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Die weißen Götter - Erster Band

Eduard Stucken: Die weißen Götter - Erster Band - Kapitel 11
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typefiction
authorEduard Stucken
titleDie weißen Götter ? Erster Band
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
year1956
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drei Stunden lang verhandelte Cortes mit dem dicken Kaziken und zog auch den kaiserlichen Notar Godoy hinzu. In der nahe gelegenen Totonakenstadt Sempoalla, wohin der dicke Kazike Cortes dringend einlud, sollte der entworfene Vertrag beschworen und besiegelt werden.

Bevor er aufbrach, erzählte der dicke Kazike von den Anfängen Mexicos, in der Absicht, den Kastiliern einen Begriff von der Unmenschlichkeit der Azteken zu geben.

Nachdem der jüngste Sohn der Weißen Nebelschlange, durch den Lockruf eines kleinen Singvogels angetrieben, die sieben Stämme der Azteken aus der Urheimat fortgeführt und die Wandernden unter dem geknickten Baume die zwei Schatzkästchen mit dem Smaragd und dem männlichen und weiblichen Stäbchen zum Feuerreiben gefunden, siedelten sie sich auf zwei öden Schilfsee-Inseln an, – die Besitzer des grünen Feuers gründeten Tlatelolco und die Besitzer des roten Feuers Tenuchtitlan.

Armselige Fischer und Jäger, wohnten sie erst in Hütten aus Ried und Seeschlamm, nährten sich von Rohrvögeln und dem Fang ihrer Angeln und Netze. Mit zäher Ausdauer rangen sie die Armut nieder, wurden wohlhabend, kriegstüchtig und angesehen unter den umwohnenden Culhuas. Sie erbauten sich Steinhäuser und errichteten ihren bösen Göttern Tempel. Als sie dem Kriegsgotte Huitzilopochtli das erste Gotteshaus erbaut, ließen sie, um es mit großer Feierlichkeit einzuweihen, durch Boten den König der Culhuas ersuchen: er möge ihnen als Königin der Mexikaner seine junge liebliche Tochter senden, da vom Himmel Befehl ergangen, sie im Heiligtum als »Großmutter« des Gottes, Unsere-Frau-der-Zwietracht, anzubeten. Nicht wagte der König der Culhuas, die Bitte den Göttern auszuschlagen, auch schmeichelte es ihm, daß seine Tochter so hoher Ehrung teilhaftig werden sollte. Darum sandte er mit prangendem Geleit und köstlichen Geschenken sein Kind nach Tenuchtitlan. Kaum aber hatte die Prinzessin, umjubelt vom Volk der Mexikaner, das Heiligtum betreten, wurde sie von Priestern auf einen Thronsessel gesetzt und, dem Gotte zum Opfer, lebend geschunden. Mit ihrer abgestreiften Haut wurde ein nackter Jüngling über und über bedeckt, so daß er das Aussehen eines unbekleideten Mädchens hatte. Und sie beteten ihn an als Unsere-Frau-der-Zwietracht. Dies geschah am Tage vor der Einweihung des Tempels. Zur Einweihung war auch der Vater, der König der Culhuas, geladen, und er kam, Opfergaben und Geschenke tragend, mit großem Gefolge, freudigen Herzens, der Verherrlichung seiner Tochter, die eine Göttin der Mexikaner geworden, beiwohnen zu dürfen. Die vornehmsten Mexikaner begrüßten ihn und geleiteten ihn in feierlichem Zuge durch blumengeschmückte Straßen und über Kanalbrücken zum Tempel, die steile Steintreppe empor und in die dunkle Kapelle des Heiligtums, damit er seine Tochter anbete und ihr Opferspenden darbringe. Er tat es: er legte Speisen und duftende Blumen auf den Altarstein und enthauptete kleine Wachteln, ihr Blut zu spenden. Vor dem steinernen Götterbilde stand aufrecht dort der Jüngling in Gestalt eines nackten Mädchens. Doch so finster war es im Sanktuar, daß des Königs Augen nichts zu unterscheiden vermochten. Da reichten Priester ihm einen Weihrauchbeutel und hielten ihm die Räucherpfanne hin, damit er vor seinem vergöttlichten Kinde Kopalharz verbrenne. Und als die Kopalkörner zu glimmen begannen und in Flammen aufschlugen, da sahen die Augen des Königs ... sahen das Gräßliche, die Haut seiner Tochter auf den Gliedern des Jünglings ... Auf brüllend stürzte der König aus der Kapelle auf die Tempelstufen hinaus, in der Hand hielt er noch das Weihrauchbecken und brüllte wie ein wunder Puma. Zu wenige waren seine Begleiter – er konnte es nicht rächen ... Und auch heimgekehrt in sein Land, konnte er nichts tun als sein Kind beweinen ... Und grauenerregend war seit jenem Tage der Name Tenuchtitlan.


