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Die weiße Rose

Maurus Jókai: Die weiße Rose - Kapitel 11
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie weiße Rose
publisherVerlag von Hermann Michel
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180415
projectid9f94aa76
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10. Das Halwetfest.

Das Schurgudschal (der mit drei Goldreifen gezierte Turban) schmückte bereits Mahmuds Haupt, das Schwert, das Schwert der Macht aber führte Halil Patrona. Das Volk, dessen Liebling er geworden hatte sich gewöhnt, ihn bei seinen kleinlichen Angelegenheiten als Vermittler zu betrachten, das Heer zitterte vor ihm und die Großen buhlten um seine Gunst.

Bei den Osmanen gibt es keinen Großen von Geburt aus; jedermann erhob sein Schwert, sein Geist oder auch sein Glück auf die höchste Stufe; zahllose Großwesire und Kapudan Paschas waren Holzhauer, Maurer oder Fischer gewesen. Deshalb verachtet der Mohamedaner niemanden, nicht einmal den letzten seiner Glaubensgenossen, da er weiß, daß heute er zu oberst, jener zu unterst ist, während morgen das Schicksal das Unterste zu oberst kehren kann.

Auch jetzt herrscht noch der Krämer über das Land, Sultan Mahmud hat sich bloß um seine schönen Frauen zu kümmern. Wer weiß, ob ein anderer nicht ebenso handeln würde? Wenn er zwanzig Jahre lang in strenger, freudloser Sklaverei geschmachtet hätte und man auf einmal zu ihm sagte: »Gebiete über Herzen und Reiche!« würde nicht auch ein anderer das Herz wählen?

Auf Wunsch der schönen Sultanin Asseki ordnete der Sultan sofort, nachdem sich der Aufstand gelegt hatte, das Halwetfest an.

Es ist dies das Fest der Frauen, da sich außer den Frauen niemand auf den Straßen zeigen darf und dieser Tag wiederholt sich zwei- oder dreimal im Jahr.

Am Abend vorher wird bei Trompetenschall bekannt gegeben, daß morgen das Halwetfest sein wird. An diesem Tage möge sich kein noch so hoch gestellter Mann auf die Gasse hinauswagen, noch auf das Dach seines Hauses emporsteigen, noch seine Fenster offen lassen, denn seine Neugierde würde ihm den Tod bringen. Die auf den Straßen die Ordnung aufrecht erhaltenden schwarzen und weißen Eunuchen töten ohne Erbarmen jeden, der nicht in seinem Hause bleiben kann; dasselbe wird auch an den Stadtgrenzen verkündet, damit sich die Fremden danach richten können.

Am Tage des Halwetfestes legen die Frauen ihre Schleier ab, ohne welchen sie sonst niemals auf den Straßen erscheinen dürfen, die Odalisken eines Harems besuchen die anderer; in den Gassen, auf den öffentlichen Plätzen sind Zelte errichtet, in welchen Sorbet, aus Zuckerrohr und Zitronensaft bereitete Getränke, in Rosenwasser ausgepreßte Rosinen, anderweitig wieder Zuckerbäckereien, Honigkuchen und bunte Dinge, woran Frauen Gefallen finden, feil geboten werden und auch die es verkaufen, sind Frauen.

Ah, welch ein Anblick wäre das für das Auge eines Mannes! Alle Straßen wimmeln von Tausenden von zauberhaft schönen Gestalten; die ihren Kerkern entkommenen Frauen sind heiter und fröhlich gleich Kindern; einzelne Gruppen ziehen unter Gesang und Zitherspiel durch die Straßen, die prächtigen leichten Gewänder umflattern die zarten Gestalten, in deren Augen die Sonnen und Sterne aller Himmelszonen leuchten; Gesang und melodisches Geplauder tönt durch die ganze ungeheure Stadt und wer sie so gruppenweise dahinschweben sähe, würde verzweifelt ausrufen: »weshalb bin ich nicht hundert? weshalb habe ich nicht tausend Herzen?«

Und erst, wenn sich die Pforten des Serails öffnen! Anderthalbtausend Odalisken, die Schönheiten aller Provinzen, für die die Jugend aller Gegenden schwärmt, in glitzernden, mit Perlen und Edelsteinen ausgenähten Gewändern, auf prächtigen stolzen Rossen, von welchen vergoldetes Zaumzeug herunterhängt. Inmitten dieser verführerischen Schar die schöne Sultanin mit der kostbaren Agraffe im Turban, dessen Reiherspitzen mit funkensprühenden Diamanten besetzt sind. Ihren wunderbaren Wuchs deckt ein leichtes Spitzengewand, welches selbst den Schnee der vollen Arme durchschimmern läßt. Sie sitzt gleich einer Amazone auf der Tigerschabracke ihres stolzen Rosses. Der Blick ihrer blitzenden Augen scheint die Beherrscherin von zwei Sultanen zu verkünden, die einzige Frau in ganz Stambul, die ein Recht hat von sich zu sagen: »Ich bin die Gattin meines Gatten.«

