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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 17
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
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Etwa auf halbem Wege zwischen Tenuchtitlan und Tezcuco ragte das kleine Felseiland aus dem Lagunenwasser heraus, von der Natur und von meißelnder Menschenhand zum Heiligtum geschaffen. Purpurhelle Steinwände glitzerten zwischen grauen, säulenschlanken Stämmen von Zypressen, deren Wipfel – zu einem gezackten Kamm vereinigt – gegen den blassen Mondhimmel emporleckten, als wären es dunkelgrün flackernde Flammen über einer großen Brandopferschale. Von der Plattform des Tempels führte eine sehr steile und breite Treppe mit dreißig polierten Steinstufen bis hinab in eine schmale, verschattete Bucht. Und dieser Bucht vorgelagert lag ein zweites, viel kleineres und gänzlich wüstes Basalt-Riff, welches von fern gesehen wie eine Erdzunge der Tempel-Insel erschien.

Der schwimmende Garten steuerte in die Bucht und landete. Der junge König stieg aus und forderte seine Gäste auf, ihm geräuschlos zu folgen. Als sie die obersten Stufen der Tempeltreppe erklommen hatten, bot sich ihnen ein seltsamer Anblick.

Auf der Plattform standen drei silberhell beschienene Menschen: der mexikanische Prinz, dessen Freund, der Schönling Coxtemexi, und ein achtjähriger Knabe. Das hohe, steingemeißelte Götzenbild der Xochiquetzal, der Göttin der Liebe, der Künste und der Blumen, grinste mit sinnlichem Huldlächeln aus einer Altarnische herab auf die drei. Überlebensgroß thronte die bunt bemalte Göttin im granitüberdachten Hintergrunde. Ein vorspringendes Juwel an ihrem Hals flirrte glühblau. Vor dem Altare, ihr den Rücken zukehrend, weinte der Knabe, an Händen und Füßen gefesselt. Einige Schritt von ihm entfernt, zunächst den Treppenstufen, legte der Vom-Himmel-Gestiegene einen gefiederten Pfeil auf seinen Bogen. Sein Körper war hüllenlos – denn nur nackt durfte der Göttin der Opferer nahen –, am Boden neben ihm lagen Kleider und Putz, seine Nephrit-Sandalen und sein mit Schmuckfeder-Mosaik verzierter Mantel. Selbigen Tages hatte er auf dem Sklavenmarkt einer Mutter ihr Kind abgekauft, um es als Blumenopfer der Schirmherrin des Liebesrausches und der Freudenmädchen darzubringen. Jetzt spannte er den Bogen. Und das Geschoß auf die Brust des kleinen Todgeweihten abzuschnellen, war er eben im Begriff. Gleichgültig, als Unbeteiligter, schaute sein Freund Coxtemexi der Opferhandlung zu.

Große Tränentropfen sickerten über die Kindesbemalung schmaler leidverzerrter Wangen, und ein Gewimmer kam aus Knabenlippen.

Prinzessin Perlmuschel hatte sich plötzlich vor den Knaben gestellt und schützte seinen Leib mit ihrem schöngestalteten geheiligten Königstochterleib.

Sie war ja aus Tezcuco gebürtig, der Stadt der Freidenkenden. Wie ihr verstorbener Vater, der Herr des Fastens, wie Papan, die Auferstandene, und wie die Schwarze Blume, war auch sie eine Adeptin der Geheimlehren vom weißen Dulder Quetzalcoatl, dem Kreuzträger, dem Heilbringer. Einhalt zu tun dem Blutwahnsinn der Völker Anahuacs, war das Lebensziel des Herrn des Fastens gewesen, gescheitert war er an der Übermacht der Priesterschaft und am Starrsinn Montezumas, der nur im Grausen der Menschheit den erdbebensicheren Unterbau seiner Herrschaft sah. Von der Hoffnung, der für ihn nimmermehr erfüllbaren, hatte der verstorbene König Schößlinge in die Herzen seiner Kinder gepflanzt.

»Schenke mir den Knaben!« sagte die Prinzessin ruhig.

Der Vom-Himmel-Gestiegene lächelte feindlich und traurig zugleich. Sein Wille war, bevor sie gesprochen, an der funkelnden Glut ihrer Blicke geschmolzen. Nunmehr verhärtete er sich wieder, gereizt durch den gebietenden Tonfall ihrer Worte. Die entspannte Bogensehne spannte sich von neuem, und blitzschnell zielte er. Ja, er war wohl imstande, durch sie hindurch das Kind zu treffen ...

