala sei das Rauchende Blut – Montezumas letzter Gesandter an die weißen Götter – zurückgekehrt. Der König ließ ihn in den Saal bitten.

Über die gehaltenen Reden war das Rauchende Blut, während er vor der Tür des Dämonensaales wartete, unterrichtet worden, daher wußte er, daß der Schwarze Amber den Sieg über Tlascala als einen Scheinsieg bezeichnet hatte und den beschlossenen Bund als eine Spiegelfechterei, mit welcher die Schwarze Blume nur ängstliche Herzen schrecken könnte. Diese Entstellung des wahren Sachverhalts, diese ahnungslose Zuversicht und Unterschätzung der Gefahr – wie sie außerdem Weiblichen Zwilling auch der Edle Traurige bekundet hatte – wies der Gesandte, seinen Bericht erstattend, eifrig zurück, indem er hervorhob, daß er das blutgetränkte Schlachtfeld gesehen und der Bestattung der Tlascaltekenleichen beigewohnt habe. Zu Hunderten seien die Tlascalteken und Otomis von Donner und Blitz – den feuerspeienden Waffen der Weißen – hingemordet worden, in einem Scheinkampf würden so viele den Tod nimmermehr gefunden haben. Der gesamten Wehrmacht des Freistaates standen vierhundert Söhne der Sonne gegenüber und siegten – nicht einmal nur, dank einem Glückszufall, sondern jedesmal, in etlichen Schlachten siegten sie und wären auch einem mächtigeren Feinde gegenüber Sieger geblieben. Unverletzlich und unsterblich zwar seien sie nicht, da auch sie Verwundete und Tote hatten, aber vermöge ihrer zauberischen Feuergeräte aus Kupfer kaum bezwingbar – es sei denn, daß Mexico seine gesamten Heerscharen gegen sie aufböte. Und klüger möchte es sein, den Feind vor den Toren des Landes als vor den Toren der Hauptstadt oder gar innerhalb der Stadtmauer zu vernichten. Und zum Schluß überreichte er Montezuma die bemalte Leinwandurkunde, darin der Wortlaut der Rede des weißen Gottes verzeichnet stand. Auf einen Wink des Zornigen Herrn las der Tempel-Feger von der Leinwand die hochfahrenden Worte ab, mit welchen der weiße Gott von Montezuma drohend erheischte, ihm unverzüglich die beiden entlaufenen Sklaven auszuliefern.

Wie aus einem Munde stieß der Hohe Rat einen Entrüstungsruf aus. Die Verwirrung, die bis dahin geherrscht hatte, war geschwunden. Es gab keinen Widerstreit der Meinungen mehr. Es handelte sich nicht mehr um Cacama oder Guatemoc, ob man die Fremden in die Stadt einladen solle oder nicht. Jetzt handelte es sich nur darum, für eine freche Beschimpfung die würdige Antwort zu finden. Hätte Montezuma in diesem Augenblicke seine Ratgeber gefragt, sie hätten ihn alle ohne Ausnahme gebeten, die Adler und Jaguare auf die Gelbhaarigen loszulassen.

Doch Montezuma fragte nicht, da er die Antwort voraussah und den Rat nicht befolgen wollte. Es wäre für ihn selbst eine Erlösung gewesen. Denn seit einem halben Jahr krankte er an der Unfähigkeit, einen Entschluß zu fassen. Aber sogar die kühne Anmaßung des weißen Gottes befreite ihn nicht von der Lähmung seines Willens. Er, der eben noch – beeinflußt durch die Aussagen der beiden Sklaven – den Vorschlägen des Edlen Traurigen zugenickt hatte, war verwirrt durch die Rede des Rauchenden Blutes und haltloser denn je. Mit verlorenen Blicken sann er hin und her und flüsterte mit dem Tempel-Feger. Nicht nur seines Leibes, auch seiner Seele Doppelgänger schien dieser zu sein – sein williges Werkzeug und doch zugleich der Wille, der den Königswillen sich zum Werkzeug schuf ...

