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Die weiße Rose

Maurus Jókai: Die weiße Rose - Kapitel 13
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie weiße Rose
publisherVerlag von Hermann Michel
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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12. Hoffnungen des Menschen.

Da der Stern bereits so hoch gestiegen ist, daß er nicht mehr höher zu steigen vermag, und da er bereits weiß, daß er nur mehr fallen, sinken kann! ...

... Alles war geschehen, wie es Halil Patrona einst geträumt. Er stand auf dem Gipfelpunkt der Macht, von wo Reiche und Welten zu lenken sind. Er ernannte und setzte Beamte ab, sandte Heere gegen fremde Länder, unterstützte Fürsten auf ihren schwankenden Thronsitzen und sah hohe Würdenträger seine Füße lecken.

Ganze Tage saß er über den Büchern der osmanischen Geschichtsschreiber Raschido und Tschelebizade; dann studierte er die Landkarten, zog verschiedenfarbige Striche kreuz und quer durch dieselben und machte Punkte in denselben, die nur er allein verstand. Und diese Reiche und Punkte drangen tief ein, bis in die Mitte Podoliens und der Ukraine. Er wußte, was sie bedeuteten ...

Die Pläne, welche er schmiedete, waren für Jahrhunderte hinaus bestimmt; – doch was ist das Leben des Menschen?

In Gedanken sammelte er dem verjüngten Osmanenreiche tausendjährige Kraft. Abermals sah er dessen gewaltige Arme sich nach Osten, Westen, am meisten aber nach Norden recken. Er sah, wie ihm die weitentferntesten Völker huldigten und wie die Schutzengel ihre geblendeten Augen vor dem Sausen des siegreichen Schwertes schließen und sich beeilen, andere Zeilen in das Buch der Zukunft zu schreiben, als wie in dasselbe vom Anfänge her geschrieben stehen.

Hoffnungen des Menschen! Ein Windhauch und sie versinken.

Eine größere Freude, höhere Hoffnungen machten Halils Busen erpochen, wenn er, vom Geräusche der Welt sich zurückziehend, die Türe seines geheimen Gemaches öffnete und in dasselbe eintrat.

Welche Töne sind das, die ihm so wohl tun zu vernehmen? – Weshalb steht er so lauschend beim Teppich? Was hört er?

Es ist die feine Stimme eines Kindes, eines Säuglings. Vor einigen Tagen gebar Gül-Bejaze einen Sohn; gerade an dem Jahrestage, da sie Halils Gattin geworden.

Dieses Kind war die reinste Hälfte von Halils Freuden, der höchste Stern seiner Hoffnungen. Wohin er sich nicht emporzuschwingen vermag, wird sich dieses Kind dereinst erheben, dachte er; was er nicht ausführen kann, wird jenes vollenden; das glücklichere, ruhmreichere Zeitalter, welches er nimmer erleben kann, wird dieses Kind erleben und ein ewiges Angedenken in der Geschichte der Osmanen zurücklassen, gleich der Familie Küprili, welche während hundertundfünfzig Jahren dem Reiche bloß Helden und lauter weise, tugendhafte Männer gegeben.

Gül-Bejaze wollte, das Kind solle Ferhad oder Ssender genannt werden, wie es bei den Söhnen armer Leute Gebrauch ist; Halil benannte es indessen Behram, wie man es bei männlichen Ahnen zu tun pflegt, denn er wird einstmals zu großen Dingen berufen sein Es wird vielen auffallend sein, daß Halil, der ein Muselman war, Gül-Bejaze zur Frau nahm und sie nicht zwang, ihren Glauben abzulegen. Zur Aufklärung wird es am Platze sein, hier die hierauf bezüglichen Paragraphen aus des Propheten Mohammed Sendschreiben zu zitieren: »XIV. Die Frauen, die einen Muselman heiraten, sollen niemals gezwungen werden, ihren Glauben abzulegen und sollen niemals in der Ausübung ihres gewohnten Gottesdienstes gestört werden. XV. Niemand verwehre ihnen den Gang in ihre Tempel. XVI. Wer sich hiergegen vergeht, entfernt sich von Gott und den Gesetzen der Apostel usw. XVIII. Und zuletzt ordne ich an, daß es kein Muselman wagen sollte, diese Gesetze während des Bestandes der Welt irgendwie anzutasten.« Diesen Brief schrieb Ali, der Sohn des Heerführers Abu Thaleb, welchen der Prophet in Gegenwart von fünfzehn Zeugen eigenhändig in der Moschee am dritten Moharrem des zweiten Jahres der Hedschira unterschrieb. Anm. d. Übers..

Berechnungen und Hoffnungen des Menschen! Heute ist der Baum voll Früchte, morgen liegt er entwurzelt auf der Erde.

Wer schmält mit Gott? oder von wem läßt sich der Herr einen Rat erteilen?

Auf den Fußspitzen tritt Halil an das Bett seines Weibes, das mit seinem Kinde spielt und ihn erst gewahrt, da er bereits am Bette steht! Wie freuen sie sich miteinander! Der Säugling wandert aus einer Hand in die andere; er wird geküßt und gehätschelt; beide leben nochmals auf in dem Kinde.

Dann tritt der alte Janaki herein; sein Gesicht lächelt, doch spricht er trotzdem immer von traurigen Dingen, denn seitdem er Wojwode geworden, hat er alle Lust am Leben verloren; er scheint zu fühlen, daß ihn nur mehr der Tod von diesem Amte befreien wird. Es macht ihm ein ausnehmendes Vergnügen, sich ewig in unheilvollen Prophezeiungen zu ergehen.

