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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 20
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Außerhalb des Dorfes, im Kreis um den blutgetünchten Tempel, wurde das Lager aufgeschlagen. Nach einer Stunde war alles gerichtet. Vor den Zelten brannten die Beiwachfeuer, brutzelten die Kessel. Die Marketenderin Catalina Marquez hatte ihre Augen überall, war überall, half überall und wischte sich den Schweiß von den roten Backen – mit Recht trug sie den Spitznamen die Feuerlilie. In Gruppen von zehn Mann saßen und lagen die Mannschaften um die Feuer geschart, schwätzten, lachten, aßen. Und die flatternden Flammen malten grelle Ränderflecke auf die Lederwämser, Stahlwaffen, Sturmhauben und sonnverbrannten Gesichter.

Auch nach dem Nachtmahl wollte sich keine Müdigkeit einstellen – kurz war ja der Tagesmarsch gewesen. Der Mond hatte die Sonne abgelöst, sein mildblaüer Metallglanz vermählte sich mit dem von den Wiesen aufdunstenden Nebelschimmer. Weißglühende heuschreckengroße Leuchtkäfer flogen umher. Ein Präriewolf heulte irgendwo weit draußen in der Grasebene, und Moro und Becerrico antworteten mit sehnsüchtigem Gebell.

Porras, der rothaarige Sänger, trug Romanzen vor von den Abencerrages, Zegris und Almoradis in Granada. Doch die Ritterlichkeit maurischer Edelleute fand diesmal weniger Anklang als sonst.

»Wir wollen tanzen!« rief der feiste Alonso Luis, den man das Kind nannte. Sein Vorschlag löste tosenden Beifall aus.

Der Bergmann und Tanzmeister Ortiz stimmte seine Gitarre und rief La Medina. Sie hatte soeben ihren Schützling, den blinden Knaben Juan Nunez de Mercado, schlafen gelegt. Sie kleidete sich um, als sie vernahm, daß ihr Tanz begehrt werde, und erschien alsbald in einem kurzen, kaum bis zu den Knien reichenden Flitterröckchen und einem unterhalb der bloßen, straffen Brüste geschnürten Mieder. Sie war über und über mit winzigen Messingscheiben behängt, und bei jedem ihrer Schritte klirrten die Scheiben, auch auf dem Scheitel trug sie welche, wie Schuppen eines Goldkarpfens übereinandergesetzt und spiralig zu einer rundlichen Kappe genäht, darunter buschig die schwarze Lockenmähne hervorquoll.

Und sie tanzte. Es war ihr Gottesdienst, und sie zwang die rohen Soldaten zu lautloser Andacht. Ihr Gesicht hatte das Schmerzlächeln Unserer Frau der Sieben Schwerter, Nuestra Senora de las Siete Espadas. Mit dünnen nackten Schenkeln tanzte sie heilig wie die tanzenden Engel Fra Angelicos. Sie zeigte ihre Blöße, wie man eine Monstranz zur Schau stellt. Ihr Hüpfen war ein Gebet.

Als sie geendet hatte und ermüdet, mit rotglühenden Wangen sich dem Beifall zu entziehen suchte, kam Juan Sedeiio, der Reiche, auf sie zu. Er nannte einen Neger sein eigen, hatte eine Ladung Kassave-Brot und eingesalzenes Fleisch mit auf die Reise genommen, und seine Stute hatte bei der Landung gefohlt –: er war eine hervorragende Persönlichkeit unter den Soldaten.

»Werde mein Weib«, flüsterte er. »Ich meine es nicht wie die anderen. Pater Olmedo soll uns trauen! ...«

Sie entwand sich seinem Griff und suchte Zuflucht bei ihrem blinden Knaben.

Auf La Medinas Einzeltanz folgten Reigen, Fackeltänze, Plumptänze. Sogar der bucklige, immer mißmutige Narr Madrid wurde von der allgemeinen Ausgelassenheit mit fortgerissen, sprang und watschelte grotesk umher, Arm in Arm mit dem Apotheker Ponce, dem verrückten Baccalaureus. Der Bogenschütze Pedro deGuzman aber, einer der besten Teilnehmer des Freibeuterzuges, drehte sich zierlich im Kreise, die vornehme Francisca de Valtierra herzhaft an sich pressend, und während er darüber nachsann, wie federleicht sie in seinen Armen lag, reifte sein Entschluß, sie noch fester an sich zu fesseln. Ein Blick von ihr entschied über ihr und sein Schicksal – ein Schicksal, das sie beide nach einem Leben, reich an Entbehrungen und Erfolgen, Leiden und Freuden, dereinst zum Schneetod auf den Gletschern Perus hingeleiten sollte ...