Sein Begleiter Coxtemexi und der Tempel-Feger stürzten auf ihn zu, entrissen ihm den Bogen. Coxtemexi hatte die Umstehenden gemustert und begriffen, daß ihre Teilnahme nicht auf seiten des mexikanischen Prinzen war: der Gelehrte und der Dichter hielten zu Quetzalcoatl, der junge König verehrte die Prinzessin, der Tempel-Feger liebte sie, und Prinz Ohrring-Schlange war ihr Bruder. Ein entgleitender Pfeil hätte ein Gemetzel zur Folge gehabt. Obgleich ein Höfling und Speichellecker, hielt es Coxtemexi doch für klüger, dem launischen Jüngling entgegenzutreten, um sich mit seinem augenblicklichen Zorn künftigen Dank zu erringen. Lange redete er flüsternd in ihn ein.

»Ich sterbe vor Gram«, schrie der Vom-Himmel-Gestiegene auf, »und ihr alle wünscht meinen Tod! Gestört ist mein Opfer, nie wieder nimmt die Göttin ein Opfer von mir, und nie mehr erhört sie mein Flehen!«

Dann bedeckte er das Gesicht mit einem Zipfel seines Mantels und zuckte, geschüttelt von Schluchzen.

»Wer und wo auch immer die Quetzalfeder sei, nach der du dich krank sehnst, sie wird dein sein, bald!« sprach der Tempel-Feger zum Prinzen. »Ich weiß einen Rat, der dein Herz erhellen wird wie eine leuchtende Fackel. Doch nicht hier werde ich die Fackel entzünden. Es ist spät, und ehe wir heimkommen, wird es früh sein.«

Alle horchten auf. Die Muscheltrompeten des Haupttempels von Tenuchtitlan verkündeten die Mitternacht. Ihr dumpfer Posaunenton rollte über die Wasserfläche wie ein schwarzer Nebel daher.

»Schenkst du mir den Knaben?« wiederholte die Prinzessin ihre heischende Bitte.

Der Vom-Himmel-Gestiegene nickte nur stumm und schritt mit seinen beiden Tröstern die Treppe hinab. Auch der junge König brach auf. Seine Einladung mißachtend, nahm der Sohn Montezumas mit Coxtemexi im Kanoe des Tempel-Fegers Platz.

Trotz seiner Trunkenheit war der Spinner der Prinzessin behilflich, die Agavehanf-Fesseln an den Händen und Füßen des Knaben zu lösen. Und da der völlig erstarrte Knabe nicht schreiten konnte, trug er ihn hinab auf die schwimmende Insel.

Die zehn nackten Sklavinnen hoben – gleicharmig und gleichschenklig aufrecht stehend – die Ruderstangen und ließen sie mit Geplätscher in die Flut gleiten. Das Kanoe fuhr nebenher, stets an jener Seite, wo Perlmuschel mit dem Knaben saß und ihm Ananasstücke in den Mund steckte, als wäre er ein eben gekauftes Hündchen, das sie an sich gewöhnen wollte.

Sie fragte das Kind: »Wie wirst du genannt?«

»Menschen-Puma«, antwortete der Knabe.

Der der Bucht vorgelagerte Holm verhinderte den freien Ausblick auf den Schilfsee. Als sie zwischen beiden Inseln hindurchgefahren waren, prallten sie fast zusammen mit zwei großen Nachen. Auch deren Führer schien die Begegnung weder erwartet noch gewünscht zu haben: er versuchte erst die Fahrtrichtung zu ändern. Man war sich indes schon zu nahe gekommen, und die mondhelle Nacht hätte ein heimliches Entweichen nicht begünstigt.

Kein Zweifel, daß die beiden Nachen von Tezcuco kamen und nach Tenuchtitlan steuerten. Was mochten sie bergen? Sie waren überfrachtet – bis dicht unter den Bootsrand leckten die Wellen – und zudem war die Ladung geheimnisvoll mit Tüchern überdeckt.

Nur je ein Rudersklave war zu sehen, und an der Spitze des vorderen Kahnes stand ein Mann mit einem strahlenförmigen Helmschmuck aus Kotingafedern. Ohrring-Schlange erkannte seinen Bruder Cacama, den Edlen Traurigen. Was hatte das zu bedeuten? ... Die unausgesprochene Frage beantwortete ihm der trunkene Dichter, denn die andern ahnten und schwiegen.

»O großer Krieger Ohrring-Schlange«, sagte der Spinner, »dein Bruder muß den Brautpreis zahlen für die Tochter des Herrn der Welt ...«

Der junge König von Tlacopan wollte den Trunkenen nicht weiterreden lassen – obgleich er innerlich selbst empört war: was heute Tezcuco geschah, mußte ja morgen Tlacopan leiden. Er verwies den Dichter zur Ruhe, dieser aber ließ sich nicht beirren.

