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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 30
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
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Die Söhne des hundertjährigen, blinden Xicotencatl hatte der Rosenkrieg hingerafft. Am Leben war nur noch ein Enkel, seines jüngsten Sohnes Sohn. Dieser hieß Xicotencatl Xocoyotzin, das heißt Xicotenca der Jüngere, und führte den Beinamen Axayacatl, Kriegsmaske. Ein hochgewachsener, stählerner, mit Wundmalen bedeckter und auffallend schöner Indianer war er, unbändig stolz, ungezügelt in seinen Leidenschaften, wild und gutherzig, treulos und treu zugleich. Kaum dreißig Jahre alt, war er bereits Vorsteher des Hauses der Speere und hatte den Oberbefehl über die Hälfte der tlascaltekischen Truppenmacht. Er bewohnte seinen eigenen Steinpalast, Seinem Reichtum und hohen Rang entsprach die schier unermeßliche Zahl seiner Sklaven und die Größe seines Frauenhauses. Er besaß an die fünfzig Gattinnen.

Vor drei Jahren war ihm in den Gassen Tlascalas ein ärmlich gekleidetes Mädchen begegnet. Gebannt, erschüttert war er von ihrem Anblick, kein irdisches Wesen, eine verlarvte, in Lumpen gehüllte Göttin schien sie ihm. Sofort schickte er ihr einen seiner Sklaven nach, ließ sie nach ihrem Namen, ihrer Herkunft fragen. Sie hieß Tica-Papalotl, Kreideschmetterling. Obgleich sie von niederem Stand, Knüpferin von Blumenmosaik und Tochter eines Amol-Chiuhqui, eines Seifensieders, war, erbat er sich die Vierzehnjährige von ihren Eltern, machte er sie zu seiner rechtmäßigen Gattin. Und er räumte ihr einen Flügel seines Palastes ein, schenkte ihr Sklavinnen – Fächerträgerinnen, Sandalenbinderinnen, Haarkämmerinnen, Girlandenflechterinnen – und behängte sie mit Juwelen. War ihre überschlanke, knabenhafte Anmut, ihres immer schneeweiß geschminkten Gesichtes Schönheit ohne alles Maß – seine Liebe war es auch. Doch der Blumenkrieg zwang ihn, Abschied zu nehmen von Kreideschmetterling, fortzuziehen in den Kampf gegen die Heerscharen Mexicos, in jene Schlachten, welche dem jugendlichen Menschen-Fänger – dem ältesten Sohn Montezumas – den Tod und dem Irdenen Krug die Knechtschaft bringen sollten.

Ein Jahr lang focht Prinz Kriegsmaske an der Großen Mauer. Als Triumphator kehrte er heim nach Tlascala, sehnsuchtverzehrt nach Kreideschmetterling. Da entdeckte er, daß zwei seiner Frauen schwanger waren – und von ihm, der länger als ein Jahr in der Ferne geweilt, konnten sie nicht schwanger sein. Sie hatten ihr Leben verwirkt, waren der Lustgöttin, der Straferin verfallen, die als Frosch mit blutigem Maul verehrt wurde –: »denn die Liebe frißt und verschlingt alles ...« Ein unerhörter Schimpf war Prinz Kriegsmaske angetan. Rasend vor Wut ließ er sie einkerkern, ordnete eine strenge Untersuchung an. Da kam es ans Licht, daß Kreideschmetterling, seine Lieblingsgattin, halb Knabe, halb Mädchen war. Mitten unter den Frauen lebend, hatte – während seiner einjährigen Abwesenheit – das unselige Zwitterwesen sich in die zwei schönsten der Frauen verliebt und sie zur Sünde verleitet. Als Prinz Kriegsmaske dessen innewurde, erließ er den Schwangeren die Todesstrafe, war er es doch selbst gewesen, der die Knäbin in ihre Mitte gebracht, er trennte sich von ihnen, verschenkte sie, verheiratete sie an Untergebene. Grausame Strafe aber erwartete den Hermaphroditen. Völlig nackt wurde Kreideschmetterling durch die Straßen Tlascalas, durch die höhnende Volksmenge geführt. Auf einer Opferterrasse wurde ihm mit scharfem Obsidianmesser die linke Bauchseite aufgeschnitten, so daß die Eingeweide herausquollen, und dann mußte das arme Wesen, die eigenen blutigen Gedärme mit der Hand haltend, laufen – mußte versuchen, der verfolgenden Volksmenge zu entlaufen. Gelang es dem Sträfling, den Verfolgern zu entkommen, so war er frei und fortan unantastbar – das schrieb uralter Brauch, altheiliges Strafgesetz vor. Doch noch nie hatte sich ein Sträfling retten können, alljeder war bisher zusammengebrochen, eingeholt, gesteinigt worden.

