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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 23
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080921
projectid14b7d698
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Der Page Orteguilla hat später erzählt, bis in die Nacht hinein habe der dicke Kazike seine toten Götter beschimpft. Seine Tochter aber, die dicke Prinzessin, habe erklärt, sie werde wirkliche Götter zur Welt bringen, denn sie sei die Braut des höchsten der wirklichen Götter, und sie verachte die toten Götter, sie habe sie überhaupt seit jeher verachtet!

So geht es den toten Göttern.

Drei Tage lang währten die Aufräumungsarbeiten. Die Tempelterrassen wurden von den Trümmern, Scherben und Splittern der zerschlagenen Bilder und Opferblutsteine rein gefegt, das zu dicker Gallerte verharschte, stinkende Menschenblut an den Wänden und am Fußboden der Sanktuare wurde abgekratzt, abgescheuert, heruntergewaschen. Indianische Bauarbeiter wurden angestellt, die gesäuberten Wände mit Kalk weiß zu tünchen, sie einladend und wohnlich zu machen für christliche Heilige. Mählich verwandelten sich die Greuelstätten in traumstille Kapellen, schummerig beleuchtet von flirrenden Wachskerzen und einem roten Glaslämpchen vor dem Andachtsbild. Der Schiffszimmermann Cristobal de Jaén mußte ein mächtiges Holzkreuz für die Dachspitze des Haupttempels fertigen. Und im Alierheiligsten der hohen Blutterrasse des Haupttempels stellten Pater Olmedo und der Lizentiat Diaz ein auf Leinwand gemaltes Bildnis der Erlösermutter auf und umgaben es mit einem Hag blutroter Rosen. Kein Kunstwerk, Dutzendware vielmehr – mit dreißig ähnlichen auf dem Markte Havannas, zur Erhebung von Heidenherzen, billig erstanden –, steif, fast byzantinisch-unbeholfen und dennoch seltsam verschönt in dieser Umgebung, lächelte die Jungfrau ein rührendes, erdenfernes Göttinnenlächeln.

Nach den Tempeln wurden die Teufelspriester gesäubert. Die schwarze Körper- und Gesichtsbemalung, überharscht von stinkendem Menschenblut, wurde abgekratzt, abgescheuert, heruntergewaschen, das nie gekämmte, nie beschnittene, von Läusenestern verfilzte Haar wurde geschnitten, auf Scheitern verbrannt. Und gar die schwarzen Priestergewänder mit den ekelerregenden purpurnen Spritzflecken – mit Zangen wurden sie von den Leibern gerissen, zu Haufen geschichtet, angezündet. Was Wasser nicht reinigt, reinigt Feuer! Die entkleideten Priester aber wurden in den Fluß getrieben – es war ihre Taufe. Und darauf kleidete man sie in blinkneue Gewänder, in langwallende, schlohweiße.

So umgewandelt, so durchbleicht von Bleichers Hand, zogen sie am dritten Tag in langer Prozession durch die Stadt, zogen von Tempel zu Tempel und räucherten – in Ermangelung von Weihrauch – mit Kopal-Harz, während Pater Olmedo und der Lizentiat die gesäuberten Kapellen dem Christengotte und seinen Aposteln und Märtyrern weihten.

Zur Beaufsichtigung der neugewaschenen, nunmehr christlichen Priester – die von Xesu Quilisto (so sprachen sie Jesus Christus aus) oder von Xesu Nazaleno, von Santa Malia und vom Patele Santo kaum erst die Namen kannten – wurde ein altersschwacher Soldat, Juan Torrés, bestimmt.

»Der Alte weiß von unserm Glauben nicht viel mehr als seine Schutzbefohlenen«, sagte Velazquez de Leon zu Cortes. »Wie soll er sie bekehren?«

»Das hat schon das Wasser besorgt!« erwiderte Cortes. »Zum Kriegsdienst ist der Alte nicht tauglich – hier aber kann er uns dienlich sein! Und wenn er bloß den Pfaffen beibringt, aus Wachs Kerzen zu drehen, und sie dazu anhält, die Lichter und Lämpchen vor den Heiligenschreinen nicht ausgehen zu lassen, so ist das ein Gottesdienst – so heilig und andächtig wie der einer Zikade oder eines Singvogels bei Sonnenaufgang! ... Übrigens wird sich der Page Orteguilla mit ihm beraten können, sollte uns im Rücken Gefahr drohen, auch wird der Knabe sich leichter mit seiner Verlassenheit und seiner Papageienfeder-Perücke abfinden, wenn mit ihm der alte Torrds in Sempoalla zurückbleibt.«