Nach dem Abschied des dicken-Kaziken sprach Cortes lange mit Puerto Carrero und dann mit Marina. Diese Nacht hatte sein und Mexicos Schicksal entschieden. Das Unmögliche war über Nacht zur Möglichkeit geworden!

Jetzt galt es das letzte Hindernis beseitigen: den Widerstand des Heeres. Aber seine Freunde und das Gold Montezumas hatten ja vorgesorgt.

Die Sonne stand schon am Himmel, als er sich niederlegte. Nach kurzem Schlaf wurde er durch Lärm geweckt. Mit wilden Drohrufen eilten die Anhänger des Diego Velazquez auf den freien Platz. Doch früher noch als sie hatten die Freunde des Cortes sich zusammengeschart und umstanden bewaffnet die Hütte mit der schwarzen Standarte, bereit, das Leben für ihren Feldherrn zu lassen.

Nicht überschnell kleidete sich Cortes an und betete sein Brevier wie immer morgens.

Merkwürdig angewachsen war über Nacht seine Anhängerschaft und nahezu gänzlich zusammengeschrumpft die des Diego Velazquez.

Neben Ordas und Velazquez de Leon sah man fast nur noch die unentwegten Hetzer: den Lizentiaten Juan Diaz, den Büttel Escudero, die Steuermänner Cardenas und Cermeño, den Narren Madrid, den Pagen Escobar und den zügellosen Pedro de Palma, den Galan der langen Elvira. Auch Porras, der rothaarige Sänger, war unter ihnen und überschrie mit seiner Stimme beide Parteien. Aber Avila, Olid und Montejo ließen sich nicht blicken.

Der Lärm verstummte, als Cortes aus der Hütte trat.

Er war – das versteht sich von selbst – völlig ahnungslos. Mit überzeugend ehrlichem Verwundern wandte er sich an Ordas und fragte, was der Grund des Aufruhrs sei?

Ordas sprach immer undeutlich, in der Erregung war er überhaupt nicht zu verstehen. Er schien etwas von den hunderttausend Teufeln Montezumas zu stammeln und Klage zu führen über das allmächtige Gold.

Cortes war ein guter Lateiner und liebte es, in seine Reden Verse der Klassiker einfließen zu lassen.

»At non ille deus pacem intra moenia finit!« rief er. »Ich kenne meine Soldaten und weiß, daß ihnen Waffenruhm mehr gilt als Gold, daß ihnen die Aufrichtung des Kreuzes auf blutgetünchten Götzenaltären mehr am Herzen liegt als alle Schätze Montezumas! Nein, weder goldlüstern noch feige seid ihr, meine Herren Kameraden! Ihr fürchtet den glühenden Sand der Dünen hier, das ist es! Ihr fürchtet die schlafraubenden Moskitos mehr als hunderttausend Mexikaner mit Schwert und Schild!«

Wie aus einem Mund riefen seine Anhänger:

»Ja, laßt uns nach Mexico ziehen! Wären wir doch schon auf dem Wege! ...«

Nun trat Velazquez de Leon vor, der Neffe des Diego Velazquez. Er war noch ein junger Mensch, sechsundzwanzig Jahre alt. Schön gewachsen war seine Gestalt, knochig sein Gesicht, tiefschwarz sein Haupthaar und sein kurzer Spitzbart. Wie unbändig er hassen konnte, zeigte sein Blick; doch auch, daß er an seinem Hassen litt. Er haßte seinen Haß wie ein Geschwür, welches man öffnen muß, damit es auseiternd sich enthärte. Wenn dieser Jüngling sich anschloß, war er der treueste Freund, großherzig und freigebig.

