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Die weiße Rose

Maurus Jókai: Die weiße Rose - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie weiße Rose
publisherVerlag von Hermann Michel
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180415
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4. Der Sklave der Sklavin.

Der wackere Halil Patrona begann bereits völlig zum Sprichworte zu werden; im Basar nannte man ihn nicht mehr anders, als der Sklave der Sklavin, was ihm übrigens durchaus nicht zum Schaden gereichte, denn um so mehr Leute gingen zu ihm, um Tschibuks und Tabak zu kaufen, da jedermann den Muselman gerne kennen gelernt hätte, der eine für bares Geld gekaufte Sklavin nicht nur nicht einmal mit seiner Hand berührt, sondern an ihrer Stelle jegliche Arbeit verrichtet, wie wenn jene ihn gekauft hätte.

In Patronas Nachbarschaft diente ein ausgedienter Janitschare, Namens Mussli, der zum Zeitvertreib der Kunst des Pantoffel- und Schuhflickens oblag. Dieser sah Halil oft in mondhellen Nächten auf das Dach emporschleichen, wo Gül-Bejaze schlief, sich dort zwei Schritte weg von ihr niedersetzen und sie stundenlang, bis Mitternacht, bis zur Morgendämmerung betrachten. Die Stirne in die hohle Hand gestützt, bewunderte er die verführerische Gestalt, das schöne bleiche Gesicht und häufig glitt er näher zu ihr hin, so nahe, daß seine Lippen beinahe ihre Wangen berührten; dann warf er den Kopf wieder zurück, und wenn die Sklavin in solchen Momenten zu erwachen pflegte, winkte er ihr, sie möge nur ruhig weiter schlafen, es werde sie niemand stören.

Um all dies Gerede scherte sich Halil nicht; sein Gesicht war wohl etwas bleicher, als es früher gewesen, wenn aber jemand mit ihm angebunden hätte, würde er bemerkt haben, daß seine Arme deshalb nicht schwächer geworden seien.

Eines Tages saß er wieder in der Türe seines Ladens, ohne auf die Vorübergehenden zu achten und seinen weit weg starrenden Augen eine solche Richtung gebend, daß er über aller Köpfe hinwegsehen konnte, als er von jemandem, der völlig unbemerkt auf ihn zugetreten war, mit freundlicher Stimme angesprochen wurde:

»Mein lieber Tschorbadschin!«

Patrona blickte empor und erblickte Janaki, seinen einstmaligen rätselhaften Gast vor sich.

»Ah, du bist's, Mussafir. Zwei volle Tage, nachdem du mich verlassen, suchte ich dich in allen Straßen der Stadt, um dir die fünftausend Piaster zurückzugeben, die du mir geschenkt hast. – Na, es ist aber jetzt gut so, ich suche dich nicht mehr, denn ich habe bereits das ganze Geld ausgegeben.«

»Das freut mich zu vernehmen, Halil, und ich hoffe, daß du dir mit dem Gelde ein wenig aufgeholfen. Möchtest du mich abermals für einen Tag als deinen Gast beherbergen?«

»Recht gerne. Indessen mußt du mir erstens versprechen, mir durch keinerlei List bezahlen zu wollen, was ich dir umsonst gebe; zweitens darfst du über Nacht nicht bei mir bleiben wollen, sondern mußt dich zu meinem wackeren Nachbar Mussli begeben, der ebenfalls ein alleinstehender Mann ist und Pantoffeln flickt, demgemäß eine sehr ehrenwerte Persönlichkeit ist.«

»Und weshalb kann ich nicht bei dir schlafen?«

»Denn du mußt wissen, daß wir jetzt schon zu zweien im Hause sind: ich und eine Sklavin.«

»Das tut ja nichts, Halil. Ich werde auf dem Dache schlafen, und du nimmst deine Sklavin zu dir hinunter.«

»Das geht nicht, Janaki, das geht nicht.«

»Weshalb geht das nicht?«

»Denn ich würde lieber in der Grube schlafen, in welcher ein Tiger gefangen ist, eher würde ich in der Höhle des Hyppopotamus schlafen oder in einem Kahne, welchen Kaimans und Krokodile bewachen; eher würde ich eine Nacht in einem Keller verbringen, der voll ist von Skorpionen und Skolopendern, oder im Turm von Ssurem, welchen die Dschins heimsuchen, als eine Nacht mit dieser Sklavin im Zimmer verbringen.«

»Du machst mich staunen, Halil. Bist du vielleicht der sonderbare Muselman, von dem man bereits in Pera spricht, daß er sich eine Sklavin gekauft habe, die ihn zu ihrem Sklaven gemacht hat?«

»Du sagtest es. Es wird aber besser sein, wenn du nicht mehr davon sprichst. All dies haben deine fünftausend Piaster verursacht, denn seitdem bin ich völlig zugrunde gerichtet. Mit meinem Verstande geht es bergab, und wenn Käufer zu mir kommen, gebe ich ihnen solche Antworten auf ihre Fragen, daß sie mich auslachen. – Sprechen wir lieber von dir. Hast du bereits deine Tochter gefunden?«

Jetzt war's an Janaki zu seufzen.