»Wenn ihr den Jungen nur erziehen könntet! Ihr werdet aber nicht so lange leben. Ein Mann gleich dir, Halil, kann nicht lange leben, und ich will dich nicht überleben. Du wirst sehen, wenn du es sehen wirst können, daß ich sterbe, wenn du stirbst und dein Sohn wird doppelt verwaist sein.«

Mit solchen und ähnlichen Worten betrübt er die beiden. Es tut ihnen gleichsam wohl, als er sich endlich in eine Ecke drückt und vor lauter Kummer einschläft. Seitdem er sich so sehr ängstigt, ist er fortwährend schläfrig.

Abermals öffnet sich die Türe und herein tritt die Aufseherin der Serailsfrauen Kadun-Kiet-Chuda in Begleitung zweier Sklavinnen, und zwei prächtige Porzellangefäße vor das Bett der kranken Frau niederstellend, überbringt sie demütig die Botschaft:

»Die Sultanin Valide sendet dir durch mich ihren Gruß und diesen Sorbet.«

Diesen pflegt die Muttersultanin (Valide) bloß den begünstigten Frauen des Sultans zu schicken, wenn sie im Kindbett liegen, und es war dies eine große Auszeichnung für Halils Gattin, – oder eine arge Demütigung für die Sultanin.

Ja, dies letztere war der Fall.

Die Sultanin sandte den Sorbet auf Befehl des Sultans Mahmud.

»Siehst du,« spricht Halil zu seiner Gattin; »die Mächtigen der Welt küssen den Staub von deinen Füßen; die ersten sind die letzten geworden. Freue dich der Gegenwart, meine Fürstin und ergreife das Glück im Fluge.«

»Das Glück, Halil,« spricht die Frau mit traurigem Lächeln, »gleicht den Aalen des Bosporus: er entschlüpft dir, wenn du ihn zu halten meinst Baptist Poujoulat: Histoire de l'empire Ottoman.«.

Und Halil meinte, es in der Hand zu halten.

Die obersten Ämter sind in den Händen seiner Freunde und Verbündeten; der Sultan selbst war ihm verpflichtet, denn er hatte ihn ja aus den Siebentürmen auf den Thron gebracht.

Und er wußte gar nichts davon, daß man ihm bereits die Falle grub, in welcher er gefangen werden sollte.

Der Sultan, der den Gedanken nicht zu ertragen vermochte, daß er einem elenden Krämer zu Danke verpflichtet sein solle, – die Sultanin, die die ihr wegen Gül-Bejaze widerfahrene Beleidigung nicht vergessen konnte, – der Kislar-Aga, der seinen Einfluß durch Halil bedroht fühlte, – der Großwesir, der gezwungen gewesen, zu gehorchen – alle warteten schon längst auf eine Gelegenheit, um ihn zu verderben.

Eines Tages wurden unter den vierzigtausend Janitscharen, zwanzigtausend Spahis und sechzehntausend Topidschiks dreißig Wagen voll Geld verteilt, nachdem sich dieselben dem Sultan gegenüber erbötig machten, sich mit dem Serail auszusöhnen und sich unter die Fahnen des Propheten zurück zu begeben, während das aufständische Volk unter zwei Bedingungen sich aufzulösen versprach, wenn alle straflos ausgehen und man ihnen drei Fahnen läßt, damit sie sich abermals vereinigen könnten, wenn etwas gegen sie unternommen werden sollte. Alles wurde ihnen versprochen. Halil Patrona aber wurde unter die Diwansräte ausgenommen.

Siebenundzwanzig der Volksanführer wurden mit ihm zugleich berufen, um an den Beratungen teilzunehmen. Halil Patrona war die Seele aller.

Er ermutigte sie zu großen weltumwälzenden Wagnissen, und als er voll Begeisterung vor ihnen sprach, machte er aus all den frommen Krämern und Fischern um ihn her lauter Helden, so daß es schien, wie wenn sie die Anführer und neben ihnen die Paschas und Chodschagias Fischer und Krämer wären.

Jeder bewunderte ihn unter seinen Freunden und Verbündeten.

Nur einer vermochte sich nicht mit dem Gedanken auszusöhnen, daß er seine Macht einem im Staube geborenen Krämer verdankt: – Der Tartarenkhan Kaplan Giraj.

Dieser ward sein Verräter.

Er setzte den Großwesir von Halis Plänen in Kenntnis, der den Sultan bewegen wollte, Rußland den Krieg zu erklären, da dieses Persien mit den Waffen unterstützte. Die Moldau und die Krim wären die Ausgangspunkte, von wo man dem drohenden Feinde aus dem Norden die Flügel stutzen und die erschreckenden Prophezeiungen des Takimi Vekai Lügen strafen könnte.

Kaplan Giraj setzte den Kabakulak von dieser Absicht in Kenntnis; nach einem so tollkühnen Wagnis durfte Halil nicht länger leben.

Es wurde beschlossen, ihn während der beim Großwesir abgehaltenen Beratung töten zu lassen.

Zu diesem Zwecke wurden unter den kühnsten Janitscharen jene Offiziere ausgesucht, welche Halil am meisten der usurpierten Macht halber und auch deswegen zürnten, weil er gewalttätig mit ihnen umgegangen, und als Mitglieder des Diwanrates in die Sitzung mitgenommen.

