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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 39
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080921
projectid14b7d698
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Isabel Rodriguez lag bleich auf den Marmorfliesen, und über sie hingestreckt schluchzte Rabenblume, halb wahnsinnig vor Jammer. Aber auch des Prinzen Starrsinn hatte sich, sobald das Unglück geschehen war, in einer Flut von Tränen gelöst. Da er seitens seiner Schwester kein Mitgefühl für seine Selbstverwünschungen erhoffen durfte, warf er sich dem eben noch gehaßten Hermaphroditen an den Hals und schluchzte seinen Schmerz an dessen Brust aus. Da traten Cortes, Alvarado, Marina und die Schwarze Blume ein. Und ihnen folgten Aguilar, Arteaga und Ponce de Guelva.

Schon seit mehreren Tagen weilte die Schwarze Blume in der Stadt Tlascala. Am Tage des Einzugs der Christen hatten Boten von der westlichen Grenzwacht der Otomis die Mitteilung überbracht, mit einem kleinen Gefolge sei die Schwarze Blume an der Großen Mauer eingetroffen und erbitte vom Hohen Rat die Genehmigung, durch tlascaltekisches Gebiet ziehen zu dürfen, um in der Hauptstadt den weißen Göttern seine Huldigung darzubringen. Wohl waren letzthin öfters Boten zwischen Tlascala und dem Feldlager der Schwarzen Blume hin und her gegangen. Aber die Ankunft des Königs selbst war doch eine unerhörte Überraschung. Der Rat der Alten ließ Anstalten treffen, ihn als Ehrengast zu empfangen,und schickte ihm ein würdiges Geleite entgegen.

Am Tag nach der Eröffnung der Menschenkäfige langte er an, neugierig von der mißtrauischen Volksmenge angestarrt, höflich, doch zurückhaltend von den Stammesfürsten bewillkommt. Er übersah den frostigen Empfang, zeigte sich, wie er war, düster-freundlich und ritterlich, ohne nach Gunst zu haschen, und eben damit erwarb er sich die Gunst der Tlascalteken.

Stürmisch war seine Begrüßung mit Cortes. Ein Orkan war die Heftigkeit, mit der er seine Zuneigung, sein Zugetansein, seine Begeisterung für das Kreuz und die Kreuzträger äußerte. Vor einem silbernen Kruzifix, das Cortes ihm schenkte, warf er sich auf die Knie, bedeckte es mit Küssen. Kaum hatte er erfahren, daß die Fürstentöchter getauft werden sollten, und schon bestand er darauf, mit ihnen getauft zu werden. Die Kastilier waren verblüfft, – ein solches Temperament, gepaart mit warmblütiger, wenn auch überhitzter Herzlichkeit, hatten sie noch nie an einem Indianer beobachtet. Auch äußerlich hob er sich ab –: wie zum Trotz gegen die alten Götter war er ohne Gesichtsbemalung vor Cortes getreten. Hellhäutig war er, bleich wie ein Europäer. Langschädlig sein Kopf, auffallend schön das Profil mit der hochhöckerigen Adlernase und dem vorspringenden, edel ausgemeißelten Kinn. Seine fortreißende, alle Gipfel überklimmende Leidenschaftlichkeit hatte nichts von der Ungeschlachtheit eines Barbaren, sie äußerte sich in feingeschliffenen Redewendungen und Bildern, häufig aber auch, wortkarg, bloß in Mienen und Blicken mit der morbiden, an den Königshöfen Zentralamerikas so geschätzten Überverfeinerung und wehmütigen Anmut, dem Erbgut uralter Kulturen.


