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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 28
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zurückgekehrt in den Großen Palast, sagte Montezuma zum obersten Hofmeister, dem Vorsteher des Hauses der Teppiche:

»Laß die Wohnung des Zauberers Zacatzin heimlich umstellen, so daß er nicht entkommen kann – wenn er nicht wie eine Schlange in die Erde schlieft oder wie ein Vogel zum Himmel fliegt. Nimm ihn gefangen, ihn und seinen blinden Diener. Sie sollen beide zu Tode gefoltert werden. Sein Haus aber laß niederreißen bis auf den letzten Stein, so daß das Wasser des Sees dort flutet, wo die Grundmauern gestanden!«

Befreien wollte sich Montezuma vom Bann des Entsetzens. Unerträglich war die Erschütterung, die Durchschütterung seiner Seele. Wahrheit war, was er geschaut und vernommen. Wahrheit war die blaue Hölle, wo er geweilt – selbst wenn er nicht dort geweilt, selbst wenn seine Höllenfahrt ein Traumgesicht gewesen. Wahrheit war, daß seine Ahnen ihm fluchten und daß die alten Götter Mexico verließen. Und weil es eine so harte, untrügliche Wahrheit war, wollte er, daß es Lüge und Betrug sei. Wie damals, als der Herr des Fastens ihm das Auferstehen der Prinzessin Papan meldete, haßte er die Wahrheit, wollte sie erdrosseln. Die Sterne durften nicht recht haben. Wenn Zeichen geschahen, so geschah ja auch, was die Zeichen androhten. Die eigene aus dem Grab gestiegene Schwester ins Grab zurückzustoßen, wie er es ursprünglich gewollt, hatte ihn eine Stimme in seinem Innern gehindert. Am Wahrsager aber Rache zu nehmen, hinderte ihn kein Gesetz und auch nicht das Gesetz in seiner Brust. Denn Zauberei war in Anahuac verboten, wurde nur nachsichtig geduldet. Die Zauberer und Zauberinnen waren vogelfrei. Und dieser Alte hatte sich unterfangen, ihn, den Herrn der Welt, zu belügen und zu betrügen. Kein Zweifel, daß der Kräutertrank des Königs Huhemac ein Schlaftrunk gewesen. Mit Kopalrauch hatte der Alte ihm die Nebel der Hölle vorgegaukelt, hatte, neben ihm stehend, eingeflüstert, was in den Nebeln zu sehen und zu hören war. Glich sein Diener, der blinde Knabe, nicht Felsengesicht, dem Totendiener mit den gestielten Augen? Und der Alte selbst, glich er nicht seltsam dem verstorbenen König von Tezcuco, dem Herrn des Fastens, der hinter den Gartenmauern seines Lustschlosses Tezcotzinco auf so rätselhafte Weise aus dem Leben geschieden war? ... Gab es doch Leute, die versicherten, er sei nicht gestorben, er werde wiederkehren, wenn sein Land in Gefahr sei ... Nicht daß es glaubhaft war, er könne es sein, aber wundersam genug erinnerte er an jenen, und das war die Ursache wohl, daß der Sprecher neben dem Thron des Totenkönigs die Gesichtszüge des Herrn des Fastens trug. War aber der Alte ein Betrüger und kein wundermächtiger Zauberer – woher wußte er, was niemand wußte ? Woher wußte er, daß die Entsendung des Herabstoßenden Adlers ein Todesurteil war? Ein Lebender, der dies wußte, war kein Lebender mehr. So übermenschliches Wissen hob ihn aus der Reihe der Menschen. Sterben mußte er, wenn er ein Mensch war ... Doch wie, wenn er mehr als ein Mensch war? Dann hatten Götter durch seinen Mund gesprochen, dann war die Höllenfahrt kein Traumgesicht, dann heischte der Himmel Sühne für den Herabstoßenden Adler ...

Und Montezuma zitterte bei dem Gedanken. Nur der Tod des alten Wahrsagers konnte ihm Ruhe geben. Zwischen Furcht und Hoffnung, erwartete er die Rückkunft des Haushofmeisters.

