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Die weiße Rose

Maurus Jókai: Die weiße Rose - Kapitel 9
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie weiße Rose
publisherVerlag von Hermann Michel
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180415
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8. Die verkehrte Welt.

Jetzt war in Stambul indessen bereits Halil Patrona der Herr.

Die Anführer der Empörer versammelten sich in der großen Moschee und erteilten von dort ihre Befehle.

Um sechs Uhr abends (nach christlicher Zeitrechnung um zehn Uhr) kam das Schiff mit dem Sultan, den Herzogen, den Wesiren und der Fahne des Propheten neben dem Uferkiosk, beim Tore der Kanonen an.

Im Serail wußte niemand etwas vom Stande der Dinge. Allüberall in der Stadt tönte Lärm, Hornblasen, in den Friedhöfen brannten allerwärts Wachtfeuer. »Weshalb kann ich nicht einige Granaten vom Meere aus unter die Kerle feuern?« seufzte der Kapudan. »Wie möchten die gleich ruhig werden!«

Als der Kislar Aga, Elhadsch Beschir mit den ankommenden Wesiren im Vorsaale jenes Gemaches zusammentraf, wo der Mantel des Propheten bewacht wird, rieb er sich mit einem geheimnisvollen Lächeln die Hände, was seinem häßlichen Gesichte und den gespaltenen Lippen gar nicht gut anstand, und als ihn der Padischah fragte, was die Empörer begehrten, antwortete er, er wisse es wirklich nicht.

Sein Lächeln, das Reiben seiner Hände, von welchen ihm sein ehemaliger grausamer Gebieter eines Vergehens halber die Daumen hatte abschneiden lassen, waren für die Anwesenden lauter schlimme Vorzeichen.

Elhadsch Beschir Aga bekleidete damals schon seit vierzehn Jahren sein Amt und hatte acht Großwesire kommen und gehen gesehen.

Auf welche Weise sollte man die Wünsche der Empörer erfahren?

Damad Ibrahim sagte, es werde am besten sein, den ehemaligen Richter von Stambul, Sulali Hassan rufen zu lassen, dessen Namen er nebst demjenigen Halil Patronas von dem Ausrufer hatte erwähnen gehört.

Man fand Sulali in seinem Sommerpalaste; er erschien sofort im Serail. Er sagte, die Empörer hätten seinen Namen mißbraucht, und er wisse gar nichts von deren Wünschen.

»So nimm den Chasseki Aga und zwanzig Bostandschi mit dir, suchet Halil auf und fraget ihn, was sein Begehren sei,« befahl der Padischah.

»Es ist schade, die würdigen Leute zu bemühen, ruhmreicher Sultan,« sagte Abdi Pascha bitter; »ich kann dir die Wünsche der Empörer nennen; denn ich las sie auf den Mauern geschrieben. Sie verlangen die Auslieferung von vier Würdenträgern: meine, die des Obermufti, des Großwesirs und die des Kiaja. Liefere uns aus, und liefere uns nicht lebend aus, sondern lasse uns vorerst töten und ihre Mäuler werden gestopft sein. Sie werden sich an uns sättigen. Du weißt, kein wildes Tier ist mehr wütend, wenn es einmal satt geworden.«

Der Sultan blickte nicht empor und tat, wie wenn er die Worte des Kapudan nicht vernommen hätte, sondern befahl dem Chasseki Aga:

»Begib dich zu Halil Patrona und begrüße ihn im Namen des Padischah.«

»Begrüße Halil Patrona im Namen des Padischah!« Den Krämer, den Tabakshändler im Namen des Herrn aller Reiche, des Fürsten aller Fürsten, des Beherrschers der Schahs, der Khans, der Deys der Großmoguls! ... Wer hätte dies gedacht vor drei Tagen?

»Und sage ihm, daß ihnen alle berechtigten Wünsche erfüllt werden sollten, wenn sie versprechen, sich hernach zu zerstreuen.«

Der Chasseki Aga und Sulali Hassan bahnten sich nebst den zwanzig Bostandschis einen Weg durch die alle Straßen überflutenden Menschenmassen bis zur großen Moschee. Unterwegs wurden bloß neun Bostandschis von den Empörern erschlagen, während elf glücklich bei der Moschee anlangten.

Dort saß auf einer ausgebreiteten Kamelhaut, gleichwie einstmals Dschingis Khan, der Anführer der Meuterer, Halil Patrona, und diktierte Befehle und Ernennungen dem vor ihm sitzenden Softa in die Feder.

