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Die weiße Rose

Maurus Jókai: Die weiße Rose - Kapitel 6
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie weiße Rose
publisherVerlag von Hermann Michel
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180415
projectid9f94aa76
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5. Das Lager.

Welch ein Lärm, welches Leben herrscht in Stambuls Straßen? Scharenweise strömt das Volk zum Hafen des goldenen Horns. Alt und jung scheinen einander mit begeisterten Blicken anzueifern; zehn bis zwanzig bleiben in einer Gruppe stehen und erklären einander die Ereignisse; auf dem Etmeidan, vor dem Serail, vor den Toren der Moscheen wimmelt es von Volk und geleitet von Straße zu Straße den fahnenschwingenden Dulbendar, der mit Trompetengeschmetter den Gläubigen verkündet, daß Sultan Achmed III. dem Schah Tamaschip den Krieg erklärt habe.

Überall begeisterte Gesichter, kampfesmutige Ausrufungen.

Von Zeit zu Zeit zieht eine Gruppe Janitscharen oder armenischer Reiter durch die Straßen, oder es werden schwere, lange Kanonen von Büffeln dahingezogen. Tausende begleiten dieselben auf dem nach Skutari führenden Wege, wo das Lager bereits aufgeschlagen ist.

Endlich, endlich hatte der Padischah genügend Festlichkeiten arrangiert und Illuminationen veranstaltet, und nachdem er unter allerlei nichtigen Vorwänden das Aufhissen der Fahne des Propheten vom achtzehnten Spafer (zweiten September) auf den ersten Rebiulevvel, von da wieder auf den mit zehn Tagen später fallenden Geburtstag des Propheten verschoben hatte, rückte der sehnlich erwartete, versprochene Tag heran und das ganze Heer sammelte sich im Lager vor Skutari, bloß die Ankunft des Sultans erwartend, um die bereit stehenden Schiffe zu besteigen und dem sich auf dem Schlachtfelde befindlichen Küprilisade zu Hilfe zu eilen.

Der ganze Bosporus ist ein lebender Wald, welcher mit schwankenden Masten und Segeln bepflanzt ist; tausende buntfarbiger Fahnen flattern lustig im Morgenwinde. Die ungeheuren Linienschiffe mit dreifachem Verdecke und den langen Ruderreihen scheinen gleich hundertäugigen Meeresungeheuern mit hundert Füßen im Wasser zu schwimmen, während das Brüllen ihrer Kanonen sich in donnerähnlichem Krachen an den Wänden der sich längs des Ufers hinziehenden Paläste bricht.

Dem Ufer entlang ist überall bewaffnetes Volk zu sehen; funkelnde Schwerter, leuchtende Helme werfen den Glanz der Sonne zurück. Der ganze grüne Plan ist mit verschiedenfarbigen Gezelten besetzt; das weiße Zelt gehört dem Obermufti, die hellgrünen den Anführern, die scharlachfarbenen den Kiajaks; dunkelblau sind die Zelte der obersten Richter, der Emirs, die der Richter von Mekka, Medina und Stambul, des Defterdars und Nischandschis, lilafarben die der Ulemas, lichtblau verrät die Müderisseks, lasurblau die Tschaus-Agas und dunkelgrün bezeichnet den Mir-Alem, den Träger der heiligen Fahne, und unter all diesen Zelten ragt das auf einem Hügel errichtete orangefarbene Gezelt des Padischah hervor, mit Gold- und Purpurvorhängen und mit zwei- und dreifachen Pferdeschweifen vor dem Eingange.

Beim Sonnenuntergang war noch keine Spur des Lagers gewesen, während der ganzen Nacht hatte man an der Errichtung desselben gearbeitet und am Morgen hatte dasselbe gleich einem Wunder fertig dagestanden.

In der Ebene lagen die Spahis, die schönsten, stolzesten Reiter des Heeres, dem Ufer entlang standen die Topidschiks mit ihren aufgereihten Kanonen oder sie waren auf den Hügeln verteilt, während an den Rändern die armenische Reiterei, die tartarischen und horrnischen Drusen aufgestellt waren; die Mitte des Raumes gebührte dem Kern des Heeres, den stolzen Janitscharen.