Seitdem führte – bis an sein seliges Ende – der halberblindete Juan Torrés ein Eremitenleben auf der Spitze der großen Tempel-Pyramide als Diener Unserer Frau der blutroten Rosen. Sie konnte sich keinen treueren Diener wünschen als diesen Armen im Geiste mit dem silbrigen Hieronymusbart und den rinnenden Augen. Nie vernachlässigte er ihr plejadenähnliches Lichtergeflirr. Jahraus, jahrein bleichte er Wachs, drehte Kerzen und zündete Wachsstöcke an. Die Indianer aber, denen der Sinn seiner spanischen Reden verschlossen blieb, witterten die Weihe seiner frommen Einfalt und nannten ihn den großen Priester.


Pater Olmedo hatte alle Hände voll zu tun. Auf die Reinigung der Gotteshäuser und der Priester folgte die Taufe der acht Bräute und ihrer Verwandten. Ein Glück, daß der Fluß durch die Stadt floß, in Reihen am Ufer aufgestellt, mußten, mittelalterlichem Brauch gemäß, die Täuflinge – Männlein und Weiblein–, bloß, wie sie ihr Schöpfer erschaffen, bis an den Hals ins Wasser steigen, während Pater Olmedo für alle zugleich die Taufformel sprach. Aber am Totonakenkönig und seiner Tochter wurde – ihres hohen Ranges wegen und weil die dicke Prinzessin sich geweigert hatte, ihre hüllenlosen Reize profanen Blicken preiszugeben – die heilige Handlung gesondert vorgenommen, nachdem dem Volk bedeutet worden war, die Ufer und die benachbarten Gassen zu räumen. Außer Cortes, als Bräutigam, war es nur wenigen seiner Getreuen, als Paten, gestattet, Zeugen dieser Zeremonie zu sein.

»Ein rötliches Nilpferd!« flüsterte Lugo, als die Prinzessin im Wasser plätscherte. Den Vergleich weiter auszuspinnen hinderte ihn jedoch ein strenger Blick des General-Kapitäns. Und die anderen nagten sich tiefe Narben in die Lippen ...

Um ein Haar hätte die Taufe einen traurigen Abschluß gefunden. Der dicke Kazike, unter den Armen gestützt von seinen zwei Karyatiden, war bereits ans Ufer zurückgewatet, die dicke Prinzessin aber zauderte noch, das hüllende Wasser zu verlassen, und lachte verlegen die weißen Götter an. Plötzlich tauchte sie unter.

»Es schwelgt in seinem Element! ...« flüsterte wieder Lugo.

Doch er irrte. Sie kam nicht zurück an die Oberfläche. Sie hatte das Gleichgewicht verloren und, gepackt vom reißenden Strom, wäre sie – des Schwimmens unkundig – gewiß fortgeschwemmt worden, hätte Alvarado nicht, ihr nachspringend, ihren linken Fuß erwischt und sie sachte ans Ufer gerollt. Als sie aufseufzend wieder zu sich kam, ließ er sich's nicht nehmen, ihr den wulstigen Nacken zu tätscheln. Eine Zutraulichkeit, die er, als Cortes ihm einen Verweis erteilte, für ein Vorrecht seiner Patenschaft erklärte, auch sei der Prinzessin nichts Schlimmeres damit geschehen als der frommen Susanna im Bade.


Und nun wurde die Hochzeit gerüstet. Drei Tage währten die Feierlichkeiten.

Es half nichts – Cortes mußte mit Doña Catalina India (so war die dicke Prinzessin getauft worden) Beilager halten.

