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Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten

Julius Stinde: Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDie Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten
publisherVerlag von Freund & Jeckel. (Carl Freund.)
year1887
illustratorOscar Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170401
projectid356b7564
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Emilie Kluthuhn.

Emilie Kluthuhn,

unsere Soubrette, erzählt:

Wir sind in einer kleinen Provinzialstadt. Dies ist nichts Außergewöhnliches, denn wenn ich nicht irre, giebt es viele Provinzialstädte auf der Landkarte. Ach so sehr viele; lauter kleine schwarze Punkte mit Namen, die man nicht behalten kann.

Aber die Stadt, von der ich spreche, hat eine Garnison. Das ist romantisch und spaßhaft.

Ich verehre das Militair, denn es verrichtet Heldenthaten. Namentlich die Husarenuniform ist ungemein kleidsam. Deshalb spiele ich auch gerne darin. Hosenrollen waren von jeher meine Passion. Es ist ein wahrer Fortschritt in der Kunst, daß Hosenrollen geschrieben werden. Deshalb schwärme ich für den Fortschritt. Ich schwärme für Alles, was groß und bedeutend ist, namentlich für Hosenrollen. Oder hab' ich das schon einmal gesagt? Ich glaube fast. Nun ja, Soubretten sind naiv und schelmisch. Und ich bin eine Soubrette.

Kehren wir nach unserer Abschweifung zu unserer Provinzialstadt zurück. Ich schweife gerne ab. Man nennt dies Causerie und schon oft sagte man mir, ich sei eine brillante Causeuse.

Das Theater war in der Reitbahn aufgeschlagen. Natürlich konnte man den Offizieren den Zutritt zur Bühne nicht verwehren. Es wäre dies unhöflich gewesen. Auch die höheren und älteren Chargen verschmähten es nicht, den Kulissen oft einen Besuch abzustatten. Es war dies jedoch mehr aus Kunstsinn. Die Herren Premiers und Sekonds schätzten dagegen, wie ich aus einzelnen Reden zu vermuthen berechtigt zu sein glaube, die Darstellerinnen höher als die Kunst.

Diesem Fehler begegnet man häufig, namentlich in Offizierskreisen. Es muß dies in der einseitigen Erziehung liegen, welche die Ausbildung des persönlichen Werthes auf Kosten der idealen Güter im Auge hat. Die idealen Güter, wie z. B. Gedichtbücher, Vierhändigspielen, Blumenbegießen u. s. w. werden vernachlässigt, wogegen Reiten, Schießen und Kriegführen an der Tagesordnung sind. Eine Ausnahme jedoch macht das Tanzen, wenn sie Einem blos nicht immer mit den Sporen die Kleider zerrissen.

Doch da ertappe ich mich schon wieder auf einer Abschweifung. Wo blieb ich nur gleich stehen? Ah, richtig, bei dem Theater in der Reitbahn der kleinen Provinzial- und Garnisonstadt.

Wir wurden enthusiastisch aufgenommen. Es regnete Blumen und Kränze, an denen wir uns sehr erfreuten. Nur die komische Alte meinte, das Geld, welches die Kränze kosteten, möchte sie gern in baar haben. An einem Abend – wir gaben die »Dienstboten« – erhielt sie auch ein Bouquet. Sie jedoch sagte: »Ein Bund Knackwürste wäre ihr lieber.« Ihr war der Idealismus gänzlich abhanden gekommen, – denn haben Knackwürste etwas Ideales? O nein, aber z. B. Mondschein!

Ich feierte während unseres Aufenthaltes in der kleinen Stadt eine wahre Kette von Triumphen. »Kluthuhn, Sie sind der Stern unserer Gesellschaft!« sagte der Direktor ein über das andre Mal zu mir. – »Direktorchen!« erwiderte ich, »man thut, was man kann!« – »Sie Schelm!« entgegnete er, »heute Abend nach der Vorstellung speisen einige Offiziere bei mir. Picknick mit Sekt. Sie kommen doch?« – »Ih, wo werd' ich nicht?« gab ich neckisch lachend zur Antwort.

Ich habe Picknicks gerne. Die Herren sorgen für das Materielle und wir Damen vertreten das Ideelle; wir sind so zu sagen die schwebenden Engel, welche elfenartig hier aus dem dargebotenen Glase nippen, dort ein Brösamlein mit Kaviar oder Gänseleberpastete naschen. Die Direktorin hatte an den Resten meistens noch einige Tage zu leben. Mit dem Getränke hätte es jedoch windig ausgesehen, wenn der Direktor nicht so schlau gewesen wäre, stets einige volle Flaschen gleichzeitig mit den leeren in die Küche zu bugsiren. Ach, diese Picknicks hatten etwas ungemein Poetisches an sich. Die Offiziere ließen das Materielle aus dem Hotel kommen, wo es angeschrieben wurde. Und stets überreichlich. Sie sind so galant und nie kleinlich.