Und sie schienen es sehr gut zu wissen, daß sie die Auserlesenen des Heeres seien, und eine andere Truppenabteilung durfte sich ihnen nicht einmal nähern, viel weniger denn, sich mit ihnen vermischen; höchstens gestatteten sie einzelnen Deliers (Wahnsinnigen, Rasenden) in fanatischer Verzückung zwischen ihren Reihen zu wüten.

Das ganze Heer brennt in Kampfbegierde, und wenn zuweilen ganze Reihen in ein wildes Geschrei ausbrechen, so geschieht dies beim Vernehmen der Kriegserklärung, während die Flotte ihrer Freude und ihrem Beifalle in dem Donner ihrer Geschütze Ausdruck verleiht.

Währenddessen verrichtet Sultan Achmed sein Morgengebet, wie es seine Gewohnheit Tag für Tag mit sich bringt.

Die Nacht hat er nicht im Harem verbracht, sondern hat mit seinen Heerführern in jenem geheimen Saale des Diwans, welcher von einer goldenen Kuppel überwölbt ist, Beratung gepflogen. Das Resultat derselben ist niemandem bekannt außer ihm und seinen Wesiren und dennoch, als er seinen Betsaal verließ, wartete vor dessen Ausgang bereits der Kislar Aga auf ihn, der dem Sultan einen Siegelring überreichte.

»Ruhmreichster Padischah! Die Schönste der Frauen sendet dir diesen Ring. Du weißt doch, was unter dem Steine dieses Ringes verborgen gewesen? Tödliches Gift hat sich dort befunden. Jetzt ist es nicht mehr dort. Die Sultanin Asseki sendet dir ihren Gruß und ihren Wunsch, daß du im Kampfe glücklich sein mögest. Heil dir. Mögen die Schutzengel jeden deiner Schritte begleiten. Die Sultanin hat sich in ihr einsames Zimmer versperrt und in der Stunde, da du das Serail verlässest, nimmt sie das in Wasser aufgelöste Gift zu sich, um zu sterben.«

Der Sultan wurde sehr ernst.

»Weshalb betrübst du mich mit solchen Worten?«

»Ich wiederhole die Worte der Sultanin, großmächtigster Padischah. Sie sagt, daß, wenn du jetzt in den Kampf ziehst, so kehrst du niemals wieder, und sie will nicht die Sklavin jenes Herrschers sein, der nach dir den Thron besteigt.«

»Weshalb betrübst du mich mit diesen Worten?«

»Möge meine Zunge meine Lippen verfluchen und meine Zähne sollen meine Zunge zerbeißen zur Strafe, weil ich diese Worte gesprochen. Die Sultanin befahl es.«

»Gehe zurück zu ihr und sage ihr, sie solle zu mir kommen.«

»Diese Botschaft wird ihr Tod sein, o Herr. Lebend verläßt sie ihr Zimmer nicht.«

Der Sultan versank in Nachdenken und fragte träumerisch:

»Wenn dein Haus brennt, darin sich deine Geliebte befindet, wirst du zuerst daran denken, das Feuer zu löschen oder deine Geliebte zu retten?«

»Das Löschen ist sicherlich weniger dringend, aber die Geliebte ist zu befreien.«

»Du sagtest es. – Was sind das für Kanonenschüsse?«

»Die Salutschüsse aus dem Lager.«

»Sind sie auch im Serail zu vernehmen?«

»Sie lassen dort den Gesang verstummen.«

»Führe mich zu Aldschalis. Sie darf nicht sterben. Was ist der Himmel wert ohne Sonne, was die ganze Welt, wenn man das Liebste verliert? Geh voran und melde, daß ich komme.«

Der Kislar Aga entfernte sich. Achmed flüsterte vor sich hin:

»Nur noch eine Sekunde und noch eine Minute, so lange ein letzter Kuß währt, und noch eine Stunde, eine Nacht, und noch einen Traum. Dann wird's noch immer Zeit sein, auf das kalte eisige Schlachtfeld hinauszuziehen.«

Damit eilte er in den Harem.

Er fand die Sultanin mit wirrem Haar, in zerrissenem grauem Trauergewande, ohne Schmuck, ohne Stickereien. Vor ihrem Tische ein kleines Glas mit durchsichtiger blauer Flüssigkeit. Sicherlich ist's Gift. Um sie her liegen ihre Sklavinnen weinend am Fußboden und schlagen sich mit den Fäusten den schneeigen Busen.