Nach einer Weile sprach Montezuma zur Versammlung, und der Tempel-Feger wiederholte laut rufend jedes seiner unvernehmbaren Worte. Der König teilte seinen Entschluß mit – der keiner war, sondern eine Ausweichung, eine feige Umgehung des männlichen Entschlusses.

»O ihr meine Oheime und Väter«, sagte Montezuma, »wir wollen die beiden Sklaven Unserer Großmutter, der Göttin mit dem Adlerfuß, opfern, deren Fest, das Fegen der Wege, morgen gefeiert wird. Denn weder kann ich dem weißen Gott seine Bitte erfüllen, noch will ich mich von ihm zwingen lassen, sie zu erfüllen. Wenn wir aber die Sklaven geopfert haben und man fragt uns nach ihnen, so können wir sagen, so können wir offenbaren, daß die Sklaven im Himmel der Sonne weilen und mittags in Gestalt von Kolibris zur Erde fliegen. ›Fangt die Kolibris!‹ werden wir sagen. ›Fangt euch die Summvögel, die eure Sklaven sind‹, werden wir sagen, wenn man uns fragt. Aber unsere Tapferen werden wie die Präriewölfe in den Bergen und Schluchten um Cholula heulen und hindern, daß man uns fragt. Denn die heiligen Könige Cholulas empfingen zwei Goldtrommeln als Geschenk von mir, und sie wollen die Tore der heiligen Stadt öffnen und ein Fest den weißen Göttern rüsten und sie auf ihre Tempel hinaufführen, während unsere Adler und Jaguare in den Schluchten lauern ...«

Nur drei wagten Widerspruch zu äußern, der Überwältiger, der Edle Traurige und der Herabstoßende Adler. Ihr Kampf gegen die Heimtücke war vergebens. Der Rat der Alten hatte keine Stimme mehr, nachdem Montezuma gesprochen hatte.


Melchorejo und Julianillo starben mit vielen Leidensgefährten und einer Leidensgefährtin, einer schönen flaumjungen Mexikanerin. Freiwillig hatte sie sich dazu gemeldet, Unsere Großmutter, die Göttin der Lust und des Unrates, zu sein, hatten doch junge und alte Hebammen und Ärztinnen – »die die Würmer aus den Zähnen oder aus den Augen ziehen« – ihr vorgeredet, sie werde in ein Gemach geführt werden, wo »der König« – der junge Maisgott – bei ihr liegen werde.

Während fünfzehn Vorfesttagen wurde sie, nachdem sie die Göttinnentracht angelegt hatte, durch lautlose, gesanglose Tänze und Tanzspiele zerstreut, da es für ein schlimmes Vorzeichen galt, wenn Unsere Großmutter ihren Tod beweinte. Den Mund mit schwarzem Kautschuk bemalt, schritt sie den letzten Tag, begleitet von allen Medizinweibern, durch die Straßen Tenuchtitlans und auf den großen Markt, um Abschied von der strahlenden Welt zu nehmen. Und wo sie ging, streute sie Maismehl, so daß der weiße Faden ihrer Spur sich allerorts über den Boden der Gassen, Plätze und Kanalbrücken schlängelte. Vor dem Tempel der Göttin aber wurde Unsere Großmutter von fünf Priestern in Empfang genommen, und tröstend raunten die Hebammen ihr zu: »Ängstige dich nicht, mein Täubchen! Du verbringst die Nacht mit dem König! Freue dich! ...« Auf der Plattform stellte der stärkste der fünf Priester sich Rücken an Rücken zu Unserer Großmutter, hakte seine Arme in ihre Arme, beugte sich und hob sie, um sie als Rückenlast zum »König« zu tragen – genau so, wie es in Mexico üblich war, die Braut zum Bräutigam zu tragen. Im selben Augenblick wurde ihr Haupt vom Halse getrennt. Dann zog man der Leiche die Haut ab. Und aus der Schenkelhaut schnitt man eine Maske für das Gesicht des starken Priesters. Den Körper aber dieses Priesters bedeckte man mit der frisch gegerbten Mädchenhaut. Und ein Frauenrock wurde ihm umgelegt, große Adlerfüße – das Attribut der Göttin – wurden ihm an die Knöchel geschnallt, und allerlei Zieraten Unserer Großmutter aus Goldblech, Amethyst, schwarzem Achat und Grünstein erhielt er als Schmuck. So zur Göttin geworden, ging er daran, unterstützt von den vier anderen Priestern, die als die vier Morgenröten gekleidet waren, den männlichen Opfersklaven den Edelstein aus der Brust zu reißen.