Als der wachestehende Janitschare meldete, der Chasseki Aga des Sultans sei da und wünsche mit ihm zu sprechen, antwortete er trocken:

»Er kann warten. Zuerst kommen verdienstvollere Männer an die Reihe.«

Wer waren diese verdienstvolleren Männer?

Der alte Meister Suleiman, den man mit Gewalt hierher schleppte, als er sich auf dem Boden seines Hauses versteckt hatte. Halil Patrona ließ die Ernennung für ihn ausfertigen, in welcher er ihn zum Reis Effendi erhob.

Halil Patrona trug auch jetzt die Tracht des gemeinen Janitscharen, die blaue Bluse, die bis zum Knie reichende Salavari, welche die Waden unbedeckt ließ, bloß der schwarze Reiher seines Turbans hatte einem weißen weichen müssen; an seiner Seite hing das Schwert des Großwesirs, dessen Palast vor einer Stunde in der Vorstadt Galate der Erde gleich gemacht worden war.

Mit dem in den Knauf dieses Schwertes gravierten Siegel beglaubigte Halil die Dokumente.

Auf Suleiman folgte der Sattler Mohammed. Es war ein starker muskulöser Mann, der es allein mit zweien oder dreien aufnahm; diesen ernannte Halil zum Aga.

Sodann folgte ein Orli genannter Tschaus, welchen er zum General machte, während er Ibrahim, den ehemaligen Schulmeister, der den Beinamen »der närrische« führte, zum Oberrichter von Stambul erhob und sobald er Sulali erblickte, winkte er ihn zu sich und sagte ihm:

»Du wirst Oberlandesrichter von Anatolien.«

Sulali verneigte sich tief.

»Ich danke dir, Halil. Mache mit mir, was du willst, höre jedoch vorerst die Botschaft des Padischah an, welche er mir übertrug, denn ich hege noch starken Zweifel darüber, ob du der Beherrscher aller Moslemiten bist oder Sultan Achmed? Und deshalb sage mir, was wollt ihr von dem Sultan? Und wenn eure Wünsche berechtigt und nicht ehrverletzend sind, und ihr versprechet, ruhig auseinander zu gehen, so sollen dieselben erfüllt werden.«

Halil Patrona erhob sich vor Sulali und antwortete strengen, unbeweglichen Gesichtes:

»Unser Begehren ist nur kurz. Wir wünschen die Auslieferung der vier Hauptverräter, die Ursachen der das Land betroffenen Unglücksfälle. Diese sind: der Kulkiaja, der Kapudan, der Mufti und der Großwesir.«

Sulali schüttelte den Kopf.

»Du verlangst zuviel, Halil.«

»Heute verlange ich zuviel. Morgen werde ich noch mehr verlangen. Wenn ihr heute einwilliget, wird morgen Friede sein; kommt ihr aber morgen, so wird weder morgen, noch übermorgen Frieden sein.«

Sulali kehrte zum Sultan zurück.

Dieser und die Wesire erwarteten gespannt die Antwort Halils.

Sulali wagte dieselbe nicht auf einmal auszusprechen, sondern rückte nur allmählich mit der Farbe heraus.

»Ich habe den Wunsch der Empörer verstanden. Sie verlangen die Auslieferung des Kiaja.«

Der Kiaja ward leichenblaß.

»Er war ein so treuer alter Diener,« seufzte Achmed. »Doch mögen sie sich an ihm sättigen.«

Taumelnd trat der Kiaja zu den Bostandschis hin.

»Sodann fordern sie ...« fuhr Sulali fort.

»Wie, noch mehr?«

»Fordern sie den Kapudan Pascha.«

»Auch ihn! Meinen tapfersten Kämpen!« rief Achmed schmerzlich aus.

»Mash-Allah!« sprach der Kapudan heiter; »ich gehöre ihnen,« und damit trat er entschlossen und mutig zu den Bostandschis hin. »Weine nicht meinetwegen, Padischah! Der tapfere stirbt auch am Richtplatz einen Heldentod und auch dort sterbe ich zu deinem Besten. Führet uns davon, Bostandschis, zittert nicht, meine Söhne! Wer von euch versteht die Schnur fest zusammenzuziehen? Fürchtet nichts, ich werde es euch schon zeigen; ich werde die Seidenschnur selbst in Ordnung bringen. Es lebe der Sultan!«

Damit verließ er den Saal, indem er den Bostandschis voranschritt, ohne auch nur sein Schwert niederzulegen.

