Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Eduard Stucken >

Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/stucken/weissgo1/weissgo1.xml
typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080921
projectid14b7d698
Schließen

Navigation:

Als Cortes und Marina mehrere Gemächer durchschritten hatten und sich dem großen Festsaal näherten, schlug ihnen eine unheimliche Stille ans Ohr. Das Becherklirren, Singen und Grölen der Kastilier war ebenso verstummt wie der schwermütige Ton der Teponatzli-Trommel, der Kürbisrassel und Flöte, womit das Cihua-Netotiliztli – der Vogel-Tanz indianischer Tänzerinnen – begleitet wurde. Und ein schier unglaubliches Bild bot sich ihren Augen dar, als sie durch die Tür des Festsaales traten. Der dicke Kazike wälzte sich auf den Knien vor den vier Mexikanern und winselte händeringend und schluchzend. Die dicke Prinzessin lag platt auf dem Bauch und ohnmächtig auf dem Fußboden da, sie wurde mit Kräuterwasser vom Pagen Orteguilla besprengt, der nichts weiter anhatte als seine Schambinde und eine Perücke aus lang herabwallenden gelben Papageienfedern. Die Kastilier, soweit sie nicht sinnlos betrunken waren und schnarchten, waren von den Schemeln gesprungen und standen starr, gelähmt, rat- und tatlos umher. Die Totonaken mit ihren Frauen folgten dem Beispiel ihres Königs, knieten bestürzt. Die rothäutigen jungen Edelmädchen aber – dreißig an der Zahl – waren in eine Ecke des Saales geflüchtet, sich drängend mit ihren zierlichen Gliedmaßen wie ein Rudel verängstigter Rehe. Und nur einen Verteidiger hatten sie. Das war der Weinschlauch, Ribadeo. Mit einem großen Kochlöffel, den er in der Not der Feuerlilie aus der Hand gerissen, fuchtelte er zuversichtlich (wenn auch unsicher auf den Beinen) herum, wankte vor den bedrohten Indianermädchen auf und ab, willens, sie mit dieser Waffe zu beschützen.

Doch wenn er auf den Humor der Mexikaner gerechnet hatte, so hatte er sich verrechnet. Ohne dem Gewinsel des knienden Königs Gehör zu geben, schritt der schöne Adlerjüngling auf die Mädchenschar zu, wählte einige der Schönsten, zerrte sie heraus. Und als Ribadeo Anstalten machte, den Kochlöffel zu heben, schob er ihn verächtlich beiseite, doch so, daß der Betrunkene bis in die Mitte des Saales kollerte.

An die Göttlichkeit der Weißen glaubte dieser Mexikaner augenscheinlich nicht ...

Durch Marina, die sich in aller Eile unterrichtet hatte, erfuhr Cortes, daß die vier Mexikaner gekommen waren, im Namen und auf Befehl Montezumas ein Strafgericht über die Totonaken zu halten wegen der Zerstörung der Götterbilder sowohl wie wegen der Verbrüderung mit den Weißen. Eine spätere Züchtigung des Königs und seiner Großen sich vorbehaltend, verlangten sie fürs erste einen sogleich zu entrichtenden Blutzoll von zwanzig adligen Jünglingen und Mädchen, Kindern der höchsten Würdenträger, die Jünglinge sollten in Tenuchtitlan auf den Altären Huitzilopochtlis und Tezcatlipocas geschlachtet, die Mädchen aber der Göttin der Sünde geweiht und dem großen Freudenhause Tlatelolcos überwiesen werden.

Cortes hatte gleich beim Betreten des Saales nach seinen Feldobristen – von denen keiner zugegen war – und nach seiner Leibwache schicken lassen. Durch die Wache ließ er die Ausgänge besetzen. Die Hauptleute waren bald zur Stelle. Außer sich über die Anmaßung der Mexikaner, rieten einige, sie festzunehmen, andere sogar, sie unverzüglich hängen zu lassen, Cristobal de Olid aber, der einstige Galeerensklave, legte Gewicht darauf, die Mexikaner ausgepeitscht zu sehen.

Cortes verwarf alle diese Vorschläge.

