Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maurus Jókai >

Die weiße Rose

Maurus Jókai: Die weiße Rose - Kapitel 2
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie weiße Rose
publisherVerlag von Hermann Michel
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180415
projectid9f94aa76
Schließen

Navigation:

1. Der Trödler.

Seit vielen hundert Jahren bekämpfen sich die Siiten und Ssunniten auf das erbittertste.

Persien, Indien und Teheran gehört den Siiten, die Türkei, Arabien, Ägypten und die Berberei besitzen die Ssunniten.

Viel Blut, viel Geld, viel Flüche und viel Verrat wurde bereits verschwendet und noch ward es nicht offenkundig, ob die Siiten oder Ssunniten recht hätten? Die Frage ist die, welcher der nach dem Tode des Propheten gefolgten vier Statthaltern der wahre Heilige sei: Ali, Abu Bekr, Omar oder Osman? Die Siiten behaupten, nur Ali sei es gewesen, während die Ssunniten meinen, alle vier seien heilig gewesen. Und sicherlich sind die Siiten große Narren, da sie sich lieber zu Tausenden niedermetzeln lassen, statt in Gottes Namen zuzugeben, daß der Kalender drei Heilige mehr zählen möge.

Der Obermufti schleuderte bereits drei Fetvas gegen den Schah Mahmud und ebensoviele Kriegsheere der tapferen Ssunniten hatten die Ländereien der ketzerischen Siiten überflutet; der tapfere und heldenmütige Anführer Damar-Ibrahim hatte ihnen bereits Tauris, Erivan, Karmandschahan und Hamad'an entrissen und in Stambul wird nur mehr von seinen Siegen gesprochen, welche man schon daher erfahren kann, indem bei den jedesmaligen Siegesnachrichten die die Stadt bewachenden Janitscharen ihre Kampfestugenden noch eindringlicher als sonst sowohl die friedlichen Einwohner, als auch den noch friedlicheren Sultan fühlen ließen, der sich seinerseits weder um sie, noch um die Ssunniten, noch um die Siege Damar-Ibrahims sonderlich kümmerte, sondern sich mit seinen ewig blühenden Tulpen und seinen noch schöneren, noch blühenderen Odalisken begnügte.

Die letzten Strahlen der Abenddämmerung vergoldeten die Minarets Stambuls. Die Siebenhügelstadt erscheint gleich einem großartigen, ergreifenden Bilde in dem Dämmerscheine; unten der den flammenden Himmel widerspiegelnde Bosporus, in welchem das Serail und die Häuserreihen und buntfarbigen Feenpaläste der Vorstädte Pera und Galata nochmals sichtbar werden, deren lange, geschlängelte, enge Gassen sich von einem Hügel auf den anderen emporziehen und jeder Hügel ist so grün, wie wenn die Natur von den Einwohnern einen Anteil gefordert hätte, denn sie sind nicht gleich den westlichen Städten gepflastert, gekehrt, alles eitel Stein und hart, – sondern hier ist alles grün, die Basteien mit Weinreben, Ölbäumen bepflanzt; vor den Häusern der Reichen stehen Granatbäume, Zypressen, während die Ärmeren, die keinen Garten haben, die Blumen auf das Dach ihrer Häuser emportrugen, oder wenigstens ihr Fenster mit einer Weinrebe schmückten, die sodann das ganze Haus überspann; und dazwischen heben sich bloß die glänzenden Kuppeln von 280 Moscheen leuchtend aus dem Immergrün hervor. Beinahe jede Straße hat an ihrem Ende einen von üppigem Gras und dichtem Zypressengesträuch beschatteten Friedhof, und bloß die mit einem Turban gezierten Grabsteine verraten, daß dort eine traurige Ruhestätte sei. Und was die Wirkung des Bildes noch erhöht, ist die mächtige, alles andere überragende Kuppel der Aja Sofia, welche über sämtliche Paläste hinweg in den Goldspiegel des Bosporus blickt. Der Goldspiegel verwandelt sich bald in einen Erzspiegel, die Sonne verschwindet und nur der dunkelblaue Himmel verleiht dem ruhenden Meerbusen ein metallisches Schimmern; die Kiösks und der Besesstán werden vom Dunkel umfangen, noch zeichnen sich die wuchtigen Massen des Rumilihissar und Anatolihissar am Sternenhimmel ab, und mit Ausnahme der in den Häusern der fremden Kaufleute und auf einzelnen Minarets angezündeten Lampen herrscht tiefe Dunkelheit in der ganzen ungeheuren Stadt.