In kurzen, zackigen Sätzen trug er die Klagen seiner Parteigänger vor: Don Diego Velazquez habe die Schiffe ausgerüstet, um an den Küsten Tauschhandel zu treiben. Keinen Befehl habe er erteilt, Kolonien zu gründen und Krieg zu führen. Der Auftrag sei erfüllt, nun sei es an der Zeit, nach Kuba heimzusegeln.

Hierauf hatte Cortes bloß gewartet. Mit sichtlicher Bekümmernis erwiderte er:

»Ich wollte, ich könnte es leugnen. Doch auf mein Gewissen!l es ist die Wahrheit. Don Diego schickte uns nur aus, Gold zu sammeln, meine Herren Kameraden! Ich bin bereit, nach Kuba zurückzukehren.«

Und überwältigt von Trauer und Erregung schleuderte er seinen Mantel von sich.

Ein Sturm brach los. Jetzt waren es die Getreuen des Cortes, die außer Rand und Band gerieten. Dazu hätten sie sich nicht anwerben lassen, schrien sie, unverrichteterdinge wollten sie nicht zurückweichen. Nie wieder würden die Mexikaner Weiße an ihrer Küste landen lassen, wenn diese Gelegenheit verpaßt sei.

In der Nacht hatte Cortes dem alten Fähnrich Escalante Weisung gegeben, im Falle einer Meuterei die schriftliche Instruktion des Gobernadors ihm abzufordern.

»Wir glauben's auch nicht«, rief jetzt Escalante, »wenn wir's nicht mit eigenen Augen sehen! Zeigt uns das Schriftstück, Don Hernando!«

Und Cortes zog das Pergament aus seinem Wams. Er ließ es durch den Notar Godoy verlesen. Tatsächlich, der Auftrag beschränkte sich auf Handelsgeschäfte.

Das Heer tobte und raste. Die wenigen Anhänger des Diego Velazquez mußten vom Platze weichen. Das Heer erklärte sich für souverän. Das Heer lehnte den Gobernador Kubas als Oberherrn ab. Das Heer wollte nur dem Kaiser, Don Carlos, unterstellt sein und begehrte Hernando Cortes zum Anführer. Erst widerriet Cortes und warnte vor dem Zorn Don Diegos. Die Soldaten überredeten, gaben die Zusicherung, sie würden ihm, ebenso wie dem Kaiser, ein Fünftel aller Beute abtreten. Er lehnte bescheiden ab. Die Soldaten drohten und flehten. Er ließ sich erweichen, er nahm die Wahl an und stellte sich, mit Umgehung des Statthalters von Kuba, unter den Oberbefehl des Hieronymiten-Ordens auf Haiti.

Darauf wurden drei Anträge Alvarados und Lugos durch Zurufe und Erheben der rechten Hand einhellig genehmigt:

Es sollte eine Niederlassung unweit vom Feldlager gegründet werden – als Stützpunkt für das Heer und als befestigter Hafen für künftig landende Schiffe. Zum Stadtkommandanten wurde der alte Escalante ernannt.

Ferner sollte Cortes in einem Brief an den Kaiser den vorauszusehenden Verleumdungen des Diego Velazquez zuvorkommen und ausführlich den wahren Sachverhalt darstellen.

Und endlich sollten zwei Kavaliere mit den Geschenken Montezumas auf der Capitana, dem Flaggschiffe, nach Kastilien segeln, eigenhändig dem Kaiser diesen Brief überreichen und den Inhalt, wenn nötig, mündlich bestätigen.

Alles dies wurde zum Beschluß erhoben. Nun schlug Cortes den Hauptmann Puerto Carrero, seiner vornehmen Verwandtschaft wegen – er war der Vetter der Grafen de Medellin und de Syrnela – sowie wegen seiner vielen Beziehungen zum kastilischen Hofe, als Boten an den Kaiser vor. Und er riet, ihm einen Kavalier von der Gegenpartei, nämlich Montejo, als Begleiter beizugeben, das würde die Unzufriedenen versöhnlich stimmen.

Auch dies wurde beschlossen.