»Ich habe sie überall gesucht und habe sie nirgends gefunden.«

»Auf welche Weise hast du sie denn verloren?«

»Eines Tages unternahm sie mit mehreren Gefährtinnen eine Vergnügungsfahrt in einem Segelboote auf dem Marmarameer. Die Töne der Musik und des Gesanges lockten einen türkischen Piraten herbei und inmitten eines friedlichen Staates raubte er die jungen Mädchen und verstand, sie insgeheim so geschickt zu verkaufen, daß ich keine Spur von ihnen zu finden vermag und schon annehmen muß, daß sie in das Serail geschleppt worden sind.«

»Von dort bekommst du sie sicherlich nicht mehr heraus.«

Janaki seufzte tief auf und traurig seinen Kopf schüttelnd, sagte er:

»Du meinst, ich werde sie niemals zurückbekommen, wenn sie dort ist?«

»Wenn die Janitscharen oder Debedschiks oder Bostandschiks sich's nicht überlegen und den Sultan absetzen.«

»Wer wagte hieran auch nur zu denken, Halil?«

»Ich würde es sicherlich wagen, wenn sich meine Tochter meinem und ihrem Willen entgegen im Harem befände. Dies ist indessen nichts für dich, Janaki. Du hast noch kein anderes Blut, als Ochsen- und Rinderblut vergossen, soviel kann ich dir indessen sagen, wenn ich so reich wäre, wie du es bist, könnte ich meine Tochter selbst aus dem Serail holen, denn der Reichtum vermag mehr, als die Tapferkeit.«

»Ich bitte dich, sprich nicht so laut, einer deiner Nachbarn könnte dich hören und schlägt mich dann zu Boden, um mir mein Geld abzunehmen. Ich führe stets viel Geld mit mir und fürchte immer, man könnte es mir rauben. Vor dem Basar wartet ein Knecht mit einem Maultiere auf mich, welches mit zwei Fässern getrockneter Pflaumen beladen ist. Dir will ich anvertrauen, daß die beiden Fässer zur Hälfte mit Gold gefüllt sind und bloß obenauf befinden sich die Pflaumen. Ich möchte dieselben bei dir abladen. Deine Sklavin wird die Fässer doch nicht untersuchen?«

»Du magst sie ruhig bei mir lassen; wenn du ihr sagst, sie solle sie nicht ansehen, wird sie die Augen schließen, wenn sie an den Fässern vorübergeht.«

Damit verschloß Patrona seinen Laden und führte seinen Gast zu sich nach Hause; unterwegs sprach er bei seinem Nachbar ein, dem ehrenwerten Janitscharen, der Pantoffeln flickte. Mussli erklärte sich gerne bereit, Halils Gast für die Nacht bei sich aufzunehmen, daneben lud ihn Patrona ein, etwas wohlschmeckenden Pilaf und einige Becher verbotenen Stoffes zu nehmen, wozu sich der ehrliche Janitschare noch am bereitesten erwies.

Damit trat man in Halils Haus ein.

Gül-Bejaze stand eben am Herde und war mit der Zubereitung von Halils Abendessen beschäftigt, als dieser mit seinem Gaste über die Schwelle schritt. Bei dem Geräusche ihrer Tritte wandte sie ihren Kopf zurück.

In demselben Momente stieß der Grieche einen Schrei aus und seine lange Mütze hoch emporschleudernd, stürzte er zu der Sklavin hin und vor derselben auf die Knie fallend, bedeckte er deren Hände, Arme, dann ihr bleiches Gesicht mit seinen Küssen und das Mädchen umschlang seinen Nacken und beide begannen zu weinen, wobei man bloß die Worte verstand: »Meine Tochter!« »Mein Vater!«

Halil betrachtete stumm die Szene.

Noch immer auf den Knieen liegend, hob Janaki seine Hände empor und dankte Gott, daß er seine Schritte hierher geleitet.

»Allah akbar! der Herr sei gesegnet,« sprach nun auch Patrona zu ihnen hintretend. »Siehe, die du so lange gesucht, – bei mir mußtest du sie finden. Lobpreise deinen Gott, denn du erhältst sie unberührt von mir zurück.«

»Nicht so, Halil,« sprach der Vater mit vor Freude leuchtendem Gesichte; »du wirst mir sie nicht zurückgeben, sondern sie wird für ewig bei dir bleiben. Denn wenn ich die Welt dreimal und in drei Richtungen durchkreuze, würde ich keinen Gatten für sie finden, wie du bist und deshalb sage mir, welchen Preis du für sie verlangst, damit ich sie auslösen und dir als freies Weib übergeben könne?«

Halil dachte nicht lange nach, er hatte sich rasch entschieden. Einen Blick warf er auf Gül-Bejazes lächelnde Lippen, – dann bat er einen Kuß von denselben.

Janaki erfaßte die Hand seiner Tochter und legte sie in die Halils.