Der Padischah schritt hin zu ihr und schloß sie zärtlich in seine Arme.

»Weshalb willst du vor mir sterben, Blume aller Blumen?«

Die Sultanin schlug die Hände vor ihr Angesicht.

»Mag die Rose blühen zur Winterszeit? Fallen ihre Blätter nicht zur Erde, wenn sie herbstlicher Windeshauch berührt?«

»Der Winter ist aber noch so weit, der dich entblättert.«

»Ach Achmed, wenn jemandes Stern vom Himmel fällt, wird er wohl gefragt: Warst du jung? Warst du schön? Gefiel dir das Leben? Mashalla! Er ist tot. – Mein Stern leuchtet auf deinem Angesicht, und wenn du es von mir wendest, so mag ich immerhin sterben.«

»Und wer sagt dir, daß ich mich von dir abwenden wolle?«

»O, Achmed, der Wind spricht nicht: ich bin kalt, und wir fühlen es doch. Du wendest dein Herz weit, weit weg von mir, als du mir noch nahe gewesen. Mein Herz ist auch in der Ferne mit dir; auch dort bin ich dir nahe; du bist aber weit entfernt von mir, auch wenn du neben mir sitzest. Das ist nicht Achmed, der mit mir spricht. Das ist bloß Achmeds Körper. Meine Seele weilt fern von hier, auf blutigen Schlachtfeldern, inmitten kalter Waffen. Er meint, daß diese Fahnen, diese Waffen, diese Kanonen ihn mehr lieben, als die arme vergessene, verlassene Aldschalis.«

Das Gebrüll ganzer Geschützreihen ertönte vor dem Serail.

»Hörst du, wie sie zu dir sprechen? Ihre Worte sind stärker, als die Aldschalis; gehe, folge ihrem Rufe. Gehe, wohin sie dir den Weg weisen, Aldschalis kämpft nicht mit ihnen. Was ist mein Flehen? Ein schwacher, kraftloser Schall. Gehe! Auch dort werde ich mit dir sein. Und wenn die langen Pferdeschweife deiner siegreichen Fahnen dich glorienartig umhüllen, so denke, daß du Aldschalis flatterndes Haar vor dir siehst, die, um mit ihrer Seele dich begleiten zu können, dieselbe von ihrem Körper befreite.«

»O, sprich nicht so, sprich nicht so,« stammelte der sanfte Sultan, die liebe süße Gestalt fest an sich drückend und deren Lippen mit seinen Lippen verschließend, wie wenn er fürchtete, die zarte Seele könnte durch dieselben entschweben.

Nun mochten die Kanonen donnern draußen am Bosporus, mochte der Tschaus mit Trompetengeschmetter die Kriegserklärung verkünden, mochte das Heerlager auf den Ebenen von Skutari warten – Sultan Achmed war viel zu glücklich in Aldschalis Armen, als daß er hätte daran denken können, die Fahne des Propheten jetzt zu ergreifen und blutdürstige Mengen auf das unerbittliche Schlachtfeld zu führen.

Die Schar der Odalisken griff nach Tamburin und Maultrommel und stimmte süße zauberische Gesänge um das selige Fürstenpaar her an, während draußen in Stambuls Gassen Kanonen über das Pflaster rasselten und das Volk in wahnsinnigem Fanatismus nach Kampf und Krieg gegen die räuberischen Siiten schrie.

Um den Kessel des ersten Janitscharenregimentes geht es indessen lärmend her. Diese Kessel pflegen eine große Rolle in der Geschichte des türkischen Reiches zu spielen. Das Janitscharenheer scharte sich nämlich um einen derartigen Kessel, wenn es Krieg oder Brandschatzung forderte, wenn es nach den Köpfen verhaßter Paschas brüllte, wenn es die Fahne des Propheten zu sehen verlangte und diese Kessel waren dermaßen berüchtigt, daß die bedrängten Anführer und Padischahs gezwungen waren, dieselben entweder mit Gold oder dem eigenen Blute anzufüllen.