»Wir haben jetzt eine Gelegenheit«, sagte er, »unsere totonakischen Freunde in ein Netz zu locken, aus dem sie sich nie mehr werden lösen können. Wir wollen die Totonaken veranlassen, die Mexikaner gefangenzunehmen. Wenn sie das tun, ist jedes Band zwischen ihnen und Montezuma zerrissen, und sie sind für immer an uns gekettet.«

Dieser Plan fand die Zustimmung sämtlicher Hauptleute bis auf Ordas, der sich plötzlich in den Kopf gesetzt hatte, er wolle den reichgekleideten Adler zum Duell fordern. Ihm das auszureden, kostete nicht weniger Mühe, als dem noch immer knieenden dicken Kaziken auf die Füße zu helfen. Cristobal de Olid vermochte, trotz seiner Bärenstärke, das Körpergewicht des Fleischberges nicht zu heben und mußte sich den Beistand von Tapia und Luis Marin dazu erbitten. Leichteres Spiel hatte die Überredungskunst Marinas. Der König räumte mit verlegenem Grinsen ein, daß er den Kopf verloren ... Ein Rückfall ... Die alte Gewohnheit ... Der Schrecken des Namens Montezuma ... Aber nie wieder werde er ... Er sei ja Christ und glaube an den Gott »Dios« ... Und gewiß brauche er mit einem Heer von vielen tausend Totonaken die kleine Schar – bloß vier Mexikaner – nicht zu fürchten!

Seine jämmerliche Feigheit schlug in mordgierige Rachsucht um. Er schrie die Mexikaner an, beschimpfte sie, und an die Seinen erteilte er mit laut krächzender Stimme Befehle. Sofort traten zweihundert totonakische Adler und Jaguare in den Saal und stürzten sich mit tosendem Kampfgeheul auf die vier Adler und Jaguare. Diese verkauften ihre Freiheit teuer. Adlerfedern flatterten durch den Raum. Weiße Orchideen, die den Fußboden des Hochzeitssaales schmückten, färbten sich rot. Zehn Totonaken verröchelten, ehe die vier überwältigt und gefesselt waren. Der dicke Kazike befahl, sie unverzüglich abzuführen und in Käfige zu sperren.

Mittlerweile war Doña Catalina India aus ihrer Ohnmacht erwacht. Und als die Gefangenen abgeführt wurden, stellte sie sich, böse wie eine Spinne, dem vornehmen Adler in den Weg und spie ihm ins Gesicht.

Er sah sie nicht einmal an.


Eine halbe Stunde später kam Pater Olmedo ganz bestürzt zu Cortes.

»Wäre es mir nicht verboten, ich würde jetzt fluchen«, rief er aus.

»Mir scheint, heiliger Vater«, sagte Cortes, »daß Ihr noch unschlüssig seid, ob Ihr Euch ärgern oder lachen sollt? Was ist geschehen?«

»Das Tollste, was ich je erlebt!« rief Olmedo, sein Lachen nicht mehr unterdrückend.

Und er erzählte, was er erlebt.

Vom Eremiten Unserer Frau der blutroten Rosen, vom halberblindeten Juan Torres, herbeigerufen, war er gerade noch zur rechten Zeit auf die Tempelterrasse gekommen, um eine Wahnsinnstat zu verhindern. Denn die Totonaken waren eben im Begriff, ihrer neuen Göttin Santa Malia – wie sie das Bild der Jungfrau Maria nannten – die gefangenen vier Mexikaner zu schlachten. Zum Glück war der Diakon und Dolmetscher Jeronimo de Aguilar in der Nähe und konnte den erst jüngst getauften Priestern begreiflich machen, daß ein solches Unterfangen sündhaft sei.

»Eine Lehre für uns!« schloß Pater Olmedo seinen Bericht. »Ich war immer gegen diese überstürzte Bekehrung ... Nun sehen wir, wozu das führt! In Zukunft wollen wir die Heiden erst zu Christen machen, ehe wir sie taufen – nicht umgekehrt!«

Cortes lachte, daß ihm die Tränen in die Augen traten, hielt es dann aber doch für seine Pflicht, den dicken Kaziken streng zur Rede zu stellen.

Mit einer Verlegenheit, die deutlich sein Schuldbewußtsein verriet, versicherte der dicke Kazike, nichts von der Opferung zu wissen. Das Gegenteil ließ sich ihm nicht nachweisen.