Einige Stunden vergingen, ehe der Vorsteher des Hauses der Teppiche wieder vor ihn trat. Und er meldete: das Haus des Zauberers sei niedergerissen bis auf den letzten Stein, so daß das Wasser der Lagune dort flutete, wo die Grundmauern gestanden. Doch der Zauberer und der blinde Knabe seien entkommen.

Niederschmetternd war der Bescheid. Montezuma hatte eben noch, angstvoll harrend, eine Frage an die Sterne gerichtet, und die Sterne gaben ihm diese Antwort! Daraus ersah er, daß der Zauberer mehr als ein Mensch war, daß die Höllenfahrt kein Traumgesicht gewesen, daß der Himmel Sühne für den Herabstoßenden Adler heischte.

Und für fünf Tage schloß sich Montezuma ein, ließ niemand vor, sprach selbst zu den Sklaven nicht. Auf seinem silbernen Bette lag er und weinte. Er beweinte seinen Neid, ihn reute die Untat am Herabstoßenden Adler. Er beschloß, sich zu kasteien und zu fasten, um durch sein Elend die Himmlischen zu rühren, sie zu versöhnen und zu erweichen, so daß sie zurückkehrten in ihre Stadt Tenuchtitlan. Und er nahm sich vor, von den fünfzig Speisen, die täglich ihm zubereitet wurden, immer nur eine zu essen und nie mehr Kräutergetränke und Pulque an die Lippen zu führen und nie mehr eine seiner vierhundert Frauen zu liebkosen. An Untergebene verschenken wollte er seine vierhundert Frauen. Gewiß werde der Himmel mit ihm Erbarmen fühlen.

Am fünften Tage wagte es der Vorsteher des Hauses der Teppiche, in das Schlafgemach des Königs vorzudringen und ihm mitzuteilen, daß der Herabstoßende Adler, aus totonakischer Gefangenschaft durch einen weißen Gott befreit, in Tenuchtitlan eingetroffen sei.

Montezuma beschenkte den Vorsteher des Hauses der Teppiche mit einer goldenen Armspange für diese Nachricht.


Aufrichtig herzlich war der Empfang, der dem Prinzen bereitet ward. Tenuchtitlan strahlte, und Montezuma blickte heiter, wie er seit lange nicht geblickt. Die schwerste Last war ihm vom Herzen gesunken. Er begrüßte und küßte den Herabstoßenden Adler, als wäre er sein Sohn, sein harten Gefährnissen entronnener Sohn. Er belohnte das Wagnis, indem er ihn »Jaguar-Arm« anredete und ihm damit diesen höchsten Titel verlieh. Zugleich ernannte er ihn zum Vorsteher des Hauses der Edelsteine. Die Bewachung der unermeßlichen Schätze Mexicos wie auch des kürzlich herübergebrachten Goldschatzes von Tezcuco legte er in seine Hand. Diese hohen Auszeichnungen und die sichtbare Zuneigung zum Prinzen, die er seinem neidzerfressenen Herzen abrang, brachte Montezuma gleichsam als ein Dankopfer dem Schicksal dar. Freilich hoffte er zugleich, sich mit dem Dankbeweis von seiner Schuld und Dankesschuld loszukaufen.

Seines Gemütes Heiterkeit war indes nicht von langer Dauer. Kaum erst von schwerer Last befreit, wurde sein Herz alsogleich wieder beschwert durch den Bericht des Herabstoßenden Adlers über sein Zwiegespräch mit dem Führer der weißen Götter. Kein sanftmütiger Büßer sei dieser gelbhaarige Fremde, kein schwermütiger Wahrheitslehrer und Freund der Singvögel, wie Quetzalcoatl einer gewesen. Begabt sei er mit dem Heldenherzen und den Glühaugen eines Pumas, mit der steinernen Kraft und den Hakenkrallen eines Pumas. Diesen Mann nach Tenuchtitlan hereinlassen, hieße ihm Mexico überantworten. Und schon seien die Söhne der Sonne im Begriff, von Sempoalla aufzubrechen, nach Tlascala zu ziehen und von Tlascala nach Tenuchtitlan.