Das Zeichen sollte sein, daß, nachdem Halil seinen auf den, den Russen zu erklärenden Krieg bezüglichen Vorschlag eingebracht, der Kaplan Giraj Einwände erheben soll, worauf Halil in Hitze geraten wird. Nun wird der Khan das Schwert gegen ihn ziehen, worauf sich alle Janitscharenoffiziere auf einmal erheben und Halils Verbündete niedermetzeln werden.

In eine derart vorbereitete Falle trat Halil mit seinen Gefährten, ohne eine Ahnung von der über ihren Häuptern schwebenden Gefahr.

Der Großwesir saß in der Mitte, ihm zur Rechten Kaplan Giraj, während der Platz zu seiner Linken als Ehrensitz für Halil Patrona reserviert war.

Ringsumher saßen die Offiziere der Janitscharen und Spahis, die Hände an den Griffen ihrer Schwerter.

Der Plan war klug ersonnen; binnen einer Minute mußte alles geschehen sein.

Die Abgesandten des Volkes erschienen, ohne Halil Patrona siebenundzwanzig an der Zahl. Die Janitscharenoffiziere waren etwa sechzig.

Kabakulak winkte Halil sich an seiner Linken niederzulassen, während je einer seiner Gefährten zwischen zwei Janitscharen zu sitzen kam. So wie Kaplan Giraj durch das Zucken seines Schwertes das Zeichen gibt, werden Halils Anhänger sofort meuchlings überfallen und niedergemacht.

»Mein lieber Sohn,« spricht der Großwesir, nachdem sich alle niedergelassen; »auf deinen Wunsch siehst du nun hier den Diwanrat versammelt, welchem auch alle Heerführer beiwohnen; lege ihnen demnach vor, weshalb du sie rufen ließest.«

Halil erhob sich und sich zu den Versammelten wendend sprach er:

»Muselmans, Gläubige Mohammeds! Wenn einer unter euch hören würde, daß sein Haus brennt, müßte man dem noch lange erklären, er möge zu löschen hineilen? Wenn ihr hören würdet, daß ein Räuber in euer Haus eingedrungen und eure Schränke erbricht, wenn ein Mörder eure Kinder würgen, oder eure Eltern oder die Köpfe eurer Frauen mit scharfem Beile bedrohen würde, – würdet ihr erst warten, bis euch jemand ermutigt, und würdet ihr nicht aus eigenem Antriebe herbeistürzen, um den Räuber, den Mörder zu töten? Und nun, was wertvoller, teurer ist als unsere Häuser, als unser Vermögen, was mehr ist, als unsere Kinder, Eltern und Frauen, – ist das Vaterland, der Glauben vom Feinde mit dem Untergange bedroht. Ein Feind, der den Willen schon, aber noch nicht die Kraft hat auszuführen, was er ausgesprochen. Ein Feind, bei dem sich das Streben vom Vater auf den Sohn vererbt, der sich niemals versöhnt, der entweder tötet oder getötet wird, der Mosko ist's der Mosko (Russe). Unsere Väter haben wenig von diesem Namen vernommen, unsere Söhne werden mehr über denselben hören und unsere Enkel werden darüber viel zu weinen haben. Unser Glauben gebietet uns wohl, uns in die Fügungen des Schicksals zu finden, doch werden nur Feiglinge eine Beruhigung darin suchen, daß das Volk der Osmanen untergehen mußte, weil es im Himmel derart bestimmt wurde. Wenn die Prophezeiung besagt, daß eine Zeit kommen wird, da das Osmanenreich zerfällt, da sein Volk feige sein wird, hängt es denn nicht von uns und unseren Nachkommen ab, daß diese Prophezeiung nicht eintreffe? Die Prophezeiung besagt ja nur, daß wir untergehen werden, wenn wir feige sind; seien wir demnach niemals feige, und wir werden niemals untergehen. Und da der Feind gekennzeichnet ist, dessen Schwert Mohammeds Völkern die schmerzlichsten Wunden schlagen wird, dessen Riesenschritte die blutigsten, schmählichsten Spuren auf dem türkischen Boden zurücklassen werden, – weshalb sollten wir da warten, bis er heranwächst, um uns zu verschlingen, nachdem jetzt wir noch stark genug sind, um ihn zu vernichten? Die Gelegenheit ist günstig. Die Kosaken verlangen Hilfe von uns gegen die moskowitische Herrschaft. Gewähren wir sie ihnen, so werden sie unsere Verbündeten, verweigern wir sie ihnen, Feinde. Die Tartaren, die Tscherkessen, die Moldau bilden die Schutzfesten des Reiches, vermehren wir dieselben noch mit den Kosaken und warten wir nicht, bis aus all diesen Schutzfesten unsere Feinde werden und er dieselben gegen uns in Anwendung bringt. Als er die Festung Asow erbaute, bewies er bereits, was seine Absichten seien! – Nun aber zeigen wir, daß wir ihn verstanden und vereiteln wir seine Pläne!«

Mit diesen Worten setzte sich Halil wieder auf seinen Platz nieder.

Wie verabredet, erhob sich Kaplan Giraj nach ihm.

