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Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten

Julius Stinde: Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten - Kapitel 7
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDie Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten
publisherVerlag von Freund & Jeckel. (Carl Freund.)
year1887
illustratorOscar Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170401
projectid356b7564
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Erstes Intermezzo.

»Die Räuber.« (Neuinscenirt.) II. Akt. Letzte Scene.

Es konnte nicht verschwiegen bleiben, obgleich Alle die fürchterlichsten Schwüre abgelegt hatten, keine Silbe zu verrathen, daß unser Dekamerone im Werden begriffen sei. Das Publikum sprach mit Hochachtung und regster Neugierde von unserem Unternehmen und die Presse begrüßte es als eine unerhörte literarische That. Das war auch das wenigste, was sie thun konnte.

Seit Carabellas Eintritt in die Direktion hatten sich unsere Theaterverhältnisse in ihrem pekuniären Theil wesentlich gebessert. Es gab doch hin und wieder Gage und der Direktor war weniger energisch in dem Zudiktiren von Strafgeldern, da er sich nicht mehr in Geldverlegenheiten befand.

Hatten wir ein schlechtes Stück, dann überreichten wir unserem Direktor hinter den Kulissen einen Lorbeerkranz und priesen seine Verdienste um die deutsche Kunst. Sobald dem Publikum hiervon Kunde durch die Zeitungen ward, kam es, um sich das Stück anzusehen und hielt sich selbst für dumm, da doch ein von seinen Komödianten gekrönter Direktor unmöglich einen Mißgriff gemacht haben konnte. Dieser Kniff half jedoch nur einige Male und schließlich erwiesen die Luftspringer sich als zugkräftiger, denn die Kranzkomödie.

Dafür aber maßte Carabella sich an, in den Direktionsgeschäften ein Wort mitzureden und seine Truppe zu beschäftigen, wie und wo er nur konnte. Der Direktor war ein zu großer Mammonsdiener, als daß er im Interesse der reinen, erhabenen Kunst mannhaften Widerstand geleistet hätte.

Wir konnten ja nichts dagegen haben, daß die Spezialitäten Carabella's in den Zwischenakten ihr Unwesen trieben und durch ihr Klettern, Radschlagen und Kopfstehen das Publikum aus der Stimmung rissen; wir mußten uns sogar gefallen lassen, daß seine Gaukler in den Stücken selbst auftraten.

Hätten die Carabella's sich mit Statistenrollen begnügt, das Volk dargestellt oder dergleichen, so hätten wir Nichts dagegen gehabt, aber es ging bis an die äußerste Grenze. Selbst die »Räuber« mußten dazu dienen, diesem Volk Gelegenheit zur Produzirung seiner Künste zu geben.

Der Direktor, welcher den alten Moor spielte, war froh, dem Skelettmenschen den Rest seiner Rolle zu überlassen, und da dies Gerippe von Mensch außerdem einen mangelhaften Gaumen besaß, wurde ihm sämmtlicher Dialog weggestrichen. Dafür tanzte er den Yankee-Doodle, als er aus dem Hungerthurm hervorgezogen wurde.

Der Theaterkritiker des »Boten an der Knatter, freisinniges Organ für Politik, Wissenschaft, Kunstbutter und Fettwaaren«, äußerte sich in folgender anerkennender Weise über diese Aufführung:

»Wenn Schiller am verflossenen Mittwoch vom hohen Olymp herab auf die Erde hernieder blickte, welche er bekanntlich viel zu früh am 9. Mai 1803 verließ, den verwaisten Goethe an seinem Sarge zurücklassend, um Lessing im schöneren Jenseits die Hand zu drücken, so würde er ausgerufen haben: Jetzt erst werde ich verstanden, wie ich es so oft wünschte. Er wurde oft verkannt, aber ist dies nicht bekanntlich immer das Loos des Schönen auf der Erde? Ja, sein unsterblicher Geist war am Mittwoch bei der Vorstellung der Räuber zugegen, deren faszinirende Wirkung noch lange im Busen der anwesenden zahlreichen – das Haus war fast ausverkauft – Zuschauer nachzittern wird.

