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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 36
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Escalante konnte sich dem dicken Kaziken nicht verständlich machen. Orteguilla mußte gerufen werden. Orteguilla mußte gegen Orteguilla Klage führen. Das war viel verlangt. Der Knabe wand sich wie ein Aal, übersetzte wissentlich falsch, jeden Satz dichtete er um, erdichtete ganze Fabeln. Am zufriedenen Lächeln des dicken Kaziken war zu erkennen, daß der kleine Dolmetscher nichts von seinem Indianerweiblein sagte, dessen Entfernung von Escalante gefordert wurde. Lares, der zugegen war, merkte das bald und fuhr den Pagen an:

»Höre! Du hast bisher gelogen, Orteguilla! Wenn du damit fortfährst, so nehme ich dich mit nach Tlascala, und Don Hernando wird dich auspeitschen lassen!«

Der dicke Kazike fiel auf die Knie und hielt die feisten Hände mit den weißbemalten Fingernägeln dem Sohne der Sonne flehentlich gefaltet unter die Nase. Ohne ein Wort zu verstehen, begriff er, daß man ihm seinen Liebling entreißen wollte. Kläglich jammernd brachte er Bittworte vor.

»Was sagt er?« fragte Escalante.

»Er sagt: Ihr sollt mich nicht töten!« antwortete verstockt und sehr bleich der Page.

Doch die Drohung des Lares blieb auch auf ihn nicht ohne Wirkung. Nach Tlascala mitgenommen werden, hieß, der kleinen Freundin für immer Valet sagen. Während hier in Sempoalla, mochte sie auch gewaltsam von ihm getrennt werden, immer noch die Möglichkeit und Hoffnung verblieb, von Zeit zu Zeit die Geliebte zu sehen, vielleicht heimlich mit ihr zusammenzutreffen ...

»Oberlege es dir, Orteguilla, und sei vernünftig!« ermahnte Lares.

»Ich habe es mir überlegt ...«, murmelte der Knabe, plötzlich weich werdend. Und er brach in ein lautes Schluchzen aus.

Der dicke Kazike küßte ihn, streichelte ihm über die Papageienfederperücke, fächelte ihn mit einem perlgestickten Fächer.

Escalante mußte seine Ansprache an den Totonakenkönig von neuem beginnen, und diesmal übertrug Orteguilla Satz für Satz wörtlich. Die Einwände des dicken Kaziken wurden widerlegt, sein Einverständnis erzwungen. Er weinte mit Orteguilla, nahm sich einen Edelsteinstab aus dem Ohr, den Knaben damit zu beschenken, und flüsterte ihm etwas zu. Durch Tränen lächelte Orteguilla.

»Was flüstert er?« fragte Lares.

»Ich will nicht lügen«, erwiderte der Page, »er sagt: er wird mir morgen eine andere Frau schenken!«

Auch das wurde dem König verboten. Ach, er war kein König mehr.

Nun wollte Escalante die kleine Indianerin rufen lassen, um ihr die Aufhebung der Ehe mitzuteilen. Aber Orteguilla widersetzte sich. Er selbst wolle sie benachrichtigen, rief er und eilte hinaus in den Palastgarten.

Dort wartete die Dreizehnjährige auf ihn. Was ihnen bevorstand, wußten beide Kinder seit dem ersten Besuch des Lares. Gefaßt und trockenen Auges hörte jetzt das Mädchen den Knaben an. Sie war älter, ein kleines Weib. Und sie tröstete ihn.

Escalante, Lares und der dicke Kazike waren ins Portal des Palastes getreten und beobachteten von weitem den Abschied der Kinder.

»Niemand kann uns trennen!« sprach das Mädchen.

»Wir werden uns wiedersehen!« weinte Orteguilla.

»Wir werden uns immer angehören!« fuhr das Mädchen fort, »und zum Zeichen dafür will ich dir einen Pinienapfel pflücken!«

Flink wie ein Eichhörnchen klomm sie an einem Pinienstamm empor, schaukelte bald masthoch über dem erstaunt blickenden Knaben. Mit einem Zapfen in der Hand winkte sie ihm.

»Schau, wie ich dich liebe! Dein bleibe ich für immer!« rief sie, und mit einem schrillen, jauchzenden Aufschrei warf sie sich in die Tiefe.