Der Zauberer, der unerbittliche Zauberer, hatte es vorausgesehen! Seine Maiskörner, die untrüglichen, hatten gewarnt:

»Hüte dich vor Tlascala! ...«

Der Zornige Herr beriet sich mit dem einzigen Mann, der von dieser Warnung wußte, mit dem Tempel-Feger. Nach der Höllenfahrt, als die Wohnung des Zauberers zerstört wurde, war auch der Flüchtling aus Huexotzinco vorübergehend in Ungnade gefallen. Seitdem aber glaubte Montezuma wieder an die überirdische Macht des alten Wahrsagers und grollte dem Mann nicht mehr, der ihn zu ihm geführt. Im Grunde war er froh, ihm nicht grollen, ihn nicht entbehren zu müssen, hatte er sich doch bereits so sehr an den unheilvollen Einfluß gewöhnt, daß ihm zu entsagen schwerfiel wie einem gewohnten belebenden Gift.

Der Tempel-Feger gab ihm den Rat, zwei Gesandtschaften abzuschicken. Eine an den höchsten der weißen Götter, um ihm seinen Dank zu überbringen für die Errettung des königlichen Vetters, zugleich aber, um ihm nahezulegen, er möge statt den Weg über das felsige, unwirtliche, stets den Fremden feindlich gesinnte Tlascala zu wählen, doch lieber den bequemen Weg ziehen über Cholula, die friedliche Stadt der großen Pyramide, die heilige Stadt, wo einst sein Vorfahr Quetzalcoatl, der weiße Gott, als Priesterkönig geherrscht. Die andere Gesandtschaft aber solle Montezuma nach Cholula entsenden, reiche Geschenke an die beiden Priesterkönige und den Hohen Rat übergeben lassen und die Cholulteken als Vasallen und Freunde veranlassen, die Gelbhaarigen in eine Falle zu locken, sie freundlich einzuladen in die heilige Stadt, sie gastlich zu empfangen, dann aber zu verabredeter Stunde sie innerhalb der Mauern Cholulas niederzumachen bis auf den letzten Mann.

Montezuma gefiel der Plan, denn von neuem wurde ihm damit eine Entscheidung abgenommen. Nicht bei ihm, sondern beim Sohn der Sonne lag es nun, welchen Weg er wählte, und wählte er den verderblichen, so beging nicht Mexico, sondern Cholula die Schandtat und trug die Verantwortung vor Menschen und Göttern ...

Die Großmut des weißen Gottes mußte mit königlichem Dank, mit königlichem Pomp, mit wahrhaft königlicher Beschenkung erwidert werden. Zum Führer der Gesandtschaft an ihn bestimmte Montezuma zuerst den Statthalter der östlichen Provinz Huaxteca, den Staub-Aufwirbler, da dieser aber tödlich erkrankte, berief er seinen einstigen Lebensretter und schwermütigen Freund, den Feldherrn Schwelendes Holz, aus Otompan nach Tenuchtitlan, ernannte ihn zum Nachfolger des Staub-Aufwirblers als Statthalter des Ostens und beauftragte ihn, Dank und Geschenke dem weißen Gott zu überbringen.

Zum Führer der Gesandtschaft nach Cholula wurde der Tempel-Feger ernannt. Montezuma übergab ihm zwei Trommeln aus schwerem Gold für die beiden Priesterkönige der heiligen Stadt.


Und wieder ritt Don Diego de Ordas dem kastilischen Heere voraus, dem Smaragdfeld entgegen. Roß und Reiter trieften. Es goß in Strömen.

Durch Maispflanzungen, Hegewiesen und freundliche, gastfreundliche, rosengeschmückte Ortschaften zog sich der Weg noch zwei Tage im Irdischen Paradiese hin bis zum Fuß der jäh, unvermittelt aus der flachen Ebene aufragenden Schneeriesen. Der Himmel war bewölkt, die Straßen durchweicht. Die Regenperiode hatte eingesetzt. Tausend totonakische Lastträger, bereitwillig vom dicken Kaziken zur Verfügung gestellt, schleppten, durch den morastigen Schlamm der Fußpfade watend, das tropfende Gepäck der Soldaten, spannten sich vor die Lastwagen des Trosses und vor die schweren Geschütze und trugen in einigen dreißig, dem Hause der Teppiche entnommenen Sänften – hellgrün lackierten und im Innern mit buntem Federmosaik austapezierten königlichen Sänften – die Dolmetscherin Marina und sämtliche weiße Göttinnen wie auch die jüngst verheirateten totonakischen Edelfrauen, die es sich nicht hatten nehmen lassen, mit ihren weißen Gatten, den Söhnen der Sonne, des Krieges Zufälle, Glücksfälle und Unglücksfälle zu teilen. Nur Doña Catalina India war trauernd in Sempoalla zurückgeblieben.