Während die Tötung des Mädchens in der Nacht vor dem Festtage erfolgen mußte, geschah die Schlachtung der Sklaven erst nach Sonnenaufgang. Die vier Morgenröten hatten Brennholz zu großen Haufen auf der Plattform geschichtet und zu einem mächtigen Feuerbrand entfacht.

Das Besenfest – das Fegen der Wege genannt – war eins der volkstümlichsten. Die gesamte Bewohnerschaft Tenuchtitlans nahm daran teil und drängte sich, zermalmte sich schier in den Gassen. Alle Dächer waren von Schaulustigen überfüllt. Denn in den Höfen des kleinen Tempels der Göttin war wenig Raum – und die Ehrenplätze dort waren dem Zornigen Herrn, seinem Hofstaat und seinen Krüppeln und Narren vorbehalten.

Auch die Herrin von Tula und ihre Tochter Perlmuschel hatten sich einfinden müssen, höflich, aber unverweigerlich dazu aufgefordert durch die Königin Acatlan, obgleich oder gerade weil diese anzunehmen Grund hatte, daß die Witwe und Tochter des Herrn des Fastens, seinen abtrünnigen Lehren getreu, den blutigen Opferritus mißbilligten und verabscheuten. Die Rache der Königin Acatlan für die verweigerte Schale Kakao gelang ihr vollkommen. Gezwungen, ihre Empfindungen hinter einem versteinerten Lächeln zu verstecken, mußten die beiden Frauen mit ansehen, wie Melchorejo und Julianillo schluchzend und laut heulend vom Daunen- und Papierschmuck sich entblößen ließen, an Armen und Beinen sich binden ließen, wie sie erst von den vier Morgenröten mit Pfeilschüssen durchbohrt und dann auf den Scheiterhaufen gelegt wurden, wo ihre Körper von Brandblasen geschwellt sich gräßlich aufblähten, bis – fast wie eine Erlösung war es – Unsere Großmutter sie, die immer noch Lebenden, aus dem Feuer zog und, von Brustwarze zu Brustwarze sie aufschlitzend, ihnen das dampfende Herz herausriß ...

Der kleine Menschen-Puma fiel in Ohnmacht.

Seit er in der Erdbebennacht von den Federarbeiterinnen gepflegt und dann durch Guatemoc der Prinzessin Perlmuschel wieder zugestellt worden war, fieberte er. Doch Perlmuschel hatte sich nicht entschließen können, ihn in ihrem von Feinden behüteten Palast zurückzulassen, hatte ihn krank, wie er war, mitgenommen, um ihn unter ihren Augen zu behalten. Längst war es ihre heimliche Absicht, in diesem Knaben sich einen Rächer für die rote Blume von Yuquane zu erziehen, darum war sie davor nicht zurückgeschreckt, ihn das Furchtbare sehen zu lassen (das ja die Kinder in Mexico auf Schritt und Tritt sahen), – es mußte den Groll und die Empörung gegen die bluttrinkenden Götter und ihre mexikanischen Diener in der von ihr beeinflußten Kindesseele einwurzeln und wachsen machen ...

Der Vom-Himmel-Gestiegene verließ seinen Platz neben seiner Schwester Maisblüte, wand sich durch das Gedränge der Höflinge und stand plötzlich vor der Herrin von Tula und Perlmuschel.

»O Prinzessin«, sagte er zu Perlmuschel, »laß mich Menschen-Puma in deinen Tecpan tragen.«

»Räuber! ...« entgegnete sie leise und umklammerte den Knaben. »Du hast ihn neulich geraubt! ...«

»Es gibt Unglückstage, o Prinzessin! Ich wußte nicht, was ich heute weiß.«

»Was weißt du heute?«

»Daß du mein Weib werden wirst!«

»Du hast ein Weib und viele Weiber ...«, sprach sie fassungslos.