Wohl hatte er erst Ausflüchte gesucht und durch Marina der Braut und ihrem Vater mitteilen lassen, er habe eine Ehefrau daheim – gleichfalls Catalina genannt –, und Doppelehen einzugehen gestatte die christliche Religion nicht. Doch die schmerzvolle Enttäuschung, die jede Falte im Antlitz des dicken Kaziken erschlaffte, die aschgraue Hoffnungslosigkeit, mit der er versicherte: er wolle niemand sein Kind aufdrängen, das Entsetzen des indianischen Hofstaates, der Todesschrecken und die gellenden Wehrufe der dicken Prinzessin erweichten Cortes das Herz, und er fing an, darüber nachzusinnen, ob er der Politik nicht ein Opfer bringen solle. Denn ein Opfer war es. Marina, mit der er sich beriet, überredete ihn selbstlos dazu. Den Ausschlag gab Doña Catalina India. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, weiße Götter – sollten sie auch unehelich sein – zur Welt zu bringen. Von diesem Entschluß ging sie nicht ab. Und so verliebt war sie, daß sie Cortes ihren faustgroßen Smaragd zum Geschenk anbot.

Das schmolz das Eis. Cortes brachte es nicht übers Herz, eine so beharrliche Liebe mitsamt dem Smaragd zurückzuweisen. Er nahm das Geschenk an und damit auch die Schenkerin.

Da er noch manchen Widersacher im Heere hatte, ließ er sofort verbreiten, die dicke Prinzessin werde nur seine Konkubine sein. Durch Marina ins Mexikanische übersetzt, hieß das: »des weißen Gottes zweite Gemahlin« – und die Totonaken sowohl wie Doña Catalina India waren es zufrieden.

Weniger zufrieden war Cortes. Und er rechtfertigte sich, als die Hauptleute ihn mit einer Hilarität beglückwünschten, die seinem schlechten Gewissen teils verdutzt, teils bemitleidend und sarkastisch erschien. (Hatte nicht Alvarado ein teuflisches Zucken um den Mund, als dächte er an Susanna im Bade? ...) Aber vielleicht schien das Cortes nur so. Mit würdiger Ernsthaftigkeit betonte er, daß er ein Opfer bringe. Und den Hauptleuten mußte es wohl einleuchten, daß die Politik einen Feldherrn vor schwere Aufgaben stellt ...

Auch vor Marina entschuldigte sich Cortes unter vier Augen. Sie war gütig und – in diesem Falle – so wenig eifersüchtig, daß es eigentlich kränkend war, kränkend für ihn und kränkend für die dicke Prinzessin.


Nicht ganz so leicht, wie die Totonaken sich's gedacht hatten, war es, den sieben anderen Bräuten Männer zu finden. Die Kavaliere im kastilischen Heer waren zurückhaltend. Man befand sich ja noch nahe der Küste, man wollte abwarten, in den Ländern Tlascala, Cholula und Mexico gab es ja auch noch Prinzessinnen ... Ja, man wollte sich aufsparen.

Nur der stille, immer bleichwangige Hauptmann Andrés de Tapia ließ sich herbei, das adligste der Mädchen, seit der Taufe Doña Francisca genannt, zum Altar zu führen – die Tochter des totonakischen Heerführers Cuhextecatl und eine der reichsten Erbinnen des Landes. Unter den übrigen Bräuten durfte der alte bocksgesichtige Heredia – der furchtbare Zauberer von Tzimpantzinco – Ausschau halten und sich ein liebliches, zartjunges Ding aneignen. Die Freier der fünf anderen Bräute waren Fähnriche und Kavalleristen – keine Hidalgos.

Auf dem Rasenplatz zwischen Haupttempel und Königspalast war der Traualtar errichtet. Und wie einst am Ostersonntag – an den moskitobedeckten Sanddünen – sang der fette Franziskaner-Mönch und Lizentiat Juan Diaz mit den wulstigen Lippen die Responsorien, und als Chorknabe, im spitzen verbrämten Röckchen, waltete der siebzigjährige Musketier Alonso Duran seines Amtes. In Ermangelung einer Orgel begleiteten der Tanzmeister Ortiz und der Musiker Rodrigo Moron auf ihren Gitarren. Und der Trommler Canillas, der schon in Italien Tambour gewesen, rührte dazu die Trommel. Die Feier war erhebend. Der dicke Kazike schwamm in Tränen.

Cortes und Doña Catalina India wurden gesegnet, aber nicht getraut. Es war ja sozusagen eine Heirat linker Hand. Dennoch barst das dicke Mädchen schier vor Glück und verriet die Glut ihrer Empfindungen, indem sie sich wie rasend fächelte. »Sie könnte ein Ei in der Hand kochen«, flüsterte der Hauptmann Francisco de Lugo.