»Außerdem fordern sie noch den Großwesir und den Obermufti,« sagte Sulali.

Erschrocken sprang der Sultan empor.

»Nein, das kann nicht sein! Du hast ihn falsch verstanden. Er war wahnsinnig, sprach im Zorne, von dem du Antwort verlangtest. Den Großwesir und den Obermufti soll ich töten lassen? Soll sie töten lassen solcher Fehler halber, welche ich selbst beging? vor denen sie mich bewahren wollten? Ihr Blut würde zum Himmel schreien. Gehe zurück Sulali und sage Halil, daß ich ihn bitte und anflehe, diese zwei grauen Bärte nicht vor sich im Staube sehen zu wollen; möge er es sich daran genügen lassen, wenn sie ihrer Ämter entsetzt und verbannt werden, denn sie sind in keinem Falle schuldig. Bitte auch für den Kapudan und den Kiaja; sie sollen vor deiner Rückkehr nicht ausgeliefert werden.«

Sulali suchte Halil nochmals auf. Von dem Kapudan und dem Kiaja wagte er gar nicht zu sprechen. Er wußte, daß der Kapudan die auf das Meer geflüchtete Gül-Bejaze gefangen genommen und der Kiaja hatte sie in den Kerker zu den ehrlosen Weibern werfen lassen. So verlangte er denn bloß Gnade für den Großwesir und den Mufti.

Halil versank in Nachdenken. Er erinnerte sich der Begebenheiten im Palaste an den süßen Wassern, er erinnerte sich, daß auch Damad Ibrahims Umarmung Gül-Bejaze gezwungen hatte, ihre Zuflucht zu der totengleichen Erstarrung zu nehmen, und er vernahm gar nicht, was Sulali über Ibrahims grauen Bart sprach.

»Der Großwesir muß sterben,« antwortete er. »Abdullah mag am Leben bleiben und verbannt werden.« (Er hatte ja Gül-Bejaze niemals ein Leid zugefügt.)

Sulali kehrte in das Serail zurück.

»Halil schenkt dem Obermufti das Leben, die anderen drei müssen jedoch sterben.«

Wie ein aufgeschreckter Löwe schreckte Achmed bei diesen Worten vom Diwan empor und riß sein Schwert heraus.

»So kommt denn heran, tapfere Empörer! Wer die Köpfe meiner Diener will, der möge kommen und sie holen. Keinen Tropfen Blut bewillige ich, und wenn sie kommen, sollen sie sehen, ob Mohammeds Schwert noch scharf ist! Stecket die Fahne des Propheten über dem Tore des Serail aus. Wer ein Gläubiger ist, der hält zu mir. Sendet Ausrufer in alle Straßen, verkündet, daß das Serail in Gefahr schwebt, und wer an Allah glaubt, der eile zum Schutze seiner Fahne herbei! Ich werde die Bostandschis sammeln und die Tore das Serails verteidigen.«

Die beiden greisen Männer küßten die Hand des Sultans, von dem auf den Blättern der Geschichte ganz andere Ereignisse verzeichnet ständen, wenn ihn diese männliche Aufwallung früher erfaßt hätte.

Sofort wurde die Fahne der Bedrängnis über das mittlere Tor ausgesteckt und blieb dort bis zum nächsten Morgen.

Im Morgengrauen kehrten die Ausrufer mit der Nachricht zurück, daß sie weiter als bis zur Aja Sofia nicht vorzudringen vermocht hatten, und daß das Volk ihre Aufforderung mit einem Steinregen beantwortete.

Einsam flatterte die grüne Fahne dort vor dem Serail; niemand scharte sich unter dieselbe, nicht einmal der Wind wollte sie bewegen, schlaff hing sie an ihrer Stange herunter.

Das Aufhissen der grünen Fahne im Tore des Serails ist ein äußerst seltener Fall in der Geschichte. Es pflegte dies nur zur Zeit der größten Gefahr zu geschehen, da dies bedeutet, daß die Zeit gekommen sei, da jeder Moslemin zum Schwerte zu greifen, seinen Herd und Pflug zu verlassen und zum Schutze Allahs und dessen Gesalbten herbeizueilen habe, und es wäre eine Schmach für jeden Osmanen, zu solcher Zeit zu zögern und sein Gut und Blut nicht sofort dem Padischah zu Füßen zu legen.