»Nein. Maisblüte warf meine Freude in einen Brunnen. Und die Flötenspielerinnen bringen mir die Freude nicht wieder. Aber du kannst sie aus dem Brunnen ziehen!«

»Ich hasse dich!«

»Mich straft die Liebesgöttin durch dich, o Prinzessin!«

»Und darum raubst du mir den Knaben?«

»Wenn man die Trommel kratzt, so schreit sie, o Prinzessin! Auch mein Herz schreit vor Qual. Wäre der Knabe dein Bruder, das schwöre ich dir bei der Sonne und den Wassern des Sees, ich würde ihn nie töten. Aber er ist dir ein Fremder, und doch liebst du ihn mehr als mich. Also muß er sterben, weil mich die Liebesgöttin so grausam straft ...«

Der Vom-Himmel-Gestiegene entfernte sich. Die Prinzessin hielt den Knaben angstvoll umklammert und sagte zur Herrin von Tula:

»Die Sonne und die Wasser des Sees haben seine Worte gehört: wenn Menschen-Puma mein Bruder ist, wird ihm nichts geschehen ...«

Doch ihre Mutter schwieg düster und ließ sie ohne Antwort.


Beim Opferfeste fehlten der Edle Traurige und der Tempel-Feger, sie hatten den Abend zuvor Tenuchtitlan verlassen. Der Edle Traurige, weil der Aufruhr in Tezcuco seine Gegenwart erheischte, und der Tempel-Feger, um neue Weisungen Montezumas nach Cholula zu tragen.

Seiner Abreise war ein längeres Zwiegespräch mit Montezuma vorausgegangen. Gleich nach der Kronratssitzung hatte Montezuma wieder zu bereuen begonnen, daß der Überfall in Cholula beschlossen war. Nicht ohne Mühe gelang es dem erfindungsreichen Günstling, die Bedenken des Königs zu zerstreuen, und um dessen Zaghaftigkeit zu beschwichtigen, trat er mit zwei neuen Plänen hervor. Gewiß, meinte er, könne der Anschlag mißlingen, und nur klug sei es, auch diese Möglichkeit ins Auge zu fassen. Darum rate er, den Weg von Cholula zum Paß zwischen dem Rauchenden Berg und der Weißen Frau zu unterhöhlen und mit eingerammten Pfählen zu versehen, so daß die Söhne der Sonne mit ihren Hirschungeheuern, den Weg betretend, sich selbst aufspießen würden. Sollte es ihnen aber gelingen, auch dies Hindernis zu überwinden, so brauche Montezuma dennoch nicht zu fürchten, ihnen begegnen zu müssen. Denn er erbiete sich – gekleidet mit allen Insignien des Herrn der Welt, geschmückt mit der türkisenen Stirnbinde und umringt von Würdenträgern, dem weißen Gotte entgegenzuziehen, seine Botschaft anzuhören und ihn mit einer Antwort an den Fürsten des Ostens zu entlassen. Die Gelbhaarigen und ihre tlascaltekischen Begleiter würden nicht imstande sein, den falschen Montezuma vom echten zu unterscheiden ...

Beide Vorschläge fanden den Beifall des Zornigen Herrn. Seit seinem Besuch beim alten Zauberer Zacatzin hatte er es vermieden, vor seinem Günstling den Namen der Prinzessin Perlmuschel zu nennen. Jetzt sagte er zum Tempel-Feger: »O tapferer Krieger, du Kluger! Mein Herz begreift nun, warum der Herr unserer Leiber im neunmal verkettet ruhenden Himmel dich mir zum Spiegel machte! Gelingt dir's, – so wird die Göttin der Blumen dir und meiner königlichen Nichte, der Prinzessin Perlmuschel, das Ehebett weihen!«


Im wunderschönen Chapultepec führte Prinzessin Maisblüte ein glückloses Leben. Sie verachtete ihren Gatten und Bruder, den Vom-Himmel-Gestiegenen. Sie verfluchte ihre erzwungene Ehe. Und sie trug nicht, wie andere jungen Frauen, eine getrocknete Beutelratte (von der man annahm, daß sie die Geburten fördere). Denn Maisblüte wollte ihrem Gatten kein Kind gebären.