Wimmernd kniete Orteguilla neben ihr. Mit gebrochenem Rückgrat lag sie da, schwarzrotes Blut quoll ihr aus Nase und Mund.

Lares trug den ohnmächtigen Knaben in den Palast.


Die erbetenen fünfhundert Lastträger waren bei Sonnenaufgang zur Stelle, die Zelte wurden abgebrochen und auf Tragbahren verpackt. Da Pater Olmedo an Fieber krank war, hielt der Franziskaner Juan Diaz einen Dankgottesdienst ab, wobei der alte Soldat Alonso Duran als Chorknabe im weißen Spitzenröckchen administrierte. Von der Plattform der torre de la victoria – des kleinen Heidentempels – herab, wo man ein hölzernes Kreuz aufgerichtet hatte, las der Licenciado mit den wulstigen Lippen Messe und predigte dem versammelten Heer.

Der Popocatepetl hatte sich ausgetobt, nun umtobten ihn Gewitter. Und als plötzlich ein orkanartiger Windstoß sein Aschenregengewölk auseinander trieb, gewahrten die Kastilier voll Staunen, daß in der einen einzigen Nacht die gesamte weiße Schneekappe des Vulkans abgeschmolzen war. Die gläsern roten Adern der frischen Lavabrüche hoben sich glitzernd ab von schwarzverkohltem Gestein.

Und der Clérigo predigte von Jehova, der Josuas Heer als Wolkensäule voranzog, mit dem Hauch seiner feurigen Nüstern die Heidengreuel der Baalsdiener zerschmolz, bis die Kinder Israel das gelobte Land gewonnen, wo Milch und Honig fleußt.

Und Benito Bejel rührte die Trommel, und Rodriguez stieß in seine lilienförmige Kupfertrompete. Der Heereszug setzte sich in Bewegung, kriegsmäßig, in strenger Ordnung, als ginge es zur Schlacht. Den Scharfschützen voraus die Kavalleristen, und ihnen voraus Diego de Ordas.

Aschenstaub rieselte herab und verschleierte die Sonne. Einem großen Monde ähnlich hing sie am Himmel, bleichgelb, eine strahlenlose Rundscheibe. Aschenstaub lag auf den Schultern der Schreitenden, auf den Rohren der Geschütze, auf Steinen, Gräsern und Helmen wie ein weißlicher Winterreif und versilberte das Felsental. Arm war der Freistaat, abgeschnitten vom Handel der Welt, überreich an Bergen und daher auch an Ödland, aber gerade die Armut hatte das Jägervolk – dessen Emblem der Pfeil war – gezwungen, jeden Streifen fruchtbarer Erde auszunutzen und den Urboden der Bergschluchten in Ackerboden zu wandeln. Nicht ohne Grund hieß Tlascala das »Brotland«.

Der Weg führte an einem Wallfahrtsort, einem Kloster der Quaquiles, vorbei, jener der Weltbefreiungslehre des Heilbringers Quetzalcoatl zugetanen und den Menschenopfergreueln abholden Mönche, deren wundenheilender Glaube so tief Montezumas Schwester Papan bewegt hatte, daß sie schon im Begriff stand, sich in eines der Frauenklöster des Quaquile-Ordens aufnehmen zu lassen, als ihre Grablegung, Auferstehung und Gefangenhaltung die Absicht vereitelte. Verfolgt in Mexico, geduldet in Tezcuco, hatten die Mönche in Totonacapan und in Tlascala zahlreiche Klöster.

Übten sie ihren Einfluß vorwiegend auf kindliche, besonders weibliche Gemüter aus, so gab es doch auch zielbewußte Männer, ja Kriegshelden, wie der Herr des Fastens einer gewesen war, die ihren Bestrebungen Vorschub leisteten. Zu ihren Anhängerinnen zählten nicht nur Weiber des leidenden, nach Erlösung schmachtenden Volkes, auch Frauen von Kaufleuten besuchten die Klöster, ja selbst Gattinnen und Töchter der Ersten der Kriegskaste.

Von Zypressen überragt war das kleine flache Gebäude. Nur zehn Insassen beherbergte es. Sie traten aus dem Tor, als das Heer nahte, in langen, bis auf die Füße herabreichenden Mänteln, deren schwarzes Gewebe mit winzigen weißen Kreuzen durchwirkt war. Das Haar trugen sie in Knoten gebunden. Eine vornehm gekleidete Indianerin, augenscheinlich keine Nonne, und drei Knaben im Alter von neun bis dreizehn Jahren waren mit dem Vorsteher des Klosters, einem hagern, ernsten Mann, gleichfalls auf die Straße getreten.