Da dies bekannt war, so mußte der Schrecken furchtbar sein, welcher die im Serail Anwesenden erfaßte, als es bekannt wurde, daß sich niemand unter die heilige grüne Fahne schare. Dreißig Piaster Aufgeld versprachen die Ausrufer jedem Soldaten, der unter die Fahne eilt und zwei Piaster über den gewöhnlichen Tagessold. Fünf oder sechs folgten ihnen, so viele aber von der einen Seite kamen, gingen auf der anderen wieder davon und Nachmittag war kein einziger mehr unter der Fahne zu sehen.

Gegen Abend hißte man die Fahne über dem zweiten Tore auf, über welchem die obersten Würdenträger schliefen. Achmed legte sich während der ganzen Nacht nicht zur Ruhe, sondern wanderte von Zimmer zu Zimmer und erkundigte sich unruhig nach den Begebenheiten: ob ihm jemand aus dem Heere zu Hilfe kommt? ob sich Anhänger unter die heilige Fahne scharen? und kalter Schweiß perlte von seiner Stirne, als er überall bloß niederschmetternde Antworten erhielt. Die Wachtposten auf den Dächern meldeten, daß die Wachtfeuer der Empörer schon viel näher seien, als sie in der vergangenen Nacht waren, und daß in der Richtung nach Skutari kein einziges Wachtfeuer mehr zu sehen ist, was vermuten läßt, daß auch das Lager bereits nach Skutari zurückgekehrt ist und gemeinschaftliche Sache mit den Empörern gemacht habe.

Achmed stieg selbst auf das Dach hinaus, um sich von der Wahrheit des Vernommenen zu überzeugen, und in unaussprechlicher Angst und Bedrückung wanderte er aus einem Saale in den anderen, um zu sehen, ob der Großwesir, der Kiaja, oder der Kapudan nicht eingeschlafen seien? Bloß der Kapudan vermochte zu schlafen, den Kiaja schüttelte das Fieber, und der Großwesir betete, nicht für sich, sondern für den Sultan. Zuletzt erfaßte den Kapudan selbst Mitleid mit dem Sultan, der sich ihrethalben so sehr ängstigte.

»Weshalb weckst du uns so oft, o Herr? wir sind ja noch nicht gestorben. Begib dich in deinem Harem zur Ruhe, und kümmere dich nicht weiter um uns; die Meuterer haben ja nur mit uns zu tun. Allah Kerim! Denke, daß wir für immer eingeschlafen sind. Auf den Posaunenschall des Engels der Auferstehung werden auch wir gleich den übrigen erwachen! ...«

Achmed leistete den Worten des Kapudan Folge und verschwand in den ersten Morgenstunden aus ihrer Mitte. Als man ihn gegen Morgen suchte, kam er aus seinem Harem nicht mehr hervor.

Die vier Männer wußten, was dies bedeute ...

Kaum graute noch der Morgen, als der Sulali Effendi und Ispirizade den Mufti abholten, um das Morgengebet mit ihm zu verrichten.

Alle Ulemas waren versammelt, bei deren Anblick Abdullah in Tränen ausbrach und schluchzend zu ihnen sagte:

»Ich brachte Euch meinen grauen Bart hierher, und wenn es Euch nicht gefällt, daß derselbe in Ehren grau geworden, so badet ihn denn in meinem Blute, und wenn Euch die wenigen Tage zu viel dünken, die Allah meinem Leben noch gewährt, so nehmet mir sie denn.«

Hierauf erhoben sich alle Ulemas und ihre Hände emporstreckend, riefen sie:

»Möge dich Allah davor beschützen!«

Damit warfen sie sich nieder, um zu beten und versammelten sich nach dem Gebete in dem Kiosk des inneren Gartens, wo der Großwesir bereits wartete. Bald darauf kamen auch der Kiaja und der Kapudan Pascha, zuletzt der kranke Damadzade, der Richter von Medina, sowie Mustafa Effendi und Segban Pascha.