Pater Olmedo hatte sodann die sieben anderen Paare ehelich zu kopulieren und außer diesen noch einige kastilische Hochzeiter. Denn Brautschaften sind kontagiös. Die schöne Amazone Maria de Estrada wechselte die Ringe mit ihrem Lebensretter, dem weißhändigen Sanchez Farfan, der Bogenschütze Pedro de Guzman, der Tüchtigsten einer, führte die vornehme Abenteuerin Francisca de Valtierra zum Altar, wie er es erst kürzlich, beim Abendtanz im Indianerdorf, sich vorgenommen, und zum Bedauern vieler wurde die reizende, etwas rundliche Rosita Muños die Frau eines gewissen Tarifa aus Sevilla, eines ledernen Gesellen, den man Tarifa von den Diensten –de los servicios– nannte, da er allzu häufig davon sprach, welche Dienste er Seiner Majestät dem Kaiser leiste und wie schlecht er dafür entlohnt werde.

Eigentlich hatten auch Antonio Villareal, der junge Fähnrich des Diego de Ordas, und die olivenbleiche Isabel de Ojeda vorgehabt, sich trauen zu lassen. Seit er ihr an jenem Tanzabend die beiden Venusschuhe überreicht, seit sie ihm den Kuß gegeben für Ordas, hatten sie sich wieder und wieder gesehen und geküßt und Treue geschworen. Als sie aber am Morgen dieses Tages vor Don Diego hintraten, sein Einverständnis zu erbitten, und der schwermütige Rittersmann sie mit einem verwundeten Blick ansah, mit einem Blick, welcher ächzte: »Ich weiß, ich weiß alles« – – da schwiegen sie betreten und redeten von gleichgültigen Dingen. Der Mut, ihm zu bestätigen, was er wußte, versagte ihnen. Darum verschoben sie entsagungsvoll die Verehelichung.

Eine Stunde vor der Trauungsfeier kam der alte Armbrustschütze Santisteban zu Sanchez Farfan dem Weißhändigen, als dieser eben sein bestes Seidenwams angelegt und damit beschäftigt war, sich mit Bisamsaft zu parfümieren, nicht umsonst hieß er der Weißhändige.

Besorgt fragte Santisteban:

»Macht Ihr Euch keine Gedanken, Señor?«

Nun war es gewiß nicht die Art des Weißhändigen, sich Gedanken zu machen. Und heute hatte er weniger als sonst Ursache dazu. Er begriff die Frage nicht. Jedermann hatte ihn beglückwünscht. Was wollte der Alte eigentlich?

Santisteban bastelte verlegen an seinem Ärmel herum und rückte erst nach vielem Stottern mit dem heraus, was ihm die Seele beschwerte.

»Stellt Euch vor, Señor, wenn Doña Elvira noch lebt! ... Ihr würdet eine Schuld auf Euch laden! ...«

»Pater Olmedo hat mich beruhigt«, erwiderte Farfan kalt und betrachtete sich in einem kleinen Spiegel, den er immer in seinem Barett trug. »Sie ist tot!«

»Woher wißt Ihr das?«

»Doña Elvira war zart und kränklich ... Sie muß tot sein. Es sind ja zehn Jahre her ... Als Sklavin verkauft – ich bitte Euch, wer hält das aus!«

Er selbst war Sklavenhändler gewesen. Er mußte es ja wissen.

»Nein, nein, sie ist tot«, wiederholte er.

»Ich wünsche ihr und Euch, daß Gott sie bald zu sich nahm!« murmelte Santisteban und entfernte sich kopfschüttelnd.