Von den Mönchen schleppten zwei eine hölzerne Leiter, ein dritter hielt eine Papierkrone in der Hand, geklebt aus buntgefärbten Agavepapierstreifen, ein vierter einen Napf mit Wachtelblut, und die übrigen hatten Räucherwerk in den Händen. Sie fragten einen der Totonakenhäuptlinge, wo der weiße Gott sei. Und man zeigte ihnen den stolz dahertrabenden Hirschmenschen mit dem blonden Vollbart und dem grünblau blinkenden Stahlhelm und Stahlharnisch.

Die Sänften Marinas und des erkrankten Paters Olmedo wurden herbeigetragen. Das Heer machte halt. Cortes, hoch zu Roß, nickte herablassend.

Der Vorsteher des Klosters redete ihn als Stern des Morgens an, den Erwarteten, den seit Jahrhunderten Herbeigesehnten, der vom Ostmeer gekommen sei, den Völkern den Frieden zu bringen, die Tränen der Witwen und Waisen zu trocknen und die Zahl der Toten zu verringern, nachdem er – selbst ein Toter – zu den Toten hinabgestiegen und vier Tage lang ein Knochen gewesen sei ...

Cortes fiel die Ähnlichkeit mit dem christlichen Bekenntnis auf. Er konnte sie sich nur als Machenschaft des Teufels erklären.

»In den verführten Seelen dieser armen Heiden narrt und verzerrt Satan unseren Glauben wie in einem Hohlspiegel!« rief er aus.

»Oder sollte der heilige Apostel Thomas, der die Völker am Ganges bekehrt hat, bis hierher gewandert sein? ...« fragte Pater Olmedo nachdenklich.

Der Quaquile bat um die Vergünstigung, den Sohn der Sonne so ehren zu dürfen, wie man die Götter ehrt.

Cortes hatte nichts dawider einzuwenden.

Da stellten die Mönche die Leiter an Romos Flanke, lehnten die oberste Sprosse an die Stahlbrünne des weißen Gottes. Der Vorsteher des Klosters stieg die Leiter hinauf, und durch Marinas Vermittlung bat er Cortes, den Helm abzunehmen.

Cortes kam dem Wunsche nach und ließ sich geduldig die Papierkrone aufs Haupt stülpen. Einer der Mönche reichte den Napf empor. Da Cortes sah, daß der Napf Blut enthielt, wurde er stutzig und fragte, was damit geschehen solle.

Das Blut werde ihm über das Haupt gegossen werden, lautete die Antwort.

Nun hatte sich aber Cortes mit besonderer Sorgfalt gekleidet, um beim Einzug in Tlascala als Siegesheld und höheres Wesen bewundert zu werden. Vor der Stadt sich umzukleiden und zu säubern, war nicht tunlich. Er beriet sich mit Velazquez de Leon und Alvarado.

»Ei, was ein Götze sein will, muß sich Salböl gefallen lassen!« meinte Alvarado. »Die in Tlascala werden Euch um so höher schätzen, wenn Ihr als Gesalbter des Herrn durch die Gassen reitet.«

Leon und Olmedo stimmten dem zu. Und Cortes fügte sich.

Der Napf wurde ihm über den Kopf gegossen. Wie roter Lack troff das Blut an seinem gelbbraunen Haar, rieselte in kleinen Rinnsalen über Stirn, Wangen und Kinn, fleckte auf dem Metall der Rüstung. Mit tiefen Baßstimmen sangen die Mönche ein uraltes Lied:

Und siehe, so lehrten unsere Väter, unsere Ahnen,
Und sie sagten: Uns machte, uns erschuf, uns richtete auf
Unser Schöpfer Quetzalcoatl, unser Prinz,
Und er erschuf Himmel, Sonne und den Erdherrn.

Jetzt winkte der Vorsteher des Klosters die Frau und die drei Knaben heran. Schüchtern, doch in vornehmer Haltung, nahten sie und grüßten nach Indianerweise.

Wer die Frau sei und was sie begehre? wurde der Quaquile gefragt.