Auch Kreideschmetterling wäre es so ergangen, hätte sich nicht während seines Todeslaufs ein Palasttor geöffnet, in das er hineinflüchten konnte. Der Volksmenge wurde der Eintritt verwehrt. Kreideschmetterling war gerettet. Der Mann, der ihn gerettet, der Besitzer des Palastes, war Piltecatl, Neffe des Maxixca und Oberfeldherr von gleich hohem Rang wie Prinz Kriegsmaske.


Seitdem waren die Familien Maxixca und Xicotenca verfeindet. Piltecatl verweigerte die Herausgabe des Hermaphroditen. Und Prinz Kriegsmaske ließ nicht ab, ihn zurückzufordern. Nicht, daß er ihn noch hätte töten oder sonstwie strafen wollen, – nach der geglückten Flucht war ja Kreideschmetterling unantastbar. Aber wunderbarerweise wurde Prinz Kriegsmaske jetzt mehr denn je von Liebe, Sehnsucht und Eifersucht verzehrt. Unerträglich war ihm der Gedanke, daß sein Rival Piltecatl das überirdisch schöne Zwitterwesen gesund pflegen und hegen und durch Geschenke an sich fesseln konnte.

Der Streit der Familien griff über auf die Stämme. Die-im-Regenlande – meist der Kriegerkaste angehörig – hielten zu den Xicotencas, Die-unter-den-Pinien – in der Mehrzahl friedfertige Kaufleute – scharten sich um die Maxixcas. Zu offenen Feindseligkeiten kam es zwar nicht, doch das Land war in zwei Hälften zerrissen, der Nachbar traute dem Nachbar nicht mehr, der Freund nicht dem Freunde. Die einflußreichen verständigen Oberhäupter gerieten beim Versuch, den Streit aus der Welt zu schaffen, selber in Zwist. Das hatte nunmehr zur Folge, daß im Rat der Alten jeder Vorschlag der einen Partei von der anderen Partei mißbilligt und bekämpft wurde.

Als daher, nachdem die totonakischen Gesandten den Saal verlassen hatten, das Offene Gesicht ausführte: nicht nur die Empfehlung der Feinde ihres Erzfeindes, auch die vielen Vorzeichen der letzten Jahrzehnte machten es glaubhaft, daß die in alten Bilderschriften geweissagte Wiederkehr bärtiger, weißhäuptiger Sonnensöhne nach Anahuac zur Wahrheit geworden und daß die Zeit der Befreiung der Völker und des Strafgerichts über Montezuma nahe gerückt sei, darum er es für ratsam erachte, diese Fremden, da sie doch Beistand gegen Mexico anböten und, wie ihre Taten und Waffen zeigten, eher Götter als Menschen zu sein schienen, freundlich nach Tlascala einzulassen und nicht abzuwarten, daß sie sich den Zutritt erzwängen – als in einer klugbedachten und schöngefügten Rede das Offene Gesicht dies ausführte, erhob sich der erblindete hundertjährige Führer der Gegenpartei, die Sammelnde Biene, und widersprach leidenschaftlich. Dabei brachte er (wenn man den Chronisten glauben darf) höchst merkwürdige Vermutungen über die Entstehung der weißen Götter vor. Er sagte:

