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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080921
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Fünftes Buch

Der junge, immer rauschselige Dichter, welcher der Spinner hieß, verirrte sich in einer Nacht im Gassengewirr des ärmlichen Stadtviertels Cuepopan und fand sein eigenes Haus nicht. Von einem Gelage kehrte er eben heim, von einem kleinen geistigen Festmahl auf dem blumenprangenden Hausdach seines Freundes, des gelehrten Annalenschreibers Feuer-Juwel. Sie hatten mit heiterem Munde von finsteren Dingen geredet. Um so tiefer hatten sie die flüchtigen Stunden genossen und trübe Gedanken niedergezecht, als sie beide nicht taub waren für die Not der Zeit. Auch sie waren ja Kinder Mexicos, und früher als andere hatten sie die nächtliche Frauenstimme klagen hören: »Weh meine Töchter! Weh meine Söhne! Die Stunde des Verderbens naht!« ... Mit sonnenklaren Augen sahen sie das herannahende Weltende, und hoffnungslos, unfähig, das Rad des Geschehens aufzuhalten, wandten sie die Augen von den Schrecknissen ab. Darum berauschten sie sich an wohlgefügten Gedichten, plauderten von der Grabesschönheit hingeschwundener Völker und schlürften den verbotenen, zärtlich-süßen, trostspendenden Honigwein, der aus zerquetschten Honigameisen bereitet war.

Jetzt wankte der Spinner durch eine fremde Gasse und blieb vor einem Häuschen stehen, das er für das seine hielt, da es baufällig aussah wie seines. Die Tür war unverschlossen. Er torkelte durch ein nachtschwarzes Gemach, wo Ratten umhersprangen, und kam auf einen Lichthof. Hier sah er sich einem Greis und einem blinden Knaben gegenüber. Er war in die Wohnung des Wahrsagers Zacatzin getreten.

Der Alte wies ihn nicht hinaus, bewillkommnete ihn vielmehr freundlich, als hätte er ihn längst erwartet, und bereitete ihm auf einer Strohmatte ein Lager. Der Betrunkene schlief sofort ein.

Den nächsten Morgen kamen sie ins Gespräch, in ein Gespräch, das wie ein Zaubergarn sie umstrickte und verknüpfte. Der Tag ging hin, ehe sie Abschied nahmen. Und als sie schieden, waren sie Freunde.

Seitdem besuchten sie sich. Auf dem hängenden Garten des Spinners lernte Zacatzin bald darauf Feuer-Juwel kennen. Und auch sie fanden Gefallen aneinander. Der Annalenschreiber, obgleich ein Höfling und reicher Mann, scheute sich nicht, zu seinen Zechgelagen mit dem Spinner den zerlumpt gekleideten Zauberer zu laden oder Gast in dessen schmutzstarrender Behausung zu sein.

In der Nacht nach dem Triumphzug saßen die drei Freunde in der Wohnung des Zauberers. Das nie verlöschende Feuer auf dem Hausherd inmitten des Lichthofes flackerte rötlich. Eine Kienfackel flammte an der Hofmauer. Der alte Wahrsager hatte drei Holzschemel in den Lichthof gestellt. Seine Gäste aber zu bewirten, verbot ihm seine Armut. Die große schäumige Pulque-Schale, aus welcher sie schlürften, war durch einen Sklaven des Annalenschreibers hingeschafft worden. Und schon trieben in den starrglänzenden Augen des Spinners die kleinen Pulque-Götter ihr schelmisches Spiel. Beim Lichtschein der Kienfackel las Feuer-Juwel Legenden vor aus einer noch unfertigen Bilder-Schrift, worin er neugeborene Gedanken in altheilige Gewänder kleidete.


Er las:

Als Unser Herr Quetzalcoatl noch in Tulas Muschelpalast lebte, kam er mit dreien seiner Jünger von einem Gang in die Berge und Täler heim nach Tula, und den Palastgarten durchschreitend, sah er, daß in einem Steinbecken zwei nackte Frauen badeten. Mit Sternenaugen sah Unser Herr die Badenden, – an seinen Jüngern aber gewahrte er häßliche Blicke. Da schritt Unser Herr in den Palast hinein, setzte sich auf seinen Silberthron und sann nach über den häßlichen Blick. Dann sandte er einen seiner Jünger hinaus, den nackten Frauen das Baden zu verweisen.

Der Jünger ging, kam jedoch nicht wieder.

Lange wartete Unser Herr. Und er sandte einen zweiten Jünger als Sendboten hinaus, den ersten Jünger zurückzurufen.

Und der zweite ging hinaus und kam nicht wieder.

Da erboste der dritte Jünger und sprach zu Unserm Herrn:

»Den Tod verdienen die Pflichtvergessenen!«

Und Unser Herr fragte ihn:

»Warum?«

»Weil sie Frauenschönheit deinen erhabenen Worten vorziehen!« sagte der Jünger.

