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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 41
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Aber außer dem goldstrahlenden, hochmütigen, ruhmberauschten Tenuchtitlan gab es auch ein alltaggraues, emsigstilles, dem Broterwerb nachgehendes Tenuchtitlan, welches Ruhm und Heldengröße nie erstrebt hatte und auch der Schande, dem Verfall, dem Untergang des Aztekenreiches gleichmütig zuschaute. Ein Orkan kann Bäume fortfegen, aber nicht das Gras. Wo die Orkane der Geschichte brausen, schwinden die Herren und machen neuen Gewalthabern Platz. Ewig gleich aber bleibt sich das geschichtslose Volk der Dürftigen. Sein Adel ist älter als der älteste Adel auf Erden. Kultur ist nur möglich, weil sie – die Geschichtslosen – ackern und weben, mauern und schmieden, und dennoch – am sinnlosen und sinnvollen Weltgeschehen ackern und weben, mauern und schmieden sie nicht, es sei denn, wo die Kultur sich selbst zerstört. Hoch über ihren Köpfen schwebt das Weltgeschehen wie Gewitterwolken über einer Landschaft.

Das Volk, das wimmelnd wie ein Bienenschwarm die ärmeren Gassen der Wasserstadt behauste, hatte schon zu Zeiten der Tepanekenkaiser Steine geschnitten, getischlert und Federmosaik kunstvoll genäht, wie auch schon, als Tula, die Stadt der Toltekenkönige, Mittelpunkt der Welt war, und selbst früher noch, als die Zapotekenkultur der Totenstädte Mitla und Palenque bis nach Anahuac reichte. Einander abgelöst hatten die Quinames, Olmeken, Zapoteken, Tolteken und Tepaneken – und ihre Staaten waren aufgeknospt, hatten Honig und Düfte spendend geblüht, waren verwelkt und, sich entblätternd, zerfallen. Volk auf Volk war hingesunken, hingeschwunden. Doch nach wie vor fingen Entenjäger am Schilfsee die Wasservögel, und Töpfer kneteten Ton – unbekümmert darum, daß jetzt Präriewölfe dort heulten, wo der Zürnende Aderlasser und Prinz Schambinde in grauenvoller Tepanekenpracht geherrscht, und daß ausgeraubt, dem Erdboden gleichgemacht die Silberpaläste der Tolteken waren, von deren Herrlichkeit nur noch schwermütige Sagen zu künden wußten. Ein Wort, ein bloßer Name war geblieben: die Handwerker in den Städten Anahuacs wurden Tolteca genannt.


Der rotbärtige und rothaarige Gonzalo Guerrero – der jetzt das Sklavenhalsband trug und am Scheitel die Sklavenfeder – liebte es, in der armseligsten Stadtgegend umherzuschlendern, das Treiben des arbeitenden Volkes zu beobachten, sich mit Mantelwebern, Seifensiedern, Blumenhändlern, Lackarbeitern und Korbflechtern in Gespräche einzulassen. Sein an indianische Laute gewöhntes Ohr hatte sich ziemlich rasch in den Irrsalen der mexikanischen Mundart zurechtgefunden. Der Herabstoßende Adler, dessen Eigentum er war, besaß zahllose Sklaven, und nicht zum Fächerhalter, Axtträger oder Sandalenbinder hatte er den gefangenen weißen Gott bestimmt. Wertvolle Auskünfte und Ratschläge erwartete er von ihm, doch um die zu erhalten, mußte er ihm Zeit lassen, ihm Gelegenheit geben, seine Zunge zu üben. Darum war es diesem Sklaven unverwehrt, im Meer der Gassen unterzutauchen, ja sogar, auf einem Einbaum über den Schilfsee rudernd, die benachbarten Orte zu besuchen. Ein Fluchtversuch wäre unsinnig gewesen. Jedes Kind kannte den Roten Jaguar.

