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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 2
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080921
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Früh am nächsten Morgen ließ Papan den alten Haushofmeister die Stechende Ameise an ihr Bett rufen. Jetzt war ihr Lager von Blumen bedeckt.

»Warum weinst du?« fragte sie.

»Vor Freude, Herrin«, erwiderte er kniend, die Arme ehrfürchtig auf der Brust verschränkt. Doch in seiner Stimme bebte mehr Grausen als Freude. Er war abergläubisch und fürchtete sich vor den an Kreuzwegen lauernden vampirhaften Seelen verstorbener Frauen, welche aus dem Westen, der Gegend der Weiber, auf die Erde niedersteigen.

»Dir bangt vor mir«, fuhr sie matt lächelnd fort. »Warum? Weil ich die Götter von Angesicht zu Angesicht gesehen? Keine Leiter führt von ihren Geheimnissen hernieder zu uns, die wir auf Erden atmen und Schmerz ertragen. Warum also erschreckt dich mein Anblick? Ich bin nur ein armer Mensch wie du!«

»Verlaß uns nicht wieder, Herrin!« sprach er verlegen.

Sie schien es zu überhören. Mit dem abgemagerten Nacken gegen ein aufrecht gestelltes weißes Baumwollkissen gelehnt, flocht sie emsig an ihrem langen Zopf.

»Schau, Stechende Ameise, mein schwarzes Haar ist weiß geworden ...«, sagte sie. »Das geschah, als die kalte Schlange über mich kroch ... Geh nach Tenuchtitlan zu König Montezuma, melde ihm, daß seine Schwester lebt und ihn bittet, zu ihr zu kommen. Große Dinge muß ich ihm enthüllen.«

Der alte Mann stand da wie vom Blitz gerührt.

»Vergib mir – ich wage es nicht, Herrin«, stammelte er.

Erstaunt sah ihn Papan an. Doch gleich darauf begriff sie. Dem Herrn der Welt die Nachricht überbringen, daß er eine Lebende betrauert und begraben! Kein Zweifel – das hieß ihren Diener ins Verderben schicken. Montezuma würde den alten Mann, ohne auch nur die Nachricht zu prüfen, als Lügner totpeitschen lassen, damit den vielen üblen Vorzeichen, die ihn und seine Völker schreckten, kein neues sich geselle. Sie wußte, wie krankhaft gereizt ihr Bruder war, seit der Blaue Himmel – die turmartige Kapelle auf der Stufenpyramide des großen Tempels – sich selbst entzündet und Nacht für Nacht der Komet über Tenuchtitlan drohte wie eine gezückte Todeswaffe.

Die Prinzessin sann eine Weile nach. Dann sagte sie: »Rudere nach Tezcuco hinüber und bitte meinen Oheim, den Herrn des Fastens, zu mir her.«

Der Haushofmeister atmete auf. Er beugte sich, berührte mit der Hand die Erde zum Gruß und verließ das Gemach.


Wie eine riesige Vogelspinne saß Mexico-Tenuchtitlan in der Südwestecke des Schilfsees und hatte ein Netz von gequaderten Steindämmen über den Wasserspiegel gesponnen, – ein Dammweg führte nach Iztapalapan im Süden, ein anderer nach Chapultepec im Westen, ein dritter nach Tepeyacac im Norden. Diese herrlich ausgemeißelten Dämme, der Stolz der Könige Mexicos, ermöglichten den Fußgängerverkehr mit den Uferstädten. Nach dem nordöstlich am Seeufer gelegenen Tezcuco jedoch führte kein Damm, ja nicht einmal im Boot konnte man es geradeswegs erreichen, denn als die große Überschwemmung einen Teil Tenuchtitlans unterspült und viele Häuser fortgerissen hatte, glaubten die Mexikaner sich durch ein Steinwehr schützen zu müssen, das nun den See zwischen Tenuchtitlan und Tezcuco in zwei Hälften zerschnitt. Nur am südlichen Teil des Sees befand sich eine leicht verstopfbare Wehröffnung, um größeren Lastkähnen die Durchfahrt zu ermöglichen.

Der Haushofmeister ließ sich von zwei Sklaven an das Wehr heranrudern und fand jenseits ein Boot, das ihn nach Tezcuco brachte.

