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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 34
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
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Auch die anderen drei Stadtkönige hielten Ansprachen, sie beklagten die Verzögerung des zugesagten Besuches und beschrieben die Sehnsucht der harrenden Stadt. Der Rauchende Schild äußerte die Befürchtung, daß die mexikanische Gesandtschaft das Gift des Mißtrauens gegen Tlascala in die Seelen der weißen Götter gepflanzt habe. – Cortes verneinte dies, wohl hätten die letzten Boten Montezumas vor Tlascala gewarnt, wie es vordem schon der Rollende Stein und das Schwelende Holz getan: doch sei er auf der Hut, mexikanischen Verdächtigungen und Zuflüsterungen sein Ohr zu leihen. – Dann bliebe nur die Erklärung, meinte das Offene Gesicht, daß die weißen Götter immer noch grollten, weil die Grenzwacht der Otomis ihnen den Eintritt in das Land verwehrt und das tlascaltekische Heer den Otomis Waffenhilfe geleistet habe. Sei dies zwar gegen seinen Wunsch geschehen, so bäte er doch, seine Volksgenossen deshalb nicht zu verdammen, da sie ja im Glauben zu den Waffen gegriffen hätten, sie stünden Freunden Montezumas gegenüber. – Cortes versicherte, die Christen fühlten keinen Groll, im Gegenteil, sie fühlten Ehrfurcht vor diesem Volk, das so kühn für seine Freiheit kämpfe, bewunderungswürdig wie ein Sieg sei eine Niederlage nach so tapferer Gegenwehr. Wenn er und seine Soldaten bisher verhindert gewesen seien, in die Stadt einzuziehen, so habe das bloß den Grund, daß es ihnen an Lastträgern fehle, die schweren Geschütze fortzuschaffen.

Die Mienen der alten Indianer hellten sich auf und leuchteten hochbeglückt. Also nur daran hatte es gelegen! Wie leicht war dem abzuhelfen! Eine große Anzahl Träger war ja mitgekommen, stand unten bei den Sänften, die anderen konnten ohne Verzug aus Tlascala geholt werden.

Cortes dankte, aber so schnell ließen sich, sagte er, die Vorbereitungen für den Aufbruch nicht treffen. Er bitte vielmehr, ihm am folgenden Morgen ein halbes Tausend Träger bereitzustellen.

Während dies besprochen und zugesichert wurde, näherte sich dem Turm des Sieges ein neuer, langer Zug buntgewandeter Menschen. Keine Sänfte war unter ihnen, alle schritten zu Fuß. Noch ziemlich fern waren sie, Gesichter und Kleidung ließen sich nicht erkennen.

»Sollten etwa dies die Lastträger sein?« fragte Cristobal de Olid. Seine Fragen zeichneten sich nie durch Scharfsinn aus.

Jetzt konnte man bereits besser unterscheiden. Die Nahenden – einige Hundert – hatten Frauenröcke an.

Francisco de Lugo verlachte Olids Frage:

»Wenn Ihr die alle belasten und trächtig machen wollt, Don Cristobal, so müßt Ihr stärker als Herkules sein! Aber ich rate Euch, zieht ihnen die Röcke aus, daß sie nicht straucheln beim Tragen der Geschütze! ...«

»Wer sind die, die dort kommen?« fragte Marina das Offene Gesicht.

»O Malintzin!« sagte das Offene Gesicht. »Du bist die Göttin unter den Göttern, du bist die Kolibrifeder zwischen den Adlerfedern! Die Götter brachten uns den Krieg, und du brachtest uns den Frieden! Tlascala will sich erkenntlich erweisen, Tlascala schenkt dir die dreihundert Mädchen!«

Glutübergossen senkte Marina den Kopf, lächelte verlegen. Cortes mußte sie mehrmals mahnen, ehe sie sich überwand, ihm die Rede zu übersetzen.

»Beschämt es dich, daß sie dich wie eine Fürstin ehren? Freut es dich nicht?« fragte er voll Stolz auf sie und doch nicht ganz frei von Neid.

»Ich bin deine Sklavin!« antwortete sie, den gesenkten Blick voll und strahlend erhebend.

»Darum will ich, daß du das Geschenk annimmst!«

Und er zwang sie, den Tlascalteken zu danken.