»Das Gerücht schleicht auf Fuchsfüßen und kam auch an mein Haus. Der Goldschatz des Herrn des Fastens liegt zur Hälfte schon in ...«

Die übrigen Worte ertranken im Wirbel der Geschehnisse. Mit einem mächtigen Satz, wie ein Raubtier, war Ohrring-Schlange hinüber in den vorderen Kahn gesprungen und riß nun die hüllenden Decken weg. Der Hort von Tezcuco glitzerte glühgolden empor im Mondlicht. Ohrring-Schlange wandte sich wutzitternd an seinen Bruder.

»Dieb! Dieb!« schrie er dem König von Tezcuco ins Gesicht.

»Ich liebe dich, Ohrring-Schlange!« sagte der Edle Traurige hoheitsvoll. »Darum rede, was du willst, und ich werde nur hören, was ich will! Aber eines wisse: ich schütze unseres Vaters Goldschatz, daß kein Dieb daran rühre!«

»Bring das Gold in unser Schatzhaus zurück!« schrie Ohrring-Schlange.

»Nein, nirgend als in Mexico ist es sicher vor der Schwarzen Blume«, erwiderte der Edle Traurige. »Und nun geh, verlaß mein Boot!«

Ohrring-Schlange antwortete nicht und starrte nur mit blutunterlaufenen Augen. Seiner gewürgten Kehle entrang sich ein heiser grölender Laut. Einen Obsidian-Dolch aus seinem Gurtgehänge herausschnellend, stürzte er auf den Bruder zu und stach auf ihn ein.

Der Edle Traurige war äußerst gewandt, daher entging er durch eine blitzschnelle Bewegung dem Todesstreich. Aber er war schwer an der Schulter verwundet und sank blutüberströmt nieder.

Vier versteckt gewesene Krieger standen plötzlich neben Prinz Ohrring-Schlange und hielten ihn, wie man einen Kriegssklaven festhält.

»Tut ihm nichts! Gebt ihn frei! Ich will es!« sagte der Edle Traurige. »Laßt ihn unbehelligt zu seinen Freunden zurückkehren!«

Die schwimmende Insel war inzwischen so nah herangerudert, daß Ohrring-Schlange ohne Sprung hinübersteigen konnte. Und er tat es: wie ein Besiegter. Das Blut und die Großmut seines Bruders quälten ihm das Herz ab.

Mit raschen Ruderstößen entfernten sich die goldbeladenen Nachen.

»Edel ist mein Bruder Cacama«, rief Ohrring-Schlange dem Entschwindenden nach. »Und weil er edel ist, wird es ihn mehr schmerzen als eine Fleischwunde, daß er heute um eines Weibes willen seinen besten Freund verlor!«

Die fast flehentlichen Worte irrten ohne Echo über den See.

Da erhob sich Prinzessin Perlmuschel:

»Höre auch deiner Schwester Warnungsbitte an, Cacama!« rief sie. »Gib unser Erbe nicht hin als Kaufpreis für die Tochter Montezumas! Geschieht das aber, so sei deine Ehe verflucht! Und beim Namen des Mondes und beim Namen des Wassers tue ich dies Gelöbnis: Falls du die Tochter Montezumas so bezahlt zum Weibe nimmst, lasse ich mir auf dem Schlangenberg-Tempel den Edelstein aus der Brust schneiden! Und zum Wahrzeichen, daß ich mein Gelöbnis halten werde, trinke ich dies Wasser!«

Feierlich hatte sie gesprochen, feierlich kniete sie nieder, schöpfte aus dem See eine Handvoll Wasser und führte den Schwurtrunk an ihre Lippen. Bedrückend still pochte das Herz der Welt. Der Mond und der See waren Zeugen ihrer Worte und ihrer seltsamen Tat.

Während der Rückfahrt entfernte sich das Kanoe nach und nach aus dem Bannkreis der Prinzessin. Der Tempel-Feger wollte an die Ausführung von Plänen gehen, von denen er wohl wußte, daß sie den Beifall der rechtlich Denkenden auf dem schwimmenden Garten nie finden könnten.