»O ihr hochmächtigen Väter, o ihr edlen Herren, möge Ypalnemoa – Er, durch den alles geschieht – unseren Sinn erleuchten, unseren Sinn lenken, auf daß wir Tlascala, unserer alten Mutter, nicht schlechte Söhne seien! Wer sind diese Fremden? Was werden sie uns bringen? Wir wissen es nicht. Wir kennen die Zukunft nicht. Doch das wissen wir, daß die Vergangenheit Tlascalas, unserer Mutter, ruhmvoll war, und nicht würdig der großen Vergangenheit Tlascalas dünkt es mich, wenn wir überschnell, wenn wir allzu dienstbereit den Fremden die Tore öffnen. Von alten Weissagungen hat man uns erzählt – doch Weissagungen haben oft schon getrogen. Sind die Berichte wahr, daß diese Fremdlinge sich von Gold ernähren und mit großen Hirschen einherziehen, so scheinen sie mir nicht Menschen zu sein, sondern Ungeheuer, dem Schaume des Meeres entstiegen oder vielmehr ausgespien vom Meer, das sie in seinem Innern nicht mehr bergen wollte. Darum ist mein Rat: Laßt uns ihnen bewaffnet entgegenziehen, eingedenk unserer Vergangenheit, unserer Götter, unserer Heimaterde, unserer Weiber und Kinder, laßt uns ihnen den Eintritt wehren. Nur so können wir erfahren, ob sie Menschen sind. Besiegen sie uns, die wir unbesieglich waren bisher, so sind sie die weißen Götter, die Vorausverkündeten. Dann bleibt uns immer noch Zeit, mit ihnen Freundschaft zu schließen und Bundesgenossenschaft gegen Montezuma!«

Die Rede der Sammelnden Biene machte tiefen Eindruck auf die Versammlung, überzeugte indes die Gegenpartei nicht. Das Wort ergriffen noch der Rauchende Schild, der Truthahn und viele Häupter der Unterstämme. Zu einem Ergebnis führte die Beratung an diesem Tage nicht.


Im Weißen Mondgefilde wartete Cortes mehrere Tage vergebens auf eine Antwort aus Tlascala. Die sehnlich erhoffte Einladung blieb aus, auch kehrten die totonakischen Boten nicht zurück. Am vierten Tage traf eine Gesandtschaft aus Cholula im Weißen Mondgefilde ein.

Der Gewandtheit des Tempel-Fegers war es gelungen, die heilige Stadt für den Plan Montezumas zu gewinnen. Mit gewohntem Geschick hatte er seinen Auftrag ausgeführt, hatte den Cholulteken nahegelegt, daß es ein verdienstvolles Werk sein würde, die Fremdlinge in die Stadt zu locken und niederzumachen. Mit den zwei goldenen Trommeln hatte er die beiden Priesterkönige, mit kostbaren Kotingafedern den Hohen Rat bestochen. Und nun sandte die Stadt eine Einladung an die weißen Götter. Der neunzehnjährige Sohn des einen der Priesterkönige war der Gesandtschaft beigegeben, um ihr mehr Ansehen und Gewicht zu verleihen.

Durch Marina ließ Cortes den Cholulteken auseinandersetzen, daß er in Tlascala erwartet werde und daher den Weg über Cholula nicht nehmen könne.

»O Malintzin! o Göttin!« sagte der junge Königssohn, »die Quechou-Vögel erwarten dich, du aber willst ihren Gesang nicht hören, du Goldreiftragende, du Göttin!«

Marina übersetzte den Satz erst, als Cortes danach fragte. Velazquez de Leon bemerkte ärgerlich:

»Dieser Königsknabe hat sich in Marina verliebt! Er verschlingt sie ja mit seinen Augen! ...«

Die Feldobristen lachten. Cortes, der einen feineren Spürsinn hatte, warf ihm einen erstaunten Blick zu. Was er über den Königssohn ausgesagt, hatte er über sich selbst ausgesagt. Velazquez de Leon liebte Marina und wußte es selbst nicht.

Die Enttäuschung des Gesandten war unverkennbar. In eine ungeheuchelte Betrübnis versetzte sie die Absage. Einen späteren Besuch der heiligen Stadt, um den sie nunmehr baten, stellte Cortes, ihnen zum Trost, in Aussicht und lud sie zu einem solennen Mittagsmahl ein. Juan Varela, der Oberkoch und Tafelmeister des Cortes, durfte mit seinen Künsten Staat machen, war ihm doch der Wink erteilt worden, nicht zu geizen.

Zum Festessen erschien der Königssohn mit einem Blumenstrauß, gewunden aus tausend gelben, grünen und lila Orchideen. Mehrere Sklaven schleppten den Riesenstrauß, legten ihn Marina vor die Füße. An der Festtafel saß der Königssohn zwischen Cortes und Marina.

»O Göttin, o Zauberfürstin! Wie komme ich in das blumenreiche, in das glückselige Land, wo es keine Sehnsucht und keine Trauer mehr gibt? ...« flüsterte der Königssohn. Und er knetete auf dem Teller Kugeln aus den Speisen und steckte die Kugeln Marina in den Mund.