Ein ungewöhnlicher Anblick bot sich dem kastilischen Heere dar. Die Mädchen waren an den Hügel herangekommen und stiegen zum Turm des Sieges hinauf. Die meisten waren jung und traurig. Viele von ihnen weinten, da man ihnen gesagt hatte, sie würden einer Göttin zum Geschenk gebracht. Es gab Prinzessinnen unter ihnen, neben Töchtern von Handwerkern und Bauern auch Flötenspielerinnen und frühere Tanzhausbewohnerinnen und solche, die man die Süßduftenden nannte. Sie alle waren Kriegsgefangene aus dem letzten Feldzug gegen Cholula und Huexotzinco und waren aufgespart worden, um nach Jahr und Tag an einem der Hauptfeste der Göttin der Lust – der Froschgöttin mit dem blutigen Maul – geschlachtet zu werden. Doch der Rat der Alten hatte sich anders besonnen und befohlen, sie aus den Holzkäfigen zu nehmen, sie zu baden, zu kämmen und sauber zu kleiden, waren sie doch in den Käfigen, wo sie gemästet wurden, kleiderlos, hüllenlos der Unbill der Witterung und den Blicken der Tempelbesucher ausgesetzt gewesen. Gedunsen und fett sahen wohl einige aus, die Mehrzahl indes war schmalgliedrig, durch schwere Leiden abgehärmt.

Man hatte ihnen den Nacken und die bloßen Arme mit Daunenfedern beklebt, hatte sie mit Opferpapierschmuck behängt und ihnen kleine Opferfahnen gegeben, zum Zeichen dafür, daß sie Menschenopfer waren, von Tlascala der Göttin Malintzin dargebracht. Die Flötenspielerinnen spielten schwermütige Weisen.

Marina fühlte die Blicke aller Männer auf sich und ihren königlichen Hofstaat gerichtet. Die Soldaten vergötterten sie, nannten sie Doña Marina, obgleich sie Sklavin war, und gönnten ihr heute die außergewöhnliche Ehrung. Wenn auch mancher lüsterne Blick sich die Lieblichsten im Mädchenhaufen erspähte, war das Heer doch frei von Neidgefühl gegen Marina. Wohl aber war mit der Frage, die Cortes an sie gerichtet hatte, ein Unterton von Eifersucht an ihr feinhöriges Ohr geklungen. Er war ihr Schicksal, und sie fürchtete den Neid des Schicksals. Über Gebühr wußte sie sich verhätschelt und verwöhnt. Schon vor Sempoalla hatte ihr Cortes zwei Negersklaven geschenkt und ihr den reichen, nicht mehr jungen Juan Pérez Arteaga als Hofmeister gegeben. Orteguilla war ihr Page gewesen, und als er beim dicken Kaziken zurückgelassen wurde, hatte sie an seiner Stelle den Knaben Santa Clara aus Havanna zum Pagen erhalten. Auch vom dicken Kaziken waren ihr Sandalenbinderinnen und Haarkämmerinnen zum Geschenk gemacht worden. Sie besaß bereits einen Hofstaat. Und sie dachte an Joseph in Ägypten, der von seinen Brüdern verkauft worden war wie sie von ihrer Mutter und der seinen Volksgenossen dann Böses mit Gutem lohnte. Das war das Ziel, alles andere nur Weg zum Ziel. Sie durfte nicht abirren, und noch lag Mexico hinter Bergen und Wolken. Deshalb beschloß sie, sich der allzu reichen Gabe zu entledigen.

Nachdem der Rat der Alten Abschied genommen, sprach Marina lange mit Cortes. Zuerst verschloß er sich ihren Gründen, schließlich gab er nach und gab ihr recht. Aber er bestand darauf, daß sie mindestens dreißig der Sklavinnen behalte.

Durch ihren Haushofmeister Arteaga ließ Marina dreißig der Mädchen auswählen, wobei er weniger auf das Äußere als auf Handfertigkeit und Bescheidenheit Gewicht legen mußte.

Die übrigen zweihundertundsiebzig Mädchen schenkte Marina dem kastilischen Heer. Das Jauchzen, das ihr dafür lohnte, machte sie reicher, als sie gewesen war.


Hinter der westlichen Kordillere verglomm das Abendrot, die Gestirne begannen, bleich blinzelnd, aufzuglimmen. Da erkletterte der schöne Namenlose mit einer halbwüchsigen Cholultekin die Spitze der torre de la victoria, des Siegesturmes. Obgleich neben ihm das Kind die Treppenstufen emporstieg, umwölkte ihn die Einsamkeit, wie sie ihn immer umwölkte. Bei der Verteilung der Sklavinnen, der er nur als Zuschauer hatte zusehen wollen, war ihm das abgemagerte, überschlanke Mädchen durch seine herbe Anmut und schwermütige Schüchternheit aufgefallen, und er hatte sie sich zuteilen lassen, um sie vor dem Lose zu bewahren, daß sie einem Rohling anheimfiel ...