Der Prunkraum, in welchem Kriegsmaske sonst Gäste zu empfangen pflegte, lag im vorderen Palastteil nahe beim Haupttor. Daß Cortes mit seinen Freunden und Begleitern unangemeldet in das Innere des Tecpans vorgedrungen war, hatte seinen Grund in der Besorgnis um das Los Kreideschmetterlings, von dessen Lebensgefahr er soeben durch Marina erfahren hatte. Denn als früh am Morgen dieses Tages die Schwarze Blume dem Prinzen Kriegsmaske einen Höflichkeitsbesuch abstatten wollte, waren Cortes und Alvarado mitgegangen und hatten, außer dem Gefolge des Königs und einer kleinen kastilischen Leibwache, Jeronimo de Aguilar – an Stelle der abwesenden Marina – als Dolmetscher mitgenommen. Unweit vom Palasteingang waren ihnen Marina, Arteaga und der Baccalaureus mit verstörten Gesichtern entgegengekommen, tiefbewegt von der drohenden Katastrophe, deren Ausgang sie nicht mehr hatten sehen können. Um, wenn noch möglich, den Mord zu verhindern, ließ sich Cortes von ihnen – sein Gefolge am Eingang des Tecpans zurücklassend – in das Palastinnere führen.

Sie waren zu spät gekommen. Der Apotheker konnte nur feststellen, daß Isabel Rodriguez tot war. Rabenblume fuhr fort, über der Leiche zu schluchzen. Und auch Kriegsmaske ließ Kreideschmetterling nicht fahren, klammerte sich an seinen gebrechlichen Körper wie Schutz suchend, starrte mit aufgerissenen Augen die Eindringlinge schreckhaft-finster an, während die kleinen Tränenkugeln ihm über die grasgrün bemalten, von Narben karierten Wangen liefen.

Cortes blieb eine Weile stumm. Er mußte sich fassen und mußte überlegen. Die Begleitumstände des hier Geschehenen schienen unentwirrbar, – kein Europäer war Zeuge gewesen. Die Tote, eine Schwester des Scharfschützen und Trompeters Sebastian Rodriguez, war ein Liebling des Christenheeres. Ihrem Zauberspruch –

Es ist Marias Wille!
Blut, steh stille –

glaubte mancher Kastilier seine Heilung zu verdanken. Es war zu befürchten, daß die Kunde von ihrem rätselhaften Tod die heißblütige Mannschaft zu einer unbedachten Tat hinreißen könnte. Die unschätzbare Freundschaft von Tlascala aber durfte unter keinen Umständen aufs Spiel gesetzt werden. Also galt es vor allem, das Heer zu beschwichtigen. Wenn das Ziel mit anderen Zielen vereinbar war – um so besser. Cortes beschloß, von Kriegsmaske ein Lösegeld zu fordern, das seines Heeres Trauer um die Tote aufwog.

Durch Marina ließ er fragen, wie das Unglück sich ereignet habe.

Im Gesicht des Prinzen ging eine Wandlung vor, wie ein aus dem Schlaf Erwachender zuckte er zusammen. Seine Hände lockerten sich, er ließ den Hermaphroditen los. Den beiden Torhütern – welchen es eben erst gelungen war, die Schlange einzufangen und in den Käfig zu sperren – sagte er, ohne die Lippen zu bewegen, einige gehauchte, kaum vernehmliche Worte.

Die Schwarze Blume stand zu weit entfernt, doch Marinas scharfes Gehör hatte die Worte aufgefangen. Sofort entfernte sich Arteaga statt der beiden Torhüter, welche am Verlassen des Saales gehindert wurden, denn Kriegsmaske hatte bewaffnete Hilfe rufen wollen.

Durch dies Mißlingen an der Schwelle der Verzweiflungstat entmutigt, verlor der Prinz allen Halt. Und auch sein eben noch aufbegehrender Trotz brach zusammen. Nur sein Stolz gab sich selbst nicht auf, weniger durch die weißen Götter als durch den ebenbürtigen Fürsten der Acolhuas zur Selbsterhaltung gezwungen.