Eines Tages erblickte der Rote Jaguar im Menschengewühl einen Jüngling, dessen Gesicht und Gestalt ihm bekannt vorkamen. Der junge Mensch ging in der Tracht eines huaxtekischen Tonwarenhändlers und trug eine zuckerhutähnliche, spitze Kopfbedeckung aus Kaninchenhaarfilz. Da plötzlich entsann sich der Rote Jaguar, daß sein Herr, der Herabstoßende Adler, mit diesem selben Jüngling auf der Lagune vor Chapultepec zusammengetroffen, daß er in sein Kanoe gestiegen war und eine Nacht hindurch leise und eindringlich mit ihm geredet hatte. Es mußte ein großer Herr sein, der in Verkleidung ging. Der Rote Jaguar beschloß dem Rätsel nachzuspüren. Durch mehrere Gassen folgte er dem Jüngling und sah ihn schließlich in das ärmliche Haus eines Obsidianmesserhändlers treten. Auch er trat in das Haus. Doch in der staubgrauen, mit Steinsplittern übersäten Werkstatt fand er nur einen alten mürrischen Mann vor.

Von seiner Arbeit sah der am Boden hockende Alte nicht auf und erwiderte den Gruß des Sklaven, indem er geflissentlich stumm und flüchtig nickte. Die Kunstfertigkeit, mit welcher die Mexikaner Feuersteinmesser herstellten, hatte der Rote Jaguar zu bewundern noch nicht Gelegenheit gehabt, und eine Weile lang schaute er gebannt zu. Die Gewandtheit des Alten war staunenswert. Mit seinen beiden von Sandalen entblößten Füßen hielt er einen trommelähnlichen schweren Obsidianklotz umklammert und fest an die Brust gedrückt. In der Hand hatte er einen drei Ellen langen Stock, an dessen einem Ende ein Stück Holz – armdick, jedoch nur spannenlang und an der Vorderseite flach geglättet – mit einem Riemen aus Affenleder flegelartig befestigt war. In ununterbrochener Folge, geschwind hämmernd wie ein Schmied, ließ der Alte den Flegel auf die obere waagerechte Schmalseite des walzenförmigen Feuersteinklotzes fallen, und jedesmal splitterte von der senkrechten Längsseite ein tadelloses Steinmesser ab, einem Eukalyptusblatt ähnlich, an den nadelspitzen Enden ein klein wenig gekrümmt und mit zwei Schneiden scharf wie ein Rasiermesser. Im Nu waren vor den Augen des Roten Jaguars ein Dutzend solcher Klingen entstanden, alle übereinstimmend in Größe und Gestalt.

Für eine Handvoll Kakaobohnen wollte der Rote Jaguar eins der Messer erstehen. Jetzt hob der alte Arbeiter den Kopf. Staubgrau wie seine Werkstatt waren seine tiefgefurchten Wangen. Er hüstelte. Mißtrauisch schielte er nach dem Mann mit dem Sklavenhalsband hin.

»Wozu brauchst du ein Messer?«

»Ein Messer kann vielerlei Zwecken dienen!«

»Welchen?«

»Es kann Maiskuchen schneiden und Rohr und Blumen und Wildbret. Es gibt Messer, die sich nach Herzen sehnen ...«

Der Alte nickte zustimmend.

»Das sind nicht die schlechtesten unter meinen Messern. Doch keinem sieht man's an, wonach es sich sehnt. Sie schauen alle gleich aus ... Denken in Tlillan-Tlapallan alle Sklaven so?«

»Wenn alle Sklaven so dächten, gäbe es keine Sklaven mehr und keine Herren!« erwiderte der Rote Jaguar.

Wie ein Wetterleuchten zuckte es im Gesicht des Alten. Für einen kurzen Augenblick waren sie Freunde. Der Arbeiter schien Gefallen am Sklaven zu finden. Er wies die Kakaobohnen zurück und schenkte ihm drei der Messer.

»Die Armen sind Bilder der Götter!« sagte er, ein mexikanisches Sprichwort anführend. »Scharf genug sind meine Messer«, fuhr er fort, »dir Bart und Haare zu scheren, wenn du dessen bedarfst ... Die neun Herren der Nacht verraten dich nicht – und auch ich bin verschwiegen ... Doch deine Augen werden dich verraten ...«

Nun fragte der Sklave nach dem Jüngling, den er ins Haus hatte treten sehen. Doch schon hatte der Alte die Arbeit wieder aufgenommen und antwortete wortkarg und mürrisch wie zu Beginn des Gespräches. Daß ein Jüngling in huaxtekischer Tracht das Haus betreten habe, leugnete er. Bald sah der Rote Jaguar ein, daß weitere Fragen zwecklos waren. Er verließ die Werkstatt, merkte sich aber das Haus und die Gasse.