Eine kurze Zeit hatte sie sich Mutter gefühlt. Aber nach wenigen Tagen schon war sie durch eine der berüchtigten mexikanischen Fruchtabtreiberinnen – die sie ohne Wissen des Vom-Himmel-Gestiegenen in ihr Schloß bestellt hatte – von der verhaßten Bürde befreit worden.

Ihrem Gatten teilte sie mit, daß sie kinderlos bleiben werde und auch bleiben wolle. Sie versagte sich ihm.

Als sie aber eines Tages in der Speise, die er ihr reichte, eine zerhackte kleine Macaschlange – ein nicht selten angewandtes Liebeszaubermittel – fand, erboste sie und sprach den Fluch aus: weder von ihr noch von einer anderen Frau solle er je ein Kind haben!

Um sich sein Eheleid aus dem Sinn zu schlagen, stürzte sich der Vom-Himmel-Gestiegene von neuem in wilde Vergnügungen, zügelloser noch, als er es vor der Ehe getan hatte. Sein nasenloser Freund Coxtemexi mußte ihm allnächtlich Feildirnen, Tanzmädchen und Flötenspieler in das Lustschloß bringen. Und das fernblasse Gelärm der Orgien zirpte über den verschlafenen Schilfsee.

Eine Weile schaute Maisblüte grollend dem Treiben zu. Dann verbot sie die Entweihung ihres Schlosses Chapultepec.

Der Prinz setzte die wüsten Gelage in Tenuchtitlan im Großen Palaste fort, und er entblödete sich nicht, auch Sandalenbinderinnen seines Vaters dazuzuziehen. Keiner der Tecpanbewohner, keiner der allzu vielen Höflinge brachte den Mut auf, den Königssohn bei seinem Vater zu verklagen. Und Montezuma konnte von den anstoßerregenden Vergnügungen nichts vernehmen, denn die Baumkronen des Schloßparkes rauschten, und die Springbrunnen murmelten zwischen dem von ihm bewohnten Palastteil und den weit entfernten Gemächern des Prinzen.

Seit der Erdbebennacht ließ sich der Nasenlose nicht mehr blicken, und der Prinz machte sich Sorgen deshalb, ohne zu ahnen, daß dicht neben dem Schauplatz der Orgien – die nun ohne Coxtemexi gefeiert werden mußten – sich das Gewahrsam des vermißten Freundes befand. Als Vorsteher des Hauses der Edelsteine bewohnte nämlich der Herabstoßende Adler mit seiner Dienerschaft und seinem strenggehüteten Gefangenen einen angrenzenden Palastflügel.

Maisblüte war es nicht unbekannt geblieben, wohin ihr Gemahl die Trinkgelage verlegt hatte und wie schamlos er sich an den Mägden des Königs vergriff. Wenn Montezuma diesen Ärgernissen kein Ziel steckte, so wollte sie es tun. Sie beschloß, ihren Gatten zu überraschen.

In der dem Besenfest folgenden Nacht ließ sie sich in ihrer Sänfte nach der Stadt und in den Großen Palast tragen. Aber anders, als sie es sich ausgemalt hatte, war im blumengeschmückten Papageiensaal die Begegnung mit dem Vom-Himmel-Gestiegenen.

Entgegen seiner Gewohnheit – vielleicht infolge der launisch-jäh gefaßten Liebe zu Perlmuschel und ihrer harten Abweisung trüb gestimmt – hatte sich der Prinz diesmal auch mit ernsteren Zechgenossen umgeben, deren Gegenwart der groben Ausgelassenheit der Sandalenbinderinnen Einhalt gebot. Als Maisblüte, mit zürnenden Worten vor ihn hintretend, unter vielen fremden Gesichtern auch die wohlbekannten Züge des jungen Königs von Tlacopan und die weinseligen des Spinners erblickte, konnte ihr überzartes Mädchengesicht nicht anders, als freundliches Lachen lachend erwidern. Und ihren mit Vorwürfen beginnenden Satz beendete sie mit Scherzworten. Ihr Gatte fing die Scherzworte auf und warf sie lachend zurück: nur darum schelte sie ihn, rief er, weil sie Pulque nicht zu trinken wage. Und alle Gäste horchten auf, welche Antwort die Prinzessin wohl geben werde. Und in scherzendem Ton gab sie die Antwort, die von ihr erwartet wurde: sie rühmte sich, mehr Pulque zu vertragen als der Vom-Himmel-Gestiegene. Da bestanden alle Gäste darauf, es müsse erprobt werden.