Schließlich fragte er verschüchtert, was er denn mit den Gefangenen tun solle.

Cortes lehnte es ab, ihm einen Rat zu erteilen. Nicht durch Kastilier, sondern durch Totonaken seien die Mexikaner festgenommen worden. Also wäre es Sache der Totonaken, sie abzuurteilen und, falls sie es verdienten, sie hinzurichten.

Völlig verängstigt fragte der dicke König, was das sei – hinrichten.

Es wurde ihm auseinandergesetzt: das bedeute, daß man Leute an einem Baum hängt oder ihnen den Hals durchschneidet oder sie lebendig verbrennt ...

Der dicke Kazike schwieg und fragte nicht mehr. Aber es schien ihm nicht in den Kopf zu wollen, warum dies erlaubt sei und jenes nicht ...

Bei diesem Gespräch erfuhr Cortes, daß der eine der Gefangenen ein Vetter Montezumas war mit Namen Guatemoc, der Herabstoßende Adler.


In der darauffolgenden Nacht ließ Cortes durch zwei seiner verwegensten Soldaten – Guzman und Dominguez – den Herabstoßenden Adler nebst einem seiner Mitgefangenen heimlich aus ihrem Gewahrsam befreien und vor sich führen. So heimlich geschah dies, daß keiner der Totonaken davon erfuhr.

Nachdem er den Mexikanern Speise und Trank vorgesetzt und ihnen seinen Feldobristen vorgestellt, zog er sich mit Guatemoc in ein anderes Gemach zurück. Nur Marina durfte zugegen sein.

Eine Stunde lang sprachen sie. Cortes drückte sein Bedauern aus. Ein Mißverständnis. Er sei stets ein Freund Montezumas gewesen. Er mißbilligte die Gewalttat der Totonaken. Aber, bei Gott, die Kastilier seien schuldlos. Unerhört, daß man sich erfrecht habe, Hand an die unantastbaren Abgesandten des Weltherrn zu legen.

Guatemoc sagte nicht viel, gab kühl und weltgewandt Höflichkeit mit Höflichkeit zurück. Doch während leere Worte hin und her schwirrten, Gedanken zu umhüllen, von Gedanken abzulenken – blickten sich zwei finstere Königsadler forschend, bohrend, peinigend in die funkelnden Augen.

Inzwischen war totonakische Kleidung herbeigeschafft worden, und am Fluß lag ein Kanoe bereit. Als Totonaken verlarvt, wurden die beiden Mexikaner von Guzman und Dominguez durch nachtfinstere Gassen zum Fluß geführt und aus der Stadt hinausgerudert.


Es war kaum eine Woche her, daß der Herabstoßende Adler als Triumphator aus den südlichen Maya-Ländern nach Tenuchtitlan zurückgekehrt war. Er und der Generalissimus der mexikanischen Heerscharen, der Irdene Krug, hatten in dem einjährigen Kriege den Ruhm Mexicos gemehrt, weite Länderstrecken Guatemalas und Nicaraguas dem Besitzstand des Weltreiches hinzugefügt. Aber nicht mit frohem Jauchzen, wie sie es hätten erwarten dürfen, waren sie empfangen worden – mit einem lärmenden Jauchzen vielmehr, das krampfhaft eine stille Wehklage niederschrie. Den unheilkündenden Geschehnissen, den Vorzeichen des Weltendes, die seit einem Jahrzehnt die Gemüter ängstigten, hatten sich drei neue hinzugesellt: die Schreckensnachricht von der Zertrümmerung der Götter im Sempoalla, das Versinken des großen Adlersteines im Kanal und die Ehe zwischen den königlichen Geschwistern Prinzessin Maisblüte und dem Vom-Himmel-Gestiegenen.

Aber trotzdem oder gerade deshalb verlangte das Volk nach dem Triumphzug, den Montezuma der Landestrauer wegen abgesagt hatte. Die Bewohner der Wasserstadt hielten seit lange die Fäuste geballt, und nun begehrten sie, ihren Liebling, den Herabstoßenden Adler, zu feiern. Eines Volkes Sehnsucht zitterte im Klang dieses Namens: ein heimlicher Schlachtruf der Unzufriedenen war er geworden, ein Sinnbild der Erlösung – Drohung und Verheißung zugleich.