Eine Gruppe unruhiger Janitscharen umstand den Kessel, welcher auf einem hohen Dreifuße stand. Halil Patrona und Mussli befanden sich auch dort. Beide trugen Janitscharengewandung mit runden Turbans, welche ein schwarzer Reiher schmückte (weiße sind das Abzeichen der Anführer), nackten Waden und nur bis an das Knie reichenden weiten Pantalons. Halil verrät kaum den gestrigen Krämer; sein kühner offener Blick, seine entschiedene Sprechweise und das gestern und heute verteilte Geld, welches ihm Janaki zu diesem Zwecke gegeben, hatte ihn zum Liebling seiner neuen Gefährten gemacht. Mussli ist noch jetzt berauscht, denn er hatte mit wahrer Selbstverleugnung die ganze Nacht hindurch auf das Wohl seines neuen Kameraden getrunken. Er wird nicht müde, vor allen alten Kumpanen und den Zelten des Janitscharenheeres aus voller Kehle zu schreien, daß, wenn Hassan ein so tapferer Mensch ist, so möge er doch aus seinem Zelte kriechen, nicht darin auf der Bärenhaut liegen oder möge er seinen weißen Reiher Halil Patrona überlassen, der sie dann schon gegen den Feind führen wird.

Der Janitscharenaga vernahm sehr wohl das Geschrei, er hört aber auch, daß die vor seinem Zelte aufgestellten Janitscharen darüber lachen und das Ganze mit ihrem Lachen übertönen.

Unterdessen nähert sich dem Kessel des ersten Janitscharenregimentes eine Schar berittener Tschaus, in deren Anführer wir Halil Pelivan erkennen. Allah war mit ihm und ließ ihn Tschausanführer werden.

Der Riese bleibt stehen inmitten der Janitscharen und fragt dröhnenden Tones:

»Wer heißt unter euch gemeinen Janitscharen Halil Patrona?«

Patrona trat vor.

»Ich denke, du hast dich nicht zu sehr anzustrengen, um mich zu erkennen!«

»Wo ist dein Kamerad Mussli?«

»Nenne mich gnädiger Herr, Hund von einem Tschaus!« brüllt Mussli. »Weißt du nicht, daß mein Name gnädiger Herr ist? So lange du Janitschare gewesen, warst du auch ein gnädiger Herr, jetzt aber bist du ein hündischer Tschaus. Wozu kommst du in Begtas Garten?«

»Um Unkraut auszujäten. Ihr werdet mir, in Fesseln gelegt, folgen.«

»Schauet her, meine Freunde!« sprach Mussli zu seinen Gefährten gewendet. »Dieser Mensch ist betrunken. Er hält sich kaum auf seinen Füßen. Wie wagst du derlei zu sagen, daß zwei Janitscharen, zwei Blumen aus Begtas Garten dir folgen sollen, da die Fahne vor ihnen flattert!«

»Ich habe Befehl vom Kapu Kiaja, Euch vor sein Angesicht zu führen.«

»Nicht so, du Hund! Er möge zu uns kommen, wenn er etwas mit uns zu tun hat! Wie Gefährten? Habe ich nicht recht, wenn ich sage, daß es die Pflicht des Kapu Kiaja wäre, hier auf dem Schlachtfeld, im Lager, nicht die unsrige, bei ihm zu sein? Habe ich nicht recht? Er möge hierher kommen!«

Ein allgemeines Gebrüll billigte seinen Einfall. Er möge hierher kommen, wenn er mit einem Janitscharen sprechen will; wer hat jemals schon gehört, daß man einen Janitscharen aus dem Lager geholt hätte?

Pelivan vermochte sich kaum zu bezähmen.

»Ihr beide seid Mörder; Ihr habt des Sultans Berberbaschi umgebracht.«

Ein allgemeines Gelächter war die Antwort. Jeder wußte ja das bereits. Mussli hatte ja die Geschichte schon hundertmal mit allerlei Variationen erzählt, auf welche Weise Halil den Alil Kormes mit einem Faustschlag getötet habe, wie dieser auf einmal das Maul aufgesperrt habe und wie er gleich einem Taschenmesser zusammengeknickt sei, was den Herren Janitscharen ungemein spaßig vorkam.