Unsere Direktion hat sich selbst übertroffen, öffentlich sei es anerkannt, daß unser Direktor den Geist des Schillerschen Jugendwerkes in einer Weise zur Anschauung brachte, wie noch kein Theaterdirektor vor ihm. Er hat das Größte geleistet und den philosophischen Gehalt der »Räuber« zu einer tastbaren Wirklichkeit verkörpert, welche in sich selbst monumental, das Wesen der Kunst in die schwindende Flucht der Gedanken zusammenpreßt und das reine Gold des Genius in silbernen Schalen zur Unsterblichkeit emporhebt.

Bekanntlich schrieb Schiller seine »Räuber« in den Jahren 1777-78 als Karlsschüler, was wir von Schülerarbeiten zu halten haben, wissen wir zur Genüge. Plattitüden wie: »Spiegelberg ich kenne dich!« und »Dem Mann kann geholfen werden« finden sich zahlreich in den »Räubern«, woraus auf das Deutlichste hervorgeht, daß Schiller noch in der Gährung begriffen war und ohne Kritik von dem Jargon, wie er unter jungen Leuten, zumal Sekundanern und Primanern, zu herrschen pflegt, in seinem Erstlingswerke reichlichen Gebrauch machte. Wir verzeihen ihm jedoch, denn er war noch in der Sturm- und Drangperiode und versprach in Zukunft Bedeutendes zu schaffen. Leider ist die betreffende Urkunde, in der er sein Versprechen gab, wie so manche andere handschriftliche Aufzeichnung des großen Dioskuren im Sturm und Drange verloren gegangen, welch' unersetzlicher Verlust für die gesammte deutsche Literatur!

Bekanntlich haben die »Räuber« etwas Ursprüngliches und Ausgewachsenes an sich. Diese Auswüchse auszumerzen und das Ganze mit dem Kolorit des maßvoll poetischen, wie es die Signatur unseres von humanen Anschauungen durchdrungenen Zeitalters ist, zu umgeben, muß und bleibt die Aufgabe der Direktion, des Regisseurs und der Darsteller.

Schiller konnte das Räuberwesen nicht aus eigener Anschauung kennen, denn das bekannte harte Erziehungssystem der Karlsschule, welche bekanntlich eine Lieblingsanstalt des Herzogs Karl (gegründet 1770 und erweitert 1773) war, hinderte ihn an unordentlichem Lebenswandel. In diesem Lichte betrachtet müssen uns die Räuberscenen schief und bedenklich vorkommen.