Die Stadt Tezcuco, obgleich um vieles kleiner als Tenuchtitlan und nicht so reich an prunkvollen Palästen, übertraf doch die mächtige Bundesgenossin und Rivalin durch den ausgesuchten Geschmack in der Architektur seiner Bauten, durch die sprichwörtliche Höflichkeit und Gesittung seiner Bewohner und durch das ehrwürdige Alter vieler seiner Heiligtümer. Hier war der Sitz und Mittelpunkt der chichimekischen Kultur Anahuacs. Das Volk Quetzalcoatls, die erfinderischen Tolteken, durch die von Norden her einbrechenden Chichimeken aus Tula vertrieben, war in südliche Maya-Länder gewandert, war verschollen, nachdem es Bilderschriften, Flöten und Gesänge mit sich genommen. Doch blieb die Überlieferung lebendig, daß ein kleiner Teil der Vertriebenen sich in Tezcuco angesiedelt und die Segnungen ihrer hohen Geistesbildung und Kunstfertigkeit den rohen Eroberern, den chichimekischen Acolhuas, übermittelt habe. An dieser Tradition hingen die Acolhuas, die Bewohner Tezcucos, mit stolzer Überheblichkeit und rühmten sich, daß zu allen Zeiten ihre Stadt die bedeutendsten Dichter und Weisen beherbergt habe. Aber der Glanz Tezcucos drohte jetzt zu erblassen, überstrahlt vom übermächtigen Tenuchtitlan. Ein uneingestandener Groll gegen die unersättlichen Bundesgenossen war im Herzen der Acolhuas und zernagte auch ihrem Könige, dem Herrn des Fastens, das Herz.

Sein Vater, der Hungrige Schakal, der berühmte, in Liedern gefeierte Held und König, war als Jüngling vom tepanekischen Tyrannen Zürnender Aderlasser und dessen Sohn, Prinz Schambinde, seiner Herrschaft beraubt worden und hatte lange Jahre, von Dorf zu Dorf, von Berg zu Berg wie ein Wild gehetzt, das Leben eines Flüchtlings führen müssen. Damals trug auch Tenuchtitlans König, der Bastard Obsidian-Schlange, noch das Joch der Tepaneken. Und erst als des Hungrigen Schakals kleine Begleiterschar, mit den Jahren zum Heer angewachsen, sich den aufständischen Mexikanern verbündet hatte, gelang es, den Tyrannen und sein Tepanekenreich zu vernichten. Beide Könige, der von Tenuchtitlan und der von Tezcuco, hatten gleichen Anteil am Sieg, am Ruhm, an der ihnen nun zugefallenen Macht und sollten gleichberechtigte Stimmen haben bei der Leitung des von ihnen begründeten Drei-Städte-Bundes, in den sie auch, zum Lohn für geleistete Hilfe, das schwächere Tlacopan aufnahmen, welches neben den Ruinen von Azcaputzalco, der zerstörten Hauptstadt der Tepaneken, am nordwestlichen Seeufer emporblühte. Gleichberechtigt sollten sie sein – das war beschlossen und beschworen worden damals –, und wie ungleich waren sie jetzt schon, kaum zwei Menschenalter hernach. Das habgierige Mexico streckte seine Fangarme bis an die heißen Küsten beider Ozeane, und der König von Tenuchtitlan hieß: der Einzige Herr der Welt.

Des Hungrigen Schakals strahlende Liebenswürdigkeit hatte sein jüngster Sohn und Nachfolger, der Herr des Fastens, nicht geerbt – eine düstere, keine Schranken kennende Tugendliebe war sein hervorstechender Wesenszug. Wohl aber hatte er von seinem Vater die Neigung überkommen, den Kunstwerkstätten und Gelehrtenschulen seines Landes ein Förderer zu sein. Und der bange Zweifel, der die Denkenden jener Zeit beunruhigte und sogar die letzten Jahre seines aufgeklärten Vaters getrübt hatte, ließ auch ihm das Glück seiner Königsherrlichkeit fragwürdig erscheinen – der Zweifel nämlich, ob die goldschimmemde Kultur der Völker Anahuacs von Bestand sein könne, da sie errichtet war auf einem Fundament von Sklavenschädeln. Zehntausende und aber Zehntausende Kriegsgefangener fraßen die Götter Mexicos alljährlich, und das Fleisch der menschlichen Opfer wurde, mit Mais gebacken, an das Volk verteilt. Nie zu sättigen war der gierige Rachen, um ihn zu füllen, mußten Kriege, die nichts anderes waren als Sklavenraubzüge, geführt werden, aber jeder Sieg vermehrte die Feinde Anahuacs diesseits und jenseits der Grenzen. In unmittelbarer Nähe Tenuchtitlans lauerten mächtige Stadtgemeinden auf den Augenblick, über den Bluttrinker herzufallen wie Aasgeier über einen toten Wolf.

