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Die weiße Rose

Maurus Jókai: Die weiße Rose - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie weiße Rose
publisherVerlag von Hermann Michel
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180415
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9. Auf- und untergehende Sonne.

Die Leichname der Opfer lagen bereits in den Straßen umher.

Sultan Achmed berief die Ulemas in den Kuppelsaal. Sein Gesicht war traurig und niedergeschlagen.

Bevor er hierher kam, küßte er der Reihe nach seine Kinder, und als er bei seinem zehnjährigen Sohn Bajazid angelangt war und sah, daß dieser weine, antwortete er auf die Frage, weshalb er weine: »O mein Vater! Glücklich sind die, die deine Feinde sind und schlimm ergeht es denen, die dich lieben. Welches Los harrt unserer, die wir dich so sehr lieben? Unter unseren Schwestern wirst du mehr als eine in grauem Trauergewande finden; sieh Ummettullahs Gesicht, Sabihas Augen, Esmas Blick – es sind Witwen und Waisen, deren Gatten und Schwiegerväter du töten ließest.« – »Um euch zu retten,« stammelte Achmed, sie an seine Brust drückend. – »Du wirst sehen, daß du uns nicht gerettet.«

Diese Worte widerhallten ohne Unterlaß in Achmeds Busen.

Er bestieg den Thron, ringsum ließen sich die Ulemas auf den runden Diwans nieder, ihm gegenüber nahm Ispirizade der Oberimam Platz. Neben ihm stand Sulali.

»Das Blut der Opfer ist nun vergossen,« begann Achmed traurigen, vibrierenden Tones. »Ich habe meine treuesten Diener aufgeopfert. Nun sprechet: was begehren die Empörer noch? Weshalb stoßen sie noch in die Alarmtrompete? weshalb brennen noch die Wachtfeuer? Worauf warten sie noch?«

Ohne Unterlaß tönten in ihm die Worte seines Sohnes:

»Glücklich sind die, die deine Feinde sind und traurig ergeht es denen, die dich lieben.«

Niemand antwortete auf seine Worte.

»Antwortet. Was habt ihr zu sagen?«

Neuerliche tiefe Stille. Ein Ulema blickte auf den anderen; mehrere begannen Sulali zu stoßen, der aufrecht stand, damit er antworten solle. Hierauf setzte auch er sich nieder.

»So sprechet doch. Ich berief euch ja nicht hierher, damit ihr einander und mich ansehet, sondern damit ihr mir Antwort gebet.«

Die Ulemas schwiegen. Stumm saßen sie dort; gar nicht wie wenn sie lebende Menschen, sondern wie wenn sie einbalsamierte Leichname wären, wie man sie in den Grabgewölben der Pharaonen um die Särge der Könige gruppiert findet.

»Das ist wunderbar,« sprach Achmed, als die ganze Versammlung länger als eine Viertelstunde geschwiegen und ihm niemand geantwortet hatte. »Seid ihr stumm geworden?«

Da erhob sich Ispirizade von seinem Platz.

»Achmed!«

Dies war die kurze Ansprache, welche er dem Sultan zuteil werden ließ.

»Halil Patrona wünscht, du mögest vom Throne steigen und dem Sultan Mahmud Platz geben ...«

Achmed richtete sich empor. – Nach den ausgesprochenen Worten verstummte jeder Laut in dem Saale und inmitten dieser schauerlichen Stille sahen die Ulemas voll Entsetzen, wie sich der Padischah auf den Stufen seines Thrones aufstellte, die Hand gegen den Imam ausstreckte, die Augen auf ihn heftete, die Lippen öffnete und keinen Ton über dieselben brachte.

Und lange stand er so auf seinem Throne mit ausgestreckter Hand, offenen Lippen, die starren Augen auf den Imam gerichtet, so daß die ihn sahen, vor Entsetzen erschauerten und Ispirizade seine Glieder zu Stein erstarren und Schwindel seinen Kopf erfassen fühlte angesichts dieses furchtbaren Bildes, welches ihn anblickte, auf ihn deutete. Es war das ein stummer Fluch, ein stummer, lautloser, verachtungsvoller Zauber, welcher es Gott und seinen bösen Geistern überläßt, seinen Wünschen Ausdruck zu geben und in seinem Herzen zu lesen, und in Erfüllung gehen zu lassen, was er nicht auszusprechen vermag.