Halil hielt bereits das heiße glatte Händchen in seiner Hand, fühlte dessen ermutigenden Druck, sah das Mädchen lächeln, sah dessen Lippen sich zum Kusse spitzen und noch glaubte er seinen Augen nicht, noch immer zitterte er davor, daß, sowie es seine Lippen berühren werden, das Mädchen wieder ersterben, bleich und kalt werden wird, und als endlich Lippe an Lippe brannte, Herz an Herzen pochte und er die Wärme des Kusses fühlte, – da glaubte er an seine Seligkeit und nun erst hielt er sie lange – lange an sich gepreßt, und fühlte sich seliger, als die im Paradiese wohnen.

Und hierauf ließen sie das Mädchen zwischen sich niedersitzen, auf der einen Seite der Vater, auf der anderen der Gatte, ergriffen ihre Hände, liebkosten und umarmten sie. Das Mädchen erhielt Küsse und Umarmungen ob es sich nach links, oder nach rechts wandte und ihr Gesicht war nicht mehr bleich, sondern brennend rot, wie die verwandelte Rose, auf welche Aphroditens Blut gefallen. Sie versprach ihrem Vater und ihrem Gatten sehr sehr viel von solchen Dingen zu erzählen, von denen sie niemals eine Ahnung gehabt.

Durch das dünne Eisengitter des Fensters blickte der ehrenwerte Berberbaschi auf die bewegte Szene.

Noch genoß man den Rausch der ersten Freude, als der vielerwähnte Nachbar, der ehrenwerte Mussli den Kopf zur Türe hereinsteckt, denselben aber bei dem sich ihm darbietenden Anblicke zurückziehen will. Doch schon hat ihn Halil entdeckt und ruft ihm fröhlich zu:

»Komm nur herein, wackerer Mussli! fürchte nichts, du siehst, wir sind guter Dinge.«

Der gute Nachbar trat scheu herein und hielt die Hände sorgfältig unter seinem Kaftan verborgen, da dieselben in hohem Grade pechbeschmutzt waren, trotzdem er sie fortwährend wusch, denn das Pech wollte nicht hinunter; in seinem Turban stak auch jetzt noch die Ahle, die sich dort wie eine Reiherfeder ausnahm. Selbstverständlich hatte auch er, gleich allen Schustern, die zerfetzteste Fußbekleidung.

Als er Gül-Bejaze auf Halils Schoß sitzen und diesen selbst freudestrahlend sah, schlug er die Hände zusammen und begann sich zu wundern, da er sofort dachte, daß da heute große Veränderungen eingetreten sein mußten.

Halil zwang ihn, sich neben ihnen niederzulassen, küßte Gül-Bejaze und sagte:

»Siehst du, mein lieber Nachbar, dies ist jetzt meine Frau und sie wird mich fortan lieben und ich werde nicht mehr der Sklave meiner Sklavin sein. Dieser ehrwürdige Herr da aber ist der Vater meiner Frau. Und nun begrüße sie und esse und trinke mit uns.«

Mussli trat zu Janaki und küßte ihn auf die Schulter, dann wandte er sich zu Gül-Bejaze, berührte mit der Hand die Erde, hierauf seine Stirne, setzte sich sodann neben Janaki und speiste wohlgemut.

Janaki sandte seinen Knecht zum Pastetenbäcker, Mussli eilte in sein Haus zurück und kehrte mit einem silberbeschlagenen Tamburin zurück, welches er sehr gewandt zu handhaben verstand und sehr gefühlvoll dazu singen konnte und so verfloß bei Wein und Gesang und bei den Küssen des schönen Weibes Halils Hochzeitsabend auf das herrlichste.

Vom Fenster aus sah der ehrenwerte Berberbaschi die Unterhaltung mit an und vermochte seine laute Verwunderung kaum zu unterdrücken, als er merkte, daß Gül-Bejaze weder unter den Küssen, noch unter den Umarmungen tot zusammenbreche, wie sie es im Harem getan, ja daß ihr Gesicht sogar rosiger geworden, als die Morgendämmerung.

Endlich konnte er seine Neugierde nicht mehr länger bemeistern, er wandte sich zur Türe und trat bei den fröhlichen Leuten ein.

Er war als einfältiger Baltadschi (Holzhauer) verkleidet; sein Gesicht war auch einfältig genug, um ihn nicht zu verraten und er stellte sich mit den unterwürfigen Worten vor:

»Allah kerim! Salem aleikum! Gott segne Euren Frohsinn; Ihr wart so guter Dinge, daß es bis zum Friedhofe hinausdrang, als ich dort vorüberging. Wenn es Euch nicht verletzt, möchte ich gerne bei Euch verweilen, so lange Ihr es gestattet, und der Musik lauschen, welche dieser wackere Muselman so gut versteht, und die schönen Märchen mit anhören, welche von den flötenden Lippen jener dem Paradiese entstiegenen Huri tönen.«

Mussli war der Wein, Gül-Bejaze und Halil die Liebe zu Kopfe gestiegen, so daß keiner von ihnen an den Worten des Fremden etwas auszusetzen fand; bloß Janaki, der weder von Wein, noch von Liebe berauscht war, flüsterte Halil zu:

»Kann dieser Fremde kein Spion oder ein Dieb sein?«

»Wie magst du an derlei denken?« flüsterte Halil zur Antwort zurück; »du siehst ja, daß es ein ganz ehrenwerter Baltadschi ist. – Setze dich, wackerer Muselman und halte mit uns.«

Der Berberbaschi leistete Folge. Er aß und trank wie jemand, der seit drei Tagen gehungert, war hingerissen von Musslins Tamburin und hörte offenen Mundes der von ihm erzählten Geschichte von des Geizigen Pantoffeln zu und lachte so herzlich darüber, daß ihm die hellen Tränen über die dicken Backen liefen.