Mit seinem Versprechen, dem mexikanischen Prinzen einen Rat zu erteilen, war es ihm anfänglich nicht Ernst gewesen. Aus der Not des Augenblicks geboren, hatten seine Worte nur das Ziel gehabt, das Kindesopfer zu hindern, zumal die Geliebte es gehindert zu sehen wünschte. Um eine nachträgliche Ausrede wäre er nicht verlegen gewesen. Was aber inzwischen vorgefallen, ängstigte ihn über die Maßen und zwang seinen erfinderischen Geist, nun doch einen Rat zu ersinnen, der, scheinbar dazu bestimmt, die Schwermut des Montezumasohnes zu lindern, in Wahrheit nichts weniger bezweckte, als Cacamas Ehe mit Prinzessin Maisblüte zur Unmöglichkeit zu machen.

Die Sorge um das Leben der Geliebten war der treibende Stachel. Daß Perlmuschel ihr Gelübde vollbringen würde, fühlte er mit schrecklicher Gewißheit, und daß sie nicht zaudern werde, am Tage von Cacamas Hochzeit den Schlangenberg-Tempel hinaufzusteigen und unabwendlich, zur Göttin geworden, alle jammervolle Marter auf sich zu nehmen, um durch ihr Leid den Bruder ins Herz zu treffen. Was sie angedroht, war von vielen schon – vor ihr – freiwillig erlitten worden. Sie würde nicht die erste sein, die, vom Volk angebetet, geschlachtet und verspeist wurde.

Jedes Mittel war ihm recht, wenn es die Königstochter vor der Selbstvernichtung bewahrte. Viele Möglichkeiten schwebten schwankend vor seinem Auge, formten sich zu Gestalten und zerflossen wieder in Luft wie Geisterschatten über einem Dreifuß. Sie alle verwarf er bis auf eine, eine teuflische.

Durch einen zufällig aufgefangenen Blick war ihm vor Tagen offenbar geworden, wohin die Sehnsucht des Prinzen sich verirrt hatte. Dies Geheimnis war die Leiche, über die er das Gebäude seines Planes aufmauerte.

Aber an der Tat selbst und an ihren Folgen durfte er nicht teilhaben. Gefährden zu sehr ausgesetzt als Unheimischer und Gast am fremden Königshofe, konnte er Montezumas Gunst nicht aufs Spiel setzen, ohne die grausigste Bestrafung zu gewärtigen. Es mußte verschleiert bleiben, daß er der Urheber des Unheils war.

Seine Mithilfe war auch nicht nötig. Genügte es doch, daß er das Gift ins Gemüt des Jünglings träufte. Auch ohne ihn würde das Gift fortwirken ...

Er erzählte ihm also von einem jungen Adligen in Huexotzinco, der krank vor Liebe war, und er ließ durchblicken, daß er selbst es gewesen. Der junge Adlige sah den Tod vor Augen, da, was er auch unternahm, die Geliebte, eine verheiratete, hochangesehene Edelfrau, für ihn unnahbar und unerreichbar blieb. Weil er nun fühlte, daß er an seiner Qual zugrunde ging, beschloß er durch eine frevelhafte Tat seinen Liebesdurst zu löschen und sodann zu sterben, das Himmelsglück mit der Strafe des Himmels erkaufend. Er verschaffte sich den Putz eines dem Opfertod Geweihten, und als Gott geschmückt und gekleidet kam er zur Geliebten. Sie unterstand sich nicht, durfte sich nicht unterstehen, einem Gotte ihre blühende Schönheit zu versagen. Die Strafe aber, die erwartete, blieb aus. Denn die Götter sind der Liebe Untertan wie die Erdgeborenen, und da sie selber Ehebrecher sind, richten sie mild über Liebesfrevel ...

Nachdem der Tempel-Feger mit diesem Drachengift das Jünglingsherz geätzt hatte, stieg er im südöstlichen Stadtviertel Teopan an einer steinernen Kanalbrücke aus und ließ die zwei Freunde allein weiterfahren.

Auf der Mitte der Brücke stehend, blickte er den beiden nach. Er sah, wie der käufliche Coxtemexi vom Prinzen ein rubinblitzendes Armband entgegennahm.

Der Tempel-Feger nickte zufrieden.