Der Vorschlag, Montejo nach Europa zu senden, war der einzige, nie mehr gutzumachende Fehler, den Cortes an diesem Tage beging. Er hatte ihm die Spielschulden bezahlen lassen und glaubte seinen Dankesversicherungen. Einst sollte er es bitter bereuen, den Tod seiner besten Männer beklagen und sein über alles Erwarten geglücktes Wagestück urplötzlich und heimtückisch der Vernichtung preisgegeben sehen – bloß weil er die Maske dieses ewig lächelnden, vergnügten Spielergesichts nicht durchschaut hatte.


Die Meuterei flackerte ein letztes Mal auf, als die Beschlüsse im Lager bekannt wurden. Ordas, Velazquez de Leon, der Büttel Escudero, Cermeño, Palma und der Page Escobar eilten vor die Laubhütte des Cortes und bedrohten ihn mit gezückten Schwertern. Sie benahmen sich so, daß ihm nichts übrigblieb, als sie in Ketten zu legen. Er ließ sie auf die Schiffe bringen und in Kerkerzellen bewachen.

Doch schon am selben Abend wurden, auf seinen Befehl, Escudero, Cermeño, Palma und Escobar wieder in Freiheit gesetzt. Und Cortes selbst begab sich auf das Schiff, wo getrennt in zwei Kammern die Kavaliere Ordas und Velazquez de Leon gefangengehalten wurden.

Zuerst betrat Cortes die Kerkerzelle des Ordas. Zusammengekrümmt auf einer Bank saß der langgliedrige Hauptmann, sein schmaler Kopf hing wie überlastet von bleischweren Gedanken herab auf die Brust, und seine dürren Spinnenfinger vertrieben sich die Zeit mit ihrer Lieblingsbeschäftigung: sie drehten und haspelten am überlangen, schwermütigen Schnurrbart, knüpften Knoten und Flechten hinein. Ordas war ernüchtert wie nach einem Rausch, in einer Elendigkeit wahren Katzenjammers. Als der älteste unter den Offizieren – er war acht Jahre älter als Cortes – hatte er sich für überlegen gehalten, ehrfurchtgebietend, unantastbar. Das Bild, das er von seiner eigenen Herrlichkeit im Herzen trug, war zerstört. Aber merkwürdigerweise, kein Groll kam in ihm auf gegen Cortes – im Gegenteil, er empfand eine scheue Bewunderung für den kühnen Mann, daß er es gewagt hatte, ihn – Diego de Ordas – anzutasten. Ordas war, trotz seiner rauhen Schale, im Kerne ein gutherziger und ritterlicher Mensch. Als Cortes bei ihm eintrat und ihm die Eisenketten abnehmen ließ, stürzten ihm Dankestränen aus den Augen.

Doch Cortes begnügte sich nicht damit, ihn versöhnt zu haben, ihm lag mehr daran, ihn sich zum Freund zu machen. Hatten Tatenlosigkeit und Langeweile den alten Raufbold zur Verzweiflung getrieben, so konnte ihm Cortes jetzt Abenteuer und Heldentaten in sichere Aussicht stellen. Die oft geäußerte Meinung des Ordas, ein tapferer Rittersmann könne alles gegen den Teufel, aber nichts gegen hunderttausend Teufel ausrichten, ließ sich widerlegen. Cortes war in der Lage, ihn zu bekehren: er berichtete ihm vom Besuch des dicken Kaziken, vom Aufstand der Schwarzen Blume und vom Vertrag zwischen den Kastiliern, den Totonaken und den aufgewiegelten Acolhuas. Fünfhundertfünfzig Weiße, unterstützt von Bundesgenossen, deren Heer mehr als hunderttausend Mann zählte, konnten einen Höflichkeitsbesuch am Hofe Montezumas wohl wagen ...

Die verträumten Augen des Ritters begannen zu funkeln. Er erhob sich in seiner ganzen Länge und reckte und streckte die hageren Arme, als wollte er Mexico umschlingen. Irgendwas stammelte er undeutlich und verschluckte Worthälften. Cortes erriet, daß es Dankesworte waren. Sie umarmten sich, zerdrückten sich die Hände. Und sie blieben ehrliche Freunde hinfort.