Die Prinzessin Papan hatte vor ihrer Erkrankung, wenn sie zu den Quaquiles nach Tezcuco kam, oft mit ihrem Oheim Zwiesprache gehalten und ihn, der sie wie eine Heilige verehrte, in seiner Abneigung gegen die Menschenschlächterei bestärkt. Da entschloß er sich eines Tages, den Befehl zu erteilen: in Zukunft sollten in seinem Lande keine Menschen mehr geopfert werden. Seit Quetzalcoatls goldenem Zeitalter hatte sich kein Fürst Anahuacs erkühnt, der Blutgier der Götter Einhalt zu tun. Und auch der Herr des Fastens sollte von seinem Wagemut mehr Kummer als Befriedigung ernten.

Zwar bei den Bewohnern Tezcucos, die sich rühmten, von den Tolteken, dem Volk Quetzalcoatls, abzustammen, stieß seine Neuerung auf keinen Widerstand. Und längere Zeit wurden nur Opfertiere die steilen Tempeltreppen emporgeführt. Die Sklavenjagden hörten auf, die Krieger halfen ihren Frauen, Maisfelder zu bestellen.

Doch die Götter grollten. Der Schatten des weißen Mannes verdüsterte mehr und mehr den Horizont. Der blaue Komet leuchtete am Nachthimmel. Und die Priester des Tezcatlipoca und Huitzilopochtli bestürmten den verängstigten Montezuma und wiesen auf Tezcuco als auf die Ursache so schlimmer Vorzeichen.

Da sandte Montezuma Boten an seinen Oheim, den Herrn des Fastens, und ließ ihm Vorhaltungen machen: erzürnt seien die Götter, denn seit vier Jahren habe er mit den Nachbarrepubliken Huexotzinco und Tlascala nicht mehr den üblichen Blumenkrieg geführt, seit vier Jahren sei in Tezcuco keinem menschlichen Opfer der Edelstein (nämlich das Herz) aus der Brust gerissen worden, uneingedenk der Ruhmestaten seiner Vorfahren schände er den großen Namen der Chichimeken und Acolhuas, indem er den Göttern das Blut vorenthalte, das ihnen am süßesten schmecke. So lautete seine Botschaft.

Der Herr des Fastens war tief verletzt. Er ließ seinem mächtigen Neffen zurückmelden: Nicht aus Feigheit lasse er die Waffen ruhen, denn Kriegstaten, die er einst vollführt, sprächen für ihn, und Lieder rühmten ihn als Blume auf dem Felde der Schlacht. Uralte Weissagung habe jedoch prophezeit, daß im herannahenden Jahre Eins-Rohr den beiden Kronen von Tenuchtitlan und Tezcuco Gefahr drohe, darum wolle er die kurze Zeit, die das Schicksal ihm gelassen, in Frieden genießen.

Doch diese stolze Antwort befreite den Herrn des Fastens nicht vom Stachel, der in seiner Seele saß, bis sie wund ward und eiterte. Er begab sich nie mehr nach Tenuchtitlan zu den Festen des Großkönigs. Jahrelang blieb er fern, und wenn Montezuma ihn auffordern ließ, fand er Ausflüchte.

Erst das jähe Hinscheiden Papans riß ihn aus seiner trotzigen Vereinsamung. Zu ihrem Begräbnis kam er über den See. Die Begrüßung zwischen ihm und Montezuma war eisig. Nachdem das Grabgewölbe mit der Steinplatte geschlossen war, ließ er sich zurückrudern.