Er wollte sie nicht zur Geliebten, er schonte sie. Ein Spielzeug für seine eine prinzenhafte Hand sollte sie sein, ein Spielzeug für seine müde Verbrecherseele. Durch dies Kind wurde er sich seiner Güte und seiner makelfreien Hand bewußt. Abgehackt war ihm die andere, die sündige, und zermalmt war seine Seele von schwerer, geheimnisbedeckter Schuld.

Er und das Kind konnten sich nicht verständigen. Aber Güte bedarf der Worte nicht. Das Mädchen hatte begriffen, daß er eine Schwester suchte.

Die Septembernacht war lau, nebeldunstig und voll Frühlingsfreude. Zikaden zirpten, Nachtvögel gaben einander Antwort. Aus dem Lager unterhalb des Hügels klomm ein Gesumm und Gewirr von flüsterndem Gekose in die traumstille Nachtluft empor, und darein mengten sich schwüle Töne von Kastagnetten und Tamburinen und klagenden mexikanischen Flöten. La Medina tanzte dort unten und zeigte ihre weißen Schenkel, doch sie fand keinen Bewunderer heute außer dem Knaben Nuñez de Mercado, ihrem erblindeten Schützling. In weiter Ferne rollte und grollte es zuweilen, als spielten Bergriesen Kegel.

An die Brüstung gelehnt, blickte der Namenlose auf das schlaftrunkene Land ringsher, auf Schneekuppen und Gestirne. Er zog das Mädchen an sich heran, legte den Arm um ihren Nacken. Und er zeigte auf die schartenreiche Sichel des schwindenden Mondes.

»Metztli!« sagte sie. Es war der Name des Mondes, den sie nannte.

Seine Augen schweiften nach Norden, wo, sechs Meilen entfernt, die Stadt Tlascala lag –: ein Steinhaufen unter ragenden Felsen, in der Dunstluft eben noch zu ahnen, kaum zu erkennen möglich. Dahinter erhob sich schwarz und steil die Paßhöhe, die nach Cholula und Huexotzinco führte. Ein Kranz von Bergspitzen umzog die Ebene und wurde an den Kardinalpunkten von jenseitigen, noch steileren Kolossen überragt. Im Osten glitzerte das Schneedach des Citlaltepetl, des Sternberges, tauchte in den gestirnten Himmel hinauf. Im Süden schnitten die gletscherweißen Kraterkanten des Matlalcueye, der »Maid mit dem blauen Hüfttuch«, messerscharf in die Kristallhaut des dunkelblassen Äthers ein. Im Westen reckten sich die beiden Geschwister Iztac-Cihuatl, die Weiße Frau, und Popocatepetl, der Rauchende Berg, ungefüge empor. Und der Feuerschein am Krater des Rauchenden Berges überlebte die Abendröte, während sich die Nacht tiefer und tiefer herabsenkte, leuchtete er metallisch glühend wie eine neue Sonne.

Seit einer Woche schon war der Vulkan in Tätigkeit, doch in keiner der vorangegangenen Nächte war sein Lichtschein so tageshell gewesen.

»Tlatla!« sagte die kleine Indianerin.

»Er brennt«, bedeutete das. Der Namenlose nickte, als hätte er das Wort verstanden. Man versteht ja auch nicht, was die Vögel singen, und fühlt es doch.

Er setzte sich auf den obersten Treppenabsatz und legte sie so neben sich nieder, daß ihr Kopf auf seinem Schoß ruhte. Sie war willig, er hätte sie ausziehen können, ihr die jungen Brüste betasten können. Doch nichts dergleichen tat er. Mit seiner schmalen Hand strich er ihr über Stirn und Haar.

»Du bist wie eine, die einst mir allzu lieb war!« murmelte er.

»Tlein titlatalhuia nopiltzine?« fragte sie. (Was sagst du, o mein Herr?)

Ein Vogelgezwitscher, fremdartig und süß klang es. Er fuhr fort:

»Meine Liebe war ein grünes Feuer. Meine Sehnsucht brannte ihr Herz zu Asche. Todsünde waren meine Blicke, Schierling war mein Kuß. Du bist sanft, wie sie war ... Doch Lippen, die vom Becher der Schuld getrunken, schaudern, einen reinen Becher zu entweihen. Ich kann dich nicht lieben, Kind ...«

Er brach ab. Die Tempeltreppe heraufgekrochen kam ein mißgestaltetes Wesen. Kein Tier, aber auch kein Mensch. Es war der Narr Madrid.