Darauf begab sich Cortes zu Velazquez de Leon. Dieser saß nicht gebeugt und ernüchtert da, stand vielmehr trotzig in einem Winkel der Schiffskammer. Als er die Tür sich öffnen sah, stellte er sich vor die Luke, starrte auf das abendliche Meer hinaus und drehte Cortes verächtlich den Rücken zu. Auch nachdem er von den Ketten befreit war, fuhr er fort, aufs Meer zu starren, regungslos. Cortes schickte seine Begleiter hinaus und blieb allein mit Leon.

»Ihr seid frei, zu gehn, wohin Ihr wollt«, sagte Cortes. »Besteht Ihr darauf, nach Kuba zurückzukehren, so stelle ich Euch das Schiff mit der erforderlichen Bemannung zur Verfügung. Doch ich möchte Euch einen besseren Vorschlag machen: schließt Euch Puerto Carrero und Montejo an und segelt mit ihnen nach Europa.«

Velazquez de Leon rührte sich nicht. Er blickte aufs Meer hinaus, teilnahmslos, als wäre er taub.

Cortes fuhr fort:

»Voll Leidenschaft seid Ihr für Euren Oheim Don Diego Velazquez eingetreten. Er ist Euch nah verwandt – darum haltet Ihr ihn für Euren väterlichen Freund. Ich muß Euch leider den Glauben nehmen. Wenn Ihr nach Kuba kommt, wird Seine Exzellenz Euch Euren Kopf vor die Füße legen! ...«

Velazquez de Leon wandte sich schnell um. Mit groß aufgerissenen fragenden Augen suchte er die Augen des Cortes.

»Ihr seid der langgesuchte Mörder des Basaltas!« sagte Cortes leise. Ein Zittern glitt über den Körper des Jünglings. Er verfärbte sich. »Wie wißt Ihr das?« sprach er mit bebenden aschgrauen Lippen. »Durch einen Brief Eures Oheims!« erwiderte Cortes. »Ihr wußtet – und dennoch warbt Ihr mich an ?« rief der Jüngling.

»So ist es«, sprach Cortes. »Den Tag vor unserer Abreise kamt Ihr, von Haïti nach Kuba fliehend, in La Havanna an. Denselben Tag erhielt der Stadtkommandant von La Havanna, Pedro Barba, zwei Briefe von Diego Velazquez: der eine ein Haftbefehl gegen mich und der andere gegen Euch. Pedro Barba zeigte mir beide Briefe, denn er wußte, wie treu das Heer zu mir hielt. Ebenso leicht hätte er die Sonne hinter Schloß und Riegel bringen können. Ich steckte lachend beide Briefe in die Tasche und ernannte Pedro Barba zum Hauptmann meiner Armbrustschützen ... Hier ist Euer Haftbefehl: lest ihn und zerreißt ihn!«

Und Cortes reichte das Papier Velazquez de Leon.

Der Jüngling las. Er ergriff die Hand Cortes und küßte sie. In großer Erregung sprach er:

»Ich ertrage es nicht, daß Ihr schlecht von mir denkt, Don Hernando! Ich bin kein gemeiner Mörder! Nein – so wahr ein Gott im Himmel lebt! – ich war nur der Rächer meiner Ehre. Zwei Jahre währte mein junges Eheglück – oh, wie hatte ich mein Weib vergöttert! – da fand ich, von einem Ausritt heimkehrend, ihn, den reichen Basaltas, bei ihr ... im Bett ... Ich weiß nicht, was ich tat und wie ich es tat ... Es wurde mir schwarz vor den Augen ... Als ich sah, sah ich die Kissen und Laken voll Blut ... und sie kniete vor mir und flehte um Erbarmen ... sie tat mir leid, doch ich ließ auch sie nicht unversehrt und floh ... Im Wald wurde ich von zehn Bütteln überrascht (auf meinen Kopf waren fünfhundert Pesos gesetzt!) ... ich erwehrte mich der Verfolger, entkam auf ein Schiff, das nach La Havanna bestimmt war ...«

»Auf mein Gewissen, Ihr müßt nach Europa«, sagte Cortes mit großem Ernst. »Ich riet es Euch schon. Ich will Euch nichts verhehlen. Der Italiener Botello hat Euch das Horoskop gestellt. Es ist nicht gut, wenn Ihr nach Mexico kommt ...«

Velazquez de Leon schüttelte lächelnd den Kopf.