Im Nebenhause wohnte eine Federarbeiterin mit ihren drei erwachsenen Töchtern. Als am folgenden Tage der Rote Jaguar wieder durch die Gasse streifte, traf er eine der Töchter vor dem Hause, redete sie an, kam mit ihr ins Gespräch, und unter dem Vorwand, sich das Federknüpfen anzuschauen, betrat er die Werkstatt.

Die reichen Kaufleute Tlatelolcos ließen Federarbeiten fabrikmäßig herstellen. Die Vielfarbigkeit der äquinoktialen Vogelwelt ermöglichte es, alle Buntheit des Himmels und der Erde mit Federmosaik nachzubilden. Landschaften sowohl wie Tiere und Dämonen, Menschen und Götter sah man auf den Federgemälden. Es gab große Federdecken, die als Wandbekleidung dienten, und im Silbernebel ihrer glimmenden Farben saßen oder tanzten Prinzessinnen, Flöte spielend oder sich schmückend mit Edelsteinketten und großen Blumen, schritten Prinzen mit qualmenden Räucherlöffeln in den Händen oder Bälle werfend im Ballspielhaus. Aber auch weniger anspruchsvolle Ware gab es, billige Fächer, Schilde, kleine Handfahnen, für welche einfache geometrische Muster oder eine stilisierte Hand, eine Mondsichel, eine Muschel als Schmuck dienten.

Die Vorlagen wurden von Malern auf Agavefaserpapier entworfen, mit Wasserfarben gemalt, in handgroße quadratische Felder zerteilt und zerschnitten. Jeder der Arbeiter und Arbeiterinnen des Kaufherrn erhielt ein solches quadratisches Feld ausgehändigt. Sie nahmen die Arbeit nach Hause und führten sie zu Hause aus – oft sogar ohne zu wissen, zu welchem Ganzen ihr Teil gehörte. Und dennoch führten sie die Arbeit so genau der Vorlage entsprechend aus, daß, wenn die fertigen Felder zusammengenäht und verknüpft wurden, nirgend eine Nahtstelle, nirgend eine Verzeichnung, eine Unebenheit in der Anordnung der Federn oder in der Abtönung der Farbenübergänge zu bemerken war.

Der einen der drei Töchter hatte die Schwindsucht die Wangen gehöhlt – unter Federarbeiterinnen eine häufige Krankheit, da die von Jugend auf eingeatmete stickige, mit Daunenflaum geschwängerte Luft die Lunge verfilzt. Doch dies kranke Mädchen war die geschickteste der Arbeiterinnen. Während ihre Mutter und ihre Schwestern Federkiele auf einem Holzbrett beschnitten, mit schlanken Bambushülsen versahen, durchbohrten, auf Fäden reihten und dann in ein feines mit einem Netz überzogenes Holzgitter hineinknüpften, fertigte die Kranke das auf Baumwollpapier geklebte Federmosaik, daran zu arbeiten bedeutend mühseliger war, das aber auch höher bewertet und besser bezahlt wurde. Allein schon die Herstellung des Baumwollpapiers erforderte viele Tage. Ein sorgfältig gewähltes fehlerloses Blatt Agavepapier wurde mit einer dünnen Schicht Leim bedeckt, und über den noch feuchten Leim wurde gezupfte Baumwolle zart wie ein Spinngewebe gebreitet. Der trockene Leim mußte immer wieder der Mittagssonne ausgesetzt, abgewaschen, zart gerieben und abgefeilt werden. Auf das so entstandene Papier wurde, nachdem es vom Agavepapier abgelöst war, die Vorlage abgemalt, und es wurde nun auf Rindenpapier geklebt. Dann galt es, mit großer Kunstfertigkeit die obere Farbschicht abzuheben. Diese mußte wieder auf Agavepapier geklebt und von neuem mit einer Schicht Leim und gekämmter Baumwolle überzogen und der Sonnenbestrahlung ausgesetzt werden.

