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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 38
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
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Die Maid mit dem blauen Hüfttuch wurde durch die feurigen Pfeile Tonatiuhs – des »Der hitzend kommt« – aus nächtlichem Schlaf geweckt, und morgenfrisch erstrahlten ihre Schneeglieder hinter dem grünlichen Gletschereisgewand, neugeboren, jungfräulich, durchscheinend rosig. Die Tzitzimimê, die Sterndämonen, entwichen, die Uhus, Nachtkäuzchen, Vampire und Fledermäuse suchten ihre Schlupfwinkel auf, und auch ein großer aschgrauer Adler – wunderbarerweise ein nächtlicher Räuber – flog heim zu seinem Horste. Während der rötliche Schein in das die Täler füllende Grau-Blau hinabsickerte, regte sich auf dem großen Marktplatz von Tlascala morgendliches Leben, ein Durcheinanderfluten von Tönen und Lichtflecken, das allgemach zum grellschillernden Farbengewimmel und schrillenden Stimmengewirr anschwoll. Der Handel des verarmten, auf eigene Erzeugnisse angewiesenen Landes florierte seit dem Einzug der Fremdlinge wie seit langem nicht; und mehr als sonst prangten die Stände der Kaufleute mit Früchten und Blumen, Wildbret und Fellen, Kleidungsstücken und Waffen. Mehr auch als sonst hatten edelbürtige Besucher des Marktes – wo sich unter freiem Himmel das öffentliche Leben abzuspielen pflegte – neuerdings Anlaß zu erregten Erörterungen. Alte und junge Gaufürsten konnte man mit den Händlern und Weibern des Volkes die Köpfe zusammenstecken und neugierlüstern die Köpfe schütteln sehen.

Die Freilassung der Opfersklaven durch die weißen Götter, vor allem aber die Errettung Kreideschmetterlings hatten Schadenfreude und Ärger ausgelöst und eine Schar seltsamer Gerüchte im Gefolge gehabt. Obgleich drei Tage seit jener Nacht vergangen waren, vermehrten sich noch immer fortzeugend die Gerüchte.

Da sich das Öffnen der Käfige nicht ableugnen ließ, und um ihrer Zaubersprüche und Götter Machtlosigkeit zu verschleiern, hatten die Priester selber die Nachricht verbreitet, daß im Augenblick, als die Teponaztlitrommel auf dem Haupttempel erscholl – um Mitternacht also–, die Regenwolkendecke des Himmels zerriß. Ein weißlich schimmerndes Flammenkreuz habe sich am östlichen Sternhimmel gezeigt, und laut winselnde Stimmen wären auf der Spitze der Pyramide erklungen. Man habe abgerissene Sätze vernommen und Klagelaute, vom Winde zerfetzt, der sie hertrug – als wäre der Turm des Heiligtums von jammernden Geistern umflattert. Durch den Herrn des Schwarzen Hauses nach dem Grund ihres Leidens gefragt, hätten die Stimmen keine Auskunft gegeben, wohl aber befohlen, die Söhne der Sonne gewähren zu lassen.

Ein klägliches Eingeständnis war das der Übermacht des Kreuzes und des Christengottes.

Je nach ihrer Stammzugehörigkeit begrüßten oder verwünschten es die Tlascalteken, daß der Hermaphrodit befreit war, und sie ergingen sich in Mutmaßungen, ob es ihm wohl gelungen sei, zu seinem einstigen Retter, dem Fürsten Piltecatl, zu flüchten. Doch erschien dies unwahrscheinlich, da Piltecatl zur Zeit in der Stadt Tlascala nicht weilte, sich vielmehr mißmutig in eines seiner entfernt gelegenen Bergschlösser zurückgezogen hatte. Auch Piltecatls Rival, Prinz Kriegsmaske, war in aller Munde. Leute, die ihn jüngst gesehen hatten, wunderten sich und bewunderten seinen Gleichmut. Wie jedermann, wußte auch er von der Entkerkerung der Sklaven und des Zwitters und wußte, wem er das zu danken hatte. Doch nichts war ihm anzumerken. Wenn er an Rache dachte, so dachte er an eine langfristige Rache.