Maria de Estrada hatte sich ihren Lebensretter Sanchez Farfan zum Tänzer gewählt. Aus Schmerz darüber warf sich die Mulattin Beatriz de Palacios dem wüsten Ribadeo, dem Weinschlauch, an den Hals. Daß Beatriz Bermudez und die brave Ines Florin, daß die gutherzige Isabel Rodriguez, die etwas rundliche Rosita Mufios und die Lagerdirne, die man die lange Elvira nannte, sich von den Tänzen nicht fernhielten und viel hofiert und umworben waren, versteht sich von selbst. Maria del Rincon, die eine Schwäche für Italiener hatte, tanzte mit dem Venezianer Maldonato, einem frühreifen, sechzehnjährigen kranken Burschen, und mit dem kaum älteren Genuesen Lorenzo Serafini, dem Gatten der alten Portugiesin, lsabel de Ojeda aber, die olivenbleiche, ließ sich vom stattlichen Alonso de Barrientos im Kreise herumwirbeln.

Da trat der junge Fähnrich Antonio Villaroel an sie heran und übergab ihr zwei große, grünbraune Orchisblumen, pantoffelähnliche Cypripedien. Er war der Untergebene des Diego de Ordas und hatte bei den Kämpfen in Tabasco eine Unterabteilung des von Ordas befehligten Heeres zum Siege geführt. Ein wenig allzu eitel war er auf diese frischen Lorbeeren, eitler aber noch auf sein anziehendes Äußere. Sein Kummer war sein bürgerlicher Name, der dem des portugiesischen Markgrafen Villareal so ähnlich sah. Neuerdings nannte er sich Villareal statt Villaroel.

Die beiden Frauenschuhe überreichend, sagte er:

»Don Diego de Ordas schickt Euch, Dona Isabel, diese Venusschuhe als Wahrzeichen seiner Liebe und als Ehrengabe für Eure liebreizenden, kleinen, das Schicksal niedertanzenden Füße!«

Die olivenbleiche Isabel streckte die Hand nach den Blumen nicht aus.

»Ich bin schuldlos an seiner Liebe, Señor«, sagte sie.

»Wollt Ihr den alten Mann so kränken, Dona Isabel, und seinen Gruß zurückweisen?« fragte Villareal fast flehentlich.

Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. Doch bald glätteten sich ihre Züge. Sie wunderte sich, daß sie diesen Jüngling bisher nicht beachtet hatte. Gewiß war er einer der Schönsten im Heer, und sie war – das wußte sie – sie war die Schönste.

»Ich will die Blumen nehmen, Señor, weil sie aus Eurer Hand kommen!« sagte sie. »Geht zu Eurem Herrn Don Diego und überbringt ihm meinen Dank und meinen Kuß, den ich Euch für ihn gebe!« Und lachend küßte sie ihn auf den Mund.


Der Hauptmann Ordas hatte diesen Auftritt von weitem mit angesehen. Als Villareal ihm Isabels Botschaft ausrichtete, nickte er nur schwermütig. Auf den Kuß verzichtete er.

Einsamer denn je inmitten der tollenden Lebenslust, stieg er die Tempeltreppen hinauf und hockte oben, die allzu langen, holzdürren, in eng anliegende hellgraue Hosen gezwängten Spinnenbeine emporziehend. Mit den Knochenfingem drehte er wieder an seinem sarazenischen Schnauzbart. Er starrte in den Mond, ohne ihn zu sehen.

Seit ihrer Kindheit kannte er Isabel de Ojeda. Vor zehn Jahren war er der Reisebegleiter und Freund ihres Vaters gewesen – jenes prachtvollen, unglücklichen Alonso de Ojeda, der die Küstenstriche nördlich des Orinoco entdeckte und dem Lande, seiner Pfahlbauten wegen, den Namen Klein-Venedig – Venezuela – gab.

Ojedas Lebensgeschichte mutet an wie eine herbe Heldensage aus Wikingerzeit. War da einst in seiner Heimatstadt Sevilla die Königin Isabella von Kastilien zu Besuch und ritt auf weißem Zelter durch die Gasseni da erstieg er, ein Jüngling damals, den wolkenhohen Giralda-Turm, wo ein zwanzig Fuß langer Balken aus einem Fenster hinausragte, und er schritt auf dem schmalen Balken, ging bis ans Ende des Balkens, hob pirouettierend ein Bein – schon glaubten Volk und Königin, er stürze aus der Schwindelhöhe herab. Doch ohne zu schwanken, kehrte er ans Fenster zurück.