»Nun, aber Schönste der Frauen, erzähle du uns etwas,« sprach er sodann zu Gül-Bejaze gewendet, die ihren Gatten küssend, von dem ihr gereichten Becher nippte, damit ihre Lippen befeuchtet seien, worauf sie anhub:

»Es lebte einmal, ich weiß nicht mehr wo, ob in Pera, Galata oder in Damaskus ein reicher Kaufmann. Seines Namens entsinne ich mich auch nicht, doch benötigen wir ja denselben nicht. Dieser hatte nun eine einzige Tochter, die er sehr liebte, der er jeden Wunsch erfüllte und die er vor jedem Windhauche bewahrte ...«

»Weißt du nicht, wie dieses Mädchen hieß?« unterbrach sie der Berberbaschi.

»Doch; sie hieß Irene, denn sie war eine Griechin.«

Janaki erschrak bei diesem Worte. Seine Tochter wollte vielleicht ihre eigene Geschichte erzählen, denn sie hatte ja diesen Namen in der Taufe erhalten. Das wäre jedenfalls sehr unüberlegt, in Gegenwart von fremden Menschen.

»Eines Tages unternahm Irene mit ihren Freundinnen eine Spazierfahrt auf dem Meere; sie sangen, musizierten, das Wetter war schön, der Meerspiegel glatt, als plötzlich ein Piratensegel am Horizont erschien, welches schnurstracks auf die singenden Mädchen zusteuert, und diese, bevor sie das Ufer zu erreichen vermochten, gefangen nimmt und mit ihnen davonsegelt.

»Arme Irene! nicht einmal ein Lebewohl konnte sie dem liebenden Vater sagen; – sie dachte hieran, als das Schiff des Räubers pfeilschnell mit ihr davonflog und die Stadt immer weiter hinter ihr zurückblieb, wo jener wohnte, und wo man sie jetzt erwartete, – erwartete! Ihr Vater steht in der Türe und fragt jeden, der vorübergeht, ob seine Tochter noch nicht komme? Daheim veranstaltete man ein Fest für sie, alle Gäste sind bereits versammelt, bloß sie fehlt noch. Sodann begibt er sich an das Meeresufer und blickt den glatten Wasserspiegel entlang und fragt die Wellen: wo ist meine Tochter? wer hat sie gesehen?«

(Unwillkürlich füllten sich die Augen des Gatten und des Vaters mit Tränen.)

»Aber so weinet doch nicht, was seid Ihr närrisch, es ist ja bloß ein Märchen! Höret weiter. Der Räuber brachte das entführte Mädchen nach Stambul und führte es direkt zu dem Kislar Aga, der die Sklavinnen für den Harem des Padischah zu kaufen pflegt. Der Handel war kurz, denn der Kislar Aga bezahlte, was der Pirat verlangte und damit übergab er Irene den Sklavinnen des Serails, die ihr sofort ein duftendes Bad bereiteten und bewunderungsvoll ihr Antlitz, ihre Gestalt und Schönheit priesen. Und als Irene diese Lobpreisungen vernahm, erschauerte sie in tiefstem Herzen. Gott verlieh ihr also deshalb Reize, damit sie ihrethalben geopfert werde? Sie wünschte sich damals buckelig, schielend, schwarz zu sein, sie wollte lieber narbenbedeckt wie halbgefrorenes Wasser und am Körper mit einem Aussatze behaftet sein, damit jeden Ekel erfasse, der sie sieht, denn ach! sie selbst ekelte sich jetzt noch mehr vor sich selbst!

»Man hüllte sie in bunte Gewänder, gab ihr Diamantenohrringe, um ihre Hüften schlang man einen Schal, ihre Arme und Füße umschlossen goldene Reife und derart führte man sie in den geheimen Saal, wo die Frauen des Padischah versammelt waren. Und dies geschah vor langer, langer Zeit, wer mag wissen, unter welchem Sultan, den nicht einmal unsere Väter kannten.