Vor und zu beiden Seiten der Feenschar eilen vierhundert schwarze Eunuchen mit entblößten Schwertern auf und ab, die bei den Fenstern der Häuser, an welchen sie vorbeikommen, hineinschauen, um zu sehen, ob nicht ein neugieriges Mannesauge hinter denselben laure?

Tanzend, singend zieht die himmlische Schar durch Stambuls Hauptstraßen; zuweilen ertönt an den Krümmungen ein kurzes Wehgeschrei, die voraneilenden Eunuchen mochten irgendeinen neugierigen Mann ertappt haben und bis die glänzende Gruppe zu der Stelle kommt, sind nur mehr die Blutspuren zu sehen und tanzend und singend ziehen die schönen Damen darüber hinweg; es sollte kaum jemand glauben, daß jenes Jammergeschrei nicht zu den Freudentönen gehörte.

Unterdessen ist der Atmeidan der Schauplatz einer etwas freieren Unterhaltung; die unteren Klassen von den Frauen des Volkes erlustigen sich dort unter bunten Zelten, in welchen Birnenbier feilgeboten wird und auf einem runden, in der Mitte des Platzes ausgebreiteten Teppich tanzen die Straßenbayaderen, welche Sultan Achmed einst ins Gefängnis hatte werfen lassen und die durch den soeben erst zur Ruhe gekommenen großen Aufstand befreit wurden.

In den Händen halten sie die mit Schellen besetzte Nakara, welche sie im Wirbel über ihren Köpfen zusammenschlagen, an den Füßen haben sie Metallspangen, Haar und Gewand flattert lose um ihre Gestalten, während sie unter wilden Gestikulationen den kühnsten aller Tänze ausführen, zu dessen sinnlichen Bewegungen die Begeisterung der spanischen Bacchantinnen im Verhältnisse noch eine verschämte Kunst zu nennen ist.

Plötzlich stößt eine der Tänzerinnen einen jauchzenden Schrei aus und hemmt hierdurch den wirbelnden Tanz ihrer Gefährtinnen.

»Sehet! Dort kommt Gül-Bejaze! Gül-Bejaze, Halil Patronas Weib.«

»Gül-Bejaze!« ertönt es nun auf einmal von allen Seiten. Die Bayaderen erkennen die Frau, die mit ihnen im Gefängnisse schmachtete und umringen sie, beginnen ihr Gewand und ihre Füße mit Küssen zu bedecken, heben sie auf ihre Schultern empor und zeigen sie derart den auf dem weiten Platze versammelten Frauen.

»Dies ist die Gattin Halil Patronas!« verbreitete es sich sofort; jede der inmitten des Volkes tanzenden Bayaderen weiß etwas zu ihrem Lobe vorzubringen; die eine pflegte sie, als sie krank war, anderen hatte sie Trost zugesprochen, zu sämtlichen war sie gut und freundlich gewesen, und sämtlichen hatte sie die Freiheit wiedergegeben, denn ihrethalben hatte Halil Patrona das Gefängnis geöffnet und sie befreit.

Alle eilen hin zu ihr, die sich ihrer nicht erwehren kann; die Frauen tragen sie auf ihren Schultern; kräftige Fischhändlerinnen, breitschulterige Weiber aus den Badehäusern drängen sich zu diesem Dienste heran und bestimmen endlich, sie ihr zu Ehren derart bis zu Halils Haus zu tragen. Bis zu Patronas Palast werden sie Gül-Bejaze auf ihren Schultern tragen und vergebens jammert diese, sie mögen ihr gestatten, sich unbekannt zu verstecken, denn sie fürchtet sich vor dieser Ehrenbezeugung. Von Straße zu Straße schleppen sie sie mit sich, und wo sie gehen, reißt jeden der Strom der trunkenen Begeisterung mit sich und schon eilt ihnen das Gerücht voraus, das Weib, welches die übrigen dort auf ihren Schultern dahertragen, sei die Gattin Halil Patronas, des gefeierten Helden, und die Menge wird immer dichter, immer gewalttätiger. Kommt ihr eine kleinere Gruppe entgegen, so reißt sie dieselbe mit sich fort und oft kommen ihr die Harems von Paschas und Beglerbegs entgegen. Gleichviel. Auch diese müssen mit, müssen Halil Patronas Gattin begleiten, denn während er der mächtigste Mann im Lande ist, so ist seine Frau das sanfteste Geschöpf auf der ganzen Erde.