Halil erwartete nichts mehr, als daß der Tartarenfürst, dem er in seinen Plänen die bedeutendste Rolle zugedacht, dessen Reich zunächst von dem herrschsüchtigen Feinde bedroht ist, seinen Vorschlag auf das wärmste unterstützen werde. Wie groß war demnach sein Erstaunen, als sich Kaplan Giraj mit spöttischem Blicke zu ihm wandte und mit folgenden Worten antwortete:

»Es ist ein großes Unglück für ein Land, wenn dessen Leiter unwissend sind. Ich will dir, Halil, guten Willen gewiß nicht abstreiten, doch finde ich es sehr spaßig, daß du wegen der Prophezeiung eines türkischen Fraters unserem Nachbar, der mit uns in Frieden lebt, und keinerlei Schaden zufügt und nichts gegen uns zu unternehmen gedenkt, den Krieg erklären willst. Du sprichst ja, wie wenn außer uns niemand mehr in Europa existierte, wie wenn nicht mächtige Nationen ringsum unsere Nachbarn wären, die uns im Falle eines ungerecht begonnenen Krieges mit vereinten Kräften angreifen würden. Dies rührt daher, weil du Halil, die Welt nicht kennst, da du nur ein einfältiger Krämer gewesen! Und deshalb lasse die Angelegenheiten des Landes in Frieden, und wenn du dich mit der Lektüre von Märchen und Gedichten beschäftigst, so meine nicht, daß dieselben auch in Wirklichkeit vorhanden sind.«

Staunend blickten Halils Anhänger auf den Khan, während ihn Patrona mit bitterem Gesichtsausdrucke vom Scheitel bis zur Zehe maß. Er wußte bereits, daß er verraten worden. Verraten gerade durch den, dem er die Rolle eines Helden zugedacht hatte.

Verachtungsvoll wandte er sich zu ihm. Er dachte nicht daran, daß er in eine Falle geraten, sondern sprach mit ihm in einem Tone, wie wenn sie bloß zu zweien im Zimmer gewesen wären.

»Du hast die Wahrheit gesprochen, Kaplan Giraj, als du mir den Vorwurf machtest, ich sei unwissend. Niemals lernte ich etwas anderes, als den Alkoran und hatte keine Gelegenheit, jene Bücher zu lesen, welche das im Alkoran enthaltene widerlegen, weiß jedoch das eine, daß, als der Prophet den Kampf gegen die Götzenanbeter aufnahm, er die Nachbarvölker nicht fragte: ob er es tun oder nicht tun solle? und er siegte! Auch weiß ich, daß, seitdem sich der Diwan mit seinen Feinden berät und vereint, die Armeen der Osmanen über die Flüsse zurückgetrieben wurden, und daß uns von allen Seiten Verluste treffen. Ich bin ein unwissender, einfältiger Mensch, lernte keine niedrigen Listen gebrauchen, und deshalb staune nicht darüber, daß ich Mohammeds Glauben mit dem Schwerte verteidigen will, da dies vielleicht auch mit anderen, als mit den mir bekannten Mitteln möglich wäre, so wie auch ich nicht darüber staunen werde, daß du, der Sproß einer fürstlichen Krimfamilie, den Kampf fürchtest. Du bist zum Herrn geboren und weißt, daß dein Leben kostbar ist. Du verschönst die Taten des Feindes, um nicht gezwungen zu sein, gegen ihn zu kämpfen. Du sagst: guter Nachbar, friedlicher Nachbar, der niemandem etwas zuleide tut, trotzdem du weißt, daß es moskowitische Kanonen gewesen, die unsere Timarioten aus Kormandschahan vertrieben, und daß die Perser über russisches Terrain Abdullah Pascha in den Rücken fielen. All dies ist für dich von keiner feindlichen Bedeutung, du bist zufrieden mit deinem Los, und der Kampf könnte dich deiner Würde als Khan berauben, während du sie in Friedenszeit weiter zu behalten vermagst; dir gilt's gleichviel, wer immer der Knecht sei, wenn du nur Herr bist, und ein Narr ist in deinen Augen derjenige, der nicht sich in erster Linie liebt. Ja, Kaplan Giraj, ich bin einfältig, da ich dieses elende Leben aufs Spiel setzen will und meinen Lohn in der anderen Welt erwarte. Mich erzog man weder in Samt, noch in Purpur, dafür aber in Liebe zum Vaterlande und Ehrfurcht gegen Allah, während du weise genug bist, dich mit den Freuden des Lebens zu begnügen. Zum Lohne wird es dich Allah aber erleben lassen, daß du, der du zum Verräter an deinem guten Freunde geworden, einstmals zum Knechte deines Feindes herabsinken wirst und den man bislang Kaplan (Tiger) genannt, fortan Sitschian (Maus) benennen wird ...«

Wenn es auch niemals vereinbart worden wäre, hätte Kaplan Girajs Schwert bei diesen bis aufs Blut beleidigenden Worten aus der Scheide fliegen müssen. Rasend vor Zorn sprang er mit dem blitzenden Schwerte in der Hand von seinem Platze empor.

Ach! nun war aber die Reihe des Erstaunens an den Großwesir und die übrigen Verschworenen gekommen.

Die Janitscharen, die neben den Abgesandten des Volkes saßen, rührten sich nicht von ihren Sitzen, und keiner von ihnen zog bei dem gegebenen Zeichen sein Schwert.