Montezuma mußte dem Volkswillen nachgeben, das Verbot aufheben. Zwei Tage nach dem Verschwinden des Opferblutgefäßes fand der Triumphzug statt. Die große Trommel auf dem Gipfel der Schlangenberg-Pyramide ließ ihre dumpfen Dröhnlaute ertönen. Der Kopalrauch der Räucherpriester tauchte die Stadt in weiße Nebelwolken. Fellpauken donnerten, Muschelhörner schmetterten. An der Spitze der Heerscharen und zehntausend gefesselte Schlachtopfer für die hungrigen Götter Mexicos mit sich führend, schritten, das Haar in Zöpfe geflochten, der Herabstoßende Adler und der Irdene Krug über den großen Steindamm von Iztapalapan, durch Siegespforten aus Blumengehängen und Papierfähnchen, über Kanalbrücken und Plätze und durch die Haupt- und Prozessionsstraße Tenuchtitlans, welche man die Straße-der-blauen-Scheibe (d. h. des Erdrundes) nannte. Flötenspielende Mädchen umtanzten sie, Greise zogen ihnen tanzend entgegen. Und als sie sich dem Großen Palast näherten, trat auch Montezuma in Kriegstracht aus dem Palasttor mit einem türkisenen Schild am linken Arm und umgeben von seinen Krüppeln und Narren und dem Rat der Alten. Bewillkommnend lud er die Sieger in sein Haus. Und im Türweg ebenda, auf den langen Treppenstufen vor dem Palasttor, wurden angesichts des Volkes der Herabstoßende Adler und der Irdene Krug entkleidet, und ihre nackten Körper wurden ockergelb, ihre Gesichter karminrot bemalt. Auf das geflochtene Haar aber setzte man ihnen Siegeskronen, prachtvoll gearbeitet aus aufrecht stehenden Federn des Schlangenhalsvogels. Und Montezuma sprach die Worte, mit denen seit toltekischen Zeiten alle Könige Anahuacs ihren triumphierenden Feldherren den Siegeslohn gaben, sie zugleich damit in ihre Schranken zurückbannend:

»Die Mexikaner und ich, wir sind zufrieden mit euren Taten! Ihr habt euch vor dem Feinde gut gehalten, nun aber erholt euch und ruht euch aus!«


Des Irdenen Kruges kindliche Gattin war, seit er ins Südland gezogen, vierzehn Jahre alt geworden. Sein tlascaltekisches Heimatland lachte ihn aus ihren braunen Augen an. Rasiert an der Stirn, am Busen und am Oberarm blau tätowiert, war sie liebreizend und rein wie ein heiliges Feuer. Er trug sie umher wie einen flaumleichten Schmetterling. Und er sang:

»Laß mich hingehen, laß mich sterben gehen,
Denn ich bin der Maishalm.
Ein Smaragdsplitter ist mein Herz,
Eine zerschnittene Goldfrucht ist mein Herz ...«

Der Zornige Herr aber, der dies hörte, sagte zum Irdenen Krug:

»O mutiger Krieger, du Junger! Suchst du noch den Tod? Aber du hast ihn ja nicht finden wollen ...«

Der Irdene Krug schwieg. Dann sprach er:

»O großer König, o Herrscher! Ich suchte den Schlachtentod nicht. Denn ich sehne mich nach der Opferblutschale.«

»Erst sollst du mir einen zweiten Dienst leisten!« sagte Montezuma. »Ich opfere dich nicht, ich gebe dich nicht her. Nach Tlascala sollst du gehen, zu deinen Bergen und Tälern!«

Der Irdene Krug rührte sich nicht. Verständnislos blickte er den Großkönig an.

»O mutiger Krieger, du Junger!« fuhr Montezuma fort. »Du wirst als mein Abgesandter zu deinen Bergen und Tälern gehen. Denn nur deine Treue kann dem weißen Gott den Weg versperren! ...«


Die Kunde von der Verführung und Verehelichung seiner einstigen Braut hatte der Herabstoßende Adler erfahren, als er noch mit seinen Heerscharen vor den Toren Tenuchtitlans stand. Zugleich mit dieser Trauerbotschaft vernahm er jetzt erst, daß Maisblüte zuvor dem jungen König von Tezcuco versprochen war. Kein Mexikaner hätte gewagt, ihm das mitzuteilen. Durch seinen besten Freund, den Prinzen Ohrring-Schlange, wurde er aufgeklärt.

