Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Julius Stinde >

Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten

Julius Stinde: Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten - Kapitel 9
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDie Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten
publisherVerlag von Freund & Jeckel. (Carl Freund.)
year1887
illustratorOscar Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170401
projectid356b7564
Schließen

Navigation:

Richard Ratze.

Richard Ratze,

unser erster Intriguant, erzählt:

Der größte und vornehmste Hauptfehler, woran es liegt, daß die deutsche Schauspielkunst mit Siebenkilometerstiefeln bergab rennt, ist nämlich der, daß sich der Kunst so sehr viele Individuums widmen, welche keine klassische Vorbildung genossen haben.

Von den Damen verlange Ich allerdings nicht, daß sie ein Lyzeum oder vielmehr noch ein Gymnasium besuchen, ehe sie den Pfad der Bühnenkarriere betreten, denn insofern sie schön und tugendhaft, werden sie ihr Glück auch stets ohne bemerkenswerthe Bildung machen. Bei ihnen hilft die Routine auch schon durch, namentlich wenn sie in das ältere Fach übergehen.

Wohl aber ist es angebracht, daß selbe das Französische so weit geläufig inne haben, daß sie häufig vorkommende Sätze, wie z. B.: Bonjour Monsieur, comment vous portez vous? – Où allez vous? – Avez-vous de l'argent sur vous? – J'ai bien faim! – Je vous remercie beaucoup – u. s. w. fließend sprechen können. Hier kommt es mehr auf die Umgangssprache an, als auf den eigentlichen klassischen Geist Molières, der seiner Zeit ein zwar veraltetes, aber immerhin geachtetes Französisch schrieb.

Für den angehenden jungen Schauspieler ist dagegen die klassische oder Gymnasiastenbildung eine unerläßliche petitio in principibus. Hat er es im Griechischen auch nicht weiter gebracht als sein »Heureka« zu dekliniren und konjugiren, so genügt dies doch schon, um den Homer zu verstehen, da es von demselben einige recht gute Übertragungen giebt. Auch muß er wissen, daß Zeus im Lateinischen Jupiter heißt und umgekehrt. Weiß er dies nicht, so wird seine mangelhafte klassische Bildung von jedem einigermaßenem Kenner sofort entdeckt und er ist blamirt. Est enim modus in rem!

Ich habe natürlich das Gymnasium durchgemacht. Da Ich es jedoch nicht gebrauchte, habe Ich auf das Abiturium verzichtet. Auf solche Aeußerlichkeiten giebt der bedeutende Künstler nichts. Homo sum, nihil alimentum a me puteo!

Mit Recht sehe Ich daher auf meine Kollegen herab, welche Real- und sonstige Simultanschulen besuchten. Solche Menschen verstehen ja nicht einmal den pythagoräischen Lehrsatz, weil sie kein Griechisch gehabt haben, was wissen diese Aermsten vom Flantus und Terenz, welche in Rom einst das waren, was in der Jetztzeit v. Moser und v. Schönthan sind?

Natürlich ist der an den Klassikern des Alterthums großgewordene Künstler auch ein denkender Künstler. Cogito, ergo sum, sagt der alte Philosoph Plutarch.

Mein Spiel ist ein denkendes Spiel. Ich zersetze die Sätze, die Perioden, die Worte, wenn Goethe den Mephisto sehen könnte, wie Ich ihn hinlege – er würde ihn nicht wieder erkennen. Und erst Mein Richard der Dritte!

Hier handelt es sich namentlich um die berühmten Worte: »Ein Pferd! Ein Pferd, ein Königreich für ein Pferd!« (Lateinisch equus, equis u. s. w.)

Natürlich betone Ich das Zahlwort »ein«. Ich schreie Ein Pferd! Ein Pferd! denn es ist doch unmöglich, daß Richard auf zwei oder mehreren Pferden zugleich reiten kann. Nur ein einziges Roß im Gegensatze zu einem Königreich: das ist der Sinn dieser Stelle, da Großbritannien doch aus drei Königreichen besteht. Andernfalls müßte es heißen: »Ein Pferd für Großbritannien!«, was Shakespeare nach den mühsamen Forschungen F. A. Leo's keineswegs zu sagen jemals die Idee gehabt hat.

