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Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten

Julius Stinde: Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDie Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten
publisherVerlag von Freund & Jeckel. (Carl Freund.)
year1887
illustratorOscar Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170401
projectid356b7564
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Wie dieses Buch zu Stande kam.

Es war nicht unter dem waschblauen Himmel Italiens, nicht in dem ruhmdurchdufteten Konservationszimmer des Burgtheaters, nicht in dem artistischen Engros-Geschäfte Pollini's, nicht in der dramatischen Kaserne am Berliner Gensdarmenmarkt, wo die Künstler sich zusammenthaten, um der Mit- und Nachwelt ihren Ruhm höchst eigenhändig zu verkünden, sondern die folgenden Bekenntnisse und Selbstbiographien erstanden in dem Städtchen K., Vielleicht Kyritz an der Knatter? Anm. des Setzers. das der Direktor Pleitemeyer mit seinen Getreuen beehrte, die er, nach eigenem Ausspruche, zu dramatischen Siegen führte. Oft aber waren seine vermeintlichen Siege reelle Niederlagen.

Ich will erzählen, wie es damals in Wahrheit bei uns zuging.

Novitäten hatten wir lange nicht mehr gesehen. Die unsterblichen Meisterwerks Hugo Bürgers, des edlen L'Arronge und Anderer hingen zu hoch, selbst die sterblichen Bühnendichtungen eines Leon Treptow waren für uns unerreichbar, denn ach! die dramatischen Koryphäen von heute thun es nicht ohne Betheiligung. Sie verlangen Tantiemen (Schreckenswort für jeden kunstsinnigen Direktor, dem die hohe heilige Alles ist, nur nicht die milchende Kuh); sie begehren schnöden Mammon für die Poesie, die doch das Gemeingut Aller sein müßte, wenn es Gerechtigkeit in der Welt gäbe! Wollte der Reichstag sich doch einmal mit dieser Frage ernst beschäftigen, der ja gegen jedes Monopol ist.

Tantieme! Absurdes verlangen, da wir selbst nicht einmal auf die Unkosten kamen. Die letzte Einnahme bei der »Braut von Messina« betrug drei Mark fünfundvierzig Pfennig und darunter erwies ein Zwanzigpfennigstück obendrein sich später als falsch. Nicht einmal die Wäsche der Tricots konnte bezahlt werden, die bei der letzten Aufführung von »Der Sohn der Wildniß« gebraucht worden waren, und die das Ungeheuer von Waschweib als Faustpfand zurückbehielt. Ohne Tricots kein »Sohn der Wildniß«, mit dem wir die besten Geschäfte machten, da ein kunstsinniger Gerbermeister uns neun Kuhhäute für die Tektosagen geliehen hatte, die einen Effekt hervorbrachten, den die Meininger noch nicht heraushaben.

Und von uns erhabenen Priestern der hohen Kunst verlangt man Tantieme! Lächerlich!

Es giebt freilich auch Stücke, welche steuerfrei sind. Die Klassiker waren bescheidene Naturen, die sich freuten, wenn die Künstler ihnen die Ehre anthaten, eine ihrer Sachen aufzuführen, aber das Publikum kennt das Alles und kommt nur in den Kunsttempel, wenn ein Gast in einer Hauptrolle auftritt. Es giebt nicht blos Zugthiere, es giebt auch Zugmimen.

Und so ein Gast – es ist durchaus nicht gesagt, daß er besser spielt als unsereins – nimmt nicht allein den größten Theil der Einnahme – das Fett von der Suppe –, sondern heimst auch den Ruhm ein, der uns zukommt.

Da liegt der Schwerpunkt. Um unser theuerstes, kostbarstes, höchstes Gut, um unsern Ruhm werden wir gebracht. Niemand nennt uns, Niemand weiß von uns, ewig bleiben wir verkannt!

Provinzial-Theater, dein Name ist Ruhmlosigkeit!

Diese und ähnliche Gedanken mochten jeden der Gesellschaft mehr oder minder heftig durchwogen, als wir auf der dunklen Bühne den Direktor erwarteten, dem eine materialistisch gesonnene Gasgesellschaft die Hauptleitung versiegelt hatte und der in seinem reinsten Vorhemde auf das Büreau der Gasmenschen geeilt war, um die Tigerherzen jener Geldknechte zur Abnahme des Siegels zu bewegen.

Ein einsames Stearinlicht (wo es geborgt worden, weiß ich nicht mehr) suchte die Bühne zu erhellen, aber es erging ihm geradeso wie uns: sein Licht drang nicht über die nächste Umgebung hinaus, wie unser Ruhm nicht über den Stadtgraben gelangte. Wir waren verpetschirt wie das Gasrohr.

Es zwitscherten keine Scherze bei uns in der Luft herum, wie sie im Garderobenstübchen des Burgtheaters zu zwitschern pflegen.

»Was werden wir übermorgen spielen?« fragte unsere erste Heldin Irmengard Peperona (eigentlich hieß sie Pieper), »gesetzt den Fall, daß wir nicht im Dustern bleiben?«

»Da wer'n de Reiber woll widder 'ran missen!« erwiderte der Souffleur.