Als gegen Abend des zweiten Marschtages am Fuße der Kordilleren Rast gemacht wurde, hielt Rodrigo Rangel diese Ansprache an Cortes:

»So sind wir denn auf dem Wege! Auf dem Wege, den Euer Liebden mit Kreuzen bepflanzen will! Auf dem Wege ins Fabelland Mexico, wo Euer Liebden sich ein unvergängliches Denkmal setzen will! Wie setzt man sich ein Denkmal? Indem man sich verewigt, denken einige, und verewigen sich. Wir Gescheiten sind gescheiter: wir warten, bis man uns ein Denkmal setzt. Wer das nicht abwarten kann, pflanzt einen Baum, von dem andere den Schatten und die Früchte haben –: eine fruchtlose Sache, obgleich sie fruchtbringend ist und obgleich die Schattenseite in diesem Falle die Lichtseite ist. So hat der galante Fähnrich Diaz del Castillo, von Neu-Spanien Abschied nehmend, unserer Feuerlilie die letzte ihrer Orangen abgekauft und die Kerne vor den Toren Sempoallas in die Erde gepflanzt. Seine Enkel werden seinen Namen vergessen haben und von seinem Denkmal mehr Nutzen haben als er. Und gilt von den Enkeln der Totonaken nicht das gleiche? Hat doch Pater Olmedo in die Herzen ihrer Großeltern den Baum des Glaubens gepflanzt, indem er sie in den Fluß hineintrieb ... Denn bewässert werden muß jeder Baum: selbst im sonnigen Garten Eden gab es für den Baum des Wissens Regentage. Und hier im Irdischen Paradies gibt es sogar eine Regenzeit, in die wir hineingeraten sind. Als, beim Abschied, Euer Liebden den Totonaken innig ans Herz gelegt, der beschworenen Treue, Freundschaft und Schwagerschaft stets eingedenk zu sein, begann der Himmel zu weinen, wie die Dichter sich ausdrücken. Und als Euer Liebden so ergreifend ermahnten, mit den an der Küste zurückbleibenden siebzig Weißen, meist Kranken, Verwundeten und Krüppeln, gute Nachbarschaft zu halten, da regnete es über die Wangen der rothäutigen Christenpriester, denn sie gedachten vergangener kannibalischer Festtage ... Und als Euer Liebden vorschlugen, das Volk der Totonaken solle den Weißen behilflich sein, in der schönen Stadt Vera Cruz eine Kirche, ein Gefängnis und recht, recht dicke Festungsmauern zu bauen, da weinte das Volk der Totonaken vor Rührung und Dankbarkeit. O wie hinreißend war es, als Euer Liebden die Hand des alten Escalante ergriffen und ausriefen: Seht, dieser ist mein Bruder, was er sagt, sage ich, was er tut, tue ich, wenn er befiehlt, so gehorcht, wie wenn ich beföhle, und sollten Mexikaner euch drangsalen – denn wer sollte es sonst? –, so wendet euch an ihn, daß er euch beistehe! ... Zwar sah der greise Escalante mit seinem schlohweißen Knebelbart Eurem Urgroßvater ähnlicher als Euch, doch da er nun mal Euer Bruder und ein so großer Kriegshäuptling war, hat ihn der dicke Kazike mit Kopal beweihräuchert, so gründlich beweihräuchert, daß dem armen Escalante die Augen trieften und auch er weinte. Schweigen will ich von Euer Liebden lodernder, anfeuernder Ansprache ans Heer, – selbst Gott Pluvius vermochte nicht die purpurne Fackelglut der Anfeuerung zu löschen, und er war es, der bewirkte, daß kein Auge trocken blieb. Schweigen will ich, obgleich es zum Herzbrechen war, von den Tränenbächen des Pagen Orteguilla, von den Tränenströmen des dicken Kaziken, vom Tränenmeer der dicken Prinzessin. Doch das muß ich sagen –: daß sie nicht fortgeschwemmt wurde wie damals, als Señor Alvarado sie am Bein packte, beweist ihre Standhaftigkeit. Um es kurz zu machen: Ihre Königliche Hoheit ist im Irdischen Paradiese zurückgeblieben, um die Frucht auszutragen, die in ihr gepflanzt worden ist. Denn sie ist eine Prinzessin und läßt sich nichts ausreden: im Gebärzimmer des Königspalastes, von königlichen Ammen betreut, will sie durchaus mit einem wirklichen Gott niederkommen. Das wird das Denkmal sein, das sie Euch setzt.«