In den schlanken Türmen der Moscheen singen die Muezzims den Staama nach Sonnenuntergang; jedermann eilt, sein Haus zu erreichen, bevor noch die Nacht völlig hereinbricht; die Treiber führen ihre zu beiden Seiten mit Schläuchen beladenen Maultiere rasch durch die engen Straßen; die Wasser- und Lastträger schreien die ihnen Entgegenkommenden an, da sie mit ihren quer über die Schultern geworfenen langen Stangen die ganze Breite der Straße einnehmen; ganze Rudel von Hunden kommen heulend aus dem Friedhofe hervorgestürmt und kämpfen um die auf den Marktplätzen zurückgelassenen Abfälle. Jeder Gläubige beeilt sich, je früher unter sicheres Dach zu gelangen und würde es für eine große Gottesversuchung ansehen, unter welch Vorwande immer vor dem Morgengesange des Muezzims sein Haus zu verlassen. Besonders mußte derjenige, der zu dieser Zeit über den Etweidanplatz zu gehen wagte, ungeheuren Mut oder gar keine Erfahrung besitzen, da sich auf diesen Platz drei Tore aus der Kaserne der Jenitscheryks öffnen, die, wenn sie bei guter Laune sind, nicht sehr wählerisch in den Späßen sind, die sie mit den in ihre Hände gefallenen Fremden treiben. Ein jeder gläubige Muselman hütet sich demnach, seinen Fuß auf diesen Platz zu setzen, zumal es seine Pflicht ist, jenen Vers des Korans zu kennen, wonach »jeder ein Narr ist, der die Gefahr sucht, ohne welche er zu bestehen vermag.«

Schon hatte man den Zapfenstreich mit Holzstäben auf einem Brette abgetrommelt, als sich in einer der auf den Etmeidan führenden Straßen zwei Männer begegnen.

Der eine ist ein in einen langen walachischen Mantel gehüllter Fremde, mit großen Sandalen, einer breiten Tasche an der Seite; er scheint etwa vierzig Jahre zu zählen, und soweit seine Gesichtszüge und Gestalt in der Dunkelheit zu erkennen sind, ist es ein starker, wohlgewachsener Mann mit einem gutgenährten Gesichte, welches in diesem Momente keine geringe Furcht und jenes unbehagliche Zögern verrät, welches den Menschen, der zum ersten Male sich in einer fremden großen Stadt befindet, gewöhnlich zu erfassen pflegt.

Der andere ist ein ehrenwerter Muselman von etwa dreißig Jahren, mit dichtem, kohlschwarzem Bart und leidenschaftlich erregbaren Gesichtszügen, deren Charakter in den beiden funkelnden schwarzen Augen den passendsten Ausdruck finden. Er hat den Turban so tief in seine Stirne gezogen, daß die Augenbrauen gänzlich niedergedrückt sind, was seinen Blick noch trotziger erscheinen läßt.

Der Fremde scheint dem Etmeidan zuzuschreiten, während der andere aus dieser Richtung herbeikommt. Jener läßt ihn neben sich vorbeigehen, dicht an die Wand gedrückt, und wagt ihn erst anzusprechen, nachdem er gesehen, daß er keine schlimmen Absichten hegt.

»Ich bitte dich, wenn du mir nicht zürnen wolltest, erbarmungsreicher Muselman, würdest du mir nicht sagen, in welcher Richtung der Etmeidanplatz liegt?«

Der Angesprochene blieb hastig stehen und einen scharfen Blick auf den Fragenden heftend, antwortet er ärgerlichen Tones:

»Gehe immerfort geradeaus, so wirst du gleich dort sein.«

Bei diesen Worten schien der Fragende in die Knie sinken zu wollen.