»Euch verlasse ich nicht mehr, Hernando Cortes! Nur der Tod soll uns trennen. Ich habe eine Schuld zu sühnen. Wißt Ihr, wie die Franzosen jene Verzweifelten nennen, die – den Rotten voraus – sich mit der Blutfahne in die dichtesten Speerhaufen stürzen? Les enfants perdus! Ich will mein eigenes Bußopfer sein – als ich mich anwerben ließ, schwor ich es mir zu! ... Der einhändige Namenlose und ich: wir sind die verlorenen Kinder Eures Heeres, Don Hernando!«

Velazquez de Leon hielt Wort. Der Tod nur war imstande, ihn von Cortes zu reißen.


Am Abend dieses Tages brachte der Italiener Botello seine astrologischen Berechnungen. Mit unverändert traurigem Gesichtsausdruck trug er beispiellose Glückverheißungen vor.

»Ihr seid in einer Glückshaube geboren!« sagte er. »Alexander der Macedonier und Julius Cäsar hatten solche Sterne! ...«

Cortes belohnte den Astrologen königlich.

Er fand keinen Schlaf in dieser Nacht. Das Tor ins Wunderland stand offen. Columbus, Cordova, Grijalva – sie alle hatten das Tor nur von weitem und mit neun Riegeln verschlossen gesehen. Da kam er, das Glückskind, pochte – und die erzenen Torflügel rauschten auseinander. Mit fiebrigen Augen blickte er hindurch, in die Wunderferne, in die Zukunft, und was er sah, war ein Märchen. Als er sich müde gesehen, blickte er rückgewandt in die Ferne seines Weges, und – wunderbar! – auch was hinter ihm lag, war ein Märchen.


In Medellin, einer kleinen Provinzstadt Estremaduras, stand seine Wiege. Als das neugeborene Kind in der Wiege lag, kamen drei Gevatterinnen, artige Feen, und spielten mit ihm: die eine schmiegte ein Diadem an seine Stirn, die andere legte ein Kreuz auf seine Brust, und die dritte, die böse Fee, drückte einen Goldklumpen in die kleine Hand. Dann verschwanden sie mit ihren Geschenken ...

Das glitzernde Gold hätte der Knabe gern behalten. Er entstammte einer gänzlich verarmten, wenn auch uralten Hidalgo-Familie. Bei mangelndem Wohlstand war es immerhin ein Trost, daß das Geschlecht sich von gotischen und langobardischen Königen herleiten durfte.

Der Vater, Don Martin Cortés de Monroy, ein bescheidener Landsknecht-Hauptmann, und die Mutter, Doña Catalina Pizarro Altamirano, sparten, um dem kränklichen, für Kriegsdienste untauglichen Knaben den Besuch einer Universität zu ermöglichen. In der Lateinschule war der Knabe faul und unaufmerksam, bis eines Tages, beim Lesen des De bello civili der Lehrer geärgert ihn verspottete:

»Freilich, faule Menschen wie du, Hernando, erobern keine Königreiche!«

Diese Worte brannten sich in des Kindes Seele. Es war verwandelt seitdem, überflügelte ehrgeizig die Mitschüler, verließ mit Auszeichnung die Schule. Kaum vierzehn Jahre alt, war Cortes Student in Salamanca.

Zu jung, den Verlockungen des ungebundenen Bacchantenlebens zu widerstehen, ließ er sich vom Wirbel der Vergnügen forttreiben. Der Aufschwung seines Ehrgeizes schwand so wunderschnell dahin wie das in einem Jahrzehnt ersparte Geld. Statt, dem Wunsche des Vaters gemäß, Jurisprudenz zu studieren, schloß Cortes sich Dirnen und jungen Literaten an, übte sich in Prosa und schrieb leidlich gute Verse. Nach zwei Jahren kehrte er mit leerem Beutel und ohne Examen nach Medellin zurück.

Er wurde der Schrecken der ehrbaren Provinzialstadt und die Schande seiner hochanständigen Eltern. Ein Nichtstuer, schob er der Welt die Schuld für sein verfehltes Leben zu, ließ seinen Unmut an den Angehörigen aus, trieb Schabernack mit Honoratioren und rächte sich für den Abscheu friedlicher Bürger durch nächtliche Tumulte in den Gassen. Da er sich in zahlreichen Duellen als geschickter Florettfechter erwies, kam ihm der Gedanke, er sei zum Kriegshelden geboren. Seine einst so schwächliche Gesundheit war nicht untergraben, war sogar gestählt durch das ungezügelte Leben. Das Geld war vertan, aber nicht das jugendheiße Blut.