Vom echten dramatisch-poetischen Geiste durchdrungen, hat die Direktion sich die Aenderung der Räuberscenen angelegen sein lassen. Sie sagte sich richtig: Räuber kommen nicht mehr vor, seitdem die Zuchthäuser mit allem nur erfindlichen Komfort ausgestattet sind, aber fahrende Künstler, Seiltänzer, Akrobaten, die giebt es heute so gut wie damals. Mit einer Genialität, wie sie nur dem kunstsinnigen Direktor eigen, wurden die »Räuber« von diesem Standpunkte aus eingerichtet, es sind keine Kosten gespart, um die ersten Spezialitäten in dem Stücke zu verwenden und dem Ganzen einzufügen. Herr Carabella sen. machte mit seinem Feuerfressen in der Rolle des Spiegelberg einen überwältigenden Effekt, ebenso wie Herr Carabella jun. mit der dreifachen Flaschenpyramide die Zuschauer in Erstaunen setzte. Nicht ganz einverstanden können wir uns dagegen mit dem Abfeuern der Kanone erklären, welche Fräulein Darowski, genannt die Königin der Luft, an einem Trapez schwebend, in den Zähnen hielt. Doch hierüber könnte Schiller allein ein maßgebendes Urtheil fällen und somit bleibt diese Frage für den Literarhistoriker eine durchaus offene. Der Bär, welchen Herr Carabella auf den Pater hetzte, den Herr Willibald Päpke meisterhaft sprach und dem dieser unübertreffliche Komiker durch Hinzufügung der leicht gesungenen Worte: »Du bist verrückt mein Kind, du mußt nach Berlin!« zu einem kolossalen Lacherfolg verhalf, erscheint anfangs zwar etwas ungewohnt und befremdlich, aber er ist von tiefsymbolischer Bedeutung. Einmal ist das Vorhandensein eines Bären in der Akrobatengesellschaft etwas so Selbstverständliches, daß wir mit dem besten Willen nicht begreifen, wie Schiller ihn sich entgehen lassen konnte. Nehmen wir zweitens an, daß der Pater das Prinzip der Reaktion vertritt, so müssen wir in dem Bären, der ihm zu Leibe geht, das Prinzip des Fortschritts kat exochen erkennen. Der Maulkorb und der Ring durch die Nase, die das Thier trug, deuten in geistreicher Weise die Fesseln an, in welcher der Liberalismus und die wahre Freisinnigkeit schmachten. Schiller ist eben so unendlich groß, daß seine »Räuber« wie mit Bezug auf unsere heutigen politischen Verhältnisse geschrieben erscheinen. Auch das Fest bei Franz v. Moor zeigte einzelne Liebenswürdigkeiten. Kosinsky, der sich bereits als Degenschlucker trefflich eingeführt hatte, überraschte als Stuhl- und Parterre-Arbeiter. Unübertrefflich war der Skelettmensch als alter Graf v. Moor, wie er vor Rührung kein Wort hervorbringt und seine Freude über die Befreiung aus dem Hungerthurm durch einen lebhaften Tanz ausdrückt, das läßt sich nicht beschreiben, das muß man sehen. Unwillkürlich wurden wir an Goethe's »Thürmer« erinnert; vielleicht benutzte Schiller die Idee seines Dichterfreundes, um ihm ein ehrendes Denkmal für die Nachwelt zu setzen. Dieser rein menschliche Zug ist ein goldenes Lorbeerblatt in der Dulderkrone Schillers. Die Uebrigen thaten ihre Schuldigkeit. Frln. Peperona übertraf sich selbst als Amalia und sah in dem Rosakleide mit Schleppe und Trikottaille vorzüglich aus. Der Darsteller des Franz verdient dagegen einigen Tadel, da er ein gänzlich verfehltes Kostüm trug. Wir sind nämlich nicht klar darüber geworden, warum er den Franz durchweg im schwarzen Anzug gab. Als regierender junger Graf v. Moor hätte er im letzten Akte, wenigstens bei dem Feste, einen Frack anziehen müssen. Wir halten den einfachen Gehrock für eine Beleidigung des Publikums. Selbst die weiße Halsbinde fehlte! Hoffen wir, daß die Regie in der Folge ihre Pflicht thut. Der lächerlich kleine Schlips konnte keineswegs genügen. Doch diese, aus vielleicht übergroßer Gewissenhaftigkeit hervorgegangenen Aussetzungen sollen den Totalgenuß, den uns die neuinscenirten »Räuber« gewähren, nicht trüben. Der Kritiker ist der Hüter des Schönen, er hat die Mission, seine Lanze für das Höhere zu brechen. Ich habe hiermit gebrochen und dies wird auch in Zukunft der Fall sein. Der Direktion sagen wir im Namen sämmtlicher Theaterbesucher und des Dichterheroen Schiller unsern aufrichtigen Dank. Möge sie auf dem einmal betretenen Pfade unbeirrt weiter fortfahren.

Arnold Zappel

Diese außerordentliche Kritik übte einen überraschenden Eindruck auf Alle aus, die sie lasen, wir waren erstaunt und bewunderten den Rezensenten wie ein höheres Wesen. Diese Sachkenntnis dieses Spielen mit den geschichtlichen Daten, dieses Zuhausesein in der Literatur, dieser Schwung, diese großartige Interpretation Schillers, mit einem Worte: die ganze Leistung machte uns baff.

Die einzige üble Folge davon war die, daß die Carabella's und der grauenvolle Skelettmensch noch übermüthiger wurden, als sie schon waren; das Publikum dagegen war fest überzeugt, dem Verständnisse Schillers um ein bedeutendes Stück näher geschleppt worden zu sein.

Seit dieser Rezension umschwärmten die Damen vom Theater den jungen Kritiker förmlich und ernannten ihn zu ihrem erklärten Liebling,

»Nicht wahr, Herr Doktor, Sie schreiben auch einmal etwas recht Schönes über mich?« fragten kosend die zärtlichen kleinen Wesen.

»O, mit Vergnügen!« antwortete der Doktor (promovirt hinter den Kulissen und im nahegelegenen Restaurant). »Mein Leben ist ja dem Dienste der Kunst und des Schönen geweiht!«

»Ach! – Sie rrreizendes Doktorchen!«

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