»Ei, Gevatter, schäkert Ihr an heiliger Stätte?« rief er mit häßlichem Lachen. »Lest Ihr eine schwarze Messe wie Mönche, die auf Altären buhlen und Hostien beflecken? ...«

»Beflecke du mir die heilige Stille nicht! Packe dich, Narr!«

»Wohin, Señor? Zurück in den wimmelnden Würmerhaufen? Von dort floh ich ja angewidert. Euch freilich hielt ich für eine Ausnahme, für einen ehrlichen Weiberfeind. Ihr habt mich enttäuscht, seid auch nicht besser als die anderen. Es scheint, daß ich der einzige Gescheite unter lauter Narren bin, der einzige Gerade unter lauter Buckligen! ... Ihr meint wohl, der Neid spricht aus mir?«

Der Namenlose würdigte ihn keiner Antwort. Doch der Narr ließ sich nicht beirren:

»Ich weiß, was Ihr denkt! –: ich hätte kein Weibstück erhalten? Doch! Ein fettes, rundgemästetes! Der Seemann Alvaro aus Palos hat sie mir abgekauft – er liebt die runden –, und Ihr wißt, er hat auf Kuba im Lauf von drei Jahren dreißig Kinder von Indianerinnen gehabt, der Schänder ... Auch anderen hat er heute Mädchen abgeschachert, und andere treiben ebensolchen Tauschhandel wie er. Ein wüster Wirbel, ein Taumel hat Männlein und Weiblein ergriffen, sie tanzen einen Totentanz und merken es nicht. Chorea Machabaeorum! Der klapperdürre Tod geigt voran! Und alle folgen sie ihm tanzend und lachend und girrend, bis auf die Blutaltäre Mexicos hinauf, wo das Hüpfen grausig genug enden wird! ... Das halst und kichert und umschlingt und vermischt sich, wie die Blutegel in einem Glas, wie in einer Johannisnacht die Glühwürmer auf einer Wiese. Eine ekle, wimmelnde Brut. Die Menschen können nur Menschen zeugen und töten, – alles andere, wie Fressen, Saufen, Scheißen und Denken, ist nichts als Mittel und Weg, um Mors und Priapus zu dienen! Ich habe einmal zugeschaut, wie ein Heuschreckenweibchen während der Begattung das Männchen auffraß, ihm den Kopf und Rumpf abknabberte, bis nur der Leib übrig war, – dem Liebesakt tat das keinen Abbruch! Wollust und Grausamkeit – paar oder unpaar – zwei Seiten eines Winkels ... So tanzen wir bis nach Mexico hinein, morden die Männer und küssen die Frauen, schlachten Kinder und umarmen Greise, waten durch Blut und kopulieren, blumenbekränzt und weintrunken, stolz wie die Götter und liederlich wie die Götter ...«

Der Namenlose und die Indianerin waren aufgesprungen und starrten entsetzt nach Westen. Auch der Narr tat es. Es war urplötzlich lichter Tag geworden, ein grellroter Tag. Die Gestirne waren fortgefegt, das Himmelsdach lohte karminen, die Erde, die Bäume, die Steine, die Menschen wurden wie gläsern, durchsichtig, durchleuchtet von roter Glut. Ein Gedröhn erscholl, als toste die letzte Posaune.

Der Popocatepetl war es, der brüllte. Aus flammender Kehle grölte er den gräßlichen, grauenerregenden Angstschrei. Ein Erstickender, wand er sich in Krämpfen. Und pfeilgerade schoß ein urweltliches Chaos von Feuer, Wasser, Gestein und Dampf aus ihm hoch, meilenhoch, bis zu der letzten Erdenhülle empor. Die Piniengestalt des Auswurfs verwandelte sich, verbreiterte sich, der Kratermund zerriß, unfähig, so übergroße Massen aus engem Schlund zu speien, und frei geworden sausten die geschmolzenen Weißglutstrahlen fächerförmig nach allen Seiten.

»Weltuntergang!« sagte der Narr. – »Wäre es schade um solch eine Welt? Würdet es Ihr bedauern?«

»Ja!« sagte der Namenlose und stieg mit der kleinen Sklavin die Treppe hinab, um ins Feldlager zu gehen, wo das Rosenfest durch den Ausbruch des Vulkans gestört war.

Der Narr lief ihm nach.