»Glanz und Pracht, Blumen und Teppiche schmückten den ungeheuren Raum, dessen Decke mit Edelsteinen ausgelegt und dessen Fußboden aus Perlmutter zusammengesetzt war, so daß das flimmerte, wie wenn es lauter Regenbogen wären, welche in Form von phantastischen Blumen und Vögeln in den Fußboden eingelegt waren, weshalb man denn auch keine Teppiche auflegen durfte, und damit die zarten Frauen ihre Füße auf dem kalten Estrich nicht erkälten sollten, standen winzige Schemel bereit, welche sie unter ihre Füße banden und mit denselben in dem Saale auf und ab gingen. Man nennt diese Schemel Kobkobs

»Ei, ei,« sprach Janaki furchtsam; »du beschreibst das Innere des Serails so lebhaft, daß ich mich beinahe zu fürchten beginne. Wenn dir der Mensch zuhört, meint man, einen Blick in den Harem des Sultans zu werfen und dem Sterblichen wäre besser zu sterben.«

»Es ist ja nur ein Märchen und bloß ein erdichteter Saal, von welchem ich spreche. In der Mitte des Saales befand sich ein großer Springbrunnen, aus welchem duftendes Rosenwasser hoch emporschoß, welches mit goldenen Kugeln spielte, an den Wänden erhoben sich deckenhohe venetianische Spiegel, in welchen wunderbare Odalisken ihre prächtigen Gestalten bewunderten, an den Säulen leuchteten viele Hunderte von Lampen in den verschiedensten Farben und verliehen dem Saale eine feenhafte Beleuchtung, in welchem ein durchsichtiger bläulicher Dunst zu schweben schien, der Rauch des Ambra, welchen die Odalisken aus langen Nargyles rauchen. Mehr aber, als all diese Pracht überraschte Irene die Gestalt der Sultanin Asseki, zu welcher sie geführt wurde. In einer Ecke saß auf einem erhöhten Diwan eine schlanke, nervös gebaute Dame; ihre Gestalt war in den Hüften zart, doch breit und üppig bei den Schultern, ihre schneeweißen Arme und den Nacken umschlossen Schnüre von echten Perlen mit diamantbesetzten Schließen; ihr edelsteingeschmückter Turban trug einen hohen Reiherbusch, welcher der hoheitsvollen Gestalt einen noch stolzeren Ausdruck verlieh, während die großen schwarzen Augen die ganze Welt zu beherrschen schienen.«

»Ei, ei,« unterbrach sie Janaki; du beschreibst das alles so lebhaft, daß ich fast Furcht empfinde, während ich dir zuhöre. Wenn du wenigstens noch einen dünnen Schleier darüber gelassen hättest!«

»Ach, das ist ja schon lange her, wer weiß, unter welchem Sultan sich diese Geschichte ereignete ... Man führte die Sklavin vor die Sultanin Asseki, die von zweihundert Sklavinnen umgeben, mit einem kleinen Zwerge spielte; um sie her sang, tanzte und streute man Weihrauch, über ihrem Haupte befand sich ein aus Zucker bereiteter Obstbaum, an welchem verschiedenfarbiges und gestaltetes Zuckerobst hing, von welchem die Sultanin häufig pflückte und ein wenig davon aß, was übrig blieb, gab sie dem Zwerge, der alles verzehrte. Hier wurde Irene von einem schwarzen Eunuchen empfangen, einem blatternarbigen Manne, dessen Oberlippe gespalten war, so daß seine Zähne sichtbar waren.«

»Ganz wie der jetzige Kislar Aga!« rief Mussli lachend aus; »wie wenn ich ihn selbst vor mir sehen würde.«

»Der Schwarze gebot Irenen, sich vor der Sultanin auf ihr Antlitz niederzuwerfen. Irene gehorchte, und während sie mit dem Gesichte zur Erde gekehrt, vor der Sultanin lag, sprach sie die Worte in sich: ›Heilige Jungfrau Maria! Du Mutter Gottes, Beschirmerin von Jungfrauen, blicke auf mich gnädig nieder und wenn ich dich rufe, so befreie mich!‹ Unterdessen befahl die Sultanin ihren Sklavinnen, Irenens Haarlocken zu lösen und als diese nun in ihr bis an die Fersen reichendes Haar gehüllt, dort vor ihr stand, befahl sie, ihr Gesicht rot, da sie sehr bleich war und ihre Augenbrauen schwarz zu färben, ihr Haar aber mit duftendem Öl einzureiben und ihren Nacken und ihre Arme mit Perlenschnüren zu schmücken. Irene wußte nicht, was mit ihr geschehen werde, als der Kislar Aga zu ihr trat und ermutigenden Tones die Worte zu ihr sprach: ›Freue dich, beglückte Jungfrau, denn ein großes Glück ist dir heute zuteil geworden. Nach einer Woche wird das Beiramsfest gefeiert werden und die Lieblingssultanin hat dich unter den übrigen Odalisken herausgesucht, um dich dem Padischah zu schenken. Darum freue dich!‹ Irene aber wäre bei diesen Worten am liebsten gestorben. Damit übergab ihr die Sultanin einen Fächer aus eitel Pfauenfedern und gestattete ihr, sich neben sie zu setzen und den häßlichen Zwerg in ihrem Schoße halten zu dürfen. Wie Irene nachträglich erfuhr, war dies ein Zeichen großer Gnade. Sechs Tage lang verlebte das Mädchen in tödlichster Angst. Ihre Gefährtinnen beneideten sie, denn die Harembewohnerinnen lieben einander nicht, sie können bloß hassen. Täglich sah sie den Sultan, unwillkürlich fühlte sie Ehrfurcht vor seinem sanften freundlichen Gesichte, doch erschauerte sie in tiefster Seele, wenn sie daran dachte, daß sie ihn lieben sollte. Der Sultan verbrachte seine meiste Zeit mit seiner Lieblingsfrau, doch geschah es zuweilen, daß er einer oder der anderen Odaliske das Tuch zuwarf, was für ein großes Glück oder auch großes Unglück angesehen wurde. Eine schöne blonde Italienerin befand sich dort, welche der Großherr sehr zu begünstigen schien: eines Tages vergaß das Mädchen aber die Augen niederzuschlagen, als es der Sultanin begegnete. Am andern Tage sah Irene das Mädchen nicht mehr, und als sie nach demselben fragte, flüsterte ihr ihre Schlafgenossin zu, sie sei in der vergangenen Nacht erdrosselt worden. Und zu wiederholten Malen konnte man um Mitternacht ersticktes Schreien von dem geheimen Serailerker her vernehmen und nachher, wie wenn ein schwerer Körper ins Wasser fiele und am nächsten Tage fehlte sodann ein bekanntes Gesicht aus dem Serail. Es waren das lauter übermütig gewordene Sklavinnen, die ihre Freude über die Gunst des Sultans nicht zu verbergen vermochten und aus diesem Grunde ins Wasser geworfen wurden. Niemand fragte mehr nach ihnen.«