»Ihr sehet einen toten Menschen vor Euch,« sprach der Großwesir Damad Ibrahim zu den ankommenden Würdenträgern. »Ich bin verloren. Wir vier sind geopfert worden. Der Obermufti wird vielleicht sein Leben retten, wir drei sehen aber den Morgenstern nimmermehr. Es war nicht anders möglich. Wir mußten den Sultan retten, und dies war nur um diesen Preis ermöglicht.«

»Ich habe dies schon lange gesagt,« sagte der Kapudan Pascha. »Schon gestern hätten unsere Leichname den Empörern ausgeliefert werden müssen, ich fürchte, daß es heute schon zu spät ist; ich fürchte, auch der Sultan ist heute schon verloren. Man hätte die Fahne der Bedrängnis nicht aufhissen, sondern uns sofort töten sollen.«

»Ihr drei begebet Euch in das Zimmer des Henkers,« sprach der Großwesir zu seinen Gefährten. »Ich werde Euch bald folgen, nur muß ich den Kislar Aga erwarten, der mir das Reichssiegel abverlangen wird, und bis dahin muß ich meinen Pflichten nachkommen.«

Die drei Männer verabschiedeten sich von Damad Ibrahim, umarmten einander und wurden von den Bostandschis abgeführt.

Jetzt hatte der Großwesir nur noch einen Mufti unter den Ulemas erwählen zu lassen. Diese riefen erst Damadzade aus, der die Ehre mit einem Hinblick auf seine Krankheit ablehnte, worauf man den Richter von Medina auserkor und ihn in Ermangelung eines weißen Talares mit einem grünen bekleidete.

Sodann wählten sie Seid Mohammed und Damadzade unter sich aus, um vom Kislar Aga die geheime Botschaft des Sultans entgegenzunehmen und dieselbe Halil Patrona zu überbringen.

Damad Ibrahim hatte Kenntnis von dem Geheimnisse dieser Botschaft und segnete Allah, der das Ende des menschlichen Lebens bestimmt.

Sultan Achmed sitzt dort im Saale der Wonne, neben ihm die schöne Aldschalis; vor ihm stehen die vier blühenden Tulpen, welche ihm Abdi Pascha gestern geschenkt.

Die vier Tulpen blühen auch jetzt noch so schön.

Aldschalis hält den Hals des Sultans umarmt und küßt seine Stirn, wie wenn sie die Gedanken aus seiner Seele bannen wollte, die ihn nicht ruhen, nicht rasten, nicht lieben lassen.

Sein Auge weilt bloß auf den Tulpen, welche er sorgsam pflegt. Kaum gewahrt er, daß Elhadsch Beschir, der Kislar Aga vor ihm steht und ihm ein langes, beschriebenes Pergament entgegen hält.

»Herr, lies die Antwort des Ulemas, welche sie Halil Patrona übersenden, und wenn du mit derselben einverstanden bist, so bestätige sie mit deiner Namensunterschrift.«

»Was wollen sie?« fragte der Sultan leise, indem er sein kleines Messer aus dem Gürtel zog, und mit der Spitze desselben die Erde um die Tulpen her lockerte.

»Die Empörer wünschen vollständige Zusicherung der Straflosigkeit.«

»Es sei.«

»Außerdem wünschen sie die Auslieferung des Kiaja.«

Der Sultan schnitt mit seinem Messerchen eine der Tulpen ab und reichte dieselbe dem Kislar Aga.

»Nimm!«

Staunend nahm dieser die Tulpe an und fuhr fort:

»Sodann den Kapudan Pascha.«

Der Sultan schnitt die schönste der Tulpen ab.

»Da hast du.«

»Sie wünschen die Verbannung des Obermufti.«

Der Sultan riß die dritte Tulpe samt deren Wurzel aus und warf sie ihm hin.

»Auch die nimm!«

»Und den Großwesir.«

Die letzte Tulpe schmetterte der Sultan samt dem Topfe zur Erde und verhüllte sodann sein Gesicht.

»Verlange nichts mehr. Du siehst, ich habe alles hingegeben.«

Damit reichte er ihm seinen Siegelring, in welchem sein Namenszug eingraviert war, und der Kislar Aga drückte ihn unter das Dokument und ließ Achmed wieder allein.

Der Großwesir wandelte auf und ab im Garten des Serails. Hier suchte ihn der Kislar Aga auf, ihm folgten Halil Patronas Abgesandte: Suleiman, der durch ihn zum Reis Effendi gewordene Meister, Orli und Sulali. In ihrer Gegenwart begab sich Elhadsch Beschir zu ihm und das vom Sultan unterfertigte Dokument küssend, überreichte er ihm dasselbe.

