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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 33
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Buch

Tausendgestaltig wie das Leben ist der Tod.

Eintagsfliegen und Sonnensysteme, doch auch lebloses Töpfergeschirr und Gedanken müssen sterben. Selbst Gespenster sterben, nachdem sie eine Zeitlang den Tod überlebten. Das Gespenst ist ja eine der tausend Gestalten des Todes –: es ist der Tod nach dem Tode.

Aber es gibt auch einen Tod vor dem Tode.

Es gibt auch Gespenster, die dem Ende vorangehen, es vorausschatten. Wie eine schleiericht deckende Silberfarbe schweben und schillern sie auf den grellen Farben der Dinge oder des pulsierenden Lebens.

Doch nur die wenigsten Wesen sind geistersichtig. Wer erkennt das Gespenstische eines todgeweihten Dinges? Eines kranken Vogels? Eines verlorenen Volkes?

Oft nehmen wir für Liebreiz, was heimlicher Tod ist. Hektische Röte verschönt.

Am Tage des Friedensschlusses mit den weißen Göttern leuchtete die Sonne in die Täler Tlascalas lichttrunken wie zuvor – und doch vergoldeten ihre Strahlen eine Leiche, eine noch lebende Leiche, die blumenbekränzt und freudeblühend sich ihres heimlichen Todes nicht bewußt war.

Es erging Tlascala, wie es einst dem strotzenden Garten Anahuac ergangen war, als noch König Molch die Türkismosaik-Stirnbinde trug. Ein wunderbar schöner rabengroßer Vogel mit metallisch-blau brennender Brust und zwei spiralig geschweiften Schwanzfedern, einem sammetnen Paradiesvogel ähnlich, hatte sich am Schilfsee gezeigt. Und König Molch ließ durch Ausrufer verkünden, daß das Volk dem Wundervogel – dem Götterspecht, wie er ihn benannte – Nester bauen und ihn füttern müsse, und wer ihn töte, sei mit Todesstrafe bedroht. Da hegte und pflegte das Volk den herrlichen Vogel, bis Frauen, Kinder und Greise durch Hungersnot hingerafft wurden – denn der Vogel nährte sich von Mais und hatte bald alle Maispflanzungen vernichtet.

Ebenso hegte und pflegte Tlascala den weißen Mann, den unbesieglichen Kampfgenossen gegen den Feind im Westen. Daß es den Tod zu Tische geladen hatte, ahnte es nicht.


Die Stadt Tlascala rüstete sich, ein Rosenfest zu feiern. Die Stadt Tlascala legte ein Hochzeitsgewand an. Aber sechs Tage vergingen, und die ersehnte Gästeschar traf nicht ein. Zwar waren täglich Boten ins Feldlager geschickt worden, freundliche Mahner, Überbringer erneuter, dringender, drängender Einladungen. Auch Prinz Kriegsmaske und andere Große des Freistaates gingen oftmals den Weg zum Tempelhügel, und sie begleitende Sklaven trugen Körbe voll Wildbret, Tomaten, Kakaoschoten, Kaktusfeigen und Agave-Sirup für die weißen und schwarzen Götter, beschenkten auch die Hirschungeheuer – die Pferde – mit Truthähnen, Fleisch und Brot. Sie alle wurden vertröstet, stets aufs neue vertröstet, und heimkehrend vertrösteten sie die ungeduldige Stadt.

Oh, diese Sonnensöhne verstanden, sich bitten zu lassen! Schon fingen die Girlanden der blumengezierten Straßen an, Blatt für Blatt abzuwelken. Tlascala schmachtete und kränkte sich wie ein Mädchen, das sich verschmäht sieht.

Da machten sich der Hohe Rat und die vier Könige Tlascalas – die Sammelnde Biene, das Offene Gesicht, der Truthahn und der Rauchende Schild – auf den Weg. In Sänften die einen, auf dem Rücken von Lastträgern die anderen, nahten sie, ein Haufen greiser Bittsteller, dem Lager.

Sie wurden von weitem erblickt, ihr Prachtaufzug kroch heran wie eine farbenschillernde Raupe. Oben auf dem Hügel, dessen kleinen Opfertempel die Kastilier den Turm des Sieges – la torre de la victoria– benannt hatten, erwartete Cortes mit seinem Stab von Feldobristen und den Vornehmsten der totonakischen Heerführer – Mamexi, Tehuch, Cuhextecatl – die Ankunft der Besucher.