Und Prinzessin Maisblüte trank mit ihrem Gatten um die Wette, bis sie trunken war. Und als sie trunken war, kreischten die Sandalenbinderinnen und Tanzmädchen vor Entzücken über sie, die liebreizende, die adelige, die betrunkene Königstochter.

Da trat ein ungeladener Gast in den Papageiensaal. Aus dem Schlaf geweckt durch das Flötenspiel und Gekreisch, kam der Herabstoßende Adler, dem lärmenden Königssohn Vorhaltungen darüber zu machen, daß er sich am Frauenhause seines Vaters vergriff ... Gelächter erhielt er zur Antwort.

Und im Schimmer der schwelenden Kienfackeln sah er Maisblüte ... Stets hatte er sie gemieden, seit sie ihm verloren war. Eine Trunkene saß sie jetzt unter Trunkenen.

Ihre Augen jammerten. Ihr voller Giftblumenmund war schmerzlich geschlossen, feucht wie eine zerschnittene Frucht. Und sie erhob sich, trunken wie sie war, erhob sie sich, kam schwankend auf ihn zu und sprach ihm von Sehnsucht, von Neigung und von zu jungen Herzen, die sich selbst nicht verstehen ...

»Ach, allzu spät hat die Blume der Liebesgöttin mich berührt!« sagte sie.

Er stieß sie von sich, und taumelnd sank sie zu Boden. Schnell verließ er den Saal.

Und nun trank Prinzessin Maisblüte, bis sie bewußtlos wurde und einer Toten gleich dalag.


Und als Maisblüte tags darauf ihren Rausch ausgeschlafen hatte, war sie sich selbst verhaßt, war sie sich selbst ein Greuel geworden, und wie zerfetzt war ihre Seele durch die Messer der Scham und der Reue und des Lebensüberdrusses. Wieder fühlte sie den handgroßen Skorpion auf ihrem Brustschmuck sitzen – wie damals, im Schloßgarten von Tlatelolco, als die wiederauferstandene Papan, von der Begeisterung des Gottes erfüllt, Wehe über die Tochter Mexicos gerufen hatte ...

Die Götter des Pulque und aller Rauschgetränke – die Totochtin, die kleinen Hasengötter – hatte sie durch ihr Benehmen beleidigt. Und sie beschloß einen Bußgang in den Tempel der Hasengötter.

Doch nur in Tenuchtitlan ließ sich das ausführen und nur, wenn Montezuma ihr seinen Beistand lieh. Sie schwebte in ihrer Kolibrisänfte zum Zornigen Herrn. Ihre Schönheit vermochte viel über ihn. Aber diesmal mußte sie lange überreden, viele Gegengründe widerlegen. Gar sehr widerstrebe es ihm, sagte er kopfschüttelnd, seines liebsten Kindes Nacktheit den Blicken des Volkes preiszugeben – wie solches beim Bußgang zu den Hasengöttern unvermeidlich wäre.

Um den Blicken zu wehren, erwiderte sie ihm, erbitte sie ja seinen Beistand. Und sie zeigte ihm, wie er das Volk hindern könne, ihre Blöße zu schauen.

Da ließ Montezuma durch den Vorsteher des Hauses der Teppiche mancherlei Anstalten treffen für den mitternächtlichen Bußgang der Prinzessin Maisblüte. Und allen Bewohnern Tenuchtitlans und allen Palastbewohnern wurde befohlen, drei Stunden vor Mitternacht müßten sie sich schlafen legen – wer aber wachend angetroffen werde, solle mit dem Tode betraft werden. Auch alle Torwächter müßten sich zur Ruhe begeben, und unbehütet offen sollten – in dieser einen Nacht – die Tore des Palastes stehen. Und der Vorsteher des Hauses der Teppiche erhielt ferner den Auftrag, dreißig Blinde in Tenuchtitlan zusammenzusuchen, damit sie mit Kienfackeln den Weg der Prinzessin erhellten.