Zitternd glitten alle Anwesenden vor dem Throne des Padischah auf die Erde nieder, krochen zu seinen Füßen hin und dieselben mit ihren Tränen benetzend, riefen sie zu ihm empor:

»O Herr, vergib uns!« Vor einer Stunde hatten sie einstimmig beschlossen, daß Achmed abdanken müsse und jetzt erflehten sie einstimmig seine Verzeihung. – Doch war es bereits geschehen.

Langsam sank die fluchende Hand des Padischah herab, seine Augen schlossen sich zur Hälfte, seine Lippen preßten sich aufeinander und die Hände in den Gürtel seines Kaftans steckend, blickte er lange auf die Ulemas nieder, dann schritt er langsam die Stufen seines Thrones hinunter. Als er unten an der Seite seines Thrones stand, sagte er mit zitternder, dumpfer Stimme:

»Ich habe aufgehört zu regieren. Möge mein Nachfolger besser sein. Ich verlange nichts, bloß das eine: die jetzigen Gebieter des osmanischen Reiches sollen mir schwören, daß sie meinen Kindern nichts zuleide tun werden. Sie sollen dies auf den Alkoran beschwören. Zwei unter euch mögen Halil von diesem meinen Wunsche in Kenntnis setzen.«

Ein neuerliches tiefes Schweigen folgte Achmeds Worten; die Ulemas schlugen die Augen zu Boden und keiner von ihnen rührte sich, um die Botschaft zu übernehmen.

»Wünschen sie vielleicht auch den Tod meiner Kinder? Oder wagt es keiner von euch, hinzugehen, um meine Worte zu überbringen?«

Ein lendenlahmer, alter, zitternder Uleman befand sich dort, Namens Mohammed, der endlich das Wort ergriff:

»O Herr, wer besäße den Mut, mit den brüllenden Löwen zu sprechen, wer vermöchte mit dem brausenden Samum zu unterhandeln, wer würde sich getrauen, dem wogenden Meere eine Botschaft zu überbringen?«

Finster und verzagt blickte Achmed umher; sein Gesicht drückte stumme Verzweiflung aus.

Sulali dauerte der Sultan.

»Ich werde mich zu ihnen begeben,« sprach er zuversichtlich. »Bleibe hier, o Herr, bis ich zurückkehre. Ich sage dir, ich komme nicht früher zurück, als bis sie geschworen, deine Bitte zu erfüllen.«

Nun meldete sich auch Ispirizade, daß er mit Sulali gehen wolle. Er hatte nicht die Kraft, den Blick des Sultans auszuhalten, bis Sulali zurückkehrt, lieber begab auch er sich zu den Aufständischen. Übrigens verstanden die einander bereits.

Die Abgesandten fanden Halil unter dem Zelte am Atmeidan.

Sulali trat zu ihm heran und übergab ihm die Botschaft des Sultans.

Doch überbrachte er dieselbe nicht in der Weise, wie sie Achmed ausgesprochen; nicht bittend, flehend, mit bitteren Anspielungen untermengt, wie es Achmed getan, sondern streng, kühn, wie es Achmed hätte tun sollen.

»Der Padischah will sein Leben und das seiner Kinder durch einen Schwur sichergestellt wissen,« sprach er zu den versammelten Anführern. »Deshalb schwöret auf den Alkoran, daß ihr sie schonen werdet; schwöret es auch im Namen eurer Gefährten. Der Padischah ist entschlossen, wenn ihr den Schwur verweigern solltet, das ganze Serail samt allen, die sich darin befinden, mit Schießpulver in die Luft zu sprengen.«

Die Empörer waren betroffen bei dieser Botschaft, bloß Halil lächelte. Er wußte sehr wohl, daß diese Drohung nicht von Achmed herrührte. Seine sanfte Seele war einer solchen Tat nicht fähig. Er kreuzte die Arme und lächelte.