Nach der Entdeckung Venezuelas wurde er vom Vorsteher der indianischen Angelegenheiten, dem Bischof Fonseca von Burgos, zum Gobernador des an Veragua grenzenden Landes Uraba ernannt. Mehr als den Titel gab ihm Spanien nicht, den Besitz der ihm verliehenen Provinz sollte er erst erkämpfen. Der erste Kartograph Amerikas, Juan de la Cosa, wie gleichfalls Diego de Ordas begleiteten Ojeda auf dieser schlecht ausgerüsteten, dem Untergang geweihten Expedition. Um die indianische Stadt Calamar einzunehmen, war Ojeda mit Juan de la Cosa und siebzig Mann an Land gegangen, seinem Freunde Ordas die Aufsicht über die Karavellen übertragend. Als nach fünf Tagen keiner der Ausgeschifften an die Küste heimkehrte, brach Ordas mit den zurückgebliebenen Mannschaften auf, die Gefährten zu suchen. Sie fanden sie in einem Walde, tot, alle siebzig niedergemetzelt, die Leiche des Kartographen war schwarz, grauenhaft gedunsen und entstellt durch das Pfeilgift der Indianer. Nur Ojeda fehlte. Weitab wurde auch er schließlich entdeckt, im Gebüsch liegend, vor Hunger fast irr, halb verblutet, doch ohne Giftwunden. Seiner Löwenkraft war es gelungen, sich durch den umzingelnden Feindeshaufen durchzuschlagen. In seinem Schilde staken dreißig Pfeile.

Beim nächsten – diesmal siegreichen – Gefecht mit Indianern durchbohrte ein Giftpfeil den Schenkel Ojedas. Da befahl Ojeda seinem Arzt, eine Eisenstange weißglühend zu machen und sie ihm durch den Schenkel zu stoßen. Erbleichend, angstbebend weigerte sich der Arzt, bis Ojeda ihm den Galgen androhte, falls er seinen Befehl nicht ausführe. Während der gräßlichen Prozedur ließ sich Ojeda an den Armen und Beinen nicht festhalten, wie es manch anderer getan hätte, er setzte sich so, daß er Zuschauer der Ausbrennung wurde. Das weißglühende Eisen verkohlte nicht nur einen Teil des Schenkels, es dörrte auch den übrigen Körper so sehr, daß Bauch, Brust und Hals noch lange hernach mit Weinessig gekühlt werden mußten, der aufzischend verdampfte.

Mangel an Lebensmitteln trieb bald das dezimierte Eroberungsheer zur Verzweiflung. Gefristet wurde der drohende Hungertod noch für kurze Zeit durch die Ankunft eines genuesischen Korsaren, auf dessen gestohlenem Schiff sich viel gestohlenes Gut befand. Die Soldaten gaben ihre geringe Habe hin, dem Seeräuber Brot und gesalzenes Fleisch abzukaufen. Als auch diese Quelle erschöpft war, beschloß Ojeda, nach Haiti zu reisen, um persönlich bei den Behörden Beistand für sein verschmachtendes Heer zu erwirken.

Zuvorkommend erbot sich der Korsar, ihn auf seinem Rennschiff nach Haiti zu bringen. Mit Diego de Ordas und wenigen anderen Begleitern bestieg der Statthalter das Boot des Freibeuters. Auf hoher See wurde Ojeda von den Seeräubern in Ketten gelegt. Ein Sturm verschlug das Schiff an die West-Spitze Kubas, in der Meerenge zwischen Kuba und Yucatan zerschellte das Schiff. Ein Teil der Besatzung rettete sich auf die Insel Cozumel, fiel den Eingeborenen in die Hände und wurde einer nach dem andern verspeist. Nur zwei von diesen kamen mit dem Leben davon: der Frater Jeronimo de Aguilar, der spätere Dolmetscher des Cortes, und jener Matrose Gonzalo Guerrero, der, als er die Möglichkeit hatte, zu Christen zurückzukehren, es vorzog, ein Indianer zu bleiben.

Den meisten der Schiffbrüchigen aber gelang es, an Planken und Schiffstrümmer geklammert, die östlich gelegene, äußerste Spitze der langgestreckten Insel Kuba zu erreichen. Von da bis zu den europäischen Niederlassungen war ein Weg von Wochen, der durch endlose Moräste führte, wo die Schiffbrüchigen, bis an den Gürtel im Schlamm versinkend, Tag für Tag waten mußten. Ojeda wurde in Ketten mitgeführt, und nur, wenn Indianer in Sicht waren, wurden ihm die Ketten, seiner Tapferkeit wegen, für kurze Zeit abgenommen.