Als sie nun bei dem Platze vor den Siebentürmen einschwenken wollen, kommt ihnen eine andere mächtige Menge entgegen. Es ist die Begleitung der Sultanin. Die anderthalbtausend Odalisken und die vierhundert Eunuchen nehmen den ganzen Raum ein, doch kommen ihnen da zehntausend trunkene Weiber entgegen, welche von den rasenden Bayaderen angeführt werden.

»Platz der Sultanin!« schrien die Eunuchen der nahenden Menge entgegen. »Platz für die Begleitung der Sultanin!«

Die Ausführung dieses Befehls grenzt an Unmöglichkeit; der ganze Raum ist gedrängt voll Weiber, ein Kopf am anderen, und oberhalb derselben sieht man eine bebende, schwankende, weiße Gestalt, die von den übrigen hoch emporgehalten wird.

»Gebet der Sultanin den Weg frei!« schreit die den Zug anführende Kadun-Kiet-Chuda, ein altes warziges Weibsbild, die die Aufsicht über den Harem zu führen pflegt.

Bei diesen Worten tritt die kühnste der Bayaderen hervor.

»Gib du selbst den Weg frei, alte bärtige Hexe, vor Halil Patronas Gattin! Du bist ja nicht wert, den Staub von ihren Füßen zu küssen. Gebet den Weg frei, wenn ihr nicht mit uns kommen wollt!«

Und bei diesen Worten klopfte sie mit ihrem Tamburin auf die Nase der Kadun-Kiet-Chadun.

Da kamen einige Eunuchen auf den schlechten Gedanken, das Schwert gegen die tobenden Weiber zu erheben, vielleicht um durch dieselben einen Weg für die Sultanin zu bahnen.

Ah! es blieb den Wackeren keine Zeit, das Schwert nochmals zu erheben, denn im Moment war dasselbe ihren Händen entwunden und ihre Rücken mit demselben bearbeitet; die rasenden Mänaden schlugen die Widerspenstigen zu Boden und hatten im nächsten Moment die Pferde der reitenden Odalisken bei den Zügeln gefaßt.

Der Kislar Aga übersah die Gefahr, in welcher die Sultanin schwebte. Der ganze Platz war von rasenden Weibern bedeckt, die mit glühenden Wangen und funkelnden Augen auf die Odalisken einströmten, und wo sie eines Eunuchen habhaft werden konnten, bereiteten sie demselben einen Märtyrertod; sie zerrissen ihn im buchstäblichen Sinne des Wortes und bewarfen sich gegenseitig mit den blutigen Gliedern. Elhadsch Beschir wollte die Sultanin bewegen, sich zurückzuwenden, um das Serail je eher zu erreichen.

Aldschalis maß den Aga mit einem stolzen, verachtungsvollen Blick.

»Man sieht, du bist weder Mann noch Weib; denn wenn du das eine oder das andere wärest, könntest du mutig sein.«

Damit bohrte sie die Spitze ihres goldenen Sporns dem Pferde in die Weichen und ritt gerade nach der Stelle hin, wo die wütendsten Mänaden standen und mit den berittenen Odalisken kämpften, von denen sie einige von den Pferden rissen und unter allgemeinem Hohngelächter derart wieder in den Sattel hoben, daß ihr Rücken dem Kopfe des Pferdes zugekehrt war.

Stolz, mit einem Herrscherblick, einer Halbgöttin gleich blieb die Sultanin vor ihnen stehen.

»Wer ist die Verwegene, die mich aufzuhalten wagt?« rief sie mit heller, durchdringender Stimme.

Eine der Bayaderen stellte sich vor sie hin und eine Hand in die Hüften stemmend, deutete sie mit der anderen auf Gül-Bejaze.

»Dort sieh hin! Gül-Bejaze ist es, die dich aufhält und dich zwingt, ihr den Weg frei zu geben.«

Gül-Bejaze, die auf den Schultern der Frauen hierher gelangt war, bat flehend, mit gerungenen Händen vor der Sultanin um Nachsicht und rief, indem sie ihre Worte nach Möglichkeit durch Gestikulationen erläuterte, daß sie sich gern vor der Sultanin demütigen möchte, doch nützte ihr das nichts. Das Geschrei der wilden Bacchantinnen verschlang ihre Worte und Aldschalis würdigte sie nicht einmal eines Blickes.