Im besten und im schlechtesten Sinne war Kriegsmaske ein Indianer und unumschränkter Herr über seine Gefühle. Erst gestern hatte er in einer Sitzung des Hohen Rates den Antrag gestellt, die hervorragendsten der weißen Götter durch Ehrennamen auszuzeichnen. Man beriet und einigte sich dahin, dem blonden Alvarado, der mit seiner strahlenden Liebenswürdigkeit alle Herzen erwärmte, den Namen des Sonnen-Herrn, Tonatiuh, »Der erhitzend kommt«, zu verleihen, Cortes aber, seiner fürstlichen Hofhaltung wegen und weil er den faustgroßen Smaragd, das Brautgeschenk der dicken Prinzessin, an einer güldenen Halskette trug, mit dem Namen »der Grüne Stein« zu ehren, auch war dies eine Anspielung darauf, daß der grüne Stein ein Symbol, ja sogar ein Name des weißen Gottes Quetzalcoatl war, dessen Mutter, das Mädchen von Tula, durch einen Smaragd geschwängert worden war. Marina erhielt den Namen »Unsere Mutter«. Leon wurde »der sanfte Wind«, Ordas »der Löffelreiher« und Sandoval »der Marder« genannt. Den Fremdlingen öffentlich und feierlich diese Namen zu verleihen, wurde indessen hinausgeschoben bis zum nahen Fest der Taufe und Hochzeit der Fürstentöchter.

Am heutigen Morgen nun, als die frühen Wanderer, mit Ballen, Säcken und geflochtenen Weidenkörben beladen, ihre Waren zum Marktplatz schleppten, wurde von vielen beobachtet, daß auf dem Palast des Prinzen Kriegsmaske, sich plusternd auf einer der rot bemalten, treppenförmigen Dachzinnen, ein Oactli-Vogel, ein kleiner schwarzer Geier mit weißer Halskrause, saß. Er galt als Heil- und Unheilbringer, er hieß der lachende Vogel. Setzte er sich auf ein Hausdach nieder, so hatte das stets eine Vorbedeutung: – eine gute, wenn er seinen kreischenden Schrei Ah-ah-ah ausstieß, eine schlimme, wenn er yeccan rief.

Doch heute rief er nur yeccan, yeccan. Das Volk aber wußte, daß im Tecpan der Lieblingssohn des Prinzen krank daniederlag.


Fernab vom Geräusch der Straße schlummerte das wunde Kind.

Als letzter einer langen Reihe von Prachträumen lag im hintersten, abgelegenen, von den Akazien des Schloßgartens umschatteten Teil des Tecpans ein weiter und tiefer Saal, an dessen Längswänden sich oben unterhalb der Zederbalkendecke quadratische Lichtöffnungen und unten je zwanzig niedrige Türen befanden. Jede Tür war mit einem Korallenvorhang versehen und ging in eine winzige Schlafkammer, die gerade nur für ein Lager Raum bot. An der hinteren Querwand aber führten drei Türen in geräumigere, mit schönem Hausgerät versehene Schlafkammern.

Eine von diesen war das Krankenzimmer.

Auf einer niedrigen, mit Silberblech beschlagenen, glanzig lackierten Truhe, geschnitzt aus dem weißen Holze des Zapotebaumes, stand ein dreiarmiger kupferner, milchiggrün patinierter Kerzenhalter und hielt – an Stelle von Kerzen – drei fingerdünne und etwa ellenhohe Kienspäne. Diese waren mit Harz so sehr getränkt, daß sie langsam, ohne zu flackern, ohne zu qualmen, verbrannten, als wären sie Wachslichte. Ihr milder Schein vermählte sich mit einem Schimmer von Tagesschein, den das fensterlose Gemach durch den Perlenvorhang der einzigen in den Saal führenden Tür erhielt. Die Wände waren mit mattfarbigen Agavepapierstreifen, die mit stilisierten Raubtierkämpfen übermalt waren, beklebt.

Auf einem Lager aus übereinandergehäuften, ockergelben, mit Daunen gestopften Baumwollkissen lag das Kind und war eingehüllt in Decken aus weichstem Kaninchenhaargewebe. Hübsche maulbeerfarbene, jedoch duftlose Ohrenblumen waren gleichsam wie vom Himmel gefallene Sterne über das Krankenbett gestreut.