Einem Fabelungetüm, einem Lindwurm, einer endlosen Drachenschlange ähnlich kroch am dritten Marschtage der lange Heereszug der Kastilier und ihrer Bundesgenossen in langsam sich schlängelnden Windungen durch das Eingangstor der Kordilleren aufwärts, die felsige, wolkendüstere, wildschroffe Bergstraße hinan. Eine Via mala, wahrlich eine Drachenwildnis. Das Paradies grenzte unmittelbar an die Hölle. Der Blick in die erste graue Schlucht, hinter welcher ungezählte tiefere und wildere Abgrundschlünde sich witterten, war ein Blick durch ein ragendes Höllentor, durch einen schwarz gähnenden Höllenrachen, gierig geöffnet, zu verschlingen, und trotzig gewillt, nie wieder herauszugeben, was dort verschlungen. Der unablässige Regen verdüsterte noch die Düsterkeit der Bergwüstenei, leckte und fraß, bespülte und unterwusch die ungangbaren Pfade. Felswände, senkrecht himmelanstrebende, standen so nah beieinander, daß sie sich zu berühren schienen, daß die unabsehbar tiefe, trennende Kluft zwischen ihnen zu einer bloßen Spalte im Gestein wurde, zu einem Riß, zu einer Ritze. Schmal klomm der Pfad an den Wänden empor zu Wolkenhöhen, und die Adler und Geier nisteten schwindeltief unter ihm.

Die Troßwagen und die sechs schweren Geschütze über Geröll und Schroffen und auf den schmalen Pfaden voranzubringen, war schier unmöglich. Und doch wurde das Unausführbare ausgeführt von den totonakischen Lastträgern, die auf ihre bürdegewohnten Schultern hoben, was sich nicht mehr rollen ließ. Manch einer freilich büßte es mit dem Leben, stürzte ab in die gaffende Tiefe.

Außer den tausend Tlamamas zogen auch totonakische Hilfstruppen, dreizehnhundert bewaffnete Krieger, mit den Kastiliern nach Mexico. Die Anführer dieser Schar, vierzig hochadlige Kriegshäuptlinge, hatte sich Cortes vom dicken Kaziken als Ratgeber und Wegweiser ausgebeten, obgleich er sie in Wirklichkeit als Geiseln mithaben wollte. Unter ihnen die hervorragenden Heerführer waren Mamexi, Tehuch, Tamalli und des bleichwangigen Hauptmanns Andres de Tapia Schwiegervater Cuhextecatl.

Nach zweitägigem Klimmen erreichte das Heer die kleine Ortschaft Xalapa. Ein Lichtblick. Die Wolken hatten sich verteilt. Klare Aussicht auf die pinienverbrämten, unübersteiglichen Kämme und Kuppen im Westen. Rosig im Alpenglühen leuchtend das Schneekleid des Berges der Sterne, des Vulkans Citlal-Tepetl. Ein Abschiedsblick auf die Gefilde des Irdischen Paradieses, eine letzte Ahnung vom Lazarusstreifen des Weltmeeres.

Und weiter westwärts kroch der Schlangendrachen. Die Bevölkerung einiger spärlich verstreuter Dörfer war den Totonaken freundlich gesinnt, bewirtete scheu-freundlich auch deren Freunde, die weißen Götter. Cortes konnte predigen, in einigen der armseligen Dörfer sogar ein Holzkreuz errichten. Mehr zu tun, hinderte ihn die knapp bemessene Zeit und der Widerstand des Paters Olmedo. Er solle nicht wieder in den Fehler von Sempoalla verfallen, warnte der Pater unablässig.