Jetzt erst war die Unterlage fertig, auf welche den verschiedenfachen Farbenlichtern und Farbenschatten entsprechend die ersten – meist weniger wertvollen – Federn befestigt wurden, die den teuren Schmuckfedern als Bett dienten. Jene ersten wurden die »trockenen Federn« genannt, und in Betracht kamen dafür die Gefieder des gelben Reihers, des Orangefinken, der Blauflügelente, des blauen Arara, des rosa Cochopapageien, der Purpurtangare, des dunkelroten Chamolli, des weißen Sichlers. Sie verschwanden, wenn die Arbeit fortschritt, unter den »Prinzenfedern«, den kostbaren feurigen Federn der Schmuckvögel, des schwarz und gelben Tropials, des goldgrünen Quetzals, des schwarzblauen oder schwarzgrünen Türkisvogel und der metallisch glühenden Kolibris. Zuweilen legte die Kranke die Vorlage über das Federmosaik, um sich zu vergewissern, daß sie in der Zeichnung und Farbenwahl nicht abirrte.

Auch nachdem der Rote Jaguar die Arbeit sich hatte erklären lassen, blieb er und freundete sich mit den Arbeiterinnen an. Er hatte fremde, ferne Länder gesehen und konnte, wenn auch in fehlerhaftem Idiom, erzählen. Als er sich verabschiedete, wurde er aufgefordert, wiederzukommen.

Er kam wieder, war fast täglich Gast im Hause. Oft gegen Abend fanden sich noch andere Besucher ein, meist Arbeiter und Arbeiterinnen derselben Gasse, aber auch ein Entenjäger, der tagsüber bis an den Hals in der Lagune stand, sich den Kopf mit Schilf blättern verdeckend, um schwimmende Wasservögel mit den Händen zu greifen, da Pfeilwunden das Gefieder der Löffelreiher und Ibisse entwerteten, und auch eine Wasserträgerin, die Trinkwasser in einem Bottich auf dem Rücken umhertrug und der ärmeren Bevölkerung feilhielt – denn das süße Wasser aus Chapultepec wurde vom großen Aquädukt nur in die Paläste der Reichen geleitet.

Müde gearbeitet wie ihre Gastgeber, hockten sie alle am Boden der engen Werkstatt und verdickten durch ihren Schweißgeruch die stickige Luft. Stumm und stumpf waren sie, redeten kaum, widersprachen aber auch nur wenig, wenn der Rote Jaguar aufwühlende, aufreizende, aufpeitschende Worte fallen ließ, von den Geknechteten redete, die ihre Fesseln brechen sollten. Mutlos-verdrossen schüttelten sie den Kopf. Für Tlillan-Tlapallan, das Land jenseits des Ostmeers, wo die Sonne sich hebt, mochte das wohl stimmen. Aber in Mexico waren die Herren zu mächtig. Der geweissagte Weltumschwung werde daran nichts ändern. Ob der Weltumschwung kommen werde – was ging das sie an. Eine Verschlimmerung könne er nicht bringen, aber auch keine Verbesserung ihrer Lage. Es sei Sache der Reichen, den Untergang Mexicos zu fürchten. Sie aber, die kärglich Lebenden, hatten nichts zu fürchten, nichts zu hoffen ...

Klug genug war der Sklave, seine Gedanken nicht aufzudrängen. Er verfolgte kein Ziel mit seinen untergrabenden Äußerungen, er brachte sie nur vor, weil sein Herz übervoll war. Das fühlten und achteten seine Hörer. Im Nachbarhause, beim mürrischen Obsidianarbeiter, hatte er mehr Verständnis, doch weniger Zuneigung gefunden.

Erst nach einigen Tagen, als er sich im Kreise der neuen Freunde heimisch fühlte, stellte der Rote Jaguar unauffällig Fragen nach den Nachbarn und einen Huaxteken, den er in dessen Haus hatte eintreten sehen.

Der Nachbar, wurde ihm geantwortet, arbeite nicht mehr des Erwerbes wegen. Sein mit dem Bambuswanderstab eine Handelskarawane in den Nordprovinzen führender Sohn sei ein wohlhabender Kaufherr geworden, ein Günstling des Händlergottes, des »Herrn der Nase«. Doch der alte Obsidianarbeiter wolle vom altgewohnten Gewerbe nicht lassen. Seit kurzem beherberge er in der Tat einen huaxtekischen Tonwarenhändler, einen jungen Menschen, der geheimnisvoll komme und gehe, und über den sich bisher nichts in Erfahrung bringen ließ.