Diese Untätigkeit kam den Eingeweihten so überraschend, daß selbst Kaplan Giraj erstaunt vor Halil stehen blieb, der mit gekreuzten Armen dastand und jenen verachtungsvoll anblickte. – Die Janitscharenoffiziere waren dem Signale nicht gefolgt.

»Ich weiß sehr gut,« sprach Halil Patrona mit kalter Ruhe zu dem Khan, »welche Achtung ich diesem Orte schuldig bin, deshalb antworte ich auf dein gezogenes Schwert nicht mit dem Schwerte, denn obwohl ich mit den europäischen Gebräuchen nicht so vertraut bin, wie du es bist, und nicht weiß, ob es in den Ministerversammlungen der fremden Nationen Sitte ist, die Angelegenheiten mit dem Schwerte zu erledigen, und ob in England und Frankreich die Beratungen in der Weise gepflogen werden, daß, wer den anderen niederhaut, recht behält und den Sieg davonträgt, – so weiß ich wenigstens mit Bestimmtheit, daß man sich in den Beratungssälen des Diwans nicht mit den entblößten Schwertern in den Händen gegenübersteht. Wenn die Beratung zu Ende sein wird, so folge mir in den Garten hinunter, wo wir die Sache erledigen können und wo einer von uns der Sorge ledig sein wird, für sein Leben zittern zu müssen.«

Halils ruhiges, kaltes Benehmen ließ seine Gegner verstummen, entwaffnete sie. Staunend glitten die Augen des Khans und des Großwesirs über die Janitscharenoffiziere hin, während sich Patronas Getreue um ihr Haupt zu scharen begannen.

»Ihr habt also keine Antwort auf Patronas Worte?« fragte Kabakulak endlich.

Alles schwieg.

»Ihr könnt also gar nichts erwidern?«

Da erhoben sich alle Janitscharen, und indem einer unter ihnen vortrat, sagte er:

»Halil hat recht. Wir billigen alles, was er gesagt hat.«

Ein Schwindel erfaßte den Großwesir, Kaplan Giraj stieß sein Schwert zornig in die Scheide zurück. Alle Offiziere waren auf Halils Seite.

Es war unmöglich, daß nicht jedermann die Verwirrung gewahre, die sich in den Gesichtszügen der in den Plan Eingeweihten spiegelte. Der Vorsatz konnte nicht ausgeführt werden Hammer-Purgstall: Geschichte des osm. Reiches..

Erst nach geraumer Zeit kam Kabakulak so weit zu sich, um neue Ideen anzuregen.

»So wichtige Entscheidungen können nicht ohne Zustimmung des Sultans getroffen werden,« sagte er. »Darum versammelt euch alle morgen im Serail und unterbreitet dort dem Padischah eure Wünsche. Du sei auch dort, Halil, gleich dir, Kaplan Giraj.«

»Wer von uns beiden dort sein wird, weiß nur Allah allein,« sagte Halil.

»Nicht so, mein Sohn, du sprichst schlecht. Es ist ein häßlich Ding, wenn zwei Muselmans einander verunglimpfen; söhnet euch lieber aus, reichet einander die Hände, ihr beide habt in guter Absicht gesprochen, und derjenige ist schuldig, der in bezug auf die öffentlichen Angelegenheiten die ihm zugefallenen Beleidigungen nicht vergessen kann. Verzeihet einander und reicht euch die Hände.«

Und er selbst vereinigte beinahe mit Gewalt mit beiden Händen die Hände der beiden Männer, doch konnte er nicht verhindern, daß ihre Augen aufeinander trafen, und wenn auch nicht mit ihren Schwertern, so doch mit ihren Blicken einander bis aufs Blut beleidigten.

Nachdem sich die Versammlung aufgelöst hatte, blieben Halils Gegner beim Großwesir zurück, Kaplan Giraj knirschte vor Wut mit den Zähnen.

»Ich sagte ja, wir sollten ihn nicht zu Worte kommen lassen, denn wenn er zu sprechen beginnt, kehrt er alle gezogenen Schwerter gegen uns und vertreibt mit seiner Zauberzunge den Zorn aus unseren Herzen.«

Bis morgen mußte also ein neuer Plan geschmiedet werden.

*

Die Diwansitzung war für den drittnächsten Tag anberaumt worden. Halil Patrona teilte diese zwei Tage ein, wie jemand, der da weiß, daß er über seine letzten Stunden verfügt. Er hätte sehr kurzsichtig sein müssen, um nicht zu durchblicken, daß das Urteil bereits über ihn gefällt war, nur wisse man noch nicht, in welcher Weise es ausgeführt werden sollte.

Er ergab sich darein, wie es eines wahren Muselmans würdig ist. Eine Sorge hatte er bloß, deren er sich entledigen mußte: die um sein Weib und Kind.

Am Abend des letzten Tages führte er Gül-Bejaze zum Bosporus hinunter, wie wenn er einen Spaziergang unternähme. Die Frau trug ihr Kind auf den Armen.

Seitdem Gül-Bejaze ein Kind hatte, besaß sie ein viel mutigeres Auftreten. Selbst das sanfteste Tier wird kühn, wenn es ein Junges hat: sogar die Taube wird wild, wenn sie brütet.

Halil ließ sein Weib in einen gedeckten Kahn steigen, welchen er ganz allein mit seinen kräftigen Armen antrieb. Das Kind freute sich über die Wellenbewegungen des Kahnes, es meinte, das Schaukeln seiner Wiege zu empfinden. Die Augen der Frau hafteten träumerisch bald am Himmel, bald auf dem windstillen Wasserspiegel. Sterne lächelten von allen Seiten auf sie herab. Der Abend war so still und ruhig.