Damad Ibrahim berührte das Schriftstück mit seiner Stirne und den Lippen, und nachdem er dasselbe durchgelesen, reichte er es wieder zurück, zog das Reichssiegel vom Finger und überreichte dasselbe dem Kislar Aga.

»Der den Ring fortan tragen wird, möge weiser und glücklicher sein. Begrüße den Sultan in meinem Namen. Ihr aber benachrichtigt Halil Patrona, daß Ihr die Türe des Saales der Henker hinter dem Rücken Damad Ibrahims habet sich schließen gesehen.«

Damit blickte der Großwesir umher, um sich einen Begleiter auf seinem letzten Wege zu suchen, als plötzlich ein Kajdschi (Matrose) an seine Seite eilte und ihn bat, ihm zu gestatten, den Großwesir in den Saal der Henker zu begleiten.

Der Matrose hatte einen ebenso langen grauen Bart, wie der Großwesir.

»Woher kennst du mich?« fragte Damad Ibrahim den alten Matrosen.

»Ich kämpfte mit dir, o Herr unter Belgrad, als wir beide noch jung waren.«

»Wie heißt du?«

»Manoli.«

»Ich erinnere mich deiner nicht.«

»Aber ich erinnere mich deiner, denn du hast mich aus der Gefangenschaft befreit und mich gepflegt, als ich verwundet war.«

»Deshalb begleitest du mich jetzt also in das Henkerzimmer. Ich danke dir.«

Diese Worte wurden gewechselt, während sie durch den Garten zu dem genannten Saale schritten, in welchen nun Manoli mit dem Großwesir eintrat.

Die Abgesandten der Empörer und der Kislar Aga warteten, bis Manoli zurückkehrte. Dieser hielt die Hände an die Augen gedrückt. Sicherlich weinte er. Der andere, der Großwesir war drinnen zurückgeblieben.

»Morgen werdet Ihr seinen Leichnam sehen,« sagte der Kislar Aga zu dem Reis Effendi und damit sandte er ihn nebst seinen Gefährten zu Halil zurück.

»Ich wünschte, wir bekämen sie lebend,« sprach der aus einem Tschaus zum Würdenträger gewordene Reis Effendi mit barbarischer Grausamkeit, während er sich entfernte.

An demselben Abend sandte Halil Sulali mit der Botschaft zurück, daß der Obermufti freigelassen werden könne.

Der Alte verließ gegen Mitternacht seine Gefährten und kaum war der Morgen angebrochen, als er neuerdings vor den Großherrn gerufen wurde.

Die ganze Nacht hindurch ängstigte der Kislar Aga den Sultan mit den Worten des Reis Effendi: »Ich wünschte, wir bekämen sie lebend!«

»Nein, nein,« sagte der Sultan. »Lebend werden sie sie nicht bekommen. Sie werden sie nicht quälen, zerfleischen können. Lieber mögen sie bei mir sterben, im Moment, ohne Furcht, mit wenig Schmerzen, beweint und betrauert!«

»So beschleunige ihren Tod, o Herr! Damit man am Morgen nicht ihr Leben von dir fordere.«

»Wartet noch. Erwarte den Morgen. Ihr werdet sie doch nicht des Nachts umbringen wollen! Des Nachts sind die Pforten des Himmels geschlossen. Des Nachts sind die Gespenster der Finsternis entfesselt. Wie wollt Ihr jemanden des Nachts töten! Erwartet die Morgendämmerung.«

Kaum zeigte sich der erste Lichtstrahl am Horizont, so erschien der Kislar Aga vor dem Sultan.

»Herr, der Morgen ist da.«

»Rufe Sulali und den Mufti.«

Die Genannten erschienen.

»Überbringet den Tod denjenigen, die ihm verfallen sind,« sprach Achmed.

Beide fielen auf die Knie vor ihm.

»Weshalb diese Eile, o Herr?« flehte der greise Ulema und küßte seine Füße.

»Weil sich die Empörer ihrer lebend bemächtigen wollen.«

»So ist's,« bekräftigte Elhadsch Beschir, der Kislar Aga. »Der Platz vor dem Kiosk ist bereits mit Empörern wie übersät.

Der Sultan schauerte zusammen.

»Eilet, damit sie ihnen nicht lebend in die Hände geraten.«

»O Herr,« flehte Sulali; »erlaube mir vorerst mit dem Imam der Aja Sofia hinunterzugehen, um nachzusehen, ob die Straßen wirklich von Aufständischen angefüllt sind?«

Der Sultan winkte ihnen zu gehen.