Mit feinem Humor trank Cortes Velazquez de Leon zu, der ihm gegenüber saß und einen roten Kopf bekam. Und ihm zublinzelnd, sprach Cortes von der Eroberin, la conquistadora. Als aber der Königssohn die erhitzenden Weine Alicante und Pedro Ximenes gekostet hatte und den Arm um den Nacken seiner Göttin legte, sprang Velazquez de Leon von seinem Sitz empor und zog den Degen. Mit überlegenem Spott bat ihn Cortes, mit seinem Rapier keine Hirschbraten zu erlegen, da dies Sache des Tafelmeisters sei, und er ersuchte ihn, sich still zu verhalten. Den erschreckten Gesandten aber ließ er durch Marina mitteilen, bei den Gastmahlen der weißen Götter wären solche Waffenübungen Sitte und hätten den Zweck, die Söhne der Sonne auch in Stunden des Genusses an ihre Kampfziele zu gemahnen. Mit scheuen Mienen nahmen die Cholulteken hiervon Kenntnis.

Als Velazquez de Leon seinen Degen eingesteckt und wieder Platz genommen, sagte ihm Cortes:

»Bedenkt, daß es uns von Nutzen sein kann, wenn wir Freunde in Cholula haben! ...«


Und wieder kroch der lange Schlangendrachen westwärts.

Die nach Tlascala entsandten Boten waren ins Weiße Mondgefilde nicht zurückgekehrt. Vier Tage lang waren sie umsonst erwartet worden. Schließlich hatte Cortes Befehl zum Aufbruch gegeben. Tehuch und Cuhextecatl mußten ja, zurückkommend, dem Heer entgegenkommen. Immerhin war ihr Ausbleiben rätselhaft und konnte als übles Zeichen gedeutet werden. Es wurde angeordnet, daß die Soldaten nur bewaffnet schlafen sollten.

Rechts und links vom Wege funkelten zuweilen schwarzglänzende Augen im Dickicht. Solche Augen hatte ja schon die Amazone Maria de Estrada im Gebüsch gesehen, als das entlaufene Fohlen des reichen Sedeño bei der Hirschherde gefunden wurde. Nicht getäuscht hatte sie sich, ihre Beobachtung wurde jetzt von vielen bestätigt.Und andere höchst seltsame Beobachtungen wurden gemacht. Es fanden sich dünne Fäden über die Straße gespannt, zuweilen fünf, zuweilen zehn solcher bunten Fäden und alle eigenartig verknotet und daneben Papierstreifen und Papierfähnchen. Sträucher standen am Wege, behängt mit Fäden und Papierstreifen, und man kam durch einen Fichtenwald, der wie übersponnen war von so verknoteten Zauberfäden und Papierfetzen.

Das Heer wurde verfolgt, wurde begleitet von Zauberern. Und diese Zauberer waren ausgesandt, den weißen Göttern die Straße zu verlegen, sie zu hemmen, sie der Kraft zu berauben, sie zu vernichten, waren ausgesandt von Montezuma, der bereits Nachricht erhalten hatte, daß die Söhne der Sonne die Einladung nach Cholula ausgeschlagen. Ein aztekischer Chronist hat später berichtet, wie die Zauberer den Auftrag Montezumas ausführten: »Sie begannen sich zu verteilen«, schrieb er, »schritten überaus heimlich – die einen in der einen, die anderen in der anderen Richtung – vor, so daß das christliche Heer in ihrer Mitte war. Und es sagten diejenigen unter den Zauberern, die sich in reißende Tiere zu verwandeln pflegen –: Wir wollen unser möglichstes tun, und wenn das nicht genügt, wollen wir ihnen die Herzen essen! Und als sie an sie herankamen, war ihre Mühe umsonst. Und da sie ihnen nicht schaden konnten, glaubten sie, die Herzen der Christen enthielten nur Dunst und Rauch, ja, sie meinten, die Christen hätten gar keine Herzen. Unter den Zauberern waren solche, die sich in Giftschlangen und Skorpione verwandelten, aber auch diese vermochten ihnen nicht zu schaden. Ferner gab es welche, die den Unterleib und die Waden essen, sie vermochten ebensowenig auszurichten und meinten, die Christen hätten keinen Unterleib und keine Waden. Und schließlich waren da auch die Zauberer, die mit Träumen behexen und die Berückten auf Bergabhänge tragen, um sie hinabzustürzen, doch alle Nächte fanden sie das Heer von Wachen umstellt – während ein Teil der Christen schlief, wachte der andere –, und der Schildwachen wegen konnten sie ihnen nicht schaden. Und sie alle sagten: Versuchen wir es noch vier Nächte! Und ab sie es die vier Nächte, ohne schaden zu können, versucht hatten, sprachen sie: Laßt uns zu unserem König gehen, ihm sagen, wie wir alle unsere Kräfte aufgewandt haben, doch ihnen nicht haben schaden können! ...«