»Ihr Auswurf der Straßen!« rief Aldschalis heftig; »welch böser Geist ist in euch gefahren, daß ihr wünscht, die Sultanin Asseki solle vor einem bleichen Frauenzimmer ausweichen?«

»Diesem Frauenzimmer gebührt der Vorrang vor dir,« antwortete die Bayadere.

»Weshalb gebührt ihm der Vorrang vor mir?« fragte Aldschalis staunend.

»Weil Gül-Bejaze schöner ist, als du es bist.«

Aldschalis Wangen wurden purpurrot bei diesen Worten, während Gül-Bejaze bleich ward wie eine Lilie, wie wenn ihr jene alle Röte genommen hätte. Dort die Schande, hier der Schrecken. Einem stolzen Weibe vor zehntausend, zwanzigtausend Menschen zu sagen, daß ein anderes Weib schöner ist!«

»Und auch mächtiger als du!« vergrößerte die zornige Bayadere die Schmach; »denn sie ist die Gattin Halil Patronas.«

In verzweifelter Wut hob Aldschalis beide Fäuste zum Himmel empor und vermochte kein Wort hervorzubringen; die ohnmächtige Wut preßte ihren Augen Tränen aus und erst nach diesen Tränen war sie imstande zu stammeln:

»Das ist Achmeds Fluch!«

Als man in den Augen der Sultanin Tränen sah, verstummte für einen Moment jeglicher Lärm und inmitten dieser Stille ruft plötzlich aus dem höchsten Fenster der Siebentürme eine Männerstimme herab:

»Sultanin Aldschalis!«

»Ha! ein Mann! ein Mann!« kreischt auf einmal die rasende Menge und alle blickten zugleich hinauf – um sofort in abergläubischer Furcht, in sofort ersterbendem Geflüster zu murmeln:

»Achmed! Achmed!«

Nur Aldschalis vermag diesen Namen nicht über ihre Lippen zu bringen, trotzdem ihr Mund weit offen blieb, als sie dort hinaufblickte.

Achmed stand dort am Fenster der Siebentürme, jener Achmed, in dessen Händen jetzt eine furchtbarere Macht ruht, als da dieselben den Herrscherstab führten, denn in seinen Fingern ruht jetzt die Macht des Fluches; jener Achmed, dem es genügt, mit einem Finger auf denjenigen zu deuten, den er nicht liebt, damit derselbe in der Blüte seiner Jugend dahinwelke; dessen Hauch jeden, den er trifft, tötet, mag er auch noch so weit entfernt sein, ohne daß ihm jemand zu helfen vermöchte; der den Namen seines Feindes nur auszusprechen braucht, damit dieser in seinem Inneren tobende Qualen empfinde; und dessen Blicke Allahs böse Engel bewachen, damit jeder sofort verflucht sei, auf den er seine Augen richtet. Seit Ispirizade's Tod fürchtet ihn das Volk mehr, als da er noch auf dem Throne saß.

Tiefe Stille herrschte in der Menge. Niemand wagte zu sprechen.

Und Achmed streckte die Hand gegen Aldschalis aus; die um die Sultanin standen, begannen sich in heiligem Entsetzen von ihr zurückzuziehen und auch sie selbst wagte ihre Augen nicht zu erheben.

»Verneige dich vor diesem reinen Weibe, Aldschalis!« ertönte Achmeds zitternde Stimme. »Verneige dich vor Halil Patronas Gattin und verhülle dein Angesicht vor ihr, denn sie ist die treue Gefährtin ihres Gatten.«

Mit diesen Worten verließ Achmed das Fenster, wohin ihn das Getöse gelockt hatte, und abermals erbrauste es im Volke, welches die Begleiterinnen der Sultanin jetzt nicht mehr zwang, Gül-Bejaze den Weg frei zu geben, sondern sie auch bemüßigten, Halil Patronas Gattin bis zum Hause ihres Gatten zu begleiten.

Verzweifelt, wütend und beschämt kehrte Aldschalis ins Serail zurück. Schluchzend warf sie sich dem Sultan zu Füßen, und erzählte ihm die ihr widerfahrene Schmach.

Mahmud lächelte während der ganzen Erzählung; wer weiß aber, was sich hinter diesem Lächeln verbarg?

»Liebst du mich denn nicht, da du lächelst, während ich weine? Müßte nicht Blut fließen, wo meine Tränen fließen?«

Zärtlich streichelte Mahmud den Kopf der Sultanin und sprach lächelnd:

»O Aldschalis, wer wird denn unreifes Obst pflücken?«

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