Ein Gefühl des Unbehagens empfand aber auch die Schwarze Blume, als er den berühmten Kriegshelden ratlos vor seinen weißen Richtern dastehen sah. Nicht daß er ein Mitgefühl hatte. Sie mochten einander nicht: voll hellseherischen Mißtrauens spürte die Schwarze Blume die Doppelzüngigkeit des Tlascalteken, und dieser witterte in ihm den Renegaten. Aber der mit Verschlagenheit gemengten Ritterlichkeit des Königs widerstrebte es, untätiger Zuschauer einer Demütigung zu sein. Unbekümmert um Cortes tauschte er die stereotypen höflichen Begrüßungsphrasen mit Kriegsmaske aus und erbat sich von ihm die Erlaubnis, an die Bettstatt des kranken Kindes hintreten zu dürfen, dem er Blumen mitgebracht habe. Mit Aguilar, der ihm den Weg zeigte, entfernte er sich in das Krankengemach.


Cortes ließ durch Marina nochmals seine Frage wiederholen. Aber Kriegsmaske fand keine Antwort. Er weinte wieder.

Da redete Kreideschmetterling für ihn und gab eine Beschreibung des tragischen Vorganges. Wie vorhin zu seinen Gunsten, mischte er jetzt zugunsten seines Gebieters Wahrheit und Lüge. Er stellte es so dar, als habe er aus Todesfurcht Schutz hinter der eben eintretenden Isabel Rodriguez gesucht, ihren Körper wie einen Schild vor sich haltend, als bereits die weiße Schlange aus dem Käfig gekrochen war. Damit nahm er alle Schuld auf sich und entlastete seinen Herrn.

An einer Wimper des Prinzen verdunstete eine letzte Träne, und er wischte sie mit dem knochigen, karminrot bemalten Zeigefinger ab. Seine dankerfüllten Blicke hingen gebannt am so lügenhaften, mädchenhaften Munde des Hermaphroditen. Mehrmals während der Erzählung nickte er und murmelte: »So geschah es, ja, so geschah es! ...« Und als Kreideschmetterling geendet hatte, wiederholte er: »So geschah es! ... Unser Herr Tezcatlipoca ist der Beschirmer der Wahrheit!«

Gebeugt über die Leiche des Christenmädchens, hatte Rabenblume all die Zeit teilnahmslos und fast regungslos dagelegen, nur zuweilen geschüttelt vom Krampf ihres Schluchzens. Vergebens hatte sich ihr Verlobter, Pedro de Alvarado, um sie bemüht und versucht, sie sanft emporzuheben. Seine spanischen Trostworte waren ihr unverständlich, seine streichelnden Hände hatte sie unmutig fortgestoßen. Jetzt aber erhob sie sich, schritt auf Cortes zu, und feierlich ernst wies sie mit ausgestrecktem Arm auf Kreideschmetterling und ihren Bruder.

»Beide lügen!« sagte sie. Und ihre Armspangen klirrten, denn sichtbar zitterten ihre zarten Gelenke vor Empörung, Abscheu und Haß.

Den flehenden Augen ihres Bruders wichen ihre Augen nicht aus. Doch jene flehten nur einen Augenblick, wurden sofort hart wie ihre, haßerfüllt und spöttisch.

Nun erzählte Rabenblume wahrheitsgemäß und erhob die Mordanklage gegen ihren Bruder.

Kreideschmetterling machte noch einen Rettungsversuch. Er sagte zu Cortes:

»Die Cihuapilli war von den Geistern des Schreckens geblendet! ...« Doch Kriegsmaske ließ ihn nicht ausreden.

»Ich will den Tod der weißen Göttin bezahlen«, erklärte er.

Das Wort war gefallen, auf welches Cortes gelauert hatte. Lieb war es ihm, daß der andere es zuerst ausgesprochen hatte. Mit seinen beringten Fingern strich er sich sinnend über den langen kastanienbraunen Vollbart.

»Bist du reich genug, eine Christin zu bezahlen?« fragte er ernst und höflich.