Da warf sich der Oberimam auf das Angesicht vor ihm nieder und sprach demütigen Tones:

»Höre nicht auf die Worte meines Gefährten, Halil. Der Padischah bittet dich flehend, sein Leben und das seiner Kinder zu verschonen!«

Halil runzelte die Augenbrauen und rief ihm zornig zu:

»Erhebe dich, Ulema! und werfe dich nicht im Namen des Sultans vor mir in den Staub. Die ihn töten wollen, beleidigen ihn nicht so, als da du ihn demütigst. Sulali hat die Wahrheit gesprochen. Der Sultan ist zu großen Taten fähig. Ich weiß, daß die Keller des Serails mit Schießpulver gefüllt sind und ich will nicht, daß die Blumen der Nachkommen des Scheik-ul-Islam und des Propheten zugrunde gehen sollen. Ich schwöre daher auf den Alkoran, daß weder dem Sultan Achmed, noch seinen Söhnen, noch seinen Töchtern, noch den Männern seiner Töchter weder durch mich, noch durch einen meiner Gefährten ein Leid zugefügt wird und wer seine Hand gegen sie erheben wird, dem werde ich selbst den Schädel spalten, und Allahs Todesengel mögen seine Seele spalten, auf daß keine Hälfte die andere wiederfinden könne. Gehe zurück und Friede sei mit Achmed.«

Spornstreichs rannte Sulali mit der Botschaft zurück, während Ispirizade in die Aja Sofia eilte, um die Vorbereitungen zur Einsegnung des neuen Sultans zu treffen.

Unterdessen versammelte Achmed seine Söhne in dem Kuppelsaale um sich und sich auf die unterste Stufe des Thrones setzend, ließ er alle zu seinen Füßen Platz nehmen und erwartete die Botschaft, die über Leben und Tod entscheiden sollte.

Sulali trat mit strahlendem Gesichte herein und legte den Alkoran, auf welchen Halil und seine Gefährten den Schwur leisteten, zu den Füßen des Sultans nieder.

»Mögest du lange leben, o Herr, und möge sich dein Herz an deinen Kindern erfreuen.«

Dankerfüllt blickte Achmed empor und dankte für Allahs Gunst, von dem jedes gute und vollkommene Geschenk herrührt.

Mit Tränen in den Augen hielten ihn seine Kinder umarmt und Achmed vergaß nicht, seine Hand Sulali zu reichen, der dieselbe an seine Stirn und Lippen führte.

Nun sandte Achmed den Kislar Aga um den Sultan Mahmud, dessen Beiname »weißer Herzog« lautete, da sein Gesicht von einer auffallenden Weiße war.

Nach einer halben Stunde langte in Elhadsch Beschirs Begleitung der Herzog Mahmud an, der Sohn Mustafa II., dessen Vater den Thron auf dieselbe Weise vor Achmed verlassen mußte, wie Achmed jetzt vor ihm.

Der Sultan erhob sich und eilte ihm entgegen; umarmte und küßte ihn auf die Stirne.

»Das Volk beruft dich auf den Thron. Sei meinen Kindern gnädig, wie ich es den Kindern deines Vaters gewesen.«

Sultan Mahmud verneigte sich vor seinem Onkel und küßte dessen Hand.

Hierauf winkte Achmed seinen Söhnen, welche, sich einzeln zu Mahmud begebend, seine Hand küßten. Unterdessen blieben die Ulemas ringsum auf der Erde liegen.

Nun ergriff Achmed die Rechte des neuen Herrschers und führte ihn eigenhändig in jenen Saal, wo der Mantel des Propheten aufbewahrt wird, dort nahm er die Diamantagraffe, das Symbol der Herrschaft von seinem Haupte und befestigte dieselbe eigenhändig an dem Turban des neuen Sultans und ihm sodann die Rechte aufs Haupt legend, erteilte er ihm seinen Segen.

»Herrsche und sei glücklich. Die du liebst, mögen auch dich lieben, die du hassest, mögen dich fürchten. Sei ruhmreich und mächtig, solange du lebst, gesegnet und gepriesen, wenn du gestorben.«

Sodann verneigte er sich vor ihm dreimal, hierauf alle seine Kinder. Nun ergriff er die Hände seiner beiden ältesten Söhne und verließ leisen majestätischen Schrittes den Herrschersaal, welchen er niemals wiedersehen wird und verließ alle nacheinander einzeln, die ihm vordem lieb gewesen.