Eine Genugtuung war es dem Roten Jaguar, daß sein Auge ihn nicht getrogen hatte. Zurückgekehrt in den Großen Palast, teilte er seinem Herrn die Auskunft mit, Beauftragt vom Herabstoßenden Adler, ließ er dann durch eine der Federarbeiterinnen den Huaxteken um eine geheime Zusammenkunft bitten.


Es geschah wenige Stunden vor dem Ausbruch des Popocatepetl, daß der Vorsteher des Hauses der Edelsteine – dieser Rang war Guatemoc nach seiner Wiederkehr aus Sempoalla von Montezuma verliehen worden – sich von seinem rothaarigen Sklaven im hüllenden Schutze einer stürmischen Gewitternacht durch die moorschwarzen Kanäle des Stadtviertels Cuepopan rudern ließ und, bei der ärmlichsten der Gassen landend, das Häuschen des Obsidianarbeiters betrat. Prinz Ohrring-Schlange erwartete ihn an der Tür und führte ihn auf das Hausdach hinauf, wo sie unbelauscht reden konnten.

Der Gewitterregen hatte sich ausgetobt und fegte jetzt, einem weißgrauen Laken ähnlich, auf Tlacopan zu an das nordwestliche Gestade des Schilfsees, doch noch immer flackerte Blitz auf Blitz über Mexico. Schon seit Tagen hatte sich der Rauchfaden über dem Vulkan verdichtet, war zur Piniensäule geworden, und der vom Winde westwärts abgedrängte Wasserdampf entlud sich jählings über dem Tafelland rings um die Lagune als flammenwütendes Unwetter. Die sich jagenden, blitzdurchglühten Wolken hinderten nun jede Fernsicht und verbargen die Vorgänge auf dem Rauchenden Berge längere Zeit, bis sie sich nicht mehr verbergen ließen ...

Doch andere Wolken waren es, die die Herzen der beiden Freunde verdüsterten.

Seit ihrer Begegnung vor Chapultepec hatte jeder von ihnen Dinge gesehen und erlebt, die nachdenksam stimmten, und hatte sich, vereinsamt in menschenreicher Umgebung, nach dem Hörer gesehnt, dem allein er seine Zweifelsorge – die Anahuacs Zweifelsorge war – anvertrauen durfte. Verkleidet und unerkannt war Prinz Ohrring-Schlange in seiner Vaterstadt Tezcuco gewesen, die Stimmung dort zu erforschen. Der Eindruck, den er gewonnen, ließ Schlimmes voraussehen. Beim Friedensschluß zwischen dem Edlen Traurigen und der Schwarzen Blume war die Stadt an den Schwiegersohn Montezumas gefallen. Der aber war mehr denn je ein mexikanischer Prinz, ein Trabant des Zornigen Herrn, und hatte, am Hofe zu Tenuchtitlan lebend, sein Land und die Hauptstadt einem hochmütigen und herrischen Adel überantwortet. Das Volk aber verdammte die Zweiteilung des Reiches. Aus dem Herzen des Volkes war der Glaube nicht auszurotten, daß der auf so rätselhafte Weise verschwundene Herr des Fastens zurückkehren werde, daher wünschte es dessen Witwe, die Herrin von Tula, zur Reichsverweserin über das wiedervereinigte Acolhuacan. Verhaßt war der Edle Traurige nicht minder als der durch Mexicos Gold bestochene Adel, mißachtet und vergessen war Prinz Ohrring-Schlange; und selbst die Schwarze Blume hatte an Volkstümlichkeit eingebüßt, seitdem er die Hand dazu bot, das Land in zwei Teile zu reißen. Prinz Ohrring-Schlange war zugegen gewesen, als die vierzehn Adelsfamilien Tezcucos, in ihren Steinpalästen von einer brüllenden Menge belagert, sich mit Schild und Schwert verteidigen mußten, und auf Schritt und Tritt hatte er in den Straßen der wilderregten Stadt Todesdrohungen vernommen gegen die besoldeten Verräter, den Edlen Traurigen und sämtliche Freunde des Zornigen Herrn. Auch Guatemoc berichtete. Er hatte Coxtemexi die Nase abgeschnitten und war nach Sempoalla gezogen, von Montezuma in den Tod gesandt. Als Opfersklaven hatten die Totonaken ihn der Göttin schenken wollen, von den Gelbhaarigen befreit, hatte er dem Anführer der weißen Götter gegenübergestanden, mit ihm gesprochen, ihm tief in die Raubvogelaugen gesehen.