Beim mexikanischen Frühlingsfest wurde Jahr für Jahr zu Ehren des Gottes Tezcatlipoca der Gott Tezcatlipoca getötet, nachdem ihm gestattet gewesen, vom Frühling bis zum Frühling jegliche Wonnen des Daseins auszukosten. Und alljährlich, gleich nach dem Tode des Gottes, erstand ein neuer Gott. Unter sämtlichen Kriegssklaven Mexicos wurde er, der Schönste, gewählt, fehlerlos an Geist und Körper. Acht Jünglinge waren ihm beigegeben, die von seinen Fersen niemals wichen. Und ein hoher Würdenträger erhielt den Auftrag, den Gott zu erziehen. Denn dieser mußte lernen, wohlgesittet zu schreiten und zu grüßen und Blumen und Räuchergefäße anmutig wie ein König zu halten und süße, wehmütige Tonreihen auf der Flöte zu blasen. Nachdem der Gott erzogen war – das geschah in wenigen Wochen –, wurde der Gott zum Gott. Vier Mädchen, die man mit den Namen von vier Göttinnen benannte, gab man ihm zu Begleiterinnen, als seine vier Gattinnen für ein kurzes Jahr. Die Menschen, die ihn kommen sahen, warfen sich zu Boden vor ihm und küßten die Erde. Auch der König betete ihn als das oberste der Himmelswesen an und beschenkte ihn mit der prunkvollen, reichgestickten Gewandung und den Emblemen Tezcatlipocas. So ging der Gott fortan als Gott gekleidet. Sein linkes Bein war bis zum Schenkel hinauf kohlschwarz bemalt, er trug goldene Schellen und Glöckchen an den Sandalen und im Kopfschmuck weiße Truthahnfedern. Offen fiel das strähnige Haar bis auf die Hüften herab.

Begleitet von seinen acht Knaben und seinen vier Mädchen ging er bei Tag und bei Nacht durch die Straßen der Stadt, ging flötespielend und tanzend von Haus zu Haus, und keine Tür verschloß sich ihm, keine. Nichts war ihm verwehrt, alles war ihm gestattet, denn er war der Gott.

Die letzte Woche vor dem Frühlingsfest wurde er tagaus, tagein mit seiner Flatterschar zu strahlenden Gastereien geladen. Und dann – ja dann setzte man ihn in eines der königlichen Boote und gab ihm die vielerlei Flöten mit, die ein Jahr lang seine Freude gewesen. Auch die vier Mädchen durften mit ihm über den Schilfsee fahren, ihm Trost zuzusprechen. In der Nähe Iztapalapans landeten sie, und ihn verließen seine vier Gattinnen, kehrten heim nach Tenuchtitlan, er aber stieg dort am Seeufer eine kleine unansehnliche Tempel-Pyramide hinan, und bei jeder Stufe, die er stieg, zerbrach er eine der Flöten.

Und sobald er oben angelangt war, packten ihn die Priester und vergossen sein Edelsteinwasser: sein Blut.


Die hochentwickelte Kalenderwissenschaft der Mexikaner bediente sich der Astronomie, um der Astrologie zu dienen. Dasselbe Volk, das mittels Schalttagen das Sonnenjahr zum Sternjahr machte, nahezu fehlerlos wie kein Volk der Erde vor ihm, und an seinem reichen Sternbilderhimmel das Fortrücken der Planeten und ihre verschlungenen Bahnen beobachtend, Venusperioden von vierhundertundsechzehn Jahren errechnete – dasselbe Volk mißbrauchte dieses hohe Wissen, um seine abergläubische Furcht vor dem an die Stunde gebundenen Unglück zu beschwichtigen. Von den zwanzig Tagen des aztekischen Monats führte jeder Tag einen Namen, war mit einem Heil oder Unheil kündenden Vorzeichen versehen.

Zum zweitenmal hatte der Zornige Herr – nach langer Beratung mit seinen Hofsterndeutern – einen besonders glückhaften Tag für das Hochzeitsfest seiner Tochter gewählt, und zum zweitenmal mußte die Verehelichung wieder verschoben werden, da der Bräutigam, König Cacama, krank daniederlag. Die von Prinz Ohrring-Schlange geschlagene Schulterwunde hatte sich entzündet.

Der neue Aufschub war dazu angetan, Montezumas verdüstertes Gemüt noch mehr zu verdüstern. Nicht daß er sich um den Edlen Traurigen sorgte, der jung und zäh war. Was ihn niederdrückte, war die augenscheinliche Mißgunst des Geschickes –: die Himmlischen waren erzürnt und verwarfen immer wieder die glückverheißende Wahl, die er sorgsam abwägend getroffen, das erwartete Heil des Tages zerrann ungenutzt.

Einer der großen Steindämme Tenuchtitlans führte über die Lagune zu dem auf dem Westufer gelegenen Felsenschloß Chapultepec. Hier lebte mit ihrem Hofstaat die Braut des Edlen Traurigen, Prinzessin Maisblüte. Und allmorgendlich, wenn tauglitzernd die Zedern und Zypressen des Felsengartens sich röteten im ersten, frühkühlen Sonnenstrahl und die Goldkäfer auf den Muskatrosen zu funkeln begannen, ließ sie sich in ihrer schönen Sänfte die porphyrblanken Treppenstufen der – einander übergelagerten – Gartenterrassen hinab und über die Lagune tragen, um im Großen Palast ihrem kranken Verlobten einen Blumenstrauß zu reichen.