Im Audienzsaal übergab er das Schwert des Propheten dem Silihdar, in der Türe des Harems seine Kinder dem Kislar Aga und sagte ihm, er möge die Sultanin Asseki in seinem Namen grüßen und sie bitten, seiner zu gedenken und seinen Namen seinen kleinen Kindern zu lehren! ...

Denn er wird weder sein scharfes Schwert, noch die schöne Aldschalis, noch die übrigen süßen Frauen, noch seine Kinder mehr wiedersehen. Dieselben bleiben ihm fortan für immer vorenthalten. Denn dem abgesetzten Sultan gebührt weder Frau, weder Schwert, weder Kind mehr. So war es auch vor sechsundzwanzig Jahren Mustafa II. ergangen; er ward ebenso von seinem Schwerte, seinen Frauen und Kindern getrennt. Und Achmed erinnerte sich gut hieran, denn damals bestieg er den Thron; jetzt steigt er von demselben und es geschieht seines Nachfolgers halber dasselbe mit ihm, was seinethalben mit seinem Vorgänger geschehen war.

Die Großen des Reiches warfen sich auf das Gesicht vor dem neuen Sultan und wünschten ihm huldigend Heil und Segen.

Bis Mitternacht währte der schier endlose Zug der Huldigenden durch die Säle, das Hofpersonal beugte Knie und Haupt vor dem neuen Herrscher, gleich den obersten Würdenträgern, der Geistlichkeit und den Eunuchen. Noch waren aber die Anführer des Heeres und Halil Patrona zurück.

Sofort wurden sowohl die Empörer, als auch die Heerführer mittels reitender Boten davon verständigt, daß Sultan Achmed abgedankt und an seiner Stelle Mahmud den Thron bestiegen habe; sie mögen demnach um Sonnenaufgang in das Serail kommen, um ihre Huldigungen darzubringen.

Der Mond schwamm bereits längst am Himmel und schien durch die farbigen Fenster des Serails, als sich die Würdenträger entfernten und Mahmud allein ließen.

Bloß der Kislar Aga wartete noch seiner, dessen schwarzes Gesicht aussah, wie wenn es auf sich selbst einen Schatten würfe.

Lächelnd reichte ihm Mahmud Aga die Hand, welche jener küßte.

Sodann führte ihn Elhadsch Beschir bis zur Türe jener geheimen Gemächer, hinter deren Wänden die Blumen der Freude und der Wonne blühen und dieselbe öffnend, ließ er den neuen Sultan durch dieselbe eintreten.

Bloß drei waren es unter den Feen der Schönheit gewesen, die die ewige liebeleere Sklaverei der Gunst des neuen Padischah vorzogen und unter jenen, welche dem eintretenden neuen Sultan zulächelten, gehörte das seligste, strahlendste Angesicht der schönen Aldschalis, die Sultanin Asseki, Favoritin selbst nach der großen Umwälzung verblieb, welche das ganze Land derart in Aufruhr versetzt hatte, daß aus dem Niedrigsten der Höchste, aus dem Höchsten der Niedrigste geworden war.

Unter so vielen lächelnden Gesichtern war es das ihrige, welchem der in der Wonne der Seligkeit bebende Mahmud in zärtlichem Entzücken entgegeneilte; sie war es, die er an seinen Busen zog, deren Armen und Küssen er es überließ, ihn in die Träume des Ehrgeizes zu wiegen und seine Befürchtungen zu zerstreuen.

... Alles schläft bereits im Saale der Seligkeit, nur die Liebe ist noch wach. In sich selbst und das ganze Reich vergessender Wonne preßt Mahmud die zauberische süße Sultanin, diesen teuersten Schatz unter allen, die er am heutigen Tage gewonnen, an seine Brust und nur die schöne Sultanin erschauert zuweilen inmitten der heißen Umarmungen. Es scheint ihr, wie wenn jemand hinter ihrem Rücken stände und seufzte und flüsterte und ihren warmen Busen mit einer eiskalten Hand berührte.