Er gab Auskunft. Die Frau hieß Coanentzin, die Als-Schlange-Lebende. Eine heimliche Beschützerin des Quaquile-Ordens, entstammte sie dem Fürstengeschlecht Derer-im-Regenlande und war die Gattin eines der ersten Feldherrn Tlascalas, des Fürsten von Atlihuetza, mit Namen der Fichtenzweig, eines Freundes des Prinzen Kriegsmaske. Voll Sehnsucht nach der Wiederkunft ihres Gottes, kannte sie seit der frühesten Kunde von der Landung der Weißen keinen höheren Wunsch, als dem Kreuzträger ihr Herz und die Herzen ihrer drei Söhne darzubringen. Der Wirrwarr in der vor Erwartung fiebernden Stadt hatte es ihr ermöglicht, unbemerkt herzukommen. Sie wollte als erste unter ihren Volksgenossen Christin werden, sofort sich und ihre drei Söhne taufen lassen, denn sie hatte erfahren, daß die Söhne der Sonne die Totonaken durch bloßes Wasser zu ihresgleichen gemacht hatten.

Cortes hätte ihren Wunsch gern erfüllt. Doch Pater Olmedo lehnte ab. Er war todmatt vom Fieber. Auch hatte man in Sempoalla schlimme Erfahrungen mit übereilten Taufen gemacht.

Der Frau wurde mitgeteilt, sie solle sich in der Stadt Tlascala melden, dort werde sie getauft werden.

Die Quaquiles und die Frau sahen sich ratlos an.

»In der Stadt kann es nicht geschehen!« sagte die Als-Schlange-Lebende mit schmerzlichem Lächeln.

Warum sie das meine? wurde sie gefragt.

Weil dort ihr Gatte, der Fichtenzweig, es hindern werde, sagte sie. Eher werde er sie und ihre Söhne umbringen, als zugeben, daß sie Christen würden. Nichts auf der Welt verabscheue er, hasse er mit so glühendem Haß wie das Kreuz und die Diener des Kreuzes ...

»Sagtest du nicht, daß er ein Freund des Prinzen Kriegsmaske sei?« erkundigte sich Cortes.

»O Sohn der Sonne, o unser Herr! Dich haßt Prinz Kriegsmaske ebenso, wie mein Gatte dich haßt. Doch besser weiß sein Gesicht zu verbergen, was das Herz denkt ...«

»Prinz Kriegsmaske war allerdings unser Feind bis vor kurzem. Aber jetzt hat er Frieden mit uns geschlossen und uns gehuldigt.«

»Ja, und gleich danach kam er zum Fichtenzweig. Und ich sah, wie sie dem Herdfeuer, dem alten Herrn, dem Türkisherrn, Maiskörner streuten. Und sie saßen viele Stunden zusammen und weinten vor Wut und fluchten dem Frieden!«

Zu Leon und Alvarado sagte Cortes:

»Wir wollen diese Worte in unser Gedächtnis buchen, und zwar mit schwarzer Tinte, meine Herren, damit sie nie blaß werden, nie verwischen ...«

Dann wandte er sich zur Tlascaltekin:

»Geh nach Hause, Frau, und sei ohne Furcht! Bei meinem Gewissen – du und deine Söhne werdet getauft werden! – ob es dem Fichtenzweig recht ist oder nicht!«


Die Sehnsucht der Stadt Tlascala war ungebärdig geworden wie ein schreiendes Kind. Nun endlich ward sie gestillt. Durch den Schleier des stiebenden feinen Aschenschneefalles hindurch ließ sich die mächtige Staubwolke des Christenheeres, ließen sich die Christenbanner deutlich und immer deutlicher erkennen. Zu Hunderten strömten die Stadtbewohner aus dem großen Steintor der Umfassungsmauer den Kommenden entgegen und kargten mit Zurufen und Freudenbezeigungen nicht.