Als ein indianisches Kanoe gefunden wurde, befahlen die Seeräuber dem Ordas, von Jamaica Hilfe zu erbitten. Rudernd erreichte Ordas Jamaica. Der Statthalter Esquivel von Jamaica schickte sofort eine Karavelle mit Lebensmitteln, Kleidern und Hilfsmannschaften ab, obgleich Ojeda sich einst verschworen hatte, ihm den Garaus zu machen, wenn er ihn träfe. Der Anführer dieses Schiffes war Panfilo de Narvaez, der Neffe des Diego Velazquez, des Statthalters von Kuba.

Die Gestrandeten wurden an Bord gebracht. Als das Kanoe, in welchem Ojeda saß, sich der Karavelle näherte, rief ihm der großspurige und redegewandte Panfilo de Narvaez mit seiner mächtigen, wie aus einem Gewölbe ertönenden Stimme freundliche Trostworte zu und begrüßte den in Lumpen gekleideten, gebrochenen Mann als Statthalter von Uraba. Aber Ojeda antwortete darauf nur:

»Mi remo no rema. Mein Ruder rudert nicht mehr!«

Wenige Monate später zeigte sein Ermattungstod, wie wahr diese Worte gewesen. Als Bettler starb der Gobernador von Uraba. Außer Schulden hinterließ er seinen zwei Kindern, der achtjährigen Isabel und deren um ein Jahr älterem Bruder, nichts als einen sagenumwebten Namen. Drei Stunden vor seinem Tode ließ sich der alte Soldat in den Orden der Franziskaner aufnehmen und verschied, ausgesöhnt mit seinem Geschick, im Mönchs-Habit.

Der beiden Waisen nahm sich Ordas an und gab ihnen die Erziehung, wie sie Kindern eines Statthalters zukam. Seine väterliche Zuneigung wurde zur Vergötterung, als Isabel außergewöhnlich schön heranwuchs. Um sie nicht schutzlos zurückzulassen, hatte er sie – und auch ihren Bruder Alonso – veranlaßt, mit nach Mexico zu ziehen. Er wollte der Wächter ihrer Schönheit sein und hoffte, ihr mehr als das sein zu können. Sie aber dankte ihm mit einer Dankbarkeit, die weh tat. Er haßte ihren Dank, weil er ein Panzer war, mit dem sie sich vor ihm schützte ...

Um sein Schwert gewunden war eine amarantfarbene Schärpe, ein Geschenk Isabels. Mit silbernen Fäden hatte sie einen pudelhaften, von einer Putte gebändigten Löwen auf die Schärpe gestickt. Im Mondschein auf den Tempelstufen hockend, nahm er die Schärpe ab und zupfte an den gestickten Fäden. Doch ohne Messer konnte er die Fäden nicht herausreißen. So ließ er denn – diesmal noch – das Emblem der Liebe auf der Schärpe.

Spät an diesem Abend hielt der Kämmerer Rodrigo Rangel diese Ansprache an Cortes:

»Wäre ich eine Kuh in Andalusien, ich würde bei einem Gang durch die Gassen Sevillas den Kopf nicht unmutiger schütteln, als ich hier, auf dem Wege ins Fabelland Mexico, den Kopf schütteln muß. In Sevilla gibt es Fleischerläden – oh! ein bitterer Anblick für eine Kuh, und hier gibt es einen Opfertempel – ein bitterer Anblick für einen Menschen. Sonst aber suche ich nach einem Unterschied und finde keinen. Würde denn Montezuma ein Stück Menschenfleisch essen,wenn er denken könnte wie wir? Würden wir ein Stück Rindfleisch essen, wenn wir denken könnten wie eine Kuh? Das ist es: wir können nicht denken I Wir denken überhaupt nicht, wenn wir essen! Die Kuh aber kaut und kaut wieder und denkt – und das ist das Furchtbare! ... Dem Namenlosen ist die Hand bei lebendem Leibe abgehackt und auf den Schindanger geworfen worden, wo sie von Ratten und anderem Geschmeiß gedankenlos zerknabbert wurde, die Indianer aber hacken Leichen die Arme ab, bereiten sie appetitlich zu mit öl, Pfeffer und anderen Gewürzen, schmoren sie, verzehren sie eigenselbst und sagen: ,Ich kaue und esse meinen Gott!' ... Ich bitte Euer Liebden, was ist christlicher? Wir aber nennen es indianisch, wenn Avila den leeren Ärmel des Einarms von Villanueva durchbohrt, und gar mexikanisch will es uns scheinen, wenn Ordas einen toten Walfisch aufspießt. Kann ein toter Fisch den Tod verdienen ? Sowenig wie ein leerer Ärmel. Sowenig wie ein rotes Tuch,–aber die Stiere denken anders. Oder nein, sie denken eben nicht, nur die Kuh tut es, weil sie kontemplativ ist und keinem Ziel nachjagt. Womit ich nicht behauptet haben will, daß nicht auch die Pferde denken. Aber was denkt sich so ein Pferd, wie der Hengst des Tanzmeisters Ortiz, wenn es unablässig wiehernd hinter der Stute des reichen Sedeno hertrabt? Oder wenn Maria de Estrada (die ich für ein verzaubertes Edelrofi halte) hinter dem Jammergaul Sanchez Farfan hertrabt? Oder wenn ich der langen Elvira nachlaufe, obzwar nicht wiehernd ? Hat das einen Sinn ? Verdient ein toter Fisch den Tod? (möchte ich nochmals fragen). Nein, er verdient den Tod nicht, auch nicht den Opfertod, auch nicht den Tod im Fleischerladen. Folglich – um es kurz zu machen – sollten wir ziellos sein. Nur das würde uns befähigen, zu kontemplativen Kühen zu werden.«