Fünf oder sechs Kerle begannen da Pelivan auf einmal zu antworten.

»Gibt es keine Berber mehr in Stambul, daß Ihr wegen diesem einen ein solches Geschrei erhebt?«

»Welche Unverschämtheit! Zwei Janitscharen für einen Barbier zu verlangen!«

»Niemals sollst du samt deinem Kapu Kiaja eine andere Beschäftigung im Paradiese haben, als gute Muselmänner zu barbieren!«

Endlich trat Patrona hervor und bat seine Gefährten, ihn sprechen zu lassen.

»Höre mal, Pelivan. Ich weiß sehr gut, daß du mein Feind bist; bleibe es immerhin, es soll mich das nicht anfechten. Ich antworte dir auch nicht deshalb, wie wenn ich mich entschuldigen wollte, sondern nur deshalb, damit du, wenn du zum Kapu Kiaja zurückkehrst, ihm eine verständige Antwort geben könnest, was von dir selbst nicht zu verlangen ist. – Ja, ich habe Ali Kormes getötet, habe ihn ganz allein getötet. Niemand hat mir geholfen. Nun bin ich zu den Janitscharen eingetreten und stehe nun da, wo Allah, wenn er will, daß ich für den Tod mit meinem Tode büßen soll, frei über mich verfügt. Ich kann sterben und mit meinem Tode wird auch sein Name gepriesen sein. Sein Wille geschehe. Deshalb umgürte der ehrenwerte Kiaja seine Hüften und alle die Herren, die im Schatten des Padischah ruhen, mögen ihre Schwerter umschnallen und endlich zu uns kommen. Ich und meine Gefährten und das ganze Janitscharenheer sind bereit, auf ihren Wink bis auf den letzten Mann auf dem Schlachtfelde zu fallen, doch gibt es keinen unter den Janitscharen, der sein Knie vor dem Henker beugt!«

Diesen hell und metallisch klingenden Worten folgte das Beifallsgebrüll des ganzen Regimentes und unter diesem Getümmel bemühte sich Mussli, der Botschaft Patronas einige Worte hinzuzufügen.

»Und sage deinem Herrn, deinem Kiaja und dem alten Großwesir und dem langbärtigen Mufti, daß wenn sie die Fahne des Propheten samt dem Sultan nicht noch heute hierher bringen, so wird morgen keiner von ihnen mehr einen Barbier benötigen, außer sie wollten in Ermangelung ihrer Köpfe ihre Fersen rasieren lassen.«

Pelivan blickte dabei Patrona fortwährend in die Augen; sein Blick schien eine unverkennbare Schadenfreude auszudrücken, so daß Halil unwillkürlich nach dem Griffe seines Schwertes faßte.

»Habe keine Furcht, Patrona,« sagte er spöttisch; »man wird Gül-Bejaze nicht mehr ins Serail schleppen. Man hat sie samt deinem Schwiegervater auf ihrer Flucht ergriffen und der ungläubige griechische Fleischhauer wurde in das Gefängnis der gemeinen Missetäter geworfen, während man jenes Weib, welches du deine Gattin nennst, in den Kerker zu jenen ehrlosen Frauenzimmern sperrte, welche der gnadenvolle Sultan aus allen Teilen des Reiches sammeln ließ, damit sie die Sitten der Muselmänner nicht untergraben sollten. Dort ist auch sie.«

Wie ein gereizter Löwe, dessen Käfig plötzlich geöffnet wird, sprang Patrona bei diesen Worten aus den Reihen seiner Gefährten. Das Schwert blitzte in seiner Rechten und wenn Pelivan doppelt so groß gewesen wäre, wäre es um ihn geschehen gewesen. Der Tschausführer schlug jedoch seinem Rosse die Sporen in die Weichen und sprengte lachend mit seinen Begleitern vor dem wütenden Patrona davon, und als er bereits eine gute Strecke entfernt war, wandte er sich zurück und begann den Janitscharen, von denen einige zu seiner Verfolgung aufgebrochen waren, höhnische Schimpfworte zuzurufen.