Störrischer als sonst war die unfruchtbare Grauschimmelstute des Diego de Ordas, mehr als einmal blieb sie stehen, rupfte sich Grashalme vom Wegrand und war nicht von der Stelle zu bringen. Ordas zersägte ihr mit der Kandare das Maul, kitzelte, schrammte, ritzte ihr die Weichen mit den spannenlangen Rittersporen. Er wollte als erster am Ziel sein. Und er ritt, trotz allem, als erster in die Stadt ein – ganz kampferschöpft freilich und nicht minder arg mitgenommen als seine Stute. Silberne Häuser, wie einst in Sempoalla, fand er nicht. Denn alle Häuser waren mit buntgemusterten Baumwolldecken, teppichähnlichen Matten und Blumenwerk behängt, verschwanden hinter Blumengewinden. Auch quer über die Gassen waren balkendicke Blumenketten gespannt, so niedrig, daß Ordas sich niederducken mußte, um darunter traben zu können. Nachdem er durch mehrere Gassen gekommen, gelangte er in eine, wo die Girlanden noch tiefer hingen, ihm bis zum Sattel herabreichten. Sein Roß blieb stehen und beschnupperte die Blumen, als wären sie Heu. Doch Ordas ließ sich nicht aufhalten. Mit eingelegtem Speer ritt er eine Attacke gegen die Blumen. Der Wucht seines Angriffes konnten die Blumen nicht standhalten. Niedergerissen, zerfetzt, zertrampelt lag die Girlandenpracht am Boden. Und erst recht kamen Ordas und seine Stute nicht voran, ertrinkend im Blumenmeer.

Das Volk hatte nicht sogleich begriffen, daß der Angriff den Blumen galt, war auseinandergestoben, Greise, Frauen und Kinder stolperten, wurden gequetscht und überrannt bei der Panik, wälzten sich am Boden, kreischten. Doch das währte nicht lange. Man sammelte sich wieder um den entsetzlichen Hirschmenschen, magisch zu ihm hingezogen, voll Neugier und Grauen. Und man flüsterte sich Fragen zu. Was mochte ihn bewogen haben, gegen Blumen zu fechten? Warum war er mitten in der Gasse stehengeblieben? Was bezweckte er damit, was plante er? Weshalb drückte er sich selbst so wütend die Flanken?

Da glaubte einer der Umstehenden des Rätsels Lösung gefunden zu haben. Das Maul der armen Stute, mißhandelt von der Kandare, war nämlich voll Schaum, und der weiße Schaum war mit Blutstropfen gemengt. Das hatte jemand entdeckt, und er raunte es seinen Nachbarn zu. Bald raunten es alle. Das war es! Der Hirschmensch hatte einen Menschen gefressen – darum war er blutig am Maul! Und jetzt rührte er sich nicht vom Fleck, weil er wieder Hunger nach Menschenfleisch hatte! Also mußte man ihn besänftigen, ihn sättigen und so verhindern, daß er seine Gier an den Greisen, Frauen oder Kindern Tlascalas auslasse.

Es wurde nach einem Opfersklaven geschickt. In kurzer Zeit war ein Opfersklave zur Stelle. Er wurde dem Hirschmenschen zum Fraß vorgelegt. Und da der Hirschmensch keine Anstalten machte, die Speise zu verschlingen, wurde er gefragt, ob man ihm den Sklaven erst schlachten und zerlegen solle.

Ordas verstand nicht, was die Leute mit ihrem Kauderwelsch wollten. Er bat sie auf spanisch, sein widerspenstiges Pferd nicht noch scheu zu machen, und da er dies unwirsch sagte, brachte er das Leben des Sklaven erst recht in Gefahr. Zum Glück hatte ihn jetzt die Vorhut des Heeres eingeholt, mit den Kavalleristen kam auch Enrico Lares heran, der wenig von der Landessprache verstand, aber doch genug, um festzustellen, wie besorgt die Bewohner der Stadt um das leibliche Wohl ihrer Gäste waren. Den Kastiliern wurde das ein Anlaß zu überlauter Heiterkeit. Nur Ordas empfand, daß es schamlos war, die gutgemeinte Absicht des kindlichen Volkes so derb zu verlachen.

»Gesteht es ein, Ihr hättet Euch noch eine Weile als Minotaurus aufgespielt, wären wir nicht in der Nähe gewesen! Den Mut zur Lüge findet man leichter als den Mut zur Wahrheit!« meinte Lugo spottend.

»Ich will lieber für ein Raubtier gehalten werden als für einen Heufresser!« entgegnete Ordas.

Und höchst ernsthaft ließ er durch Lares den Tlascalteken für ihre Freundlichkeit danken.