Und höher und höher klomm der Schlangendrachen, den Paß des erloschenen Vulkans Nahucampa-Tepetl empor, zwölftausend Fuß hoch. Von neuem zusammengeballt hatten sich die Wolken, nebelgleich wallend zogen sie unterhalb, oberhalb, neben und mit den Wandernden, zogen dunstgestaltig zwischen ihnen hindurch. Der strömende Regen, mit dem zuerst das Heer in den Paß eingetreten war, verwandelte sich in der Höhenkälte allgemach zum Schneefall, wurde zum Schneesturm, raste und tobte schließlich als Schneeungewitter. Die gepeitschten Schneeflocken ritzten und verbrannten die Haut der Wandernden, schnitten, als wären sie splitterscharfe Hagelkörner. Unsäglich litten die Kastilier, wenngleich durch ihre Kleidung geschützt und von Europa her vertraut mit den Schrecken der Kälte. Die Indianer aber, verweichlicht in der wollüstigen Luft der Tierra caliente und nun mit ihren halbnackten Körpern aller Unbill des Eissturmes ausgesetzt, erlagen ihm widerstandslos. Dreißig Totonaken starben, erfroren im Schneeorkan.


Drangsal und Mühsal fanden ein Ende, die erste Kordillere, die erste Bergkette war überwunden. Man befand sich in einem Hochtal. Eine gläserne, flirrend blaue Halbkugel dehnte sich der silberreine Himmel, stützte sich auf die weißen Kuppen der Sierra Madre. Die Luft war gebirgskühl, überklar und hart. Und von der rauhen, trutzhaften Schönheit der Landschaft war die neuartige Vegetation ein Spiegelbild. Die blaugrauen Riesenagaven glichen Urwelttieren, mit ausladenden, schwertscharfen Stachelpanzern bedeckt, die großen Kakteen nahmen teuflische, groteske Gestalten an, bewaffneten sich gegen jedermann, und die meisten Sträucher trugen ein Dornengewand. Aber auch Nadelhölzer, edelstolze Zedern und Pinien, wuchsen hier. Und in gehegten, gut bewässerten Feldern war Mais gepflanzt.

Als die Kastilier, von der Paßhöhe herabsteigend, die Hochebene erreichten, sahen sie eine größere, aus dunkelgrünen Maisfeldern kalkweiß hervorblinkende Stadt vor sich liegen. Von den totonakischen Heerführern, die Cortes zu Rate zog, erfuhr er, daß die mit einer starken Mauer, Türmen und Wällen umgürtete Stadt Tlatlauhquitepec, der Rote Berg, hieß und eine mexikanische Trutzfeste war. Fünftausend mexikanische Krieger lagen in der Umgegend, meist zu zweien längs der königlichen Poststraße, um diese zu bewachen, doch befand sich nur eine kleine Garnison in der Zitadelle der Stadt. Zwei vorausgesandte Totonaken brachten weder die erbetene Zehrung noch eine Einladung von ihrem Botengang zurück. Unbekümmert zog das Heer in die Stadt ein und fand keinen Widerstand, freilich auch keine sonderlich freundliche Aufnahme. Karg bemessen war die Nahrung, auch für Tauschware kaum erhältlich. Ungebeten und ungeladen richteten sich die erschöpften Wanderer auf mehrere Erholungstage ein und hungerten inmitten der hängenden Gärten, Türme und strahlenden Paläste des Roten Berges.

Dreizehn Gotteshäuser hatte der Rote Berg und eine Schädel-Pyramide von ungeheuerer Höhe. Grellblank vom Sonnenlicht umglitzert, mit dunkel verschatteten Augen- und Mundhöhlen, lagen in einem der Vorhöfe des Haupttempels Schädel in solchen Mengen übereinandergeschichtet, daß selbst die steile Tempel-Pyramide klein daneben erschien. Bei einem Gang durch die Stadt besichtigten Cortes, Marina und Velazquez de Leon den großen Tempel und gelangten, die Tempelhöfe durchschreitend, zum Schädelberg. Sie fanden den schönen Namenlosen damit beschäftigt, die teils weiß gebleichten, teils bräunlich vergilbten Schädel zu zählen.