Auf dem Wege kaute sie weißes aromatisches Tzictli-Harz. Alle aztekischen Mädchen und Frauen, wenn sie nicht gerade beim Essen, Plaudern oder Singen waren, kauten immerwährend das weiße, aus der Frucht-Milch des Zapote-Baumes gewonnene Harz, mit welchem sie ihren Atem durchsüßten. Trauernde freilich taten es nicht, doch die Prinzessin, strahlend schön wie die morgenjunge Welt ringsum, war keine Trauernde. Das Klappen der Zähne – leis klirrend wie Bachkiesel und gleichmäßig wie ein Tropfenfall – nahm nichts der orchideenhaften Zartheit ihrer Wangen, nichts ihrem wundervoll geschwungenen Zinnobermunde, und noch befremdlicher erschien dadurch die rätselhafte Kühle im Glanzblick ihrer langbewimperten Augen, die schlackenrein den erdfernen Gleichmut ihrer noch unerweckten, noch verpuppten Seele widerspiegelten.

Sie war dem Herabstoßenden Adler versprochen gewesen und war nun eines anderen Braut. Guatemocs entsann sie sich kaum noch: zu selten hatte sie ihn gesehen und war ein Kind, als er ins Südland Guatemala zog. Aber sowenig ihr Herz um den Herabstoßenden Adler Leid trug, sowenig auch lachte es dem neuen Verlobten entgegen. Ungefragt war sie versprochen worden, diesmal wie ehedem. Und sie selbst hatte sich noch nicht befragt und nicht ausgeforscht.

Wohl wußte sie, daß der Edle Traurige ein Held sei, an Klugheit Tapferkeit und Hochsinn dem Herabstoßenden Adler kaum nachstehend. Sie fühlte sich sicher und geborgen in seiner Nähe und hatte ihn gern, weil er ihr blutsverwandt war und weil ihr Vater ihn ins Herz geschlossen. Das aber konnte sie nicht, konnte nicht ihn lieben, konnte nicht an seiner steten Leidenschaftlichkeit entflammen. Die Flügel ihrer Seele lagen noch zusammengefaltet.

Eine Pflicht erfüllte sie, indem sie täglich am Krankenbette weilte.

Die ersten Male hatte sie sich begnügt, Sträuße gelber Federnelken und weißer Seerosen auf das Lager des Irreredenden zu legen. Denn in der Geistesverwirrung des Wundfiebers erkannte der Edle Traurige seine Braut nicht. Später, als das Fieber schwand, blieb sie länger bei ihm sitzen in stummer Selbstversunkenheit, da er zu matt war, Reden mit ihr zu wechseln. Nach acht Tagen war er, der Gefahr entronnen, ein Genesender, und nun vertraute er ihr an, was er vor Montezuma geheimhalten wollte: daß er ihretwegen von seinem Bruder die Wunde erhalten, daß sein Bruder ihretwegen ihm zum Feind geworden und nun spurlos seit jener Nacht verschwunden war.

Sie schwieg dazu und lächelte ihr Rätsellachen. Dank wurde von ihr erwartet, und sie fühlte keine Dankesregung. Sie hatte sich nicht zwischen die Brüder gestellt, sie hatte den Hort von Tezcuco nicht gefordert. Man bezahlte sie ohne ihr Zutun, man bezahlte sie überteuer – und das war ehrend und kränkend zugleich. Unbeteiligt kühl, unergründlich, blieb ihre Schönheit eine gleißende Maske.

Cacama war enttäuscht. Was sie ihm nähern sollte, schien sie von ihm zu fernen ...

Bevor die Sonne im Zenit stand, pflegte die Prinzessin nach Chapultepec zurückzukehren. Und die Nachmittage verbrachte sie damit, Opferkuchen in Gestalt von Schmetterlingen aus Maisteig zu kneten und zu backen und sie vor den Laren des Hauses – kleinen aus Ton gefertigten Götterbildern – niederzulegen. Nach Sonnenuntergang aber schritt sie singend mit ihren Mädchen durch den schlaftrunkenen Garten, und allabendlich betrachtete sie das überlebensgroße Steinbild ihres Vaters, das vom berühmtesten aller Steinmetze und seinen Gehilfen damals gerade an der südlichen Felswand Chapultepecs ausgemeißelt wurde und schon nahezu vollendet war. Sie trat abends vor das Bild, weil sie es ungestört betrachten konnte um diese Zeit, während tagsüber viele Prinzen sich einfanden, der Arbeit der Bildhauer zuzuschauen und sie mit Glossen zu begleiten. Der sonst streng verschlossene Terrassengarten von Chapultepec war jetzt auf besonderen Befehl des Zornigen Herrn, dem die Anteilnahme des Hofes schmeichelte, allen Adligen königlichen Blutes in den Tagesstunden zugänglich gemacht. Unziemlich wäre es gewesen, hätte sich die Prinzessin unter die Junglinge gemischt und ihre hehre, auf goldenen Sandalen schwebende Schönheit begehrlichen Blicken und Worten preisgegeben.