So berichtete der aztekische Chronist.


An einem bleichklaren Herbstmorgen erreichte das Heer die Große Mauer. Vor den baß verwunderten Augen der Kastilier tauchte eins der Weltwunder empor. Aus der Ferne gesehen, glich es einem rötlichgelben Band, einem unabreißbaren Band, aus dem Himmel auf die Landschaft niedergefallen und wellig angeschmiegt an Berg und Tal, an Fluren und Hügel, Gefels und Wildschluchten. Selbst über einem Fluß hing das Band, überschwebte ihn als steinerne Brücke so flach, daß kein Boot sie hätte unterfahren können. Das unfaßliche Dasein der endlosen Mauer offenbarte sich in seiner ganzen Rätselhaftigkeit erst, als das Heer nahe genug gekommen war, die Einzelheiten des Baues zu unterscheiden. Riesenquadern ohne Kalk und Mörtel aneinandergefügt. Ein Zyklopenbau. Zwanzig Fuß breit, neun Fuß hoch und durchgehends mit einem Zinnenkranz äußerst starker Brustwehren geziert. Nicht von Menschenhand schien der Bau gefügt. Gänzlich unwahrscheinlich und doch erdrückend, bedrückend durch seine Existenz.

Cortes winkte einige der Totonakenhäuptlinge herbei und fragte sie über den Ursprung der Mauer aus, was Tlascala wohl veranlaßt haben mochte, eine solche Schutzwehr zu errichten. Die Häuptlinge mußten weit ausholen, diese Frage zu beantworten. Sie erzählten, wie Tlascala von Mexico umzingelt, von der Außenwelt abgeschlossen, zur belagerten Festung gemacht wurde, wie Tlascala lernen mußte, auf Papageienfedern, Kakao, Baumwolle, ja sogar auf Salz zu verzichten, wie Tlascala, als der sechzigjährige Krieg begann, aus Notwehr sich gezwungen sah, die Große Mauer zu erbauen, wie im Rosenkrieg, dessen Regeln der Herr des Fastens aufstellte, der Lieblingssohn Montezumas umkam und die Rache Montezumas, der Ansturm der mexikanischen Heerscharen, an der Großen Mauer zerschellte.

Manches, was die Häuptlinge erzählten, wußte Cortes schon durch Marina. Doch zum erstenmal übersah er den Fluß des Geschehens. Und ihn erstaunte das Schicksalhafte im langwährenden Haß zwischen Tlascala und Mexico. Es machte ihn nachdenklich, hoffnungsreich und hoffnungsarm. Marina, die seine alpbeschwerten Gedanken witterte, sagte:

»Den Rosenkrieg hat Gott geschaffen, diesen Völkern und uns zum Heil! Gott stillt Blut mit Blut!«

»Die Mauer, die dieses Volk beschirmt, ist nicht aus Stein!«

»Auch in jene Mauer werden wir eindringen, wenn ihre Tore so unbewacht sind wie diese!« rief Marina begeistert und begeisternd.

Und hellseherisch wahr hatte Marina gesprochen. Das eine Tor der Mauer war wunderbarerweise an diesem Tage nicht bewacht.


Nur einige wenige Tore – viele Meilen voneinander entfernt – hatte die Große Mauer. In den turmartig aufragenden Toren bildeten zwei verschlungen im Bogen geführte Gassen den Eingang. So schmal waren die Gassen, daß eindringende Feinde Mann für Mann gegen die Verteidiger kämpfen mußten. Die außerhalb der Mauer Stehenden konnten indes nicht wissen, ob Verteidiger sie erwarteten oder nicht. Die zwanzig Palastbeamten des Rollenden Steines warnten, erboten sich, einen um die Mauer führenden Weg zu zeigen. Die Totonaken aber rieten, den Durchgang durch das Tor zu wagen.