Das Hochzeitsmahl wurde in den dachlosen, mit grellbunten Zelttüchern gedeckten Prunkräumen des Königspalastes eingenommen. Das ganze kastilische Heer, vierhundert Mann und einige zwanzig Frauen, nahm daran teil. Gemischt saßen die weißen Götter und Göttinnen zwischen ihren rothäutigen Anbetern mit den perlmutternen Nasen- und Lippenpflöcken, schlossen Brüderschaften, tranken mit Pulque-Bechern gelbgeschminkten Indianerinnen zu. Ein Fest der Verschwägerung, ein Fest der Verbrüderung. Reden auszutauschen war umständlich, ja untunlich – um so leichter Speisen und Getränke. Wunderneue Genüsse für Gaumen und Schlund boten sich dar. Auch die Totonaken erhielten Gelegenheit, die Kochkunst der östlichen Hemisphäre zu bewundern, denn die Marketenderin Catalina Marquez, welche man die Feuerlilie nannte, hatte in einem der zauberhaften Königssäle ihre Marketenderbude und einen Kredenztisch aufgeschlagen, schmorte, kochte und buk und teilte die beliebten spanischen Süßweine – »Alicante« und »Pedro Ximenes« – aus. Ihre Pasteten und Tortillas fanden den Beifall aller Indianer. Mit dem spanischen Wein freilich mußte gespart werden, daher durfte nur die königliche Familie davon kosten, und sie tat es ausgiebig, so daß der Narr Madrid – nicht ganz ohne Grund – sich herausnehmen konnte zu behaupten: die dicke Prinzessin habe nie genug von Pedro Ximenes, und ein Segen sei es, daß er kein Mann sei, sondern ein Wein ...

Überaus mannigfaltig war die den Europäern vorgesetzte Speisenfolge, fand jedoch keine bedingungslose Anerkennung. In Erdlöchern gebratene Hirsche, Wachteln und Faultiere mundeten allerdings ausgezeichnet. Auch siebzig kleine Hunde, mit Chilli-Pfeffer und Tomaten geschmort und mit Truthahnfleisch überdeckt, schmeckten zart und lecker. Aber nur wenigen gelang es, gerösteten Heuschrecken, Wasserkäfern und den meocuilin genannten weißen Maiswürmern Geschmack abzugewinnen. Da zog man schon Saurierfleisch, gekochte Iguanas und Schwanzlurche vor, oder man hielt sich an die tamalli – Maiskuchen nämlich, die, von Maisblättern umwickelt, in die Blätter hineingebacken waren.

Nach dem Mahl brachten hübsche Cocos Wasser zum Händewaschen und Mundspülen. Darauf wurden Tabakpfeifen umhergereicht und ein Getränk, bereitet aus Kakaomehl und Vanille. Dazu Stäbchen zum Umrühren des Kakaomehls. Und dann Früchte – berauschende, beseligende, berückende, wie die der Hesperiden. Zumal die Frucht des Zapote-Baumes schmeichelte dem Gaumen. Noch kannte man ihre süße Tücke nicht. Apfelgroß die Frucht, mit hellgrüner Schale, weißlichgelb im Innern, mit nur vier Kernen. Die Totonaken machten Zeichen: man dürfe nur mäßig viel von der stark abführenden Frucht genießen. Übersehen oder mißdeutet wurden die Zeichen. Zu süß war die Frucht. So trat schicksalhaft und unaufhaltsam das Unheil ein: fluchtartig mußte ein Teil des kastilischen Heeres den Königspalast verlassen. Und die Zurückgebliebenen wälzten sich vor Lachen.

Durch den Vorsteher des Hauses der Teppiche ließ der dicke Kazike an seine kastilischen Gäste tausend buntgewirkte Mäntel und vierhundert Schambinden verteilen. Obgleich das mehr als genug war, sprach er unterwürfig die Bitte, ihm die geringe Anzahl der Mäntel nachzusehen, in einer Festrede aus, die mit den Worten begann:

»Vereinigt seid ihr in meinem Palaste, o ihr Krieger, o ihr Tapferen! Ihr habt die Mühe nicht gescheut, euch an diesen bescheidenen Ort zu begeben, trotz eures Ansehens! ...«

Und dann brachte er Entschuldigung auf Entschuldigung vor. Das Mahl, das er seinen Gästen vorgesetzt – deutete er an –, sei wohl reichhaltig, aber doch kein Göttermahl, denn die beste der Speisen fehle ...

Und als er so gesprochen, rollten ihm Tränen der Entsagung, erbsengroße Tropfen über die gemalten Backen.