»Weißt du, wohin ich dich jetzt führe, Gül-Bejaze?« fragte Halil.

»Wenn du mich fragtest, wohin du mich führen sollst? würde ich sagen, führe mich in ein stilles, entlegenes Tal, welches hohe Berge von allen Seiten umschließen. Erbaue mir dort am Quellenrand ein kleines Häuschen und einen kleinen Garten zu dem Häuschen. Lasse mich unter dem Laube der Zedernbäume träumen, wo kein Ton außer dem Gurren der Lachtauben zu vernehmen ist, lasse mich am Rande des murmelnden Baches Blumen pflücken, Rehe belauschen, lasse mich dort leben und sterben: leben in deinen Armen und sterben auf blumigem Rasen, am Rande des murmelnden Bächleins. Wenn du mich fragtest, würde ich sagen: führe mich dahin!«

»Du sagtest es,« sprach Halil die Ruder einziehend, da der leise Abendwind das Segel blähte und der Kahn von selbst weiterflog; dann setzte er sich neben seine Gattin und sagte: »Ich schicke dich in ein entlegenes, verborgenes Tal, wo am Rand der Quelle ein kleines Häuschen steht, welches ich für dich erwarb. Dort wirst du mit meinem Kinde leben.«

»Und du selbst?«

»Ich selbst bringe dich ans jenseitige Ufer, wo dich mit gesattelten Maultieren ein alter Diener deines Vaters erwartet, der dich nach jenem stillen Tale bringen und dich niemals verlassen wird.«

»Und du?«

»Dieses Kästchen wirst du mit dir nehmen, es ist Geld darin, welches ich von deinem Vater erhielt und woran niemandes Blut oder Fluch klebt. Es wird dir und meinem Kinde gehören.«

»Und du?« fragte Gül-Bejaze zum dritten Male und nahe daran, in Weinen auszubrechen.

»Ich muß nach Stambul zurückkehren. Doch ich werde euch nachkommen. Vielleicht morgen, vielleicht übermorgen, oder nachher. Möglich, daß früher, möglich, daß erst nach langer Zeit. Erwartet mich jedoch. Decket jedesmal zum Abendessen auch für mich, denn ihr könnt nicht wissen, wann ich zurückkehre.«

Gül-Bejazes Tränen flossen auf das auf ihrem Schoße liegende Kind.

»Weshalb weinst du?« sprach Halil. »Du bist närrisch. Die Trennung ist kurz, bloß die Sehnsucht währt lange. Du hast es besser als ich, denn du hast dein Kind mit dir, während mir niemand bleibt. Und doch weine ich nicht, denn ich werde euch ja wiedersehen.«

Unterdessen hatten sie das Ufer erreicht. Dort wartete bereits der alte Diener mit den zwei gesattelten Maultieren. Halil half seinem Weibe aus dem Kahn steigen.

Gül-Bejaze fiel ihrem Gatten um den Hals und hielt ihn fest an sich gepreßt.

»Gehe nicht mehr zurück, verlasse mich nicht, verlasse uns nicht, komme mit uns! Was suchst du noch in der weiten, wüsten Stadt, wenn wir nicht mehr dort sind? Komme mit uns, gehen und verschwinden wir vereint miteinander. Mögen sie dich suchen, wie den vom Himmel gefallenen Stern; es tut dir nicht gut, dort oben in der Höhe zu sein.«

Halil antwortete nicht. Seine Gattin hatte wahr gesprochen, doch sein Stolz verbot ihm, feige zu entfliehen, da er wußte, daß man ihm nach dem Leben trachtete. Dann sprach er beruhigenden Tones:

»Ängstige dich nicht meinethalben, denn ich habe einen Talisman bei mir. Ach, weshalb lächelst du? Du bist eine Christin und glaubst nicht an den Talisman? Mein Talisman ruht in meinem Herzen. Aber hieran glaubst du doch, nicht wahr? Bisher war er mir stets Hilfe und Beistand gewesen.«

Und dann küßte Halil Weib und Kind und kehrte in den Kahn zurück. Mit starken Händen ergriff er die Ruder und stieß vom Ufer ab. Und während er im Abenddunkel davonruderte, sah er noch immer die verlassene Frauengestalt mit seinem Kinde an die Brust gedrückt dort am Ufer stehen und je weiter er sich entfernte, je mehr schmerzte ihn sein Herz, weil er nicht nochmals zu ihnen zurückkehrte und sie nicht noch einmal küßte ...

*

Am frühen Morgen erschien Halil Pelivan der Riese von zwölf Bostandschis begleitet unter den Janitscharen und verteilte fünftausend Dukaten unter den Tapferen.

»Dies sendet euch der Großwesir, wackere Patrioten.«

Mit den Janitscharen konnte man bloß solchen Tones verkehren.

»Und nun verlange ich etwas von euch.«

»Sprich.«

»Gibt es unter euch einen Burschen, der niemals jemanden geliebt hat, der, wenn man es ihm befiehlt und ihn dafür bezahlt, imstande wäre, seinen leiblichen Vater zu töten Zwar wurden die Janitscharen anfänglich nur aus christlichen Kindern erzogen; zu dieser Zeit entstand indessen in diesem Heerkörper bereits eine vom Vater auf den Sohn sich vererbende Kaste. Anm. d. Übers., der weder erschrecken kann, noch mit etwas Erbarmen fühlt, noch durch eindringliche Worte zum Wanken gebracht wird?«

Bei dieser Aufforderung traten viele Hundert aus den Reihen der Janitscharen und beteuerten, Pelivans Anforderungen Genüge leisten zu können.