Mit dem Felsenbildnis hatte es seine eigene Bewandtnis.

Auf der Nordseite Chapultepecs, auf senkrecht abstürzender Felswand, waren zwei der Vorgänger Montezumas, König Himmelspfeil und König Wassergesicht, übergroß in grellbunt bemaltem Flachrelief dargestellt, mit hocherhobenem Arm in der Pracht ihrer Insignien, Kleinodien und Schmuckfeder-Kronen den Sonnengott anbetend und umgeben von ihrem versteinerten Ruhm, den in Granit geschriebenen Annalen ihrer Großtaten. Die Bilder waren jeweils errichtet worden, nachdem diese Könige am Ende ihrer Blutlaufbahn erkannt hatten, daß der Schädelberg im Hofe des Großen Tempels nur mählich zum Himmel emporwuchs, und deshalb, um sein Anwachsen zu beschleunigen, die mächtige Adlerschale – die Opferblutplatte – durch eine noch mächtigere ersetzen ließen. König Himmelspfeil überbot seine Vorgänger, und ein Wunder schien es, daß es König Wassergesicht noch gelang, König Himmelspfeil zu überbieten. Schwierig genug war es, einen geeigneten Granitblock zu finden und ihn, geformt und sauber bearbeitet, aus den Brüchen bis an den Fuß der großen Tempel-Pyramide zu schaffen, dort freilich blieb er Monate liegen, undenkbar, den ungeheuren Block, welchen zehn Mann kaum umspannen konnten, auf die Plattform der berghohen Pyramide und auf den hügelhohen Altar daselbst zu heben. Doch der Wille des Königs Wassergesicht hob die Adlerschale hinauf, als wäre sie ein Becher in seiner Hand.

Dafür wurde er von der dankgerührten Priesterschaft und vom Weiblichen Zwilling ersucht, ehe er von dannen gehe ins Reich der Sonne, sein Bildnis, wie es bei gleichem Anlaß sein Vorgänger getan, auf den Felswänden Chapultepecs der Welt zu hinterlassen. König Wassergesicht willfahrte den Bitten. Alsbald aber nach Vollendung des Bildwerkes starb er. Denn um sein Bild und gleichzeitig auch die neue Adlerschale mit Edelsteinwasser zu weihen, hatte, er Myriaden von Opfern die Brust aufgeschnitten, einigen hundert mit eigener Hand, – die Überanstrengung und das im Übermaß genossene Menschenfleisch und getrunkene Menschenblut wurden ihm zum Verhängnis.

Da vor ihm auch König Himmelspfeil unmittelbar nach der Einweihung seiner Adlerschale und seines Bildes verschieden war, hielt eine abergläubische Scheu spätere Könige davon ab, für einen jähen Tod die Unvergänglichkeit im Steine zu suchen.


Auch Montezuma wäre durch diese Scheu abgehalten worden, hätte sein verängstigtes Volk ihm nicht den Beschluß abgerungen, durch ein unerhörtes Geschenk die verlorene Gunst des Himmels zurückzukaufen.

Es war zur Zeit, als die ersten Berichte über die Wasserhäuser und die ans Land gespülten weißen Götter nach Mexico gelangten. Obzwar Montezuma die Verbergung der Schreckenskunde anbefohlen hatte, ließ sie sich doch nicht fangen und ersticken wie eine Flamme, sie schwebte auch unter hüllender Decke, loderte auf und lief bald wie ein Feuerbrand durch die Ortschaften Anahuacs.

Da wurde eines Tages Montezuma gemeldet, in einem der Höfe des Großen Palastes seien die Greise Mexicos versammelt und tanzten. Er begab sich hin mit seinen Krüppeln und Narren, dem Tanz der Greise zuzuschauen. Die Siebzigjährigen waren die jüngsten, es waren meist Achtzigjährige und Neunzigjährige, die sich da eingefunden hatten, durch ihren Tanz das Herz des Weltkönigs zu erschüttern.

