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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 40
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebentes Buch

Gespenster gingen um in Tenuchtitlan. Nicht umsonst hatten beim großen Totenfest die Bewohner der Wasserstadt, auf ihren Dachterrassen betend, gerufen: »Kommt, o kommt, ihr Toten – wir Lebenden harren euer!«

Seitdem die große Adlerschale sich geweigert hatte, im entgötterten preisgegebenen Tenuchtitlan zu wohnen, schlürften Totenseelen auf den steinernen Dammwegen über den See heran, schlüpften nachts durch geschlossene Tore, überkletterten Mauern, bewohnten und bevölkerten Edelsteinpaläste, Tempelkeller wie auch Bettlerwohnungen an den dunklen Kanälen.

Die Toten hatten Mitleid mit den Lebenden. Die Unterwelt, das Land, wo man nicht stirbt, sorgte sich um die Königin aller Städte und suchte die satte, goldgesättigte Einwohnerschaft aufzurütteln, wachzuschrecken und zu ermannen.

Es geschah, daß Kaufherren im Axixcalli, dem Ort, wo sie ihre Notdurft verrichteten, eine zwergenhaft kleine und zierliche Frau erblickten. Sie war eine Spanne hoch, schmalhüftig, ihre Schenkel und Arme glichen feinen, langen Stäbchen. Das offene Haar rieselte bis zu den Knien herab. Schlitzäugig das schöne winzige Gesicht, der Mund wollüstig und schmerzvoll. Schwankend ihr Gang wie der Gang einer Ente. Wer sie sah, wußte, daß er das Unheil der Azteken sah, welches in der Wasserstadt Wohnung genommen hatte, um nie mehr zu weichen.

Es geschah, daß alte erprobte Krieger, auch Kriegshauptleute und Oberfeldherren, auf nächtlichen Gängen durch die Gassen Tenuchtitlans einem hünenhaften Phantom im Kriegertotenschmuck begegneten, das drohend ihnen den Weg vertrat. Sie rangen mit ihm und vermochten es nicht niederzuringen. Der erste Morgensonnenstrahl aber vertrieb das Gespenst.

Es geschah, daß Totenseelen die Gestalt von Tieren annahmen. In einem der reichsten, vom Schilfsee umspülten Adelspaläste wurde ein weißer Hase gefunden. Ein Rätsel war es, wie er hatte eindringen können. Als man sich anschickte, ihn zu fangen, entlief er spurlos. Und Tenuchtitlan zitterte schreckensbleich über das Vorzeichen.

Auch Montezuma wurde von einem Gespenst verfolgt. Zum erstenmal sah er es, als Tlascala den weißen Göttern den Frieden anbot. Ruhelos schritt er durch die Säle des großen Palastes, alle Höflinge hatte er fortgescheucht, nur von Feuer-Juwel, dem gelehrten Bücherschreiber, ließ er sich begleiten, ließ er sich die Todeszuckungen des sterbenden Toltekenreiches beschreiben. Und ein schmerzhafter Trost war es ihm, daß auch den Untergang der wunderbaren Toltekenkönige Schrecknisse und Zeichen vorausgeschattet hatten.

Bei einem Feste geschah es – berichtete Feuer-Juwel –, daß sich ein ungeschlachter Riese unter die tanzenden Tolteken mengte. Und sie wagten den heiligen Tanz nicht zu unterbrechen, denn sie wußten, daß der Tanz mit dem Riesen unausweichbar, unabweislich, unentrinnbar war, verhängt von den Himmelsgöttern. Tanzend umarmte der Riese seine Mittänzer, und wen er umarmte, den erwürgte er. So daß Hunderte tot auf dem Tanzplatz lagen, als der Riese entschwand. Und statt seiner erschien ein schönes kleines Kind den furchtgelähmten Tolteken. Lieblich und helläugig war das Gesicht des Kindes, so strahlend war es, daß das Volk sich herandrängte, das Himmelswunder zu sehen. Jedoch der Hinterkopf des Kindes war modrig, war eine faulige, scheußliche, eitrige Masse, und der Gestank, der von ihm ausging, ein Todesgift, das, die Luft verpestend, Tausenden und aber Tausenden der Tolteken zum Verderben ward. Die Überlebenden aber zogen hinweg aus Anahuac ...

Der Bericht Feuer-Juwels riß ab. Montezuma stieß einen gellen Schrei aus. Mit milchweiß umrandeten Augen stierte er auf die Saaltür. Seine zitternden Hände krallten sich hilfesuchend an den Annalenschreiber, krampften sich in dessen Schultern und Arme.

»O großer König, o Zorniger Herr, was erschrickst du so?« fragte Feuer-Juwel.

»Das Haupt ...! Siehst du das Haupt nicht? ...« winselte Montezuma. Das Klappern seiner Zähne war laut vernehmbar.

»Ich sehe nichts ...«, murmelte Feuer-Juwel.

Ein schweifendes Haupt kam langsam in den Saal geflogen. Träge und geräuschlos war zuerst der Flug des Hauptes, dem Flug einer Eule ähnlich. Und näher heranschwebend, umkreiste es Montezuma und den Annalenschreiber. Es war ein bloßes Knochenhaupt, körperlos, fleischlos, ein gelber Schädel, leer und hohl wie eine trockene Kalebasse. »Siehst du das Haupt nicht?« schrie Montezuma.

»Jetzt sehe ich es auch!« sagte der Höfling.

Das schweifende Haupt flog nun schneller, hob sich zur Decke, schnellte herab. Es prallte an Montezumas Schenkel, und wie ein Ball prallte es ab, kollerte auf den Marmorplatten des Fußbodens hin mit dem hohlen Geräusch eines rollenden Schädels ...

Entsetzt floh Montezuma. Und das Haupt flog hinter ihm her, bis er bewußtlos zu Boden sank.

Es war das erstemal. Aus der Ohnmacht erwachend, sah sich der Zornige Herr von Ärzten und Pflegern umgeben. Die beschwichtigenden Worte seiner Umgebung befreiten ihn von der Gewißheit nicht, daß das Haupt wiederkehren, sein täglicher und nächtlicher Begleiter werden würde ...

Tenuchtitlan erfuhr es und beweinte sich selbst und beweinte die edelsteinbehangenen, stolzen Töchter Mexicos ...

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