Die Stadt hatte zehntausend Feuerherde – was etwa einer Bevölkerungszahl von zweihunderttausend Einwohnern entspricht. Die Kastilier wurden an das maurische Granada, die umfangreichste und romantischste der Städte Spaniens, gemahnt. Sempoalia, das jüngst so angestaunte Sempoalia, erschien im Vergleich wie ein Dorf. Reicher zwar waren dort die Bewohner gekleidet gewesen. Seit mehr als einem halben Jahrhundert angefeindet und bedrängt von Mexico, war Tlascala verarmt, in den engen Gassen standen meist Lehmziegelbauten, nur hie und da sah man einen breitgelagerten Steinpalast, und mit Ausnahme weniger Kriegshäuptlinge trugen die Tlascalteken und Tlascaltekinnen bescheiden einfache Federzierate, da es an Papageienfederschmuck und erst recht an Goldschmuck fehlte. Verachtung und Mißachtung des Wohllebens, wie des Lebens überhaupt, Hochachtung vor dem Tode, Emsigkeit und Sinn für Ordnung waren die Tugenden dieses kriegsgewohnten Bergvolkes. Die Herbheit ihrer Lebensauffassung erschloß sich nicht auf den ersten Blick, und bunt genug war das Bild, das sich den Einziehenden bot. Ein kaleidoskopisch wirbelndes Farbenspiel – jeder Stamm hatte seine besonderen Gewänderfarben, alle grell leuchtend, hier in der Heimat der Bergkoschenille. Noch waren den Kastiliern die Zentren der toltekischen Kultur – Cholula, Tezcuco und Tenuchtitlan – unbekannt, darum starrten sie Tlascala mit seinen großen und kleinen Marktplätzen, Töpfereien, Barbierstuben und Badeanstalten als das seltsamste der bisher erlebten Wunder an und glaubten sich mehr denn je in die Märchenwelt des Romans Amadis de Gaule versetzt.

Auf vier felsigen Hügeln erbaut, war die Stadt durch den Zusammenschluß von vier alten Städten entstanden, deren Bewohner je einem der vier Hauptstämme des Landes angehörten. Der höchste und steilste dieser Felshügel, gekrönt durch den festungsartigen Palast des Offenen Gesichtes, fiel jählings zum Ufer des die Stadt durchfließenden Zahuapan ab. Durch hohe, aus Quadern erbaute Mauern und Tore waren die Stadtviertel voneinander abgegrenzt. Am ersten dieser inneren Stadttore hatte König Truthahn, pomphaft umgeben von allen Häuptlingen Derer-im-Regenlande; seinen Stand genommen. In behandschuhten Händen hielt er einen prachtvollen Strauß Kienfackelblumen und reichte sie dem vorbeireitenden Cortes mit überschwenglichen Begrüßungsworten hin. Am nächsten Tore erwartete das Offene Gesicht, der König Derer-auf-den-Bergen, das Christenheer, und seine Gabe an Cortes war ein Strauß Maiskolbenblüten. Am dritten Tor, wo Die-unter-den-Pinien wohnten, stand der Rauchende Schild und beschenkte Cortes mit einem Strauß maulbeerfarbenen Ohrenblumen. Indes nicht am letzten Tor hatte sich das Stammesoberhaupt Derer-auf-der-Kalkerde, der hundertjährige König Xicotencatl, die Sammelnde Biene, aufgestellt – seines Alters wegen harrte er an den niedrigen Treppenstufen vor seinem Palaste. Er übergab Cortes einen Strauß Rabenblumen. Und dann lud er ihn ein, ihn und das Heer der weißen Götter, in seinem Tecpan Wohnung zu nehmen. An Raum fehle es nicht im weiten Gebäude, seien doch seine vielen Söhne durch den Rosenkrieg hingerafft worden.

Vom Sattel herab verbeugte sich Cortes tief zum Dank, zwang Romo, vor dem Greise niederzuknien, und mit vielen artigen Redewendungen nahm er die angebotene Gastfreundschaft an.