Nämlich gleich nachdem er seine Tochter dem Höchsten der weißen Götter anverlobt hatte – und das war nach der Einnahme Tzimpantzincos durch den großen Zauberer Heredia und noch vor der Zerstörung der Götterbilder geschehen –, hatte der dicke Kazike sich auf den Sklavenmarkt begeben, um seinem göttlichen Schwiegersohn zur Hochzeit die Speise der Götter vorzusetzen. In der Bude eines als redlich beleumundeten Menschenhändlers aus Tlatelolco setzte er sich nieder und ließ sich dessen Ware zeigen. Dieser Mann führte keine anderen Sklaven als nur solche, die gegessen wurden und die man Tlaaltiltin, d. h. die Gut-Gewaschenen, nannte. Denn da sie dazu bestimmt waren, als Speise zu dienen, wurde Gewicht darauf gelegt, daß sie sauber aussahen und daß ihr Fleisch weich und saftig und wohlgenährt war. Auch kleidete der Menschenhändler sie in reiche Gewänder, schnitt ihnen das Haar nach Häuptlingsart, behängte sie mit Edelsteinketten und Blumenkränzen und ließ sie zu einer fröhlichen Flötenmusik Reigentänze aufführen und Freudenlieder singen, um Käufer damit anzulocken.

Mit einem Schwall von Worten pries der Händler dem dicken Kaziken seine Ware an, machte ihn aufmerksam auf die zierlichen Tanzbewegungen des einen der Gut-Gewaschenen, auf die wohlproportionierte Körperform eines anderen, auf die Zartheit der Schenkel eines dritten, auf die klangvolle Stimme eines vierten. Leute mit Körperfehlern führte er überhaupt nicht. Wenn er für diesen oder jenen nur dreißig Mäntel als Preis verlangte, so geschah es, weil sie weniger Grazie beim Reigen zeigten. Die aber, die geschmackvoll singen und tanzen konnten, kosteten vierzig Mäntel. Von dem Preis ging er nicht ab, mochte selbst ein König Käufer bei ihm sein.

Der dicke Kazike wählte zwölf Gut-Gewaschene – sechs Jünglinge und sechs Mädchen – und bezahlte sie mit vierhundertachtzig Mänteln. Tags darauf aber waren die alten Götter tot, und die vierhundertachtzig Mäntel waren umsonst vertan.


Als am Abend des Hochzeitsfestes Rodrigo Rangel die Kissen auf dem Brautlager für Cortes und die dicke Prinzessin zurechtzupfte, hielt er diese Ansprache an den Hut des General-Kapitäns, da dieser noch im Festsaal weilte:

»Euer Liebden sind im Begriff, in die Fußtapfen Alexanders des Großen zu treten. Auch Alexander eroberte die Monarchia Indiana, und er hielt Hochzeit mit Roxane, der schönen Perserbraut. Was wissen wir von einer schönen Perserbraut ? Nichts, in der Tat gar nichts. Und was wußte Alexander von ihr, ehe er ihr Bett bestieg ? – Gleichfalls nichts! Denn schöne Perserbräute gehen verschleiert wie das Bild zu Saïs, wie Mutter Natur ... Jede Frauensperson ist ein Bild zu Saïs – selbst meine lange Elvira und sogar La Medina, die neulich gar nicht verschleiert tanzte. Von einem Negerkönig hat man mir erzählt, der an seinem gelben Strohhut die abgeschnittenen Ohren seiner Untertanen befestigte, so daß der Hut schwarz aussah, und der seinen schwangeren Gattinnen den Rücken bei lebendigem Leibe aufschneiden ließ, um das Wachsen der Embryonen zu beobachten. So lobenswert und ersprießlich Wißbegier auch ist, so finde ich doch, sie ging in diesem Fall zu weit. Allzusehr sollte man das Bild zu Saïs nicht entschleiern und auch keine Dame von Stand. Da sind wir Christen – ich meine Europäer und Totonaken – doch anders: wir schneiden Menschen nur auf in ehrlichem Kampfe, des Ruhmes und der Tafelfreuden wegen. Panes et circenses: das Weltgeschehen im Brennspiegel. Der Heiland gab für die Menschheit sein Blut, und die Menschheit gibt ihr Blut für die Gewürze Indiens – wenn nicht für Turniere oder Stiergefechte (o ihr Kühe Andalusiens! ...): denn essen muß der Mensch oder stolz sein. Darum nimmt der Ritter Diego de Ordas so wenig Speise zu sich. Und darum überladet Ihre Königliche Hoheit die Prinzessin des Landes Totonacapan und Königin aller Blumen so viel ihren Magen mit weißen Maiswürmem und ›Pedro Ximenes‹, wie wir es beim Hochzeitsschmaus schaudernd erlebt haben. Alvarado, der den Vorzug hatte, zur Taufe Ihrer Königlichen Hoheit zugegen zu sein und Höchstdieselbe an einem Bein aus dem Wasser zu ziehen, behauptet, sie sei eine rote Venus und sei dermaßen wohlgenährt, daß man sie als Gut-Gewaschene bezeichnen könne. So ist denn der Schleier dieses Bildes zu Saïs ein wenig schon gelüftet. Und doch nicht ganz. Daß Ihre Königliche Hoheit, trotz Nasengehänge und Lippenpflöcken, sich allervortrefflichst den Mund auszuspülen versteht, haben wir am Schluß des Mahles mit Staunen und Begeisterung gesehen. Jedoch – um es kurz zu machen – Euer Liebden werden meine Schreckhaftigkeit begreiflich finden, die mich befürchten läßt, daß es Euer Liebden leichter sein dürfte, Lerchen mit einem Nachtlicht zu haschen, als Ihre Königliche Hoheit zu küssen und ihren Umfang zu umfangen.«