Hinter dem Kopfende des flachen Lagers knieten zwei ältliche Sklavinnen und scheuchten mit großen kreisrunden Fächern die summenden Fliegen von der feuchten Stirn des Knaben fort. Ihm zur Seite, auf einem zackig geschnitzten, roten Holzsessel saß Isabel Rodriguez, eine der Samariterinnen des christlichen Heeres, und nähte an einem Brautkleid.

Schon seit einigen Tagen war sie Pflegerin hier und wurde von Zeit zu Zeit abgelöst durch Ines Florin, die Tochter des Seeräubers. Der verrückte Baccalaureus hatte sie hergebracht. Denn als die Künste der heimischen Wundärzte zu versagen schienen, hatte sich Prinz Kriegsmaske von Cortes den großen Arzt – »der die Krankheit aus dem Leibe zieht« – erbeten. Die Menschenfettsalbe Ponce de Güelvas, von der er ein halbes Büchschen noch übrig hatte, tat Wunder am kleinen Prinzen. Die Entzündung und Schwellung des Halses ging zurück, das Fieber ließ nach. Seitdem wurden die Wünsche des Baccalaureus blindlings im Tecpan erfüllt, und ohne auf Widerspruch zu stoßen, konnte er verfügen, daß die Medizinmänner sowohl wie die Medizinweiber vom Krankenbett ferngehalten und durch die beiden weißen Göttinnen ersetzt wurden.

Das Brautkleid nähte Isabel Rodriguez für Prinzessin Rabenblume, die Schwester des Prinzen Kriegsmaske. War zwar die tlascaltekische Frauentracht kleidsam und dem weiblichen Gliederbau zierlicher anschmiegsam als die holzig geschnürten Mieder und steifgefalteten höckerigen Frauenröcke der Damen Italiens und Spaniens jener Zeit, so legte doch Alvarado Wert darauf, daß seine künftige Gattin auch äußerlich als Christin und Edelfrau – eine Hildalga de sangre – mit ihm vor den Altar trete. Lavendelfarbene Seide und einige Fetzen Brokat hatte er der reichen Amazone Maria de Estrada abgekauft.

Auf der weißlackierten Truhe stand neben dem dreiarmigen Leuchter eine Phiole, und dort lag auch ein alter schwarz angefressener Zinnlöffel. Und zuweilen ließ Isabel Rodriguez ihre bauschige Arbeit zur Erde fallen, träufelte einige Tropfen aus der grünlichblau belichteten Phiole auf den Zinnlöffel und flößte den Trank dem schlummernden Kinde ein.


Sich nähernde Schritte wurden vernehmbar, das hohle Surren eines Rasselstabes und das Klirren metallener, am Fußknöchel perlenschnurartig gereihter Glöckchen, wie sie die Vornehmen auf ihren Sandalenriemen zu tragen pflegten.

Kriegsmaske trat ein mit seiner Schwester Rabenblume. Die Begleiterinnen der Prinzessin blieben im großen Saal zurück.

Sie wohnte im Tecpan ihres Großvaters, der Sammelnden Biene, und war eben, mit langgestielten Silberreiherblüten in den behandschuhten Händen, in den Palast ihres Bruders herübergekommen, um nach dem Wohlbefinden des kleinen Neffen zu fragen, zugleich aber auch, um ihr Brautkleid in Augenschein zu nehmen.

Kriegsmaske hätte ihr Vater sein können – so groß war der Altersunterschied der Geschwister. Rabenblume war kaum erst erwachsen. Und doch beherrschte sie ihren starrköpfigen und unbändigen Bruder, vielleicht ohne sich ihrer Macht bewußt zu sein.

Ihr Körper war hochbrüstig wie seiner, doch mädchenzart und biegsam. Zwischen dem grasgrünen Quechquemitl, dem befransten Schultergewand, und dem zinnoberroten, mit weißem Schmetterlingsmuster zierlich durchwebten Mädchenrock war ein handbreiter unbedeckter Streifen Haut und zeigte, wie schmal sie in der Nabelgegend gebaut war.