Vielleicht hört sie das Seufzen und Flüstern desjenigen, der weit und tief unter den Sälen der Wonne schlaflos zwischen den kalten Mauern der »Zimmer der Vergessenheit« sitzt und über sein verlorenes Land und sein verlorenes Eden nachdenkt! ...

*

Am frühen Morgen des nächsten Tages erschienen die Anführer des Heeres, die Paschas und Scheiks im Serail, um dem neuen Sultan ihre Huldigungen darzubringen. Bloß die Anführer der Aufständischen erschienen nicht.

Seitdem Sulali die Empörer damit erschreckt hatte, daß die Keller des Serails mit Pulver angefüllt seien, wagten sie sich nicht einmal in dessen Nähe und als die Ausrufer Mahmuds Aufforderung vor den Moscheen vorlasen, ertönten plötzlich wie aus einem Munde, Tausende von Stimmen: »Wir gehen nicht!«

Niemand wollte davon etwas wissen, ins Serail zu gehen.

»Das ist nichts weiter als eine Falle,« sprach der weise Reis Effendi; »uns alle wollen sie in eine Mausefalle locken, um uns mit einem Schlage den Garaus zu machen, wie einem Schwarme Fliegen am Honig.«

»Das wäre ein sehr kurzer Weg, um ins Paradies zu gelangen,« sagte Orli spöttisch, dem es trotz seiner Eigenschaft als Softa nicht widerstrebte, ohne sonderliche Ehrerbietung vom Paradiese zu sprechen, wohin doch jeder Gläubige mit Freuden eilen sollte.

Endlich gab der »närrische« Ibrahim einen Rat.

»Am besten wird's so sein: suchen wir unter uns die schlechtesten, nichtswürdigsten Subjekte aus, etwa Mörder, dem Kerker entsprungene Brandstifter, benennen sie Halil, Mussli, Suleiman, kleiden sie als Agas, Begs und Ulemas an und schicken dann die ganze Bande ins Serail. Sehen wir nun, daß sie unversehrt zurückkehren, so können wir dann selbst hingehen.«

Es unterlag keinem Zweifel, daß sich dieser närrische Vorschlag allgemeinen Beifalls erfreute. Alle billigten ihn.

Halil Patrona maß sie in verächtlichem Schweigen und als der Vorschlag zum Beschluß erhoben ward, stand er auf und sagte:

»Ich werde selbst ins Serail gehen.«

Einige blickten ihn lachend, andere erstaunt an.

Mussli schlug die Hände zusammen.

»Halil! träumst du oder sprichst du im Wahnsinn? Bildest du dir ein, ein Feenprinz aus Tausend und eine Nacht zu sein, der sich durch Wunder und Gespenster haut oder hast du es bereits satt, die Sonne von weitem zu sehen und möchtest ihr gerne näher kommen?«

»Das hat euch nicht zu kümmern, was ich tue. Und wenn ich keine Furcht habe, wozu fürchtet ihr euch statt meiner?«

»Aber so bedenke doch Halil, daß es klüger von dir wäre, die Höhle einer Löwenmutter auszusuchen und du jedenfalls mehr Weisheit bekunden würdest, wenn du die Schwefelhöhle von Balsora besuchen wolltest, oder wenn du einer Wette halber zwischen die Korallenriffe des Meeres von Kandia hinunterstiegest, um eine hinuntergeworfene Kupfermünze heraufzuholen, – als wenn du dich ins Serail begibst, wo niemand außer deinen Feinden vorhanden und wo selbst die Lust und die von der Decke herabhängende Spinne giftig und dir todfeindlich gesinnt ist.«

»Sie mögen mich töten!« rief Halil aus, indem er sich mit beiden Händen vor die Brust schlug und mutig hervortrat. »Sie können mich töten, aber nicht sagen, daß ich feige gewesen. Sie mögen mich zerfleischen, doch wenn sie in der Chronik aufzeichnen werden, daß Stambuls Volk feige gewesen, werden sie auch hinzufügen, daß sich dennoch ein Mann unter ihm befand, der vom Tode nicht nur sprechen, sondern demselben auch, als er an ihn herantrat, ins Auge blicken konnte.«