Eilig verließen Sulali, Hassan und Ispirizade das Serail und rannten nach dem Kiosk, ohne dort jemanden zu finden. Sie begnügten sich nicht hiermit, sondern wollten sich davon überzeugen, ob die Empörer nicht von einer anderen Seite heranzögen und so machten sie noch einen Rundgang um das Serail.

Unterdessen zählte der Sultan die Minuten und war durch das Ausbleiben der drei Männer sehr beunruhigt.

»Sie hätten während dieser Zeit bereits zweimal den Weg zum Kiosk zurücklegen können,« sagte der Kislar Aga. »Sicherlich sind sie in die Hände der Aufständischen gefallen und diese halten sie nun zurück, damit sie keine Nachrichten bringen könnten.«

Der Sultan war verzweifelt.

»Eile, eile!« rief er dem Kislar Aga zu, während er selbst in seine inneren Gemächer entfloh.

Nach zehn Minuten kehrten Sulali und der Imam zurück und berichteten, daß ringsum keine Seele zu sehen sei, die das Serail bedrohen würde.

Der Kislar Aga führte sie an das Tor. Ein mit zwei Ochsen bespannter Karren stand dort, welcher mit Binsenmatten gedeckt war. Er hob die Matte empor und bei dem fahlen Scheine des anbrechenden Morgens erblickten sie drei Leichen vor sich: den Kiaja, den Kapudan und den Großwesir.

*

Die überglückliche Gül-Bejaze sitzt in Halils Schoße und wiegt sich träumerisch in seinen sie umschlungen haltenden Armen. Durch die Fenster des prächtigen Palastes dringt das Triumphgeschrei, welches Halil, den augenblicklichen Gebieter von Stambul und des osmanischen Reiches hochleben läßt.

Bebend flüstert Gül-Bejaze Halil ins Ohr, wie gerne sie statt in diesem prächtigen Palaste zwischen den friedlichen Olivenhainen Anatoliens in einem einsamen einfachen Häuschen wohnen würde.

Halil streift die dichten Haarlocken aus der Stirne seiner Gattin und läßt sich abermals jene empörenden Begebenheiten erzählen, welche sich mit ihr im Serail, in der Gefangenschaft des Kapudan und im Kerker der ehrlosen Frauen ereigneten. Weshalb erweckt er hierdurch den Haß immer wieder?

Schaudernd erzählt die Frau alles. Zu Füßen ihres Gatten stehen drei Körbe mit Blumen. Es ist ein Geschenk Halils.

Auf dem Grunde der Körbe ruhen aber kostbarere Geschenke.

Er zieht den ersten hervor und schiebt die Blumen beiseite. Ein blutiges Haupt liegt auf dem Boden des Korbes.

»Wer ist das?«

Erschauernd stammelt Gül-Bejaze den Namen Abdi Paschas.

»Und wer ist das?«

»Dies ist der Kiaja Bey,« ächzt die Frau entsetzensvoll.

Jetzt nahm Halil den dritten Blumenkorb hervor und nachdem er die frischen Blumen beiseite geschoben, zeigte er Gül-Bejaze ein greises, graubärtiges Haupt, welches mit geschlossenen Augen auf dem Boden des Korbes lag.

»Wer ist nun das?«

Gül-Bejazes zarte Gestalt zitierte in den Armen des starken Mannes, als sie dieser zwang, die blutigen Häupter anzublicken. Und als ihre Augen auf dem dritten Haupte ruhten, schüttelte sie staunend den Kopf.

»Den kenne ich nicht.«

»Den kennst du nicht? Betrachte ihn genauer. Sollte vielleicht der Tod seine Züge verändert haben? Das ist ja Damad Ibrahim der Großwesir.«

Mit staunenden Augen blickte Gül-Bejaze auf ihren Gatten und beeilte sich sodann zu sagen:

»In der Tat, dies ist Damad Ibrahim. Ja, ja, kein anderer. Bloß der Tod hat sein Gesicht ein wenig verändert.«

»Ich sagte dir ja, die mit deinem Herzen spielten, mit deren Köpfen wirst du spielen; willst du deren noch mehr?«

»O nein, nein, Halil. Ich habe selbst vor diesen Furcht. Ich fürchte mich, diese stummen Köpfe zusehen.«