Als Guatemoc dann, seine triumphartige Rückkehr nach Tenuchtitlan beschreibend, erwähnte, er sei von Montezuma – den der Todesgang nachträglich reute – zum Jaguar-Arm und Vorsteher des Hauses der Edelsteine ernannt worden, machte ihm Ohrring-Schlange einen Vorwurf daraus. Dies Amt hätte er, um seiner Freundschaft willen, nicht antreten dürfen. Denn ihm als Reichsschatzverweser sei auch die Obhut über den Goldhort von Tezcuco anvertraut, welchen Cacama, allem Recht hohnsprechend, nach Tenuchtitlan gebracht, und zum Mitschuldigen werde er, indem er das gestohlene Gut verwalte.

»Nein«, sagte der Herabstoßende Adler, »wir sind eines Herzens! Solange die Jaguare die Sonne nicht fressen und das Licht seinen Weg zieht, gehört der Goldhort Tezcuco, mag er heute auch noch in Mexico verwahrt sein. Und nie werde ich zugeben, daß er zu anderem Zweck verwendet wird, als um Tezcuco zu schützen oder Anahuac, welches Vater und Mutter Tezcucos ist.«

»Den Schatz des Herrn des Fastens wird Montezuma für sich verwenden. Und wer dürfte wagen, ihm entgegenzutreten!«

»Ich!« antwortete Guatemoc. »Das Herz des Himmels und das Herz der Erde vernehmen meine Worte! Ich will den Zorn des Zornigen Herrn nicht scheuen, sollte er einen solchen Frevel nicht scheuen!«

»Er ist nicht ein Tapferer, er ist nicht ein Mann wie du!« sagte Prinz Ohrring-Schlange.

Seine Bedenken waren durch den Schwur des Freundes beschwichtigt. Besorgt erkundigte er sich nun nach der Herrin von Tula und Prinzessin Perlmuschel. Ein Lebenszeichen hatte er ihnen nicht gegeben, um ihnen, die wie Gefangene bewacht wurden, keine Ungelegenheiten zu bereiten. Von seinem Unterschlupf wußten sie nichts, hielten ihn gewiß für tot.

Der Herabstoßende Adler bestätigte es. Bei einem Fest hatte er Mutter und Tochter gesehen, ohne Gelegenheit zu finden, sie zu sprechen. Doch wurde bei Hofe erzählt, daß die Herrin von Tula ihren Sohn beweine, ihn für ein Opfer der Rachsucht Montezumas halte. Denn ans Licht gekommen war es, daß Ohrring-Schlange die Überführung des Schatzes von Tezcuco hatte verhindern wollen, und blieb Cacama zwar verschwiegen, hatte es sich doch nicht verheimlichen lassen, von wessen Dolch der Eidam des Weltherrn verwundet worden war. Unbekümmert um die Gefahr, der sie sich aussetzten, erhoben die Herrin von Tula und Prinzessin Perlmuschel nicht nur heimlich ihre Mordanklagen. Und so weit ließen sie sich von der Leidenschaft hinreißen, daß sie jüngst der Gattin Montezumas, der Königin Acatlan, die sie in ihrem Palast feierlich besuchen kam, die übliche Schale Kakaosaft nicht reichen ließen. Höflich und lächelnd hatte Acatlan sich verabschiedet, aber dann fast von Sinnen vor Wut – denn nicht nur den Königinnen, auch den Adelsfrauen und Frauen der Kaufleute bei Höflichkeitsbesuchen Kakaosaft zu kredenzen, erforderte die Sitte – hatte sie sich an Montezuma gewandt, Genugtuung für die Kränkung heischend. Bislang freilich schien Montezuma wenig Neigung zu haben, sich in den Frauenstreit zu mischen und wegen des verweigerten Erquickungstrankes eine Königin zu strafen.