Janaki schauerte zusammen und sprach:

»Gut, daß all dies bloß ein Märchen ist.«

»Endlich war das Beiramfest gekommen,« fuhr Gül-Bejaze fort; »während des ganzen Tages donnerten die Kanonen über den Bosporus hin. Ermüdet kehrte der Padischah am Abend in das Serail heim und die Sultanin Asseki ergriff Irene bei der Hand und führte sie dem Großherrn entgegen und mit den anderen ihm bestimmten Geschenken, mit goldausgenähten Gewändern und eingekochtem Obst übergab sie auch das Mädchen zum Ergötzen des Padischah. Freundlich blickte der Großherr auf das Mädchen nieder, während dies, gleich einem dem Löwen vorgeworfenen Lamme am ganzen Leibe zitterte und als es der Sultan an der Hand erfaßte, um es an sich zu ziehen, flüsterte das Mädchen: ›Jungfrau Maria ...‹ Und in demselben Momente erbleichte das Mädchen, seine Augen schlossen sich und tot fiel es auf dem Erdboden nieder. Eine derartige Szene war nicht neu im Harem, die dorthin gebrachten Damen begannen in der Regel bei der Ohnmacht; – sofort eilten die Sklavinnen herbei, rieben ihren Körper mit starkriechenden Mitteln, gossen ihr geistige Essenzen über das Gesicht, ließen eiskaltes Wasser auf ihre Herzgrube tropfen; alles war vergebens. Das Mädchen erwachte nicht und blieb tot bis an den nächsten Morgen; wo man sie niederlegte, blieb sie liegen. Am nächsten Tag ließ sie der Padischah abermals vor sich bringen; zuerst sprach er schmeichelnde Worte zu ihr, beschenkte sie mit schönen Kleidern, goldenen Armspangen und Diademen, die Sklavinnen beräucherten sie mit betäubenden Düften, badeten sie in erhitzenden Ambrabädern und flößten ihr bluterregende Getränke ein. Alles war vergeblich. Sowie sie die Jungfrau Maria anrief, hörte ihr Blut auf zu zirkulieren, sie sank zu Boden, erstarb und keinerlei Mittel vermochten sie zu erwecken. So geschah es auch am dritten Tage. Da erfaßte die Sultanin Asseki Zorn gegen sie; sie sagte, dies tue nicht Gott an dem Mädchen, sondern sie selbst stelle sich tot aus Böswilligkeit und sofort gab sie Befehl, die Sklavin zu foltern. Vollständig nackt legte man das Mädchen zuerst auf eine eiskalte Marmorplatte – sie erschauerte nicht! Sodann hielt man sie auf einem Eisenrost über langsames Feuer. Sie machte nicht die kleinste Bewegung. Hierauf holte man rote Ameisen aus dem Garten und gab denselben ihren Körper preis. Sie regte sich nicht bei deren giftigen Bissen. Endlich stach man spitze Nadeln unter des Mädchens Nägel, und sie rührte sich nicht. In ihrer Wut ergriff nun die Asseki eine Geißel und peitschte so lange des Mädchens nackten Körper, bis sie nicht mehr weiter konnte, doch vermochte sie das Mädchen nicht zum Leben zu erwecken.«

»Bei des Propheten Bart!« rief Halil bei der Erzählung aus und schlug mit der Faust auf den Tisch; »jene Sultanin verdiente, in einen Sack genäht, in den Bosporus geworfen zu werden.«

