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Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten

Julius Stinde: Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDie Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten
publisherVerlag von Freund & Jeckel. (Carl Freund.)
year1887
illustratorOscar Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170401
projectid356b7564
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Hector Neumann.

Hector Neumann,

unser erster Heldenspieler, erzählt:

Mit Rührung ergreife ich die Feder. Wenn ich nur wüßte, was ich schreiben soll! Es ist so grimmig viele Tinte im Tintenfasse, daß mir graut. Für zwei Pfennige hat die Magd fast eine halbe Bierflasche voll erhalten. Dies begeistert mich zu dem ersten höheren Gedanken:

Wie billig ist doch die Tinte!

Ich glaube nicht, daß Jemand diesen Gedanken vor mir gedacht hat. – Ich werde schon noch mehrere solcher kriegen.

Ich soll aus meinem Leben erzählen, sagt Fellrich, denn das Komödianten-Leben ist überall interessant, wo man es packt. Gewiß, Goethe hatte nicht ganz Unrecht, als er dies bemerkte. Deshalb war Goethe auch ein Universalgenie.

Mein Vater, ein ehrenwerther Dunkelmann, haßte das Theater aus dem Grunde seines Herzens. Ursache seiner Abneigung war ein paar Ritterstiefel, das er einem Künstler auf Kredit angefertigt. – Er sah den Künstler und die Stiefel niemals wieder. Aus Achtung vor mir selber verschweige ich hier die bürgerliche Stellung meines Erzeugers. Hätte er nur einen Funken von Poesie im Leibe gehabt, so würde ich ihn mit Stolz den Kollegen Hans Sachsens nennen. – Aber so? – Nein! Ich aber schwärmte für das Theater. Um meinem innerlichen Drängen und Sehnen Luft zu verschaffen, entnahm ich einst dem herrenlos auf dem Tische liegenden Portemonnaie meiner Erzeugerin zwei elende Groschen. Ich eilte in das mechanisch-mimisch-plastische Theater und sah dort »Kunibald von Schreckenstein oder Heldenmuth und Minnespiel«. Als Kunibald in der goldenen Rüstung auftrat, den Drachen erschlug und die Prinzessin aus dem Thurm befreite, da tönte eine innere Stimme in mir: »So mußt auch du einst dastehen, ein Held, ein Ritter, ein ganzer Mann!« von diesem Augenblicke an sah ich meinen Lebensplan offen vor mir liegen – die dramatische Kunst war von nun an mein Sehnen, Streben, Hoffen, Wachen, Schlafen, Träumen, Essen, Trinken ... genug Alles mit einander.

Meine prosaische Erzeugerin, welche den Abgang aus ihrem Portemonnaie bemerkt hatte, war geistig zu gering veranlagt, um begreifen zu können, daß es Pflicht ist, der Kunst Opfer zu bringen. Sie entlehnte den Knieriemen meines Erzeugers und brachte ihn ohne Auswahl mit den verschiedensten Partien meines Körpers in Berührung. »Ich will Dich stibitzen lehren,« schrie sie. »Ich will Dir zeigen, was es heißt, ins Puppentheater zu gehen. Du Flegel, Du!«

Ich aber, ich war gefeit gegen diese anscheinend niedere Behandlung. Jeder Schlag war für mich ein Ritterschlag für die Zukunft. Mit jedem Schlage wuchs mein Stolz, so daß ich zuletzt in lauten, fröhlichen Jubel ausbrach. Ja, ich jubelte so frisch und frei in die Welt hinaus, daß mein Erzeuger mir diesen ungekünstelten Erguß der Freude verbot, damit die Nachbarschaft nicht rebellisch werde. Elender Pöbel, solche Nachbarschaft!

Seit jener Zeit haßte auch meine Erzeugerin das Theater, und für mich kamen die Tage der Qual.

Verschlossen waren mir die Pforten des mimisch-plastischen Theaters. Man gab dort die herrlichsten Stücke wie: »Limbert der Grausame, oder der steinerne Sarg.« – »Die Waffenbrüder, oder Fürstenrache und Heldenlist.« – »Die Banditenhöhle auf der Gleichenburg, oder die Silberglocke des Enthaupteten.« – »Der schwarze Jäger, oder das warnende Kobermännchen.« – Und ich, ich mußte von ferne stehen.

Nicht weit von der Bude des mimisch-plastischen Figurentheaters lag ein Sandhügel, denn es wurde in jener Gegend ein Haus gebaut. Auf diesen Hügel warf ich mich oft und netzte ihn mit meinen Thränen, mein grausames Schicksal beweinend, mein Dasein verfluchend, meine Erzeuger verwünschend.

»O hohe heilige Kunst,« schrie ich schon damals, »eine ruchlose, kalte, herzlose Welt trennt mich von dir! Man reißt mit grasser Hand mich von deinem Busen, der ich dich so liebe, so unaussprechlich – so – so –« (ich werde schon noch auf das richtige Wort kommen).

Und wenn ich vom Theater her die Schüsse fallen hörte, die fast in keinem Stücke fehlten, dann krampfte sich mein Herz zusammen, dann krümmte ich mich auf dem Sande wie ein zerquetschter Wurm, dann rannen meine Thränen, wie Dachrinnen beim Wolkenbruch und mit Energie streckte ich die Finger in die Schauder der Mitternacht, um ihr, der Kunst, ewige Treue zu schwören, und recht etwas Großes zu werden.

Für das Theater ließ ich mein Leben.

Dieser Gedanke, den ich damals faßte, blieb mein Wahrspruch für alle Zeit. – – –

Ich übergehe einen langen Zwischenraum. Man wollte mich zwingen, das pechige Gewerbe meines Erzeugers zu ergreifen, ich aber floh – und wurde Künstler.

