Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maurus Jókai >

Die weiße Rose

Maurus Jókai: Die weiße Rose - Kapitel 7
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie weiße Rose
publisherVerlag von Hermann Michel
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180415
projectid9f94aa76
Schließen

Navigation:

6. Der Ausbruch des Sturmes.

Ein ungünstiger Wind wehte über den Bosporus, so daß der Sultan erst gegen Abend in Skutari ankam, wo er nebst seinen Wesiren, den Herzogen, dem Mufti und Ispirizade in seinem Palaste am Meeresufer abstieg.

Wenn alles Geräusch in der Nähe verstummte, konnte man während der ganzen Nacht das entferntere Branden und Wogen vernehmen, welches aus der Richtung des Lagers drang und dessen Grund niemand zu erklären vermochte.

Der Großwesir sandte bereits wiederholt Läufer zu dem Janitscharenaga, um nach dem Grunde des Lärmens im Lager zu fragen. Hassan antwortete, er wisse selbst nicht, weshalb sie unruhig seien, nachdem er bereits bekannt gemacht, daß der Sultan und die heilige Fahne schon angekommen seien.

Da befahl ihm Ibrahim, alle gefangen zu nehmen, die nicht ruhig bleiben wollten. Hassan ließ einige gefangen nehmen, die im Bereiche seiner Hand waren, ohne daß deshalb die übrigen ruhig geworden wären; das Getöse begann sich bereits in die Richtung nach Stambul auszudehnen.

Gegen Mitternacht kam ein Tschaus bei dem Kiaja mit der Meldung an, daß von Tebrif her fliehende Soldaten kämen, die erzählen, daß das Heer des Küprilizade durch den Schah Tamaschig vernichtet worden sei und nur sie sich durch die Flucht gerettet hätten. Dies war der Grund der Aufregung des Heeres.

Der Kiaja weckte den Großwesir, dem er die Schreckensbotschaft mitteilte.

»Das ist nicht möglich!« schrie Ibrahim. »Küprilizade ließ sich nicht besiegen; vor einigen Tagen sandte ich ihm erst Waffen und Hilfstruppen, mit denen er sich so lange zu halten vermag, bis das Hauptheer ankommt.«

»Und wenn es dennoch wahr wäre? Wenn wir uns infolge des Sultans Zögerung verspätet hätten und Hamadan, Kermandschahan seitdem verloren sind?«

»Dann befinden wir uns alle in Allahs Hand. Gehe beten und zur Ruhe.«

Zur selben Stunde weckten drei Softas den Obermufti und Ispirizade und zeigten ihnen einen auf Pergament geschriebenen Brief, welchen man in der mittleren Moschee gefunden hatte. Der Brief, der wie mit Schießpulver geschrieben zu sein schien, konnte nur mit Mühe entziffert werden.

Es war ein Aufruf an die Muselmänner, das Schwert zum Schutze Mohammeds zu ergreifen, doch mögen sie, wenn sie gegen den Feind ausziehen, darauf achten, daß der größte Feind nicht daheim bleibe, der kein anderer ist, als die Minister des Sultans.

»Dieser Brief verdient ins Feuer geworfen zu werden,« sagte Ispirizade und warf denselben ins Feuer und drehte sich ruhig auf die andere Seite.

Der nächste Tag war ein Donnerstag, der 28. September. Gerade vor einem Jahre war des Sultans elfter Sohn gestorben; er sah deshalb einen solchen Tag hierin, der gefeiert werden müßte und ordnete demnach einen allgemeinen Ruhetag an, welcher im Lager bei Trompetengeschmetter bekannt gegeben wurde.

Mehrere der Anführer nahmen es ernst mit dieser Ruhe; der Janitscharenaga begab sich in seinen Kiosk, der Kapudan Pascha ruderte durch den Kanal nach seinem im Tschengelköi befindlichen Landgute, da er von einem holländischen Kaufmann sehr schöne Tulpenzwiebeln erhalten hatte, die er höchst eigenhändig versetzen wollte. Der Reis Effendi eilte in seine an den süßen Wassern gelegene Villa, um sich immer von neuem wieder von seinen Odalisken zu verabschieden und der Kiaja begab sich nach Stambul zurück. Alle hielten Festtag.

Doch das Schicksal hatte für diesen Tag ein anderes Fest bestimmt.

Um Sonnenaufgang standen siebzehn Janitscharen, an ihrer Spitze Halil Patrona vor der Moschee des Bajazir.

In den Händen aller blitzte das nackte Schwert, in ihrer Mitte stand ein Mufti mit der Fahne des Halbmondes in der Rechten.