»Es ist ja bloß ein Märchen,« sagte Gül-Bejaze Halil Patronas Wangen streichelnd und fuhr sodann fort: »Der Sultan befahl, Irene aus dem Harem zu entfernen, denn er wollte den lebendigen Tod nicht um sich sehen und die Sultanin schenkte sie dem Neffen des Padischah, dem Sohne von des Sultans Schwester. Der Herzog war ein schöner bleicher Jüngling, ähnlich allen Lieblingen der Frauen. Er ward in einem besonderen Flügel des Serail gefangen gehalten, denn obwohl er alle Freuden genoß, von Glanz, Reichtum und Sklaven umgeben war, durfte er trotzdem niemals das Serail verlassen. Die Sultanin führte Irene selbst zu ihm, da sie dachte, daß die schönen Augen des Jünglings am leichtesten den das Mädchen behaftenden Zauber besiegen werden. Der bleiche Herzog war entzückt von dem Anblicke des Mädchens, er bat und flehte sie an, unter seinen Küssen und Umarmungen nicht zu sterben. Vergebens. Bei der ersten Berührung war das Mädchen abermals entseelt, und wer ihre Lippen küßte, meinte eine Leiche vor sich zu haben. Der Herzog warf sich über sie und bat sie weinend, zu erwachen. Das Mädchen hörte und antwortete nicht. Endlich bekam die schöne Sultanin Asseki selbst Mitleid mit ihm; die Tränen und Bitten, die auf die Tote nicht wirkten, rührten ihr Herz; zärtlich umarmte sie den bleichen Herzog, zog ihn liebevoll an ihre Brust und begann ihn zu trösten und küßte ihm Mund und Augen, und der Herzog tröstete sich und sie freuten sich sehr aneinander, denn es war ja niemand anwesend, bloß das ohnmächtige Mädchen, welches für sie so viel wie eine Tote war.«

»Hm!« machte der Berberbaschi; »das war auch gut zu erfahren.«

»Am nächsten Tage schenkte der bleiche Herzog Irene dem Großwesir. Der Großwesir freute sich auch sehr über das Mädchen, führte es mit sich in seinen Keller, zeigte demselben drei große Wannen voll Gold und Edelsteinen und sagte Irenen, daß er dies alles ihr geben wolle, nur solle sie ihn lieben; er zeigte ihr die ungeheuren Schätze, welche er unter dem Getäfel des Palastes verbirgt, und auch diese versprach er ihr und bot ihr für jeden Kuß ihrer Lippen einen Palast an den Ufern der süßen Wasser.«

»Feuer in diese Paläste!« rief Halil heftig aus.

»Nun, nun, mein Sohn, sei doch vernünftig!« sprach Janaki, der zu ahnen begann, daß dies mehr als ein Märchen sei.

Der Berberbaschi begann hoch aufzuhorchen, als von den verborgenen Schätzen des Großwesirs gesprochen wurde.

»Auch der Anblick der Schätze vermochte Irene nicht umzustimmen. Niemals versäumte sie die heilige Jungfrau anzurufen, wenn sich ihrem Gesichte das Gesicht eines Mannes näherte und die heilige Jungfrau ließ sie niemals im Stich.«

»Ich glaube,« sprach Halil, »daß das kein Wunder der heiligen Jungfrau war, sondern daß Irene einen so starken Willen besaß, daß sie trotz aller Quälereien sich tot zu stellen vermochte.«

»Endlich wurde bestimmt, die Sklavin am Basar auszustellen und sie inmitten der übrigen gemeinen Sklaven dem Meistbietenden zu verkaufen. Und da wurde Irene von einem armen Trödler gekauft, der alles, was er besaß für sie hingab; einen vollen Monat ließ der Käufer seine Sklavin unberührt, und das Mädchen, welches weder durch Quälereien, noch durch die Gunst mächtiger Herren, noch durch Schätze, noch durch heiße Begierde gewonnen werden konnte, gewann den armen Krämer lieb und es stürzt nun nicht mehr leblos zusammen, wenn heiße Lippen ihre Wangen berühren.«

Bei diesen Worten umarmte Gül-Bejaze ihren Gatten, küßte ihn und lächelte ihn an mit den großen leuchtenden Augen.

»Das war eine schöne Geschichte,« sagte Mussli, mit der Zunge schnalzend; »nur schade, daß sie nicht länger ist.«

»Sei unbesorgt, wackerer Muselman,« sprach der Berberbaschi, indem er sich von seinem Platze erhob. »Die Geschichte hat auch eine Fortsetzung. Höret nur zu: als der Padischah das Mädchen hatte verkaufen lassen, beauftragte er Ali Kermes, seinen Berberbaschi, nachzuforschen, was sich mit der Odaliske weiterhin begeben? Und der Berberbaschi erfuhr, daß sich das Mädchen nur verstellt habe, als es jedesmal ohnmächtig geworden und der Berberbaschi führte es in das Serail zurück, noch bevor sie mit ihrem Gatten eine Nacht verbracht hatte. Denn ich bin Ali Kermes! und du bist Gül-Bejaze, jene Irene genannte Sklavin, die sich tot gestellt.«

Entsetzt sprangen alle von ihren Plätzen auf und Janaki warf sich dem Berberbaschi zu Füßen, umklammerte seine Knie und flehte ihn an, nichts von dem verlauten zu lassen, was seine Tochter jetzt da gesprochen habe.