Selbstverständlich denkt ein Charakter wie Richard der Dritte nie und nimmer daran, seine gesammten Ländereien für ein armseliges Pferd herzugeben, und wenn es selbst der Renner Kinsem wäre!

Beim Abgange reite Ich auf Meinem Degen in die Kulisse, um plastisch anzudeuten, daß dem Richard das Pferd sehr erwünscht sei. Diese Nuance hat die Anerkennung vieler Shakespearegelehrten gefunden, weshalb sie Mir ein Standbild zu errichten gesonnen sind.

So etwas vermag eben nur ein denkender Künstler wie Ich, an der Hand solcher Shakespearekommentatoren, die mathematisch nachweisen, was selbiger gedacht haben könnte, wenn er sich die Zeit dazu gelassen hätte. – Bei ungebildeter Komparserie ist jedoch der denkende Künstler Zufälligkeiten ausgesetzt, die im höchsten Grade stören.

So spielte Ich einst in W. den Marquis Posa. In der großen Scene mit dem Könige, bei den Worten: »Geben Sie Gedankenfreiheit!« mache Ich eine lange Pause, um das Wort »Gedankenfreiheit« mit der ganzen Wucht seiner innersten Bedeutung auf den König zu schleudern.

Den König Philipp gab ein verkrachter früherer Direktor einer Aktiengesellschaft auf Flitzbogen, die sich nach der Einführung des Mausergewehres nicht halten konnte. Der Mensch war nicht ohne Talent, aber ihm fehlte die klassische Bildung. Und deshalb war pericula in moris.

Die Stelle kommt. »Geben Sie« – sage Ich und mache Meine große Pause.

Allein anstatt abzuwarten, bis Ich die »Gedankenfreiheit« herausgedröhnt habe, fällt Mir der König in die Rede und ruft:

»Ich nehme!«

Die Scene war geworfen. – –

Natürlich mußte ich diesen lapsus calamus ausbaden. Die Kritik nahm keinen Anstand, Mir die ganze Schuld aufzubürden, Mir, dem gebildeten, denkenden Künstler! Ja sie verstieg sich sogar so weit, daß sie behauptete, ein Künstler könne auch zu viel denken und das thäte – Ich.

Verschiedene Male lauerte Ich dem Rezensenten auf, um ihm handgreiflich ad ocula zu demonstriren, daß er Unrecht habe, allein er mochte wohl die Charybdis geahnt haben, die ihm bevorstand, und ließ sich nicht sehen.

Vor meinem Abgange schrieb Ich ihm dafür einen Brief, den er nicht hinter den Spiegel gesteckt hat. Der Brief, kalligraphisch brillant geschrieben, lautete also:

Sie Schmiraxer!

In Ihrem elenden Blatte, das selbst die Käsehöker verschmähen, weil es ihrer Waare einen ranzigen Geruch verleiht, haben Sie mit ihrer ekelhaften Feder eine Kritik über mich geschrieben. Was verstehen Sie Jammerlappen von der Kunst? – Gar nichts. – Sie Esel!

Wenn Sie sich erlauben, noch einmal solche Nichtswürdigkeiten über Mich zu verbreiten, werde ich Ihnen das Fell über die Ohren ziehen.

Sie haben mit einem gebildeten Manne zu thun. Verstehen Sie? In Ihrem Gesudel habe Ich dagegen keine Spur von Bildung gefunden. Sie sind deswegen nicht satisfaktionsfähig. Sie Muffi!

Sonst würde Ich Sie fordern und Ihnen ein Loch in Ihren miserablen Kadaver schießen, daß Ihre gemeine Seele Gelegenheit findet, sich dahin zu scheeren, wohin sie gehört – zum Teufel.

Dies ist Mein letztes Wort und somit mache ich Fine in der unsaubern Angelegenheit.

Ich gehöre nicht zu den minium gentiorum wie Sie und lasse Mir nichts gefallen, namentlich nicht von einem unwissenden, ungebildeten Tintenklexer. Sapientis sat.

Ich habe die Ehre zu sein
Ihr hochachtungsvoll ergebener

akademisch gebildeter, erster Intriguant.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.