Cortes ließ sich von Cristobal del Corral, seinem ersten Fahnenträger, die schwarze Standarte mit dem flammenumloderten Kreuz reichen. Sie hoch emporhaltend und schwenkend, rief er dem Heere zu:

»Vorwärts, Soldaten! Das heilige Kreuz ist unser Banner! In diesem Zeichen werden wir siegen!«

Und die Sporen in Romos Weichen drückend, galoppierte er auf das Tor zu, durchritt den halbkreisförmigen dunklen Gang und befand sich auf Tlascalas Boden. Kein Feind ringsum. Das Heer war ihm auf den Fersen gefolgt. Die Große Mauer, eins der schwersten Hindernisse, war spielend überwunden. Erst viel später erfuhr und begriff Cortes ganz, welch einem unerhörten Zufall er es zu verdanken hatte, daß das Tor offenstand. Er hätte, wäre es anders gekommen, am Zyklopenbau zerschellen müssen und höchste Ziele mit ihm. Doch wie ein Schutzgeist mit weißen Flügeln begleitete das Glück den großen Abenteurer, und übergütig, wich es nicht von seiner Seite.


Außer Diego de Ordas zogen jetzt auch Cortes und sämtliche Berittene dem Heere voraus. Des Angriffs gewärtig, marschierte das Heer, dicht zusammengestaffelt und in strenger Ordnung, langsamer als bisher. Pulver lag auf den Pfannen der Musketen, die Sehnen der Armbrüste waren gespannt. Und die Infanteristen, je drei nebeneinander schreitend, hielten die Schilde, Lanzen und Schwerter zum Angriff bereit. Allen, besonders aber den Reitern, war eingeschärft worden, mit den Lanzen nach den Gesichtern der Rothäute zu zielen und sich vorzusehen, daß beim Zustoßen die Lanzen nicht mit den Händen pariert, gepackt und ihnen entwunden würden.

Schon drei Meilen lag die Große Mauer hinter dem Heer, und noch hatte sich kein Feind blicken lassen. Steiler und rauher wurde der Weg. Man befand sich in einem unwirtlichen Gebirgsland. Die Flußebene, durch die man zog, verengerte sich zusehends, mündete in Felsschluchten. Als die vordersten Reiter einen Hügel hinaufgekommen waren, gewahrten sie jenseits im Tal einen kleinen Trupp Indianer, einige zwanzig Mann. Es waren Otomis, Grenzwächter des Freistaates Tlascala. Am Vorderhaupt rasiert, trugen sie alle den lang über den Rücken fallenden, Piochtli genannten Haarschopf. Sie standen in Kriegsrüstung da, mir grellbunten Federkronen, Helmmasken, buntverzierten Schilden aus Leder und Bambusrohr, hatten Handfahnen, Steinbeile, Pfeile mit Feuersteinspitzen, Speerbündel und schwarzlackierte Sägeschwerter in den Händen. Auf ihren Nacken schaukelten riesenhafte, aus Baumwollstoffen gefertigte Tierdevisen – Schmetterlinge, Schlangen, Schakale, Araras. Und ihre Gesichtsbemalung bestand aus schwarzen und weißen Streifen.

Ordas, Alvarado und Lugo jagten auf sie zu. Die Otomis ergriffen die Flucht. Da Cortes mit Recht vermutete, ein größeres Heer werde in der Nähe verborgen liegen, ließ er schnell vorrücken und die Artillerie auf den Hügel anfahren. Fünf weitere Reiter schickte er Ordas, Alvarado und Lugo zu Hilfe. Denn inzwischen hatten die Otomis haltgemacht und sich zur Wehr gesetzt. Und schon im selben Augenblick wurde das Scharmützel zur Schlacht, da tausend Otomis aus einem Seitental vorbrachen. Eine schwarze Wolke von Pfeilen und geschleuderten Speeren fiel auf die Kastilier und Totonaken nieder. Die Musketiere und Armbrustschützen blieben die Antwort nicht schuldig, lichteten die Reihen der Feinde. Dann griff die Artillerie ein und entschied die Schlacht. Nach halbstündigem Kampf zogen sich die Otomis in guter Ordnung zurück.