So sprach Rodrigo Rangel. Früher als befohlen, wurde Cortes den nächsten Morgen geweckt. Ein Pedro getaufter Indianersklave aus Manzanilla auf Kuba, ein Fußläufer von besonderer Flinkheit, war aus Vera Cruz mit einem Brief des alten Escalante angelangt.

Nachdem Cortes den Brief gelesen, gab er Martin de Gamba, seinem Stallmeister, Auftrag, den Romo zu satteln, und ließ Alvarado, Sandoval und den Kavalleristen Enrico Lares in sein Zelt bitten.

»Mir schreibt da Escalante«, sagte er, »daß sich ein fremdes Schiff dem Hafen nähert, und er erbittet Verhaltungsmaßregeln. Zum Glück sind wir noch so nah, daß ich selbst hinreiten und nach dem Rechten schauen kann, für den Fall uns Diego Velazquez einen Tort antun will. Euch, Sandoval und Lares, nehme ich als Begleiter mit. Und Ihr, Alvarado, sollt, während ich abwesend bin, mich vertreten. Ich wähle Euch, weil die Leute Euch lieben, aber haltet die Zügel nicht zu locker!«

»Ich werde das Vertrauen rechtfertigen, das Ihr in mich setzt!« sagte der blauäugige Alvarado.

Als sich Cortes eben in den Sattel geschwungen hatte, näherte sich ihm Alonso de Grado, ein nicht mehr junger Mann mit dreimal gefaltetem, hängendem Unterkinn, schwarzen Äuglein und einem winzigen schwarzen Schnurrbart-Flecken inmitten des glanzigen Mondgesichtes. Dieser Schlemmer, Lautenspieler, Zungendrescher und Vielschreiber hielt sich stets hintenübergebeugt, gleichsam im Begriff, auf den Rücken zu fallen vor aufgeblähter Selbstbewunderung. Schon den Abend vorher hatte er Cortes in den Ohren gelegen und mit vielen Argumenten seinen Herzenswunsch vorgebracht: Cortes möchte ihn doch – an Escalantes Stelle – zum Anführer der in Vera Cruz zurückgebliebenen siebzig Mann ernennen. Bloß gelächelt hatte Cortes und hatte ihn mit ausgesuchter Höflichkeit zum Zelt hinauskomplimentiert. Daher stellte sich Alonso de Grado jetzt wieder ein und zeigte eine Bittschrift vor, ein hochtrabendes Schriftstück, mit nicht weniger verschnörkelten Arabesken im Stil wie in den kalligraphisch auf Pergament gemalten Majuskeln.

»Ihr hättet viel besser getan, Senor, die Nacht zu schlafen!« sagte Cortes und gab seinem Pferd die Sporen. Alonso de Grado sah ihm mit offenem Munde nach und hatte die Bittschrift noch immer in der Hand.


Da dicht beim Dorfe eine Brücke war, gelangten die drei Reiter ohne weiteren Aufenthalt ans andere Ufer. Sie ritten dann in scharfem Trab.

Und der Indianer Pedro hielt Schritt mit ihnen, mühelos, als wäre er ein nebenher trottendes Windspiel. Den Tagesweg des Heeres legten sie in anderthalb Stunden zurück.