»Nennt mir ein Wesen, nennt mir ein Ding, um das es schade wäre!«

»Plato!« antwortete der Namenlose. »Doch für dich, Narr, hat er nicht geschrieben!«


Nicht gallig und bitter, wie der Narr Madrid, sondern mit schmunzelndem Behagen hatte ein anderer Soldat in dieser Nacht seine Menschenkenntnis bereichert. Das war Gil Solis, der kuriose Kauz, den seine Kameraden Tras de la puerta, »Hinter der Tür«, nannten. Dieser unverbesserliche Lauerer hatte nur eine Leidenschaft: die Neugier. Er war kein Verächter der Menschen, er war ein Belächler ihrer Schwächen. Zwecklos war sein Tun, weder für sich noch für andere suchte er einen Vorteil, wenn er fremde Geheimnisse lüftete. Auch hatte er es sich zur Pflicht gemacht, seine Beobachtungen geheimzuhalten. Traf ein, was er vorausgesehen, so war ihm das eine angenehme Genugtuung – aber auch nicht mehr. Er sah, wie die armen Fliegen ins Netz gingen, aber er half nicht, er warnte nicht, er schalt auch nicht. Zufrieden lächelte er, wenn der Genueser Serafini die alte Portugiesin Vaquera betrog, wenn der Spieler Sancho de Saldana einfältige Tölpel zum Würfel- und Kartenspiel verleitete, wenn der flegelhafte Trujillo, der große Spuckkünstler, sogar vor den Edeldamen Francisca de Valtierra und Maria del Rincon sich unflätig gehen ließ, dicht an ihren geschminkten Gesichtern vorbeispuckte, oder wenn die Lagerdirne, die man die lange Elvira nannte, von ihrem Zuhälter, dem wilden Pedro de Palma, Prügel und Stockschläge lammfromm hinnahm und ihm alle ihre Ersparnisse aushändigte ... Nichts wunderte ihn. Nichts bewunderte er. Er registrierte nur.

Und in dieser Nacht hatte er viel zu registrieren. Durch Marinas Geschenk waren nicht nur die Beschenkten in einen Liebestaumel versetzt worden. Ansteckend wirkte die Sinnentollheit auf die meisten, sogar auf weiße, sonst ehrbare Frauen. Von seinem dunklen Versteck aus nahm Gil Solis wahr, daß die Marketenderin und Gattin des Schmiedes Martin, die Feuerlilie, mit Ribadeo dem Weinschlauch sich heimlich aus dem Lager entfernte, daß die hübsche rundliche Rosita Muños, vor kurzem erst in Sempoalla dem ledernen Gesellen Tarifa de los servicios, dem Dienstbeflissenen, angetraut – schamlos genug war, sich San Juan dem Aufgeblasenen an den Hals zu werfen, daß Maria del Rincon der Lust eines sechzehnjährigen, verseuchten Burschen namens Maldonato zur Beute fiel, daß selbst die Samariterin Ines Florin, die Tochter des Seeräubers, die rührende, tapfere, prachtvolle Ines Florin, sich wegwarf – aus Mitleid vielleicht –, sich verschenkte an Alfonso de Escobar, den einstigen Pagen des Diego Velazquez, einen leidenschaftlich-verzehrten, zügellosen Menschen.

Und mehr noch sah Gil Solis. Als La Medina Hand in Hand mit ihrem Schützling, ohne für ihren heutigen Tanz Beifall und Kupfermünzen geerntet zu haben, zu ihrer Schlafstätte zurückkehrte, wurde sie vom reichen Juan Sedeñjo überfallen. Schon immer hatte er ihr nachgestellt, immer war er abgewiesen worden. Heute nun hatte er sich auf die Lauer gelegt, um ihr Gewalt anzutun. Er zerrte sie hinter einen Busch. Der blinde Knabe schrie, das Mädchen kreischte wie ein gebissener Schakal – doch wer achtete in dieser Nacht auf kreischende Mädchen! Gil Solis registrierte und rührte sich nicht. Aber ein blutjunger Soldat, Aparicio Flamenco, kam zufällig des Weges, rettete La Medina und verscheuchte den reichen Lüstling.

Dem Versteck des Beobachters gegenüber stand das Zelt des Fähnrichs Antonio Villareal. Eine Frau näherte sich, blickte scheu nach allen Seiten. Mit einer schwarzen Taffetmaske waren ihre Gesichtszüge verdeckt. Auch hatte sie einen mexikanischen Mantel umgeworfen, um ihre Gestalt unkenntlich zu machen. Doch Gil Solis fehlte es nicht an Übung, durch Hüllen hindurchzuschauen. Eine Schulterbewegung verriet ihm die Heranschleichende. Es war die Schönste der Weißen im Heere, die olivenbleiche Isabel de Ojeda. Sie verschwand im Zelte des Villareal.

Wenige Augenblicke danach kam Diego de Ordas durch die Lagergasse. Er riß und biß an seinem Schnurrbart. Wie ein Jagdhund, der eifrig schnüffelnd eine Spur verfolgt, suchte er in alle Winkel hinein, bis er Gil Solis in seinem Versteck entdeckte.