Schüchtern, fast ängstlich trat sie auf. Nichts an ihr verriet, daß ihre gebrechlichen Glieder einem harten Willen Untertan waren. Wohl aber ließ ihr etwas breiter, wundervoll geschnittener, glitzernder Mund eine rasche Entflammbarkeit ahnen, und mehr noch die im Schimmer der drei Kienspankerzen wie Kristall blinkende Glanzfeuchtigkeit der Augen.

Hellgelb geschminkt war sie. Und ihr Hinterhaupt war aureolenhaft umrahmt von zwei phantastisch emporragenden Schleifen eines Zopfbandes, das mit Blumenwasser parfümiert war. Ein Tzompacolli, eine kunstvoll zerzauste Stirnlocke, fiel ihr über die rechte Braue.


Isabel Rodriguez hatte sich verlegen vom Sessel erhoben. Den eleganten Gruß des Prinzen und der Prinzessin, welche die Hand zur Erde und dann zum Herzen führten, erwiderte sie mit einem unbeholfenen Knicks. Sie war dreiundzwanzig Jahre alt, bleichsüchtig, sommersprossig und hatte rötliches Strohhaar. Ihr schmallippiger Mund konnte madonnenhaft lächeln.

Ohne Dolmetscher war ein Gespräch unangängig. Durch Zeichen gab sie den Eintretenden zu verstehen, daß das Kind schlafe und daß es ihm besser gehe.

Die beiden Mädchen lächelten sich zaghaft an. Durch ihr Verlöbnis mit Alvarado und die täglichen Katechismusstunden bei Pater Olmedo aufrichtig und inbrünstig dem neuen Glauben zugetan, sah die indianische Fürstentochter in jeder Christin eine Schwester. Sie trat auf jene zu, legte ihr die Silberreiherblüten in die Hände und küßte sie auf die Wange.

Isabel Rodriguez war die Tochter eines armen Schusters in Toledo. Das Blut schoß ihr in die geküßte Wange wie in eine offene Bißwunde.

Obgleich Kriegsmaske mit einem unverändert höflichen Lächeln dastand, wußte Rabenblume, ohne hinzusehen, daß er an ihrer Zutraulichkeit Anstoß nahm. Sie fühlte sich für die Glaubensgenossin gekränkt.

»Auch mein Bruder soll die Jungfrau küssen!« sagte Rabenblume.

»Warum?« fragte der Prinz.

»Weil die Jungfrau am Bette des Kindes gewacht und den grünen Teufel Xoxouhqui Tzitzimitl vertrieben hat!« entgegnete die angehende Christin.

Daß es böse Teufel – Demonios – gab, stellte ja auch Pater Olmedo nicht in Abrede.

Für Kriegsmaske waren die Worte seiner Schwester wie ein Hieb ins Gesicht. Er war nicht frei von großherzigen Regungen, dabei aber haßte er die Retter seines Kindes. Eine Mahnung entwertete ihm sein schwer abgerungenes Dankgefühl.

Doch er fügte sich dem kindlichen Willen der Schwester. Vielleicht war es ihm auch nicht unlieb, so leichten Kaufes der Last des Dankes ledig zu sein.

Hastig erfaßte er die Hände des blonden Mädchens und beugte sich nieder, sie zu küssen. Doch Isabel Rodriguez entriß ihm schamerfüllt ihre Hände, noch ehe er Zeit gehabt hatte, sie mit seinen Lippen zu berühren. Im selben Augenblick traten Marina, ihr Haushofmeister Arteaga und der Apotheker Ponce de Güelva in das Krankenzimmer.


Kriegsmaske war äußerst verstimmt darüber, daß die Eintretenden seine Selbsterniedrigung gesehen hatten. Er raste innerlich und gab sich nicht einmal die Mühe, seine schlechte Laune zu verhehlen. Steif und zeremoniös begrüßte er den Arzt, die Dolmetscherin und ihren bestallten Beschützer und lächelte verbissen, als er Marina und Rabenblume Zärtlichkeiten austauschen sah. Dann starrte er unverrückt auf den kobaltblauen Lichtflecken in der kugelig gebauschten grünblauen Phiole.