Der Herr des Fastens war jetzt ein Mann von neunundfünfzig Jahren, doch erschien er weit jünger –: das Alter drückt auf indianische Gesichter selten seinen zerbeizenden Stempel. Das breitknochige Gesicht war bartlos. Die vorspringende, sehr gebogene Nase war an den durchbohrten Nüstern mit Türkispflöcken geziert, dem Abzeichen hohen Feldherrnranges. Die dünnen, an den Mundwinkeln herabgezogenen Lippen hatten einen weichlichen, schwermütigen Ausdruck. Das Haar, vom Federschmuck fast ganz verdeckt, war hartsträhnig, blauschwarz und weiß gemischt.

Als Papans Haushofmeister vor ihn geführt worden war und ihm geheimnisvoll Mitteilung machte von der Wiederkunft der Begrabenen und ihrem Wunsch, ihn zu sprechen, verriet kein Zug im grünlichgrau bemalten Antlitz des Königs, welch ein Sturm in seinem Innern tobte. Die Sterne, deren Lauf er allnächtlich in einer Sternkammer auf dem flachen Dache seines Palastes zu verfolgen pflegte und deren Flammenschrift zu entziffern er den besten Sterndeutern seines Landes abgelernt hatte – die Sterne hatten nicht getrogen. Die Natur hörte auf, sich selbst zu gleichen, Gräber taten sich auf. Das war der Anfang des Endes. Schlimmeres mußte folgen, unaufhaltsam, unabwendlich.

Der Herr des Fastens bestieg seine Königsgaleere, ein schlankes, zwanzig Ellen langes, aus kostbaren Hölzern gezimmertes Ruderschiff, in dessen kraus geschnitzte und mit rotem Glanzlack polierte Seitenwände Tropfen und Arabesken aus milchigem Speckstein eingelassen waren. Den Bug bildete ein ungeheurer stilisierter Alligator: der aufgerissene Rachen mit den bleckenden Hakenzähnen, die hervorquellenden blutigen Augen scheuchten böse Wassergeister. Der Griff des Steuerruders verzweigte sich als emporstrebendes Blättergerank, von dessen Höhe eine Blume sich niederneigte, übergroß, einem Lilienkelch ähnlich, aus grünpatinierter Bronze.

Zwanzig nackte Sklaven ruderten aufrecht stehend das Schiff.

Nur den jungen Prinzen Ixtlilxochitl, die Schwarze Blume, den hoffnungsreichsten seiner Söhne, nahm der König als Begleiter mit. Im funkelnden Federschmuck des Kopfputzes und der juwelbeladenen Gewandung glichen König und Prinz zwei wütend schwirrenden, grellfarbigen Hummeln.

Die Galeere brachte sie an den Damm, wo die Ruderknechte des Haushofmeisters noch warteten. Im kleinen Kanoe erreichten sie die Landungsstelle am Schloßgarten von Tlatelolco.

Der Herr des Fastens begab sich sofort hinein zu seiner Nichte. Das Gespräch, das er mit ihr führte, war kurz. Er kehrte zurück zur Landungsstelle und ließ sich nach Tenuchtitlan rudern.


Bei der Flutkatastrophe, die dem Vorgänger Montezumas, dem König Molch, das Leben geraubt hatte, war der größere Teil des alten, aus Lehm erbauten Tenuchtitlan fortgespült worden, und ein blitzend neues, verschönertes Tenuchtitlan war seitdem aus dem Schilfsee emporgetaucht, eine Stadt der Tempel, Kapellen und Paläste. Denn die wachsende Königsmacht, die früher nur Werkzeug und Waffe der Adelsherrschaft gewesen, ließ voll Mißtrauen den überflügelten und abhängig gewordenen Adel nicht aus den Augen: die grundbesitzenden Landedelleute waren verpflichtet, den größten Teil des Jahres in der Wasserstadt zu verbringen, und mußten, wollten sie sich auf ihre Besitzungen begeben, ihre Söhne oder ihre nächsten Verwandten als Geiseln zurücklassen. Und da die Schlafkammern des Königspalastes – einige hundert – kaum genügten, alle Höflinge und Prinzen königlichen Geblütes zu herbergen, sahen sich die Großen des Reiches gezwungen, Schlösser in Tenuchtitlan zu errichten, und sie taten es prunkvoll, dem üppigen Reichtum und Glanz ihrer Geschlechter entsprechend.