Die Frage verscheuchte die unterwürfige Demut aus dem Antlitz des Prinzen. Er richtete sich auf und erwiderte in überheblichem Ton:

»O Sohn der Sonne! So reich wie der große Montezuma bin ich nicht. Uns Tlascalteken fehlt es an Gold, uns fehlt es an Edelsteinen und Edelfedern. Doch ich besitze Häuser in der Stadt, ich besitze Paläste in der Stadt. Mir gehört das Herz des Volkes. Was ich beschlossen habe, hat der Rat der Alten von Tlascala beschlossen.«

»Ich zweifle nicht, daß das so ist«, sagte Cortes, immer höflich lächelnd. »Und darum soll das Volk und der Hohe Rat von Tlascala mit dir gemeinsam das Lösegeld zahlen.«

»Was wollt Ihr fordern?« fragte Alvarado unruhig. Er war konziliant und wollte mit seinem künftigen Schwager nicht brechen, dessen Freundschaft ihm wertvoll war.

»Seht ihn an, Don Hernando«, fuhr Alvarado fort, »der Mann ist zermürbt von Reue und zu jeder Buße bereit, die seinen Stolz nicht niedertritt. Doch ich bitte Euch, überspannt den Bogen nicht!«

Cortes wollte ihm antworten, aber Rabenblume kam ihm zuvor.

»Alle sollen an Xesu Quilisto glauben!« rief sie ekstatisch. »Alle, alle, alle! Mein Bruder kann das Volk und den Hohen Rat überreden. Nur er hat die Macht, es zu tun.«

Ihre Ekstase war nicht frei von Triumph. Sie wußte, daß sie ihn ins Herz getroffen hatte.

Kriegsmaske machte eine Bewegung, als wollte er sich auf sie stürzen. Er bezwang sich.

»Nicht nur das verlange ich«, sagte Cortes jetzt zum Prinzen. »Nicht nur die Bekehrung des Volkes wirst du erwirken, wenn du willst, daß dir der göttliche und die menschlichen Richter verzeihen. Du wirst uns auch einen deiner Paläste überlassen, auf daß wir hier in Tlascala ein Kloster gründen, wo die Söhne des Adels und des Volkes eine menschlichere Erziehung erhalten, als euch bisher zuteil ward. Und dein kleiner Sohn soll, sobald er genesen ist, als einer der ersten Zöglinge im Kloster wohnen.«

Nachdem Marina dies übersetzt hatte, starrte Kriegsmaske sie ratlos an, schüttelte den Kopf und sagte fast schüchtern leise, er habe nichts verstanden. Sie mußte es ihm nochmals übersetzen. Da brach er in ein hysterisches Gelächter aus. Er holte aus seinem am linken Handgelenk hängenden Weihrauchbeutel eine irdene Schrillpfeife hervor, führte sie an den Mund und ließ einen scharfen Pfiff ertönen. Sofort füllte sich der Saal mit bewaffneten indianischen Kriegern. Augenscheinlich hatten sie in einem angrenzenden Raum auf das Zeichen gewartet.

Die Lage von Cortes und Alvarado wäre verzweifelt gewesen, wäre nicht fast gleichzeitig durch eine andere Saaltür die kastilische Leibwache, eisenklirrend und dröhnenden Schrittes, eingetreten, geführt von Arteaga. Dieser meldete, daß Velazquez de Leon, Olid und Sandoval, von ihm benachrichtigt, den Tecpan mit zahlreicher Mannschaft besetzt hätten und auch Artillerie bereit hielten.

Es kam nicht zum Blutvergießen. Kriegsmaske war klug und täuschte sich nicht über seine Hilflosigkeit. Todfinster befahl er den Adlern und Jaguaren, sich aus dem Saal zurückzuziehen.

Doch mit liebenswürdigstem Lächeln hinderte Cortes auch dies. Die Anwesenheit der Adler und Jaguare sei ihm erwünscht, äußerte er, denn sie könnten sogleich Zeugen des Eides sein, den der Prinz schwören werde, sie könnten gewissermaßen seine Eideshelfer sein.

Kriegsmaske nickte dazu, als sei das auch sein Wille. Er hatte keinen Willen mehr.