Unberechenbar, leicht aus einem Extrem ins andere geworfen, fing er jetzt plötzlich an, seine Schwester zu hassen – aus keinem anderen Grunde, als weil er ihren Rat befolgt hatte. Und er nahm sich vor, nie mehr auf sie zu hören. Nicht minder haßte er jetzt die rotblonde Christenjungfrau, war sie doch der unschuldige Anlaß seiner Demütigung.

Um ärztliche Vorschriften erteilen zu können, hatte der Baccalaureus schon bei seinen früheren Besuchen sich die Begleitung Marinas ausgebeten, und diese wiederum betrat – auf ausdrücklichen Wunsch von Cortes – kein tlascaltekisches Haus, ohne ihren bis an die Zähne bewaffneten Mayordomo zur Seite zu haben. Der stolze, graubärtige Juan Pérez de Arteaga war ihr Schatten, taktvoll, dienstbeflissen, sich selbst auswischend. Und stets übersah sie ihn wie einen Schatten.

Ponce de Güelva hatte ein riesenhaftes, mit lauem Kräuterwasser gefülltes Klistier mitgebracht. Ein Monstrum von einem Klistier. Für die Bewohner Tlascalas ein neugieranreizendes Zauberwerkzeug unbekannter Funktion.

Das Kind war erwacht und schrie aus Leibeskräften, wie es jedesmal beim Anblick des verrückten Apothekers geschrien hatte, an dessen struppigen, schmutzig-braunen Räuberbart es sich nicht gewöhnen konnte. Nachdem er den Puls gefühlt und befriedigt genickt hatte, legte er den kleinen kupferroten Körper bäuchlings auf die Kissen und bohrte das Instrument in die kindlichen Eingeweide. Er war ein Pedant, und was er tat, tat er feierlich und gründlich.

Da plötzlich – mit leisen katzenhaften Schritten war Kriegsmaske herzugeeilt und hatte blitzschnell das Kind befreit. Ponce fühlte eine eiserne Hand sich auf seine Schulter legen. Zischend vor Wut, mit verzerrtem Gesicht stand Kriegsmaske vor ihm und hielt ihm das Klistier unter die Augen.

»Wehe dir!« brüllte er.

Weit entfernt, sich einschüchtern zu lassen, geriet auch der Apotheker in Wut. In seiner Welt war, was er hatte tun wollen, logisch, heilsam und alltäglich. In der Welt der Völker Anahuacs aber war es eine Schändung, ein unerhörter Verstoß gegen die Sittsamkeit. Wo beide Welten aufeinanderprallten – wie einst bei den Totonaken und jetzt hier –, ergab sich eine groteske Situation, deren heimliche Komik noch gesteigert wurde durch die überhebliche Verachtung beider Welten füreinander. Kriegsmaske verteidigte sein Kind, und der Baccalaureus verteidigte seine Wissenschaft, die ihm nicht weniger heilig war. Auf die überlegene Wissenschaft Europas ließ er nichts kommen. Nachdem er eine üble Flut von Schimpfereien hervorgesprudelt hatte – so maßlos, daß der steifleinene Pérez de Arteaga sich veranlaßt sah, ihn daran zu mahnen, sie wären Gäste hier im Hause –, verwandelte sich seine Wut in Sarkasmus. Zu Marina gewendet, die verlegen mit Rabenblume abseits stand – denn schon gleich zu Beginn des Streites hatte sie die Beleidigungen zu übersetzen sich geweigert –, gab er bei allen Heiligen schwörend das Versprechen, er werde sich hinfort zügeln, und bat sie, wieder Dolmetscherin zu sein. Nun behandelte er den Prinzen mitleidsvoll und herablassend als Schwachkopf, der gar zu sehr der Belehrung bedürfe, und erklärte ihm die Manipulation des Instruments, worin sich weder Blitzfeuer noch Todesgift noch Dämonen befänden, sondern unschuldiges lauwarmes Wasser ...

Als Antwort darauf spritzte ihm Kriegsmaske den unschuldigen Inhalt des Klistiers ins Gesicht und brach in ein böses kaltes Gelächter aus.