»Ha, der will unserer spotten?« rief Mussli aus, worauf die zunächststehenden Janitscharen, als sie sahen, daß sie jene zu Fuße absolut nicht einholen könnten, zu der nächsten Batterie rannten und mit Gewalt von den Topidschiks einen Mörser nahmen, welchen sie nach bestem Willen und Können ladeten und nach den Fliehenden abfeuerten. Die Kugel pfiff über ihren Köpfen dahin und schlug weit davon in ein Wachtfeuer nieder, an welchem sich fromme Bosniaken wärmten und streute ihnen die Glut in die Augen; von hier sprang sie wieder empor, durchlöcherte das Zelt des Bostandschi-Baschi, indem sie in demselben zwei Fenster zerschlug, prallte dann noch drei- bis viermal in die Höhe, schreckte die in ihrem Wege liegenden Gruppen auf und rollte endlich rasch über den Boden dahin, bis sie zuletzt in den Laden eines Branntweinverkäufers einschlug und dort zahllose Flaschen und Gläser zertrümmerte.

Hier erwischte Pelivan endlich die Kugel und nahm dieselbe zu seinem Kapu Kiaja mit, dem er die ihm aufgetragene Botschaft ausrichtete, und den zwölfpfündigen Ballon zeigend, sagte er, daß die Janitscharen mit derlei Dingerchen ihre Aussprüche zu begleiten pflegen.

Pelivan erwartete von dem Kiaja, daß er in großen Zorn geraten und diese Dinge vernehmend, das Janitscharenheer zumindest dezimieren lassen werde; anstatt jedoch zornig zu werden, erfaßte Entsetzen den Kiaja. Er sah in diesen tollkühnen Antworten bereits die Kriegserklärung der Empörung und eilte demnach erschrocken zu dem Großwesir, dem er auch die zwölfpfündige Kugel mitnahm.

Ibrahim verstand die Botschaft und die Kugel in einen mit Sammet überzogenen Kasten sperrend, nahm er dieselbe mit sich ins Serail, ließ dort den Kislar Aga vor sich rufen, übergab ihm das Ding und beauftragte ihn, dasselbe dem Sultan zu überbringen.

»Das Kriegsheer sendet dem allerruhmreichsten Padischah dieses Geschenk. Es ist das ein Schatz, der, solange er in unserm Besitze ist, keinen Wert hat und bloß dann kostbar wird, wenn wir mit demselben zahlen; schädlich ist's indessen, wenn man uns mit demselben zahlt. Sage dem allergroßmächtigsten Sultan, daß, wenn ihm das eine Exemplar zu wenig ist, ihm das Heer deren noch mehr senden und weder mich noch dich zum Überbringer auswählen wird.«

Der Kislar Aga wußte nicht, was der Kasten enthalte, und trug denselben in den Saal der Wonne und übergab denselben samt der Botschaft dem Sultan.

In Gegenwart der Asseki öffnete Achmed den Kasten, erblickte darin die schwere Kanonenkugel und verstand nun auch Ibrahims Botschaft.

Er fühlte sich in tiefster Seele traurig, als er endlich begriffen. Er war zu jedem so gut, so sanft, hatte niemals jemanden zu betrüben versucht und ihm bereitet jedermann Kummer. Man neidet ihm bereits seine süßen Freuden und läßt ihn nicht einmal an diesem geheimen Belustigungsort in Frieden.

Er umarmte und küßte die schöne Sultanin und stammelte mit Tränen in den Augen:

»So stirb denn, meine süße Blume, verwelke, stirb noch vor mir. Stirb, wenn du kannst, damit mein Herz wenigstens nach nichts Sehnsucht empfinde.«

Verzweifelnd warf sich die Sultanin zu seinen Füßen, umklammerte mit ihren weißen Armen Achmeds Knie und flehte ihn schluchzend an, heute nicht zu gehen, wenigstens heute noch vom Lager fern zu bleiben. Mögen vorerst die bösen Träume vergessen sein, welche sie in der vergangenen Nacht gesehen.

Es konnte nicht mehr länger gezögert werden. Vergebens war Weinen, Verzweiflung. Der Sultan beschloß zu gehen. Einen Moment zögerte er noch, einen Moment währte der Gedanke in seiner Seele, ob denn er ein Spielzeug in den Händen seines Heeres sei, und ob er denn sein Schwert nicht dazu an seiner Seite habe, um mit demselben jene Köpfe abzuschlagen, welche sich gegen ihn erheben? Doch warf er diesen Gedanken sofort von sich; er wußte, daß er denselben nicht auszuführen vermag. Viele, sehr viele müßten dann den Tod erleiden, es wird dann doch besser sein, wenn er gehorcht.