Unser Herr aber sprach:

»Sind Worte schöner als Schönheit? Was sind Worte?«

»Worte sind Abbilder, hast du uns gelehrt!« sagte der Jünger.

»Matte Abbilder sind sie – habe ich euch gelehrt!« sprach Quetzalcoatl milde. »Und eine Seele ist ein mattes Abbild des Göttlichen. So sind denn auch Worte Bilder von Bildern. Fernt sich das Abbild nicht von dem, was es abbildet?«

»Wohl«, entgegnete der Jünger, »es verähnlicht sich nicht. Doch deine Worte, o Herr, sind Weisheit. Weisheit aber steht höher als Schönheit!«

Unser Herr schüttelte den Kopf und sprach: »Nichts ist hoch und nichts ist niedrig. Und auch ein Blick ist weder häßlich noch schön – wie ich selbst eben noch dachte! ... Nur Menschenaugen sehen das so. Tief-sein ist soviel wie hoch-sein. Schlangen und Falken haben verschiedene Augen und sehen verschieden. Die Augen aber des Gottes von Tlillan-Tlapallan sind überall, und sie kennen kein Oben und kein Unten.«

Und Unser Herr schickte den erzürnten Jünger als Sendboten hinaus, die beiden anderen zu rufen.

Der Jünger ging hinaus zum Steinbecken. Und so wie die anderen blieb er im Bann der heißblütigen Schönheit.

Und als auch er nicht wiederkam, lächelte Unser Herr sein gütigstes Lächeln.


Feuer-Juwel hatte eben aufgehört zu lesen, da tastete sich der blinde Knabe mit seinen überfeinen, Finsternis durchspähenden Fingerspitzen in den Hof herein, tappte am Gemäuer entlang, bis wo der Wahrsager saß, und flüsterte ihm ins Ohr. Zacatzin nickte, erhob sich schnell und stellte das fast leere Pulque-Gefäß in ein angrenzendes dunkles Gemach. In dieses Gemach bat er seine Freunde zu treten, da draußen zwei späte Gäste seien, die er weder abweisen noch in Gegenwart anderer empfangen könne.

Die viel hundert kleinen Pulque-Götter spielten dem Dichter den Streich, daß sie ihn, als er eben aufstehen wollte, vom niedrigen Schemel sanft auf die Erde gleiten ließen, wo er, wie leblos ausgestreckt, in einen tiefen Schlaf verfiel. Ihn zu wecken war ein vergebenes Unterfangen. Feuer-Juwel und der Wahrsager mußten ihn in die finstere Kammer tragen. Eine zerschlissene Binsenmatte diente dieser Kammer als Tür.

Der blinde Knabe hatte, nachdem er das Zaubergerät bereitgestellt, sich wieder hinausgetastet, die Gäste hereinzurufen. Im Lichthof allein geblieben, hockte Zacatzin an der Wand nieder. In der Hand hielt er einen verdorrten menschlichen Unterarm und zog damit kreuzweise Striche in ein vor ihm liegendes mit Sand bestreutes Brett. Auf die Felder legte er je ein oder zwei oder drei Maiskörner.

Die beiden jetzt eintretenden Fremden waren in ärmliche Mäntel gehüllt. Der eine von ihnen ließ seinen Mantel zu Boden fallen, und Zacatzin sah, daß er Dienerkleidung trug. Als der Diener aber mit untertäniger Gebärde dem anderen den Mantel von den Schultern nahm, füllte königlicher Glanz den elendigen Hof: Saphire, Gold, Türkise und Smaragden blitzten im Kienfackelschein.

»Du bist nicht der große Montezuma, obgleich du ihm sehr ähnlich siehst!« sagte der Zauberer zum Tempel-Feger, der prunkhaft in Montezumas Kleidung und Schmuck vor ihm stand. »Dein Diener ist der Herr der Herren!«

Und Zacatzin kniete nieder, küßte die Füße des Dieners.

»O großer Zauberer, du Kluger!« sprach Montezuma. »Wer ist klug wie du? Nun aber sollst du mir sagen, was mir droht.«

Zacatzin hockte wie zuvor an der Mauer nieder, und mit dem menschlichen Unterarm als Schreibgriffel zog er Striche auf der Sandtafel, legte er Maiskörner auf die Felder. Lange, allzulange währten seine Berechnungen. Seufzend sagte er endlich:

»O großer König, o Zorniger Herr! Die Körner liegen nicht günstig ...«

»O Zauberer, du Kluger!« sprach Montezuma. »Fürchte nicht zu sagen, was die Körner mir androhen.«

Da sprach Zacatzin:

»O großer König! Die Körner warnen dich: Hüte dich vor Tlascala!«

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