Von Iztapalapan aus, wo das heimkehrende Heer zum letzten Male vor dem Einzug Quartier genommen, war der Herabstoßende Adler am Vorabend seines Triumphes in einem Boot, nur von einem Sklaven begleitet, auf den Schilfsee hinausgerudert, in der Hoffnung, unter den blauen Zypressen von Chapultepec die Lichtgestalt seiner Braut zu erspähen, sie, wenn mit dem Munde nicht mehr, so doch mit den Augen küssen zu können.

Doch merkwürdig fremd und leblos lag der Terrassengarten da, als das Boot sich näherte. Herrlich wie immer zwar glitzerten die polierten Porphyrtreppen, dunkelten sich die Lorbeerwipfel, glühten die Zedernäste, purpurn von Abendsonnengold verbrämt. Aber kein Mädchenlachen erscholl, kein Flötenlied mischte sich in die Vogelstimmen. Ein verwunschener Trauerhain. Eine entseelte, herbschöne Leiche.

Guatemoc gab dem Sklaven ein Zeichen, zurückzurudern. Als aber das Boot sich wandte, gewahrte er ein Kanoe, das mit schnellen Ruderschlägen ihm entgegenkam. Im Kanoe saß nur ein Mann, in der Tracht eines huaxtekischen Tonwarenhändlers, mit einer zuckerhutähnlichen spitzen Kopfbedeckung aus Kaninchenhaarfilz. Trotz der Verkleidung erkannte der Herabstoßende Adler im Nahenden alsbald seinen Vetter Prinz Ohrring-Schlange.

Sie begrüßten sich nach Indianerart mit spröder Herzlichkeit. Seit frühester Kindheit waren sie Spielgefährten und Freunde gewesen. Immer eines Sinnes, hatten sie noch nie ihre Treue wanken gefühlt. Unmerkbar, wie Knabengestalt in Jünglingsgestalt hinübergleitet, war ihre kindliche Anhänglichkeit zur Männertreue geworden. Aber ein Himmelsstern leuchtet nur in nächtlicher Dunkelheit, und Treue nur, wenn Leid sie umgibt.

Heute zum ersten Male sollte ihre Freundschaft geprüft und noch in kommenden Tagen auf eine harte Probe gestellt werden.

Ihr Zusammentreffen auf der Lagune verdankten sie nicht einem Zufall. Ohrring-Schlange hatte vorausgesehen, daß es den Freund in Chapultepecs Nähe locken würde, und er hatte ihm aufgelauert, um ihn heimlich zu sprechen, ihm die Augen zu öffnen, die Maske von Montezumas Gesicht zu ziehen, ihm zu verraten, was andere ihm verschwiegen, aber auch um seine eigene Handlungsweise zu rechtfertigen, seinen Abfall von Mexico, seinen Bruch mit Montezuma und dem Edlen Traurigen wegen des erlisteten Goldschatzes von Tezcuco und seinen beabsichtigten Übertritt zum Rebellenheer der Schwarzen Blume.

Doch ehe er den Bericht begann, warf er einen mißtrauischen Blick auf den Sklaven und lud den Herabstoßenden Adler ein, in sein Kanoe zu kommen.

Dieser tat es, bemerkte jedoch lächelnd, daß der Sklave kaum ein Wort Mexikanisch verstünde. Und in der Tat, fremdartig genug sah der Mann aus. Er trug das Sklavenhalsband und am Scheitel die Sklavenfeder, zugleich aber auch Insignien eines Heerführers der Maya, hatte Ohren und Nase mit Kristallpflöcken durchbohrt, seine Haut war sonnengerötet und doch auffallend hell, und sein schmalknochiges Gesicht umrahmte ein wilder roter Vollbart.

»Mein Sklave ist ein weißer Gott!« sagte der Herabstoßende Adler.