Das fremde Schiff war inzwischen gelandet. Und der alte Escalante kam Cortes vor die Tore der Stadt entgegengeritten und erzählte, daß der Schiffskapitän ein gewisser Francisco de Salcedo sei. Aus Veragua kommend, habe er in La Havanna zu spät von der Unternehmung des Cortes gehört, habe sich mit zehn Mietsoldaten – zu spät gekommen wie er – zusammengetan, ein Schiff und drei Pferde zu kaufen, und sei, ohne Wissen des Statthalters von Kuba,Don Diego Velazquez, ins Ungewisse hinausgesegelt, dem Zufall sich anvertrauend. Geradewegs habe sein guter Stern ihn hierhergeführt.

»Nein – mein guter Stern hat ihn hergeführt!« verbesserte Cortes. »Zehn Mann sind uns viel wert, und noch mehr wert sind uns ihre drei Pferde!«

Darin irrte er nun freilich. Denn als er auf den Marktplatz ritt, wo vor dem halbfertigen Magistratsgebäude die Neuangekommenen in Reih und Glied auf ihn warteten, stellte es sich heraus, daß mit den Pferden kein Staat zu machen war: das eine hatte die Mauke und mußte in Vera Cruz zurückgelassen werden, die beiden anderen lahmten, ausgemergelt infolge der Seefahrt. Unter der Mannschaft aber waren Prachtkerle.

Am wenigsten gefiel Cortes der Anführer Salcedo. Er war ein sauberer, allzu sauberer Fant. Seine geleckte Nettigkeit stand ihm übel zu Gesicht, wie ein Laster. Wenn er ein Bein um das andere schlang, geziert den Ellenbogen und den langnägeligen kleinen Finger hochhob, sein Schnurrbärtchen zu streicheln, vor allem aber, wenn er sprach – und nie anders sprach er als mit einer zur Schau getragenen Eleganz –, konnten sich Cortes und seine Begleiter eines Lächelns nur schwer erwehren.

»Wir haben Bernal Diaz unrecht getan«, flüsterte Cortes Sandoval in die Ohren, »als wir ihn den Galanten nannten! Er wird den Spottnamen abtreten müssen!«

Den besten Eindruck machte der Leutnant Luis Marin. Grobschlächtig, rotbärtig, blatternarbig. Seine Häßlichkeit war auffallend, er hatte Säbelbeine, breite Backenknochen, eine unschöne Spitznase, aber auffallend war auch der sanfte, besonnene, stete Blick seiner grauen Augen. Auf Fragen antwortete er sachlich, kurz. Cortes fühlte sofort, daß er einen seiner tüchtigsten Offiziere vor sich habe.

Erst als Luis Marin seinen Namen genannt, erkannte Sandoval im Blatternarbigen mit dem roten Vollbart einen Jugendfreund, von dessen Schicksalen er, seit er die Alte Welt verließ, nichts mehr gehört hatte. Er sprang vom Pferd, eilte auf ihn zu, krummbeinig wie er – sie waren beide geborene Reiter –, umarmte und begrüßte ihn warm. Obgleich acht Jahre jünger, hatte er sich einstmals in seinem Heimatorte Medellin (wo ja auch die Wiege des Cortes gestanden) dem Luis Marin und dessen Freunde Pedro d'Ircio, dem Agramant ohne Taten, angeschlossen und mit beiden Gefährten manche Nacht, den Romancero lesend, durchschwärmt. Nun überbrachte ihm Marin Grüße von seinem Vater, dem Festungskommandanten Gregorio de Sandoval, der noch immer durch die Gassen Medellins schlenderte, einsam, verdrössen über ein vertanes Leben ...

Ein baumlanger Kerl stand neben Luis Marin: der Infanterist Antonio de Quifiones. Stämmig und lässig in der Haltung, pechschwarz, verwildert-struppig Bart und Haar, schmalstirnig, brutal und gutmütig das Gesicht. Daß dieser Sechsundzwanzigjährige sein Lebensretter werden würde, konnte Cortes nicht ahnen, aber das ahnte er wohl, daß ihm sein guter Stern einen Dienst erwies, indem er ihm diesen Mann zuführte.

Da standen auch noch zwei Freunde, die Reiter Francisco Martin de Vendabal und Don Pedro Gallejo. Auf der Universität Salamanca hatten sie sich gefunden und waren unzertrennlich seitdem. Sie waren Hidalgos, hatten schmale lange Gesichter und schöngeformte, längliche Schädel. Ihre Erziehung, Universitätsbildung und angeborenes Kavaliertum schied sie ab von den meisten der unter diesem Himmelsstrich dem Phantom el Dorado nachjagenden Abenteurer. Sie waren ernst und schweigsam. Besonders Don Pedro Gallejo schien beschwert von einer heimlichen Kummerlast, für die er vielleicht selbst keine Ursache wußte ...