»So bedecke sie mit Blumen und du wirst glauben, Blumenkörbe vor dir zu haben.«

»Lasse sie begraben, Halil. Wolle nicht; daß ich mich vor dir fürchte, gestatte mir, daß ich dich auch weiterhin liebe. O, wenn du mit mir nach Anatolien kommen wolltest, wo niemand etwas von uns weiß.«

»Was sprichst du da? Jetzt soll ich gehen, da die Sonne meinethalben nicht unterzugehen vermag und die Menschen nicht einschlafen können, da das Rufen meines Namens sie nicht zur Ruhe kommen läßt? Willst du dich nicht auch im Ruhme baden?«

»O Halil! Die Palme und die Rose wachsen zugleich aus der Erde, und dennoch wird die Palme groß und die Rose bleibt klein. Gestatte mir, zurückgezogen an deiner Seite zu leben, mir gib bloß deine Liebe, dein Ruhm möge ganz dein bleiben.«

Zärtlich umarmte und küßte Halil seine Gattin, und nachdem diese es so wünschte, ließ er die drei Köpfe in dem Garten des Palastes unter drei mächtigen Rosmarinsträuchen begraben.

Sodann verabschiedete er sich von Gül-Bejaze, denn die Abgesandten des Volkes waren bereits um ihren Anführer gekommen, damit er sich mit ihnen in die Moschee Zulejmaja begebe, wo die Gesandten des Sultans auf Antwort warten.

Damit er leichter zu der Moschee gelange und nicht gezwungen sei, sich durch die die Straßen überflutende Menge zu drängen, eilte Halil zum Kanal, bestieg den ersten Kajk und befahl dem Matrosen, ihn bis zur Zulejmaja zu rudern.

Unterwegs blickte er zufällig auf das Gesicht des Matrosen. Es war ein alter grauer Mann.

»Guter Alter,« sprach Halil, »wie ist dein Name?«

»Ich heiße Manoli, gnädiger Herr.«

»Nenne mich nicht gnädiger Herr! Du siehst ja, daß ich bloß ein gemeiner Janitschare bin.«

»O, ich kenne dich besser; du bist Halil Patrona, den Allah lange erhalten möge.«

»Du scheinst mir sehr bekannt zu sein. Du hast eben solch einen langen Bart wie Damad Ibrahim, der Großwesir gewesen.«

»Man sagte mir dies bereits sehr oft.«

Bei der Zulejmaja angelangt, ruderte der Schiffer den Kahn ans Ufer. Halil drückte dem Alten einen Golddinar in die Hand und dieser küßte ihm dafür die Hand.

Halil blickte dem Alten lange ins Gesicht.

»Manoli!«

»Befiehl, o Herr!«

»Siehst du die Sonne dort hinter den Bergen aufgehen?«

»Ja, Herr.«

»Bevor ihr Schatten an die Seite dieser Berge zurückkehrt, sei du bereits hinter denselben verschwunden, und kein Sonnenaufgang möge dich mehr in dieser Stadt finden.«

Der Schiffer verneigte sich mit gekreuzten Armen und ruderte davon.

Halil Patrona eilte in die Moschee.

Die Gesandten des Sultans warteten auf ihn. Scheik Suleiman trat vor.

»Halil, die Leichname der drei Männer haben wir dem Volke übergeben und ihre Köpfe dir übersandt.«

»Wer waren die?« fragte Halil finster.

»Der eine war der Kiaja Bey; sein Leichnam ward durch das Atmeidantor auf den Kreuzweg hinausgeworfen.«

»Und der zweite?«

»Der zweite war der Kapudan Pascha, den man unter den Springbrunnen auf dem Khor-khori-Platze warf.«

»Und der dritte?«

»Damad Ibrahim der Großwesir; diesen warf man auf den Platz vor dem Serail hinaus, gerade unter jenen Springbrunnen hin, welchen er selbst errichtete.«

Halil Patrona blickte dem Scheik scharf ins Gesicht und antwortete kalt:

»So wisse denn, Scheik Suleiman, daß du jetzt gelogen hast, denn jener dritte Leichnam war nicht der Großwesir Damad Ibrahim, sondern ein Matrose, Namens Manoli, der ihm ähnlich war und sich für ihn aufopferte. Der Großwesir aber entfloh und niemand wird wissen, wohin? Sage dies daheim jenen, die dich hergeschickt.«

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