Für den Apotheker hatte der Auftritt keine weiteren Folgen. Um so schlimmer aber für Prinz Kriegsmaske. Denn seine Gereiztheit war allgemach zur Überreiztheit geworden. Marina warf Rabenblume einen angstvollen Blick zu, begriff sie doch, in welcher Gefahr der ahnungslose Quacksalber schwebte ...

Da klirrte und raschelte es am Korallenvorhang, und herein durch die Tür schob sich wankend, scheu und furchtgehetzt die berückende Gestalt Kreideschmetterlings. Von zwei Torhütern wurde er geführt. Jetzt riß er sich los aus ihren Händen und stürzte vor dem Prinzen zu Boden. Zerschlissen und zerrissen die kostbaren Mädchenkleider, verwahrlost, zerzaust das Haar, ungeschminkt das Gesicht, ungewaschen, mit einer Schmutzkruste bedeckt – war doch das reizvolle Wesen in seiner Verwilderung schön wie je.

Im Augenblick war der Apotheker vergessen. Der Prinz hatte nur noch für den Ankömmling Augen und Sinn. Sein nach Entladung lechzender Groll hatte ein neues und würdigeres Ziel gefunden.


Die Torhüter berichteten, daß Kreideschmetterling, Kopf und Gesicht mit einem groben Hanftuch verhüllt, an einem der Nebeneingänge des Tecpans erschienen war, reumütig darum flehend, vor Kriegsmaske geführt zu werden.

Und in der Tat, freiwillig hatte sich der Zwitter eingestellt, wenn auch sein Entschluß, dies Äußerste zu wagen, kein freiwilliger war. Gleich nach der Befreiung durch die Kastilier hatte er im schützenden Dunkel jener regnerischen Nacht aus Tlascala flüchten wollen, aber nicht können, da er die Tore der Stadt verschlossen fand. Und ebenfalls verschlossen, wie er bald in Erfahrung brachte, war der Palast des Fürsten Piltecatl, seines Beschützers, welcher fern in einer Felsenburg weilte. Bis Morgengrauen trieb sich Kreideschmetterling hungernd und fröstelnd in der Stadt umher. Bei Tageslicht sich auf der Straße zu zeigen, durfte er nicht wagen, da jedermann ihn kannte und er Gefahr lief, gesteinigt oder ausgeliefert zu werden. So war ihm kein anderer Ausweg geblieben, als in seinem Elternhause ein Asyl zu suchen. Doch als er die Schwelle, die er seit Jahren gemieden hatte, betrat, traf er nur noch seinen Vater an, die Mutter und zwei Geschwister waren tot. Der Vater, ein armer Amolchiuhqui, ein Seifensieder, gealtert, menschenscheu, mürrisch, weigerte sich anfänglich, sein Kind aufzunehmen. Ausgemerzt hatte er aus seinem Herzen Erinnerung und Namen und Bild der einst geliebten Tochter, deren Ruhm nicht mehr sein Stolz, deren Schande nicht mehr seine Schmach war. Auch fürchtete er, sich den Zorn des mächtigsten der Stammesfürsten zuzuziehen. Als Kreideschmetterlings Bitten dringlicher und lauter wurden, ließ er ihn zwar ein, schloß ihn jedoch sofort in einen kellerartigen lichtlosen Raum, aus Besorgnis, seine Kundschaft könne, seinen Laden betretend, den Gast wittern und auch ihn selbst als Hehler verraten. So hatte nun Kreideschmetterling den Menschenkäfig des Tempels mit einem anderen Gefängnis vertauscht, und wenn es ihm auch an Speise nicht fehlte, so war er doch der Möglichkeit beraubt, sich und seine Kleider vom Schmutz, von den entsetzlichen Schandmalen des Menschenkäfigs zu säubern. Der Aufenthalt im Elternhause mochte drei Tage gewährt haben – genau wußte es Kreideschmetterling nicht, weil Nacht von Tag sich nicht unterschied –, da öffnete der Alte den verriegelten Keller und sagte ihm: er sei im Begriff, den Prinzen Kriegsmaske aufzusuchen und aufzuklären, und nichts könne ihn davon abhalten, es sei denn, daß Kreideschmetterling sich freiwillig in den Tecpan des Prinzen begebe, seine Strafe zu empfangen. Und Kreideschmetterling zog es vor, freiwillig vor seinen Richter zu treten, der ihn bis zur Raserei liebte. War es ein Wagnis, so war auch die Rettung, wenn es glückte, gewiß.