Doch auch die schönsten Tage von Aranjuez gehen zu Ende. Unser Direktor war anderweitig verpflichtet und schon seit einer Woche gaben wir täglich die unwiderruflich letzte Vorstellung.

Endlich kam die wirkliche Abschiedsvorstellung heran. Das Theater war blau von Uniformen. Mir traten die Thränen in die Augen, als ich durch das fettige Loch des Vorhangs blickte und alle die lieben Gesichter sah, die mir so oft zugelächelt hatten. Ach, es waren herzige Kerlchen darunter. Namentlich der kleine dicke v. B. und der große schlanke v. M. Es ist nicht zu sagen.

Die Abschiedsvorstellung war zugleich mein Benefiz. Ich hatte das gern gesehene Stück »Der kleine Lieutenant« gewählt, das der Direktor mit Benutzung einiger älterer und vorhandener Stoffe selbst zusammengesetzt hatte. Die Offiziere jubelten mir stets zu, wenn ich in der strammen Husarenuniform heraustrat, mich an die Rampe stellte und militärisch grüßend in's Parquet hinunterschnarrte: »N'Morjen, Kameraden!« Dies Extempore war von mir selbst. Ich glaube daher sehr wohl die Befähigung zu haben, ein Bühnenstück zu schreiben.

Auch heute trat ich wieder vor, doch ich kam nicht zu Worte, weil ein Bouquetregen mich überschüttete. Das Orchester blies Tusch. »Kluthuhn hierbleiben!« schrien sie. Ach, es zerriß mir fast das Herz.

Und doch spielte ich – und wie! – Wie schlug ich die Trommel, wie turnte ich mit blutendem Herzen an Barren und Reck! Auf Verlangen mußte ich die Scheere und die Beinwelle dacapo machen. Selten hat die Kunst edlere und idealere Triumphe gefeiert. Die wahre Kunst ist eben die Tochter des tiefsten Seelenschmerzes.

Ich sah aber auch aus – zum Einbeißen!

Kaum war der Vorhang über die unzähligen Hervorrufe (es waren elfe) gefallen, als eine Anzahl von Offizieren auf der Bühne erschien. Einer derselben trat vor. »Dem Genius ihre Huldigung darzubringen wären sie gekommen,« – so sagte er – . »wo Talent, Kunst und Natur so harmonisch vereinigt, daß die Sphären selbst in Neid verstummen müßten, da sei das Höchste erreicht. Der »kleine Lieutenant« nähme nun Abschied von ihnen. Sie würde lange an ihn denken. Damit er ihrer aber nicht vergäße, erlaubten sie sich, ihm eine kleine Gabe darzubringen.« Bei diesen Worten öffnete einer der Herren ein längliches Kästchen, in welchem auf rothem Sammet ein künstlerisch vollendeter Stiefelknecht aus schwarzem Ebenholz ruhte. »Der unvergleichlichen Emilie Kluthuhn, dem Liebling der Musen und Grazien, ihre dankbaren Verehrer,« war auf demselben in Perlmuttereinlage zu lesen. Ein Einschnitt für den Sporen zeigte an, daß dieser Stiefelknecht kein bloßes leeres Huldigungssymbol sei, sondern auch praktisch benutzt werden konnte. Etwas Idealeres hatte ich nie zuvor gesehen.

Erschüttert, sprachlos vor Rührung nahm ich den Ehrenstiefelknecht und drückte ihn an mein Herz.

»Zuviel, zuviel!« stammelte ich, und einer plötzlichen Eingebung folgend, umarmte ich den Sprecher und drückte den Kuß des Genius auf seine Lippen. »Dieser Kuß dem ganzen Korps!« sprach ich mit Schiller. Er trug einen reizenden Schnurrbart.

Am nächsten Tage reisten wir ab. Der Ehrenstiefelknecht begleitete mich. Er ist mein höchster Schatz und nichts auf der Welt trennt mich von ihm. Leider ist er für mich etwas zu groß, aber er ist unverwelklich wie der Ruhm, ja wie die Kunst selber, die hoch über den Sternen thront und die Menschen den Himmlischen gleich macht.

Erste Soubrette.

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