»Stirb nur du, meine süße Blume,« flüsterte er der Sultanin zu, die ihn schluchzend bis an die Tür des Harems begleitete. Dort löste er sich sanft von den ihn umschlingenden Armen los und eilte in das Beratungszimmer.

Aldschalis indessen starb nicht, sondern suchte auf geheimen Gängen den bleichen Herzog auf und fand Trost in seinen Armen.

»Der Sultan gab meinen Überredungen nicht nach,« sprach sie zu dem weißen Herzog, der sie in seinen Schoß nahm. »Er begibt sich ins Lager. Wenn ich ihn nur noch einen Tag zurückzuhalten vermocht hätte, wäre die Empörung gegen ihn ausgebrochen, – und dann wäre es mit seiner Regierung vorüber gewesen, und du hättest den Thron bestiegen.«

»Sei ruhig, wir können noch Zeit gewinnen; lasse ihm durch den Kislar Aga sagen, er möge das Koranstechen ja nicht versäumen.«

»Du hast recht,« sagte Aldschalis und sandte sofort den Kislar Aga in den Beratungssaal.

Der Großwesir, der Kapudan Pascha, der Kiaja, der Obermufti und Ispirizade, der Scheich der Aja Sofia befanden sich bei dem Sultan, der dem Silihdar soeben Befehl gegeben hatte, ihn mit dem Schwerte Mohammeds zu umgürten.

»Allergroßmächtigster Padischah,« sprach der Kislar Aga, indem er sich mit dem Gesichte zur Erde warf; die Sultanin Asseki bittet dich, ja nicht zu versäumen, Allah mittels des Koranstechens um Rat zu fragen, bevor du einen Entschluß fassest, sowie es deine Vorfahren taten, so oft sie zwischen Frieden und Kampf wählten.«

»Du hast recht,« sagte Achmed und befahl dem Obermufti, den Alkoran herbeizubringen, welchen die Sultane bei Gelegenheit großer, wichtiger Staatsaktionen in der Weise um Rat und Entscheidung anzugehen pflegten, daß sie mit einer Nadel in die Blätter stachen und in der durchstochenen Zeile des zuletzt aufgespießten Blattes mußte sich der gute Rat befinden Hammer-Purgstall: Geschichte des osmanischen Reiches. M. J..

Auf jedem Tische des Beratungssaales lag ein Alkoran, elf Stück an der Zahl. Der Deckel des einen war mit Diamanten ausgelegt; diesen legte der Mufti dem Sultan vor und gab ihm die Nadel in die Hand, um mit derselben die Zeremonie vorzunehmen.

Unruhig blickte Ibrahim dabei auf die drei prächtigen großen Uhren, welche sich im Saale befanden und nebeneinander standen. Alle drei zeigen ein Viertel vor zwölf Uhr und die Zeremonie nahm so viel Zeit in Anspruch.

Der Sultan öffnete das Buch bis wohin die Nadel eingedrungen war und die durchstochene Zeile besagte:

»Wer das Schwert fürchtet, dessen Feind ist das Schwert, denn ein rostzerfressenes Schwert in der Hand ist besser als ein funkelndes in der Scheide.«

»La Illah, il Allah! Gott ist einzig!« sprach Achmed sein Haupt neigend und küßte die Zeile des Alkorans. »Führet meine Pferde vor. Gott will es so.«

Der Kislar Aga begab sich mit der Nachricht zu Aldschalis und dem weißen Herzog zurück.

Auch das Koranstechen war ihren Absichten entgegen gelungen.

»Sage dem Sultan,« sprach Aldschalis, den Kislar Aga noch einmal zurückschickend, »er möge ohne den Surem des Sieges ja nicht aufbrechen.«

Der Kislar Aga fand Achmed noch im Beratungssaale und erinnerte ihn an den Surem.

Es ist dies ein heiliges Gebet, welches der Oberimam in der Moschee zu sprechen pflegt, bevor der Padischah persönlich in die Schlacht zieht, auf daß Allah seinen Waffen Sieg verleihe.