»Euch suchte ich!« sagte er hastig. »Ihr wißt Bescheid ... Habt Ihr sie gesehen?«

»Ich habe geschlafen, Señor.« (Und er gähnte.)

»Ich kann die Wahrheit vertragen, Gil Solis! Verschweigt mir's nicht! Ihr saht sie!«

»Wen?« (Die Frage schien unschuldig, nur seine Augen blinzelten verschmitzt.)

»Ihr wißt, wen! ... Sie ging hier vorbei!«

»Hier gehen viele vorbei, Señor!« (Er schnitzte Mund und Nase in eine Kokosnußschale.)

»Sie trug eine Maske ...«

»Ich habe schlechte Augen!« sagte Gil Solis. Die Antwort war nicht so frech gemeint, wie sie klang. Gil Solis kämpfte um sein Geheimnis, er wollte sich es nicht entwinden lassen.

Der alte Ritter legte sich aufs Bitten. Fast flehentlich sagte er:

»Ich muß es wissen. Ich bitte Euch, sagt es!«

»Was? ...«

Ordas brauste auf.

»Ich bin Euer Hauptmann! Ich könnte ...«

Doch er ließ den Satz unvollendet. Unwürdig war, was er hatte sagen wollen. Er wandte sich ab und schritt auf das Zelt Villareals zu.

»Señor!« rief Gil Solis ihm nach.

Ordas blieb stehen.

»Ja?«

»Ihr seid unbewaffnet. Nehmt mein Messer.«

Und Gil Solis reichte ihm seinen Dolch, mit dem er an der Kokosnußschale herumgeschnitzt hatte.

Ordas nahm den Dolch. Der Zeltvorhang, den er leise öffnete, schloß sich hinter ihm.


Der Ungebundenheit des Liebesfestes wollte Cortes nicht Abbruch tun. Ihm war es erwünscht, daß seine Soldaten zwischen schweren Mühen, die überstanden, und schwereren noch, die bevorstanden, sich nach Herzenslust der Freiheit freuten. Morgen wollte er in die Stadt Tlascala einziehen, und seines in Sempoalla getanen Ausspruchs eingedenk – daß Indianer Indianer bleiben, auch wenn sie Freunde sind –, war es seine Absicht, die Gastfreundschaft ohne Argwohn anzunehmen, das Pulver jedoch trocken zu halten und innerhalb der fremden Stadt auf strenge Manneszucht zu sehen.

Cortes war allein mit Marina im geräumigen Feldherrnzelt. Seinen Pagen Juan de Salazar und den Kämmerer Rodrigo Rangel hatte er hinausgeschickt – mochten sie zur langen Elvira gehen oder zu anderen. Marina saß ihm am Tisch gegenüber. Zwei zinnerne Leuchter mit brennenden gelben Wachslichtern standen zwischen ihnen auf dem Tisch und halbgefüllte Gläser. Sie tranken die letzte Flasche Pedro Ximenes, tranken sich zu, brachten dem Glück die versprochene Libation. Wenn Cortes eine Regung von Neidgefühl gehabt, nichts spürte er mehr davon. Nur noch Dankbarkeit erfüllte ihn gegen sein Glück und sie, die sein fleischgewordenes Glück war.

Sie sprachen wenig. Seine Gedanken irrten ab nach Kuba, zu Catalina Suarez, der Schwindsüchtigen, vom Tode Gezeichneten. Diego Velazquez hatte ihn gezwungen, sie zu ehelichen. Ihr tändelndes Wesen hatte ihn weder arm noch reich gemacht. An Papageien und Katzen hatte sie Freude, rauchte Cigarillos, schaukelte in der Hängematte. Eine Puppe war sie ihm gewesen, die er mit Edelsteinen behängte. Doch sie trug seinen Namen und mußte jung sterben. Wann? Vielleicht erst nach Jahren. Er sträubte sich, ihren Tod herbeizusehnen, und doch konnte er nicht anders. Je tiefer seine Liebe zu Marina wurde, um so häufiger stellten sich die verbrecherischen Wünsche ein.

Marina sah die Wolke über sein Gesicht ziehen.

»Woran denkst du?« fragte sie.

»An Don Diego!« gab er ausweichend zur Antwort.

Sie erriet, was ihn quälte, und lächelte traurig.

»Heute darfst du nur an uns denken!« sagte sie, sich wieder aufheiternd.

Wie wundersüß das Wort »uns« in ihrem Munde klang. Zukunft klang stolz, überstolz in dem Wort, und zaghaft auch Gegenwart und Vergangenheit ...