Den Bußgang zum Tempel der Vierhundert Kaninchen trat Maisblüte in einem stolaähnlichen Papiergewande an, welches rechts und links aufgeschlitzt war. Sie kam zum Tempel, klomm die Treppe hinauf zur Plattform, und kniend im Sanktuar – wo Grünsteinbilder von zehn Pulquegöttern und von Mayauel, der Agavegöttin, der Vierhundertbrüstigen, aufgestellt waren – räucherte sie, klagte sich ihrer Sünde an und betete. Und nach dem Gebet nahm sie sich das Papiergewand ab und legte es vor der Vierhundertbrüstigen nieder. Und völlig nackt – bis auf die silbernen Sandalen, mit deren schleifenverzierten Lederriemen die halbe Wade umschnürt war – stieg Maisblüte die Stufen hinab. Am ganzen Körper war sie hellgelb geschminkt. Nur Sterne des Himmels sahen blinzelnd auf ihre zauberhafte Blöße nieder, deren Zauberhaftigkeit noch erhöht wurde durch das grausame Wundmal, die schreiend rote, kaum geheilte Vernarbung der linken, zerwüsteten Brust ... Sterne, Eulen und Vampire sahen sie – aber Menschen nicht. Durch die toten schwarzen Gassen und Kanalbrücken ging sie wiegend dem Großen Tecpan zu. Und alle hundert Schritte stand einer der dreißig Blinden, die hängenden Ränder der ausgelaufenen Augen karminen grell beleuchtet von der Fichtenholzfackel, mit welcher er, ein ewig Blinder, der nackten und verstümmelten Königstochter den Weg erhellte.

Dem letzten der Blinden nahm Maisblüte die Fackel aus der Hand. Denn sie fürchtete sich, in den lichtlosen, nachtschwarzen, wie verzauberten Tecpan zu treten. Alle Palasttore standen unbehütet offen, und sie wußte nicht, durch welches sie eintrat. Sie kam durch Säle und Korridore, die sie nie gesehen hatte. Dann, als sie weiter ging, entsann sie sich, daß sie in diesen Irrgängen schon früher gewandelt war, doch sie wußte nicht, ob in Träumen oder in Wirklichkeit. Und als sie schließlich erkannte, daß sie sich im Palastflügel befand, den Guatemoc bewohnte, war es zu spät, zurückzufliehen. Ahnungslos hatte sie eben das Schlafgemach des Herabstoßenden Adlers betreten. Beim Kienfackelschein starrte sie ihm entsetzt in die Augen, der wach dasaß, als hätte er sie herbeigesehnt. Sie wollte zurückweichen – er ließ sie nicht fort. Und er fing sie zart mit den Händen und hielt sie, als hätte er einen Schmetterling erhascht, und er zog sie auf das Bett.

»Auch mich hat die Blume der Liebesgöttin berührt!« sprach er, sie mit Küssen fast erstickend.

Gegen Morgen war er eingeschlafen. Sie aber streichelte ihm die Stirn und das Haar. Da war ihr, als sähe sie im Dämmerlicht, daß ein Kopf sich durch den Korallenvorhang der Kammertür schob. Und nur der Kopf war zu sehen, körperlos schien er dort zu hängen, gleichsam an die Luft genagelt. Dem wohlgeformten Antlitz aber fehlte die Nase ... Und als ihr zum Bewußtsein kam, daß es Coxtemexi sei, der sie hier auf dem Lager des Herabstoßenden Adlers erblickte und hohnvoll anblickte, stieß sie einen Schrei aus. Das Haupt verschwand, und Guatemoc erwachte. Doch auf alle seine Fragen schüttelte sie nur traurig den Kopf und verriet ihm nicht, was sie weinen machte und warum sie eilends von ihm Abschied nahm. Denn sie selbst hielt das Gesicht für ein Traumgesicht und wollte dem Geliebten mit haltlosen Ahnungen das Herz nicht beschweren.

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