»Wieviel habt Ihr gezählt, Señor?« fragte Velazquez de Leon.

»Hunderttausend Schädel, Señor!« erwiderte der Namenlose. »Alle sauber aufeinandergeschichtet, alle gut erhalten in der ausdorrenden Sonne. Jeder einzelne trug einst ein Menschenschicksal. Und alle die Geschicke, Freuden und Leiden, schlechten und guten Taten hat die Sonne gesehen, und nichts, nichts hat die Sonne erhalten außer diesen Schädeln, diesen hunderttausend Schädeln!«

»Ihr wollt sagen: Myriaden ... Denn gezählt haben könnt Ihr sie doch nicht!« sagte Velazquez de Leon.

»Doch, Senor! Die Geometrie lehrt uns das berechnen. Eher habe ich die Zahl zu niedrig gegriffen. Es sind mehr als hunderttausend Schädel.«

»Ihr seid ein kampferprobter Soldat«, sagte Cortes. »Doch mir scheint, Euch wollen sich die Augen feuchten ...«

»Ich schäme mich dessen nicht, Euer Gnaden!« sprach der Namenlose. »Ich liebe mein Handwerk. Aber ich mag nicht sehn, was Fahnen, Trophäen und Denkmäler zuhüllen. Die Schädelberge Europas liegen unter der Erde, unsichtbar.«

»Sie sind vielleicht höher als diese ...«, bemerkte Velazquez de Leon. »Und schichtete man einen nur, er wäre dem Himmel näher als der Turm zu Babel oder der Citlal-Tepetl, der Berg der Sterne!«

Marina klammerte sich an den Arm ihres Herrn und Geliebten.

»Heilbringer!« flüsterte sie. »Mein Heimatland ächzt und sehnt dich herbei!«


Der im Roten Berg residierende Fürst und Statthalter der mexikanischen Provinz Cuhetlaxtlan hieß Olintetl, der Rollende Stein. Er war ein großer Herr. In den weiten, schattigen, von tropfenden Wasserbecken gekühlten Sälen seines schöngemeißelten Steinpalastes dienten ihm zweitausend Sklaven. Außer hundert Kebsweibern hatte er dreißig rechtmäßige Gattinnen. Mehr als zwanzigtausend Kriegshäuptlinge waren ihm Untertan.

Da er Cortes weder begrüßt noch eingeladen hatte, lud sich Cortes am zweiten Tage selbst bei ihm ein. Ein kalter Wind, wie er im Hochtal wehte, wehte auch in dieser Stadt: der Empfang des Heeres war frostig gewesen. Doch noch zitterten in Cortes' Seele das Gespräch mit dem Namenlosen und die begeisterten Worte Marinas nach – durch mexikanischen Hochmut wollte sich sein Beglückungseifer nicht abschrecken lassen.

Mit den Feldobristen, Pater Olmedo, Marina und einer Leibwache betrat Cortes den Palast des Rollenden Steines. Nur der Hauptmann Alonso de Avila hatte sich ausgeschlossen unter dem Vorwande, er fühle sich unwohl, tatsächlich aber, weil er den Anblick des strahlenden Alvarado und des bescheidenen Sandoval nicht ertrug. Denn aus gleichem Anlaß wie früher Alvarado haßte er neuerdings Sandoval, seit Cortes, als er mit Escalante den Krankentransport nach Vera Cruz geleitete und zu den Schiffen des Garay ritt, mit Übergehung von Avila (der dem Dienstalter nach der älteste der Feldobristen war) zu seinen Stellvertretern Alvarado und den jugendlichen Sandoval ernannt hatte. Wortwechsel und Degenklirren waren die Folge gewesen, und wie das erstemal hatte bei der Rückkehr nach Sempoalla Cortes dem unwirschen Unruhstifter ernsthafte Vorstellungen machen müssen.

Auch der Dolmetscher Aguilar war nicht mitgekommen. Man konnte seiner entraten. Denn Marina sprach das Spanische bereits fließend. Sie hatte von den Blicken des Asketen, vom Überfall im Zelt und von der eklen Beichte nie ein Wort gesagt, aber Cortes war es nicht entgangen, daß ihr des Diakons Nähe Unbehagen verursachte.