Seit der Landung war dies die erste Schlacht auf freiem Felde, die erste wirkliche Schlacht. Es war ein Sieg, und doch konnte Cortes seinen Sieg nicht anders als verhängnisvoll nennen. Der Nimbus der Söhne der Sonne, der Glaube an ihre Unbesiegbarkeit, Unverletzlichkeit, Unsterblichkeit mußte nach einem solchen Siege ins Wanken geraten. Nur zwischen den zuerst erblickten zwanzig Otomis und den sie verfolgenden Reitern war es zum Handgemenge gekommen, und keineswegs hatten sich die Weißen und ihre Stahlwaffen als überlegen erwiesen ... Das sägeartig gezähnelte Schwert der Indianer, scharf wie Rasiermesser, hatte mörderische Wunden geschlagen. Dem Pferde des galanten Schiffskapitäns Francisco de Salcedo sägte einer der Otomis mit einem einzigen Hiebe den Kopf ab. Niederstürzend erhielt Salcedo eine tödliche Wunde. Auch Tapias Pferd wurde niedergestochen, und Tapia, der am Boden lag, halb erdrückt vom Pferd, hätte ein gleiches Schicksal gehabt wie Salcedo, hätte Maria de Estrada nicht dem ihn bedrängenden Otomi mit ihrer Lanze durchs Auge gestochen. Keiner der Reiter, der nicht Wunden davongetragen hatte, wenn auch nicht unheilbare wie Salcedo. Von den Otomis blieben siebzig tot auf dem Schlachtfelde.


Einen dieser toten Otomis schleppte gegen Abend der verrückte Baccalaureus und Apotheker Ponce de Güelva ins kastilische Nachtlager, welches am Flußufer aufgeschlagen war, und er hängte die Indianerleiche über ein Reisigfeuer mit dem Kopf nach unten. Er briet sie so lange, bis ihr das Fett aus Mund und Nase floß. Der schöne Namenlose beobachtete sein seltsames Tun. Es war schon nachtdunkel, rotgelb flackerte das Feuer, gräßlich verzerrt war die geschmorte Leiche.

»Was tut Ihr da, Señor?« fragte der Namenlose.

»Mir fehlt es an Salben«, antwortete der Apotheker. »Wie soll ich Pferde- und Menschenwunden heilen ohne Salben! Doch man muß sich zu helfen wissen! ...«

Um ihn her saßen drei junge Mädchen, die drei Samariterinnen des Heeres. Isabel Rodriguez, eine Schwester des Büchsenspanners und Trompeters Sebastian Rodriguez, Ines Florin und La Medina. Mit frommen Händen halfen sie ihm das Menschenfett in Salbenbüchsen sammeln und waren ihm die Nacht über behilflich, die Wunden der Pferde und Menschen zu bestreichen und mit Linnen zu umwinden.

Heimlich auf Befehl von Cortes verscharrten Lares und Dominguez in dieser Nacht die beiden getöteten Pferde. Die Kadaver dieser Fabelwesen, dieser menschenfressenden Hirschungeheuer, durften keinem Indianer in die Hände fallen.


Es war kurz vor Mitternacht, als der Narr Madrid an einem Zelt vorbeikam, darin ein Kranker laut stöhnte. Ines Florin trat aus dem Zelt und bat den Narren:

»Helft uns, Señor, ihn halten. Er hat um sich geschlagen, die Wunde ist aufgegangen ... Er verblutet.«

Madrid trat ins Zelt. Ines Florin und Isabel Rodriguez mühten sich um den sterbenden Salcedo. Kreideweiß, mit weit aufgerissenen Augen lag der Galante da, streichelte sein Schnurrbärtchen. Isabel Rodriguez beschwor die Wunde. Sie murmelte:

»Hiob ging über Land,
Hatte einen Stab in der Hand.
Blut, lege dich,
Nimmer rege dich!
Es ist Marias Wille!
Blut, steh stille!«

Der Sterbende phantasierte:

»Morgen bin ich in Mexico! ... Wär's doch schon morgen! Dort ist nämlich ein Fluß, daraus fischt man Gold mit Netzen! ... Ihr müßt mit anfassen – das Netz ist schwer ... Wie schade! Das Netz hat zu große Maschen – alles Gold sickert heraus!«

»Ach, er hat das Wundfieber!« flüsterte Ines Florin.