Das Theater zu M. öffnete mir seine gastfreien Pforten. Ich erhielt kleine, aber höchst wichtige Rollen. Man vertraute mir die schwierige Aufgabe an, vor den Verwandlungen die Tische und Stühle zu entfernen. Nebenbei machte es mir Freude, das Volk und Gedränge auf der Bühne zu vervollständigen, wenn es nöthig war. Ich war eben mit Leib und Seele Schauspieler.

Da ereignete es sich, daß die Gallmeyer nach M. kam, um einige Gastrollen zu geben. Mir schlug das Herz bei Tag und Nacht, wie Sonnenthal so schön schreibt, bis zum Halse. Ich sollte neben ihr auftreten, neben ihr, der Künstlerin, deren Ruf schon damals die halbe Welt überstrahlte. Sie, die Priesterin der Kunst, sollte die Bretter unserer Bühne weihen, denn Goethe sagt: die Stätte, die ein Mensch betritt, ist eingeweiht für alle Zeiten.

Sie brachte ein Stück mit, welches ihr auf den Körper geschrieben war; es kamen elf Verwandlungen darin vor und ebensoviele Umzüge. – Ich war also eigentlich die Hauptperson des Abends.

Auf der Probe instruirte mich die Diva auf das Genaueste. »Sö liaber Schneck,« sagte sie zu mir, »geben's guat Obacht, damit Nix passirt, sonst gieb i Ihna an'n Tritt, daß Sö vier Woch'n nit sitzen können!«

Ich lächelte ihr selig zu. Die fesche Pepi hatte sich herabgelassen, mit mir zu sprechen. Mir war, als hörte ich Engelschöre singen. Und sie, die Unerreichbare, Einzige, sie lächelte mir wieder zu. Es war dies einer jener erhabenen Momente, an denen das Künstlerleben keinen Ueberfluß hat, in denen man jedoch das Walten des Genius spürt und sich in seiner ganzen würde fühlt. Solche Augenblicke entschädigen für manchen Kummer und manche Oede des Daseins, sie sind das höchste Gut eines wahren Künstlers. –

Wir waren am Abend der Aufführung bei der sechsten Verwandlung angelangt, die Gallmeyer im Kostüm eines Czikos stand allein auf der Bühne, um ein ungarisches Trinklied zu singen und einen Czardas zu tanzen. Nach dem dritten Verse des Liedes lag es mir ob, den Tisch von der Bühne in die Kulissen zu tragen, damit Platz für den Tanz gewonnen werde.

War es ihr Lächeln oder welcher Zauber hatte es mir angethan – ich weiß es nicht – genug ich holte den Tisch, auf dem sich der Weinkrug und der Becher befanden, schon von der Bühne, noch ehe sie ihr Lied begonnen. Die Diva merkte meinen Uebereifer nicht eher, als bis sie nach dem Becher greifen wollte – und ihn nicht fand. Hinausstürzen, den Becher mit der einen Hand erfassen, meine Wange mit der andern berühren, war von ihr das Werk eines Augenblickes. »Sö san ach zu was Höchderem gebor'n, Sö Lackel!« rief sie mir zu, um in der nächsten Sekunde das Publikum zu enthusiasmiren.

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ja, ich war zu Höherem geboren als zum Tisch- und Stuhlhinaustragen. Sie, die Göttliche, Einzige hatte es mir gesagt! Stolz nahm ich die Entlassung an, welche mir der Direktor noch am selben Abend ankündigte. Ich zog von dannen und ward Heldenspieler, und ginge es nach Verdienst, so wäre ich jetzt mindestens Hofschauspieler oder Societär des Deutschen Theaters.

Ihr werdet jetzt fragen, wo ich spielte und was ich mimte? – Ich spielte überall und Alles. Heldenspieler ward ich, weil ich mich auf Haue verstand. Dies ist zu einem Heldenspieler unumgänglich nothwendig.

Ein Held muß hauen können und Haue mit Anstand zu empfangen verstehen. In jedem ordentlichen Stücke, in welchem ein ordentlicher Held vorkommt, muß es im letzten Akte Keile setzen.

Oder aber das Stück taugt nichts! –

Seitdem ich zu dieser Ansicht gekommen bin, stehe ich unerschüttert da. Jetzt weiß ich, was Kunst ist.

Ich bin ein durchschlagender Künstler. Niemand, mit dem ich spielte, wird dies bestreiten.

Schon von meiner frühesten Jugend war ich zum Heldenspieler von der Vorsehung auserwählt; selbst meine Erziehung drängte mich zu dem, was ich jetzt bin. Nur lag Alles verworren und unklar in mir. Vielleicht würde ich noch bedeutender geworden sein, wenn mein Erzeuger ein Gerber gewesen wäre. Aber es kam trotzdem die Stunde, in der ich aus meinen Träumereien erwachte.

Ewig werde ich ihr dankbar sein, der resoluten Pepi, welche das in mir schlummernde Talent wie mit einem Schlage aus seinen Fesseln befreite.

Die Laufbahn eines Künstlers ist eine harte; eine zartere Konstitution als die meine würde sie nicht in gleicher Weise durchwandelt haben, sie würde der schonungslosen Hand des Schicksals unterlegen sein.

Es ist gewiß, zu einem Künstler gehört nicht nur Talent, sondern auch eine gute Natur, die etwas vertragen kann.

Möge diese kleine Erinnerung aus meinem Leben aufstrebenden Talenten von Nutzen sein. Dies wünscht

Erster Heldenspieler.

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