Tränen vergießend, lag er jetzt am Boden vor den Füßen seines Peinigers, besudelt und beschmutzt wie ein pfeildurchbohrter, blutender Schmuckvogel. Sein nasser Mund bebte und zuckte. Seine hellbraunen angstvergrößerten Augen hingen unverrückbar am starren, sich versteinernden Antlitz des Prinzen.

»Töte mich! ... Ich habe es verdient! ...« hauchte der Hermaphrodit.

Doch nichts regte sich im steinernen Gesicht. Wohl aber griffen die Finger des Prinzen langsam am Gurt entlang und zogen langsam einen nadelspitzen Knochendolch heraus. Es wurde still im Zimmer.

Da legte sich eine zarte Hand auf den Arm des Prinzen. Rabenblume war an ihn herangetreten und flüsterte, mit dem Kopf nach dem Krankenlager weisend:

»Das Kind! ...«

Und mit schmeichlerischem Augenaufschlag nahm sie ihm den Dolch aus der Hand.

Kriegsmaske ließ es geschehen, überließ ihr den Dolch, als sei es ein Spielzeug. Er hatte sich umbesonnen. Er nickte zerstreut und finster.

»Ja, nicht hier! ...« sagte er. »Kommt!«

Und er schritt hinaus in den angrenzenden Saal.

Rabenblume, Marina, Ponce und Arteaga folgten ihm beklommen. Kreideschmetterling war erst wie betäubt liegengeblieben. Von den Torhütern barsch gemahnt, erhob er sich und ging mit ihnen in den Saal.

Nur Isabel Rodriguez und die alten Fächerträgerinnen blieben am Bett des Kindes.

Im Saal winkte Kriegsmaske die beiden Torhüter heran und befahl ihnen, die Gäste aus dem Palast hinauszugeleiten. Dann erteilte er ihnen, sie in eine Nische ziehend, mit flüsternder Stimme einen anderen Befehl.

»Bringt die weiße Schlange!« sagte er.

Die Torhüter entfernten sich mit den Christen, deren Abschiedsverbeugungen Kriegsmaske höflich-gleichgültig, mit seinem bunten Zeremonienstab rasselnd, erwiderte. Den heimlichen Befehl hatte niemand außer den beiden Beauftragten vernommen.


An der Schmalwand des Saales waren zwischen den drei Türen nischenartige halbkreisförmige Vertiefungen.

In eine von diesen hatte sich Kreideschmetterling gestellt, mit weit ausgestreckten Armen gegen die konvexe Wand gedrückt, als hoffte er, vom Gemäuer verschlungen und vor den steinernen Augen des Prinzen geborgen zu werden. Doch die steinernen Augen gaben ihn nicht frei. Näher und näher kam das steinerne Gesicht, der Prinz stellte sich vor die Nische, so daß ein Entkommen unmöglich wurde. Sanft und unmutig stand Prinzessin Rabenblume dicht hinter ihrem Bruder.

Vorhin im Krankenzimmer hatte Kreideschmetterling erkennen können, daß das von ihm fast erwürgte Kind außer Gefahr war. Daran klammerte sich jetzt seine Hoffnung. Eines vermeintlichen Mordes wegen war er von Kriegsmaske an den Tempel geliefert worden, inzwischen aber hatte es sich erwiesen, daß er kein Mörder war.

Noch immer weinend und die Tränentropfen mit seinem langen zerzausten Haar von den Wangen wischend, begann er sich zu rechtfertigen. Mit seiner glockenhaften Mädchenstimme erzählte er, wie das Kind in die Haarschlinge geraten war, erzählte es lebhaft ausmalend, hinzuerfindend und frech lügend, um sich als schuldloses Opfer eines unglücklichen Zufalls hinzustellen. Er habe das geflochtene Haar an den Pfeiler gebunden, in der Absicht, als Spielzeug für das Kind einen Federball daran zu befestigen, wie aber das Kind sich drein verfangen hatte, habe ein Todesschreck ihn erfaßt, denn das habe er vorausgesehen, daß man ihm seine Unschuld nimmermehr glauben werde, und darum, ja, bloß darum, sei er geflohen und habe die alte Wärterin niedergeschlagen, um von ihr nicht niedergeschlagen zu werden.