Pelivan suchte unter ihnen zweiunddreißig der kräftigsten, stärksten Gestalten aus und befahl ihnen, ihm ins Serail zu folgen.

Dort führte er sie in den Porzellansaal, ließ sie auf die kostbaren Teppiche niedersetzen, bewirtete sie mit feinen Speisen und Getränken, Weinen von Zypern, erhitzendem Muskawit Ein geheimnisvolles Getränk, welches bloß der Sultan trinkt und welches die Manneskraft erhöhen soll. und Opium, soviel sie dessen nur haben wollten.

Bald gesellte sich auch der Großwesir, der hinkende Topal Osman Pascha, der Sohn des Schusters, der rumelische Landesrichter Patschmagdschizade und der tartarische Khan zu ihnen; klopften ihnen auf die Schultern, kosteten von ihren Speisen, tranken aus ihren Gläsern und entfernten sich wieder voll Lobes über die wackern Burschen.

Der Diwan war im Saale des Löwenhauses versammelt.

Die Ulemas, die Heerführer, die Abgesandten des Volkes nebst Halil Patrona waren zugegen, als Kabakulak, Topal Osman, Patschmagdschizade und Kaplan Giraj anlangten.

Halil war der erste, zu dem der Großwesir herablassend sagte:

»Der Padischah läßt dich durch mich seiner Gunst und Gnade versichern und ernennt dich zum Beweise seiner Huld zum Beglerbeg von Rumelien.«

Zugleich traten zwei Dulbandars mit dem prächtigen Kaftan hervor, um die Zeremonie des Einkleidens vorzunehmen.

Halil Patrona dachte einen Moment nach.

Der Sultan ist ihm wirklich gnädig gesinnt. Er öffnet ihm einen Weg, damit er sich ehrenvoll zurückziehen könne. Er verleiht ihm ein hohes Amt, wodurch er ihn aus der Hauptstadt entfernt, zugleich aber auch seinen Ehrgeiz befriedigt. Der Sultan hat in der Tat ein gnadenvolles Herz. Er belohnt den Mann, auf dessen Haupt seine Anführer den Tod wünschen.

Nur einen Moment währte das Zögern. Sodann antwortete er entschlossen:

»Ich nehme den Kaftan nicht an. Für mich selbst verlange ich gar nichts. Ich kam nicht hierher, damit ihr mir ein Amt, sondern damit ihr den Krieg gebet!«

Der Großwesir verneigte sich vor ihm.

»Dein Wort soll entscheidend sein. Der Padischah befahl, daß geschehen soll, was du und deine Gefährten bestimmen wollt. Der Großherr selbst erwartet euch im Porzellansaal. Dort soll der Krieg erklärt und euch auch der Erinnerungskaftan übergeben werden Das Überreichen des Kaftans ist unausweichlich bei jeder bedeutsameren Zeremonie. Anm. d. Übers.

Damit wurden die Ulemas und Patronas Anhänger in den Kiosk von Erivan geführt.

»Kommt zuerst zum Handkuß des Sultans, die ihr die wackersten seid,« sprach Kabakulak. »Du Halil und du Mussli.«

Mit einem kalten Lächeln drückte Halil Mussli die Hand. Dieser wußte auch jetzt noch nicht, was mit ihnen geschehe und begann sich erst unbehaglich zu fühlen, als die Sofawachen ihnen beim »Tore der kalten Quelle« die Schwerter abnahmen, da vor dem Sultan niemand mit einer Waffe erscheinen darf.

In dem Sofasaale, wo der Diwan errichtet ist, befindet sich eine durch ein vergoldetes Gitter abgesonderte Nische, hinter deren Vorhängen die Sultane traditionellem Gebrauche gemäß im geheimen den Beratungen der Anführer beiwohnen. Hinter diesen Vorhängen würde auch jetzt ein weibliches Antlitz sichtbar werden, wenn man dieselben zuweilen in die Höhe heben würde. Es ist Aldschalis, die Sultanin Asseki, hinter deren Rücken der Kislar Aga Elhadsch Beschir steht. Heute wird es da ein ausnehmendes Schauspiel geben.

Die Vorhänge der Türen werden zur Seite geschoben und zwei Männer treten herein. Sie treten vor den Thron des Sultans hin, werfen sich dort auf die Erde nieder und küssen den Saum seines Kaftans.

Mahmud besteigt seinen Thron. In demselben Moment klatscht Kabakulak in die Hände und ruft:

»Bringet Halils Kaftan!«

Bei diesen Worten stürmt Pelivan mit den zweiunddreißig Janitscharen aus dem Nebensaale herein.

Mahmud verhüllt sein Gesicht, um nicht mit ansehen zu müssen, was nun geschehen wird.

»Halil, wir sind verraten!« schreit Mussli und sich vor seinen Gefährten werfend, fängt er mit seinem Körper den ersten Hieb auf, welchen Pelivan gegen ihn geführt.

»Umsonst hast du deinen Namen über den meinigen geschrieben, Patrona!« brüllt der Riese und schwingt das krumme Schwert über seinem Haupte.