»Pah! Die Räuber!« rief die Piepern verächtlich. »Ein altes unmodernes Stück, in dem man sein Talent nicht zur Geltung bringen kann!«

»Nee; 'ne Feerie is es nich!« sagte der Souffleur trocken. »Es spielt in lange Kleider!«

Dieser Stich ging auf die Piepern, die in ihrer Jugendblüthe am Viktoriatheater zu Berlin engagirt gewesen war, und zwar für die Partie einer Amazonenkönigin, in der sie nichts zu sagen hatte, sondern blos »aussehn« brauchte.

»Ich kann ebenso schreien, wie die Wolter!« entgegnete die Piepern stolz. »Aber wird die wahre Kunst hier in diesem Neste gewürdigt? – Nein!«

»Mein Franz ist eben so propper, wie Lewinsky'n seiner!« rief unser Intriguant.

»Sie könnten sich glücklich schätzen, wenn sie mich als Carl'n in Berlin hätten!« schaltete unser Heldenspieler bescheiden ein. »Mein Carl Moor ist bekanntlich unübertroffen.«

»Wir sind Alle nicht an der rechten Stelle, Kollegen,« nahm jetzt Willibald Päpke, der Komiker, das Wort, »wären wir in Wien, Berlin, Leipzig oder Hamburg, wir würden, nicht minder berühmt sein, als die Sonnenthal's, die Kahle's, die Ludwig's, die Barnay's und alle die Andern. Die Leute haben Glück gehabt, das ist das Ganze. Spielen können wir noch besser als die! Anderswo wird auch mit Wasser gekocht!«

»Kunststück!« rief die Piepern. –

»Ich belache die ganze dramatische Kunst!« setzte Alma Fels, eine frühere Operettensängerin, hinzu.

Die zur Bühne führende Thür wurde jetzt geöffnet und es stolperte Jemand die finstere kleine Treppe herauf.

»Der Direktor kommt. Der Herr Direktor!« murmelte es im Chor.

Es war aber nicht der Direktor, sondern unser erster Liebhaber, der feierlich auf die Bühne trat und in schöner Attitüde einige Schritte vor dem Souffleurkasten Stellung nahm.

Nachdem er sich im Kreise umgesehen, begann er mit pathetischer Stimme:

»Kollegen, Mitgenossen des Verkanntseins! wollt Ihr den Fluch der Ruhmlosigkeit von Euch schütteln, wie der Wüstenkönig den Sand aus seiner Mähne schüttelt, wenn er sich zum Brüllen aufrichtet? Wollt Ihr groß, übermenschlich groß, berühmt, überirdisch berühmt werden? Wollt Ihr, daß die Welt von Euch spricht? – Ihr seht mich erstaunt an. – – O, glaubt nicht, daß ich verrückt geworden bin. – Ja, Kollegen! Das Mittel ist gefunden, die Leiter, auf der wir zur Unsterblichkeit emporklettern, uns hoch erheben über die schale Gemeinheit des Lebens. Hier ist der Weg, der Pfad, die Staffel, das Klettergerüst!«

Bei diesen Worten zog er ein Buch aus der Tasche und hielt es in dem kärglichen Scheine des Stearinlichtes hoch empor.

»Ein neues Stück?« riefen Etliche enttäuscht.

»Nein, kein Stück?« entgegnete der Liebhaber triumphirend. »was frommt uns ein Stück? Was sind überhaupt diese jammervollen Dichter gegen uns, die wir ihre elenden Machwerke mit dem Genius unserer heiligen Kunst ins Leben rufen? Wir sind es, die Alles vollbringen, wenn wir nur wollen. Kollegen, wenn wir wollen, sind wir Götter. Sagt, wollt Ihr?«

»Nu äben!« rief der Souffleur, während die Uebrigen erwartungsvoll schwiegen.

»Seht dieses Buch,« fuhr der Liebhaber fort, »es zeigt uns den Weg zur Selbstvergötterung. Kinder, ergreift die Feder, taucht sie in die Tinte und schreibt Eure Lebensgeschichte auf reines, weißes Papier. Das Publikum wird sie gerne lesen. Ihr sollt sehen, wie der Erfolg wird! Machen wir es wie unsere großen Kollegen von den großen Bühnen – schreiben wir ein Dekamerone

»Ein Dekamerone, ein Dekamerone!« jubelten Alle und drängten sich, um einen Blick in das Buch zu werfen, das der Liebhaber mitgebracht hatte. Es war das Dekamerone des Burgtheaters.

»So sei es, so sei es!« hallte es freudig wieder.

»Warum stimmen Sie nicht mit ein, Piepern? Warum wenden Sie sich ab?« fragte Fellrich, der Liebhaber.

»O!« stöhnte die Piepern.

»Sie haben nicht nöthig, einen Beichtzettel zu schreiben, liebe Piepern,« sagte Fellrich sanft. »Sie können Gebrauch von der poetischen Lizenz machen. Sie schreiben aus Ihrem Leben nur die Episoden nieder, welche sich auf unsere hohe heilige Kunst beziehen!«

»Mh!« jammerte die Piepern.