»Weh' mir, wackerer Muselman, ich bitte dich, sei mir nicht böse, aber ich fragte nicht nach dem Etmeidan, um dahin zu gehen, sondern um mich nicht dahin zu verirren. Ich bin fremd in der Stadt und nähere mich in meiner Furcht gerade dem Orte, welchem ich ausweichen will. Ich bitte dich, lasse mich nicht allein hier, alle Häuser sind bereits verschlossen, in die Khans läßt man mich auch nicht mehr ein, nimm mich mit dir, ich werde dir nicht zur Last fallen, will in deinem Hofe schlafen, nur lasse mich nicht zur Nachtzeit auf der Straße, denn ich fürchte mich sehr.«

Der angesprochene Türke hielt eine aus Binsen geflochtene Tasche in der Hand, die er nun öffnete und einen Blick in dieselbe warf, wie wenn er mit sich zu Rate ginge, ob der zum Abendessen eingekaufte Vorrat an Fleisch und Zwiebeln für beide hinreiche; – dann winkte er mit dem Kopfe:

»Folge mir.«

Der Fremde wollte ihm die Hand küssen und erging sich in Dankesergießungen.

»Erst nimm's an, dann bedanke dich, da du sonst nicht weißt, wofür du dankst. Bei mir findest du bloß sehr enge Gastfreundschaft, denn ich bin ein armer Mann.«

»Ach, auch ich bin ein sehr armer Mann, ein sehr armer,« beeilte sich der Fremdling mit der listigen Unterwürfigkeit der griechischen Rasse zu antworten. »Mein Name ist Janaki, und ich bin Fleischhauer in Jassy. Die Kavassen haben meine Knechte nebst allem Vieh gefangen genommen und ich bin deshalb als Bettler nach Stambul gekommen, um mein Eigentum vielleicht zurückzuerhalten.«

»Allah möge dir beistehen; jetzt aber eilen wir, denn es ist finster.«

Selber voranschreitend begann er sodann den Fremden durch jene wirren, geschlängelten, winkeligen Gäßchen zu führen, welche zu dem Hebdomonpalaste führen, wo an der ehemaligen Glanzstätte der griechischen Kaiser jetzt die schmutzigste, ärmste Volksschicht wohnt, und wo die Gassen so eng sind, daß die an den Wänden zweier gegenüberliegenden Häuser emporrankenden Kürbis- und Weinreben sich vereinigen und auf diese Weise einen natürlichen Baldachin bilden, unter welchem eben nur Fußgänger Platz haben.

In einem langen, besonders engen Gäßchen angekommen, schlug ein schrilltönender Gesang an ihre Ohren; es mochte ein Betrunkener sein, wer es aber immer sein mochte, so mußte der Betreffende eine ungeheure Lunge besitzen, denn er brüllte, wie ein Auerochs und wie wenn er mit seinem Gebrülle noch nicht genug hätte, hämmerte er mit seinen Fäusten gegen die Tore der beiderreihigen Häuser.

»Weh' mir, mein wackerer Muselman, das mag irgendein gutgelaunter Janitschare sein!« stammelte erschrockenen Tones der Fremde.

»Sicherlich ist dem so, denn ein friedliebender Mensch brüllt nicht so.«

»Wäre es nicht gut, wenn wir uns zurückwenden würden?«

»Auf einem anderen Wege können wir zweien begegnen. Merke dir: wende dich niemals von deinem Wege ab, denn auf einem anderen gerätst du in noch größere Gefahr.«

Unterdessen kamen sie dem Brüllenden immer näher und bald ward auch dessen Gestalt sichtbar.

Die Stimme hatte sich des Wuchses nicht zu schämen. Es war ein ungeheurer, sechs Fuß hoher herkulischer Mann, mit bis zu den Schultern emporgestreiften Hemdärmeln, dessen unordentlich umgeworfener Mantel und schief sitzender Turban vermuten ließen, daß er wahrscheinlich mehr als seiner Natur zuträglich von jenem Stoffe zu sich genommen, dessen Genuß der Prophet verbietet.

» Gel! Gel! Ne miktár dir! Gel!« (Kommt heran! Wie viele seid Ihr?) sang der Janitschare aus voller Kehle und taumelte dabei von einer Seite der Gasse auf die andere und fuchtelte mit dem blanken Handschar um sich herum.

»Weh' mir! Wackerer Muselman,« wehrte sich bebend der walachische Fleischhauer; »möchtest du nicht so gut sein, diesen meinen Stock mir abzunehmen, – er könnte ihn noch bei mir sehen und glauben, ich wolle Streit mit ihm beginnen.«

Der Türke nahm den Stock des Fleischhauers an sich, da dieser sich vor demselben zu fürchten schien.