Bei diesen Worten reißt Halil den in seinem Gürtel zurückgebliebenen Dolch hervor und schleudert denselben mit solcher Wucht gegen Pelivan, daß die scharfe Spitze tief in die linke Schulter des Riesen eindringt.

Im nächsten Moment fällt aber auch er unter dem tödlichen Streiche.

Auf ein Knie sinkend, hebt er die Augen zum Himmel empor und sagt:

»Allah hat es so gewollt.«

Noch ein Streich trifft ihn, er bricht zusammen und auf der Erde liegend, ächzt er mit letzter Kraft:

»Ich sterbe, doch mein Sohn lebt.«

Und stirbt.

Dann führte man seine Gefährten einzeln aus dem Kiosk von Erivan in den Sofasaal, um ihnen den Kaftan umzugeben und so wie sie eintreten, fliegt ihnen das Haupt vom Rumpfe. Keiner behielt soviel Zeit, um seine Augen vor dem Todesstreiche zu schließen.

Sechsundzwanzig verbluteten.

Bloß drei blieben an dem Tage noch am Leben.

Sulali, Mohammed Derwisch, der Mir Aalem (der Wächter der heiligen Fahne) und der Oberrichter von Stambul. Es waren dies Ulemas, welche selbst der Sultan nicht töten darf.

Alle drei wurden vom Großwesir zu Sandschak Begs ernannt.

Da sie von dem Tode ihrer Gefährten keine Kenntnis haben konnten, nahmen sie die Ernennung an. Hierdurch entsagten sie dem Range der Ulemas.

Am nächsten Tage wurden sie getötet.

Am dritten Tage erblickte das vor dem Serail auf- und niederwiegende Volk neunundzwanzig auf Spießen gesteckte Köpfe oberhalb des mittleren Tores: alle schienen mit den weit aufgerissenen verglasten Augen und den zornigen Lippen das Volk anzustaunen, bloß Halil Patronas Augen waren geschlossen, seine Lippen zusammengepreßt.

Ein einziger großer Wehruf tönte durch die Stadt. Das Volk griff zu den Waffen und strömte auf den Atmeidan, unter seine drei Fahnen.

Von seinen Führern war nur mehr Janaki übrig geblieben. Die übrigen waren abgefallen oder gestorben. Jetzt brachte man ihn herbei. Die Nachricht von Halils Tode rief in ihm keinerlei Veränderung hervor, er hatte das schon längst vorausgesehen und Gül-Bejaze war mit seinem Vorwissen aus der Stadt entfernt worden. Er hatte selbst die kleine Behausung im Tale der Felsenschlüchte des Taurusgebirges, welche außer ihm und den dort Wohnenden nur wenige kannten, für sie eingerichtet und das Pärchen einer Brieftaube von dort mit sich gebracht, damit, wenn es das Schicksal erfordern solle, er nicht gezwungen sein solle, menschliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, um seiner Tochter Nachricht geben zu können.

Als ihn das tobende Volk auf den Atmeidan berief, schrieb er seiner Tochter auf ein dünnes Häutchen und band dasselbe der Taube unter den Flügel.

Der Brief enthielt folgendes:

»Gottes Segen mit Dir. Erwarte Halil nicht mehr, denn er ist gestorben. Die Janitscharen haben ihn getötet. Und ich habe gesagt, daß ich nach ihm sterben werde. Du aber lebe und behüte dein Kind.

Janaki.«

Damit öffnete er das Fenster vor der Taube, die sich rasch emporhob, mit den Flügeln flatterte und einen Moment in der Höhe unbeweglich auf einem Platze schwebend, schoß sie plötzlich pfeilschnell nach den Bergen ab.

»Arme Irene!« flüsterte Janaki, das Schwert ziehend, womit er sicherlich niemanden etwas zuleide tun wird, und damit folgte er den Empörern auf den Atmeidan.

Abermals war in Stambul das oberste zu unterst gekehrt. Der Janitscharenaga Muhschinzade ward im Tyre seines Hauses erschossen. Kabakulak verbarg sich in einer Moschee. Halil Pelivan, der zum Kulkiaja ernannt wurde, entfloh durch einen Kanal und kam während vollen drei Tagen nicht zum Vorscheine, solange er ein Getöse über sich vernahm.

Am dritten Tage war die Ruhe wieder hergestellt.

Ein neuer Name kam zum Vorschein, der dem entfesselten Sturme entgegentrat; der letzte Sproß der berüchtigten Familie Küprili, deren jeder männliche Sproß ein Held war.

Achmed Küprilizade sammelte unter der heiligen Fahne die im Serail wohnenden Dschebedschiks, Bostandschiks und Baltadschiks und als alles bereits verzweifelt war, griff er die Empörer auf offener Straße an, schlug und vertrieb dieselben auf allen Seiten. Binnen drei Tagen fielen siebentausend unter seinen Streichen Nach Poujoulat waren es sechzehntausend., worauf die Ruhe wieder hergestellt war.

Janaki fiel auch. Er ließ sich den Kopf abschneiden, ohne mit einem Worte zu widersprechen.

Aber auch Pelivan und Kabakulak wurden ihrer Feigheit halber verbannt.

Achmed Küprilizade wurde Großwesir.

Achmed III. lebte sodann noch neun Jahre in den Siebentürmen; der Überlieferung nach soll er durch Gift gestorben sein.

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