Mechanisch leistete er den Eidschwur, indem er mit dem Zeigefinger die Erde und dann seine Lippen berührte. Als Buße verpflichtete er sich, seines Volkes Glauben, einen Palast und seinen Sohn darzubringen. Die Eidesformel schloß mit den Worten:

Unser Vater, die Sonne, sieht es und hört es!


Nach dem Schwur umarmte Cortes den Prinzen und dankte ihm. Dann begaben sie sich ins Krankenzimmer.

Vergnügt saß das Kind aufrecht in den Kissen und hielt ein Nenetl – eine aus Holz geschnitzte Puppe – in den Armen. Aguilar beendete eben eine Erzählung. Die Schwarze Blume, der gleichfalls zugehört hatte, nickte befriedigt.

»Ei, Ihr habt wohl dem kleinen und dem großen Kinde ein Märchen erzählt?« fragte Cortes gutgelaunt.

»Ja, Euer Gnaden«, erwiderte Aguilar und errötete. »Das Märchen vom Aschenkätzchen, das im Elend lebte und doch schließlich eine mächtige Königin wurde.«

Marina war ins Gemach getreten. Aguilar hob die Augen zu ihr empor, und seine Augen sprachen: »Von dir habe ich erzählt!«

Dann wurde er weiß im Gesicht. Vernichtend war die Antwort ihrer Augen.

Den Bruder der toten Isabel, den Trompeter Rodriguez, zu benachrichtigen, hatte Alvarado übernommen. Ein Trupp Soldaten trug die Leiche des Mädchens in lugubrem Zuge, ein Miserere singend und mit entblößten Häuptern aus dem Tecpan.

Zurückgekehrt ins kastilische Quartier, welches trotz einer Einladung des Offenen Gesichts noch immer bei Denen-auf-der-Kalkerde im geräumigen Tecpan der Sammelnden Biene aufgeschlagen war, traf Cortes Gesandte benachbarter Völker an, wie solche sich jetzt täglich einfanden, dem weißen Gotte mit Huldigungen und Gaben zu nahen. Eine dieser Gesandtschaften kam aus Huexotzinco, der Heimat des Tempel-Fegers; eine andere aus dem an Tlascala und Cholula grenzenden Ländchen Tlachquiauhco, dessen Hauptstadt Yuquane von Montezuma einst zerstört worden war. Sie brachten außer Geschenken auch Nachrichten mit, die in das von der Welt abgeschlossene Tlascala bisher nicht gedrungen waren. Von den beiden Priesterkönigen Cholulas war der eine vor wenigen Tagen gestorben, sein Sohn, fast noch ein Knabe – derselbe, der im Weißen Mondgefilde die Christen besucht und sich in Marina verliebt hatte –, war zum Nachfolger bestimmt, doch sollte seine Krönung erst nach einer längeren Trauerfrist erfolgen. In Cholula herrschte augenblicklich nur ein Priesterkönig, dessen Name Tecuanhuehue, das Alte Raubtier, war – und seinem Namen entsprach seine böse Art. Bestochen von Mexico, hatte er den Rat der Alten in Cholula zu einem den Christen feindlichen Gesinnungswechsel veranlaßt, hatte drei wiederstrebende Senatoren gefangengesetzt und mit ihnen auch einen Abgesandten Tlascalas, der nach Cholula gekommen war, den bevorstehenden Besuch der weißen Götter anzukündigen. Das Alte Raubtier begründete die Gefangennahme des tlascaltekischen Boten mit der Behauptung, die Republik Tlascala habe sich außerhalb des Völkerrechts gesetzt, seit sie jüngst mit den totonakischen Boten Tehuch und Cuhextecatl ebenso verfahren sei.