»Hm! das ist ein guter Stock; der Knopf mit Nägeln beschlagen und mit Blei gefüllt; – schade, daß du mit demselben nicht umzugehen verstehst.«

»Ich bin froh, Ruhe haben zu können.«

»Nun folge mir nur getrost und schau' ihn gar nicht an, wenn wir an ihm vorübergehen.«

Der Walache wollte den Rat befolgen, doch hatte der Janitschare schon von weitem ein Auge auf ihn geworfen, und als nun jener an den Mantel seines Führers geklammert, an ihm vorüberschleichen wollte, verstellte er ihm plötzlich den Weg und ihn mit seiner furchtbaren Faust am Genick erfassend, riß er ihn an sich.

» Khair evetlesszin domusz!« (Eile nicht so, du Schwein.) »Komm her auf ein Wort; soeben hab' ich mir einen Jatagan gekauft, strecke deinen Hals her, damit ich an demselben prüfen könne, ob er scharf ist!«

Der Mann war halbtot vor Furcht und begann ohne weiteres seine Halsbinde zu lösen; – dabei stammelte er bloß, wer denn dann für seine vier Kinder sorgen werde.

Der Führer warf sich trotzig dazwischen.

»Trolle dich, du betrunkener Bengel! Wie wagst du Hand an meinen Gast zu legen? Weißt du nicht, daß verflucht ist, der den Gast eines Gläubigen beleidigt?«

»Sieh doch!« spottete der Janitschare lachend. »Hast du den Verstand verloren, frommer Balukdschi (Fischer), um mit den Blumen aus des Propheten Garten, mit Begtas Söhnen anzubinden? Geh' deiner Wege, so lange du es noch in einem Stücke tun kannst, denn wenn du noch lange da bleibst, werde ich dich lehren, wie man zu schweigen hat!«

»Lasse meinen Gast in Frieden und dann zieh' auch du deines Weges.«

»Welch ein Teufel ist in dich gefahren, wackerer Muselman? Maschhalla! was hat es dich zu kümmern, wenn ich einem Hunde den Kopf abschneide? Du kannst dir ja zehn andere auf der Gasse auflesen.«

Als der Türke sah, daß es schwer halte, mit einem Betrunkenen sich zu verständigen, trat er näher zu ihm hin und ergriff die Hand, welche den Jatagan hielt.

»Was willst du?« fragte der Janitschare, völlig entsetzt über diese Verwegenheit.

»Gel! Geh' deines Weges.«

»Weißt du, wessen Hand du da hältst? Mein Name ist Halil!«

»Auch der meinige ist Halil

»Halil Pelivan der meinige.« (Der Ringer.)

»Und der meinige Halil Patrona

Der Janitschare geriet in Wut ob des unerwarteten Widerstandes.

»Du Wurm, du auf Binsen hockender Gerber, du Bandkrämer! wenn du mich nicht sofort los läßt, schneide ich dir Hände, Füße, Ohren und Nase ab und hänge dich dann auf.«

»Und wenn du meinen Gast nicht augenblicklich frei gibst, schlage ich dich mit diesem Stocke derart über deinen Schädel, daß du dich sofort zur Erde streckst.«

»Mich? Du? Mit einem Stocke? Mich, Halil Pelivan wagt jemand mit einem Stocke zu schlagen? Schlage hierher, du Hund, du unreines Tier, du Auswurf eines Muselmans; schlage hierher, wenn ich dir sage!«

Und dabei warf er trotzig seinen Kopf empor, damit jener darauf schlage, wenn er Mut hat.

Halil Patrona aber hatte Mut und versetzte mit dem in seiner Hand befindlichen Bleistock dem Janitscharen einen derartigen Hieb auf dessen Kopf, daß das Blut sofort in Strömen zu fließen begann.