So sprach Rodrigo Rangel.


Ohne Unterbrechung wurde das Hochzeitsfest fünf Tage lang gefeiert. Die Völlerei und Trunkenheit hatten in der ersten Nacht überhand genommen, und das Fest war gegen Morgen zur Orgie ausgeartet. Die bedienenden Cocos und sogar vornehme Indianerinnen waren belästigt worden. Daher übernachteten, auf Anordnung von Cortes, die Kastilier fortan wieder in ihren Tempel-Wohnungen. Sobald sich die Sonne aber erhob, wurde im Königshaus weiter gezecht und geschlemmt, gegrölt und scharmiert.

Am Vormittag des fünften Tages schritt Cortes mit Marina über den großen Rasenplatz, um sich in den Tecpan zu begeben. Eine Menge Neugieriger, Handwerker und Bürger, die zum Palast keinen Zutritt hatten, standen vor dem großen Schloßtor, in der Hoffnung, die Feingestalt der Marina zu erspähen oder einen Blick, ein Lächeln, einen Gruß des Höchsten der Sonnensöhne zu erhaschen und wie ein Almosen nach Hause zu tragen. Doch plötzlich – leise und scheu, wie der Wind durch Schilfrohr streicht, glitt ein Murmeln, huschte ein banges Fragen und Kopfwenden über die hundertköpfige Menge hin. Cortes und Marina befanden sich eben in der Mitte des Rasenplatzes, und sie sahen, daß das Volk auseinanderwich, vier phantastisch buntschillernd gekleideten Indianern Platz zu machen, welche, heraufgestiegen aus dem Innern der Stadt, eilig auf den Eingang des Palastes zuschritten. Zwei von ihnen waren als Jaguare, die beiden anderen als Adler verkleidet. Besonders der eine Adler trug sich wie ein Adler. Die Kostbarkeit seines Panzers und Helmes, übersät von lichtersprühenden Kleinodien, überstieg alles, was Cortes bis dahin unter den Begleitern des Staub-Aufwirblers und des Schwelenden Holzes bei den Sanddünen und unter den Adlern und Jaguaren des dicken Kaziken an Kleiderpracht gesehen. Unüberbietbar die Arroganz seiner Kopfhaltung, seines Armschlenkerns, seines lässigen und dünkelhaften Schrittes. Er sah Cortes und übersah ihn, keines Blickes würdigte er ihn. Und er ging in den Königspalast hinein, als betrete er sein eigenes Haus.

»Was sind das für Menschen?« fragte Cortes Marina, mühsam seine Erregung meisternd.

»Das sind Mexikaner!« erwiderte sie. »So benehmen sich nur Mexikaner!«

Von den umherstehenden Totonaken vermochte sie keine Auskunft zu erhalten. Offenbar waren die vier Mexikaner eben erst in Sempoalla angelangt.

Cortes und Marina begaben sich in den Tecpan.

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