Erst seit kurzem besaß er diesen Mann und hielt ihn wert als das kostbarste Beutestück des Feldzuges. Aus Guatemala und Nicaragua heimkehrend, waren die Mexikaner durch Yucatan gezogen und waren in das Reich jenes Mayakönigs eingefallen, der den Diakon und Dolmetscher Jeronimo de Aguilar, nachdem er ihn einer Keuschheitsprobe unterzogen, zum Aufseher seiner Frauen ernannt, dann aber, als die Schiffe des Cortes die Insel Cozumel angelaufen, ihm großmütig die Freiheit geschenkt hatte. Der Leidensgefährte Aguilars, der Matrose Gonzalo Guerrero, dem gleichfalls der Weg zur Freiheit offenstand, hatte sich geweigert, zu seinen Landsleuten zurückzukehren, und als Aguilar ihm vorgehalten, daß er doch ein Christ sei, daß er seit sieben Jahren nicht zur Messe, nicht zum Abendmahl gegangen – war seine Antwort gewesen:

»Laßt es gut sein, Gevatter! Messe und Abendmahl sind vortrefflich für Grafen und Herzöge. In Europa werden wir armen Schufte mißhandelt im Elternhaus, verprügelt vom Leben und auf den Kehrichthaufen geworfen, wenn wir alt sind. Vivere non necesse est – ich weiß, was das bedeutet!«

Mit Isabel de Ojedas Vater, dem unglücklichen Statthalter von Uraba, mit Diego de Ordas und Aguilar hatte er Schiffbruch erlitten. Und was er vordem gelitten in zwanzigjähriger Seemannschaft, erschien ihm wie eine nie reißende Kette von Mühsalen und Erniedrigungen, eines Lebens Schiffbruch. Nicht das Geschick machte er für sein Mißgeschick verantwortlich – sondern die Ausbeutung der Schiffsreeder, der Brotherren, der Reichen. Ein ätzender Haß hatte sich in sein Herz gefressen gegen die gottgewollte Ordnung der christlichen Welt, gegen die Lehre vom Zinsgroschen, welche die Zukurzgekommenen auf ein Entgelt im Paradies vertröstete, auf Erden aber dem Kaiser gab, was des Kaisers war.

Sein Abscheu vor der Alten Welt erleichterte es ihm, ein Indianer zu werden. Wie Odysseus in der Polyphemhöhle hatte er es mit ansehen müssen, daß bald nach dem Schiffbruch fünfzehn seiner Reisegefährten – täglich einer – geschlachtet und verzehrt wurden. Das hinderte ihn nicht, als schließlich der Mayafürst dem Frater und ihm den Opfertod erließ, sein Christentum abzuschwören und zur Religion der Maya überzutreten. Er ließ sich tätowieren, Ohren, Nase und Lippen durchbohren, er nahm teil an den heiligen Handlungen, sogar an Menschenopfern. Als Renegat, der er war, stieg er von Stufe zu Stufe. Die der indianischen überlegene Strategie der Weißen hatte er unter Ojeda kennengelernt und war imstande, seinem Fürsten wertvolle Ratschläge zu geben, als der mit Nachbarstaaten Krieg führte. Bei den Kämpfen zeichnete er sich durch Unerschrockenheit, ja Tollkühnheit aus. Ihm wurde das weiße Reiherfederhemd verliehen, ein Abzeichen hohen Kriegerranges. Und jüngst beim Einfall der Mexikaner, der den Zwistigkeiten der kleinen Mayaländer ein Ende machte – freilich auch ihrer Unabhängigkeit –, führte Gonzalo Guerrero als Ordner der Pfeile das Heer seines Fürsten an.

Trotz verwegener Heldentaten wurde er besiegt. Die Mexikaner vermieden es, in den Kämpfen ihre Feinde zu töten – Kriegssklaven zu machen war das Hauptziel des Krieges, und jede Leiche auf dem Schlachtfeld beeinträchtigte den Glanz des Triumphzuges und die Speisung der hungrigen Götter. In der Entscheidungsschlacht gelang es dem Herabstoßenden Adler, eigenhändig den rotbärtigen Anführer des Mayaheeres zu fangen.