Cortes ordnete an, daß der Indianersklave aus Manzanilla, der Fußläufer, die Neuangekommenen zum Feldlager geleite. Er selbst ritt, nach einstündigem Aufenthalt, mit Sandoval und dem Reiter Enrico Lares zurück.


Als sie das Stadttor hinter sich hatten, sagte Cortes zu Sandoval: »Zu einem Freund wie diesem Luis Marin muß ich Euch beglückwünschen, Senor. Daß aber Pedro d'Ircio Euer Freund ist, nimmt mich wunder!«

»Ich war vierzehn Jahre alt, als ich ihn kennenlernte, Euer Gnaden! Ich staunte ihn an wie ein Meerwunder, weil er mir sein Erlebnis mit dem Grafen de Urueña und einem Don Pedro Jiron erzählte. Ich hatte nie dergleichen gehört ... Ich habe auch seitdem nie Ähnliches gehört«, fügte Sandoval nach einer Pause hinzu.

»Vom Grafen de Urueña«, sagte Cortes, »soll d'Ircio auch jetzt noch immerwährend fabeln, sobald er ein Glas zuviel getrunken. Aber niemand glaubt ihm – wurde mir berichtet. Der Graf de Urueña ist ein großer Herr, ein Grande von Spanien. Muß man nicht annehmen, daß d'Ircio aufschneidet?«

»Das tut er sicherlich, Euer Gnaden. Aber er lügt nicht.«

»Ist das ein Unterschied, Señor?«

»Gewiß, wie zwischen einem Körper und einem Kleid. Er schneidet nur das Kleid zurecht, wenn er aufschneidet.«

»Freilich. Einen Menschen zu machen ist schwerer – oder leichter. Eine gute Erzählung auch. Beides traue ich ihm nicht zu. Also mögt Ihr recht haben, daß er sich's nicht aus den Fingern gesogen. Doch was hat er denn erlebt?«

»Eine der seltsamsten Geschichten, Euer Gnaden.«

»Erzählt, Señor. Es wird uns die Zeit vertreiben.«

Und Sandoval erzählte.

Als Sohn eines Tuchwebers war Pedro d'Ircio zur Welt gekommen und war in seiner Jugend in keine Schule, wohl aber in die harte Schule der Not gegangen. Zwanzig Jahre alt, nachdem er sich als Lastträger, Küchenjunge, Eseltreiber, Glasbläser, Orangenverkäufer, ja sogar als Schneiderlehrling versucht, verdingte er sich beim Grafen de Urueña als Stallbub. Nachdem er es gelernt hatte, Pferde zu füttern und zu striegeln, rückte er zum Reitknecht herauf und durfte den Grafen bei seinen Ausritten begleiten. Das ging so eine Weile. Eines Morgens nun, als sie aus einem Walde kommend auf eine anmutig gewellte Wiese gelangten, verlangsamte der Graf den Trab und ließ – was er noch nie getan – den Stallknecht neben sich reiten.

»Willst du ein Stück Geld verdienen, Bursche?« fragte er ihn unvermittelt.

Pedro d'Ircio gestand schmunzelnd ein, daß für ihn ein Stück Geld keine Kleinigkeit sei. Der Graf fuhr fort:

»In meinem Hause wohnt ein Weibsstück, das ihrem Namen und ihrer Familie Schande macht ...«

Der Graf schwieg eine Weile. Und d'Ircio sann höchst verwundert über seine Worte nach. Denn noch nie war ihm zu Ohren gekommen, daß der alte Witwer eine leichte Person bei sich beherbergte. Ei, ei, so ein Scheinheiliger! ... Der Graf fuhr fort:

»Nachdem sie sich in Pfützen herumgesühlt hatte, steckte man sie ins Kloster. Fünfmal. Aber jedesmal wurde sie von Liebhabern befreit. Kein Kloster nimmt sie mehr auf. Die Liebhaber wanderten ins Gefängnis. Immer neue fanden sich, da sie so schön ist. Die Ärzte behaupten, sie sei krank, mannstoll ... nur ein Mann könne sie heilen ... Welcher Mann ihres Ranges würde sie nehmen! Wäre sie auch reicher noch, als sie ist: ein getragenes Hemd kauft kein Edelmann. Darum raten mir die Ärzte, ihr einen Galan zu suchen, damit das Gerede aufhört ...«

Wieder schwieg der Graf. Dem Bereiter aber donnerte das Herz an die Rippen.