Pelivan stieß bei diesem Hieb einen Schrei aus, und das blutige Haupt schüttelnd, stürzte er gleich einem verwundeten Bären auf Patrona los, und nachdem er noch einige Hiebe auf Schultern und Hände ausgehalten, wobei er auch seinen Jatagan fallen lassen mußte, ergriff er seinen Gegner mit seinen furchtbaren Armen, warf ihn in die Luft empor und drückte ihn beim Auffangen in solcher Umarmung an sich, wie wenn er eine Boa Constriktor gewesen wäre. Da stellte es sich aber heraus, daß auch Patrona das Ringen verstehe; er umklammerte mit beiden Händen den Hals des Riesen und preßte denselben so gewaltig zusammen, daß jener nach einigen Momenten zu taumeln begann und endlich rücklings niederfiel. Hierauf kniete Patrona auf seine Brust nieder und riß ihm ein Buschel seines Bartes als Andenken aus. Überwältigt von Wein und Schmach schlief Pelivan auf der Gasse ein, während Patrona mit seinem zu Tode erschrockenen Gaste seinem Hause zueilte.

Nachdem sie sich noch durch einige enge Gäßchen gewunden, diverse Gärten durchschritten und mehrere Schlupfwinkel hinter sich gelassen hatten, gelangte Halil Patrona endlich an sein Haus.

Wenn wir von einer Gassentüre sprächen, würden wir eine große Unkenntnis dieses Ortes verraten, nachdem dort, wo Patrona wohnte, nicht einmal in Gedanken eine Gasse vorhanden war; statt derselben etwa anderthalbtausend Holzhäuser derartig über-, hinter- und nebeneinander erbaut, daß jeder nur durch den Korridor, Hof und Garten seines Nachbars in das eigene Haus zu gelangen vermochte, und nachdem die Inwohner ganzer Häuserreihen in der geheimsten, listigsten Eintracht zu leben pflegten, war jedes Haus in solcher Weise eingerichtet, daß man aus demselben sofort in das Nachbarhaus gelangen konnte, indem bald die Dächer miteinander gleichlaufend waren, bald die Keller in gleicher Höhe lagen, so daß, wenn jemand urplötzlich verfolgt worden wäre, er im Moment durch die Dächer, Zimmer und Keller unauffindbar verschwinden konnte.

Gleich den übrigen bestand auch Halil Patronas Haus aus Holz und hatte nur ein einziges Zimmer, doch sie hatten viel Platz darin. Es befand sich auch eine Feuerstelle in demselben und wenn der Gast besonders wählerisch war, so konnte er sich ein sehr schönes Lager auf dem Dache des Hauses bereiten, auf welchem sich eine Weinlaube befand. Die Einrichtung war nicht sonderlich verschwenderisch zu nennen, eine Binsenmatte in der Mitte des Zimmers, eine mit einem Teppich bedeckte Bank in der Ecke, einige Holzteller und Schüsseln mit einem Kruge auf einer Holzunterlage und einige sehr einfache Kochgeschirre auf dem Herde bildeten die ganze Einrichtung. Von der Decke des Zimmers hing eine irdene Lampe herab, welche Patrona mit althergebrachtem Stahl und Zunder anzündete, dann in einem kleinen runden Troge Waschwasser für seinen Gast herbeibrachte, in dem langen Kruge Trinkwasser vom Brunnen holte, worauf er seine Binsentasche zum Vorschein brachte und deren Inhalt auf die Binsenmatte ausleerend, hieß er den frommen Janaki sich ihm gegenüber niederzulassen und zuzugreifen.

Das Mahl bestand zwar aus nichts weiter als aus einigen kleinen Fischen und mehreren schönen rosenroten Zwiebeln, doch verstand er es vorzüglich auseinanderzusetzen, wie und wo diese Fische gefangen, auf welche Weise sie gebacken werden. Und welch feiner Geschmack in diesen Zwiebeln enthalten sei! mehr als in den Ananas und dann das gute, frische, reine Wasser! Der ganze Alkoran ist voll des Lobes des frischen Wassers, und Halil Patrona wußte das alles auswendig. Dabei wußte er soviel des Interessanten über in der Wüste verirrte Reisende zu erzählen, die durstend nach einem Tropfen Wasser schmachteten und deren sich Allah erbarmte und sie zu den Quellen der Oase geleitete, daß sich sein Gast einbildete, an einem prächtigen Gelage teilzunehmen, und Speise und Trank bekamen ihm wohl und befriedigt erhob er sich von der Matte.

Sultan Achmed – der Arme! – erhob sich schwerlich so zufrieden von seinem mit Sorbet und Zuckerobst beladenen Sofa, um welchen zweihundert Odalisken tanzten und sangen!