Über das Los eines Kriegssklaven hatte niemand zu entscheiden außer demjenigen, der ihn zum Kriegssklaven gemacht. Er konnte ihn den Göttern weihen, war aber dazu nicht verpflichtet, er konnte ihn auch als Haussklaven behalten, konnte ihn an einen Sklavenhändler verkaufen, ja er konnte ihm die Freiheit geben.

Tausende von Mayas waren gefangen worden. Und wie die Mehrzahl von diesen war auch Gonzalo Guerrero ursprünglich dazu ausersehen, auf der großen Adlerschale Mexicos zu verbluten. Aber um von ihm Aufschluß zu erhalten über die Schlupfwinkel seiner noch unbesiegten Bundesgenossen, ließ Guatemoc ihn foltern und durch Dolmetscher ausforschen. Da ergab es sich, daß er ein weißer Gott war. Der Herabstoßende Adler befahl, diese Auskunft geheimzuhalten, erfaßte er doch sofort ihre Tragweite. In einem Sondergespräch, das er mit dem einstigen Matrosen hatte, flößte ihm dieser durch seine indianische Lebensverachtung Achtung ein, und mit Staunen erfuhr er, daß der gewesene Christ die Christen haßte. Jetzt erst begriff Guatemoc ganz, welch ein Beutestück ihm das Glück in die Hände gespielt. Und er beschloß, den weißen Sklaven nicht zu opfern.


Als der Herabstoßende Adler ins Kanoe hinüberstieg, ging die Sonne unter, und die Sonne hob sich bereits wieder, als Prinz Ohrring-Schlange seinen Bericht beendete. Nicht ohne Unterbrechung freilich hatte er erzählt. Seines Freundes Verzweiflung, Ausbrüche der Klage und der Wut hatte er mit Trostzusprüchen und Vernunftgründen zu dämpfen gehabt und hatte sich genötigt gesehen, gegen erbitterte Vorhaltungen sich zur Wehr zu setzen, da der andere es nicht wahrhaben wollte, daß der Abfall von Montezuma den Abfall von Mexico nach sich ziehen müsse.

Von der Verführung der Prinzessin Maisblüte erzählte Ohrring-Schlange das wenige, was Gerüchte davon ihm zugetragen. Daß der Tempel-Feger der Anstifter war, wußte er nicht, wohl aber, daß der Schönling Coxtemexi, der Gefährte des Vom-Himmel-Gestiegenen, am Flötenspiel Tezcatlipocas Mitschuldiger war.

»Ich habe keine Braut mehr«, sagte der Herabstoßende Adler. »Die Stadt inmitten des Sees wird in Zukunft meine Verlobte sein.«

»Der Zornige Herr wird dir auch diese Braut nehmen«, sagte Ohrring-Schlange. »Er fürchtet dich.«

»Warum?«

»Weil Tenuchtitlan dich liebt. Er ist neidisch auf die Herzen der Mexikaner, wie er auf die Blume von Yuquane neidisch war. Mein Schwager Prinz Grasstrick starb darum. Auch dein Leben wird Montezuma nicht schonen.«

»Ich selbst will mein Leben nicht schonen, seit ich erfahren, was ich heute erfuhr!«

Beide Freunde schwiegen lange. Dann sprach der Herabstoßende Adler:

»Ich liebe Mexico, wie man ein Weib liebt. Hingabe ist dem Liebenden leicht, nur schwer ist es, den Freund hinzugeben ...«

Ohrring-Schlange reichte ihm die Hand:

»Auch als Feinde wollen wir Freunde bleiben!« sagte er.

So schieden sie.


Nach dem Triumphzug trat der Herabstoßende Adler vor Montezuma hin. Eine scheue Unruhe flackerte auf dem Antlitz des Weltherrn. Zwar war jetzt die Beklemmung von ihm gewichen, unter der er letzthin fast körperlich bei der Vorstellung gelitten, dem Vetter Auge in Auge eingestehen zu müssen, daß er Prinzessin Maisblüte dem König von Tezcuco gegeben. Der eine der drei Pfeile, mit dem am Tage der Einweihung des Felsenbildnisses die Himmlischen sein Herz durchbohrt und zerrissen hatten, enthob ihn dieser schweren Aufgabe. Wenn dennoch eine scheue Bangigkeit über seine sorgendurchfurchten Züge huschte, so trug das Volk der Wasserstadt Schuld daran, da es mit hellerer Freude dem Herabstoßenden Adler zugejubelt hatte als ihm, dem König der Könige.