Aus dem Herzen der Stadt strebte die steile Tempel-Pyramide Coatepetl, der Schlangenberg, in die Wolken, alle hängenden Blumengärten auf den flachen Dächern der einstöckigen, aus Quadern eines roten porösen Lavasteines erbauten Häuser um ein Zehnfaches überragend. Und wie der Kraterkuppe eines Vulkans entquoll dem Allerheiligsten auf der obersten Tempelterrasse der schwarze Rauchfaden des ewigen Feuers und verlor sich im Himmel.

Älter und daher weniger prangend, aber steiler und sogar höher noch, erhob sich weit im Norden die immense Schwesterpyramide Tlatelolcos.

Achtundsiebzig kleinere schneeweiße Teocalli (Gotteswohnungen) lagen rings verstreut im roten Häusermeer, und ihre rhombisch verjüngten Bronze- und Strohdächer mit gestuften Steinzinnen umragten die beiden großen Pyramiden wie Bergzacken zwei Bergriesen. Besonders ein zierlicher Tempel im Südosten der Stadt fiel seiner pittoresken Schlankheit wegen in die Augen, er war dem Gotte Xipe-Totec geweiht, Unserm Herrn dem Geschundenen, und sein Dach bestand aus weißgeblichenen Menschenschädeln.

Westlich von der großen Schlangenberg-Pyramide erstreckte sich das Palast-Geviert des Königs Wassergesicht bis an den See, leer jetzt und ausgestorben, seit Montezuma sich in der Südwestecke Tenuchtitlans, in dem Moyotla genannten Stadtviertel, einen neuen märchenhaften Palast hatte empormeißeln lassen.

Dieser Huei-tecpan oder Große Palast war eine unbezwingbare Wasserburg, auf hochgestuftem Unterbau, eine Stadt in der Stadt, ein unermeßliches Labyrinth von reich tapezierten und bemalten Zimmern mit Decken aus Zedergebälk, Empfangsräumen, Rüstkammern, schattigen Höfen mit speienden Marmorfontänen – gespeist von fernen Gebirgsquellen, die der große Aquädukt hinleitete –, weiten Thronsälen, deren Wände von Silber und Jaspis erstrahlten, Tanzhöfen, einem Tierpark und Gartenanlagen, welche, umspült vom See, unter uralten Bäumen Lusthäuser und Pavillons bargen: ein heizbares Badehaus, ein Ballspiel-Haus und ein Haus der Trauer. Der Palast hatte dreißig Tore, und sein größter Hof konnte einige tausend Menschen fassen. Wildes Arabeskenwerk und mythische Gestalten in wütender Verzerrung grinsten und glotzten aus dem polierten Steinglanz der Außenmauern den Beschauer an. Niedrige Treppen von zehn Stufen führten zu den Eingängen empor.

Jedem Eintretenden wurden von einem Torhüter die Sandalen abgebunden, und dann wurde ihm – je nach seiner Kaste oder seinem Rang – in einem der drei Vorzimmer ein steinerner Schemel als Sitz zugewiesen. Ein Schreiber verzeichnete in einem Buche die Wünsche der wartenden Bittsteller. Wem das Glück zuteil ward, vor den Colhuatecuhtli, den König Mexicos, treten zu dürfen, der mußte es sich gefallen lassen, daß ihm ein grauer, rauher Mantel aus schlecht gewebten Agave-Fasern über Kopf und Schultern gelegt wurde, auf daß kein Zierat mit dem Schmuck des Weltherrn wetteifere. Vor den Augen Montezumas war jeder, auch der Höchststehende, nichts als ein Bettler oder Sklave, und strafwürdiger Frevel wäre es gewesen, hätten eines reichen Kaufherrn Perlenketten oder eines Feldherrn Abzeichen vor seiner Königsherrlichkeit als Symbole des Besitzes und Verdienstes zu prunken gewagt.

Nur den Höflingen und den befreundeten Fürsten war diese Selbsterniedrigung erlassen. Und als der Herr des Fastens und sein Sohn, die Schwarze Blume, durch den den Fürsten vorbehaltenen Schlangensaal geführt, der geheiligten Schwelle nahten, flimmerten ihre königlichen Quetzalfederkronen und ihr viereckiger Brustschmuck unverhüllt. An den Händen trugen sie die Mayehuatl genannten Handschuhe.