»Nun wird aus dem Himmel die Feuerschlange wieder zur Erde steigen!« sagte die Schwarze Blume, als Cortes die Gesandten Huexotzincos und Yuquanes entlassen hatte. »Tlascala wird an Cholula den Kriegspfeil senden.«

Cortes, Marina und die Schwarze Blume gingen im Adlersaal auf und ab, die beunruhigenden Ereignisse erörternd. Im Schloßgarten draußen lärmten die Soldaten, hämmerten an Gewehr und Waffen. Der Bergmann und Tanzmeister Ortiz zirpte auf seiner Gitarre. La Medina summte ein trauriges Lied:

Gönnt mir's doch und laßt mich's träumen,
Daß mein Herz ein Herz gewonnen!
Nur das Glück, das ich ersonnen.
Welkt nicht wie das Laub an Bäumen.

Die Mittagsglut, die den Aufenthalt draußen unleidlich machte, hitzte auch die Mauern des Saales. Darum begaben sich die drei in einen kleineren halbdunklen Raum, in dessen Mitte ein quadratisches Wasserbecken aufragte. Aus dem Schnabel eines kupfernen Reiherkopfes fielen einzelne Tropfen und bildeten gleitende Ringe auf der dunklen Spiegelfläche.

Cortes, Marina und die Schwarze Blume setzten sich auf den Alabasterrand der Fontäne.

Die Schwane Blume erzählte von Yuquanes Ausrottung, vom Blütenbaum und vom Tod seines Schwagers, des Prinzen Grasstrick. Und da Cortes sich nach Grasstricks Witwe erkundigte und fragte, ob auch sie dem Neid Montezumas zum Opfer gefallen sei, sprach er lebhaft und mit Wärme von seiner Schwester Prinzessin Perlmuschel. Sie lebe als Geisel in Tenuchtitlan, doch Tag für Tag gedenke sie der roten Blume von Yuquane, und ungeduldig erharre sie die Ankunft des Befreiers, des Heilbringers, des Strafers mexikanischer Untaten.

Und unvermittelt bot er seine Schwester Cortes als Gemahlin an.

»Noch nie ward ein Mann von einem Weibe so ersehnt wie du! Wenn du sie erblicken wirst, wirst du sie lieben. Sie ist schön wie Omi-Xochitl, die Totenbeinblume. Ihr Haar ist schwarz und lang und so glänzend, daß du dich in ihm spiegeln kannst.«

Schmerzensschwer legte sich's auf Marinas Brust, während sie diese Worte übertrug. Ein Schicksal, ein verwunderungswürdiges, anteilwertes, tauchte unerwartet empor und stellte sich wetteifernd neben ihr Schicksal. Und sie sah voraus, daß nicht Schönheit mit Schönheit ringen werde, sondern Leid mit Leid.

Doch nur einen Augenblick zitterte sie. Ein Blick auf Cortes gab ihr die Zuversicht zurück.

Er lächelte sein sieghaftes Lächeln.

»Du hast nichts zu fürchten, Marina! ... Sage ihm: auf einer der Inseln des Südens lebe mein Weib.«

Sie übersetzte es. Unmutig schüttelte die Schwarze Blume den Kopf.

»Mein Herz sieht es«, sagte er hartnäckig, »es ist unabwendlich. Gilt denn der König der Totonaken mehr als ich? Du hast ihm aber seine Tochter nicht ausgeschlagen.«

Da wurde Cortes plötzlich inne, daß er ein Unrecht gegen sich selbst und Marina in Sempoalla begangen hatte. Blitzartig durchleuchtete ein grelles Schlaglicht seine Seele, und er gewahrte den häßlichen Flecken. Nie hatte er es sich eingestanden, obgleich er es eigentlich damals schon wußte, als Alvarado und die anderen Feldobristen ihn mit peinigender Hilarität zur Brautschaft beglückwünscht hatten. Jetzt fühlte er ein Mißbehagen, als wäre er im eigenen Netz gefangen, unfähig, aus den Maschen zu schlüpfen.