»Aber Halil, sowohl ich, als auch andere stellen sich der geladenen Kanone entgegen, auch sah ich schon oft genug scharfe Schwerter gegen mich gezückt und jene Lanze ist noch aus keines Schmiedes Hand hervorgegangen, die sich rühmen könnte, daß ich vor ihrer glänzenden Spitze mit den Wimpern gezuckt hätte, wer soll aber dort Mut haben, wo er weiß, daß unter dem Fleck Erde, worauf er steht, die Hölle vergraben ist, und nur ein Funke, so groß, wie das Auge des Menschen nach einer Ohrfeige zu sprühen pflegt – und wir fliegen zum Himmel empor, und wenn wir beide Hände voll Waffen und Schwerter haben, könnten wir sie nicht benutzen; – wer wollte dann hier mutig sein?«

»Ich rufe euch nicht. Ich sagte euch bereits, daß ich allein gehe.«

»Wir lassen dich aber nicht. Wohin denkst du? Wenn du dort drinnen zugrunde gehst, bleiben wir führerlos, zerfallen gleich dem Strohdache, unter welchem man den Stützbalken hervorgezogen, dich aber wird man auslachen gleich dem Hahne im Märchen, der sich aufspießte und briet.«

»Das wird man nicht tun,« sagte Halil, indem er sein Schwert ablegte, welches man in das Serail nicht mitnehmen durfte und es Mussli übergab. »Trage Sorge dafür, bis ich zurückkehre, und wenn ich nicht zurückkehre, so gedenke meiner zuweilen.«

»Du gehst also wirklich?« fragte Mussli. »Nun, wenn du gehst, so gehe ich mit dir.«

Bei diesen Worten setzten sich auch die übrigen in Bewegung und als sie sahen, daß Halil Ernst mache, begleiteten sie ihn bis zum Serail. Zwar begaben sie sich nicht in dasselbe, doch umringten sie zumindest das ungeheure Gebäude, welches an und für sich einen ganzen Stadtteil bildet und brachen in ein endloses Jubelgeschrei aus, als sie sahen, daß Halil in der Tat im Tore des Serails verschwand.

Allein, ohne Waffen und Begleitung schritt der Rebellenführer durch die fremden, unbekannten Räume, vor deren Türen ihn glänzende bewaffnete Scharen empfingen, die, sobald er die Schwellen überschritten hatte, die Türen sofort wieder besetzten.

Im Audienzsaale angekommen, faßten ihn zwei Kapuagaffis unter den Armen und führten ihn derart in den Kuppelsaal, wo Sultan Mahmud die Huldigungen entgegennahm.

In sämtlichen Räumen herrschte eine außerordentliche Pracht, wie sie bloß am Tage der Thronbesteigung zu sehen ist. Schon der Vorsaal, welchen man den »Mattensaal« zu nennen pflegte, da er mit bunten Strohmatten bedeckt war, war heute mit kostbaren persischen Teppichen ausgeschlagen; der Fußboden des Kuppelsaales schien ein Blumenbeet zu sein, auf welchem sich mit erhabener Stickerei ausgenähte Teppiche mit tausendfarbigen Seiden-, Gold und Silberblumen und Perlensträußen ausdehnten. Zu den Füßen des auf einer Erhöhung stehenden Sofas glitzerte eine mit echten Perlen ausgenähte Decke, zu beiden Seiten standen niedrige runde Schreibtische mit goldenen Beschlägen und einer mit Edelsteinen ausgelegten Mappe und mit Smaragden und Rubinen gezierte Schreibgeräte, während auf dem zweiten ein in schwarzem Sammet gebundener und mit Diamantrosetten gezierter Alkoran lag, und aus einem kleineren Tische ein anderer Alkoran aufgeschlagen war und mit goldener, zinnober- und ultramarinfarbener Talikschrift geschriebene Zeilen zeigte; siebzehn andere Alkorans lagen auf ebenso vielen Tischen zwischen den beiden Fenstern, alle mit goldenen Haften und in perlengestickten Einbänden. Zu beiden Seiten des Kamins waren auf künstlich geschnitzten Ständern alle die prächtigen Mäntel aufgehäuft, welche zu solchen Gelegenheiten ausgestellt werden und längs der Mauer standen auf Alabastersockeln acht Schlaguhren, eine mit kunstvoller geschnitzten Figuren als die andere, die zu jedem Stundenschlage musizierten und sich bewegten, während drei hohe venezianische Spiegel die in diesem Saale aufgehäufte Pracht noch vervielfältigten.