Sie trugen lange Gewänder und hielten in der einen Hand eine Blume, in der anderen eine Kürbisrassel. Nachdem sie mit altersschwachen Schritten – im Kreis um einen hockenden Trommelschläger – sich trennend, sich kreuzend, sich vereinend, ihren feierlichen Umzug, der einem Totenzug ähnlich sah, vollführt und jeder von ihnen sich vor den vier Windrichtungen verbeugt hatte, fragte sie Montezuma nach ihrem Begehr.

»O großer König, o Unser Vater!« sprachen die Greise. »Der Himmel birst, die Erde klafft! Unersättlich ist der Durst der Götter! Zu klein ist das Gefäß, daraus du ihnen zu trinken gibst!«

Ohne Stirnrunzeln entließ Montezuma die Greise und ließ sie reich beschenken. Dann ordnete er schwermutsvoll an, die Adlerschale durch eine neue größere zu ersetzen und sein Bild in die Felswand Chapultepecs zu meißeln.


An einem schwülen Nachmittage befand sich Prinzessin Maisblüte in einer an der Nordseite der untersten Gartenterrasse Chapultepecs zwischen den beiden alten Steinbildnissen König Himmelspfeils und König Wassergesichts in das Felseninnere führenden, natürlichen, sehr geräumigen und feuchtkühlen Grotte. Aus dem Höhlendunkel gesehen, erschien die sonnendunstgebleichte Lagunenwelt draußen, fernhin schimmernd bis an den weißen Strand von Tezcuco und bis nach Otompan und Teotihuacan hin, wie überdeckt von einem bebenden, diamanten glitzernden bläulich-weißen Spitzenschleier. Die Prinzessin war allein, beschäftigt damit, der Göttin Sieben-Schlange eine Opfergabe zu bereiten. Vor der Grotte, unweit vom Eingang, saßen auf dem Rasen im schwerblütigen Schatten hoher Magnolien-Hecken ihre Gefährtinnen und sangen sonnenschläfrig den heiligen Sommertag an.

Die von der Prinzessin bereitete Opfergabe war ein gebratener und gebackener Frosch, am Gesicht blau geschminkt und von den Lenden abwärts mit einem buntgewirkten Mädchen-Röckchen bekleidet. Die Prinzessin hatte dem toten Tier das Röckchen bereits umgebunden und war eben dabei, mit einem feinen Pinsel den Kopf des Frosches blau anzumalen.

Da kam eine ihrer Gefährtinnen in die Grotte hereingestürzt, furchtbebend, atemlos. Der Gesang draußen war verstummt.

»Der Gott ...«, stammelte das Mädchen.

»Welcher Gott? Und was tat er dir?« fragte die Prinzessin ruhig, doch sichtlich verstimmt darüber, daß man sie beim Opfer zu stören wagte.

»Welcher Gott?« wiederholte sie ihre Frage, da das Mädchen nicht gleich eine Antwort fand.

»Tezcatlipoca kommt zu dir!« schrie das Mädchen gell und stürzte hinaus. Ihr Schrei brandete an den Grottenwänden, und seine gepeitschten Wellen wollten sich nicht glätten.

Erstaunt blickte die Prinzessin nach dem Grottenausgang, wo das Mädchen verschwunden war. Und nun sah sie ihn, den Gott. Jünglinghaft stand er gegen das flirrende Licht, sein linkes Bein geschwärzt bis an den Schenkel, an den Sandalen goldene Glöckchen und Schellen, im Kopfschmuck die weiße Truthahnfeder. Ja, es war Tezcatlipoca, der oberste der Götter. Offen fiel sein langsträhniges Haar ihm auf die Hüften herab, sein Antlitz war durch eine Goldmaske verdeckt.

Er schritt auf die völlig Gelähmte, Willenberaubte, in Bangnis Verlorene zu, nahm sie bei der Hand und zerrte sie in den inneren, lichtlosen Teil der Grotte ...

Als nach geraumer Zeit die Gefährtinnen der Prinzessin in die Grotte zu blicken wagten, war der Gott verschwunden. Vom Seeufer her hörte man sein schwermütiges Flötenspiel, dort schritt er mit seinen vier Gattinnen und seinen acht Begleitern. Die Tochter Montezumas aber stand wie vordem nahe beim Höhleneingang über einen hölzernen Teller gebeugt, auf welchem ein mit einem Mädchen-Röckchen bekleideter Frosch lag.

Sie hatte einen feinen Pinsel in der Hand und bemalte mit blauer Farbe den Kopf des gebackenen Frosches.

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