»Nun begieb dich zur Ruhe,« sagte Patrona zu seinem Gaste. »Ich weiß, daß der Schlaf die größte Freude ist, mit welcher Allah die Menschen beschenkte, denn das Wachsein gehört anderen Menschen und bloß der Schlaf ist unser. Träumtest du Gutes, so freust du dich, weil es gut gewesen; träumtest du Schlechtes, so freust du dich, denn es war ja bloß ein Traum. Die Nacht ist schön und mild, du kannst auf dem Dache schlafen; wenn du die Strickleiter nach dir hinaufziehst, hast du nicht zu befürchten, daß dich jemand stört.«

Janaki dankte für alles und kletterte auf das Dach hinauf. Oben fand er bereits den Teppich und das Lederkissen vor, auf welchem er schlafen sollte. Sicherlich ist es der einzige Teppich und Polster im Hause und der Gast gewahrte, daß es derselbe sei, welchen er unten im Zimmer gesehen, und er rief zu Halil hinunter.

»Ehrenwerter Tschorbadschin!« (Gastfreund) »Du brachtest mir deinen Teppich und Polster herauf; worauf wirst denn du schlafen?«

»Laß dich das nicht anfechten. Mussafir (Gast), ich nehme meinen zweiten Teppich und mein zweites Kissen hervor und werde darauf schlafen.«

Janaki blickte durch die Dachritzen in das Zimmer hinab und sah, daß sich Halil sorgsam wusch, sodann doppelt so sorgsam betete, hierauf den runden Trog nahm, denselben umdrehte, sich auf die Matte ausstreckte, den Trog unter seinen Kopf nahm und die Hände über seiner Brust zusammenfaltend, ruhig im Propheten einschlief.

Am anderen Morgen, als Janaki aufwachte und sich zu Halil hinunter begab, gab er demselben ein Geldstück, welches dort Golddinar genannt wird.

»Nimm dieses Geldstück, wackerer Tschorbadschin, und wenn du mir noch heute unter deinem Dache zu verweilen gestattest, so bereite ein Mittagsessen für uns beide.«

Halil eilte mit dem Gelde auf den Markt, kaufte allerlei Eßvorräte und hätte es für eine Gewissenssache angesehen, auch nur einen Kupferasper von dem ihm zu diesem Zwecke übergebenen Gelde zu behalten, sondern bereitete für seinen Gast den Pilaf (türkische Nationalspeise, bestehend aus gekochtem Schaffleisch mit Reis), brachte ihm von den Bäckern und den mit Zuckerwerk hantierenden Gewerksleuten Honigkuchen, Dultschas, Pistazien, mit Nüssen gefüllte und in Honig gekochte süße Paprikaschoten und sonstige Gaumenannehmlichkeiten, bei deren Anblick und Genuß Janaki zu schreien begann, daß nicht einmal Sultan Achmed bessere Dinge esse. Halil bat ihn bloß, des Sultans nicht zu oft Erwähnung zu tun und nicht so zu schreien.

Auch in jener Nacht ließ er seinen Gast wieder auf das Dach hinaufsteigen, und da sich derselbe in der verflossenen Nacht sehr viel auf seinem Lager umhergewälzt hatte, vermutete er, daß derselbe an keine so harte Ruhestätte gewöhnt sei und verstohlen breitete er unter den Teppich seinen Kaftan hin.

Am nächsten Morgen gab Janaki seinem Gastfreunde abermals einen Golddinar.

»Bringe mir Schreibzeug, denn ich will jemandem einen Brief schreiben, worauf ich dann mit Gottes Hilfe dein Haus verlasse und weiterziehe.«

Halil entfernte sich, besorgte seine Einkäufe und kehrte zurück. Er verrechnete das gegebene Geld: soviel kostete das Kalem (Schreibfeder), soviel die Murekob (Tinte) und soviel das Muhur(Siegellack). Den Rest gab er Janaki zurück.

Dieser kletterte wieder auf das Dach hinauf; dort schrieb er, versiegelte den Brief, legte ihn auf den Teppich nieder, ergriff wieder seinen Stock und bat Patrona mit herzlichem Danke, ihm den nach Pera führenden Weg zu weisen, wo er sich dann schon zurechtfinden werde.