Ringsum auf den Diwans saßen die Würdenträger, die Anführer, die Sekretäre, die Überreicher der Bittschriften, jeder in seinem Range angemessenen prächtigen Gewändern und mit von der Beschaffenheit ihrer Ämter vorgeschriebenen runden, pyramidenförmigen oder bienenkorbähnlichen Turbans.

Doch all diesen Glanz verdunkelte die Pracht, welche von dem neuen Padischah ausstrahlte, seine ganze Gestalt schien von einem Regen von Diamanten und echten Perlen bedeckt zu sein. Wohin er sich auch wandte, schienen die auf seine Kleidung gestickten Rosen, sein um die Hüften geschlungener Gürtel, die Agraffe seines Turbans und jede seiner Waffen Regenbogenfunken zu sprühen, so daß man erblindete, wenn man auf ihn blickte, bevor man noch sein Angesicht hatte sehen können Hammer-Purgstall: Gesch. d. osm. Reiches..

Hinter dem vergoldeten Rücken des Thrones, von welchem nußgroße Karfunkelsteine leuchteten, stand ein ganzes Heer diensttuender Beamten, die Hände in die Gürtel versenkt.

In diesen Saal tritt Halil.

Hier ließen die beiden Führer seine Arme los und Halil trat allein vor den Padischah hin.

Sein Gesicht war um nichts bleicher als gewöhnlich; sein Schritt so fest, sein Blick so kühn wie immer.

Auch jetzt trug er seine gewöhnliche Tracht: einen einfachen Janitscharenmantel, die blaue Bluse mit geschlitzten Ärmeln ohne jede Verzierung, kurze bis ans Knie reichende Schaavari, welche die Waden frei ließen und am Kopfe die bezeichnende Kruka.

Während er den langen Saal durchschritt, ließ er seinen Blick über die ringsum sitzenden Würdenträger dahinschweifen, und da fand er keinen unter ihnen, dessen Blick er nicht auszuhalten vermocht hätte. Erhobenen Hauptes trat er vor den Sultan hin, und den kräftigen, muskulösen, halbnackten Fuß auf die Stufen des Thrones setzend, stand er einen Moment dort wie aus Erz gegossen, – ein schreiender Gegensatz inmitten so vieler zitternder Pracht und so vieler auf dem Bauche kriechender Ruhmsucht; sodann hob er die Rechte zum Sultan empor und begrüßte ihn mit starker fester Stimme:

»Aleikum unallah!« (Gottes Segen über dich.)

Sodann kreuzte er die Arme über der Brust und warf sich vor dem Thron nieder, indem er mit seiner Stirne dessen Stufen berührt.

Mahmud stieg hinunter zu ihm und hob ihn mit eigenen Händen auf.

»Sprich, was kann ich für dich tun?« fragte er ihn herablassend.

»Was ich wünschte, ist bereits in Erfüllung gegangen,« sprach Halil und jedes seiner Worte, welche er in dieser Stunde gesprochen, hat der Geschichtsschreiber getreulich aufgezeichnet. »Es war mein Wunsch, daß Mohameds Schwert von würdigen Händen geführt werde, – dies ging in Erfüllung, du sitzest auf dem Thron auf welchen ich dich emporgehoben. Ich weiß wohl, welches der Lohn solcher Taten zu sein pflegt; ein schändlicher Tod wartet meiner.«

Erregt unterbrach ihn Mahmud.