Die toten Krieger des Himmels hatten eben die Sonne bis zum Zenit geleitet und stiegen auf die Erde herab in Gestalt von Blumensaugern – Schmetterlingen und Kolibris –, während Frauenseelen die Sonne in Empfang nahmen und sie ins Land der Geburt und der Frauen im Westen fortführten.

Montezuma – sein Name bedeutet der Zornige Herr – pflegte um diese Stunde sich von Krüppeln und Narren die Sorgen des Tages verscheuchen zu lassen. Da nämlich Mißgeburten bei den indianischen Völkern von größter Seltenheit sind, standen Krüppel des Körpers und des Geistes hoch im Werte, und der Zornige Herr sammelte sie, wie er seltene Blumen, Tiere und Süßwasserperlen sammelte.

Seine Tageseinteilung war streng geregelt. Bei Sonnenaufgang wurde er durch Lieder einer Coco oder Dienerin geweckt. Er wusch sich mit der Wurzel der Hundsnelke, die als Seife diente. Ein Haus-Erleuchter – so hießen die Pagen – rasierte ihm den spärlichen Bart mit scharfen Obsidianmessern, und ein anderer führte die Gesichtsbemalung aus – meist ockergelb, nur bei gewissen Anlässen, Festtagen oder Trauerfällen, mit anderen Farben, wobei dann die Gesichtshaut sei es mit Sternen, sei es mit Querstreifen oder auch Ringen – uralten Vorschriften gemäß – bedeckt wurde. Dem Vogelhaus genannten Saal, der königlichen Kleiderkammer, entnahmen Sklaven Gewänder aus bunt zusammengefügten Kolibrifedern und Geweben mit phantastischen Drachen-, Schmetterlings- oder Treppen-Mustern und legten sie dem Herrscher zur Auswahl vor, welches er wählte, trug er nur einen Tag, um es dann einem Günstling zu verschenken.

Mit gleicher Freigebigkeit verschenkte er nach eintägigem Gebrauch seinen Nackenfederschmuck, seine Wadenschienen aus Goldblech, seine mit Smaragden eingelegte goldene Fußspange oder sein Mundgeschmeide – einen in die Unterlippe gesteckten knopfartigen Lippenpflock in Gestalt eines kleinen goldenen Adlers. Aber auch adlige Mädchen und sogar Königstöchter verschenkte er, nachdem sie nur eine Nacht im Hause der Vierhundert Frauen zugebracht hatten. Die unterjochten Fürsten mußten, als Tribut, dem Herrn der Welt ihre Kinder senden. Und ebenso hatte er ein Anrecht auf alle in Mexico geborenen Mädchen. Die Schönsten unter den Töchern des aztekischen Adels wurden, nachdem sie mannbar geworden, in das Haus der Vierhundert Frauen eingeliefert, damit der König sie besichtige. Er tat es mit satten, müden Blicken, strich mit lassen Fingern durch eine herabwallende Haarmähne, strich über eine weiche Hüfte, über eine kindliche Brust und ließ sich die dreieckig abgefeilten Zähne zeigen (alle vornehmen Mexikanerinnen hatten spitzgefeilte und mit Cochenille rotgefärbte Zähne). Oft geschah es, daß er wie ein finsterer Gott durch die Schar der vor Demut Bebenden hinschritt und mit grausam-gleichgültigen Augen sie sehend übersah. Oft auch gab er die Anmutigsten, ohne sie berührt, ohne sie mit einem Blick gestreift zu haben, seinen Staatsdienern zu Ehefrauen. Wurde aber seine verlebte Lust geweckt, so mußte eine ältere Aufseherin der Erwählten den Mund waschen (wie es bei Hochzeiten die Mutter des Bräutigams der Braut zu tun pflegte) und sie in einem der hundert Bäder des königlichen Frauenhauses baden – da Montezuma, der selber dreimal jeden Tag badete, auf peinlichste Sauberkeit Gewicht legte. Schmuckbehängt, lebten die Mädchen wie Prinzessinnen und wurden – wie Prinzessinnen – äußerst streng von ältlichen Aufseherinnen bevormundet und überwacht. Früher, in den ersten Jahren nach Montezumas Krönung,waren zuweilen hundertundfünfzig der Mädchen zu gleicher Zeit von ihm schwanger gewesen. Doch pflegten die Geburten im Hause der Vierhundert Frauen verhindert zu werden, indem von Priestern der Xochiquetzal, der Göttin der Liebe und der Blumen, qualvolle Kasteiungen mit scharfen Knochendolchen – Blutabzapfungen in der Nabelgegend – den Mädchen vorgeschrieben wurden. Am Hof zu Tenuchtitlan waren diese Kasteiungen eingeführt worden, seit Obsidian-Schlange, ein Ahnherr des königlichen Hauses, beim Regierungsantritt seine sämtlichen zweihundertundzwanzig Geschwister hatte ermorden lassen.