Wenig sprachen sie. Um so mehr sprach das Gestrahle ihrer Augen. Dies stumme Sich-Anblicken war ihr Rosenfest. Marina hatte ihm anvertraut, daß sie sich Mutter fühle.


Die Kerzen auf dem Tisch verblichen. Das Innere des Zeltes wurde zinnoberrot. Der schreiende Berg ließ seine Höllenrufe vernehmen. Und in die Angstpausen seines Gebrülls hinein schollen beklommene, besorgte Menschenstimmen.

Cortes und Marina traten vor das Zelt und sahen das überwältigende Schauspiel der Eruption. Vögel stießen leise Schreckrufe aus, in der Hürde wieherten aus dem Schlaf geschreckt die Pferde. Und feuerfarben liefen gestikulierende Landsknechte und Dirnen umher, erstarrt standen andere da, wie lohend in transparenter Glut. Und während die einen neugierig glotzten, bekreuzigten sich die anderen und murmelten Gebete.

Diego de Ordas kam mit langen Schritten auf Cortes zu. Er hatte nicht lange in Villareals Zelte geweilt und hatte, als er es verlassen, Gil Solis den Dolch unblutig zurückgegeben. Sein Mündel und der Fähnrich lagen schlafend im Zelt ... Nun wußten auch seine Augen, was sein Herz wußte. Doch Schlafende zu töten, war er nicht jung genug.

»Ich will dort hinauf!« sagte er jetzt zu Cortes.

Wie blutleer seine Lippen waren, ließ sich in der Feuerluft nicht erkennen, wohl aber, wie leidvoll sie bebten.

»Ich verstehe Euch nicht, Ordas. Wo hinauf?«

»Auf den Berg, auf den Krater! Noch heute nacht, jetzt gleich will ich hin! Ihr müßt mir Begleiter geben!«

»Ihr seid nicht bei Verstand!« rief Cortes. »Habt Ihr Heimweh nach der Hölle?«

Es kostete viel Überredungskunst, ihm das selbstmörderische Vorhaben auszureden. Ganz ausreden ließ er sich's nicht, doch willigte er schließlich ein, die Vollführung des Planes zu verschieben. Im Norden lag die Stadt Tlascala und – jenseits der nördlichen Paßhöhe – Cholula, die heilige Stadt, welche zu besuchen Cortes dem so sterblich in Marina verliebten Königssohne versprochen hatte. Aber von Cholula aus führte der Weg nach Mexico dicht am Popocatepetl vorbei.

»Bis dahin wird die Glut verraucht sein!« meinte Cortes.

Diego de Ordas nickte, obschon ihm der Doppelsinn des Ausspruchs nicht zum Bewußtsein kam.

In der Nacht vor der entscheidenden Tlascaltekenschlacht hatte das ganze Heer gebeichtet und kommuniziert; daher fehlte es Pater Olmedo an Abendmahlwein. Den Auftrag, zwei vergrabene Malvasierflaschen aus Vera Cruz zu holen, erteilte Cortes dem Reiter Enrico Lares. Nicht bloß des Weines wegen wurde der Bote ausgesandt. Cortes legte Wert darauf, daß der Rollende Stein am Roten Berge, daß der dicke Kazike in Totonacapan und das Schwelende Holz an der huaxtekischen Küste möglichst bald von seinem Triumph erführen. Lares sollte deshalb Escalante und die siebzig zurückgebliebenen Kranken und Krüppel auffordern, die erfolgreichen Gefechte und das Friedensangebot Tlascalas mit einem Jubelbankett, mit Vivatrufen und Freudenschüssen zu feiern und durch die wehenden Wimpel der festlich beflaggten Stadt Vera Cruz den benachbarten Indianervölkern vor Augen zu führen, wie sehr das Kriegsglück die weißen Götter begünstigte.

Zwei Begleiter wurden Lares als Wegweiser mitgegeben – außer einem Totonaken auch ein Mexikaner, einer der zwanzig Palastbeamten des Rollenden Steines. Beide waren Schnelläufer, vermochten ohne Ermüdung mit dem Pferde Schritt zu halten. Der Totonake hatte Gelegenheit gefunden, sich etliche spanische Brocken anzueignen, so daß eine Verständigung einigermaßen möglich war.

Die gleiche Straße, die das Heer auf dem Hinweg gezogen, schlug nun Lares ein. Berge, Täler, Bäche, Felder, Bäume erkannte er wieder, wie sehr auch Friede, Stille und Einsamkeit die Landschaft verwandelt hatten. Gräser, zertreten jüngst von La Medinas tanzendem Fuß, richteten sich mählich wieder auf, Halme schaukelten im Winde, wo Kastilier und Tlascalteken eben noch Heldentaten und Greuel vollführt hatten. Der Weg war nicht mehr leichenbesät: denn die Indianer bargen ihre Toten.