Das Volk gab ihnen Platz und ließ Patrona auf den Treppen der Moschee Stellung nehmen, und nachdem das Geschmetter des Alarmhornes verklungen war, ward die vibrierende, durchdringende Stimme des Krämers vernehmbar, die über den ganzen Kalanplatz tönte.

»Muselmanns! Wir haben berechtigte Forderungen. Wir werden durch Verräter zugrunde gerichtet. Dem Tode entronnene Flüchtlinge bringen die Nachricht vom Schlachtfelde, daß das Heer Küprilizades vernichtet worden sei. Viertausend Reiter und sechshundert mit Lebensmitteln beladene Kamele sind den Persern in die Hände gefallen, der Anführer selbst entfloh nach Erivan, und Hamadan und Kermandschahan sind wieder Eigentum des Feindes. Und dies geschieht alles, während der Großwesir und der Obermufti Lampenfeste, Palmenspaziergänge und Illuminationen veranstalten und das Lager verhindern, dem tapferen Küprilizade zu Hilfe zu eilen. Unsere Brüder wurden auf die Schlachtbank geschickt, wir hören ihr Schreien, sehen ihre Fahnen sinken, in Feindes Hand geraten und mit dem entblößten Schwerte in der Hand dürfen wir nicht zu ihrer Befreiung eilen. Dies ist Verrat gegen Allah und den Propheten! Jeder Gläubige verlasse demnach seine tägliche Beschäftigung, werfe Ahle, Hammer und Hobel beiseite und greife statt dessen zum Schwerte. Schließet eure Buden und schart euch unter unsere Fahnen. Es lebe der Sultan, Tod den Verrätern!«

Mit wütendem Geschrei nahm das Volk diese Worte auf. Patrona wurde emporgehoben und auf den Schultern des Volkes durch den mit einem großen Gewölbe überdachten Marktplatz Bezestan getragen. Jedermann eilte seinen Laden zu schließen, die Stadt schien plötzlich vom Grund aus aufgewühlt; wie wenn stehendes Wasser durcheinander gerüttelt wird und allerlei sonderbare Untiergestalten und bis dahin in der Tiefe versunken gewesene Schlacken an die Oberfläche emporsteigen, so waren die Straßen urplötzlich von einem Pöbel überflutet, welcher in jener Stadt vegetiert, ohne daß die bessere Bevölkerung Kenntnis davon hätte und uns nur dann durch sein Vorhandensein überrascht, wenn ihn eine unerwartete Erschütterung an die Oberfläche emporsteigen läßt.

Brüllend, heulend folgte man Halil, und nur dann trat eine zeitweilige Ruhe ein, wenn er auf den Schultern seiner Gefährten zu sprechen anhebt. Seine donnernde Stimme läßt jedwedes Geräusch verstummen.

Jetzt war man vor das Haus des Janitscharenagas angekommen.

»Hassan,« sprach Halil kurz und donnerte mit den Fäusten gegen das verschlossene Tor. »Du ließest unsere Gefährten gefangen nehmen, weil sie murrten. Jetzt vernimmst du ein Brüllen statt des Murrens. Gib sie heraus!«

Hassan war kein Freund von derlei Szenen; rasch hüllte er sich in Lumpen und durch die Hintertüre seines Gartens auf den Bosporus hinausgelangend, bestieg er einen schlechten Kahn und entfloh in das Lager.

Die Janitscharen schlugen die Tore ein und befreiten ihre Gefährten. Sie hoben Halil auf Hassans Pferd und zogen nun im Triumph nach dem Etmeidan; im Moment war der Platz von Bewaffneten übersäet, man holte den Kulkiaja-Kessel aus der Kaserne und stellte denselben in der Mitte des Platzes auf. Dies war das althergebrachte Signal zum Kampfe der entfesselten Leidenschaften.

»Öffnet die Gefängnisse!« brüllte Halil; »lasset die Gefangenen heraus. Gebet den Mördern das Messer, Brandstiftern die brennende Fackel in die Hand. Sie mögen morden, zünden. Heute ist ein Tag des Todes und der Trauer.«

Und das Volk stürmte die Gefängnisse, erbrach die Schlösser und Gitter; Scharen von Missetätern strömten auf die Straßen, und wer zuletzt kam, war Janaki, Patronas Schwiegervater. Er blieb in der Türe stehen, wie wenn er sich schämte oder fürchtete, bis Mussli zu ihm eilte und mit Gewalt hervorholte.

»Gräme dich nicht, Mussafir! Ergreife ein Schwert und stelle dich an meine Seite. Jetzt kommt an die Gefängniswärter die Reihe!«

Unterdessen hatte Halil jenes Gefängnis erreicht, welches die ehrlosen Weiber barg, die der Sultan aus allen Städten hierher hatte bringen lassen.