»Du stehst höher als der Totonakenkönig«, sagte er. Und sogleich ärgerte er sich, daß er keine bessere Antwort gefunden. Sie sollte evasiv sein und hörte sich doch fast wie ein Versprechen an. In den Ohren aber klangen ihm die Worte: Ihr Haar ist so glänzend, daß du dich in ihm spiegeln kannst ...

Das Gespräch wurde unterbrochen. Der Rat der Alten von Tlascala hatte einen öffentlichen Ausrufer gesandt mit dem dringenden Ersuchen an Cortes, die Sitzung des Senats, wo heute Beschlüsse von weittragender Wichtigkeit gefaßt würden, durch seine Gegenwart zu ehren.


Mit der Schwarzen Blume und seinem ganzen Stabe begab sich Cortes in den Tecpan des Hohen Rates. Wie die Kastilier waren auch die tlascaltekischen Senatoren eben erst durch König Truthahn zur Beratung geladen worden. Fast vollzählig waren sie erschienen. Zwei fehlten: Kriegsmaske und der Häuptling Fichtenzweig, der Freund des Prinzen, beide hatten sich wegen Krankheit entschuldigen lassen. Dafür war – unerwarteterweise – Fürst Piltecatl, der Neffe des Offenen Gesichts, anwesend. Die Kunde von der Öffnung der Käfige und der Freilassung Kreideschmetterlings hatte ihn in seinem Bergschlosse erreicht, und er war in die Stadt geeilt, um – falls es nicht zu spät sein sollte – des Zwitters habhaft zu werden. Doch es war zu spät – das hatte er gleich nach seiner Rückkehr am Morgen dieses Tages durch den greisen Seifensieder, den Vater Kreideschmetterlings, in Erfahrung gebracht.

Außer den vier Stadtkönigen, dem Hohen Rat und den Ehrengästen befanden sich auch die Gesandten aus Yuquane im Saal. Ein Bericht, den sie dem König Truthahn über die Vorgänge in Cholula erstattet hatten, war die Veranlassung der heutigen Sitzung.

Als die Kastilier eintraten, wurde bereits verhandelt. König Truthahn hatte die widerrechtliche Einkerkerung des tlascaltekischen Boten dem Rat der Alten bekanntgegeben, und mit feierlichen Eiden hatten die Gesandten aus Yuquane alle Einzelheiten bestätigt.

Der blinde Hundertjährige reckte seinen zittrigen Greisenkörper empor und forderte zum Krieg gegen das Alte Raubtier auf. Nach der Sammelnden Biene sprach das Offene Gesicht und führte aus: Nicht weniger als die Tlascalteken hätten die Söhne der Sonne Ursache, auf Rache zu sinnen, denn ihretwegen, um ihren Besuch in der heiligen Stadt anzukündigen, sei der Bote entsandt worden. Der unerhörte Schimpf seiner Gefangennahme bedeute den Krieg.

»Dieses ist Feldbrand und Götterwasser!« rief er mit gellender Stimme, so daß die Wände des Beratungssaales erdröhnten. Und von ihren Sitzen emporschnellend, stimmten die versammelten Häuptlinge in den Ruf ein: »Dieses ist Feldbrand und Götterwasser!«

Die Metapher besagte: Dies ist Sintflut und Zornfeuer, dies ist der Krieg.

Im Namen seines Heeres erklärte sich Cortes bereit, mit ins Feld zu ziehen, falls es zum Kampf kommen sollte.

Einstimmig beschloß der Hohe Rat, dem Alten Raubtier als Wahrzeichen der Kriegserklärung eine Büchse mit weißer Schminke zu senden.


Jedoch dem Priesterkönige die weiße Schminke zu überbringen, konnte sich nur unterfangen, wer mit dem Leben abgeschlossen hatte, wer jede Folterqual zu ertragen gewillt war. Tlascala mochte keinem seiner tapferen Söhne einen Auftrag erteilen, dessen Ausführung nicht anders als mit dem entsetzlichsten Tod erkauft werden konnte.