Gerne erfüllte Halil die Bitte seines Gastes und begleitete ihn bis zur gangbaren Straße. Als Janaki den Bosporus erblickte und merkte, daß er sich weiterhin schon orientieren könne, rief er plötzlich aus:

»Sieh, sieh, jetzt fällt es mir ein! Den Brief, welchen ich schrieb, habe ich auf deinem Boden vergessen; er liegt auf dem Teppich, daneben ein Beutel Geld, welchen ich nebst dem Briefe hätte absenden müssen. Da ich aber keine Zeit mehr habe, zurückzugehen, so bitte ich dich, eile zurück nach Hause, nimm den Brief und das Geld und übergebe beides demjenigen, dem es zugedacht ist, dann möge dich Allah segnen.«

Halil wandte sich sofort in größter Hast zurück.

»Übergib dann aber auch das Geld demjenigen, dem es zukommt!« sagte der Grieche.

»Du magst dessen so sicher sein, wie wenn du es ihm selbst übergeben.«

»Und versprich mir, daß du denjenigen, an den der Brief gerichtet ist, zwingen wirst, das Geld anzunehmen.«

»Ich verlasse erst sein Haus, wenn er mir eine Schrift gegeben, daß er das Geld übernommen, und wenn du abermals in diese Gegend kommst, so wirst du dieselbe bei mir finden.«

»Allah beschütze dich, wackerer Muselman.«

»Salem aleikum.«

Halil eilte geradewegs nach Hause, kletterte auf das Dach hinauf, fand dort auf dem Teppich sowohl das Geld, als auch den Brief, freute sich sehr, daß man es während seiner Abwesenheit nicht gestohlen und hierauf beides in seine Binsentasche steckend, begab er sich in den Basar, wo er einen bekannten Geldwechsler hatte, der jeden Menschen in Stambul kannte, diesen wollte er nun fragen, wo sich jener Mann befinden könne, an den der ihm von dem Fremden anvertraute Brief gerichtet war.

Zu diesem Behufe reichte er dem Geldwechsler den Brief, damit er ihm seine Weisungen gebe, ohne daß er selbst einen Blick auf die Adresse geworfen hätte.

Der Geldwechsler las die Aufschrift des Briefes und sagte staunend:

»Halil Patrona! Haben die Giauren jetzt vielleicht ihren Fasching, daß du dich zum Narren machst? Kannst du lesen?«

»Ob ich kann! Doch glaube ich nicht, daß ich den Mann kenne, an den dieser Brief gerichtet ist.«

»Gestern um diese Zeit kanntest du ihn noch, soviel ist sicher, denn du bist es selbst.«

Staunend nahm Halil den Brief, welchen er bis jetzt noch gar nicht angeblickt hatte und in der Tat las er seinen eigenen Namen.

»Dann ist der Mann ein Narr, der mir diesen Brief gab, da ich ja auch einen Beutel Geld zu übergeben habe.«

»Auf denselben ist gleichfalls dein Name geschrieben.«

»Aber mich geht ja weder Brief, noch Beutel etwas an! Sicherlich war der Mann verrückt, der mir dies alles anvertraute.«

»Es wird am besten sein, wenn du den Brief erbrichst und ihn lesen wirst; – du wirst aus demselben sicherlich erfahren, ob er dich etwas angeht!«

In der Tat erfährt ein Mensch am einfachsten, ob und wie weit ihn ein Brief angeht, wenn er denselben erbricht und liest.

In dem Briefe stand folgendes:

»Frommer Halil Patrona! Ich bin kein armer Mann, wie ich es Dir gesagt, sondern Gott sei Dank, so ziemlich reich. Auch durchwandere ich nicht die Welt, weil man mir mein Hornvieh gestohlen, sondern weil man mir meine einzige Tochter geraubt, die mir teurer war, als alle meine Schätze und der ich jetzt nachziehe, um sie aufzufinden und sie, wenn möglich, auszulösen. Du hast mir Gutes erwiesen. Du kämpftest meinethalben mit dem betrunkenen Riesen, teiltest Deine Wohnung mit mir, legtest mich in Dein Bett, während Du auf der Erde schliefst, legtest mir sogar Deinen Kaftan unter, und für all dies bitte ich Dich, nimm als Zeichen meines Dankes diesen kleinen Beutel an, welcher fünftausend Piaster enthält, damit ich Dich, wenn ich einst zurückkehre, in gebesserten Umständen wiederfinde. Gott helfe Dir in allem! Dein dankbarer Diener