In den Moscheen Granadas ertönten damals christliche Gesänge. Der König von Aragon und Kastilien, Ferdinand, der Gatte Isabellas, führte den Ehrennamen der Katholische: denn er hatte Spanien von Mauren und Juden gesäubert. Wer Abenteuer suchte, mußte außer Landes ziehen.

Am Flusse Garigliano in Kalabrien, unter den Fahnen des großen Capitan Consalvo Ferrante – oder seines Gegners Cesare Borgia –, waren Abenteuer noch zu bestehen. Dort lockte noch wilde Romantik. Die Sonne des untergehenden Rittertums erstrahlte ein letztes Mal in einem golden leuchtenden Abendrot. Blutige Kämpfe wurden unterbrochen und Turniere abgehalten für die Schaulust beider feindlichen Heere. Wie einst die Horatier und Curatier, tjosteten vor der belagerten Stadt Trani elf auserwählte Spanier mit elf auserwählten Franzosen, bloß um die größere Kühnheit der einen oder andern Nation darzutun. Dasselbe geschah bei Barletta, wo dreizehn Spanier mit dreizehn Franzosen einen Einzelkampf ausfochten. Es war der Herbst des Mittelalters. Seelengröße und Grausamkeit gingen nebeneinander Arm in Arm. Als ein spanischer Soldat einem gefangenen Schweizer die Goldkette vom Halse riß, verfolgte der große Capitan Consalvo Ferrante den fliehenden Frevler, holte ihn ein und strafte ihn eigenhändig. Als der Conte Fabio Orsini einen Getreuen des Cesare Borgia getötet, wusch er sich die Hände und den Mund mit dem Blute des Ermordeten ...

Ruhm war in Italien zu finden, aber kein Gold. Nach einigem Schwanken entschied sich daher Cortes für die Neue Welt. Genau zehn Jahre war es her, daß Columbus den Fuß auf die Antillen gesetzt. Der Reiz des Neuen, die Schauer des Unerforschten, die Aussicht auf Reichtümer – kurz, Habsucht, Tatendrang und Abenteuerlust lockten in das seltsame Westland. Der Nachfolger des Columbus, Don Nicolas de Ovando, Groß-Komtur des Ordens von Alcantara, rüstete eben eine Flotte aus. Cortes, entfernt verwandt mit ihm, ließ sich anwerben. Doch kurz vor der Abreise kletterte unser Held auf einer seidenen Strickleiter an einer hohen Hausmauer empor, um durch das Fenster zu einer geliebten Frau zu gelangen – da plötzlich gab das Mauerwerk nach, und zwei Stock tief stürzte er hinab, überschüttet vom nachbröckelnden Gestein und Kalk. Zwar nicht den Hals, aber doch mehrere Rippen hatte er sich gebrochen und mußte sich im Spital heilen lassen. Die Flotte segelte ohne ihn ab.


Einem dunkeln Ehrenmann, Alonso Quintero, gehörte der Segler, auf welchem zwei Jahre später Cortes die Reise nach Westindien antrat. Bei den Kanarischen Inseln entfernte sich Quintero verräterisch bei Nacht vom Geschwader der Kauffahrer, um in Haiti früher als die anderen die verfrachteten Waren auf den Markt zu werfen. Ein jäher Sturm zersplitterte seiner Karavelle den Mast und zwang ihn zur Rückkehr. Zum Glück hatten die anderen Schiffe der Flottille auf ihn gewartet. Gemeinsam fuhren sie von den Kanarischen Inseln ab. Bald darauf wiederholte Quintero den bösen Streich. Wieder geriet er in einen Sturm, und so furchtbar war das Wüten der Elemente, daß sein Schiff mit Mann und Maus versunken wäre, hätte nicht, dem künftigen Heidenbekehrer Cortes zuliebe – wie die Legende berichtet –, der Heilige Geist, in Gestalt einer Taube, sich auf den Mast gesetzt und dann vor dem Schiffe herflatternd den Weg zum Lande, zur Insel Haiti, gewiesen.