Gering an Zahl war die den General-Kapitän begleitende Schar. Nicht gefahrlos war der Gang. Und alle, bis auf Marina, trugen sie stahlblanke Panzer und Waffen, sogar Pater Olmedo. Auch führte der Hauptmann Francisco de Lugo seine Dogge, den berühmten Becerrico, mit. Der galt ja in mexikanischen Landen für einen abgerichteten, unbesiegbaren Puma.


Am Palasteingang der stolze Torhüter, eingeschüchtert und verwirrt – wenn auch mehr durch das abgerichtete Raubtier als durch den Anblick der Weißen und ihrer wunderschönen Begleiterin –, eilte ab, sie anzumelden. Sie wurden nicht abgewiesen. Der Rollende Stein ließ sich herbei, sie zu empfangen. Vielleicht nur, um zu zeigen, daß ein Mexikaner auch vor abgerichteten Raubtieren nicht zittert.

Im großen Saal der Botschaften, umgeben von den Großen seines Landes, empfing der hakennasige, ältliche Fürst die Gäste stehend, ging Cortes einige Schritte entgegen. Hoch und dürr, glich er durchaus nicht dem dicken Kaziken, ließ sich aber trotzdem von zwei Sklaven unter den Armen stützen. Das verlangte sein hoher Stand.

Mit lässiger Handbewegung wies er den Kastiliern niedrige Schemel zum Niederhocken an, während er selbst auf einem Thronsessel unter einem farbenleuchtenden Baldachin Platz nahm.

Wer sie seien? Was sie wollten?

Marina gab ihm Auskunft: Diese großen Krieger seien die weißen Götter, die ausgezogen waren aus dem Reich der Morgensonne, den Völkern Anahuacs Glück, Befreiung und Gerechtigkeit zu bringen.

Was das wäre: weiße Götter? Er habe nie von weißen Göttern gehört.

Marina übersetzte Cortes die verblüffende Antwort. Jedes Kind in Mexico wußte von den weißen Göttern. Aber dieser Statthalter hatte nichts gehört. Und er blieb dabei. Da war nichts zu machen.

Lugo kniff den Becerrico in den Schwanz, und der Hund knurrte grimmig. Der Rollende Stein musterte das Tier mit gleichgültigem Blick, ohne jegliche Neugier, und er wiederholte: von den weißen Göttern habe er nie gehört. Aber Glück und Gerechtigkeit brauchten sie diesen Ländern nicht zu bringen, – dem Meere bringe man kein Wasser!

Ein großer Herr! dachten die Kastilier. Und Cortes ließ ihn durch Marina ausforschen:

Ob dies reiche Land und die Stadt mit den prangenden Tempeln, Türmen und Palästen sein eigen sei? Ob er ein Bundesgenosse oder ein Lehnsfürst des Königs von Mexico sei?

Über das bartlose, längliche, gutgeschnittene Bonzengesicht des Statthalters glitt ein verächtliches Lächeln.

»Wer lebt auf der Erde, der nicht ein Knecht des großen Montezuma ist?« fragte der Rollende Stein.

Ihm wurde geantwortet, jenseit des Meeres wohne ein weit größerer Machthaber, dem von Gott die Herrschaft über alle Könige der Welt verliehen sei. Und Könige, die gewaltiger seien als Montezuma, dienten ihm. Wieviel mehr schulde er, der ja nur Statthalter einer kleinen Provinz sei, dem Herrn jenseits des Meeres Gehorsam. Und den müsse er beweisen durch reiche Geschenke an Edelsteinen und Gold.

»Gold achte ich gering und besitze keines. Geschenke aber sollt ihr haben, wenn mir Montezuma befiehlt, euch zu beschenken!« sagte der Rollende Stein mit einem stahlharten Blick seiner kleinen, stechenden, etwas schief gestellten Augen.

Marina übersetzte es, und Lugo bemerkte leise:

»Der spricht von Geschenken, wie wenn er den Tod auf einem seiner Bluttempel meinte! ...« .

»Das ist kein Schwächling!« murmelte Ordas mit unverhohlener Bewunderung.

Und Cristobal de Olid flüsterte Tapia ins Ohr:

»Wir täten klüger, den Mann nicht zu reizen. Die Leute hier sind keine Totonaken ...«

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