Nachdem Montezuma, gekleidet mit allen Insignien seiner Königsherrlichkeit, mit der azurenen Stirnbinde und auf Sandalen aus Türkismosaik, in den Saal der Botschaften getreten, thronte er unter einem Baldachin aus Adlerdaunen auf einem silbernen Armsessel, über welchen Jaguarfelle, das Wahrzeichen der Fürstlichkeit, gebreitet waren. Die Zeit bis Mittag widmete er den Staatsgeschäften, dem Empfang von Boten, der Beratung mit Feldherren und Erzpriestern. Sodann nahm er in einem angrenzenden Gemach, bedient von jungen Cocos, sein Mittagsmahl ein, indem er unter fünfzig kleinen Goldschüsseln, die die Mädchen trugen, aussuchte, was der Laune seines Gaumens entsprach. Nach dem Essen rauchte er aus einer kristallenen Pfeife Tabak, der mit flüssigem Amber gemischt war. Nachdem er dann kurze Zeit geschlafen, erfreute er sich am Anblick seiner Narren und Krüppel.


Es war ein ereignisreicher Tag. Als ob das Schicksal lange Zeit gezögert, die Schwelle zu übertreten, von der es bald nicht mehr weichen sollte, brachte es nun seine aufgesparten Gaben fast alle zugleich herbei.

Die ersten Gaben waren erfreuliche.

Gleich am frühen Morgen hatten Boten einen großen Sieg gemeldet, den die beiden Feldherren Mexicos gegen die Mayas im fernen Guatemala erfochten, wobei dreizehnhundertzweiunddreißig Kriegsgefangene erbeutet worden waren. Die mexikanischen Heere wurden immer von zwei Oberfeldherren, dem Vorsteher des Hauses der Pfeile und dem Ordner der Heerscharen, befehligt. Und in diesem Kriege war der Vorsteher des Hauses der Pfeile ein Tlascalteke in mexikanischen Diensten, mit Namen Tlalhuicolotl, der Irdene Krug, – der Ordner'der Heerscharen aber war Guatemoc, der Herabstoßende Adler, der Vetter Montezumas und Sohn seines Vorgängers, des Tempelerbauers König Molch. Ein Liebling der Mexikaner war Guatemoc, schön und jung – kaum zwanzig Jahre alt –, und sein beginnender Kriegsruhm erfüllte Tenuchtitlan mit Jubel. Doch der Freude Montezumas über die Siegesnachricht war ein Tropfen Galle beigemischt.

Seit sein Sohn der Menschen-Fänger im Feldzuge gegen die Republik Tlascala den Heldentod gefunden, umstrahlte eine Aureole künftigen Königtums den Herabstoßenden Adler, waren doch die jüngeren Söhne Montezumas fast noch Kinder und sein Bruder Cuitlahuac, der Überwältiger, ein kränklicher, früh gealterter Mann. Darum sahen alle, denen die Größe Mexicos am Herzen lag, in Guatemoc den aufgehenden Stern. Montezuma wußte das und billigte es. Er mißgönnte es ihm nicht, daß er an die Stelle seines toten Sohnes getreten, ja er übertrug sogar die Zuneigung und Hoffnung, die er für jenen gehegt, ohne Einschränkung auf den jugendlichen Vetter. Als daher, vor etwa einem Jahr, der Herabstoßende Adler bei einem Feste die wunderschöne, eben erblühte Prinzessin Maisblüte, des Königs Lieblingstochter, erblickt und seiner Bewunderung kein Hehl gemacht, hatte Montezuma sie ihm zum Lohne versprochen, falls er aus Guatemala als Sieger heimkehren würde. Nun wurden seine ersten Siege gemeldet – Montezuma aber wußte, daß er sein Versprechen nicht halten konnte.