Wie erlogen diese Darstellung auch war, so konnte sie doch glaubhaft erscheinen, und wäre Kriegsmaske gewillt gewesen zu verzeihen, er hätte es auf Grund dieser Erzählung tun können. Indes sein Groll war seit dem demütigenden Handkuss ohne Unterlaß gereizt und gezerrt worden – jetzt verlangte sein Groll ein Opfer.

Die beiden Torhüter waren zurückgekehrt, einen fußhohen Holzkasten tragend, dessen Öffnung – eine kleine Schiebetür – an der Seite, wie bei Vogelkäfigen, angebracht war. Außerdem waren an verschiedenen Stellen Luftlöcher gebohrt, breit genug, um kleine Fische und Eidechsen hindurchzustecken, womit das im Kasten gefangen gehaltene Reptil gefüttert wurde.

Die Torhüter stellten den Kasten zwischen Kriegsmaske und den Zwitter nieder. Und zum Prinzen gewendet, sagte der eine:

»O mein Herr, hier ist die weiße Schlange!«

Kaum waren diese Worte gesprochen, schrillte Kreideschmetterling winselnd auf, und auch Rabenblume stieß einen jähen Schrei des Entsetzens aus.

Die weiße Schlange war eine der gefährlichsten Giftschlangen , ihr Biß tötete in wenigen Augenblicken. Jedermann in Tlascala wußte, daß Prinz Kriegsmaske, das Beispiel einstiger tepanekischer Gewalthaber nachahmend, eine weiße Schlange in seinem Palaste fütterte, um seine Sklaven in Zucht zu halten. Hatte ein Sklave ein todeswürdiges Verbrechen begangen, so wurde er der Öffnung der Schlangenkiste gegenüber gefesselt aufgestellt, und kaum war die Käfigtür geöffnet, quoll der geringelte, armdicke, zwei Klafter lange Leib hervor, und sich aufrichtend, schnellte die Schlange auf den vor ihr Stehenden zu. Die hinter ihr Befindlichen waren, nach den bisherigen Erfahrungen, nicht gefährdet. Das Gift erschöpfte sich mit dem einen Biß.

»Bruder, ich will nicht, daß du das tust!« schrie Rabenblume, und ihre Blicke funkelten Grausen und Zorn.

Doch heute versagte ihre Macht. Im Gegenteil, ihre Worte peitschten seinen Trotz empor, nun erst recht zu zeigen, daß er auf sie nicht hörte. Er griff nach der kleinen Schiebetür.

Unbemerkt war Isabel Rodriguez aus der Krankenstube in den Saal getreten, hergelockt durch den schrillen Schrei, der angstverstört durch die Palasträume flatterte wie ein weinender Vogel.

Ohne zu begreifen, was vorging, ahnte sie das Furchtbare. Sie wußte nicht, warum sie es tat, sie wurde von Mitleid und Empörung angetrieben, sich selbst nicht zu schonen.

Mit ausgebreiteten Armen stellte sie sich vor Kreideschmetterling. Vielleicht hoffte sie, ihre Gegenwart werde Kriegsmaske abhalten.

Doch der Prinz ließ sich nicht abhalten. Auch durch Rabenblume nicht, die kreischend mit ihm zu ringen begann. Er schüttelte die an ihn Gekrampfte ab, stieß sie unwirsch, so daß sie in die Knie sank.

Und er öffnete die Tür des Schlangenkäfigs.

Der handgroße Kopf der weißen Schlange schob sich zuerst langsam, ruckweise vor. Rabenblume, kniend, händeringend, stöhnte und schluchzte, jählings verstummte dann auch sie. Gläsern, fast transparent, rückte, glitt und quoll der mattgetigerte hellschuppige Leib heraus. Die Schlange hob sich kerzengerade, züngelte, riß den Rachen spannenweit auf, so daß die zwei langen geschweiften Giftzähne wie elfenbeinerne Haken blinkten, und auf die vor ihr erstarrt Umschlungenen schoß sie zischend los.

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