Der Herabstoßende Adler erbot sich, er wolle der Herrin von Tula die Nachricht bringen, daß ihr Sohn am Leben sei. Erregt lehnte Prinz Ohrring-Schlange das ab, bat, das Geheimnis nicht zu lüften. Als Guatemoc nach dem Grund fragte, gab er eine Erklärung, die wie eine Ausflucht klang: solange seine Mutter und Schwester um ihn trauerten, werde auch dem Zornigen Herrn sein Tod wahrscheinlich sein ...

Eine Weile nachsinnend, fügte Ohrring-Schlange hinzu: »In einem Zauberbuche, das der Herr des Fastens besaß, las ich die rätselvollen Worte: ›Die Toten können nicht sterben, die Lebenden aber können den zehnfachen Tod sterben ...‹ Sieh, ich fürchte das Sterben nicht. Aber ich will mich aufsparen, will mich begraben und mein Blut nicht zwecklos vergeuden, auf daß ich es hingeben kann, wenn Anahuac den zehnfachen Tod von mir fordert! ...«


Das Gespräch ging unter im Tumult der Naturereignisse. Das Rollen und Grollen des Rauchenden Berges hatte sich von Stunde zu Stunde gesteigert. Jetzt wurde es zum Gebrüll. Mit grauenerregender Gewalt setzte die Eruption ein. Doch immer noch verwehrte eine Wolkenwand den Anblick des Vulkans und seiner kosmischen Tätigkeit. Mit den Händen zu greifen war die Lufterschütterung. Die innerirdischen Weltzerstörer waren an der Arbeit, doch unsichtbar blieb die Flammenlohe ihrer Esse.

Und plötzlich krachte das Dach und schwankte. Erdbeben. Es war nur ein leiser Stoß gewesen. Wie aus einer Kehle schrie Tenuchtitlan. Der Obsidianarbeiter kam aufs Dach gestürzt, beschwor den Prinzen, sein baufälliges Haus zu verlassen. Doch sie blieben, belächelten seine schlotternde Furcht.

Sie setzten ihr Gespräch fort, solange der Lärm es zuließ. Kein Auge schlief mehr in der Wasserstadt. Die aufgeschreckten Bewohner liefen auf den Gassen umher, kämpften an den Landungsstellen um Kanoes. Auf den finstern, blitzerleuchteten Kanälen wimmelte es von überfüllten Booten, die alle der Lagune zustrebten.

Fast noch eine Stunde verweilten die Prinzen auf dem Dach, bis ein Windwirbel das Gewölk beiseiteschob und die furchtbare Pracht des flammenquellenden Berges enthüllte. Von einem gellen Aufschrei Mexicos wurde er begrüßt.

Jetzt stiegen auch die beiden Freunde auf die Gasse hinab, um, auf den Schilfsee rudernd, aus unbeschränkter Nähe das Schauspiel zu betrachten. Nur mühsam konnten sie vorankommen im Getümmel der angstverwirrten Menge. Die Riesenfackel der brennenden Bergspitze erhellte die Stadt, als wäre es lichter Tag, so daß die Gestirne verblichen und die heiligen Feuer auf den Tempelpyramiden zu erlöschen schienen.

An einer Straßenecke sah der Herabstoßende Adler einen Mann vorbeieilen mit einem großen aus Weidenruten geflochtenen Korb auf dem Rücken, wie ihn Geflügelhändler zu tragen pflegten. Trotz des Getöses glaubte er einen menschlichen Schrei vernommen zu haben, der aus dem Korbe drang. Aufmerksam gemacht, vernahm auch Prinz Ohrring-Schlange ein Wimmern. Guatemoc eilte dem Manne nach, hieß ihn stehenbleiben. Er starrte in ein nasenloses Gesicht. Es war Coxtemexi, der Freund des Vom-Himmel-Gestiegenen.

Der Griff des Herabstoßenden Adlers war steinern und versteinernd. Coxtemexi versuchte nicht einmal seinen gewürgten Oberarm aus den Adlerklauen zu befreien. Willenlos ließ er sich durch die Gasse zerren und in die Werkstatt des Obsidianarbeiters hineinschieben.

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