»Ich aber schwöre dir bei meinen Ahnen, daß dir keinerlei Leid zugefügt werden soll; erbitte dir eine Belohnung und dieselbe ist gewährt, noch bevor du sie ausgesprochen.«

Halil dachte nach, einige Minuten, während sein Blick ruhig die Gesichter der ringsum sitzenden Würdenträger überflog. Jeder glaubte, er werde sich einen unter ihnen zum Opfer ausersehen, um dessen Stellung zu gewinnen. Der Rebellenführer las diese Gedanken aus den Augen der Herren, blickte sie noch einmal der Reihe nach an und sprach sodann:

»Herr! ruhmreicher Padischah! nachdem das Verdienst nicht mein, sondern das deines Volkes ist – möge auch der Lohn dem gehören, dem das Verdienst gehört. Eine große Last drückt deine Leibeigenen, deren Name Malikiane ist; es ist die lebenslängliche, den Paschas erteilte Verpachtung, woraus deine hohen Pforten keinerlei Nutzen ziehen; hebe diese Verpachtung auf, damit das Volk nur deinen Händen und nicht denen dieser reichen Wucherer hier anheimgegeben sei!«

Und bei diesen Worten deutete er mit kühner Handbewegung auf die anwesenden Großherren.

Diese waren in tiefes Schweigen versunken; durch die geschlossenen Türen drang das tosende Gebrüll der um das Serail angesammelten Menge. Die in demselben Befindlichen zitterten und Halil Patrona stand dort in ihrer Mitte allein, unbewaffnet gleich einem Zauberer, von dem man weiß, daß er unverletzbar ist.

Sofort erteilte der Sultan dem Tschaus Aga Befehl, bei allen Toren des Serails dem Volke unter Trompetenschall zu verkünden, daß auf Halil Patronas Wunsch vom heutigen Tage die Malikiane nicht mehr existiere.

Das furchtbare Gebrüll, welches bald darauf die Mauern des Serails erzittern machte, sprach von der Wirkung, welche die Botschaft hervorrief.

»Und nun stelle dich an die Spitze deines Heeres,« sprach Halil, »und folge dem Rufe deines Volkes nach der Moschee Ejub, um dich dort nach altem Brauch mit dem Schwerte des Propheten umgürten zu lassen.«

Sofort ließ der Sultan verkünden, daß er nach einer Stunde seinen Einzug in der Moschee Ejub halten werde, um dort das Schwert des Propheten anzulegen.

Unter Freudengeschrei drängte das Volk zur Moschee und besetzte die Straßen und Dächer der Häuser, welche sich zwischen dem Serail und der Moschee befinden; die Kanonen des Bosporus verkündeten donnernd den fernen Bergen Stambuls Freude, und nach einer Stunde ritt Sultan Mahmud bei rauschender Janitscharenmusik durch die Straßen der Hauptstadt, und das Volk winkte ihm mit Teppichen und Tüchern zu und streute ihm Blumen auf den Weg. Hinter ihm kamen stolze glänzende Würdenträger, Anführer, Räte in strahlenden Gewändern, auf prächtigen Vollblutpferden, während vor ihm bloß zwei Männer einherschritten: Mussli und Halil Patrona; beide in einfachen schmucklosen Gewändern, mit nackten Waden, runden Turbans und gezückten Schwertern in der Rechten, wie es bei gemeinen Janitscharen Sitte.

Und das die Hausdächer besetzt haltende Volk ließ Patronas Namen ebenso laut wie den Mahmuds ertönen.

Der letzte Kanonendonner verkündete, daß der Sultan in der Moschee angekommen sei.

Der Imam der Aja Sofia, Ispirizade erwartete ihn. Er hatte sich diese Gunst von Halil erbeten, Mahmud einsegnen zu dürfen und Halil hatte eingewilligt. Seitdem er es gewagt hatte, im Serail zu erscheinen, unterwarf sich jeder seinen Worten. Das Volk verkündete es sich bereits aller Orten, daß der Sultan alles so tue, wie es Halil Patrona wünscht.

Ispirizade hatte bereits die hohe Kanzel bestiegen, als Mahmud auf der für ihn und seine Begleitung errichteten Estrade Platz nahm.

Das Gesicht des Oberpriesters strahlte. Er hob seine Arme über sein Haupt empor und rief dreimal Allahs Namen. Und als er Gott zum dritten Male anrief, verstummten plötzlich seine Lippen; einige Minuten stand er dort steif und starr mit zum Himmel emporgehobenen Armen, offenen Augen, und dann stürzte er plötzlich tot von der Kanzel herab.

»Achmeds stummer Fluch!« brauste es durch die entsetzte Volksmenge Hammer-Purgstall: Gesch. d. osm. Reiches..

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