»Fragen Se ihr erst mal, ob se iwerhaupt schreiwen kann?« höhnte der Souffleur.

Die Piepern brach in einen Strom von Thränen aus.

»Es mechten desgleichen Manche unter uns sein, denen die Ordographie en bischen beim Schreiwen im Wäge schteht,« begann der Souffleur wieder, »un daderum sieht es faul mit'n Dekamerone aus!«

»Armseliger Wurm!?« fuhr ihn Fellrich an. »Raphael würde dennoch der größte Maler geworden sein, auch wenn er ohne Arme und Beine auf die Welt gekommen wäre. Der Geist allein macht lebendig – nicht die Orthographie Wir nehmen einen Kopisten an, der die einzelnen Beiträge ein wenig durchsieht. Und wer sich zu angegriffen fühlt, um selbst die Feder zu führen,« – hier traf ein zärtlicher Blick die Piepern – »der erzählt einfach dem Tintenschmierer das, was er geschrieben zu haben wünscht. Natürlich unter unserer Kontrole!«

»Bravo!« rief die ganze Versammlung.

»Sie sind ein edler Mensch, Fellrich,« flötete die Piepern.

»Aber unser Geburtsjahr geben wir nicht an!« wandte die erste Liebhaberin ein. »Ich glaube nicht, daß das Publikum Interesse an unserer Jugend nimmt!«

»Keineswegs!« sagte eine tiefe Baßstimme. Es war Fräulein Antonie Dreppler, die Heldenmutter, welche diesen bestätigenden Ausspruch gethan hatte.

»Wir setzen das Datum unseres Engagements unter unsere Portraits. Auf diese Weise entgehen wir allen unliebsamen Erörterungen!« sagte Fellrich nach einer kurzen Pause der Ueberlegung.

»Lieber garnicht!« flüsterte die Piepern.

»Also abgemacht!« rief Fellrich. »Das Dekamerone kommt zu Stande. Es ist nicht thörichte Eitelkeit, die uns leitet – wann wäre wohl je ein Jünger unserer hohen heiligen Kunst, welche den Menschen veredelt und die Fackel des Genius hell erstrahlen läßt – eitel gewesen? – Niemals! Unsere höchste Zierde ist die Bescheidenheit, unser Stolz die Anerkennung unseres Werthes. Aber man verkennt uns, man enthält uns den Ruhm vor, der uns von Rechtswegen zukommt. Strecken wir die Hand aus nach dem Lorbeer, den man uns schuldig ist. Das Dekamerone zeige der Welt, daß wir noch größer sind, als wir eigentlich sind! – Brüllen wir, schütteln wir den Sand aus unserer Mähne – – – –«

»Awer, was wird die Kriedik daderzu sagen?« unterbrach ihn der Souffleur.

»Wir widmen den Ertrag des Dekamerone einem wohlthätigen Zwecke; so ruchlos war noch kein Kritiker, daß er sich an einem edlen Werke vergriffen hätte!«

»Einem Wohlthätigkeitsgaul sieht man nicht ins Maul!« pflichtete der Komiker bei.

»So sei es!« rief der Heldenspieler. »Uns der Ruhm – dem Findelhaus der elende Mammon!«

Fellrich hielt das Buch hin, und Alle legten einen Eid auf demselben ab, sich dem Unternehmen nicht aus falscher Scham oder übergroßer Bescheidenheit zu entziehen. Männiglich und Weibiglich waren gerührt, begeistert und entzückt. Es war ein erhabener Moment! – Da trat der Direktor ein. »Kinder,« rief er, »Alles geht gut! Die Gasanstalt wird befriedigt, die Waschfrau erhält Geld, die Tricots werden eingelöst. – Ich habe einen Kompagnon gefunden!« Bei diesen Worten stellte er einen Mann vor, der aus dem Schatten der Kulisse hervorschritt.

»Signor Carabella, Feuerfresser und Akrobat, mit Gesellschaft. Er schießt baare fünfzig Mark ins Geschäft. – Meine Künstler, lieber Kollege!«

»Anjenehm!« sagte Carabella, leicht mit der Hand grüßend.

Fellrich stand einen Augenblick wie erstarrt. Dann jedoch umspielte ein vornehmes Lächeln seine Züge. »Er mag ein guter Feuerfresser und Luftspringer sein, dieser Carabella,« flüsterte er vor sich hin, »allein um ein Dekamerone zu schreiben, dazu gehört am Ende doch – etwas Grips.«

Hierauf begann die Probe und Alles schwamm in stiller Wonne. Der Direktor in der Aussicht auf bessere Geschäfte, Carabella, weil er ein bequemes Unterkommen gefunden, und die Uebrigen kosteten bereits die Unsterblichkeit, wie Kinder ein Stängelchen Gerstenzucker, das hinter dem Schaufenster eines Krämers liegt, mit den Augen verschlingen.

So wurde dies Buch in's Leben gerufen.

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