Da die Zeit bereits zu kurz war, wurde das Gebet statt in der Aja Sofia in der Kapelle des Serails abgehalten. Ispirizade verlas den Surem, tat dies aber so langsam, in so schleppendem Tone, wie wenn er die Zeit geflissentlich vergeuden wollte, so daß, als die Zeremonie zu Ende war, alle Uhren des Serails die zwölfte Stunde schlugen.

Ibrahim trieb den Sultan zur Eile an, damit derselbe je früher das bereitstehende Schiff besteige, welches ihn samt den Herzögen nach Skutari führen sollte; am Fuße der Treppen indessen, im Vorhofe des Serails, wo die Pferde des Sultans standen, welche ihn durch den Gartenkiosk zum Meeresufer bringen sollten, verstellte ihm der Kislar Aga den Weg, warf sich vor ihm auf die Erde nieder und den Zügel seines Pferdes ergreifend, begann er heftig zu schreien:

»Herr, lasse mich von den Hufen deines Pferdes zerstampfen, erhöre aber meine Worte! Die Mittagsstunde ist vorüber und die Nachmittagsstunden sind Stunden des Unglücks für jeglichen Beginn und ein wahrer Muselmann beginnt nichts, worauf Allahs Segen ruhen soll, wenn der Mittag vorüber ist! Reite über meine Leiche hinweg, doch sage nicht, daß du niemanden gehabt, der dich vor der drohenden Gefahr nicht zurückgehalten!«

Die Seele Achmed III. war voll träumerischer Empfindungen; Glaube, Liebe und Hoffnung, welche andere stark macht, war in ihm zu Aberglauben, Leichtsinn und Wollust entartet und hatte sein Herz geschwächt.

Bei den Worten des Kislar Aga nahm er den Fuß wieder aus dem Steigbügel, in welchen er denselben nachdenklich vom Knie des Rikiabdar gesetzt und sprach entschlossen:

»Wir brechen erst morgen auf.«

Ibrahim war voll Verzweiflung über diesen neuerlichen Aufschub. Er flüsterte Ismael Aga einige Worte ins Ohr, worauf dieser kaum erwarten konnte, daß der Sultan die Treppen emporsteige, wonach er sich aufs Pferd schwang und nach Skutari sprengte.

Unterdessen bemühten sich der Großwesir und der Mufti den Sultan im Divan zurückzuhalten.

Nach dreiviertel Stunden kehrte Ismael Aga zurück; staub- und schweißbedeckt trat er vor den Sultan hin.

»Ruhmreichster Padischah! Ich komme geradewegs aus dem Lager. Seit dem Morgengrauen ist alles auf den Füßen und harrt deiner Ankunft. Wenn du bis Abend nicht im Lager bist, so bleibt das Heer bei Gott! nicht in Skutari, – sondern kommt nach Stambul herein.«

Dies war eine furchtbare Botschaft. Das Heer kommt nach Stambul herein!

Und Achmed III. kannte sehr wohl die Bedeutung hiervon. Er erinnerte sich noch klar der Worte, welche das Heer vor dreiundzwanzig Jahren seinem Vorgänger, dem Sultan Mustafa, der aus seinem adrianopolitanischen Harem nicht nach Stambul hatte kommen wollen, hatte sagen lassen: »Auch wenn du wärest, könntest du selbst binnen zwei Tagen hier sein!« Und was hierauf folgte: der Sultan ward vom Throne gestoßen, nach ihm übernahm er denselben und nun erzittert derselbe durch denselben Sturm unter seinen Füßen, welcher seinen Vorgänger gestürzt.

»Mashallah! Gottes Wille geschehe,« sprach Achmed, Mohammeds Schwert küssend und nach einer Viertelstunde bestieg er unter Vorantragen der Fahne des Propheten das für ihn bestimmt gewesene Schiff.

Die Uhren im Serail schlugen der Reihe nach ein Uhr, als einundzwanzig Kanonenschüsse verkündeten, daß der Sultan nebst der Fahne des Propheten nach dem Lager aufgebrochen sei.

Und die Orientalen sind überzeugt, daß Allahs Segen sich nicht auf die Nachmittagsstunden ausdehne.

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