Man öffnete die Tore und schrie in die Hallen hinein, ein jeder möge laufen, dem die Freiheit lieb ist. Gleich einem gespenstischen Schwarm strömte bei diesen Worten eine kreischende Weiberschar hervor. Jene Frauen, die unverhüllten Antlitzes auf den Straßen umherschweifen, die sich anderen zur Lust Augenbrauen und Lippen färben und die man ihrer häßlichen Leidenschaften halber gleich tollen Hunden von der Welt abschließt, damit sie das Volk nicht vergiften sollten. Einige unter ihnen alterten bereits während der Dauer ihrer Haft, doch flackert das Feuer der flammenden Leidenschaft auch jetzt in den eingefallenen Augen empor! Ha! welche Pest ist über das mohammedanische Volk losgelassen! Wirst du auf dem Sturm reiten können, Halil, welchem du Flügel verliehen?

Dort steht er in dem Tore. Er wartet, bis in der Schar der ekelhaften Weiber der Abgott seiner Seele, die schöne, reine unschuldige Gül-Bejaze erscheinen wird. Wie lange sie säumt! Alle sind bereits herausgekommen, haben sich bereits zerstreut, nur vereinzelte, verspätete Gestalten eilen aus dem Kerker den übrigen nach, welche beim Getöse des Aufrufes unangekleidet gewesen und nur notdürftig verhüllt, mit flatterndem Haar, kreischend und jauchzend davonstürzen. Nur Gül-Bejaze kommt noch nicht.

Zitternd steigt Halil in das ekle Nest hinunter, welches bloß durch einige kleinrunde Fenster spärlich erleuchtet ward.

»Gül-Bejaze! Gül-Bejaze!« ruft er leise und späht in dem dunklen Raume umher. Und bei seinem Flüsterworte sieht er eine weiße Masse in einer Ecke, eng an die Wand gedrückt, sich bewegen. Er tritt hinzu. Es ist ein krankes Weib, welches sein Gesicht vor ihm verbirgt. Sanft zieht er die Hände ihr vom Gesicht und erkennt seine Gattin. Die Scham ließ sie das Tageslicht fliehen. Lieber blieb sie im Gefängnisse zurück.

Erschüttert vom tiefen Weh hob sie Halil in seine Arme empor. Die Frau sprach nichts und blickte ihn nicht an; sie barg bloß das Gesicht am Busen des Gatten und schluchzte.

»Weine nicht, weine nicht,« keuchte Halil. »Die dich geschändet, werden noch heute vor dir im Staube liegen, bei Allah sei's geschworen! Und die mit deinem Herzen gespielt, mit deren Köpfen wirst du spielen und die gutmütige Sultanin, die dich ihre Hand fühlen ließ, wird deine Hand küssen! Das sage, ich, Halil Patrona! dessen Name vor allen Muselmanns verflucht sein möge, wenn er jemals gelogen!«

Damit trug er seine Gattin auf den Armen zu der Menge hinaus und die bleiche gebrochene Gestalt hoch emporhebend, sprach er:

»Da, Muselmanns, das ist meine Gattin, die man in der Brautnacht von mir gerissen und die ich hier in dem Pfuhl der Schmach und Schande wiederfinden muß! Spreche von euch, der Gatte ist; würde er Gnade mit demjenigen üben, der in dieser Weise mit seiner Gattin verfährt? ...«

»Tod über sein Haupt!« brüllte die rasende Menge und gleich einem entfesselten reißenden Strome weiterflutend, war sie vor einem Palast gelangt.

»Wem gehört dieser Palast?« fragte Halil zum Volke gewendet.

»Damad Ibrahim!« schrien einige aus der Menge.

»Wem gehört dieser Palast?« fragte Halil abermals und ärgerlich den Kopf schüttelnd.

Mehrere verstanden die Frage und schrien aus Leibeskräften.

»Dir, Halil Patrona!«

»So ist's, dir gehört er!« brüllte die Menge und damit stürmte sie den Palast und erbrach dessen Tore. Patrona trug nun seine Gattin auf den Armen hinein, suchte den Harem des Großwesirs auf und befahl Ibrahims Odalisken, sich vor dem Angesicht ihrer Herrin niederzuwerfen und deren Befehle zu erfüllen. Vor das Tor stellte er Ehrenwachen auf.

Draußen Kampfesgetöse, Trommelwirbel, Trompetengeschmetter; und diesen ganzen Sturm facht der schwache Atemzug eines gebrochenen kranken Weibes an ...

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.