»Diese Menschen sind ja Blumen, sind ja gar nicht Menschen!« bemerkte Velazquez de Leon. »Ein Zauberer muß uns die Augen behext haben, daß wir sie in Menschengestalt sehen. Sie sind nicht grausam, wenn sie Grausames tun: sie sind gedankenlos, herzlos, anmutig wie die Blumen, von denen sie so närrisch viel Wesens machen, weil sie sich ihnen verschwistert fühlen.«


Sofort nachdem das Heer in den fürstlichen Sälen das Quartier aufgeschlagen hatte, ging Cortes daran, den Tecpan in eine Burg umzuwandeln. Er ließ die Singende Nachtigall vor den Haupteingang, die anderen Kartaunen, Feldschlangen und Falkonette vor die seitlichen und hinteren Palasttore auffahren, so daß alle angrenzenden Gassen bestrichen werden konnten. Auch postierte er Schildwachen und verbot fürs erste seinen Soldaten, das Quartier zu verlassen. Innerhalb der Mauern stand ihnen frei, sich mit Würfelspiel, Trinkgelagen und den von Marina geschenkten Mädchen die Zeit zu vertreiben. Für leibliche Genüsse, Wildbret, Obst und Pulque, war zur Genüge gesorgt. Und so geräumig war der Tecpan mit seinen Nebengebäuden und Gartenhäusern, daß die Christen, Dirnen und totonakischen Bundesgenossen – an die dreitausend Menschen – in ihm ohne Gedränge Platz fanden, im Labyrinth seiner riesenhaften Empfangssäle sich verlieren, im Palastgarten einsam umherwandeln konnten.

Schüchtern wagte es Marina, Cortes vorzuhalten, daß er das gutherzige Volk durch seine Vorsichtsmaßregeln kränke. Und sie fragte ihn, warum er den Tlascalteken nicht traue.

Cortes wollte ihr die Antwort nicht geben, die er einem Alvarado gegeben hätte: daß Indianer Indianer bleiben ... Er rief ihr die Aussagen der Als-Schlange-Lebenden ins Gedächtnis über den treubrüchigen Haß des Prinzen Kriegsmaske und seines Freundes, des Fichtenzweiges.

Marina schüttelte den Kopf. Sie, die von ihrer eigenen hochverräterischen Untreue nichts wußte, war unfähig, die Treue der beiden einzigen aufrechten Männer Tlascalas zu erkennen oder gar anzuerkennen. Nach Jahren, als sie es konnte, war es zu spät ... Die beiden Hitzköpfe seien ohne Einfluß, meinte sie, und ihre hilflose Wut werde nie den Rat der Alten bewegen, eine Treulosigkeit zu begehen oder gutzuheißen. Sie kenne sich besser aus in den Seelen der Indianer und könne dafür einstehen, daß es keine verläßlicheren Feinde und keine verläßlicheren Freunde gebe als die Tlascalteken. In alle Zukunft würden sowohl die vier Könige wie der Senat und der Adel Seite an Seite mit den Christen siegen oder sterben. Und was das niedere Volk anlange, so seien von ihm Feindseligkeiten keinesfalls zu erwarten, da es, beim heutigen Einzüge durch Lügenmärchen der Totonaken mit Furcht und Ehrfurcht erfüllt, die weißen Götter mehr denn zuvor für leibhaftige Götter halte.

Was das für Lügenmärchen gewesen seien, fragte Cortes.

Mit herzlichem Lachen erzählte nun Marina, daß die Totonaken, durch frühere Vorfälle gewitzigt, annahmen, und wohl mit Recht annahmen, in der Volksmenge müßten sich verkleidete Sendlinge Montezumas befinden, und sie gaben daher auf Fragen, die über die Christen an sie gestellt wurden, mehr Auskunft, als sich mit der Wahrheit verträgt. Das taten sie, damit es weit und breit, auch jenseits der Großen Mauer, nachgesprochen werde. Sie erklärten die weißen Götter für unverwundbar und für unsterblich. So mächtig seien sie, daß jede Nacht die Götter Anahuacs zu ihnen gepilgert kämen, um ihnen zu opfern und sie anzuflehen, sie möchten außer Landes ziehen. Alle Fabeln über die menschenfressenden Hirschungeheuer wurden von den Totonaken bestätigt und ins maßlose übertrieben. Den Hund Becerrico bezeichneten sie als den Gott der Raubtiere, und seine lange, aus dem offenen Rachen herabhängende Zunge beschrieben sie als eine rote Giftschlange. Von den Negersklaven sagten sie, daß sie geschwänzte schwarze Götter wären, und sie hätten in ihren Mänteln hinten eine Öffnung – um den affenähnlichen Schwanz durchzustecken, wenn sie sich setzen wollten. Die weißen Göttinnen aber seien menschengesichtige Vögel, und nachts flögen sie im Lande umher, um Männer der Augen und der Herzen zu berauben ...

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