Cortes brachte Empfehlungsschreiben an seinen Verwandten, den Groß-Komtur des Ordens von Alcantara, Don Nicolas de Ovando, mit. Ihm wurde eine Plantage, ein sogenanntes Repartimiento, mit Indianersklaven zugeteilt.

»Ich kam, mit Schwert und Schild Gold zu erwerben – nicht wie ein Bauer hinter dem Pfluge herzugehen!« sagte der Neunzehnjährige hochmütig.

Dennoch ging er eine Weile hinter dem Pfluge her. Er pflanzte Zuckerrohr und führte andalusische Kühe ein. Zuweilen auch schloß er sich Strafexpeditionen gegen aufständische Indianer an. Der Kleinkrieg mit Wilden wurde ihm vertraut.

Fünf Jahre vergingen so. Er hatte zahllose Liebschaften und ebenso zahllose Duellaffären. Bei einem Zweikampf wurde ihm die Unterlippe gespalten. Sonst war er immer Sieger.


Im Jahre 1511 war des großen Admirals Sohn, Diego Columbus, Statthalter von Haiti. Da die Silbergruben erschöpft waren, beschloß er, das benachbarte – schon von seinem Vater entdeckte – Kuba zu besiedeln, und sandte zur Eroberung des noch wilden Eilandes ein Heer von dreihundert Mann aus. Zum Anführer ernannte er Diego Velazquez. Dieser war einer der ersten Kolonisten der Neuen Welt, hatte schon Christoph Columbus auf der zweiten Reise begleitet und galt für einen tüchtigen Heerführer, da er siebzehn Jahre lang in europäischen Kriegen Dienst geleistet.

Vertrauen, das Diego Columbus in Velazquez gesetzt, wurde ihm übel gelohnt. Hatte er Dank erhofft, so erntete er nichts als Undank. Velazquez eroberte Kuba, erwirkte durch seine Beziehungen zum Präsidenten der indianischen Angelegenheiten, Juan Rodriguez de Fonseca, Bischof von Burgos, daß er zum unabhängigen Gobernador Kubas ernannt wurde, und sprach sich selbst jeder Verpflichtung gegen Diego Columbus los und ledig.

Undank war die unauslöschbare Schuld des Diego Velazquez, und durch Undank sollte ihn einst das Schicksal strafen, ihn arm, krank und elend, ihn zum Gelächter der Menschen machen und das Herz ihm durchbohren mit einem Pfeil aus dem Hinterhalt – abgeschnellt von einem Mann, den er mit ehernen Dankesketten an sich geschmiedet glaubte ...

Damals schon ein Sechziger, unförmlich korpulent und bequem, überließ Diego Velazquez die Pazifikation der Insel seinem skrupellosen Neffen, dem Leutnant Panfilo de Narvaez. Der befriedete das Land, indem er die Indianer dezimierte und kaum genug übrigließ, die Silbergruben zu füllen. Sein Dünkel war ebenso unbegrenzt wie unbegründet. Geistlose Reden trug er mit Vehemenz und mächtig hallender Stimme vor, die dröhnte, als käme sie aus einem Keller-Gewölbe. Er war mittelgroß, kurzhalsig, hatte einen roten Petrus-Bart und rotes Haar. Als knauserig war er verschrien, obgleich er eine reiche Erbin, Maria de Valenzuela, zur Frau hatte.

Mit Diego Velazquez war Cortes nach Kuba gekommen und mußte sich den hohlköpfigen Leutnant Narvaez als Vorgesetzten gefallen lassen. Dem Dünkelhaften gegenüber verstand er es, seine geistige Überlegenheit verborgen zu halten. Panfilo de Narvaez ahnte in ihm keinen zu fürchtenden Rivalen und ließ sich herab, ihn mit seinem Vertrauen, zuweilen sogar mit seinem Lob zu beehren.

Nach der Eroberung gründete Diego Velazquez die Städte St. Jago de Cuba, Puerto del Principe, Trinidad, St. Salvador, Matanzas und La Havanna. Er selbst residierte in St. Jago.

Während des Feldzuges hatte sich Cortes durch Unerschrockenheit und Tatkraft hervorgetan. Diego Velazquez ernannte ihn zu seinem Privat-Sekretär.

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