Der buntscheckige Zug machte am Fuße des Hügels halt. Die Alten entstiegen den Sänften, glitten von den Schultern der Träger, ordneten sich zu zweien, stiegen in langsamer Prozession, schwarze Stäbe und Fächer haltend, den kleinen Hügel hinan. Eine der Sänften aber wurde vorangetragen. In ihr saß der gebrechlichste und mächtigste der Alten, der blinde Hundertjährige, die Sammelnde Biene. Vor Cortes angelangt, mußte er aus der Sänfte herausgehoben werden. Verglichen mit dem Prunk, den die Abgesandten Montezumas entfaltet, waren Gewandung und Schmuck des Hundertjährigen bescheiden zu nennen. Sein geierhafter Kopf bedurfte keines silbernen Stirnbandes, um alle Blicke auf sich zu lenken. Ein Dunstkreis von stiller Größe und Erhabenheit umgab die Gestalt und wurde auch von den wetterharten Kastiliern sogleich gespürt und gewürdigt.

»Wer ist das?« fragte Cortes.

Tehuch und Cuhextecatl konnten Auskunft geben. Als sie vor Wochen das dunkelgrüne Sammetbarett, den Degen, die Muskete und die Armbrust dem thronenden Senat Tlascalas als Geschenk der weißen Götter zugleich mit einem Schriftstück und einem Friedensangebot überbracht hatten, war es die Sammelnde Biene, der blinde Hundertjährige, gewesen, welcher am eifrigsten gegen die fremden, goldfressenden, dem Schaum des Meeres entstiegenen Ungeheuer gewettert und durch das Gewicht seiner Stimme erreicht hatte, daß der Freistaat sich zur blutigen Abwehr der Christen entschloß. Aber sie wußten auch von seiner Sinnesänderung zu berichten, die in der entscheidenden Ratsversammlung durch die todesmutige Rede des Irdenen Kruges bewirkt worden war.

Die vier Könige Tlascalas verbrannten Kopalkugeln und begrüßten Cortes nach indianischer Weise. Auch der Hundertjährige tat es, beugte sich, gestützt von mehreren Gaufürsten, bis zur Erde hinab, zog sich die Handschuhe ab, berührte den Boden mit seiner adrigen, zittrigen Hand und führte die Hand an die dünnen altersschwachen Lippen zum Kusse.

Cortes eilte auf ihn zu, hob ihn auf, umarmte ihn, umarmte auch seine Begleiter.

Da sprach der Hundertjährige:

»O Sohn der Sonne, o weißer Gott! Das Opfer, das ich dir bringe, ist mein Herz! Sieh, seit ich ein Kind war, wußte mein Herz, daß aus dem Lande des Sonnenaufgangs die Enkel unseres Herrn Quetzalcoatl, der als Morgenstern am Himmel leuchtete, wiederkehren würden, daß sie erscheinen würden in diesem Lande, daß sie herrschen würden auf dem Goldthron ihrer Ahnen. Und doch hat mein Herz es nicht fassen können, hat sich gesträubt, es zu glauben, daß du der Wunderbare seist, der Vorausverkündete! Jetzt aber weiß ich es, denn du hast dein Volk gezüchtigt wie ein Gott und bist unser Beschützer und Wohltäter! Und ich segne es, daß mein Haar welk ist und daß mein Bett noch nicht im Lande des Nebels steht und daß mir vergönnt ist, diesen Tag zu erleben! Nun aber will ich dich sehen, o weißer Gott!«

Und der Hundertjährige sprach einige Worte zu einem neben ihm stehenden Häuptling. Dieser hob ihm beide Augenlider empor, welche vor Alter immer geschlossen waren. Mit den aufgerissenen, toten, gläsernen Augen starrte der Greis Cortes ins Gesicht. Dann schüttelte er enttäuscht, wehmütig den Kopf.

»Umsonst ...«, murmelte er. »Ich hatte gehofft, daß in dieser Stunde, weil du der Erwartete bist ... Ach, ich sehe nur Schwärze ... Doch ich will dich sehen!«

Und ganz nah trat er an Cortes heran, und mit seinen zitterigen Fingern tastete er ihm langsam über Stirn, Augen, Nase, Mund und Kinn. Mehrmals wiederholte er das Abtasten, und Cortes hielt still wie eine Bildsäule, während der Alte sich das Gemälde seiner Finger einzuprägen suchte. Hunderte schauten zu, aber keinem kam ein Lachen oder Lächeln in den Sinn.

Der Alte nur lächelte freudig:

»Jetzt erblicke ich dich, jetzt kenne ich dich, jetzt habe ich dich in meinem Herzen, o Sohn der Sonne!«

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