Janaki.«

»Ich sagte ja, daß er der Narr sei, nicht ich!« rief Halil aus, nachdem er den Brief gelesen. »Es wird mir doch nicht jemand für drei Zwiebeln fünftausend Piaster geben?«

Der Lärm, welchen er verursachte, lockte mehrere seiner und des Geldwechslers Bekannte herbei, die lange mit sich berieten, wer der Narr sei: Janaki, der fünftausend Piaster für drei Zwiebeln gibt, oder Patrona, der dieselben nicht annehmen wolle?

In der Tat blieb Patrona der größere Narr, denn er brach nun auf, um den Mann zu finden, der ihm dieses Geld gegeben. Den mochte er immerhin suchen! Eher hätte er denjenigen gefunden, der dieselbe Summe Geldes gestohlen.

Auf seinen Streifzügen geriet er zufällig auch an jene Stelle, wo er vor drei Tagen den Kampf mit Halil Pelivan bestanden. Er erkannte den Ort. Eine Blutlache, welche dem Kopfe des Riesen entströmt war, war auch jetzt noch in der Mitte der Straße zu sehen und an die Wand des daneben stehenden Hauses waren Namen beider geschrieben. Als sich der Janitschare aufgerafft, hatte er dieselben sicherlich mit dem in das eigene Blut getauchten Finger zum Andenken in der Weise auf die Mauer geschrieben, daß Halil Patronas Namen nach unten und derjenige Halil Pelivans nach oben zu stehen kam.

»Das ist nicht in Ordnung,« sprach Halil für sich, »du warst unten, nicht ich,« und ein blutiges Ziegelstück ergreifend, schrieb er seinen Namen zu oberst.

Bis zum späten Abend durchstreifte er die Stadt, ohne Janaki zu finden, und dabei nahm er sich den Kopf mit so vielerlei Gedanken ein, daß, als er am Abend auf dem Etmeidan Fische einkaufte, er sich gar nicht gewundert hätte, wenn er gehört hätte, daß jeder Karpfen tausend Piaster koste.

Er sah endlich ein, daß er das Geld wirklich behalten müsse. Und dies ließ ihn während der ganzen Nacht kein Auge schließen.

Am nächsten Tage schlenderte er wieder nach dem Basar und ging abermals an jenem Hause vorüber, auf welchem er gestern seinen Namen geschrieben. Und Pelivans Name stand abermals oberhalb des seinigen.

»Dem muß abgeholfen werden,« sagte Halil und einen Lastträger herbeirufend, stellte er sich auf dessen Schultern und schrieb ganz zu oberst, unter das Dachgesims seinen Namen, so daß derjenige Pelivans keinen Platz mehr dort hatte. Hieraus ist auch ersichtlich, daß in Halil Patrona ein geheimer Instinkt herrschte, welcher ihn nicht unten stehen ließ, ja daß er nicht einmal höher gestellte Personen als er ist, kennen mag und als er an dem im Bau begriffenen Palaste Tschiragan vorbei geht und dem Padischah begegnet und als Sultan Achmed III. in Begleitung des Großwesirs Damad Ibrahim, des Kiaja Begs, des Kapudan Pascha und des Oberimams Ispirizade an ihm vorüberzieht und er sein Haupt vor ihnen demütig in den Staub neigt, scheint eine Stimme in seinem Herzen zu flüstern: es wird eine Zeit kommen, da ihr alle eure Köpfe derart vor mir in den Staub neigen werdet, wie ich, Halil Patrona der Trödler, es jetzt vor euch, ihr Herren der Welt und der Reiche tue!

Indessen war es ein Glück für Halil Patrona, daß er sein Antlitz nicht erhob, so lange das Gefolge des Herrn der Sonne zu sehen war, sonst hätte es sich ereignen können, daß ihn Halil Pelivan, der mit gezücktem Pallasch vor dem Sultan einherschritt, erkannt hätte und sicherlich würde niemand viel danach fragen, weshalb diesem oder jenem Trödler der Kopf gespalten wurde?

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.