»Wir sind verloren!« stammelte Gül-Bejaze erbleichend, die plötzlich aus dem Rausche erwacht war, welchen Wein und Liebe in ihrem Herzen hervorgerufen.

Janaki bat und flehte, Mussli fluchte, nur Halil schwieg. Schweigend hielt er seine Gattin fest an sich gedrückt und dachte daran, daß er sich eher die Hand abschneiden lasse, als sie loszulassen.

Janaki versprach Ali Kermes ungeheure Schätze, wenn er das Vernommene verschweigt und seine Tochter bei ihrem Manne läßt.

»Ich nehme deine Tochter mit mir und auch deine Schätze werden mir gehören. Des Todes seid ihr alle, die ihr in diesem Hause atmet, denn das Geheimnis mit angehört zu haben, welches diese Sklavin ausgeplaudert, genügt, um euch jedem dreimal den Tod zuzuziehen. Ich befehle dir, deinen Schleier zu nehmen und mir zu folgen; ihr aber bleibet da und wartet, bis der Debedschik mit der Schnur euch abholt.«

Damit stieß er Janaki von sich und zu Gül-Bejaze hintretend, erfaßte er deren Hand. Halil hielt sie fortwährend umarmt.

»Folge mir!«

»Heilige Jungfrau, heilige Jungfrau!« stammelte Gül-Bejaze zitternd.

»Deine Schutzheilige hat keine Macht mehr über dich. Dich haben bereits Männerlippen berührt. Folge mir!«

Da hub Halil dumpfen tiefen traurigen Tones an:

»Laß mein Weib los, Ali Kermes.«

»Schweige Hund! Binnen einer Stunde hängst du vor deinem Tore.«

»Noch einmal bitte ich dich, Ali Kermes, laß mein Weib los!«

Statt der Antwort wollte dieser mit einem Arme die den Hals ihres Gatten umklammernde Gül-Bejaze von dort hinwegreißen, während er den anderen Arm gegen Halil ausstreckte.

Da schmetterte Halil seine Faust mit solcher Wucht auf den Schädel des Berberbaschi nieder, daß dieser lautlos und in demselben Momente zusammenstürzte.

»Was hast du getan?« rief Janaki erschrocken aus. »Du hast des Sultans Berberbaschi umgebracht!«

»Ich glaube, daß ich ihn getötet habe!« antwortete Halil ruhig.

Mussli sprang zu Ali Kermes hin, betastete ihn und drehte ihn zum Feuer hin.

»Der ist tot. Ganz tot. Hör Halil, das war ein netter Schlag von dir. Beim Propheten! einen solchen Hieb sieht man nicht alle Tage. Mit der bloßen Hand, mit der einfachen Faust den Menschen derart zu treffen! Wenn ihn eine Kanonenkugel getroffen hätte, würde er nicht schneller hinübergegangen sein.«

»Was aber nun?« fragte Janaki ängstlich. »Der Sultan wird seinen Berberbaschi suchen lassen. Man weiß, daß er hierherkam, die Sache wird nicht verborgen bleiben.«

»Fürchtet nichts,« tröstete Mussli. »Da ist leicht abgeholfen. Bevor die Sache ruchbar wird, begeben wir uns auf den Etmeidan und treten zu den Janitscharen ein. Dann soll uns dort jemand suchen. Dort werden wir geborgen sein. Voriges Jahr ereignete es sich, daß der rebellische Chan Dschefir, den der Padischah selbst im Auslande ununterbrochen verfolgen ließ, endlich auf den Gedanken geriet, zu den Janitscharen einzutreten und hier in Stambul war sein Leben vor der Seidenschnur sicherer, als wenn er nach Rhodus entflohen wäre. Wir alle werden Janitscharen, ich, du und Janaki.«

Janaki verwahrte sich gegen diese Idee.

»Gehet nur, ihr beiden; ich fliehe mit meiner Tochter nach Tenedos und erwarte dort eure Mitteilungen. Ein Faß mit Pflaumen nehme ich mit mir, das andere verteilet unter den Janitscharen, damit ihr freundlicher aufgenommen werdet.«

Halil umarmte und küßte sein Weib. Es war nicht viel Zeit vorhanden, um Abschied zu nehmen, die Debedschiks, welche den Berberbaschi begleitet hatten, begannen bereits über das Ausbleiben ihres Gebieters unruhig zu werden und lautes Pochen ward bereits an der Haustür vernehmbar.

»Rasch, rasch! lasset jetzt das Küssen!« drängte Mussli und nahm ein Faß auf seine breiten Schultern.

Noch einen Kuß drückte Halil auf Gül-Bejazes zitternde Lippen.

»Bei Allah sei's gesagt, wir werden einander bald wiedersehen!«

Und nun, wer nach links, wer nach rechts!

Mussli führte Janaki auf der einen Seite durch die unterirdischen Kellergewölbe, während Halil über die Dächer entfloh, und nach einer Viertelstunde langten beide zugleich auf dem Etmeidan an.

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