Und wieder sprach die Sammelnde Biene:

»O ihr Tlascalteken, meine Brüder und Söhne! Wenn Tlascala, unser aller Mutter, euch dies befehlen würde – ich zweifle nicht daran, keiner der Tapferen würde zurückschrecken. Doch Tlascala schreckt zurück, solches zu befehlen, und wartet lieber, daß einer von euch sich freiwillig erbietet. Den Kühnen, der das tun will, wird Tlascala nicht vergessen und wird sein Herz aufbewahren auf der Opferschale des Ruhmes und es lebendig erhalten in Liedern, welche zu singen die Söhne Tlascalas bis in ferne Zeiten im Erziehungshaus lernen werden, ihm zum Lob. Und auch der Witwe und der ihres Vaters beraubten Waisen wird Tlascala nicht vergessen und wird für sie sorgen, sie ernähren, kleiden und ausstatten.«

Einem kurzen Schweigen folgte plötzlich ein beifälliges Gemurmel. Der sich freiwillig für den Todesgang meldete, war der Stammesfürst und Feldherr Piltecatl.

Lebensüberdruß, Verzweiflung, weil Kreideschmetterling ihm unwiederbringlich verloren schien, veranlaßte ihn, die heldenhafte Tat mit ihren Folgen auf sich zu nehmen.

Mit scheuer Ehrfurcht wurde ihm gedankt.

Aber auch die Kastilier erlebten eine ans Wunder streifende Überraschung. Während Piltecatl gefeiert wurde, erlauschte die Schwarze Blume geflüsterte Äußerungen, aus denen hervorging, daß hoffnungslose Liebesraserei der Grund solchen Heldentums war. Die Schwarze Blume bat Marina, es Cortes mitzuteilen. Und während sie das tat, hatte sie plötzlich die Empfindung: An meinen Mund haben sich zwei Blutegel gehängt und trinken mein Blut aus! Und sie fühlte, daß ihre Lippen weiß wurden. Als sie aber die Augen hob, sah sie, daß es die gierigen Asketenblicke Aguilars waren, die sich an ihren Mund gekrampft und festgesaugt hatten, so daß sie schaudern mußte. Sie fand den Mut, mitten im Satz abzubrechen und, zu Aguilar gewendet, die Frage zu stellen:

»Wolltet Ihr etwas sagen, Frater?«

»Nein ... Nachher ... Es ist nichts Wichtiges ...«, stammelte er vernichtet.

Und gesenkten Hauptes ging er zu den vier Königen auf die erhöhte Estrade an der einen Schmalseite des Saales und sprach leise mit ihnen. Darauf teilte das Offene Gesicht den Versammelten mit: der Priester der weißen Götter sei entschlossen, mit Fürst Piltecatl in die heilige Stadt zu ziehen.

War Marinas Achtung unerzwingbar, so hoffte er doch auf einen mitleidigen Blick von ihr.

Umsonst bestürmten ihn die Feldobristen, sein Wort zurückzunehmen. Sie begriffen nicht, ahnten sein Flagellantentum nicht.

»Ihr hättet erst meine Einwilligung einholen müssen!« warf ihm Cortes vor.

»Euer Gnaden hätten mir die Einwilligung verweigert. Vielleicht vermag ich dort den Krieg zu verhindern«, erwiderte er schwermütig schmunzelnd, als wäre ihm eine List geglückt. »Ohne dem Ruf der Christen Abbruch zu tun, läßt sich nichts mehr rückgängig machen!«

Das wußten freilich alle. Und Marina wußte, was niemand wußte außer ihr und ihm. Und sie kam sich schuldig vor, trotz ihrer Schuldlosigkeit. Schuldig an seinem Tod. Und schuldig, weil zwischen ihr und ihm ein Geheimnis war.

Der Rat der Alten ließ dem Fürsten Piltecatl und Aguilar außer einer Büchse mit weißer Schminke auch weiße Daunenfedern, weißes Rindenpapier, einen Schild, eine Handfahne und eine Federkrone – als Geschenke für das Alte Raubtier – übergeben.

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