Der Staatsklugheit mußte diese Liebe geopfert werden. Der Drei-Städte-Bund drohte zu zerfallen, augensichtlich war die versteckte Feindseligkeit Tezcucos, sein König, der Herr des Fastens, mied Tenuchtitlan. Und die Ratgeber der Krone drängten, Montezuma möge durch seine Tochter das gelockerte Band wieder enger knüpfen. Montezuma konnte sich der Einsicht nicht verschließen, daß eine Heirat der Prinzessin Maisblüte mit des Herrn des Fastens ältestem Sohne Cacama, dem Edlen Traurigen, das Land vor mancher Gefahr zu bewahren imstande war.

Es kam von den drei Söhnen des Herrn des Fastens nur Cacama in Frage, der immer zu Mexico gehalten, der nie seinem Vater vergeben, daß er seinen eigenen Sohn, Cacamas ältesten Bruder, den Pflanzer des Weidenbaums, um eines unbedachten Wortes willen hatte hinrichten lassen. Der mittlere der Brüder, Prinz Ohrring-Schlange, schien wenig verläßlich, noch unreif, leicht zu beeinflussen, schwankend in seinen Neigungen und Abneigungen. Anders die Schwarze Blume, der jüngste, der, fast noch ein Knabe, schon einen stählernen Willen verriet, doch seinem Vater so zugetan, so übeneugt war vom geschmälerten Recht Tezcucos und so unbeugsam seines Weges ging, daß Montezuma nicht hoffen durfte, ihn in sein Netz zu ziehen, selbst wenn er ihn zum Eidam machen und mit Huld überschütten wollte.

Der Plan war weit ausblickend. Gelang es, die Heirat noch bei Lebzeiten des Herrn des Fastens zustande zu bringen, so mußte es nach dessen Tode bei der Königswahl in Tezcuco in die Wagschale fallen, daß der Edle Traurige die Tochter des Herrschers der Welt gefreit, und sollte auch – was zu befürchten stand – der Herr des Fastens auf dem Sterbebette den Lieblingssohn, die Schwarze Blume, zum Nachfolger bestimmen, so würden gewiß die Königskinder sich darüber hinwegsetzen, wenn Mexicos Gold und des Großkönigs Gunst den Edlen Traurigen unterstützten. Falls jedoch die Brüder sich entzweiten, so würde das die Schwächung der Macht Tezcucos zur Folge haben – und Mexico hätte erst recht nur Vorteil davon. Frohlockend würden seine Bewohner über den See blicken und sich des Schauspiels freuen, wie die stolze Rivalin an selbstgeschlagenen Wunden verblutete.

Dennoch konnte sich Montezuma eines Unbehagens nicht erwehren, dachte er an den Herabstößenden Adler, der meilenfern, im Pfeilregen der Schlachten, sein Versprechen wie einen Talisman im Herzen trug. Auch war es schwierig, die Verlobung einzuleiten, solange der Herr des Fastens grollte, da der Anschein vermieden werden mußte, als bemühe man sich um eine Versöhnung.

Daher glätteten sich die Falten in Montezumas Gesicht, als ihm hinterbracht wurde (Spione gab es diesseits und jenseits des Wassers), daß der Herr des Fastens und die Schwarze Blume die Prunkgaleere bestiegen, in Tlatelolco gelandet, daß sie im Boot sich dem Großen Palast näherten, daß sie angelangt und schon im Schlangensaal warteten. Er begrüßte dies als einen geschickten Handstreich seines Glückes und gab seinem Haushofmeister, dem Vorsteher des Hauses der Teppiche, Befehl, sie sogleich vorzulassen. Die Narren und Krüppel entließ er. Nur sein zittriger rosa Xolo, ein künstlich enthaarter wolfähnlicher Hund, durfte in der Decke liegenbleiben, die ihn vor Erfrieren schützte.

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