»Nein, er hat das Goldfieber!« höhnte der mißmutige Narr.

»Ich will doch Pater Olmedo rufen, daß er ihm die letzte Ölung gibt«, sagte Ines Florin und verließ das Zelt. Isabel Rodriguez murmelte wieder:

»Es ist Marias Wille!
Blut, steh stille!«

Salcedo starrte umher:

»Nun ziehe ich ins Goldland! ... Zu spät? Wer sagt das? Als ich nach Kuba kam, hieß es: Zu spät! kein Gold, kein Ruhm – die sieben Schiffe sind fort ... Und doch war's nicht zu spät – ich holte die Schiffe ein! ... Der General-Kapitän hat mich aufgefordert ...«

»Wißt Ihr, armes Bürschchen, wer der General-Kapitän ist?« fragte der Narr und reckte seine Hühnerbrust. »Der leibhaftige Tod ist der General-Kapitän! Das ist er! Zum Totentanz hat Cortes Euch aufgefordert. Ihr, Señor, eröffnet den Reigen!«

»Welchen Reigen?« fragte der Sterbende.

»Den Reigen der dürren Klappermänner. Wir alle, alle, alle folgen Euch bald. Gold suchen – Ruhm suchen – ei ja –: Köder für dumme Karpfen! Hei, das wird eine lustige leichtfertige Tanzerei, ein Knicksen und Schwingen gebleichter Gebeine. Ihr seid der Vortänzer. Ihr führt den Ringelreigen an – galant und schöngewachsen seid Ihr ja, und Narr genug wart Ihr, Euch zur hüpfenden Narretei heranzudrängen. Welch ein Obernarr mag ich aber sein, der ich unfreiwillig und bucklig mittanzen muß in dieser Chorea Machabaeorum! ...«

Ein Fußtritt des eintretenden Paters Olmedo beförderte den Narren vors Zelt. Eine Stunde später war Salcedo tot.


Am nächsten Morgen, nachdem der Grabhügel über Salcedo aufgeschüttet war und Pater Olmedo eine kurze Messe gelesen, wurde der Weitermarsch angetreten. Nach einer viertel Meile Weges kamen Tehuch und Cuhextecatl verweint und ganz verstört dem Heere entgegen. Sie sahen jämmerlich zugerichtet aus, waren kaum imstande, ein Wort hervorzubringen. Was sie erzählten, war in hohem Grade besorgniserregend. Anfangs von den Tlascalteken gut behandelt, hatten sie die Botschaft und die Geschenke der weißen Götter dem Rat der Alten überbringen dürfen und waren höflich gebeten worden, als Gäste in der Stadt verweilend, die Antwort abzuwarten. Drei Tage lang hatten sie auf die Antwort warten müssen, da während dreier Tage der Hohe Rat zu keinem Entschluß gekommen war. Schließlich hatte der Hundertjährige, die Sammelnde Biene, die meisten Stimmen auf sich vereinigt, die Kriegspartei hatte gesiegt. Die Totonaken, obgleich unverletzliche Gesandte, wurden gefangengesetzt, sollten heute früh Camaxtli, dem Kriegsgotte der Tlascalteken, geopfert werden, wie hernach alle Christen. Durch einen Anhänger des friedfertigen Offenen Gesichts war ihnen frühmorgens, kurz vor der Opferung, der Kerker geöffnet, ihr Entweichen begünstigt worden. Auch von Kriegsvorbereitungen wußten sie zu melden. Der Rat der Alten, durch Feuersignale sofort von der gestrigen Schlacht unterrichtet, hatte Prinz Kriegsmaske beauftragt, mit dreißigtausend Mann den weißen Göttern entgegenzuziehen, und eine noch größere Heeresschar, befehligt vom Rivalen des Prinzen Kriegsmaske, dem Feldherrn Piltecatl, war ebenfalls schon unterwegs. Und Tehuch und Cuhextecatl nahmen ihre Federkronen ab, zeigten ihre blutende Kopfhaut. Schauderhaft war der Anblick. Wie es allen zum Opfer bestimmten Gefangenen in der Nacht vor der Opferung geschah, war auch ihnen das Kopfhaar büschelweise ausgerupft worden. Ponce de Güelva, dem verrückten Apotheker, war wieder Gelegenheit gegeben, seine Fettsalbe anzubringen.

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