Auch der Prinz unterließ, auszusprechen, was sein würgender Groll an Vorwürfen in Bereitschaft hielt. Wenn der König vom Verlöbnis schwieg, so schwieg er erst recht davon. Reden änderten ja nichts mehr.

Für seinen Wortbruch war Montezuma schon vom Himmel bestraft worden, grausam genug.

Der Herabstoßende Adler erbat sich einen Auftrag von Montezuma. Er beantragte seine Entsendung nach Sempoalla, wo er die Totonaken wegen ihres Abfalls von Mexico und von ihren Göttern zur Rechenschaft ziehen wolle. Einen Blutzoll von zwanzig Jünglingen und Mädchen wolle er ihnen auferlegen und eine spätere Züchtigung der Schuldigen in Aussicht stellen.

Der Zauderer Montezuma schreckte zurück, wie er vor jeder Entscheidung zurückschreckte. Dieser Vorschlag bedeutete eine Tat, eine entscheidende Stellungnahme gegen die weißen Götter. Sein Zweifelmut suchte Ausflüchte, um sich nicht entscheiden zu müssen. Die mexikanischen Heerscharen seien ermüdet, sehnten sich nach Weib und Kind, wollten ihre Maisfelder bestellen – brachte er vor.

Der Herabstoßende Adler lächelte. Zu seinem Schutz brauche er die Heerscharen nicht, und wenn es gelte, den Totonaken Schrecken einzuflößen, so genüge der Name des großen Montezuma, dessen Bote er sein werde. Ohne Heer, mit nur drei Begleitern, wolle er nach Sempoalla gehen.

Montezumas feinknochige Finger krampften sich an die Armlehnen seines silbernen Thrones. Er schwieg und sann. Ein grünliches Blinken glomm und erlosch in seinem faltenumrandeten Auge. Noch war in seinen Ohren das Triumphgeschrei nicht verrauscht, die Kosenamen und Zurufe, mit denen das Volk den Liebling Mexicos umtost hatte, hörte er noch immer gellen. Der Jüngling, der so siegesstolz vor ihm stand, war auch ihm teuer wie ein Sohn und verhaßt wie ein Nebenbuhler. Und nun erbot er sich ungestüm, ins Verderben zu rennen ...

Montezuma fand keine Antwort. Er wolle erst mit sich zu Rate gehen, sagte er.

Da trat sein mißratener Sohn in den großen Thronsaal, unterwürfig begrüßt von den zahllosen Höflingen. Finster schweifte Montezumas Blick von einem Prinzen zum anderen, und sein Herz verhärtete sich. Kein Zweifel, wem der Thron einst gebührte.

Der Herabstoßende Adler begrüßte sich mit dem Vom-Himmel-Gestiegenen förmlich und höflich und erkundigte sich nach dem Befinden der Prinzessin Maisblüte, als ob er keiner Seelenwunde Schmerzen fühle. Offensichtlich würdigte er den Knaben nicht einmal seines Hasses. Er scherzte sogar mit ihm und fragte ihn nach dem Namen seines schmucken Begleiters –: einen so schönen Mann habe er weder in Mexico noch in fernen Ländern gesehen.

Der Königssohn nannte den Namen Coxtemexi.

Da geschah etwas Unerhörtes.

Im Thronsaal, angesichts des Herrn der Welt, packte der Herabstoßende Adler mit dem flinken unentrinnbaren Griff, mit dem er Kriegssklaven zu fangen pflegte, den langen Haarschopf Coxtemexis, drückte dessen Kopf nach hinten, bis Hinterhaupt und Rücken sich berührten, hielt ihn so mit der linken Hand, zog blitzschnell mit der Rechten einen Feuersteindolch aus dem Gurtgehenk und schnitt dem schönen Höfling die Nase ab.

Dann trat er vor den Thron Montezumas.

»O großer König, o Herrscher!« fragte er, »gingst du mit dir zu Rate?«

Die Höflinge im Saal waren wie erstarrt. Montezuma saß wie eine Bildsäule da.

»Geh nach Sempoallal« sprach Montezuma leise.

Es war ein Todesurteil.

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.