»Ich habe dich dazu ausersehen, Bursche«, sagte schließlich der Graf. »Du sollst gut dafür bezahlt werden!«

Am Abend desselben Tages wurde der Reitknecht, mit verbundenen Augen, von einem alten Diener über Treppen und durch Säle und Korridore in ein Zimmer geführt. Dort nahm ihm der alte Diener die Binde von den Augen und verließ ihn, schloß die Tür hinter ihm.

Pedro d'Ircio befand sich in einem schummerig von einer Alabaster-Ampel beleuchteten Schlafzimmer. Goldene Ledertapeten, Ölgemälde in Goldrahmen, Gobelins. Auf einem Prunkbett lag, nur mit einem Spitzenhemd bekleidet, ein junges Mädchen, achtzehnjährig, blondlockig, weiß wie Milch. Er kam sich wie ein König und wie ein Mörder vor, er wollte fliehen und blieb doch, wirbelig, brennend wie eine Fackel. Und wäre er kein bezahlter Reitknecht gewesen, er wäre doch geblieben ... Die Tür war ja verschlossen.

»Pedro«, hauchte das Mädchen und streckte ihm sehnsüchtig die Arme entgegen.

Als er sich näherte, starrte sie ihn an, schrie auf und brach in wildes Schluchzen aus.

»Ihr seid nicht Pedro! ... Wer seid Ihr, was wollt Ihr, Mensch?! ...«

Sie schrie um Hilfe, jammerte, flehte. Ihre Schreie vergellten ungehört. Sie kratzte ihm blutige Striemen ins Gesicht, biß ihn in die Finger. Es half ihr nichts.

Seit jener Nacht wurde er jede Nacht zu ihr geführt. Er hatte keinen Grund zu klagen. Geld hatte er in Fülle. Und auch sie behandelte ihn besser, kratzte und biß nicht mehr um sich wie eine Wildkatze.

Nach einem Jahr wurde sie zärtlich, entwarf Fluchtpläne. Sie wollte sein Weib werden, entweichen mit ihm, sich heimlich trauen lassen.

In einer stürmischen Herbstnacht gelang es ihm, ihre Kerkermeister zu überlisten und sie aus dem Schloß zu entführen. Einen Teil des erworbenen Geldes hatte er daran gewendet, in einem Dorf der Umgegend einen Kaplan zu bestechen, der die heimliche Ehe einsegnen sollte.

Während sie über die nachtschwarze Ebene eilten, nicht mehr fern von der Kirche, glaubte er Roßgetrappel zu hören. Es konnte auch der Sturmwind sein, der mit wütigen Böen über Stock und Stein galoppierte.

Die Tür der Kirche stand offen, gelbrotes Kerzenlicht blendete in die Nacht hinaus. Der Kaplan erwartete das Brautpaar. Als sie eben eintreten wollten, sausten zwanzig geharnischte Reiter heran. Der vorderste sprang aus dem Sattel auf die Kirchenschwelle, hielt dem Kaplan eine Muskete unter die Nase.

»Ich heiße Don Pedro Jiron, und diese Doncella ist meine Braut. Ihr werdet uns trauen, wenn Ihr vernünftig seid! ...«

Pedro d'Ircio erlaubte sich bescheiden zu bemerken, daß die Braut seine Braut sei. Die Umstehenden brachen in ein zackiges Gelächter aus.

»Die Tochter des Grafen de Urueña?! Seid Ihr von Sinnen?«

Als er das hörte, glaubte er freilich von Sinnen zu sein.

Das Fräulein sagte zu ihrem Verlobten – ganze leise zwar, doch so, daß Pedro d'Ircio es hören konnte –:

»Ich schrieb Euch doch, daß der Mann, der mich herbegleiten werde, nicht recht bei Verstande sei. Es ist ein Reitknecht meines Vaters.«

»Dann mag er als Trauzeuge hierbleiben. Mich stört er nicht!« rief Don Pedro Jiron lachend.

Und so geschah es. D'Ircio blieb, wohnte der Zeremonie geistesabwesend bei, war Trauzeuge, ohne davon zu wissen.

Der Neuvermählte ließ sich von ihm den Steigbügel halten, als er sich lachend wieder in den Sattel schwang. Für die Hergeleitung der jungen Frau gab er dem Reitknecht ein artiges Trinkgeld.

Das war zuviel. Der Reitknecht erwachte und stieß dem Lachenden ein Messer in den Rücken. Dann entwich er in die wolkenverhängte Ebene. Später erfuhr er, daß der Dolchstoß nicht tödlich gewesen. Der alte Graf aber ließ ihm trotz alledem einige hundert Pesos dafür auszahlen.

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