Und nicht unbewacht war diesmal die große Mauer. Doch die Grenzwächter wußten bereits, daß Kreuz und Pfeil Freundschaft geschlossen. Lares ritt durch das turmartig aufragende Tor, befand sich auf mexikanischem Boden. Er trabte am Weißen Mondgefilde vorbei, näherte sich dem Roten Berge. Fern am Waldsaume erblickte er ein Rudel Hirsche, und Sedeños entflohenes Graufohlen glaubte er unter ihnen zu erkennen. Trank es noch am Euter der Hirschkuh oder äste es schon mit den anderen? ... Und er entsann sich, wie er mit Alvarado, Maria de Estrada und Dominguez dem Tiere nachgesetzt und wie die Amazone, nachdem man die Verfolgung aufgegeben, Indianeraugen im Gebüsch hatte blitzen sehen ... Auch ein anderes Jagdabenteuer fiel ihm ein, sein erster – bald nach der Landung an den Dünen – mit Alvarado und Dominguez unternommener Ausritt –: durch einen Hirsch in einen Wald gelockt, hatten sie die an einen Baumast gehängte europäische Kleidung des Melchorejo, des aus Kuba mitgebrachten Indianersklaven, gefunden ... Und da späterhin auch Melchorejos Gefährte, Julianillo, das Weite gesucht, sann nun Lares darüber nach, ob es nicht die Augen eines dieser beiden Karaiben gewesen, welche Maria de Estrada im Gebüsch hatte blitzen sehen. Doch der Gedanke hatte wenig Wahrscheinlichkeit für sich, – eher war anzunehmen, daß sie längst verspeist waren bei einem kanibalischen Festmahl ...

Wie am Weißen Mondgefilde, zog Lares auch am Roten Berg, ohne die Stadt zu betreten, vorbei. Doch entließ er angesichts der Türme und Wälle den Palastbeamten des Rollenden Steines, damit er seinem Herrn Kunde vom Umschwung in Tlascala gebe.

Nur noch vom Totonaken begleitet, setzte Lares die Reise fort. Schon lag der Rote Berg weit hinter ihnen, als ihnen ein Trupp mexikanischer Speerträger begegnete. Lares sah, daß die Mexikaner zwei gefesselte Kriegssklaven mit sich führten. Doch erst als sie nahe herangekommen, erkannte er – und maßlos war sein Erstaunen –, daß die beiden Opfersklaven jene entlaufenen, um die Augen bemalten »grinsenden Teufel« Melchorejo und Julianillo waren!

»Wo führt man euch hin, ihr Halunken?« rief er sie auf spanisch an.

»Nach Mexico, Senor, zum König Montezuma!« antwortete Melchorejo grinsend, obgleich ihm Tränen der Selbstbemitleidung über die Backen rollten.

Eine Verständigung mit den mexikanischen Kriegern war unmöglich. Lares besprach sich – so gut es ging – mit dem Totonaken. Durch ihn ließ er den Mexikanern eröffnen: diese Opfersklaven seien Eigentum der weißen Götter, und sie nach Mexico zu Montezuma zu bringen, ginge nicht an.

Der Anführer – am gegabelten, roten Federkopfschmuck kenntlich – ließ darauf den Sohn der Sonne fragen, was mit den Sklaven geschehen solle. Ob er Anspruch auf sie erhebe?

Lares sah ein, daß er nicht imstande sein würde, die beiden Ausreißer an erneuten Fluchtversuchen zu hindern. Er gab daher zur Antwort, die Sklaven müßten nach Tlascala geschafft werden, wo sich das Feldlager der weißen Götter befinde.

Der Trupp setzte den Weg nach Westen fort. Die kühllächelnden Gesichter der Mexikaner ließen nicht erraten, ob man gewillt war, den unerbetenen Ratschlägen des weißen Mannes Gehör zu schenken. Die kalte Zurückhaltung entging Lares nicht. Einen Augenblick schwankte er, ob er ihnen nicht nachreiten, sich die Sklaven doch ausliefern lassen solle. Melchorejo und Julianillo hatten mancherlei gesehen und beobachtet, sie konnten in Mexico Schaden stiften ... Doch Lares war an den,Auftrag gebunden, Wein aus Vera Cruz zu holen. So beruhigte er sich denn dabei, daß die Mexikaner nicht wagen würden, den Anordnungen eines Sohnes der Sonne zuwiderzuhandeln. Und weiter ritt er ostwärts ins Land der Totonaken.

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